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ROLAND BERGER STRATEGY CONSULTANTS

CONTENT

Fresh thinking for decision makers

Evolution der Medizin |

Unsere Sicht auf den

World Health Summit

2009 | Wie sich Krankheiten,

Medizin und

Gesundheitssysteme

weltweit verändern |

Und was wir tun sollten

NOVEMBER OKTOBER 2009 2009


ROLAND BERGER STRATEGY CONSULTANTS


Mit welchen neuen Krankheitsbildern

müssen wir rechnen

Auf welche neuen Therapien

dürfen wir hoffen

Wie können wir

unsere Gesundheitsversorgung

zukunftssicher gestalten


WESENTLICHE ANSATZPUNKTE : PATIENTENBETEILIGUNG >> BILDUNG >> PRÄVENTION >> PERSONALISIERUNG

DIE EVOLUTION DER KRANKHEITEN:

Verteilung der Todesursachen

WELTWEIT HÖCHSTE LEBENS-

ERWARTUNG [IN JAHREN]

TODESURSACHE

HERZ-KREISLAUF ERKRANKUNGEN

2008

30,4

2030

34,8

85

80

75

INFEKTIONS- UND ANSTECKENDE ATEMWEGS-ERKRANKUNGEN,

SÄUGLINGSSTERBLICHKEIT UND MANGELERNÄHRUNG

NEUBILDUNGEN (KREBS)

27,2

14,1

13.8

18,0

70

65

60

VERLETZUNGEN

SONSTIGE

9,6

18,7

10,O

23,4

55

50

45

1850 1875 1900 1925 1950 1975 2009

Quelle: WHO- "The Global Burden of Disease"

Quelle: Max-Planck-Institut für demografische Forschung

DIE EVOLUTION DER GESUNDHEITSSYSTEME

Anteil privater Finanzierung durch Selbstzahlungen und private Krankenversicherungen an

den Gesundheitsausgaben in ausgewählten Gesundheitssystemen [%]

GRIECHENLAND

USA

SCHWEIZ

OECD

DEUTSCHLAND

GROßBRITANNIEN

Quelle: OECD

57

50

39

25

22

14

24%

DIE EVOLUTION DER MEDIZIN:

In den USA bekommen schon 24% der

Patienten eines oder mehrere Medikamente

mit pharmakogenetischen Informationen.

Quelle: World Health Summit


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Evolution der Medizin

GRUSSWORT

LIEBE LESERINNEN UND LESER ,

weltweit stehen die Gesellschaften vor ungelösten Herausforderungen der Gesundheitsversorgung.

Der Gesundheitsmarkt hat sich zu einer bedeutenden Wachstumsbranche entwickelt,

aber können wir den medizinischen Fortschritt überhaupt allen zugänglich machen

Wir erforschen in ungeahntem Tempo neue Diagnostika und Therapien, aber richten wir dieselbe

Aufmerksamkeit auch auf die Entwicklung der Versorgung und Finanzierung

Und wie werden die Interessen der Patienten berücksichtigt angesichts der immer komplexer

werdenden Medizin In den verschiedenen Regionen der Welt sind die Bedürfnisse und

Anforderungen sehr unterschiedlich. Dem müssen wir dringend Rechnung tragen.

Auf dem ersten "World Health Summit" in Berlin haben Mediziner, Gesundheitsökonomen,

Industrievertreter und Gesundheitspolitiker diese und andere Fragen vier Tage lang diskutiert

und dabei zahlreiche neue Perspektiven gewonnen. Einige davon stellt Roland Berger Strategy

Consultants Ihnen in dieser Publikation vor. Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre.

Ihre

Prof. Dr. Detlev Ganten

Kongresspräsident

Charité – Universitätsmedizin Berlin

Prof. Dr. Max Einhäupl

CEO

Charité – Universitätsmedizin Berlin

ES WAR EINE LIVESCHALTUNG zur Internationalen Raumstation während der Eröffnung

des ersten World Health Summit in Berlin, welche die Vision des Treffens deutlich machte: Gesundheit

global zu denken - aus einer Perspektive, die alle Regionen der Erde einbezieht.

Das Ziel "Gesundheitsversorgung für alle" im Auge, trafen sich 700 hochrangige Vertreter aus

Forschung, Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Nichtregierungsorganisationen (NGO), und

internationalen Institutionen wie der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die Initiatoren, die

Charité Berlin und die Université Descartes Paris, wollten die Akteure ins Gespräch darüber

bringen, wie politisches, zivilgesellschaftliches und wirtschaftliches Engagement effektiver als

bisher koordiniert werden kann, um die globalen Herausforderungen im Bereich der Gesundheit

anzugehen. Die Heterogenität der gesundheitlichen Versorgung zwischen den Nationen, aber

auch innerhalb der Länder sei groß, stellte der Kongresspräsident, Professor Dr. Detlev Ganten

fest. Bei knapper werdenden finanziellen Mitteln gleiche es - auch in westlichen Ländern - häufig

dem Versuch einer Quadratur des Kreises, allen Bürgern Zugang zu Innovationen der Medizin

zu ermöglichen. Angesichts bekannter, aber auch neuer Infektionskrankheiten sowie zunehmende

chronische Erkrankungen ihrer Bevölkerungen stünden die Nationen vor immensen Herausforderungen

an Prävention und Therapie.

Roland Berger Strategy Consultants hat die Premiere dieser neuen Kongressform in der Programmkommission

und in der Vorbereitung der Arbeitssitzungen inhaltlich und strukturell

unterstützt. Die folgenden Seiten sind unser – subjektiver – Blick auf die wesentlichen Ergebnisse

des Summits.

Jedes Jahr steigt unsere durchschnittliche

Lebenserwartung um

ein Vierteljahr

Quelle: Max-Planck-Institut für demografische Forschung

Der US-Kongress prognostiziert, dass

die Gesundheitsausgaben der USA

von heute 16% des BIP bis zum Jahr

2050 auf 37% des BIP ansteigen.

Quelle: Congressional Budget Office


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102

50% der 2007 in Deutschland

geborenen Kinder werden 102

Jahre und älter werden

Fig.1

ALTERUNG IST EIN WELTWEITES PHÄNOMEN ...

Anteil der über 65-Jährigen an der Bevölkerung [%]:

LAND 2000 2050

DEUTSCHLAND 16

31

EUROPA

15

29

CHINA

7

23

Quelle: UN

Fig.2

... PFLEGEBEDÜRFTIGKEIT AUCH

Anzahl der Alzheimer-Erkrankungen in Mio.:

WELT

DEUTSCHLAND

Quelle: WHO, Robert-Koch-Institut

Quelle: Max-Planck-Institut

2006

27

1,1

2050

115

2,3

TEIL 1: EVOLUTION DER KRANKHEITEN

Normalerweise passt sich jeder Organismus durch genetische Selektion an die langfristig herrschenden

Bedingungen in seiner Umwelt an. Doch dies braucht Zeit, und die Zeitspanne, in der

der Mensch lebt, ist aus Sicht der Evolution noch sehr kurz. So kommt es, dass der menschliche

Körper noch nicht an die Lebensumstände (und Krankheiten) der Neuzeit angepasst ist. "Um

zu verstehen, warum der menschliche Körper von Erkrankungen bedroht ist, müssen wir die Ursachen

für die natürliche Selektion ergründen", sagte Randolph Nesse, von der Universität

Michigan, der als Gründer der Evolutionären Medizin gilt. Dieser rasch wachsende Bereich der

Forschung habe große Bedeutung auch für die Politik. "Sie ist entscheidend für die Stabilisierung

unserer Gesundheitssysteme", sagte Nesse: "Wenn wir die Sollbruchstellen unseres Organismus

besser einschätzen lernen, können wir viele Krankheiten vermeiden oder beeinflussen." Für ihn

ist die Einbeziehung der 150 Jahre alten Darwin’schen Evolutionstheorie in die Medizin und

Gesundheitspolitik aktueller denn je.

LÄNGER BESSER LEBEN ...

Die Lebensbedingungen und die Krankheitsverläufe werden im 21. Jahrhundert weitaus besser

sein als im 20. Jahrhundert. Kinder aus Ländern wie Deutschland, Frankreich, den Vereinigten

Staaten oder Japan, die heute geboren werden, können nicht nur mit einer Lebenserwartung

von mehr als 100 Jahren rechnen. Einiges spricht dafür, dass diese Generation auch mehr

Lebensjahre als ihre Vorgängergenerationen in relativer Gesundheit zubringt – eine These, die

allerdings noch umstritten ist.

Fest steht, dass die Bevölkerung massiv altert (Fig.1). Ist heute ein Zehntel der Weltbevölkerung

60 Jahre und älter, werden es im Jahre 2050 bereits über ein Fünftel sein. Dabei wird der

Anteil derjenigen Personen, die 80 Jahre und älter sind, von derzeit 1,3 Prozent auf 4,3 Prozent

bis 2050 steigen. In Ländern wie Deutschland, Italien oder Japan ist die Entwicklung besonders

drastisch – hier werden bis 2050 mehr als 30 Prozent der Bevölkerung 65 Jahre und älter sein.

Unter anderem, weil unsere Lebenserwartung laufend steigt.

... ODER EINFACH ALT, CHRONISCH KRANK

UND PFLEGEBEDÜRFTIG

So positiv manche Wissenschaftler die verlängerte Lebenszeit bewerten – schon heute zeichnet

sich ab, dass Veränderungen im Krankheitsgeschehen unaufhaltbar sind. Denn die verlängerte

Lebenszeit erhöht die Möglichkeit, dass sich eine vormals latente Gesundheitsstörung als

chronische Erkrankung manifestiert. Der Anteil derjenigen, die unter einer Demenz leiden, wird

bis 2050 massiv steigen, damit erhöht sich zugleich die Zahl der Pflegebedürftigen (Fig.2). Nach

Einschätzung von Linda Fried von der Columbia University wird künftig jeder zweite der über 65-

jährigen an mindestens einer oder mehreren chronischen Erkrankungen leiden. Altersbedingte

Erkrankungen wie Alzheimer und Parkinson werden 2040 häufiger auftreten als Krebs.

"LIFE-STYLE-DISEASES" NICHT NUR IM WESTEN

Doch nicht nur der Alterungsprozess wird das Krankheitsgeschehen weiter verändern. Auch die

Art und Weise, wie Menschen weltweit leben, wirkt sich auf die Krankheitsbilder aus. Das Rauchen

verbreitet sich in einigen Schwellenländern dramatisch. Der rasante Anstieg des Lebensstandards

geht zeitgleich mit dem Auftreten so genannter Zivilisationserkrankungen einher.

Bewegungsmangel, Über- und Fehlernährung, Stress, Umweltgifte sowie soziale Faktoren haben


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Evolution der Medizin

dazu geführt, dass bereits jüngere Menschen vermehrt Übergewicht, Diabetes (Fig.3), Bluthochdruck,

Herz- und Lungenerkrankungen sowie Depressionen entwickeln. Traten diese

"Wohlstandserkrankungen" zunächst ausschließlich in westlichen Industrienationen auf, so

haben die Entwicklungsländer mittlerweile nachgezogen. Mehr als 60 Prozent der koronaren

Herzerkrankungen treten inzwischen in Ländern auf, in denen in erster Linie Armutserkrankungen

zu vermuten sind. Transitionsprozesse haben dazu geführt, dass bereits im nächsten

Jahr die Mehrheit der Menschen in Entwicklungsländern an Herz-Kreislauf-Erkrankungen (CVD)

sterben wird – und nicht an Infektionskrankheiten.

TÖDLICHES DUETT: TB UND HIV

Doch auch Infektionskrankheiten (communicable diseases), stellen die Weltbevölkerung vor

enorme Herausforderungen, unterstrichen Wissenschaftler und Gesundheitsexperten auf dem

World Health Summit. Während das Bewusstsein für die Gefahr durch den Aids-Erreger HIV

(Humanes Immundefizienzvirus) inzwischen dank vielfacher Initiativen und Kampagnen weltweit

vorhanden ist, fehlt es der Tuberkulose (TB) noch immer an öffentlicher Aufmerksamkeit.

Dabei rangiert die TB mit jährlich neun Millionen Neuerkrankungen und knapp zwei Millionen

Todesfällen auf Platz drei der Liste bedrohlicher Infektionskrankheiten - auf Platz eins befindet

sich das HI-Virus, gefolgt von Durchfallerkrankungen. Weltweit treten 14 Prozent aller Todesfälle

durch Tuberkulose bei HIV-infizierten Personen auf. Die Tuberkulose hat sich daher zur Haupttodesursache

bei HIV-Infizierten entwickelt.

Was viele nicht wissen: Sowohl HIV als auch TB haben sich in Mittel- und Osteuropa schneller

ausgebreitet als in anderen Ländern. Mehr noch: Zu den 27 Ländern mit dem weltweit höchsten

TB-Vorkommen zählen 15 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union, unterstrich Risards Zaleskis,

WHO-Regionalbeauftragter der Tuberkulosebekämpfung für Europa. Besonders verheerend

ist die Tatsache, dass jährlich beinahe zwei Millionen Menschen an einer Erkrankung sterben,

die behandelbar ist. Das liegt zum Teil daran, dass nur gut 60 Prozent aller Fälle entdeckt werden.

Wird das Virus diagnostiziert, ist die Behandlung nicht einfach, da sie sich über mehrere

Monate erstreckt und ein Mitwirken der Patienten voraussetzt. Die Zunahme an Resistenzen

erschwert die Behandlung zusätzlich, neue Antibiotika stehen nicht zur Verfügung.

ZU VIEL UND ZU WENIG WASSER: DIE FOLGEN DES

KLIMAWANDELS

Ein Viertel aller vermeidbaren Krankheiten stehen mit dem Klimawandel im Zusammenhang,

betonte Maria Neira von der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Klimaprobleme sind vor allem

Wasserprobleme. Dabei spielt nicht nur die Menge eine Rolle, sondern vor allem seine Qualität.

Nach Angaben des UN-Kinderhilfswerkes UNICEF hat fast eine Milliarde Menschen keinen Zugang

zu sauberem Trinkwasser, als Konsequenz sterben täglich rund 4 500 Kinder. Der Klimawandel

wird die Knappheit voraussichtlich verstärken. Die Weltbank spricht sogar davon, dass

Wasser aufgrund der begrenzten Vorräte zum Erdöl des 21. Jahrhunderts wird und ähnliche

Konflikte auslösen könnte.

"LIFE-STYLE-DISEASES" NEHMEN ZU

2030 wird es jedes

Jahr 8 Millionen Tote durch

das Rauchen geben.

Quelle: WHO

Fig.3

TODESFÄLLE DURCH DIABETES WELTWEIT:

2008

2050 2,2 Mio.

2,2 Mio.

Auch prozentual erhöht sich der Anteil

von Diabetes an den weltweiten Todesfällen.

Die WHO rechnet mit einem Anstieg

der Diabetikerzahl um 39% von

2000 bis 2030

Quelle: WHO

431.518

63.765

neue Tuberkuloseerkrankungen im Jahr in Osteuropa

Todesfälle

Quelle: WHO

1,3 Mio.

Extreme Wetterereignisse werden nicht nur in armen Ländern, sondern auch in der Europäischen

Union (EU) den Druck auf die Wasserressourcen verstärken – besonders in Süd-, aber

auch in Mitteleuropa. Nach Angaben des WHO-Regionalbüros für Europa werden im Jahr 2080

circa 35 Prozent der EU-Fläche von Wassermangel betroffen sein. Schon heute ist der Mangel


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Fig.4

UNTERERNÄHRUNG NACH WELTREGIONEN

2009 [MIO]

ernährung

Gesamt = 1.02 Milliarden

INDUSTRIELÄNDER 15

NAHER OSTEN UND

NORD AFRIKA 42

LATEIN AMERIKA

UND KARIBIK 53

WARNING:

RISK OF HYPERSENSITIVITY

REACTIONS . . .

Patients who carry the HLA-B*5701 allele

are at high risk for experiencing a hypersensitivity

reaction to abacavir. Prior to

initiating therapy with abacavir, screening

for the HLA-B*5701 allele is recommended;

this approach has

been found to de-crease the

risk of hypersensitivity

reaction.

SÜDLICHES

AFRIKA 265

ASIEN UND PAZIFIK 642

Weltweit 400.000 Todesfälle durch Unterernährung

Quelle: FAO

Eine Medikamentenschachtel für ein HIV-Medikament

mit dem Wirkstoff Abacavir von der Firma Merck zeigt

beispielhaft, wie unsere Medizin künftig auf unsere

Gene zugeschnitten sein wird.

an sauberem Wasser in Europa für fünf Prozent der Todesfälle bei Kindern bis 14 Jahre verantwortlich.

Zur europäischen WHO-Region zählen 53 Länder – unter anderem auch Russland und

zentralasiatische Staaten. Als klimabedingte Gesundheitsgefährdungen wurden neben Dürren

und Überschwemmungen unter anderem Infektionskrankheiten durch Vektoren wie Mücken

und Zecken, Kälte- und Hitzeperioden sowie die Luftverschmutzung benannt.

WEITERHIN: MANGELERNÄHRUNG UND IHRE FOLGEN

Unterernährung bleibt eine der großen Bedrohungen in weiten Teilen der Welt (Fig.4). Untersuchungen

aus Brasilien haben gezeigt, dass eine Unterernährung in den ersten beiden Lebensjahren

in Folge kaum noch ausgeglichen werden kann. In weiten Teilen der Welt ist die Quote unterernährter

Kinder, deren körperliche Entwicklung dadurch beeinträchtigt wird, noch sehr hoch.

TEIL 2: DIE EVOLUTION DER MEDIZIN

Die Evolution der Medizin muss auf drei parallelen Ebenen stattfinden: in Prävention, Diagnostik

und Therapie. "Die Medizin muss sich der Evolution des Menschen und seiner Erkrankungen

anpassen und die Gesundheitsversorgungssysteme den medizinischen Möglichkeiten", erläuterte

Ganten. Eine Evolution der Medizin ist für Ganten die Entwicklung hin zu einer Vorsorgekultur.

"Das ist nichts, was heute an den Universitäten gelehrt wird. Dafür muss sich die Forschung

neu ausrichten, und die Lehrbücher sind neu zu schreiben." Alle drei Bereiche zeichnen

sich dadurch aus, dass die Ausrichtung auf die individuelle Konstitution und Umwelt der Menschen

stetig weiter zunimmt.

DIE MEDIZIN NIMMT'S PERSÖNLICH

Während darüber Einigkeit bestand, dass die Bildung in allen Bereichen verbessert werden

muss, wurde die Bedeutung des Fortschritts im Bereich der personalisierten Medizin kontrovers

diskutiert. Für Dr. Elias Zerhouni, ehemaliger Direktor der US National Institutes of Health

ist personalisierte Medizin "keine Option, sondern eine Notwendigkeit." Für Richard Peto von

der Oxford University hingegen ist die Bekämpfung der wichtigsten Risikofaktoren wie Rauchen,

Alkohol, Übergewicht auf Bevölkerungsebene wirksamer und wichtiger als maßgeschneiderte

Konzepte für das Individuum. Es gebe genug Informationen über viele Erkrankungen, dieses

Wissen gelte es vielmehr umzusetzen.

"Krankheiten sind so verschieden wie Menschen" sagte Geoffrey Ginsburg, Direktor des IGSP

Center for Genomic Medicine an der Duke University (USA) und erläuterte, dass Patienten mit

identischer oder ähnlicher Diagnose auf Medikamente unterschiedlich ansprechen können.

Das habe zur Folge, dass Therapien oft nicht ihre volle Wirksamkeit entfalten, da viele Patienten

Arzneimittel erhalten, die nicht optimal für sie geeignet sind. Diese unterschiedlichen Ansprechraten

haben zwei wesentliche Gründe: Klinisch scheinbar identische Erkrankungen

können, schaut man auf die molekulare Ebene, geringe genetische Unterschiede aufweisen.

Zudem werden Medikamente von verschiedenen Individuen unterschiedlich verstoffwechselt

(metabolisiert). Neben genetischen und anderen biologischen Parametern sind jedoch auch

Umwelt- und Lebensstilfaktoren zu berücksichtigen. Daher müssen sich auch Therapien und

Versorgungsformen stärker personalisieren.


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Evolution der Medizin

OHNE IT LÄUFT NICHTS

"Um die Therapie zu individualisieren, müssen wir unsere Kenntnisse über die Zusammenhänge

von Genom und klinischem Erscheinungsbild von Krankheiten noch beträchtlich erweitern",

betonte Ed Horwitz, Präsident der International Society for Cellular Therapy. Zu diesem Zweck

bauen medizinische Forschungszentren in aller Welt Biobanken auf. Mit Hilfe leistungsfähiger

Informationstechnologie werden dort genetische Daten mit klinischen, Umwelt- und Bilddaten

verknüpft. Zu den klinischen Daten zählen unter anderem Untersuchungsbefunde, Diagnosen

und Laborergebnisse. Wichtige umweltbezogene Daten sind Strahlenexposition, Staubemission,

Trinkwasserqualität und Ernährungsgewohnheiten. Aufgrund der Analyse dieser Daten und der

darauf basierten gezielten Entwicklung von Medikamenten wird in Zukunft eine Behandlung mit

maximalem Therapieerfolg bei gleichzeitig minimalen Nebenwirkungen möglich sein.

Im Kontext der personalisierten Medizin geht es letztlich darum, eine Vielfalt von Parametern

zum Patienten zu sammeln und dem Arzt Auswertungsmöglichkeiten zur Verfügung zu stellen.

Ein Beispiel ist die computergestützte Auswertung bildgebender Verfahren in der Mammografie,

die einer Expertenauswertung inzwischen sehr nahekommt. Ungeahnte Einblicke in die Anatomie

und die Funktionalität des menschlichen Körpers ermöglichen sogenannte Hybridsysteme,

die mehrere bildgebende Verfahren kombinieren (SPECT, SPECT•CT und PET•CT), um

die biochemischen Aktivitäten von Zellen und Molekülen zu visualisieren. Dadurch wird die diagnostische

Genauigkeit (Lage, Größe, Art und Ausmaß einer Erkrankung) erhöht und die

Untersuchungszeit verkürzt.

Abgesehen von Bildern müssen jedoch weitere Parameter des Patienten einbezogen werden.

Ziel der Entwickler ist es, die Unsicherheit in der klinischen Medizin zu quantifizieren und von

einer evidenzbasierten Medizin hin zu modellbasierter medizinischer Evidenz zu gelangen. Das

Wissen muss in Form von Vernetzungen im Computer abgebildet werden. Personalisierte Medizin

wird große Datenmengen verarbeiten und daher Software zu ihrer Unterstützung benötigen.

INFORMATIONSTECHNOLOGIE IST

VORAUSSETZUNG FÜR INDIVIDUALISIERTE

THERAPIE


"HYPE" UM DIE ANGEBLICHEN "ALLESKÖNNER"

Zu den neuen Therapieformen zählen unter anderem Biopharmazeutika, die als hochspezifische

Wirkstoffe für die Behandlung komplexer Krankheitsbilder eingesetzt werden, die RNAi-

Technologie, die gezielt krankheitsrelevante Gene ausschaltet sowie unterschiedliche Stammzelltypen,

die geschädigtes Gewebe regenerieren sollen. Bei aller Euphorie gibt es auch mahnende

Stimmen, die davor warnen, die Stammzellforschung zu überschätzen. Der „Hype" um

die angeblichen "Alleskönner" der Medizin erwecke übertriebene Erwartungen bei Forschern,

Medien, Institutionen und nicht zuletzt Patienten. Das Konzept, das sowohl der Gentherapie als

auch Stammzellforschung zugrunde liegt - durch Hinzufügen eines Gens beziehungsweise

einer Zelle eine bestimmte Morphologie zu verändern - erscheine zwar einfach, sei aber nicht

erprobt und müsse durch Grundlagenforschung auf seine Nachhaltigkeit geprüft werden.

Die personalisierte Medizin steckt im Hinblick auf ihr riesiges Potenzial noch in den Kinderschuhen,

erste erfolgreiche Beispiele ihrer Anwendung am Patienten lassen sich bei Krebserkrankungen,

AIDS, Rheuma und Depression verzeichnen. So entscheidet zum Beispiel die Anzahl

spezifischer Rezeptoren an der Oberfläche von Brustkrebszellen darüber, ob das Biopharmazeutikum

Trastuzumab zur Behandlung überhaupt zum Einsatz kommt. Auch ist ein

Genchip verfügbar, der das Genprofil eines Patienten für bestimmte medikamentenabbauende


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Fig.5

UMFRAGE UNTER PHARMAMANAGERN:

Welche Therapieansätze werden in den kommenden

15–20 Jahren die größte kommerzielle Bedeutung haben

Biologisch hergestellte

Arzneimittel

Stammzellentherapien

Gentherapien

Impfungen

Herkömml. Arzneimittel

Peptidbasierte

Therapeutika

RNA-basierte

Therapeutika

Andere

5%

2%

6%

Quelle: Roland Berger Pharma Survey 2009

14 %

13 %

13 %

18 %

30%

Leberenzyme (Cytochrom P 450) erfasst, die für die Wahl und die individuell erforderliche

Dosierung zahlreicher Medikamente von Bedeutung sind. Und in der HIV-Therapie gehört die

personalisierte Medizin inzwischen zum Alltag: Ein kleiner Prozentsatz von Europäern hat im

Genom zwei CCR5-delta32-Allele – das heißt, die Betroffenen können keine funktionierenden

CCR5-Co-Rezeptoren auf ihren Abwehrzellen (T-Lymphozyten) aufbauen. Damit ist es bestimmten

HI-Virustypen nicht möglich, in die Wirtszelle einzudringen, weil auf ihrer Oberfläche das

richtige "Schloss" fehlt. Eine wichtige Information für die Wahl einer antiretroviralen Therapie.

DER PARADIGMENWECHSEL IST EINGELEITET

"We need a life course approach to health promotion and prevention"

Linda Fried, Columbia University

Einig ist man sich, dass die personalisierte Medizin die Gesundheitsversorgung in 15 bis 20

Jahren prägen und sogar zu einem Paradigmenwechsel im Gesundheitswesen führen wird.

Man erwartet Veränderungen in Wissenschaft und Technikentwicklung, Zulassungsverfahren,

medizinischer Versorgung, Datenschutz und Krankenversicherung. Die Mehrzahl der Bereiche

ist für diesen "change" noch nicht gerüstet. Dies gilt teilweise auch für die pharmazeutische

Industrie, denn die Entwicklung von Medikamenten verlagert sich vom so genannten Blockbuster

zum "Targeted Treatment" – mit einer größeren Produktvielfalt für kleinere Personengruppen.

Welche Rolle fällt darin dem Patienten zu, für den es möglich wird, persönliche Risiken

für bestimmte Krankheiten prognostisch zu ermitteln Ob Menschen überhaupt gewillt sind,

ihr Erkrankungsrisiko bestimmen zu lassen und anschließend auch präventive und/oder medizinisch

sinnvolle Maßnahmen zu ergreifen, ist aber fraglich.

TEIL 3: DIE EVOLUTION DER GESUNDHEITSSYSTEME

NEUE VERSORGUNGSFORMEN SIND GEFRAGT

Die Veränderung von Krankheitsverläufen und Krankheiten stellt die Gesundheitssysteme weltweit

vor große Herausforderungen. Allein die Auswirkungen alternder Gesellschaften für die jeweiligen

Volkswirtschaften sind enorm. Bereits heute entfällt in den westlichen Ländern ein

Großteil der gesamten Krankheitskosten auf Menschen ab 65 Jahren – mit steigender Tendenz.

Gleichzeitig beschäftigen sich Menschen in diesem Alter nach den Forschungen von Roland

Berger intensiver mit ihrer Gesundheit und geben mehr dafür aus.

Das Zusammentreffen mehrerer Krankheiten (Fig. 5) bei einem Patienten nimmt mit dem

Alter stark zu. Es erfordert andere Therapiekonzepte als jede dieser Krankheiten für sich.

Die medizinische Ausbildung und die Formen der Versorgung müssen auf diese "multimorbiden"

Patienten noch ausgerichtet werden.

Um Kosten zu bremsen beziehungsweise Ausgaben für Gesundheit sinnvoller einzusetzen,

müssen die zuständigen Akteure im Gesundheitswesen neue Wege einschlagen und alte Wege

verbessern, lautete ein Fazit des Weltgesundheitsgipfels. Insbesondere was den Umgang mit

älteren und alten Menschen angeht, forderten Gesundheitsexperten wie Linda Fried und Uwe

Reinhardt (Princeton) zu mehr Prävention und integrierter Versorgung auf. Modelle wie das von

der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health in einer Pilotstudie getestete "Guided

Care" Modell könnten, flächendeckend eingeführt, Kosten sparen und gleichzeitig zu mehr


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Evolution der Medizin

Zufriedenheit von alten Menschen, Ärzten und Angehörigen führen. Es geht bei Modellen wie

diesem darum, Ärzte durch den Einsatz von Krankenschwestern im Haus der Patienten zu entlasten

und die Versorgungsebenen (stationär, ambulant) besser miteinander zu verzahnen,

unterstrich Chad Boult (Johns-Hopkins). Zusätzlich zu integrierten Versorgungsmodellen, die

geriatrisches Wissen mit einbeziehen, können auch personalisierte Modelle sinnvoll sein. Dies

deckt sich mit den ersten Erfahrungen in Deutschland: Von der individuellen Betreuung und Koordination

der Versorgung werden Verbesserungen in Versorgungsqualität und Kosten erwartet.

MEHR FORSCHUNG NOTWENDIG

Nicht zuletzt muss solchen neuen Versorgungsformen nach Ansicht des Vorstandsvorsitzenden

des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE), Pierluigi Nicotera,

noch mehr Forschung vorausgehen, damit diese effektiv eingesetzt werden können. Das DZNE

in Bonn, das im Juni dieses Jahres gegründet wurde und das von Bund und Ländern gefördert

wird, sei ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, glaubt der Toxikologe.

PATIENTEN ENDLICH MEHR IM MITTELPUNKT ...

"Personalized medicine relies on self-responsible patients, willing to participate and

to change their behavior"

Paul J. Wallace, Direktor beim US-Versicherer Kaiser Permanente

Die gestiegenen Anforderungen an die Versorgung, gepaart mit zum Teil sehr komplexen Krankheitsbildern,

hat eine Kooperation erforderlich gemacht, die noch vor 30 Jahren in Westeuropa

sowie in den USA undenkbar gewesen wäre: die zwischen Arzt und Patient. Nach Ansicht von

Ysbrand Poortman, Vizepräsident der World Alliance of Organisations for Prevention and Treatment

of Genetic and Congenital Conditions (WHO), haben sich von Krankheiten Betroffene seit

den Siebziger Jahren von hilflosen, unmündigen Patienten zu emanzipierten Managern der eigenen

Erkrankung gewandelt. Allein die Entwicklung der Selbsthilfebewegung in Deutschland

macht deutlich, welche wichtige weitere Instanz im Gesundheitswesen inzwischen mit am Verhandlungstisch

sitzt: Schätzungsweise 100 000 örtliche Selbsthilfegruppen gibt es in Deutschland,

mehr als 100 bundesweite Selbsthilfeorganisationen chronisch Kranker und behinderter

Menschen und rund 250 professionell betriebene Kontaktstellen. Damit liegt Deutschland, gemessen

an der Verbreitung von Selbsthilfegruppen, europaweit an der Spitze.

Fig.5

HERAUSFORDERUNG MULTIMORBIDITÄT

Anteil der Menschen mit 2 oder mehr Krankheitsbildern

[nach Alter in %]

BIS 45 JAHRE 7%

ZWISCHEN

25%

45 UND 64 JAHRE

ÜBER 65 JAHRE 52%

Quelle: Prof. Fried

75.000 US$

75.000 US$ spart Guided Care im Modellversuch

pro Patient. Eine Krankenschwester betreut 50-60

Patienten in enger Abstimmung mit den behandelnden

Ärzten. Sie entwickelt und begleitet einen individuellen

Therapieplan für jeden Patienten. Die Krankenhaustage

der Betreuten reduzieren sich um 77%.

Quelle: Prof. Boult

Darüber hinaus sind geschätzte zwei bis drei Millionen Menschen in der Selbsthilfebewegung

aktiv, die finanzielle Unterstützung durch öffentliche Hand und Krankenversicherer verbessert

sich und die Patienten sind inzwischen auch im Gemeinsamen Bundesausschuss, dem wichtigsten

Entscheidungsgremium des deutschen Gesundheitswesens, vertreten.

... ALLERDINGS NOCH NICHT IN ENTWICKLUNGSLÄNDERN

Im Vergleich zu Entwicklungsländern nehmen Patienten in westlichen Gesundheitsstrukturen

bereits eine wichtige Rolle ein, stellte Marylou Selo von der Werner Alfred Selo Stiftung in Zürich

und New York fest. Selo zufolge ist das Wort "Patientenorganisation" in vielen ärmeren Ländern

jedoch noch nicht einmal bekannt. Hier herrscht noch immer, wie in Europa vor 20, 30 Jahren,

ein sehr paternalistisch geprägtes Arzt–Patienten–Verhältnis. Das könnte sich in absehbarer

Zeit ändern. Denn auch immer mehr Nichtregierungsorganisationen setzen sich weltweit für

Patienten mit bestimmten, häufig auch seltenen oder vernachlässigten Krankheiten ein.

PATIENTENBETEILIGUNG NIMMT ZU

3,5 Mio. Menschen sind allein in Deutschland in

Selbsthilfegruppen organisiert. Die Zahl der Selbsthilfegruppen

hat sich in den letzten zwanzig Jahren

verdoppelt.

Quelle: NAKOS


HERAUSFORDERUNG

GESUNDHEITSFINANZIERUNG

KEIN EINHEITSMODELL BEI DER FINANZIERUNG

"Productivity growth is the medicine that makes adjustments [in healthcare] less painful"

Prof. Reinhardt, Princeton University

Welche Finanzierungsmodelle geeignet sind, um die steigenden Kosten durch medizinischen

Fortschritt und demografische Entwicklung zu schultern, konnten die Wissenschaftler nicht klären.

Sie waren sich allerdings einig darüber, dass die Heterogenität der Länder mit ihren unterschiedlichen

Gesundheitssystemen differenzierte Finanzierungsformen erfordert.

Jede Gesellschaft muss für sich bestimmen, wie sie das Verhältnis von solidarischer und individueller

Finanzierung austariert. Die Spanne der Modelle ist heute gewaltig – selbst in Europa

reicht der private Anteil an den Gesundheitsausgaben von 57% in Griechenland bis 14% in Großbritannien.

Sowohl die absolute Höhe der Gesundheitsausgaben als auch ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt

werden weltweit zunehmen. Die Finanzierung des Gesundheitswesens wird aber

wesentlich leichter zu schultern sein, wenn es uns gelingt, die Produktivität unserer Volkswirtschaften

weiter zu steigern, wie Uwe Reinhardt ausführte.

SOLIDARITÄT IN TRANSFORMATIONSLÄNDERN NOCH FREMDWORT

Beispielhaft dafür, wie schwierig es ist, ein Finanzierungsmodell auf verschiedene Länder zu

übertragen, sind die Erfahrungen in Mittel- und Osteuropa sowie in Zentralasien. Nach dem Fall

des Eisernen Vorhangs führten Politiker Krankenversicherungssysteme nach westlichem Vorbild

ein, die Arbeitnehmer und Arbeitgeber über Beiträge finanzieren. Zum Teil fließen Steuereinnahmen

in die Krankenversorgung mit ein. Wäre das Bismarcksche System das Allheilmittel für

die marode Gesundheitsversorgung der ehemals staatlich gelenkten Gesundheitssysteme

gewesen, stünden die meisten dieser Länder nicht immer noch vor immensen Herausforderungen,

wie sich während des Gipfels herausstellte. Zu niedrig kalkulierte Beitragssätze – meist bedingt

durch Widerstände innerhalb der Bevölkerung – manifestieren den chronischen Investitionsstau

und Geldmangel in den Gesundheitswesen; strauchelnde Volkswirtschaften führen zu

hohen Arbeitslosenzahlen – in Mazedonien liegt die Arbeitslosenquote bei beinahe 32 Prozent.

Alte Denkmuster verhindern weitere Reformschritte; Solidarität, wie sie in Westeuropa (noch)

im Gesundheitswesen gelebt wird, ist in Osteuropa bislang ein Fremdwort, betonte Vladimir

Lazarevik von der Medizinischen Fakultät der Universität in Skopje, Mazedonien.

BILDUNG UND PRÄVENTION ALS SCHLÜSSEL FÜR DIE ZUKUNFT

"Education is the best vaccination"

Prof. Ganten, Charité

Der Schlüssel zu einem, in doppeltem Sinne "gesunden" System liegt in der frühen Aufklärung und

Ausbildung eines Bewußtseins für ein gesundes Leben und Gesundheitserhaltung. Bildung ist

ein wesentlicher Faktor - in den Entwicklungsländern wie in den Industrienationen. "Bildung ist

einer der besten Impfstoffe", betonte Dr. Elias Zerhouni, ehemaliger Direktor der US National

Institutes of Health. "Ohne sie können wir den Lebensstil der Menschen nicht verändern." (Fig. 6)

Um in wenig entwickelten Ländern bessere Gesundheitsversorgung nachhaltig zu etablieren,

muss die Autonomie der betroffenen Staaten gestärkt werden. Bestehende Initiativen und Austauschprogramme

für Medizinstudenten und ausgebildete Ärzte sollten intensiviert und koordiniert

werden, so eine zentrale Forderung auf dem Summit. Die Rolle des Arztes sollte sich dahingehend

wandeln, dass er nicht mehr Betreuer und Verwalter der Krankheitsversorgung, sondern

der Gesundheitsversorgung wird. Derzeit würden 99 Prozent der weltweiten Gesundheitsausgaben

in die Behandlungen von Krankheiten investiert, aber nur ein Prozent für ihre Vermeidung.

Die Evolution der Medizin sei gekennzeichnet durch ihre Hinwendung zu einer Vorsorgekultur.


CONTENT

Evolution der Medizin

Peter Piot, Direktor des Instituts für Global Health am Imperial College in London und Gründer

von UNAIDS, ergänzte, dass die bestehenden Strukturen nicht ausreichend für das Ziel einer

globalen Gesundheit seien. Piot sieht die Gesundheit der Menschheit als weltweites Anliegen,

gleichzeitig aber die Notwendigkeit, eine Vielzahl regionaler, individueller Fortschritte zu erzielen,

um die Menschheit gesund zu erhalten: Gesundheit ist eine globale Herausforderung,

aber ob wir diese globale Herausforderung bestehen, entscheidet sich auf lokaler Ebene.

FAZIT – WAS ZU TUN IST

Die Veränderungen in unseren Gesellschaften stellen uns vor neue Herausforderungen,

aber die Entwicklungen in Medizin und Versorgung bieten uns auch vielfältige Chancen.

Für Politik, Finanzierer, Leistungserbringer, Industrie und die Bürgerinnen und Bürger ergeben

sich daraus neue Anforderungen. Als wesentliche Handlungsansätze, haben wir die

folgenden Punkte aus dem World Health Summit mitgenommen:

Bedingt durch die Alterung müssen wir uns in der ganzen Welt auf die Versorgung

einer sehr viel höheren Anzahl an multimorbiden Patienten einstellen.

Die Therapieansätze, die Versorgungskonzepte und die Ausbildungsgänge der Heilberufe

sind stärker als bisher hierauf auszurichten.

Lebenslange, altersgerechte Präventionsmaßnahmen sind der Schlüssel,

um der Zunahme der Lebensstilerkrankungen entgegenzuwirken.

Eng damit verbunden ist die Anforderung höherer Bildung als wesentlicher

Bestimmungsfaktor für ein Leben in Gesundheit.

Die Individualisierung der Gesundheitsversorgung schreitet fort – neben den

Medikamenten müssen auch Therapie- und Versorgungskonzepte personalisiert werden.

Die Produkte der Industrie werden sich weiter verändern. Die Grenzen zwischen

Bildgebung, Gendiagnosen und IT-Anwendungen verschwimmen, Blockbuster werden ggf.

durch "Targeted Therapies" ersetzt.

Die neuen Therapien verlangen nach Sicherheits- und Datenschutzkonzepten, um

Missbrauch zu verhindern und gesellschaftlich akzeptiert zu werden.

In einer globalen Perspektive müssen wir die Zusammenhänge zwischen Klima und

Gesundheit besser verstehen und die schon lange andauernde Bekämpfung von

Infektionskrankheiten und Mangelkrankheiten fortsetzen.

Die Bürgerinnen und Bürger sind in ihren Rollen als Patienten, Versicherte und letzlich

Finanzierer der Gesundheitssysteme wesentlich stärker in alle Bereiche der Medizin und

Gesundheitsversorgung einzubeziehen.

Unsere Gesundheitssysteme müssen sich auf neue Krankheiten und Patientengruppen

einstellen, Ausbildungsgänge und Versorgungsmodelle auf eine personalisierte Versorgung

von Patienten ausgerichtet werden, die trotz mehrerer chronischer Krankheiten bis ins

höchste Alter aktiv bleiben wollen und können. Wir werden länger leben und uns dafür ein

Leben lang um Prävention kümmern müssen (oder dürfen). Wir sollten die Rolle als mündige

Patienten einfordern und die Rahmenbedingungen im Gesundheitswesen auf eine

gute Balance zwischen Solidarität und Eigenverantwortung ausrichten.

Fig.6

BILDUNG IST DER BESTE SCHUTZ GEGEN

CHRONISCHE KRANKHEITEN IM ERWACHSEN-

ENALTER.

Anteil der Kinder, die Passivrauchen ausgesetzt sind

MÜTTER MIT NIEDRIGEM

BILDUNGSSTAND

AKADEMIKERINNEN

40%

13%


Quelle: Robert Koch-Institut

FÜR WEITERE FRAGEN STEHEN WIR IHNEN

JEDERZEIT GERNE ZUR VERFÜGUNG:

Dr. Joachim Kartte

Partner und Leiter des Competence Centers Pharma

& Healthcare

Joachim_Kartte@de.rolandberger.com

Tel.: +49 30 39927-3475

Dr. Karsten Neumann

Principal

karsten_neumann@de.rolandberger.com

Tel.: +49 30 39927-3350

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Herausgeber: Prof. Dr. Burkhard Schwenker,

António Bernardo

Gesamtverantwortung: Torsten Oltmanns

Projektmanagement: Dr. Katherine Nölling

Roland Berger Strategy Consultants GmbH

Am Sandtorkai 41

20457 Hamburg

+49 40 37631-4421

news@rolandberger.com

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