Bringt die elektronische Gesundheitskarte neuen Schwung in die ...

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Bringt die elektronische Gesundheitskarte neuen Schwung in die ...

P O D I U M S D I S K U S S I O N


Bringt die elektronische Gesundheitskarte

neuen Schwung in die telemedizinischen Netze

Teilnehmer

Dr. med. Dorothee Dengler / Hamburg

Dr. med. Elmar Fassbinder / München

Dr. rer. nat. Claus-Werner Brill / Eschborn

Stefan Haibach / Bonn

Moderation

Dr. rer. nat. Wolfgang Niederlag / Dresden

Prof. Dr. med. Otto Rienhoff / Göttingen

Workshop „Smart Cards in telemedizinischen Netzwerken“

am 23. September 2004 an der Technischen Universität Ilmenau


Health Academy 02/2004 233

Wolfgang Niederlag: Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir kommen

nun zum letzten Teil unseres Workshops, der Podiumsdiskussion, in der wir mit

einigen Experten, mit den Referenten und natürlich auch mit Ihnen über Chancen

und Risiken, aber auch über Wege und Zeitvorstellungen der praktischen Einführung

von elektronischer Gesundheitskarte und elektronischem Heilberufsausweis

diskutieren wollen.

Ich freue mich sehr, dass Frau Dr. Dorothee Dengler aus Hamburg zu uns auf das

Podium gekommen ist. Sie ist Referentin für Gesundheitstelematik in der Fachabteilung

„Patientenschutz und Sicherheit in der Medizin“ der Behörde für Wissenschaft

und Gesundheit in Hamburg. Sie ist zudem Mitglied der Bund-Länder-Arbeitsgruppe

Telematik im Gesundheitswesen (BLAG). Frau Dengler wird hier auf dem Podium

vor allem die Interessen der Patienten vertreten, die nach meinem Eindruck bisher

in unserem Workshop etwas zu kurz gekommen sind. Herr Dr. Claus-Werner Brill

ist Abteilungsleiter bei der Bundesvereinigung der Deutschen Apothekerverbände

(ABDA) und ihr Telematikbeauftragter. Er vertritt damit eine Gruppe der Hauptanwender

der elektronischen Gesundheitskarte und des elektronischen Heilberufsausweises.

Herr Dr. Elmar Fassbinder ist Direktor Gesundheitswesen in der Giesecke

& Devrient GmbH, einem führenden Lösungsanbieter u. a. von Smart Cards. Er

vertritt die Industrie in unserer Runde. Herr Brill und Herr Fassbinder sind Mitglieder

der Projektgruppe HPC der Bund-Länder-Arbeitsgruppe Telematik im Gesundheitswesen.

Herr Haibach kommt vom Bundesverband der AOK aus Bonn und ist dort

zuständig für Telematik. Er wird uns die Sicht der Krankenkassen vermitteln.

Das Thema unserer Podiumsdiskussion haben wir bewusst salopp formuliert: „Bringt

die elektronische Gesundheitskarte neuen Schwung in die telemedizinischen Netze“

Schwung in unsere Veranstaltung hat sie bisher auf jeden Fall gebracht, denn

bisher war die Diskussion erfreulich lebendig.

Die erste Frage in die Runde wäre: Was haben Sie bzw. die Institutionen, die Sie

vertreten, für Erwartungen an die Einführung von elektronischer Gesundheitskarte

und elektronischem Heilberufsausweis Welche Vorteile sehen Sie für den Patienten,

Frau Dengler

Dorothee Dengler: Die elektronische Gesundheitskarte hat ein erhebliches

Potenzial, für den Patienten sehr viel zu verändern. Der Patient kann entlastet werden

in seiner Rolle als Kommunikationsträger zwischen sich und den Heilberuflern.

Er hat auch die Möglichkeit, die Karte selbst zu steuern, ihre Möglichkeiten auszuschöpfen

oder auch auf einige Optionen der Karte zu verzichten. Deshalb muss

der Patient diese neuen Möglichkeiten der elektronischen Gesundheitskarte auch

verstehen. Gerade hier liegt aber noch sehr viel im Argen: Der Bürger erhält heute

noch zu wenige Informationen über die Gesundheitskarte, die er auch wirklich

verarbeiten kann.


234 Podiumsdiskussion Health Academy 02/2004 235

Ich möchte das mal an einem Beispiel erläutern: Die Karte ist ja ein Werkzeug bzw.

ein Werkstoff. Wenn Sie jetzt jemandem die positiven Eigenschaften eines Werkstoffs

näher bringen wollen, beispielsweise in einem Baumarkt, dann stoßen Sie

manchmal auf die kleinen Fernseher. Möglicherweise läuft gerade eine Werbung

über eine nicht tropfende Farbe. Sie werden da natürlich keine Person sehen, die

die besonderen Eigenschaften dieser Farbe vorliest, wie Viskosität, Umweltverträglichkeit,

chemische Formel, Verbrauch (im Falle der Gesundheitskarte wären das

z. B. Java-Technologie, E 111, Arzneimittelfach). Sie sehen vielmehr eine Dame

im Abendkleid, die so ganz nebenbei die Wände mit dieser Farbe streicht. Die

Designermöbel sind weiß und stehen unabgedeckt im Zimmer. Das heißt doch, die

Werbung vermittelt Ihnen einen Eindruck, wie sich ein manchmal sehr unangenehmer

Arbeitsablauf nach der Einführung eines neuen Produktes oder der Benutzung

eines speziellen Produktes verbessern kann.

Die elektronische Gesundheitskarte kann für den Patienten Abläufe verbessern. Wir

haben das heute schon mehrfach gehört. Wir müssen unsere Öffentlichkeitsarbeit

auf den Patienten fokussieren und ihm diese positiven Veränderungen auf seinen

Patientenalltag nahe bringen. Dabei sollten wir allerdings ein wenig ehrlicher sein

als der Hersteller dieser Farbe, die ich erwähnt habe.

Wolfgang Niederlag: Wer müsste das denn tun Bei der „nicht tropfenden

Farbe“ ist es der Farbenhersteller bzw. der Baumarkt, der die Farbe verkaufen will.

Wer ist aber nun dafür verantwortlich, dass die Bürger rechtzeitig und adäquat

über die Möglichkeiten der elektronischen Gesundheitskarte informiert und aufgeklärt

werden

Dorothee Dengler: Da befinden wir uns in einem möglicherweise diplomatisch

etwas verminten Gebiet. Meiner Auffassung nach sind für die entsprechende

Vorbereitung der Patienten alle diejenigen verantwortlich, die ein Interesse an der

Einführung der elektronischen Gesundheitskarte haben. Dementsprechend müssten

auch alle federführenden Akteure an einem Strang ziehen. Die Art der Berichterstattung

über die Gesundheitskarte derzeit in den Medien trägt sicherlich nicht

unbedingt dazu bei, dass die Gesundheitskarte von den Bürgern akzeptiert wird.

Wolfgang Niederlag: Wäre das nicht vor allem auch eine Aufgabe für die

Krankenkassen, Herr Haibach Nach allem, was wir heute wissen, sollten ja insbesondere

die Krankenkassen durch die erwarteten Qualitätsverbesserungen bei der

medizinischen Leistungserbringung und die unterstellten Kosteneinsparungen indirekt

bzw. direkt von der Einführung der elektronischen Gesundheitskarte profitieren.

Müssten die Krankenkassen nicht besonders motiviert sein, rechtzeitig etwas für die

Akzeptanz bei den Bürgern und bei den Leistungserbringern zu tun

Stefan Haibach: Das sehen wir selbstverständlich auch so. Wir wollten aber

erst einmal die Spezifikation der Lösungsarchitektur abwarten, um die Aufklärung

etwas konkreter durchführen zu können. Wir haben in unserem Mitgliedermagazin

im September/Oktober 2004 die erste zweiseitige Information zu diesem Thema

platziert. Wir arbeiten jetzt mit anderen an einer breiten Akzeptanzkampagne für

2005. Wir meinen natürlich, dass die erwartete bessere Behandlungsqualität und

die Kosteneinsparungen auch zu einem günstigeren Beitragssatz führen werden,

was die Akzeptanz und die Motivation zum Einsatz der Karten erhöhen dürfte. Der

günstigere Beitragssatz ist ja letztendlich das Ziel von uns als Kostenträger.

Wolfgang Niederlag: Das hat hoffentlich die Bundesregierung mitgehört.

Herr Brill, eine große Gruppe der Leistungserbringer sind die Apotheker, die durch

die Pflichtfunktionen elektronisches Rezept und die Medikamentendokumentation

auf der Gesundheitskarte besonders „betroffen“ sind. Wo sehen Sie die Potenziale

der elektronischen Gesundheitskarte und des elektronischen Heilberufsausweises

für Ihren Berufsstand

Claus-Werner Brill: Für die Vernetzung der Heilberufler untereinander

braucht man nicht zwingend eine elektronische Gesundheitskarte. Auch im Bereich

der Apotheken implementieren wir eine Telematikinfrastruktur im ersten Schritt unabhängig

von der Gesundheitskarte. Die elektronische Gesundheitskarte brauchen

wir aber dort, wo der Patient ins Spiel kommt, wo der Patient Mitglied oder Mitwirkender

dieser vernetzten Umgebung wird. Denn wie sonst sollte der Patient in die

Lage versetzt werden, sich in dieser vernetzten Umgebung auch tatsächlich aktiv zu

bewegen Herr Rienhoff hat ja heute Morgen schon formuliert, dass es auch Länder

gibt, in denen man eine Infrastruktur ohne Gesundheitskarte aufbaut. Das sind aber

Länder, in denen über den Patienten und nicht mit dem Patienten berichtet wird. Das

heißt, dort ist der Patient dann auch nicht Bestandteil dieser vernetzten Umgebung.

Beim elektronischen Heilberufsausweis ist das anders, dieses Kernwerkzeug ist für

die Vernetzung der Heilberufler und das sichere Arbeiten in der digitalen Welt essenziell.

Den Hauptvorteil durch die Einführung beider Karten sehen wir in einer erheblichen

und nachhaltigen Verbesserung der Qualität der Arzneimittelversorgung.

Das ist unser eigentliches Ziel und wir glauben, das erreichen zu können.

Wolfgang Niederlag: Herr Fassbinder, ein kurzes Statement aus der Sicht

der Industrie.

Elmar Fassbinder: Die elektronische Gesundheitskarte verbessert grundsätzlich

die Kommunikation im Gesundheitswesen. Daraus leitet sich alles Weitere ab:

Die Kostensenkung bei den Krankenkassen, die Qualitätsverbesserung bei den Pa-


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tienten und letztendlich natürlich auch die Qualitätsverbesserung bei den Ärzten.

Also nochmals: Die Kommunikationsverbesserung im Gesundheitsprozess ist das

eigentlich Entscheidende.

Wolfgang Niederlag: Gibt es zu diesem Problemkomplex Fragen oder Anmerkungen

aus dem Auditorium

Manfred Zipperer (ATG, Köln): Ich habe eigentlich keine Frage, sondern

möchte eine Feststellung machen. Meiner Meinung nach ist es entscheidend für die

Akzeptanz, dass die Leistungserbringer eine positive Einstellung zur Gesundheitskarte

bekommen, denn sie müssen nachher die Patienten überzeugen. Das ist eine

der Erfahrungen bei der Einführung der Gesundheitskarte in Taiwan gewesen, wie

wir in dem Beitrag von Herrn Boeckeler erfahren haben, und das wird sich auch

bei uns zeigen. Es ist ganz, ganz wichtig, dass die Leistungserbringer überzeugt

werden und da muss unsere Akzeptanzkampagne schwerpunktmäßig ansetzen.

Volker Wiedenbeck (T-Systems International, Dresden): Es kommt

immer wieder die Frage auf, ob man mit einer Smart Card nicht auch mehrere

Funktionen realisieren kann. Technisch dürfte es ja wohl kein Problem sein, mehrere

Chips auf einer Karte zu implementieren. Mann könnte damit die elektronische

Gesundheitskarte mit anderen Funktionalitäten erweitern, die es für den Bürger

einfacher machen und damit vielleicht sogar die Akzeptanz erhöhen. Das würde

zudem auch Kosten sparen. Ist so etwas angedacht

Gregor Boeckeler (secunet Security Networks AG, München): Es

ist immer ein Problem, wenn man Funktionen verschiedener Ausgabestellen, die

rechtlich oder organisatorisch eigene Verantwortung tragen, auf eine Karte bringt.

Das hat in der Vergangenheit eigentlich noch nie richtig funktioniert. Nehmen wir

als Beispiel die Bankkarte, dort würde man aus Sicherheitsgründen sicherlich keinen

anderen Chip drauf bringen wollen. Ähnlich ist es beim elektronischen Arztausweis.

Was wird beispielsweise mit den anderen Funktionen, wenn der Arztausweis

gesperrt werden muss

Otto Rienhoff: Ein weiteres Thema, das mich bewegt ist die Frage, ob tatsächlich

Ausfallszenarien durchgespielt wurden Ich frage das deshalb, weil ja jeder

von uns inzwischen aus der Presse weiß, dass zum Beispiel die Aussagen unserer

Stromwirtschaft, dass Black-outs in Deutschland nicht möglich sind, bezweifelt werden

können. Ich kenne selbst einen Fall: Das Göttinger Klinikum war zu Zeiten des

Kalten Krieges vierfach elektrisch abgesichert, also vier hintereinander geschaltete

Versorger standen bereit. Dennoch hat ein einziger Softwarefehler im letzten Jahr

genügt, um die gesamte Kette außer Gefecht zu setzen. Sind alle Ausfallszenarien

durchgedacht worden Hat zum Beispiel Hamburg sich einmal damit beschäftigt,

wie es in seinem zukünftigen, auf elektronische Kommunikation basierenden Gesundheitssystem

zugeht, wenn dort ein Stromausfall auftreten würde

Stefan Haibach: Gedanken haben wir uns darüber natürlich schon gemacht,

wenn wir auch mit unseren Überlegungen noch nicht am Ende sind. Die einfachste

und sicherste Lösung ist, dass wir die bisherigen Papierformulare als Ausfallszenario

nutzen wollen. Man muss aber weiter darüber diskutieren.

Dorothee Dengler: Mit dieser Frage haben wir uns in Hamburg auch beschäftigt.

Abschließende Vorstellungen haben wir aber auch noch nicht. Das wäre

auch wirklich ein bisschen viel verlangt, wenn wir schon konkret Ausfallszenarien

festlegen, obwohl viele elementare Rahmenbedingungen noch gar nicht bekannt

sind.

Claus-Werner Brill: Im Apothekenbereich ist es in der Tat so, dass wir heute

schon durch das hohe Ausmaß an Durchdringung mit Computern kaum noch Funktionen

wahrnehmen können, wenn das Stromnetz ausfällt. Hinzu kommt dann mit

der Einführung der Gesundheitskarte die Abhängigkeit von den Datennetzen.

Elmar Fassbinder: Also schlechter als heute kann es doch nicht werden. Unterstellen

wir mal, wir haben die elektronische Gesundheitskarte eingeführt, jeder

hat seine Elektronische Patientenakte, wir befinden uns im Jahr 2010, es läuft alles

wunderbar und plötzlich gibt es ein Problem im System. Erfahrungsgemäß wird

der Ausfall ja nicht länger als maximal einen Tag andauern. Für diese Zeit würde

man, wie Herr Haibach das schon sagte, die heutige Papierlösung verwenden. Wir

fallen mit einem solchen Ausfall ja nicht in einen Zustand zurück der schlechter ist

als heute.

Otto Rienhoff: Ich möchte noch mal auf die elektronische Signatur zurückkommen.

Die elektronischen Schlüssel haben ja nur eine zeitlich begrenzte Sicherheit

und damit auch eine zeitlich begrenzte Lebensdauer. Eine Frage an Herrn Reimer:

Wie lange ist aus Ihrer Sicht ein Signaturschlüssel heute „sicher“

Helmut Reimer (TeleTrusT Deutschland, Erfurt): Diese Frage kann

man eigentlich unter verschiedenen Blickwinkeln diskutieren. Ein sehr vernünftiger

Ansatz ist, dass man sich auf den Algorithmus konzentriert, der für die Signaturerstellung

zuständig ist und die damit verbundene Schlüssellänge, die nach Ansicht

der Fachwelt für sicher deklariert wird. Die verwendeten RSA-Schlüssel haben be-


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kanntlich keine mathematisch beweisbare Sicherheit. Das „Knacken“ dieser Schlüssel

hängt davon ab, mit welcher Rechenleistung man umgeht. Dieser spannende

Wettkampf zwischen Schlüssellänge und Instrumenten, um diesen Schlüssel zu knacken,

wird in der wissenschaftlichen Fachliteratur heute häufig erörtert. Man kann

davon ausgehen, dass ein Zeitraum von fünf Jahren, der auch letztendlich gesetzlich

verankert ist, ein vernünftiger und tragfähiger Kompromiss ist.

Paul Schmücker (Fachhochschule Mannheim): Vielleicht noch eine

wichtige Ergänzung: Bestimmte Informationen müssen bekanntlich über weit mehr

als fünf Jahre beweissicher archiviert werden, bei den Krankenakten sind das mindestens

30 Jahre, bei Grundstücken sogar mindestens 200 Jahre. Es ist deshalb natürlich

erforderlich, dass im Laufe der Zeit, wenn bestimmte Algorithmen verfallen,

auch entsprechende Maßnahmen einer Signaturerneuerung durchgeführt werden,

um die Beweissicherheit über den entsprechenden Zeitraum sicherzustellen.

Knut Goldberg (Deutsches Gesundheitsnetz, Düsseldorf): Der

elektronische Heilberufsausweis wird ja nun nicht mehr nur ein Sichtausweis des

Arztes, sondern wird auch ein technisches Arbeitsmittel werden. Wer wird zuständig

sein für den Service bei Kartendefekten oder Softwareproblemen Wird es für

den Arzt eine zentrale Ansprechstelle geben und wo ist sie angesiedelt

Verena Diefenbach (Landesärztekammer Sachsen): Das ist bisher

noch nicht geregelt, aber es muss Lösungen dafür geben. Ob eine solche Stelle bei

den einzelnen Landesärztekammern oder im Projektbüro der Bundesärztekammer

eingerichtet wird, muss in den nächsten Monaten entschieden werden. Über die

entsprechende Lösung werden die Ärzte auf jeden Fall rechtzeitig informiert.

Otto Rienhoff: Ich denke, sowohl zur Problematik Akzeptanz als auch zu

den notwendigen Ausfallszenarien wird es wohl noch weitere intensive Überlegungen

geben müssen. Ein weiterer Themenkreis, der meines Erachtens eine gewisse

Brisanz enthält, ist die Rolle der sonstigen Leistungserbringer, für die vorerst

wohl noch kein elektronischer Heilberufsausweis vorgesehen ist. Gemeint sind hier

u. a. die Apotheken- und Arzthelferinnen, das Pflegepersonal und die Hebammen.

Die niedergelassenen Hebammen beispielsweise können Rezepte ausstellen, der

medizinische Fachhandel kann Rezepte einlösen. Wie können diese Berufsgruppen

ohne elektronischen Heilberufsausweis beispielsweise das elektronische Rezept managen

Gibt es da schon Überlegungen

Elmar Fassbinder: Die Projektgruppe HPC der BLAG beschäftigt sich damit.

Im Augenblick ist die HPC im ersten Rollout nur gedacht für die verkammerten

Berufe, also für die Ärzte im Krankenhaus und in der Niederlassung, die Zahnärzte

und die Apotheker. Aber selbstverständlich ist die HPC auch für die übrigen

Leistungserbringer im Gesundheitswesen erforderlich. Nehmen wir als Beispiel das

Verordnungsmanagement an. Rezepte für Heil- und Hilfsmittel müssen ja auch im

Fachhandel eingelöst werden können. Die Optiker geben nach solchen Rezepten

Brillen aus, die Masseure und die Krankengymnasten arbeiten ebenfalls nach Rezept.

Die Dinge sind angedacht und technisch auch ohne weiteres möglich, die

Frage ist nur: Wer gibt für diese Berufsgruppen die Karte aus

Otto Rienhoff: Meiner Meinung nach ist die Frage falsch gestellt. Man geht

wie selbstverständlich davon aus, dass die Berufsorganisationen die Karten ausstellen.

Nach dem Signaturgesetz ist dafür aber das Trust Center zuständig. Das

Trust Center hat lediglich die so genannten zuständigen Stellen nach § 5 Abs. 2

Signaturgesetz zu befragen. Die zuständige Stelle ist sicherlich immer diejenige,

die ein entsprechendes Zeugnis herausgibt, ein Zeugnis bestätigt und in der Lage

ist, im Falle eines Wegfalls des zu attestierenden Attributs nach § 8 Signaturgesetz

das entsprechende Zertifikat auch zu sperren. Es hängt nun von dem einzelnen

Attribut ab, wer diese zuständige Stelle ist. Das können bei einer Person durchaus

unterschiedliche Stellen sein.

Manfred Zipperer (ATG, Köln): Mengenmäßig eine viel größere Rolle

spielen die Psychologen und Psychotherapeuten, die eine mit den Ärzten vergleichbare

Position haben, im Gesetz aber nicht bzw. noch nicht auftauchen. Bei der

Beratung des Gesetzes war uns das Problem zwar bekannt, aber man hat diese

Berufsgruppe aus verschiedenen Gründen nicht aufgenommen. Die Psychologen

und Psychotherapeuten sind allerdings verkammert. Ein Problem wie bei den Hebammen,

das Herr Rienhoff angesprochen hat, existiert hier nicht. Obwohl nichtärztliche

Psychologen und Psychotherapeuten keine Rezepte verschreiben, spielen sie

in der ärztlichen Versorgung schon eine große Rolle. Meiner Meinung nach müssen

sie auch in den Kreis der § 291 a Versorger aufgenommen werden. Da muss der

Gesetzgeber sicherlich nachbessern.

Sven Albrecht (KZV Brandenburg, Templin): Ich sehe für uns Zahnärzte

noch ein ganz anderes Problem. Jetzt, wo ich hier sitze und den interessanten

Vorträgen lausche, sitzt meine Arzthelferin in der Praxis und muss bestimmte administrative

Aufgaben erledigen. Kann sie mit der Praxissoftware zukünftig weiter

arbeiten, ohne dass meine Health Professional Card drin steckt Oder kann sie

zumindest die Stammdaten einlesen, um beispielsweise einen einfachen Auftrag

an die Zahntechnik auszustellen Oder kann sie die Praxisgebühr kassieren, wenn

eine Leistung erfolgt, die auch die Arzthelferin erbringen kann


240 Podiumsdiskussion Health Academy 02/2004 241

Elmar Fassbinder: Es gibt zur Lösung Ihres Problems zwei Ansätze. Es gibt

eine persönliche Karte, die jede Person bekommen kann, indem sie sich ihre beruflichen

Eigenschaften beschreiben lässt. Wenn beispielsweise eine Zahnarzthelferin

bestimmte Rechte hat, dann kann sie mit Hilfe dieser Karte im EDV-System auch

Anwendungen freischalten, die den Rechten ihrer Berufsgruppe entsprechen.

Der zweite Ansatz ist die so genannte SMC, die Security Modul Card. Das ist

eine nicht personenbezogene Karte, praktisch eine Institutionskarte, an die man

gleichfalls Rechte knüpfen kann. Das heißt, wir haben den elektronischen Heilberufsausweis

für den Zahnarzt, den Heilberufsausweis für die Zahnarzthelferin und

die Institutskarte mit jeweils abgestuften Rechten zur Verfügung.

Die Karten werden immer vom Trust Center erstellt und nicht von den Berufsorganisationen.

Das ist ein permanenter Irrtum, der immer wieder in Diskussionen

auftaucht. Natürlich werden die Berufsorganisationen Angebote machen, aber sie

werden sich, Stand Signaturgesetz heute, mit diesen Angeboten immer in Konkurrenz

zu bestehenden Trust Centern oder künftigen Trust Centern bewegen. Die tatsächliche

Konstruktion läuft dann über ein virtuelles, technisches Trust Center, aber

grundsätzlich muss man die Frage von der anderen Seite sehen. Also im Zentrum

steht das Trust Center, das die Karte herausgibt.

Volker Wiedenbeck (T-Systems International, Dresden): Ich bin

eigentlich mit hohen Erwartungen in diese Veranstaltung gegangen. Sie hat mir

bisher auch einiges gegeben und ich habe viel Interessantes erfahren. Trotzdem

habe ich das Gefühl, mit mehr Fragen aus der Veranstaltung zu gehen als ich vor

der Veranstaltung hatte. Zwei davon bewegen mich besonders.

Die erste betrifft die große Inhomogenität und Vielfalt der Hard- und Softwareausrüstung

der Universitätskliniken, Krankenhäuser, Arztpraxen und Apotheken. Wer

koordiniert das alles Ist das zeitlich bis 2006 überhaupt noch zu schaffen

Ein zweites Problem sehe ich in der derzeitigen Belastung des medizinischen

Personals (beispielsweise in der Krankenhäusern) mit bürokratischen Aufgaben

(Dokumentation im Rahmen der DRGs usw.). Weiß man, was da an zusätzlicher

Belastung durch Gesundheitskarte und Heilberufsausweis auf die Ärzte zukommt

Wird dadurch nicht auch die Akzeptanz leiden

Otto Rienhoff: Die erste Frage zur Anwendungssoftware ist eigentlich kurz zu

beantworten: Man benötigt 1. die HPC, 2. ein Kartenlesegerät, 3. eine angepasste

Primärsoftware und 4. einen Connector. Das gilt für Arztpraxen, Krankenhäuser

und Apotheken gleichermaßen. Die Anpassung an die (vorhandene) Primärsoftware

wird über den Connector gesteuert, an den sich allerdings die Primärsoftwareanbieter

halten müssen. Ich gebe Ihnen allerdings insofern recht, dass z. B. die

Krankenhäuser bisher nicht ausreichend auf die Einführung von eGK und eHBA

vorbereitet sind. Zur zweiten Frage: Die elektronische Gesundheitskarte führt zu

einer besseren Kommunikation im Gesundheitswesen, das war bisher Konsens bei

allen unseren Überlegungen. Diese bessere Kommunikation wird die Aufgaben

zumindest mittelfristig reduzieren und den anfänglich empfundenen, vermeintlichen

Mehraufwand durch die Benutzung der Karten mehr als kompensieren.

Dorothee Dengler: Ganz kurz möchte ich auch noch etwas zu Ihrer Frage

bezüglich des Mehraufwandes der Ärzte sagen. Es ist sicher so, dass wir Pilotprojekte

brauchen, die es für die Heilberufler erfahrbar machen, was die Einführung

der elektronischen Karten für den Arbeitsalltag bedeutet. Diese Pilotprojekte

werden auch dazu beitragen, Fehler und Unzulänglichkeiten im System noch zu

beseitigen. Wir brauchen einfach diese praktischen Erfahrungen. Ich erinnere nur

an die Bemerkungen von Herrn Schmücker und Herrn Gerlach, die an konkreten

Beispielen durch Optimierung des Workflows das Zeitbudget bei der Befundung

und Signierung im Bereich der Radiologie mit der Karte optimieren konnten.

Arist von Hehn (Kardiologische Praxis, Preetz): Eine Frage noch,

die ich ungern mit nach Hause nehmen möchte. Kann mir jemand mal kurz die

Funktion eines Trust Centers erläutern Wer übt gegenüber dem Trust Center die

Kontrollfunktion aus

Detlef Krauss (SRC Security Research & Consulting GmbH,

Bonn): Das Signaturgesetz als solches regelt die Akkreditierung der Trust Center.

In der entsprechenden Verordnung ist festgelegt, was diese alles einhalten müssen,

um ihre Akkreditierung zu erhalten. Insofern sind auch alle Sicherheitsfragen,

die Ihnen jetzt durch den Kopf schwirren, angesprochen und diskutiert. Sie machen

einen langsam manchmal das Leben schwer. So entstehen auch Regelungen wie

zum Beispiel, dass für jede Signatur eine PIN eingeben werden muss. Das kann

auch mal lästig werden, aber das ist nun erst einmal so. Das Trust Center ist im

Prinzip ein Rechenzentrum mit hohen Sicherheitsauflagen. Diese Sicherheitsauflagen

werden überprüft von so genannten Bestätigungsstellen. Eine dieser Bestätigungsstellen

ist das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) in

Bonn. Es gibt daneben auch noch nichtstaatliche Einrichtungen, die entsprechende

Überprüfungen vornehmen können und die Evaluierungsberichte der Regulierungsbehörde

vorstellen. Die spricht letztendlich die Zulassung eines Trust Centers nach

dem Signaturgesetz aus.

Wolfgang Niederlag: Dass die elektronische Gesundheitskarte und der

elektronische Heilberufsausweis neuen Schwung in die telemedizinischen Netze

bringen (könnten), ist wohl deutlich geworden. Telemedizin im eigentlichen Sinne


242 Podiumsdiskussion Health Academy 02/2004 243

wird damit überhaupt erst möglich und praktikabel. Es ist aber auch klar geworden,

dass die Einführung dieser Technologie in die Routine ein höchst komplexer

Vorgang ist. Ein solcher Paradigmenwechsel birgt enorme Chancen, aber auch

erhebliche Risiken. Skeptiker und notorische Pessimisten sprechen sogar schon von

einem „Toll Collect II“. Ist dies ein berechtigter Vergleich, insbesondere hinsichtlich

einer Unterschätzung der Komplexität dieser Materie und damit einer Unterschätzung

des benötigten Zeitaufwands zur professionellen Umsetzung

Stefan Haibach: Die großen Chancen liegen aus unserer Sicht ganz eindeutig

in der Verbesserung der Behandlungsqualität für die Patienten und in einer

Senkung der Behandlungskosten. Die Risiken sehen wir momentan als Gesetzliche

Krankenversicherung darin, dass wir mit dem 1. Januar 2006 einen wahlkampfpolitisch

motivierten Umsetzungstermin haben, den wir mit Sicherheit nicht einhalten

können. Das gilt sowohl für die elektronische Gesundheitskarte als auch für den

elektronischen Heilberufsausweis. Wir werden sicherlich Anfang 2006 mit dem

Rollout beginnen können – ich denke der augenblickliche Planungsstand lässt das

zu – 80 Mio. Versicherte werden wir aber bis zu diesem Zeitpunkt nicht mit den

entsprechenden Karten versorgen können.

Dorothee Dengler: Die Chancen bestehen zweifellos in der Verbesserung

der Qualität der medizinischen Versorgung der Patienten. Dazu ist es aber auch

ganz wichtig, dass wir den Blick über die Ärzteschaft und die Apotheker hinaus

wagen in die Bereiche der anderen Heilberufsausübenden, die bisher häufig von

den Informationen abgeschnitten waren. Beispielsweise die Physiotherapeuten, die

nie ein Röntgenbild, geschweige denn eine Computertomographie ihres Patienten

gesehen haben. Ich denke, wenn das ermöglicht wird, dass die Entscheidungsgrundlage

für eine Behandlung besser wird, dann ist das eine ganz wichtige Chance.

Risiken sehe ich allerdings, wenn wir es nicht schaffen, rechtzeitig die Akzeptanz

bei den Nutzern dieser Karten zu erreichen. Unbedingt notwendig ist es deshalb,

sofort und professionell mit einer entsprechenden Aufklärungskampagne zu beginnen.

Claus-Werner Brill: Die Vorteile von eGK und eHBA in der Einführungszeit

liegen ganz klar in den ersten Applikationen, die wir ja schon im Einzelnen besprochen

haben. Das halte ich für einen überschaubaren, vorläufigen Nutzen. Der

eigentliche Nutzen auf lange Sicht liegt eindeutig in der Elektronischen Patientenakte,

die mit diesen Karten überhaupt erst sinnvoll betrieben werden kann. Damit

sind dann erheblich größere Nutzeffekte realisierbar als mit den Applikationen, die

wir im Moment betrachten.

Das Hauptrisiko sehe ich eigentlich darin, dass man die Menschen, also die Patienten,

die Ärzte, die Apotheker und die sonstigen Leistungserbringer daran gewöhnen

muss, ein neues Werkzeug bei sich zu haben und es tatsächlich zu benutzen,

Ersatzverfahren für den Ausfall dieses Schlüsselwerkzeugs parat zu haben usw.

Dieser Kulturwechsel ist ein großes, nicht zu unterschätzendes Problem. Aus diesem

Grund war es aus unserer Sicht auch gar nicht möglich gewesen, eine Sicherheitsinfrastruktur

einzuführen auf der Basis von relativ wenigen Applikationen

mit überschaubarem Nutzen. Der Patient, der Arzt, der Apotheker wird nur bereit

sein, diesen Wechsel hin zu den Karten als Steuerungswerkzeug in der vernetzten

Umgebung mitzugehen, wenn ihm daraus ganz deutlich ein spürbarer Nutzen erwächst.

Und ich hoffe, dass wir schon in der ersten Stufe diesen erreichen, um den

Kulturwechsel tatsächlich auch erfolgreich vollziehen zu können.

Elmar Fassbinder: Die Chancen sind nach meinem Dafürhalten ausführlich

diskutiert worden. Zu den Risiken: Bei der Einführung der elektronischen Gesundheitskarte

handelt es sich um das bisher größte in Deutschland umgesetzte IT-Projekt.

Wie wir gehört haben, liegen die Investitionskosten mindestens im Bereich von

1,7 Milliarden Euro.

Von der Technologie her besteht bei diesem Projekt meines Erachtens kein wirkliches

Risiko. Das Risiko liegt vielmehr in der Heterogenität des deutschen Gesundheitswesens.

Für die Umsetzung eines solchen Projektes brauchen Sie aber ein wirklich

gutes und straffes Projektmanagement mit klaren Führungs- und Entscheidungsstrukturen

und klaren Kompetenzen. Hier gibt es, zumindest aus heutiger Sicht,

sicherlich Handlungsbedarf. Ohne ein solches straff geführtes Projektmanagement

werden wir die Ziele nicht in der erwarteten Qualität und nicht in der vorgesehenen

Zeit schaffen können.

Otto Rienhoff: Ich habe für mich zwei Punkte als die wichtigsten unseres

Gesprächs notiert: Der eine ist das Thema Akzeptanz, der andere das Thema

Projektmanagement. Beide sind sehr differenziert zu betrachten. Ich glaube, das

Allerwichtigste ist, dass wir gemeinsam dazu beitragen, dass in unseren Organisationen

und in deren Management angenommen wird, dass das Jahr 2006 der

Beginn einer umfassenden Telematikinfrastruktur im deutschen Gesundheitswesen

werden wird – vielleicht nicht in voller Schönheit, aber mit ersten Anwendungen.

Wir müssen jetzt antreten, müssen sehen, wo die Gelder für die Investitionen herkommen

und wir müssen jetzt aufbrechen, um bei der schnellen Entwicklung mithalten

zu können.

Lassen Sie mich mit einer anregenden Beobachtung enden: Als wir vorhin über

die Akzeptanzfrage diskutiert haben, hat uns Frau Dengler doch ein super Beispiel

dafür geliefert, wie gut man ein Thema verkaufen kann: in unserem Hörsaal


244 Podiumsdiskussion

sitzen drei Frauen und weit über hundert Männer. Konsequenterweise stammte

ihr anschauliches Akzeptanzbeispiel aus einem Baumarkt … Vielleicht sollten wir

auch den Heilberuflern und den Patienten anschaulicher berichten, was denn diese

Karten für ihren konkreten Alltag tatsächlich für praktische Vorteile haben, anstatt

über komplexe Informatik-Architekturen endlos zu fachsimpeln.

C O N T R A

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