Homosexual's Film Quarterly - Sissy

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Homosexual's Film Quarterly - Sissy

sissy Ausgabe

Homosexual’s Film Quarterly

sieben · September bis November 2010 · kostenlos

s Sœur Sourire: Sing und bete! s Wunschkind: Ein Tippfehler namens Patrik s Daniel Schmid: Meister der Spezialeffekte s Paris-Orly:

Bodenpersonnage s Nicht wissen wollen müssen: Kurzfilmer Stefan Butzmühlen s Herzoperation: Die Heimsuchungen des Sébastien

Lifshitz s Im Taxi: Schwuler Sex bis zum Abwinken s Wasser und Blut: Schwul, schwarz und artsy s Poröser Schwellenkörper: Das

Wolfsmaul s Lisa Cholodenko: Eine von der Gewerkschaft s LaBruce: A bloody mess s Mittwoch: Lass uns erst mal reden! s Sonntag:

Küssen für England! s Das Kellerloch: Michael Sollorz flirtet in Saarbrücken s Regenbogennapf: Wiener Fundgrube


Gay-Filmnacht

im CinemaxX

Kommst du mit ins Kino?

Augsburg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .21.00 Uhr

Berlin Potsdamer Platz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20.00 Uhr

Bielefeld . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .21.00 Uhr

Bremen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .21.00 Uhr

Dresden. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .21.00 Uhr

Essen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .21.00 Uhr

17. SEPTEMBER

Patrik 1,5

von Ella Lemhagen

TEILNEHMENDE KINOS UND UHRZEITEN

15. OKTOBER

Gay-Kurzfi lmnacht

19. NOVEMBER

Plein Sud

von Sébastien Lifshitz

Freiburg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .21.00 Uhr

Hamburg-Wandsbek . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .21.00 Uhr

Hannover Niko . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .21.00 Uhr

Kiel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .21.00 Uhr

Magdeburg. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .21.00 Uhr

Mannheim . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .20.15 Uhr

WWW.GAY-FILMNACHT.DE

Karten unter www.cinemaxx.de

NEU: Einheitlicher Spieltermin

für alle teilnehmenden Kinos!

München. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .21.00 Uhr

Offenbach. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .21.00 Uhr

Oldenburg. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .21.00 Uhr

Stuttgart an der Liederhalle . . . . . . . . . . . . . . . .21.00 Uhr

Wuppertal. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .21.00 Uhr

Sissy sieben

Es ist nicht zu übersehen – die SISSY ist etwas dick geworden. Aus

schönem Anlass: Das überreiche queere Filmangebot in den deutschen

Kinos füllt dieses Mal mühelos bisherige 32 und weitere zwölf

Seiten. Nicht nur, dass sowohl der Spielfilm- (The Kids Are All Right)

als auch der Dokumentarfilm- (La Bocca Del Lupo) Teddy-Gewinner

der diesjährigen Berlinale ins Kino kommen, auch das Spektrum

ist atemberaubend. In den nächsten drei Monaten bringen zwei der

renommiertesten Regisseure des französischen Kinos ihre neuen

Filme nach Deutschland (Ozon, Lifshitz), es gibt queere Mumblecore-

und Berliner-Schule-Beiträge, den lang erwarteten Film über

den Filmemacher Daniel Schmid, Zombie-Trash, Klassiker, Aufreger,

Nischenfutter und gediegenes Arthouse-Kino. Und da ist noch

nicht mal der Cannes-Gewinner dabei, den es auch ab September auf

den Leinwänden zu bestaunen gibt: Apichatpong

Weerasethakul, einer der aufregendsten

Bildermacher unserer Zeit und Regisseur des

Queer-Cinema-Klassikers Tropical Malady

präsentiert Uncle Boonmee erinnert sich an

seine früheren Leben. Darin verwandeln sich

Männer in Frauen, Menschen in Tiere und

Verstorbene in Geister – auch das ist ein Beitrag

über die ständige Veränderbarkeit von

Identitäten und sei an dieser Stelle einfach mal

all jenen empfohlen, die im Kino tatsächlich

neue Erfahrungen machen möchten.

Erwähnen möchten wir außerdem, dass die

SISSY als schwärmerisches Fachblatt für den

nicht-heterosexuellen Film einen kleinen Bruder

bekommen hat: vor Kurzem ist in den USA „Uncle Boonmee …“ ab 30. September im Kino (Movienet, www.movienetfilm.de).

die erste Ausgabe von „Little Joe“ erschienen,

„a magazine about cinema and queers, mostly“. Der Herausgeber

Sam Ashby ist wie viele von uns noch maßgeblich von den VHS-

Zeiten geprägt, in denen man in bestimmten, für sich selbst bedeutsamen,

meist erotisch aufgeladenen Momenten das Band an einer

bestimmten Stelle einfach anhielt und es damit (und durch mehrmalige

Wiederholung des Vorgangs) auf Dauer zerstörte. Doch um diese

Momente geht es eben, der SISSY genauso wie dem kleinen Joe. Beide

Hefte gibt es im Buchladen Ihres Vertrauens, bestimmt auch in dem,

den wir auf Seite 45 porträtieren.

vorspann

3


mein dvd-regal

4

Richard Dyer, Filmwissenschaftler

richard dyer

5


kino

Zum

NieDeRkNieN

von Jessica ellen

Ende der 1950er Jahre flüchtet die lebenslustige Jeannine vor

ihrer kontrollsüchtigen Mutter und den Avancen ihrer besten

Freundin Annie ins Kloster, um ausgerechnet dort ein Schlagerstar

zu werden. Die „Schwester des Lächelns“ gab es wirklich

und ihr Hit „Dominique“ verdrängte damals Elvis und die

Beatles aus den Charts. Stijn Coninx hat den Weg der singenden

Nonne zur emanzipierten und lesbischen Frau in einem

Spielfilm nachgezeichnet, der im September in der L-Filmnacht

laufen wird.

s Gerade meine exkatholischen Freundinnen, die nicht selten Klosterschulen

durchlitten haben, finden es seltsam, dass ich als jüdische

(und lesbische) Cineastin ausgerechnet auf Nonnenfilme stehe. Aber

mit meiner Schwäche für Nonnen bin ich wahrlich nicht allein: Schon

vor Jahren erschien das spannende Büchlein „Schwesterlich, keusch

und ohne Makel?“, herausgegeben von Samanta Maria, auf dessen

Einband zwei küssende Nonnen zu sehen sind. Der Nonnenfilm ist

tatsächlich ein eigenes, oft lesbisch konnotiertes Genre ohne männliches

Pendant, wenn wir mal von Ausnahmen wie dem – schon in

Umberto Eccos literarischer Vorlage – eher schwulenfeindlichen Der

Name der Rose absehen.

Der Nonnenfilm bot schon vielen weiblichen Filmgrößen wie

Deborah Kerr, Vanessa Redgrave, Audrey Hepburn, Glenda Jackson,

Shirley Maclaine, Carmen Maura und zuletzt Barbara Sukowa in

Margarethe von Trottas rundherum gelungenem Biopic Vision – Aus

dem Leben der Hildegard von Bingen Gelegenheit, als Charakterdarstellerin

im Habit zu glänzen.

Cécile de France als Protagonistin in Sœur Sourire – Die singende

Nonne ist da keine Ausnahme. Allein schon die Wandlung dieser schönen,

leicht androgynen Schauspielerin vom bebrillten, verklemmten

Baby Butch zur Nonne und schließlich zu einer gereiften Liebenden

macht diesen Film unbedingt sehenswert.

Kein Kind der 50er und 60er Jahre kam an ihrem Hit „Dominique“

vorbei: Über die Belgierin Jeannine Deckers, genannt „Sœur

Sourire“ oder „die singende Nonne“ und ihre Klampfe wurde schon

damals, als sie noch lebte und auf dem Zenith ihres Ruhmes stand, ein

Hollywood-Film mit dem Titel The Singing Nun gemacht. Sein Nachfolger

Sœur Sourire ist nun keineswegs ein Remake, sondern erzählt

die ganze Geschichte bis zum bitteren Ende.

Mit einer Laufzeit von 120 Minuten ist der Film zwar lang, aber

nie langatmig. Dabei nimmt er sich zwar ein paar künstlerische Freiheiten

bei der „lächelnden Schwester“ heraus, wie z.B. dass sie bereits

Gitarre spielt, als sie ins Kloster eintritt, während das reale Vorbild es

erst im Kloster lernte; im Großen und Ganzen hält er sich aber an die

biographischen Tatsachen und vermeidet Klischees.

Fröhlich, wie der titelgebende Künstlername „Sœur Sourire“ und

jenes Lied, das sie zum Popstar katapultierte, ist er allerdings nicht.

Jeannine Deckers’ Tragik entsteht zwar nicht aus ihrem zunächst

abgewehrten und später gelebten Lesbischsein oder ihrer Liebe zu

einer bestimmten Frau, denn wie im wirklichen Leben ist beides kein

Bollwerk gegen das Scheitern am Leben. Scheitern an einer Zeit, in

der selbst das Gerücht, homosexuell zu sein, verbreitet von einer

damals wie heute notorisch sensationsgeilen Presse, reichte, um den

Job zu verlieren. Die lesbische Exnonne als Opfer? Oder eines jener

eindimensionalen „Aufstieg und Fall“-Künstlerinnen-Biopics, wie sie

EDiTioN SALzGEBEr

gerade im neueren französischen Kino (ich denke z.B. an Françoise

Sagan, Edith Piaf u.a.) so häufig sind? So einfach macht es sich der

Film nicht. Was hier verhandelt wird, ist vielmehr weibliche Kreativität

und das damit verbundenen Geltungsbedürfnis, das sich an komplexen

Strukturen aufreibt.

Singende und komponierende Ordensschwestern an sich sind

keine Erfindung der Neuzeit, sondern haben eine Jahrhunderte alte

Tradition; hierfür ist die Äbtissin Hildegard von Bingen das bekannteste

Beispiel. Doch dass eine Novizin aus der Masse des Chores heraustritt

und mit ihrer individuellen Stimme in kürzester Zeit eine

riesige Öffentlichkeit erreicht, ist ein Phänomen des zwanzigsten

Jahrhunderts, in dem die Kirche zugleich eine Chance zur Verbreitung

ihrer Botschaft mit zeitgemäßen Mitteln, eine Einnahmequelle

und ein Problem sieht. Das Problem ist die „Sünde des Hochmuts“,

welche zu begehen diejenige in Gefahr ist, mit deren Gabe sich doch

der Orden schmücken will.

Deshalb wird die „singende Nonne“ zunächst anonym vermarktet,

was einerseits den Ordensinteressen entgegenkommt, andererseits

aber die Medien anstachelt, das Geheimnis um ihre Person zu

lüften. Das funktioniert wie der Nonnenhabit selbst, der ja besonders

die erotisch prickelnde Neugier darauf weckt, was sich wohl für ein

Körper darunter verbirgt. Für Jeannine ist das Gewand ein Schutz

vor der eigenen schlaksigen Körperlichkeit, dem eigenen unbeholfenen

Begehren. So ist ihre Enttarnung eine zwiespältige Erfahrung,

die sie gleichwohl genießt wie den Ruhm, von dem sie nicht will, dass

er ihr und ihrem erwachenden Ehrgeiz vorenthalten wird. Sie hat Blut

geleckt und weiß sich zu behaupten. Das plötzliche Interesse ihrer

Mutter, die ihre Tochter eigentlich nicht wiedersehen wollte, sollte

diese ins Kloster gehen, durchschaut sie sofort und weist es zurück.

Jeannine ist kein Opfer.

Es gibt immer wieder Menschen, die an Jeannine glauben; sogar

die Mutter Oberin, die ihr zunächst die Gitarre wegnimmt und sie

ziemlich brutal diszipliniert, berücksichtigt ihre Wünsche dann doch

und will sie halten. Das tut sie zwar nicht ohne finanziellen Eigennutz

und mit dem liberalen Rückenwind des Zweiten Vatikanischen

Konzils, aber ein auf Hierarchien und Gehorsam beruhendes System

verträgt nun mal nicht allzu viel Dissens. Außerdem war Jeannine

– im Gegensatz zu früheren Frauengenerationen – freiwillig und aus

Überzeugung ins Kloster gekommen.

Jeannines Beichtvater, den sie ziemlich rüde aus dem Beichtstuhl

zerrt und unter Vorwürfen gegen die Wand drückt, lässt sich dadurch

nicht einschüchtern und ermutigt sie sogar, wenn auch indirekt, ihren

lesbischen Neigungen zu folgen.

Ihr Manager versucht alles, um Jeannines Karriere zu retten,

aber gegen Feigheit und Opportunismus der Konzertagenturen ist er

genauso machtlos wie gegen Jeannines Enttäuschung und Kränkung.

Der Regisseur Stijn Coninx interpretiert Jeannine als eine Frau

voller Widersprüche. Provokant und ängstlich, stolz und selbstzweiflerisch,

freiheitsliebend und auf der Suche nach einer festen

Struktur, die sie hält und vor sich selbst schützt. Unentschlossen und

voller Sehnsucht nach Verbindlichkeit, ist sie ständig auf der Flucht:

Vor der lieblosen Mutter flieht sie mit der Schwester im Tagtraum

nach Afrika, vor der Verliebtheit ihrer Freundin auf der Kunsthochschule,

die für Selbstverwirklichung steht, hinter die Klostermauer

zur Selbstverneinung, zu der sie aber auch nicht fähig ist. Sie rebelliert,

besteht auf ihre individuelle Kreativität, wird berühmt, verlässt

das Kloster und zieht, noch immer voller Abwehr, mit ihrer Freundin

zusammen. Mit allem ist sie vollständig überfordert. Am meisten

jedoch damit, dass ihre Karriere, die so phänomenal begann, an eben

jenen Instanzen scheitert, die sie anfangs förderten – den Medien

und der Kirche. Ohne ihr Habit ist sie einfach nur eine junge Frau

mit einer guten Stimme. Ihre brave Musik und Kleidung langweilen

die Popfans, ihr Loblied auf die Pille ruft die katholische Kirche

auf den Plan, die es der verlorenen Tochter heimzahlen will. Zudem

hat sie versäumt, sich die riesigen Summen, die sie verdient hat und

die ihr Orden für sich einstrich, quittieren zu lassen. So fordert das

Finanzamt entsprechende Steuern von ihr, die sie nicht zahlen kann

– die einzige Stelle im Film, an der Verzweiflung mit harmonischen

Bildern verliebter Zweisamkeit zugekleistert wird. Schließlich nimmt

sie sich mit ihrer Freundin in ihrem Haus das Leben – dezent werden

die Rollläden davor heruntergelassen. Ihre Schwester, die tatsächlich

als Ärztin nach Afrika gegangen ist, erhält ihren stark beschönigenden

Abschiedsbrief. So endet Jeannines Leben, wie sie es gelebt hat:

in dem Widerspruch, als immer noch gläubige Katholikin den Suizid

zu wählen, den die Kirche verdammt.

Warum dieser Film mich besonders berührt? Meine katholische

Großmutter Hilde, Jahrgang 1906, zweifelte als Mädchen in Wien

lange, ob sie ins Kloster oder auf die Bühne bzw. vor die Kamera wollte.

Ähnlicher Konflikt, doch andere Lösung: Sie wurde Schauspielerin

und spielt mit besonderer Hingabe Nonnen, deren Alltag sie persönlich

und mit Wohlgefallen bei Klosteraufenthalten recherchierte. An

einen ihrer Filmtitel erinnere ich mich noch, weil er so schön klang:

Ave Maria. An seine Seite ist nun Sœur Sourire getreten. s

Sœur Sourire –

Die singende Nonne

von Stijn Coninx

FR 2009, 124 Minuten, dt. SF

Edition Salzgeber, www.salzgeber.de

Im Kino

L-Filmnacht am 24. September

www.l-filmnacht.de

Anschließend in ausgewählten Kinos

6 7

kino

EDiTioN SALzGEBEr (2)


kino

SchwieRigeS

AlteR

von Maike schultz

Männer mit Kinderwunsch sind eine rarität im schwulen Film. „Patrik 1,5“ will das ändern – mit einer so

charmanten wie ungewöhnlichen Patchwork-Familien-Komödie, die im September in der Gay-Filmnacht und

danach in ausgewählten Kinos zu sehen sein wird.

8

EDiTioN SALzGEBEr

s Was für eine Wohltat! Nicht nur das lesbische Kino, auch das

schwule hat sich also auf die Fortpflanzungsproblematik eingeschossen.

Nachdem einem jüngst viele Kurzfilme (eigentlich das innovativste

Genre) den lesbischen Kinderwunsch in so vielen Variationen

vorsetzte, dass einem nun wirklich jede Sehnsucht nach Befruchtung

vergehen konnte, kommt nun dieser kleine, feine Film aus Skandinavien

daher. Und siehe da, diesmal sind es zwei Männer, die in die Vorstadtsiedlung

gezogen sind, um ihren Traum von Haus, Garten und

Baby zu leben. Wurde ja auch Zeit, 22 Jahre nach Paul Bogarts Film

Torch Song Trilogy – Das Kuckucksei, in dem Harvey Fierstein ein

Kind mit Matthew Broderick adoptierte.

Zwar ist die Sehnsucht nach Bürgerlichkeit unter Schwulen kein

neues Phänomen. Dass ein Kinofilm sich dieses Themas annimmt,

passiert dagegen äußerst selten, und so überrascht es dann doch wieder

wenig, dass die Idee für Patrik 1,5 von einer Frau stammt. Ella

Lemhagen, Drehbuchautorin und Regisseurin (Tsatsiki – Tintenfische

und erste Küsse) aus Stockholm, erzählt darin die Geschichte der

Schweden Göran und Sven, eines jener wohlsituierten Ehepaare, wie

sie im Vorortidyll an jeder Ecke wohnen. Nur dass diese Orte meist

ziemlich heteronormativ geprägt sind. Besonders der von Arzt Göran

und Unternehmer Sven, in dem sogar eine Bürgerwehr für Recht und

Ordnung sorgt. Wunderbar selbstverständlich siedelt Lemhagen ihre

Protagonisten mitten im Wahnsinn dieses Beziehungs-Mainstreams

an; blumenverkitscht wie in der schönsten Hollywood-Romanze, aber

abgründig, wie es wohl nur die US-Fernsehserie Desperate Housewives

besser kann.

Da ist zum Beispiel der Nachbar, der sich weigert, seine Kinder

von Göran behandeln zu lassen. Ein anderer wiederum hält Görans

niederschmetternde Diagnose vor seiner Frau geheim und erträgt lieber

stillschweigend ihre Affäre mit dem Familienvater von gegenüber;

jener promiske Vater, der das schwule Traumpaar nicht zur Gartenparty

einlädt, im Grunde aber selbst nichts gegen einen jungen Liebhaber

hätte. Vor allem aber sind da Göran und Sven, die sich nichts

sehnlicher wünschen als ein Kind, um ihr Glück perfekt zu machen.

Sven hat sogar schon eines, eine Tochter aus früherer Ehe, mitten

in der Pubertät und nicht eben froh über den Lebenswandel ihres

Herrn Papas. Vielleicht wirkt dieser deshalb etwas weniger enthusiastisch

als sein Gatte, der am liebsten täglich in der Adoptionsbehörde

vorsprechen würde. Als das Amt endlich einwilligt und per Brief einen

kleinen „Patrik 1,5“ verspricht, ist die Freude bei beiden groß – und

umso größer die Irritation, als wenige Tage später ein 15-Jähriger vor

der Tür steht. Herzlichen Glückwunsch, es ist ein Problemkind! Dass

es nichts wird mit dem Babywunsch, ist hier ausnahmsweise mal

nicht der Sexualität der Antragsteller, sondern allein einem menschlichen

Versagen verschuldet: Ein schlichter Tippfehler holt Göran und

Sven einen homophoben Kleinkriminellen ins Haus, der die ganze

Welt, vor allem aber seine neuen Zieheltern hasst. Da können sie lange

hoffen, dass es sich bei ihrem Patrik um eine Verwechslung handeln

muss. Fortan brauchen sie ihre „Babywatch“-Kamera zur Überwachung

eines verstoßenen, schwer erziehbaren Gewalttäters, der doch

eigentlich nichts anderes will, als endlich geliebt zu werden.

Nun kann man sich schon denken, wohin der Hase läuft in dieser

Filmhandlung, in der die Streithähne doch viel voneinander lernen

können. Jene Vorurteile, die es Patrik so schwer machen, die Männer

zu akzeptieren, sind es natürlich auch, die letztlich alle verbinden:

Immerhin gehören beide Parteien einer Minderheit an, die sich

den Respekt ihrer Umwelt erst erkämpfen muss, was Patrik und

Göran dann auch zunehmend zusammenschweißt. Im Grunde ist das

Kuckuckskind nämlich ein ziemlich lieber Kerl, der viel mehr über

Hortensienpflege weiß, als seine „Fuck you, you fucking fuck!“-Shirt-

Attitüde je erahnen lassen würde. Eine herrliche Szene ist das, wenn

das komplette Viertel den Adoptivsohn als Gärtner anheuert, der sich

kurz zuvor noch als Schreck ihrer „Homos, Homos!“ krähenden Kinder

erwiesen hat. Nur Sven tut sich mit dem Rabauken schwer, oder

vielleicht auch damit, dem Patchwork-Familienleben zuliebe seine

Freiheit zu opfern. Schon bald sehnt sich der überforderte Macho

nach seinem alten Partyleben in der Stadt zurück – und stellt seine

Beziehung mit einer Flucht auf eine harte Bewährungsprobe.

So gelingt es Ella Lemhagen, aus einem simplen dramaturgischen

Einfall ein Drama zu kreieren, das auf vielen verschiedenen Ebenen

funktioniert. Völlig zu Recht erhielt ihr vierter Spielfilm den Zuschauerpreis

beim San Fancisco International Lesbian & Gay Film Festival

und den Hauptpreis beim Verzaubert Festival, das er 2009 eröffnete:

Schonungslos entlarvt sie die Verlogenheit des schönen Scheins,

in dem sich die Nachbarschaft des Männerpaares ihr warmes Nest

errichtet hat. Und nicht minder behutsam nutzt sie den pöbelnden

Teenager in diesem Mikrokosmos als Spiegel, um ein Psychogramm

der beiden Hauptfiguren zu zeichnen. Während der schüchterne

Göran gemeinsam mit Patrik einen Weg findet, sich als Außenseiter

gegen die Spießer um ihn herum zu wehren, wird Sven durch die komplizierte

Erziehungsaufgabe mit seiner ureigenen Angst vor Verantwortung

konfrontiert. In seiner ungewöhnlichen Erfüllung entzweit

der Zukunftstraum die liebenden Partner, Bedürfnisse kollidieren

im Alltag, und plötzlich beginnt der Zuschauer sich zu fragen, ob ein

Anderthalbjähriger die Sache eigentlich viel besser gemacht hätte.

Selbst das Happy-End ist glücklicherweise nicht so angelegt, wie

es nach all den Irrungen und Wirrungen vielleicht erwartbar gewesen

wäre, und so weiß man gar nicht, ob man denn nun lachen oder

weinen soll. Was bleibt ist der Wunsch, noch viel mehr Filme wie

diesen zu sehen: Zwei Schauspieler, die mit Berlinale-Shooting-Star

Gustaf Skarsgård als Göran und Torkel Petersson (Kops) als Sven

keine schwulen Abziehbilder, sondern einfach die netten Typen von

nebenan verkörpern. Und das authentische Porträt einer Generation,

die das Coming-Out schon hinter sich hat, mitten im Leben steht und

sich dort angekommen fragen muss, was sie von diesem eigentlich

erwartet. Schließlich ist nichts so spannungsgeladen wie vermeintliche

Normalität. s

Patrik 1,5

von Ella Lemhagen

SE 2008, 105 Minuten, OmU

Edition Salzgeber, www.salzgeber.de

Im Kino

Gay-Filmnacht am 17. September

www.gay-filmnacht.de

Kinostart: 7. Oktober

kino

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EDiTioN SALzGEBEr


kino

Aus der traurigkeit heraus

von angelika nguyen

Aus dem Nichts heraus trifft Marion die Entscheidung, mit 50 noch einmal ihr Leben zu ändern und verlässt

ihre Familie für eine andere Frau. Doch auch Claude hat zu viel erlebt, als dass sie sich umstandslos auf

eine neue Liebe einlassen könnte. Der französische Film „out of The Blue“ über zwei reife und komplexe

Frauen und ihre Entscheidung für einen neuen Lebensabschnitt begeisterte in Frankreich das Publikum und

die Presse und läuft im oktober in der L-Filmnacht. Allein die beiden Hauptdarstellerinnen Mireille Perrier

(„orly“) und rachida Brakni („Barakat!“) sind das Drama wert!

s Programmatisch beginnt der Film mit Marions Spiegelbild, das

sie kritisch mit ihren fast 50 Jahre alten Augen betrachtet. So intensiv

und traurig sieht Marion sich an, dass die Zuversicht erwacht, hier

ginge es nicht nur um kosmetische Probleme. Das wird belohnt, denn

fünf Minuten später trennt Marion sich von Paul, nach über 20 Jahren

Ehe.

Sie zieht in eine eigene Wohnung und reserviert auch der 17-jährigen

Tochter Justine ein Zimmer. Als Marion dann der schönen Antiquitätenhändlerin

Claude mit den großen Augen begegnet, nähern sie

sich zunächst einander an wie tagtäglich viele Frauen – mit Sympathie

und ähnlichen Sorgen. Sie lachen zusammen über ihre Erfahrungen

als Ehefrauen. Sie machen sich gegenseitig Komplimente über ihre gut

in Schuss gehaltenen Körper. Erst auf einer gemeinsamen Reise stellt

sich der Verdacht ein, es könne sich um romantische Liebe handeln,

es ginge um Verlangen, Sinnlichkeit, gar Sex – und um all die Kämpfe

einer regelrechten Amour Fou. Bin ich’s oder bin ich’s nicht? Diese

Frage reißt die eher bürgerliche Marion in eine tiefe Verunsicherung.

Coming-Out. Out Of The Blue. Wird Marion herauskommen?

Normalerweise ist beim Verlieben die Welt doch ein einziges Ja.

Ja zur begehrten Person, Ja zur Welt, Ja zu allem, was den anderen

oder die andere ausmacht. Ja, ja, ja. Die Liebe zwischen Marion und

Claude hingegen beginnt mit einem Nein. Von beiden Seiten. Denn

Marion will nicht lesbisch sein, und Claude, die in Trauer ist, will

nicht noch einmal solche Schmerzen erleben. Diese Liebe hier überfällt

die Frauen nicht wie ein Raubtier, benimmt sich eher wie ein

scheues Reh. Für’s Erste verursacht sie Rückzug und Kontaktabbruch.

Und selbst später, nach der ersten gemeinsamen Nacht, fühlt Marion

sich immer noch fremd in dieser Gleichgeschlechtlichkeit. „Ich fühle

mich wie ein Mutant“, sagt sie zu Claude. Dabei steht Marion sonst

selbstbewusst im Leben, arbeitet engagiert als Lehrerin. Statt sich in

ihre Gefühle fallen zu lassen, reflektiert sie darüber. Auch ihrer Toch-

10

EDiTioN SALzGEBEr

ter will sie es nicht sagen. Am Ende hilft ein schwerer Unfall den beiden,

sich füreinander zu entscheiden.

Out Of The Blue ist in gewisser Weise ein politischer Liebesfilm.

Regisseur Alain Tasma verstand sich schon zuvor als politischer Filmemacher,

als er einen dokumentarischen Spielfilm über das französische

Nationaltabu des 17. Oktober 1961 drehte, den Tag des Massakers

französischer Polizisten an Hunderten algerischer Demonstranten.

La Surprise, so der Originaltitel, ist kein Lesbenfilm für das

Independent-Kino, sondern einer für ein breiteres TV-Publikum. So

ist der Film durchweg auch ein bisschen Aufklärung, beispielsweise

durch die Abarbeitung von Vorurteilen wie jenen von Marions Ex-

Mann („Dann lass uns einen Dreier machen!“) oder konservativer

Haltungen der Tochter („Ihr widert mich an!“), des Widerstandes

von Marion in sich selbst. Vielleicht wird deshalb manchmal mehr

miteinander geredet als erlebt. Marions und Claudes Sinnlichkeit

füreinander bleibt unter den Kleidern verborgen, die sie öfter an- als

ausziehen, Sexszenen gibt es keine. Es ist ein Film, der vor allem den

Prozess einer Bewusstwerdung zeigen will. Eine Frau schwimmt ans

andere Ufer, will manchmal umkehren, manchmal lieber untergehen.

Liebe passiert einfach jenseits von Ideologie, erzählt der Film.

Besonders Mireille Perrier als Marion zeigt schmerzhaft und

genau den inneren Kampf einer Frau, die gleichgeschlechtliche Verliebtheit

zunächst als Identitätskrise erlebt.

Die Darstellerin der Claude, Rachida Brakni spielt wiederum dramatisch

herb und extrem verletzbar die ganz normale Furcht eines

Menschen, sich nach einer kaum überstandenen großen Liebe neu

auf jemanden einzulassen. So sind die Hindernisse beidseitig, aber

auch die Annäherungen. Wenn die eine das letzte Mal den Kontakt

abbrach, knüpft ihn die andere neu. Zu Ende ist es nie. s

Out Of The Blue

von Alain Tasma

FR 2007, 90 Minuten, OmU

Edition Salzgeber, www.salzgeber.de

Im Kino

L-Filmnacht am 29. Oktober

www.l-filmnacht.de

L-Filmnacht

im CinemaxX

Gute Filme, lange Nächte, viel L-Gefühl!

Augsburg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .21.00 Uhr

Berlin Potsdamer Platz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20.00 Uhr

Bielefeld . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .21.00 Uhr

Bremen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .21.00 Uhr

Dresden. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .21.00 Uhr

Essen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .21.00 Uhr

24. SEPTEMBER

Sœur Sourire – Die singende Nonne

von Stijn Coninx

29. OKTOBER

Out Of The Blue

von Alain Tasma

26. NOVEMBER

L-Kurzfi lmnacht

TEILNEHMENDE KINOS UND UHRZEITEN

Freiburg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .21.00 Uhr

Hamburg-Wandsbek . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .21.00 Uhr

Hannover Niko . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .21.00 Uhr

Kiel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .21.00 Uhr

Magdeburg. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .21.00 Uhr

Mannheim . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .20.15 Uhr

WWW.L-FILMNACHT.DE

Karten unter www.cinemaxx.de

NEU: Einheitlicher Spieltermin

für alle teilnehmenden Kinos!

München. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .21.00 Uhr

Offenbach. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .21.00 Uhr

Oldenburg. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .21.00 Uhr

Stuttgart an der Liederhalle . . . . . . . . . . . . . . . .21.00 Uhr

Wuppertal. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .21.00 Uhr


kino kino

ich biN

Nicht DeR

mARkt.

interview: Paul schulz

im oktober wird es eine Gay-Filmnacht, im November eine

L-Filmnacht nur mit Kurzfilmen geben. Das heißt: junges queeres

Filmschaffen von heute, zum Teil frisch von den Filmhochschulen

dieser Welt. Nachdem wir in der SiSSY 4 schon mal

eine junge Filmemacherin über die Bedingungen, Freiheiten

und Widerstände befragt haben, am Anfang der regie-Karriere

mit queeren Themen zu jonglieren, sprechen wir diesmal mit

Stefan Butzmühlen, der regie an der Hochschule für Film und

Fernsehen „Konrad Wolf“ in Potsdam studiert und dort den

Kurzfilm „Nach Klara“ gedreht hat, der in der Gay-Kurzfilmnacht

im oktober zu sehen sein wird.

Herr Butzmühlen kommt ein bisschen zu spät, weil sich das Wetter in

Berlin-Kreuzberg nicht entscheiden kann, ob es jetzt Sturzbachregen

oder Spätsommer sein möchte. Als er sein Fahrrad angeschlossen hat,

ist er ein bisschen nass, aber ziemlich fröhlich. Er raucht während des

gesamten Gesprächs, macht lange Denkpausen, bevor er antwortet,

und lächelt viel.

sissy: Sag mal, wie arrogant muss man eigentlich sein, um „Filmregisseur“

werden zu wollen?

Stefan Butzmühlen: Nicht so sehr, glaube ich. Natürlich muss ein

gewisses Grundbedürfnis vorhanden sein, sich ausdrücken zu wollen,

und Dinge in die Welt zu stellen. Und es gibt auf der Hochschule auch

einige, die das falsch verstehen und sich vor allem dabei toll vorkommen,

beim Film zu sein.

Aber ist Filmemachen nicht etwas unglaublich Narzisstisches?

Wenn man es so versteht, dass man sich gerne viel mit sich selbst

beschäftigt und seine daraus resultierende Sicht auf die Welt im Film

zur Disposition stellt, dann muss Narzissmus ja überhaupt nichts

Negatives sein.

Was hast du auf der Filmhochschule gelernt?

Um ehrlich zu sein, habe ich da bisher gar nicht soviel gelernt wie ich

dachte. Ich bin da auch nicht wirklich oft. Ich hatte mir das alles ein

bisschen anders vorgestellt.

Wie denn?

Ich habe gedacht, wir reden im Studium mehr über Film, tauschen

uns aus, loten Möglichkeiten aus, wie man Sachen anders machen

kann. Davon passiert aber nicht viel.

Was passiert denn?

Es wird viel geredet von einem Handwerk …

Aber ist Filmregie das nicht auch?

Ja, auch. Aber ich weiß gar nicht so genau, ob man das wirklich jedem

gleich beibringen kann. Wenn von Handwerk die Rede ist, geht es

eigentlich immer um das Handwerk Hollywoods, sozusagen als

Grundweisheit – aber ein Schreiner muss doch ein anderes Handwerk

lernen als ein Schlosser und da komm ich mir einfach manchmal wie

in der falschen Lehre vor und denke, dass man sich mit mehr auseinandersetzen

könnte …

STEFAN BuTzMüHLEN

Und das unterstützt die Hochschule nicht?

Eigene Sichtweisen stehen nicht unbedingt im Vordergrund, nein. Ich

habe das Gefühl, man soll da eher auf „den Markt“ vorbereitet werden.

Und ich bin nicht der Markt.

Sondern?

Ich kann mit Genrebegriffen nicht so viel anfangen und kann meine

Geschichten in diesen Grenzen auch nicht so gut erzählen.

Was für Geschichten sind das?

Ich bin ein eher unsicherer Mensch. Sich hinzustellen und zu sagen

„So ist das!“, ist nicht meine Art. Ich mag die Zwischenstufen im Leben

gern. Die Räume und Momente, wo Platz für Möglichkeiten ist.

Ist es als Regisseur nicht eher unpraktisch, unsicher zu sein?

Unsicherheit ist vielleicht auch das falsche Wort. Zweifel trifft es eher.

Ich zweifle gern. Und erzähle auch gern davon. Weil ich Zweifel einen

wichtigen Motor im Leben finde, für Entwicklung und Bewegung. Ich

mag es ganz gerne, wenn man Dinge nicht so genau weiß, wenn nicht

alles in drei Akten aufgefädelt wird, wenn die Figuren nicht sind wie

ein offenes Buch und man dem Publikum nicht vorschreibt, was es

zu empfinden hat. Ich mag es, Gegenbilder zum Allgemeingültigen zu

zeigen.

EINSCHUB: Genau für diese Qualität ist Butzmühlen gerade ausgezeichnet

worden. Sein Kurzfilm „Nach Klara“ hat bei den 56. Kurzfilmtagen

in Oberhausen den 3sat-Förderpreis bekommen. Die Jury

begründet ihre Entscheidung so: „Ein junger Mann erlebt das Gefühl

des Begehrtwerdens. Mit formaler Leichtigkeit inszenierte Momentaufnahmen

aus dem Leben eines jungen Mannes, der nach sexueller

Orientierung sucht und sich doch nur dem flüchtigen Augenblick hingeben

kann.“ Das Schöne: Butzmühlen belässt es bei der Suche, Ergebnis:

offen. Wir verlassen den Protagonisten, während er noch nicht

weiß, ob er „Nach Klara“ jetzt schwul wird oder nicht. Es gibt da einen

Mann, den er wirklich mag, aber rauszufinden, ob er wirklich öfter als

das erste schöne Mal mit dem schlafen will, ist erst mal wichtiger als

sich gleich eine neue Identität überzustülpen. Dadurch erhält „Nach

Klara“ ein schwebende Qualität, die nicht nur professionelle Jurys

beeindruckt.

Ist es leicht, auf der Filmhochschule für diese Haltung Mitstreiter zu

finden?

Ja und nein. Ich habe ein paar Leute, mit denen ich schon relativ lange

zusammenarbeite und die ich gut kenne. Meine Cutterin Maja Tennstedt

zum Beispiel. Aber sonst ist das nicht so einfach. Nach Klara war

eine schwierige Arbeit, weil ich bis auf Maja nicht mit meinen Leuten

arbeiten konnte, mit denen ich vor der Hochschule angefangen habe

Filme zu machen, sondern mit anderen drehen musste.

Wie kommt das?

Die Projekte werden folgendermaßen zusammengestellt: Es gibt eine

große Vorstellungsrunde vor dem gesamten Jahrgang. Alle versammeln

sich im Kino der Hochschule und jeder Regisseur stellt sein

Projekt vor. Dann wartet er auf seinem Platz darauf, wer sich zu ihm

gesellt, weil er den potentiellen Film auch spannend findet.

Klingt wie die Auswahl beim Schulsport. Mit dem altbekannten Gefühl

„Lieber Gott, lass mich hier nicht als Letzter alleine stehen, bitte!“

Fühlt sich auch ein bisschen so an.

Wollten bei „Nach Klara“ viele mitspielen?

Es ging so (lacht). Überrannt worden bin ich nicht gerade. Aber es gab

andere interessante Reaktionen. Nach der Vorstellung des Projekts

ging das Getuschel los: „Der Stefan ist also schwul, aha.“

Ist das ein Problem?

Nein. Ich finde das eher interessant (lacht).

Was bist du denn?

Nach Klara hat einen autobiografischen Einschlag: Es gab diesen

Mann, der mich wollte und das hat mir gefallen. Und es gibt diese

Verunsicherung in mir, dieses Gefühl, es nicht zu wissen. Und auf der

anderen Seite auch das Bedürfnis, gar nicht wissen wollen zu müssen.

Ich habe gerade eine Freundin und das ist wunderschön und passt

total. Aber die queere Szene ist sehr wichtig für mich. Weil es da eben

bestimmte Fragen gibt: Bin ich schwul, weil ich mal mit Männern

schlafe? Bin ich hetero, weil ich eine Frau liebe? Ist das nicht egal,

ist Identität so unglaublich wichtig? Und wenn doch: Wie stabil sind

solche Begriffe wie schwul oder hetero, wie viel davon lässt man sich

von außen vorschreiben, wie viel kommt aus einem selbst?

Wie fortschrittlich.

Ach was. Ich kann ja nur die Geschichten erzählen, die ich auch verstehe.

Und mit meiner kleinen Filmfamilie kann ich das halt. Ich fühle

mich da aufgehoben und erkannt und gut. Und deswegen war es so

schwer, Nach Klara mit Leuten umzusetzen, denen dazu gar nichts

einfällt. Film, so wie ich ihn gerne mache, ist ein Prozess, bei dem

man gemeinsam herausfindet, wie es geht. Anderen vorzuschreiben

zu müssen, wie sie Dinge machen sollen, find ich nicht gut. Ich mag es,

wenn Menschen eigene Ideen haben und die mitbringen.

Wie war denn das Echo auf der HFF, als der Film fertig war?

Es sind ein paar zurückhaltend freundliche Dinge gesagt worden.

Aber es wurde schon gefragt, warum ich nicht stringenter erzähle

und mein Publikum so im Unklaren lasse.

Als der Film dann auf Festivals lief und sogar Preise gewann, wie war

das?

Schön. Ich muss gestehen: eine Genugtuung, irgendwie.

Es gab in den letzten zwei Jahren eine ganze Reihe interessanter Kurzfilme

von der HFF, die mehr oder weniger eine schwule oder queere

Thematik hatten, und die jetzt zusammen mit „Nach Klara“ auf einer

DVD gelandet sind. Fühlst du dich gut aufgehoben und gibt es so was

wie ein queeres Netzwerk an der Hochschule?

Ein queeres Netzwerk würde ich nicht sagen. Mit Josephine Frydetzki

aber z.B., die mit B96 mit auf der DVD vertreten ist, habe ich vor

zwei Jahren einen Filmclub gegründet, während ich mit Florian Gottschick,

der Zwillinge gemacht hat, einfach nicht soviel zu tun habe.

Mein Netzwerk ist eher außerhalb der Hochschule.

Gay-Kurzfilmnacht mit den Filmen „Nach Klara“,

„Wofür hältst du mich?“, „Traurige Jungs tanzen,

wenn niemand hinsieht“, „Die Schwanzwand“, „Speed

Dating“ und „Billys Dad ist ein Nougatstecher“

Im Kino

Gay-Kurzfilmnacht am 15. Oktober

www.gay-filmnacht.de

L-Kurzfilmnacht mit den Filmen „Trophy“, „Liebste

Prinzessin Leben“, „Babysitting Andy“, „Dani & Alice“,

„Don’t mess with Texas“ und anderen

Im Kino

L-Kurzfilmnacht am 26. November

www.l-filmnacht.de

Kleine Vandalen

schwule Kurzfilme

D/CH 2007–2010, 109 Minuten,

dt. OF

Auf DVD

Edition Salzgeber, www.salzgeber.de

12 13


kino

OFFeNe

köRpeR

von Jan küneMund

Sébastien Lifshitz hat mit „Plein Sud“ (im November in der

Gay-Filmnacht, danach in ausgewählten Kinos) nach sechs

Jahren endlich wieder einen Film gedreht. Während die Kritik

Schwierigkeiten hat, seine riskanten und doch im Arthouse

verwurzelten Filme zu würdigen, sind vor allem „Sommer wie

Winter …“ und „Wild Side“ zu Klassikern des Queer Cinema

geworden. Ein Versuch über das Kino des französischen regisseurs.

14

1.

Seine Mutter habe die Kinder ständig fotografiert, erzählt

Lifshitz. Abzüge gemacht, vergrößert und die Fotos schließlich

an die Wand gehängt. Aber da sie von der Fotografie geradezu

besessen gewesen war, hätte ihr das nicht gereicht. Also hat sie die

Fotos zerschnitten und auf einem großen Bogen Papier die Fragmente

zusammengeklebt, zu Mosaiken, zu Geschichten.

Die Mutter – die Fotos – die zerschnittenen Porträts, von denen

man tagtäglich umgeben war. Eigentlich ist das zu schön, um wahr zu

sein und das als Einleitung zum Porträt eines queeren Filmemachers

zu verwenden.

Das Queer Cinema ist das Versprechen eines Kinos, das

2. nicht auf Identität fixiert ist. Es will seine Figuren nicht

festlegen auf das Mann-Sein, Frau-Sein, Schwul-Sein, Lesbisch-Sein,

Weiß-Sein, Arm-Sein, Schön-Sein. Darin keine Folie sehen, vor der

etwas Melodramatisches passiert. Nicht nur dabei zusehen, wie seine

Figuren Identität erlangen oder verfehlen, gegen die Welt, gegen die

widrigen Umstände, auf sich allein gestellt große „Ich“-Entscheidungen

fällend. Obwohl das Coming-Out in den meisten Filmen eine

Identitätserzählung ist, die abbricht, wenn die Hauptfigur endlich

„ich“ sagt und die danach scheinbar nichts mehr zu erzählen hat,

ist Sébastien Lifshitz mit Sommer wie Winter … (Presque rien) ein

Coming-Out-Film-Klassiker gelungen, der es nicht bei der Coming-

Out-Erzählung belässt, sondern seine Hauptfigur mit einem Reichtum

an Geheimnissen und ungelösten Widersprüchen ausstattet. Schöner

kann das eigentlich nicht laufen, ein 18-jähriger, gefühlskalter Junge

in den Sommerferien, der einen anderen, aber gefühlvollen 18-Jährigen

kennenlernt, sich durch diesen als Liebenden erfährt, sich zu den

EDiTioN SALzGEBEr

Gesten der Liebe durchringt, Verantwortung für jemand Anderen

übernimmt, schließlich allen gegenüber „ich“ sagt. Lifshitz fragmentiert

diese Geschichte, kalte Winterbilder greifen in den Feriensommer

ein, verweisen auf Verletzungen und Traurigkeiten, die passiert

sind, längst nachdem Mathieu öffentlich „ich“ gesagt hat. Das Meer

ist grau und unerbittlich, im kaltweißen Krankenhaus wird ihm der

Magen ausgepumpt, alte Männer sitzen an der Theke der Dorfkneipe

und interessieren sich nicht für ihn. Was ist passiert? Es lief doch alles

gut mit der schwulen Liebe. Kaum etwas ist passiert, sagt Lifshitz,

„presque rien“. Er hat eben nur Ausschnitte aus dem Leben eines

Teenagers gezeigt, zerschnittene Fotos, das Leben, keine schwule,

männliche, bürgerliche Identität. Kontexte, in denen man das Glück

eines Sommers nicht weiterglühen lassen kann, eine kranke Mutter,

ein abwesender Vater, ein toter Bruder, eine neidische Schwester, eine

Familie, die trauert, nicht funktioniert, trotzdem klammert, nicht loslassen

kann, nichts zu tun hat eigentlich mit dem schwulen Glück von

Mathieu. Wer ist Mathieu? Wir erfahren es nicht. Der Film will es

nicht wissen. Ein Bogen Papier, auf dem Ausschnitte einen provisorischen

Zusammenhang ergeben.

Lifshitz ist, wie er selbst sagt, ein „verunglückter Fotograf“.

3. Er hat Kunstgeschichte studiert, nicht Filmregie. Er hat

der eigenwilligen Fotografin Suzanne Lafont assistiert, am Centre

Pompidou gearbeitet. Auch heute noch kauft er keine Filmbücher,

sondern Fotobildbände. Auf Reisen geht er nicht ins Kino, sondern

besucht Antiquitätenläden, sucht nach alten, aufgelassenen Fotos,

aus denen er Geschichten macht, wie früher seine Mutter. Filme drehen

ist allerdings nur oberflächlich gesehen etwas anderes als Bilder

machen. Man muss sich nur entscheiden, ob man die lückenlose,

‚natürliche‘ Bewegung imitieren will (wie die meisten Filmemacher),

oder tatsächlich Bilder nebeneinander stellen wie Lifshitz. So dass

sie Aussparungen lassen, aus unterschiedlichen Quellen ineinandergreifen,

tatsächlich montiert werden. Ellipsen sparen genau das aus,

was uns wichtig ist. Jeder bisherige Film von Lifshitz erzählt in Ellipsen,

niemals chronologisch, lässt immer mindestens zwei Zeitebenen

zusammentreffen, fügt sich niemals zu Gesamtbildern, Gesamtbewegungen.

Sie betonen die Lücken, die Geheimnisse, verweigern

den Schlüssel zum Verständnis einer Person, eines Gefühls. Darin

sind Les Corps Ouverts (1997), Les Terres Froides (1999), Sommer wie

Winter … (2000), La Traversee (2001), Wild Side (2004) und Plein Sud

(2009), das filmische Gesamtwerk von Sébastien Lifshitz, erstaunlich

konsequent.

Lifshitz ist Jahrgang 1969. Er gehört zu einer Generation

4. französischer Filmemacher, die hierzulande kaum wahrgenommen

wird: Bertrand Bonello, Noémie Lvovsky, Lætitia Masson,

Ursula Meier, Gaël Morel. Die beiden einzigen bekannten neben ihm

sind ausgesprochen ‚queere‘ Filmemacher, die es geschafft haben, das

bürgerliche Publikum ab und zu zu verblüffen, zu bezaubern, eher

spielerisch herauszufordern: François Ozon und Christoph Honoré,

beide in jüngerer Zeit von der Kritik nicht mehr ernst genommen, als

blasierte, unernste, postmoderne Spieler „entlarvt“. Diese Filmemacher

haben kein ausgesprochenes politisches Interesse, kein soziales

Anliegen auf den ersten Blick, keine Verweigerungsradikalität im

Ästhetischen. Es sind Stilisten, die mit dem Geschichtenerzählen ringen,

halbwegs von staatlichen Subventionen unterstützt, ab und zu

mal schockieren, aber in der Regel im cinephilen französischen Kosmos

kreisen, ohne im Weltkino Spuren zu hinterlassen. Aufregend

sind sie trotzdem, vor allem für Zuschauer, die Unbehagen angesichts

des US-amerikanisch geprägten Identitätskinos haben. Geboren zu

einer Zeit der sozialpolitischen Experimente, der letzten großen Freiheitserzählungen,

zeichnen ihre Filme ein durchgängiges Problem mit

den Emanzipationsgeschichten, dem kollektiven Gestaltungspathos,

dem Aktionismus. Die formalen Vorbilder sind klar: die gebrochenen

Helden der amerikanischen Independents, die dekonstruktivistische

Philosophie, das wilde, sinnliche, ‚rekomponierende‘ Montagekino

„Offene Herzen“ (oben), „Sommer wie Winter …“ (unten)

kino

von Claire Denis, der postmoderne Genremix, das gehetzte Tempo

der Téchiné-Filme. Lifshitz & Co. sind Ästheten (bekannter Vorwurf

gegen schwule Künstler), ohne Dogma und Sendungsbewusstsein.

Dass das Kinopublikum ihre Filme so selten, eigentlich kaum noch

zu sehen bekommt, ist schade. Und die Kritik, die sie hierzulande

abbekommen, ist vernichtend, unverständlich, anmaßend. Sie heißt

„Arthouse“.

Die Filme von Lifshitz sind immer entweder zu bürgerlich,

5. zu Mittelklasse – oder zu plakativ außenseiterisch. Entweder

geht es zu sehr um Familie (immer ist die Mutter todkrank

und der Vater abwesend) oder das Milieu ist zu abgekoppelt. Entweder

hängen Lifshitz’ Bilder zu sehr in der Körperschönheit seiner

Schauspieler oder sie befriedigen verschämt hässliche Fantasien.

Wild Side z.B. wagt die sexuelle und familiäre Utopie eines Dreiers

aus transsexueller Prostituierter, maghrebinischem Gelegenheitsstricher

und russischem Kriegsflüchtling. Was nach einer schrillen

Überzeichnung antibürgerlicher Typen klingt, ist in Wirklichkeit

ein humanistisches Manifest. Eine Liebe, in der jede(r) Geheimnisse

hat, Fremdheit und unheilbare Wunden, und doch ist diese Liebe in

jedem Filmkorn sichtbar, bis hin zu den Muskeln in den Händen von

Stéphanie und Michail, die sich nach dem Sex noch einmal anspannen,

während sie sich umklammern. „Are you a boy or a girl?“, singt

Antony Hegarty in diesem Film leibhaftig in die Richtung der Transsexuellen,

nicht als platte Verdopplung des Sichtbaren, sondern im

Klartext und komplexen Mit-Gefühl, denn eine Identität hilft nicht

weiter, wenn man Familie oder Heimat sucht. Tatsächlich sind alle

biologischen Familien in den Lifshitz-Filmen dysfunktional, sogar im

einzigen Dokumentarfilm La Traversee, in dem er seinen Ko-Autoren

Stéphane Bouquet in die USA begleitet, um dessen Vater zu suchen,

der von der Existenz seines Sohnes gar nichts weiß. Das an sich ist

15

EDiTioN SALzGEBEr (2)


kino

Filmografie Sébastien lifshitz

il faut que je l’aime (1994)

claire denis, La Vagabonde (1995)

Offene herzen

(Les corps ouverts, 1997)

im reich meines Vaters

(Les terres froides, 1999)

Sommer wie Winter … (Presque

rien, 2000)

Sommer wie Winter …

von Sébastien Lifsitz

FR/BE 2000, 95 Minuten,

dt. SF / OmU

Auf DVD

Edition Salzgeber, www.salzgeber.de

Offene Herzen

von Sébastien Lifsitz

FR 1997, 48 Minuten, OmU

Demnächst auf DVD

Edition Salzgeber, www.salzgeber.de

Wild Side

von Sébastien Lifsitz

FR/BE/UK 2004, 91 Minuten, OmU

Auf DVD

Pro-Fun Media, www.pro-fun.de

16

La Traversée (2001)

Wild Side (2004)

Plein Sud (2009)

noch kein Film-Thema, aber die Sehnsucht

danach, die Ausformulierung der Zersplitterung,

das Zusammensetzen neuer Familien ist

es. Genauso wie das Coming-Out kein Thema

ist, aber die vorsichtige Zusammensetzung der

Erfahrungswelt von Teenagern, wie sie Lifshitz

in Les Corps Ouverts, Sommer wie Winter

… und Les Terres Froides angeht. Für sich

allein lösen sich die Figuren auf. Zusammen

können sie für kurze Zeit bestehen.

Traurigkeit gibt es in jedem Film von

6. Lifshitz. Unendlich schöne Soundtracks,

die Spannungen schaffen und mit ihrer

Zerbrechlichkeit und Gebrochenheit leben

können (Perry Blake in Sommer wie Winter …,

Antony Hegarty in Wild Side, Marie Modiano

in Plein Sud). Sex. Und zeitlose Landschaften

– der riesige schwarze Berg in der nordfranzösischen

Provinz von Wild Side, die sonnendurchtränkte

Ebenen-Ödnis auf dem Weg in

den Süden (Plein Sud), immer wieder der wilde

Atlantik, dem egal ist, welche Melodramen sich

vor seiner Kulisse abspielen, ob vor ihm oder

in ihm jemand Sex hat. Die Traurigkeit hängt

oft am Jungsein, an der Möglichkeit eines filmwirksamen

Glücks von erster Liebe und erstem

Sex, in das immer wieder das übergriffige

Unglück der Familien eingezogen ist, auch das

eigene, das vergangene und das zukünftige.

Und an den Leerstellen. Des vatersuchenden

Drehbuchautoren z.B., der auf der Reise merkt,

dass er niemals „ich“ sagen konnte, weil er der

Mutter immer den Mann ersetzte, auch auf der

Suche nach ihm. Oder die Leerstelle, die im

„Wild Side“ (oben), „Plein Sud“ (unten)

Lifshitz-Kino durch den Tod des fantastischen Schauspielers Yasmine Belmadi entstanden ist, dem Hauptdarsteller

in Les Corps Ouverts, Les Terres Froides und Wild Side, der wie kein anderer den großmäuligen verletzlichen Jungen

gespielt hat, der nie seine Identität findet. Man kann kaum ansehen, wie er in Wild Side als Djamel dem Kriegsflüchtling

Michail von seinen Mopedunfällen erzählt, ihm seine (echten, seine Yasmine-) Narben zeigt, wenn man weiß, dass

Belmadi vor ungefähr einem Jahr nachts in Paris mit seinem Moped gegen einen Laternenmast gefahren ist und dabei

umkam. Sein Porträt aus drei Filmen von Lifshitz bleibt fragmentarisch – bezeichnend die Szene, in er als Rémi in Les

Corps Ouverts einem (ihn begehrenden) Filmregisseur eine völlig falsche Autobiografie ausformuliert, ohne dass der

Film über ihn die richtige erzählte.

Lifshitz mag das sozialrealistische Kino nicht, genauso wenig wie Ozon oder Honoré. Aber er spielt auch

7. nicht damit. Er möchte die Figuren, ihre Energien isolieren, Affektkino drehen, in dem Körper und Gefühle

aufeinander reagieren, ohne Zeitbezug, ohne Ortsbezug. Trauer, Wut, Sehnsucht, Begierde werden nicht psychologisch

hergeleitet, sie prallen aufeinander, man sieht dabei zu, man darf assoziieren. Im neuen Film, Plein Sud, gibt es

keine mittleren Einstellungen. Nur Landschaften und Gesichter, Stimmungen und Blicke, kein Einbetten von Gefühlen

in den sozialen Kontext. Prompter Vorwurf: Oberflächlichkeit. Tatsächlich treibt Lifshitz seine ästhetischen Überzeugungen

hier auf die Spitze: eine sexuell aufgeladene Situation dreier Teenager, deren Begehren sich auf den älteren

Fremden richten; ein zerschnittenes Porträt dieses Fremden aus drei Zeitschichten (Kind, Teenager, Erwachsener),

das trotzdem nicht erklären kann, was er vorhat; eine Reise, ein Roadmovie zur kranken und instabilen Mutter, als

Bewegung durch zeitlose, vom Geschehen unberührte Landschaften. Einen Mix aus Western und Soap-Opera hat

Lifhitz das selbst genannt, nicht ohne Provokation. Ein Portfolio schöner Teeniekörper mit pubertären Allerweltsproblemen,

die sich (wie Jana Papenbroock hellsichtig bemerkt hat) wie ein Kommentar zum Warenwert von Schönheit im

Supermarkt aufgabeln und irgendwann einfach aus der Film-Geschichte fliegen. In einer Figur aber, der des Fremden

Sam, staffelt sich der Film in die Tiefe, baut ein Porträt, das wiederum zu vielschichtig ist für eine psychologische Herleitung.

Eigentlich ist das Kino von Lifshitz ein schüchternes Kino. Das sich, das drohende Scheitern, das Verlassen des

Muts vor Augen, immer weiter antreibt, um endlich unverschämt zu werden.

Mit Plein Sud gibt es also bald eine neue Möglichkeit, sich mit dem Kino von Sébastien Lifhitz auseinander-

8. zusetzen. Auch dieser Film zerschneidet die üblichen Konstellationen, die filmischen wie die sozialen, setzt

die Fragmente in Bewegung, holt Luft und ordnet sie neu. Wieder wird es am Ende keine Menschen geben, die sich

gefunden haben, kein Liebesglück, kein Happy-End. Dafür aber das langsame Zurruhekommen einer Wasseroberfläche,

nachdem ein schöner Männerkörper dort eingetaucht ist. Darauf ein Glitzern von letzten Abendsonnenstrahlen.

Und ein trauriger Song von Marie Modiano. s

Pro-FuN MEDiA

EDiTioN SALzGEBEr

was uns heimsucht

interview: gerhard Midding

Es ist Sommer in „Plein Sud“, dem neuen

Film von Sébastien Lifshitz. Sam, 27 Jahre

alt, sitzt am Steuer seines alten Ford und ist

auf dem Weg nach Süden. Auf dem Rücksitz

ein Geschwister-Paar, Léa und Matthieu, die

Sam als Anhalter mitgenommen hat. Léa liebt

die Männer, Matthieu auch. Auf ihrer langen

Reise werden sie sich kennen lernen, sich

herausfordern, sich verlieben. Aber Sam hat

ein Geheimnis, eine alte Wunde, die wieder

aufgerissen ist – er hat nach langer Zeit eine

Nachricht von seiner Mutter erhalten und

jetzt will er sie wiedersehen.

SISSY sprach mit Sébastien Lifshitz über seinen

neuen Film.

sissy: Warum gab es eine Pause von fünf Jahren

zwischen „Wild Side“ und Ihrem neuen Film?

Sébastien Lifshitz: Zwischenzeitlich habe ich

am Drehbuch für einen Kriminalfilm gearbeitet.

Ich hatte allerdings überhaupt keine

Erfahrung mit Genrefilmen. Nach zwei Jahren

und 17 verschiedenen Fassungen merkte

ich, dass das nirgendwo hinführt. Ich fühlte

mich verloren. Unterdessen war dem Produzenten

das Geld ausgegangen, er hatte gerade

noch genug übrig, um mich fürs Schreiben zu

bezahlen. Aber ich glaube, diese Arbeit war

nicht ganz vergeblich, denn in Plein Sud gibt

es einige Elemente, die von diesem gescheiterten

Projekt übrig geblieben sind: Er ist

handlungsbetonter als meine früheren Filme,

besitzt größere dramatische Spannung.

Dabei haben Sie durchaus Erfahrung mit Kriminalfilmen:

Ich denke an den Fernsehfilm für

Arte, der bei uns „Im Reich meines Vaters“

hieß.

Ach ja? Ein schöner Titel.

Er fasst beinahe Ihre gesamte Filmografie

zusammen: Oft geht es um eine Vatersuche.

Stimmt. Es geht immer um die Suche nach

Wurzeln. Die Familie ist eine Obsession für

mich.

Woher rührt das?

Ich glaube, das hat viel mit der Fotografie zu

tun. In der Fotografie herrscht ein anderes

Verhältnis zur Zeit: Sie kann etwas festhalten,

was vergangen und tot ist. Die Vergangenheit

hinterlässt in ihr einen Abdruck.

Meine Mutter hatte die etwas morbide Angewohnheit,

unser ganzes Haus mit Vergrößerungen

ihrer Bilder zu tapezieren. So war

unsere Familiengeschichte überall präsent.

Mich hat diese Obsession früh angesteckt.

Schon mit neun Jahren ließen meine Eltern

mich allein auf den Flohmarkt gehen, wo ich

mit meinem Taschengeld alte Fotos und Zeitschriften

kaufte. Ich lebte eher in der Vergangenheit

als in der Gegenwart. Mit Fünfzehn

hat mich ein Film von Truffaut ungeheuer

beeindruckt, Das grüne Zimmer. Da geht es

um jemanden, der das Andenken der Toten

bewahren und sie dadurch weiterleben lassen

will. Deshalb mag ich sicher auch die Installationen

von Christian Boltanski so gern, der

viel über die Shoah arbeitet und Erinnerungen

ganz haptisch darstellt, in dem er Kleindung

und andere Artefakte sammelt.

In „Plein Sud“ geht es wie in vielen Ihrer Filme

darum, die Vergangenheit zu rekonstruieren,

ein Familientrauma aufzuarbeiten. War Ihnen

schon beim Schreiben klar, dass Sie die Erinnerungen

von Sam wie eine parallele Geschichte

erzählen wollen?

Ja, das war schon im Drehbuch angelegt.

Aber die Rückblenden waren anders platziert.

Nun sind sie stärker in die Handlung eingeflochten.

Sams Vater taucht zum Beispiel erst

später auf. Je mehr sich Sam seiner Mutter

nähert, desto stärker ist der Vater präsent.

Ich führe ja eigentlich zwei Geschichten

parallel, eine äußere und die innere

Reise. Zugleich sind das aber auch ästhetisch

gegenläufige Linien. Da gibt es einerseits

Sams Familiengeschichte, die sehr melodramatisch

ist. Und dann die Geschichte der

Anhalter, die er mitnimmt. Die ist beinahe

wie eine amerikanische Sitcom erzählt. Sie

sind eher Figuren als Charaktere, aber laden

den Film noch einmal mit einer ganz anderen

Energie auf.

Wie in „Sommer wie Winter …“ ist auch hier

die Mutter depressiv.

Ja, meine Filme werden bevölkert von kranken,

zerstörten, verlorenen Familien. Das

Glück passt da nicht hinein.

Das gilt auch für die Familie, die sich spontan

während der Autofahrt bildet.

Mich erstaunt selbst, welch starkes Klima von

Aggressionen und Konflikten da entstand. Es

herrscht ein ständiger Kampf, die Beziehungen

untereinander sind allesamt bedroht,

können in jedem Moment abgebrochen werden.

Wie gesagt, ich kann keine Geschichte

über harmonische Familien erzählen.

kino

Was wird aus den Anhaltern, nachdem Sam

sie zurücklässt?

Keine Ahnung. In einer früheren Drehbuchfassung

blieben sie zusammen und suchten

gemeinsam seine Mutter. Aber wir fanden,

dass es dramaturgisch ein Opfer geben muss,

dass sich ihre Wege trennen müssen.

„Plein Sud“ ist ein ungewöhnliches Roadmovie,

weil die Fahrt wie eine Blase der Emotionen

wirkt. Er spielt zwar in einer vagen Gegenwart,

kommt aber ohne sozialen Kontext aus.

Genau, es sollte ein lyrischer Film werden.

Eigentlich geht es um die Frage, ob Sam weiterleben

oder sterben will. Seine Mission,

die er sich selbst gewählt hat, ist morbide,

selbstzerstörerisch. Auch wenn die Jüngeren

das Leben verkörpern, ist das, was ihn heimsucht,

stärker.

Tatsächlich ist es in gewisser Weise ein Geisterfilm.

Dabei spielt Nicole Garcia die Mutter

jedoch nicht als ein Phantom, sondern verleiht

ihr eine sehr konkrete Präsenz.

Das ist ein wichtiges Wort für mich: Phantom.

Meine Filme kreisen um das, was uns

heimsucht. Aber Sie haben Recht, die Konkretion

ist ebenso wichtig. Bei Nicole wusste

ich, dass sie der Mutter auch Menschlichkeit

geben würde. Sie hat nur wenige Szenen, in

denen sie Ihre Figur entstehen lassen kann.

Das gilt eigentlich für alle Schauspieler: Sie

müssen physisch sofort präsent sein. Lea

Seydoux ist eine Lolita, Théo Frilet ist ein

romantischer Prinz, Yannick Renier ist etwas

trocken und finster, wie ein Westernheld.

Meine Filme sind so lakonisch und elliptisch

erzählt, da müssen wenigstens die Figuren

eine Evidenz besitzen.

Plein Sud

von Sébastien Lifsitz

FR 2009, 87 Minuten, OmU

Edition Salzgeber, www.salzgeber.de

Im Kino

Gay-Filmnacht am 19. November

www.gay-filmnacht.de

Kinostart: Dezember 2010

17


kino

DeR

uNZeitgemÄSSe

von Bert reBhandl

in ihrem schwebenden Porträt „Daniel Schmid – Le chat qui pense“ (ab 2. September im Kino) verbinden

Pascal Hofmann und Benny Jaberg Filmausschnitte, Archivmaterial und interviews mit Schmids Freunden

und Wegbegleitern zu einer liebevollen und angemessenen Würdigung des Schweizer Filmemachers. Wer

bisher keine oder nur einzelne Filme von Daniel Schmid (1941–2006) kannte, wird sie nach diesem poetischen

Dokumentarfilm alle sehen wollen, denn seine Filme sind welthaltig, eigenständig und warmherzig

und bilden einen besonderen Beitrag zum Weltkino. unser Autor markiert in seinem Text für die SiSSY die

besondere Querstellung des Schmid-Kinos.

s Die Ewigkeit ist eine Vorstellung, die einen kleinen Jungen überfordern

muss. Er hat die Zeit in ihrer Offenheit vor sich, kaum nachzuvollziehen

also, wie es in einem Himmel (oder in einer Hölle) sein

soll, in der gar keine Zeit mehr vergeht. Bleibt dann alles immer so,

wie es jetzt gerade ist? Ein schrecklicher Gedanke, den Daniel Schmid

nichtsdestoweniger in seinem Film Zwischensaison in Szene setzt. Der

kleine Valentin, das kindliche Alter Ego des Filmemachers, durchschreitet

mit seiner Großmutter einen Himmel, der identisch ist mit

dem Schweizer Alpenhotel, in dem er aufwächst. Alle Gäste sind da,

in weißen Engelsgewändern, nur lebendig sind sie nicht mehr. Sie sind

eingefroren in ein Lächeln, das als ein Stereotyp von Glückseligkeit

erscheinen soll, das in Wahrheit aber grotesk ist wie die ganze Szene.

Es ist paradoxerweise die Zeit selbst, die diesem erstarrten

Moment die Groteskerie wieder nimmt, die ihn zu einer zärtlichen

Erinnerung macht, in der sich der Künstler verlieren konnte, zu dem

Daniel Schmid geworden ist: ein Filmemacher aus Graubünden, ein

Weltbürger, der in Berlin und Paris gelebt und in Tokio gedreht hat,

der aber immer an dieses wie der Zeit entrückte Hotel „mit Meerblick“

in den Alpen zurückgebunden blieb. Der Proust’sche Gestus der

(Wieder-)Belebung von Objekten, von dem nicht nur Zwischensaison

geprägt ist, weist dem Regisseur von Filmen eine besondere Rolle zu,

die in den Kindheitstagen im Hotel ihr erstes Vorbild in dem Zauberer

Professor Malini hatte, von dem Valentin/Daniel seinen damaligen

Berufwunsch ableiten konnte: „maître d’effets spéciaux“, Meister der

Spezialeffekte.

Daniel Schmid gehört zu einer Generation, deren Ambivalenz

gegenüber dem Kino sich gut mit diesem Begriff beschreiben lässt:

Das Medium ist als solches ein Spezialeffekt, eine technische Pointe,

in der die Alltagswahrnehmung überboten wird. Man kann diese

Überbietung zelebrieren, oder man kann sie in Dienst nehmen, für

Zwecke, die dem Medium äußerlich sind. Als Schmid in den 1960er

Jahren in Berlin das Studium an der dffb aufnahm, in deren erstem

Jahrgang, da begann der kritische Diskurs zum Kino gerade mit aller

Wucht. Gleichzeitig gab es im deutschsprachigen Autorenfilm dieser

Jahre aber auch zahlreiche Außenseiter, die sich vom Imaginationspotential

des Mediums nicht abbringen lassen wollten.

Man unterschied damals in der Filmkritik zwischen einer politischen

und einer ästhetischen Linken, zwei Begriffe, die wie verzerrte

westliche Korrelate zu den Formalismusdebatten in den kommunistischen

Ländern wirken mussten. Einer politischen Linken waren

Formfragen oder gar ästhetische Qualitäten erst in zweiter Linie

angelegen, wichtiger waren inhaltliche Fragen (in den achtziger Jahren

hatten diese Debatten eine zweite Auflage im Zusammenhang

der Repräsentationskritik, die verstärkt aus der Position von Minderheiten

geübt wurde: schwullesbische, feministische, antirassistische

Identitätspolitik).

Daniel Schmid war homosexuell, aber nicht das erscheint im

Rückblick als der entscheidende Grund dafür, dass er ausgerechnet

um 1968 mit einer dezidierten Option für das ästhetische Potential des

Kinos hervortrat. Es hat wohl eher mit den unterschiedlichen Zeitlichkeiten

zu tun, die zwischen der politischen und der ästhetischen

Linken nicht zu verhandeln waren. In dem Dokumentarfilm Daniel

Schmid – Le chat qui pense von Pascal Hofman und Benny Jaberg gibt

es eine bezeichnende Szene, in der Schmid zu sehen ist, wie er 1973

auf den Solothurner Filmtagen seinen Film Heute nacht oder nie verteidigt,

der als zu ästhetisch in den Verdacht politischer Irrelevanz

geraten war. Der Regisseur sitzt auf dem Podium, rauchend, und sagt

einen bedeutungsvollen Satz: „Ich habe keine Vorstellung davon, wie

es weitergeht.“

Damit bringt er einerseits einen latent apokalyptischen Zeitgeist

zum Ausdruck, der in den 1970er Jahren immer neue Nahrung fand.

Es äußert sich in diesem Satz aber auch noch etwas Grundsätzlicheres,

eine künstlerische Position, die dem Bildmedium Kino eine

Funktion zuschreibt, die eben konstitutiv nach hinten gerichtet ist,

auf die Rekonstruktion von Szenarien, die der Gegenwart erst die

Prägung gegeben haben. Die ästhetische Option von Daniel Schmid

ist zugleich eine Option für eine bestimmte Zeitlichkeit, die sich in

unterschiedlichen Konstellationen durch sein Werk zieht: die mytho-

logische Grundierung einer erotischen Passion vor

kolonialem Hintergrund in Hécate, aber auch der markante

Traditionalismus des Kabuki in Das geschriebene

Gesicht, in dem es um japanische Tradition geht, über die

sich eine weiter gefasste, westliche Nostalgie vermitteln

kann. Von Schmid erzählen die Menschen, die ihn gut

gekannt haben, in Le chat qui pense, dass er immer einmal

nach Shanghai wollte (der Hafen von Tokio in Das

geschriebene Gesicht ist wohl auch ein „Stand-In“ für den

Weltumschlagplatz der chinesischen Hafenstadt). Aber

er hatte nicht die Metropole der chinesischen Modernisierung

vor dem geistigen Auge, die heute so viele Menschen

interessiert, sondern ein geistiges, ein ästhetisches

Shanghai, das für ihn ein für alle Mal durch die Filme von

Josef von Sternberg bestimmt war. Auch hier herrscht also

ein Geist von cinephiler Retrospektivität, der einher geht

mit dem Beharren auf einer ästhetischen Überhöhung,

von der das Medium Film in seinem Mainstream schon

lange Abschied genommen hat – und den es während des

guten Vierteljahrhunderts seines filmischen Schaffens

auch den Randbereichen auszutreiben beginnt. Ästhetische

Überhöhung bedeutet auch: Kontakt zu den anderen

Kunstformen, Hang zum Gesamtkunstwerk, taktile und

musikalische Prägung, Theatralität und Literarizität.

In Hécate erzählte Schmid nach einem Roman von

Paul Morand die Geschichte eines französischen Kolonialbeamten,

der in der fremden Welt des Orients einer

schönen, eigenwilligen Frau verfällt. Clothilde de Watteville

wurde von Lauren Hutton gespielt, die als Fotomodell

und Schauspielerin beide Bereiche zu transzendieren

vermochte und davor schon von Paul Schrader (in American

Gigolo, 1980) sehr ikonisch eingesetzt wurde. Hutton

spielt in Hécate die unbewusste, weil ganz auf sich konzentrierte

Verführerin, die ihren Verehrer immer stärker

in die Eifersucht treibt. Auch hier findet sich (wohl schon

in der Vorlage) ein Satz, der die ästhetische Überhöhung

in das Präteritum (und in den Kontext eines Mediums)

stellt: „Die Tage vergingen wie in einem alten Film, in

dem der Wind die Kalenderblätter davonweht.“

Schmid war kein unpolitischer Regisseur, und in

Hécate ist auch erkennbar, dass ihn dieser Stoff nicht

zuletzt deswegen interessiert, weil sich darin etwas

kreuzte: das allmähliche Untergehen der großen, westlichen

Kolonialimperien mit dem Entstehen eines Medi-

Die tage vergingen wie in einem alten Film,

in dem der wind die kalenderblätter davonweht.

ums, das davon technische Bilder überlieferte. Das Kino

löst die Kalenderblätter ab, die in dem genannten Zitat

ein dem Alltag entrücktes Vergehen der Zeit (nicht mehr)

markieren, das Kino hat die Kalenderblätter aber auch

abgelöst, insofern ein neueres Massenkommunikationsmittel

an die Stelle eines älteren getreten ist, eines, das

sich mit einem viel stärkeren Imaginationspotential verbunden

hat – und dieses immer wieder schnöde an die

kulturindustrielle Bewirtschaftung desselben verrät.

Hécate entstand 1982, im Werk von Schmid markiert

es einen Höhepunkt insofern, als es seinen Moment der

Qualität darstellt (Qualität durchaus in jenem Sinn verstanden,

der von der Nouvelle Vague zur Überwindung

und Ablösung freigegeben worden war). Qualität wird

hier durch die Vorlage, durch das Budget einer internationalen

Koproduktion, durch den amerikanischen Star

Lauren Hutton gewährleistet. Nach Heute nacht oder nie

und Schatten der Engel, zwei seiner wichtigsten Filme

18 19

EDiTioN SALzGEBEr

kino


kino

Daniel Schmidt – Le chat qui pense

von Pascal Hofmann und Benny Jaberg

CH 2010, 83 Minuten, OmU

Edition Salzgeber, www.salzgeber.de

Im Kino

Ab 2. September in ausgewählten Kinos.

Das Metropolis (Hamburg) und die Tilsiter

Lichtspiele (Berlin) zeigen begleitend auch Filme

von Daniel Schmid, ebenso das Kino achteinhalb

(Saarbrücken) ab dem 27. September.

www.danielschmid-film.com

EDiTioN SALzGEBEr (2)

aus den 1970er Jahren, war dieser Weg nicht unbedingt absehbar.

Denn Schmid hatte sich damals, zwischen den beiden paradigmatischen

deutschen Positionen von Werner Schroeter und Rainer

Werner Fassbinder, dafür entschieden, so lange wie möglich beiden

zu entsprechen. Das bedeutete konkret in Heute nacht oder nie und

vier Jahre später in Schatten der Engel: Verschiebung der politischen

Revolution ins Ästhetische und danach Verschiebung der politischen

Enttäuschung in die Dekadenz. Heute nacht oder nie war Schmids

Revolutionsfilm, und vermutlich hat er deswegen so viel Ärgernis

erregt, weil darin so deutlich dem revolutionären Umschwung das

Subjekt geraubt wurde. Die Dienerschaft, die hier einem alten Brauch

entsprechend einen Abend lang die Herren stellt (während die Herrschaft

zu ihrer Unterhaltung alles aufbietet, was sie an Tenören und

Tangos zu bieten hat), versäumt nachgerade programmatisch den

Moment, an dem die alte Ordnung wieder ins Recht gesetzt wird. Sie

ergreift ihre Chance nicht (weil Schmid sie auch schonungslos als

begriffsstutzig darstellt), deswegen bleibt alles beim Alten in diesem

alten Schloss, das in der langen Vorspannsequenz als Ort der Handlung

etabliert wird und das dabei stark transsilvanische Konnotationen

bekommt. In Heute nacht oder nie wird wenig gesprochen, dafür

aber umso mehr gesungen und musiziert. Der Soundtrack des Films

ist dessen eigentlicher Diskurs, eine Abfolge unterschiedlichster

kultureller Formen von der italienischen Oper des 19. Jahrhunderts

bis zu einem modernen Musikstück, zu dem Schmid eine großartige

(Wimmelbild-)Plansequenz entworfen hat. Dazu kommen Schlager

und Tanzmusik, all das also, was für einen kleinen Jungen, der auf

der Bühne des Foyers eines Traditionshotels aufgewachsen ist, die

Welt bedeutet.

Während aber Werner Schroeter in diesen Jahren zum Teil sich

vollständig ins Asemantische und Avantgardistische wagt (Eika

Ka tappa), kappt Schmid die Verbindungen zum herkömmlichen Spielfilm

nicht. In La Paloma spielt seine Muse Ingrid Caven eine Prostituierte,

die sich für ihr Zuhören und ihr Schweigen bezahlen lässt, und

die nach einem Mann sucht, der ihr das Leben nehmen kann. In Schatten

der Engel wiederholt die Caven diese Rolle unter den veränderten

Vorzeichen des noch stärker politisch und nachkriegshistorisch konnotierten

Patriarchats: Fassbinder, der die umstrittene Vorlage, das

Stück „Die Stadt, der Müll und der Tod“ geschrieben hatte, spielt ihren

Zuhälter, und Klaus Löwitsch die Skandalfigur von Film und Stück,

den reichen Juden. Die ganze Anlage dieser Verfilmung zeugt von

Schmids unbedingtem Glauben an eine Unschuld des Ästhetischen –

er hat nicht versucht, der Vorlage von Fassbinder das Anstößige (den

vielfach festgestellten Antisemitismus, der in der Darstellung einer

Klischeefigur liegt) zu nehmen, er hat es in einen Zusammenhang

gestellt, der Ästhetik in unrettbare Ambivalenz umschlagen lässt. Er

hat später nie mehr so radikal auf der Freiheit der Kunst bestanden,

durch ihre eigene Zeitlichkeit auch an Tabus des Politischen rühren

zu können: die Abstumpfung der Arbeiterklasse, die Ortlosigkeit

der Juden in Nachkriegsdeutschland, die sexuelle Grundierung des

Kolonialismus. Daniel Schmid wurde zu einem konventionelleren

Filmemacher, der sich an das europäische Autorenkino der Qualität

annäherte, während Fassbinder die amerikanischen Genreformen,

vor allem das Melodram, auf den Stand der bundesrepublikanischen

Wirklichkeit zu bringen versuchte. Es wäre reizvoll, die spezifische

Unzeitgemäßheit von Daniel Schmid mit seiner Herkunft aus der

Schweiz in Beziehung zu setzen: ein Filmemacher aus der provinziellen

Mitte Europas konstituiert für sich selbst und für das Kino einen

Sehnsuchtsort, der die Herkunft transzendiert – einen Himmel des

Ästhetischen, zugleich politische Utopie und anachronistische Politik,

ein Bubentraum, in dem der Protagonist allmählich lernt, auf Spezialeffekte

zu verzichten. Er wird erwachsen, aber er steht doch kompromisslos

quer / queer zu der Zeitordnung des linearen Fortschritts.

Eine Kraft der Vergangenheit, deren Sprengkraft nicht selten unterschätzt

wird. s

Voll autobiografisch

von dietrich kuhlBrodt

Frank ripplohs Kultfilm über einen schwulen Lehrer, der seine bürgerliche Existenz mit einem

facettenreichen Sexualleben in Einklang zu bringen versucht, stach 1980 in das Wespennest einer um

positive Selbstbilder bemühten Schwulenszene. Angesichts der Kino-Wiederaufführung am 4. November

kann man wie unser Autor feststellen, wie haltbar diese filmische Provokation nach wie vor ist.

s Da ist er also wieder, der Kultfilm von vor dreißig Jahren. Schwuler

Sex bis zum Abwinken. „Witzig, konsequent und unsentimental“,

lobte damals das Time Magazine. Und die Süddeutsche Zeitung sah

eine schwule „Komödie voller Selbstironie und raschem Witz. Dergleichen

gab es noch nicht“. Und heute, hallo, gibt’s dergleichen

inzwischen? Antwort: mitnichten. Ich sah den Film 1981. Ich sehe ihn

2010. Und Taxi zum Klo ist frech und frisch und quicklebendig wie

eh und je. Okay, um glaubwürdig zu sein, müsste ich an irgendwas

herummäkeln. Mach ich vielleicht später. Zum Beispiel stimmt es

nicht, dass Regisseur und Hauptdarsteller Frank Ripploh lebt. Er ist

vor acht Jahren gestorben. An Krebs. Im Krankenhaus lag er damals,

wegen Virenzeug, glaube ich. Aids gab es ja noch nicht. Was tun,

wenn’s im Bett langweilig wird? Also das Taxi zur Klappe. Bitte, eine

halbe Stunde warten. Zeit für ein paar erigierte Penisse. Und zurück.

Ja, die Handlung. Sie ist voll autobiografisch. Frank, genannt

Peggy, Hauptschullehrer in Berlin, unterrichtet eine Jungsklasse als

Beamter auf Probe (war er auch noch während der Drehzeit). Ein

originaler Schwarzweißlehrfilm über das, was heute als Missbrauch

bekannt geworden ist, wird gezeigt. Zur Abwechslung wird in das

Lehrmaterial ein Junge eingeschnitten, der mit Vergnügen auf Peggys

Schoß hopst. Wer das nicht mehr okay findet und sich auskennt,

kann sich mit Auftritten von Magdalena Montezuma (Arzthelferin)

und Tabea Blumenschein vergnügen. Als Großwetterlage haben wir

viel Regen in Berlin. Am Fehrbelliner Platz und drum herum. So war

das 1980. Ein jungbeamtenwürdiges Ambiente. Peggy lässt sich von

Bernd (Bernd Broaderup), Kino-Vorführer in der Yorckstraße, bekochen,

betun, betutteln und mit Visionen vom gesunden Landleben

belabern, am besten einen kleinen Hof bei Hitzacker mit viel Schafen

drauf. Folge: „Wir müssen reden.“ Weitere Folge: Peggy sucht

seine Sexpartner auf der Straße oder wo auch immer. Muscleboys,

Schüchterlinge, den Tankwart rumkriegen. Fellatio, Ejakulation in

Pro-FuN MEDiA

den Mund, Samenschlucken in Großaufnahme und in der Länge, die

es braucht, um zum Orgasmus zu kommen. Übrigens ist es der ejakulierende

Schwanz von Regisseur Frank Ripploh, der ausführlich

zur Geltung kommt. Und dann geht’s der Reihe nach inklusive Golden

Shower.

Eklig eventuell? – Aber nein. Was wir sehen, ist auf fast geheimnisvolle

Weise ehrlich, selbstironisch und trotz der vielen komischen

Elemente im Ergebnis eben nicht eine Komödie. Es sieht sogar tragisch

aus für das Paar Bernd/Peggy. Zum Berliner Tuntenball kommt

Bernd als Matrose, seine Schafe im Kopf. Peggy aber im Citykobrafummel,

ganz in Tüll. Die Nacht ist um. Die Schule fängt an. Keine

Zeit zum Umziehen. Peggy beginnt die Stunde im Fummel. – Noch

Fragen? Den Film ansehen!

Taxi im Klo wurde 1981 aus dem Stand bejubelt, unisono von

Zuschauern und Filmkritik. Gewiss, die Darsteller sprechen nicht wie

Schauspieler, sondern wie Laien. Aber grad das machte den Witz, die

Offenheit und die Ehrlichkeit (sprich: Authentizität) des Films aus.

Und siehe da, das was überall sonst als Pornografie verboten wird,

wurde in Ripplohs Film normal. Ein Einmalereignis. Die Behörden

gaben den Film frei. Gedreht war er mit 100.000 DM ohne irgendein

Fördermittel. Taxi to the Toilet sahen in New York 200.000 Besucher.

Eingespielt hatte er allein dort eine Million Dollar. In Boston wurde er

zum besten fremdsprachigen Film gekürt. In der BRD wurde er ebenfalls

Kult. In den Kinos. Auf den Festivals (Hof, dann Saarbrücken mit

dem renommierten Max-Ophüls-Preis). Aber weil das damals alles so

war, bräuchte das heute nicht zu interessieren. Das Sensationelle ist

doch, dass das, was Film-Einmalereignis der frühen achtziger Jahre

war, auch heute funktioniert. Aus dem Stand. Jedenfalls bei mir.

Mehr kann ich ja nicht sagen. Ich rede doch keinem etwas ein. Aber

ich gönne allen die Fahrt mit dem Taxi zum Klo. s

Taxi zum Klo

von Frank Ripploh

DE 1979, 91 Minuten, dt. OF

Pro-Fun Media, www.pro-fun.de

Im Kino

Kinostart der Wiederaufführung: 4. November

20 21

kino


kino kino

Der

Fremdkörper

von Paul schulz

Nach „Parallel Sons“ und „Winter der Entscheidung“ erzählt

John G. Young in „Wasser und Blut“ (Kinostart: 2. September)

eine tragische Südstaatengeschichte. Schön. Traurig.

s Die Messlatte ist fix gelegt, und zwar hoch. William Faulkner,

Flannery O’Connor, James Baldwin. Das ganz große Fish-Out-Of-

Water-Südstaaten-Drama soll Wasser und Blut sein. Der deutsche

Titel des Films spielt fein mit der Dickflüssigkeit und damit verbundenen

Sprichwörtlichkeit beider Substanzen und fasst die (Wahl-)

Familiengeschichte, die der Film auch ist, so gut zusammen. Leider

verpasst er dabei die Anspielung des Originaltitels (Rivers wash over

me) auf die Passionsgeschichte. So sind die Zuschauer nicht sofort

darüber im Bilde, was da auf sie zurollt.

Sequan ist schwarz, schwul und das, was man in seiner bisherigen

New Yorker Heimat „artsy“ nennt: eine kleine Tunte mit großen

Träumen, die sie in bunten T-Shirts und engen Hosen mit sich

herumträgt. Nach dem Tod seiner Mutter muss er zu seiner Tante in

den tiefsten Süden der USA in ein verschlafenes Kaff ziehen, in dem

BiLDKrAFT

nur drei Dinge wirklich zählen: der liebe Gott, Ruhe als erste Bürgerpflicht

und Football. Sequan hat für nichts davon eine große Begabung,

glaubt, seine Identität längst gefunden zu haben und will sich

nicht anpassen.

Das wird ihm zum Verhängnis. Wasser und Blut mutet seinem Publikum

viel zu: Schläge, Vergewaltigung, Drogen, familiäre Kälte und

ein großes, grausames Schweigen über alle Probleme der kleinstädtischen

Gemeinschaft. Hält sich also an seine Vorgabe: Die Geschichte

des Fremden, der in eine Gemeinschaft geworfen wird, die weder willens

noch in der Lage ist, ihn aufzunehmen, und in der er an seiner

Entfremdung und Einsamkeit zu Grunde geht, ist Grundlage vieler

großer Romane und einiger Filme über den amerikanischen Süden.

Allerdings ist Wasser und Blut explizit, wo Faulkner oder Baldwin ob

ihres Produktionszeitraumes verschämt sein mussten: Sequans Problem

ist seine Sexualität. Oder besser: sein Umgang damit. Denn es

ist nicht so, dass es in seiner neuen Umgebung keine Schwulen gäbe.

Einer davon ist Sequans Cousin, mit dem er ein Zimmer und bald auch

das Bett teilt, allerdings nie freiwillig. „I can’t be a faggot. You are the

faggot. You are my faggot, bitch“, fasst der Peiniger seine Sicht der

Welt zusammen.

Regisseur und Drehbuchautor John G. Young hat schon mit Parallel

Sons und Winter der Entscheidung das amerikanische Independentkino

um zwei spannende Beiträge über Identität bereichert.

Und auch dort trafen schon weiße und schwarze Lebenswelten aufeinander.

Das tun sie auch hier: Sequan trifft Lori, die weiße, reiche, ständig

koksende Highschoolschlampe. Für sie ist es Freundschaft auf den

ersten Blick, der Exil-New Yorker muss erst ein bisschen abwarten

und schauen, bevor er bemerkt, dass hinter Loris katastrophaler Fassade

und großem Mundwerk ein noch größeres Herz und ein scharfer

Verstand stecken. Lori ist die vielleicht dankbarste Rolle im ganzen

Film. Oder vielleicht ist Elizabeth Dennis auch nur die talentierteste

Schauspielerin im gesamten, guten Ensemble. Sie ist jedenfalls diejenige,

deren Bild hängenbleibt vor dem geistigen Auge: die fröhlich

versoffene, dickere Schwester von Kirsten Dunst.

Was ein Problem des Films illustriert: Er ist niedlich, aber nicht

100% stimmig besetzt. Man sieht den Hauptdarstellern Derrick L.

Middleton und Aidan Schultz-Meyer sehr, sehr gern dabei zu, wie sie

sich als Sequan und Loris kleiner Bruder Jake zart ineinander verlieben.

Aber die großen emotionalen Bögen des Films sind ab und an

zu groß für die beiden Herren mit den großen Welpenaugen und den

einander fremden Körpern. Da hätte John G. Young gut daran getan,

fünf Jahre älter zu casten.

Aber das ist auch egal. Denn entweder lässt man sich von dem

emotionalen Sturm und Drang, den Wasser und Blut auffährt, mitreißen

und sich von der simplen Digitalkamera-Ästhetik nicht stören.

Oder man lehnt sich entspannt europäisch zurück und fängt an

zu nörgeln. Was schade wäre. Denn Wasser und Blut ist ein wirklich

guter, kleiner Film. Vielleicht nicht ganz Faulkner-Roman, aber eine

hübsche, dunkle Kurzgeschichte des Meisters. s

Wasser und Blut

von John G. Young

US 2009, 87 Minuten, OmU

Bildkraft,www.bildkraft.biz

Im Kino

Kinostart: 2. September

Sorgepflichten

von richard garay

Thomas und Francisco lieben sich. Der eine ist der fünf Jahre älter Bruder des anderen. Das schwule inzest-

Thema macht aus „From Beginning To End“ laut Verleih einen „Skandalfilm“. unser Autor fragt sich, worin

genau der Skandal hier begründet ist. Alle anderen können sich das ab dem 11. November fragen, denn

dann ist der Film im Kino zu sehen.

s Ich gebe zu: Ich bin Einzelkind. Ich habe das nie erlebt, was es

heißt, einen Bruder zu haben. Schon gar nicht, einen schwulen Bruder

zu haben. Ich kann mir natürlich vorstellen: die besondere Nähe,

die Ambivalenz zwischen Liebe, Fürsorge, Neid, Konkurrenz in den

Gefühlen zum Anderen. Die Pubertät zu erleben auf engem körperlichen

Raum mit einem anderen Jungen. Erfahrungen machen und

austauschen. Und alles, was ich mir nicht vorstellen konnte, habe ich

in „Just Above My Head“ von James Baldwin gelesen oder im Kurzfilm

Starcrossed von James Burkhammer gesehen.

Und jetzt kommen Thomas und Francisco, begleitet von einem

realen oder aufgebauschten Skandal in Brasilien, von über einer Million

Trailer-Klicks und einem verzögerten Kinostart. Und ich denke

mir: ja, Thomas und Francisco. Warum auch nicht? In der 40. Minute

dieses Films haben die beiden gerade ihre Mutter zu Grabe getragen,

stehen im Wohnzimmer der Designer-Wohnung vor einander und ziehen

sich aus. Und gestehen sich anschließend im Bett, warum sie sich

lieben. Und da geht alles durcheinander: Fürsorge, Bewunderung,

Gewöhnung, Männlichkeitsideen und Unaussprechliches. Und mit

einer gewaltigen Geste braust die Musik auf, wird das Orchester angeworfen,

wie schon so oft und nicht zum letzten Mal in diesem Film.

Regisseur Aluizio Abranches will nämlich: die große, gewaltige,

unendliche, nicht zur Ruhe kommende Liebe erzählen, die Verschmelzung,

das Eins-Werden, das Klein- und Bedeutungslos-Werden der

Welt um zwei Menschen herum, from Beginning to End.

Der Eine öffnet als Neugeborener erst die Augen, als der fünf

Jahre Ältere vor ihm steht. Und wird auch sonst niemanden mehr

ansehen. Der Ältere wird dem Vater die Sorgepflicht für den Bruder

abnehmen. Und wird auch sonst niemand anderen sich mehr um ihn

sorgen lassen, noch nicht mal den Bruder für sich selbst.

Aber was ist das für eine Welt, die so bedeutungslos werden kann

für zwei Brüder, die sich lieben? Es gibt zwei Väter, immerhin. Einer

Pro-FuN MEDiA

in Rio, also zuhause, der andere in Buenos Aires. Beide haben wenig zu

melden, nur besorgt zu schauen. Und sich schließlich milde aus dem

Staub zu machen. Es gibt eine Mutter, die ebenfalls besorgt schaut.

Und aus Rücksichtnahme auf diese Mutter passiert der besorgniserregende

Sex erst nach ihrem Tod. Es gibt eine Wohnung, hell, groß,

weiß, teuer eingerichtet, mit Swimmingpool. Diese wird den Brüdern

einfach überlassen, so dass sie zum Liebesspiel die vertraute Designercouch

benutzen können. Es gibt andere – sehr wenige – Menschen

in diesem Film: Ein Schwimmlehrer ist darunter, der eigentlich

nicht gebraucht wird, weil der erfahrene Schwimmer Francisco

dem Schwimmtalent Thomas schon alles beigebracht hat. Ein DJ, der

Angst davor hat, seine Nachbarn mit seiner Musik zu belästigen. Ein

Club mit hübschen weißen harmlosen netten jungen Menschen, eine

Jeunesse dorée Rios, ohne Freaks, ohne Arme, ohne Schwarze. Aber

selbst, als Thomas plötzlich für drei Jahre ins olympische Schwimmertrainingscamp

nach Russland muss (wieso das eigentlich?), gibt

es einfach nichts und niemanden, kein Stück Welt, das zwischen die

beiden Brüder passt, die durch den Film strahlen, lächeln, tänzeln wie

zwei Menschen, die seit zwanzig Jahren in jedem Moment frisch verliebt

sind.

Das ist alles ungeheuerlich. Nicht, weil es um schwulen „Inzest“

geht (der ja aus bestimmten Gründen in der heterosexuellen Variante

tabuisiert ist). Nicht, weil tatsächlich nackte Haut und wilde

Küsse zu sehen sind, weil die Eltern Verständnis aufbringen und der

Film nahe legt, dass das immer so weiter gehen wird wie nach dem

Frischverlieben. Ungeheuerlich ist die filmische Zubereitung des

Ganzen, die soziale und ästhetische Isolation des Geschehens, die

Auflösung der Räume, Städte, der Zeit, der Konflikte – die sorgenfreie

Dolce&Gabbana-Welt, in der sich hier zwei Männer ansehen

und nichts anderes mehr sehen und sich berühren und nichts anderes

mehr berühren. In einer Szene auf der Designercouch liest der Ältere

dem Jüngeren eine obszöne Stelle aus einem Roman vor, es geht um

ein Loblied auf den männlichen Arsch, und das in eindeutiger Absicht.

Und dann sagt er „Bleib so!“ und geht kurz aus dem Bild und man kann

sich nichts anderes vorstellen, als dass er nun das Gleitgel holt. Doch

er holt zwei Gläser Champagner. s

From Beginning To End

von Aluizio Abranches

BR 2009, 94 Minuten, dt. SF / OF

Pro-Fun Media, www.pro-fun.de

Im Kino

Kinostart: 11. November

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kino

Ozonschichten

Uninteressiert an Menschen und ihren Problemen, oberflächlich, bourgeois, unbeständig,

zynisch – die Zeit, als François Ozon als einer der wichtigsten Vertreter des europäischen

Autorenkinos galt und sich die Kritiker gerne von seinen Filmen verblüffen und

herausfordern ließen, ist – so scheint es – vorbei. „Ein schlechter Witz“ hieß es über

„Ricky“, „ein Aufguss eines handelsüblichen Heulers“ über „Angel“. Da Ozon aber neben

Pedro Almodóvar der einzige Regisseur ist, der mit einer dezidiert queeren Position ein

größeres, bürgerliches Publikum erreicht, möchte es sich die SISSY anlässlich des neuen

Films „Rückkehr ans Meer“ (Start: 9. September) nicht so einfach mit ihm machen.

Also: drei Schwärmereien über François Ozon.

ArSENAL

1. Der Rollenspieler

von Jana PaPenBroock

„Natürlich zu sein ist eine so schwer aufrechtzuerhaltende Pose.“

(Oscar Wilde, „Ein idealer Gatte“)

s In „Notes On Camp“ (1964) unterscheidet Susan Sontag zwischen

„naivem Camp“ und „bedachtem Camp“, um die unterschiedlichen

Qualitäten von purem und gewissermaßen unschuldigem,

ernst gemeintem Kitsch und dem vorsätzlichen „Camping“, also dem

bewussten Parodieren von Kitsch, voneinander abzugrenzen. Was

Ozon so vermeintlich problematisch bzw. schwer zu fassen macht, ist

die Vermischung genau dieser eigentlich konträren Stile und Abstraktionsgrade.

Von Film zu Film und manchmal in einem einzigen Film

wechselt der Gestus unaufhörlich von seriösem, genuin unironischem

Kitsch, sowohl in der Charakterzeichnung seiner Figuren als auch in

der zum Teil sehr überhöhten Dramaturgie, zum verspielten, bewusst

inszenierten, postmodernen Zitat (wie die Tanzeinlage in Tropfen auf

heiße Steine, oder die Musicaleinlagen in 8 Frauen). Manchmal sind

seine Filme wiederum ganz schlichte, elliptisch elegant erzählte heterosexuelle

Dramen (wie 5µ2), die mit präzisem und zärtlichem Blick

vor allem auf die Frauenfiguren von den maßgeblichen Problemen der

Liebesbeziehung erzählen.

Wie Fassbinder oder Truffaut produziert Ozon seine Filme quasi

ununterbrochen in einem rasanten Tempo, was sich sowohl in der

immensen Quantität seines Œuvres äußert, als auch in der auffällig

heterogenen Vielfalt an Stilen, Genres und auch Qualität seiner

Werke. Wer so viele Filme macht, macht zwangsläufig einige Bessere

und andere weniger Gelungene. Dieser schnelle Produktionsrhythmus,

Filme eher skizzenhaft aus einem Wurf und einer Energie heraus

zu machen, anstatt jahrelang an einem Werk mit akribisch ausdifferenziertem

Plot und minutiöser Charakterentwicklung zu feilen,

führt dazu, dass Ozons Figuren oft nur bürgerlichen Stereotypien

entsprechen, die er jedoch immer durch ihre teils melodramatischen

Erlebnisse, ihr konfliktgeladenes und kontrastreiches Aufeinandertreffen

oder ihre ausgesprochen freie und unverklemmte Sexualität

aufbricht und wiederum teils ins Absurd-Groteske oder Überzeichnet-Stilisierte

verkehrt.

Seine oftmals künstlichen Plots reichen von skurril-unwirklichem,

stilistischem Perfektionismus, der an Douglas Sirk erinnert,

bis zum anderen Extrem des eher „hässlichen“, anti-stilisierten, sozialrealistischen

Stils eines Eric Rohmer, bei dem er in Paris studierte,

der vor allem über die Begegnung gegensätzlicher Charaktere, ihre

Gespräche und Lügen über Lebensentwürfe und -moral die „allzumenschlichen“

Prämissen gesellschaftlicher Verhältnisse und Rollenbilder

mit einem großzügig zwinkernden Auge entlarvt.

Eines ist freilich allen Filmen, vom verführerisch-glatten Swimming

Pool bis hin zum flüchtig-leichten Kurzfilm Das Sommerkleid

gemein: Alle seine Filme handeln von Liebenden, vom performativen

Spiel vermeintlicher Identität und ihrem Scheitern an derselben,

von der Artifizialität aller nominell natürlichen Posen und Verhältnisse,

die die Figuren immer neu für sich herausfinden müssen. Ozon

vermag mit einer Leichtigkeit von einem emotionalen Extrem zum

nächsten zu springen und noch einen drauf zu setzen, er ist furchtlos

vor diskontinuierlichen Stilen und zelebriert mit geradezu kindlicher

Liebe die Aufführung und das frontale Theater.

Man mag Ozon ein rein oberflächliches, kultisches und apolitisches

Verhältnis zum Film und zu seinen Stars vorwerfen. Wer das

tut übersieht jedoch, dass hinter dem stilisierten Exzess seiner Musicaleinlagen,

seiner manchmal holzschnittartigen, physisch perfekt

modellierten Schauspieler und seinem frivolen Camping immer eine

Kritik heterosexueller Vorrechte und Anmaßungen liegt, ein ironi-

scher Spott über eine für wahr gehaltene, eindeutige sexuelle Identität

und die Wahrnehmung des „seriösen“, gesellschaftlichen Lebens

als Theaterspektakel. Sein entspricht bei Ozon Rollenspielen, Realität

zeigt sich als Erscheinung, Wahrheit ist nichts als ein Stil und Charakter

eher die Wiederholung imitierter Personifikationen. In diesem

Sinne ist Ozon also ganz und gar anti-essentialistisch ein positiver

Materialist.

Seine Figuren tragen ihre affektiven Intensitäten vor sich her, die

sie eher aufführen und symbolisch repräsentieren, als psychologisierend

zu internalisieren. Sie spielen, probieren sich aus, gehen Risiken

ein und geben sich stets leidenschaftlich hin. Es gibt kaum einen Regisseur,

der so direkt und schön Paare beim Sex filmen kann wie Ozon.

Ob man seinen hybriden Stilmix nun als Pansch abwertet oder

facettenreich lobt, bleibt dem Zuschauer selbst überlassen.

Sein fester Platz in der Kinogeschichte und Repräsentanz queerer

und nicht-queerer Liebender ist gleichwohl unbestritten. s

2. wie die welt (wirklich)

(auch) (nicht) ist.

von andré wendler

s Il est different. Er ist anders, heißt es einmal in François Ozons

Ricky über das gleichnamige Vorstadt-Kind mit den Vogelflügeln.

Anders ist auch die Protagonistin aus Angel, die mit einem Wimpernschlag

von der Krämertochter zur gefeierten Bestsellerautorin wird.

Beide Filme gehören zusammen, weil in ihnen die Enden des Chiasmus

verkörpert sind, um den sich vielleicht alle Filme Ozons drehen.

Während Angel von der unwahrscheinlichen Kraft der Imagination

handelt, sich die Wirklichkeit völlig zu unterwerfen und sie schließlich

sogar zu verändern, lässt Ricky mitten in der sauersten Realität aus

Fließband und Sozialwohnung ein märchenhaftes Wesen erscheinen.

1. Angel Deverell schreibt offenbar die schlimmsten Kitschromane,

an die sich überhaupt denken lässt. Mehr als ein paar cheesy

Fragmente bekommen wir davon allerdings nicht zu hören: „Er

küsste ihre heißen Lippen im Licht der Sonne, die im brodelnden

Meer versank.“ Wir wissen nur, dass Angel mit diesem klebrigen Zeug

so berühmt wird, dass sie sich ein Haus kaufen kann, das direkt aus

diesen ihren Fiktionen zu stammen scheint: Paradise House ist eine

groteske Mischung aus Xanadu und Manderlay, vollgestopft mit den

unsäglichsten Dekorationen, historistischem Kunstkitsch, pferdegroßen

Hunden und was noch alles hier hin gehört. Angel durchwandert

diesen wahr gewordenen Traum mit absurden Kleidern, Hüten mit

ganzen ausgestopften Vögeln darauf, Mänteln in den wahnsinnigsten

Farb- und Stoffkombinationen. Ich mochte es selbst kaum glauben,

mit welch absurder Faszination ich Ozons Bilder dieser unsäglichen

Geschmacklosigkeiten anstarren musste. Man kann nicht

wegschauen, ebensowenig wie die Leser_innen Deverells von ihren

Büchern lassen können. Deverell ist camp, die Bilder tropfen vor Ironie,

aber man muss sie so ernst nehmen, wie Angel selbst ihre imaginierte

Welt nimmt, die ausdrücklich ihrer Fantasie entstammt und

eben nicht nach der Wirklichkeit geformt ist.

2. Ricky verfährt genau anders herum: Eine fast schon hyperrealistische

Welt, wie wir sie aus den Filmen etwa der Dardennes

kennen, wird plötzlich zum Ort wuchernder Fantasmen. Das neugeborene

Baby ist das erste Mal beim Abendessen der Familie dabei

und seine Schwester wünscht sich vom Hühnchen, das auf dem Tisch

steht, die Flügel, beißt herzhaft hinein und kaut schmatzend und mit

Blick auf ihren kleinen Bruder auf dem Vogelflügel herum. Kurz darauf

bekommt der Bruder selbst welche. Oder: Der Vater des Kleinen

ist stark behaart, was die Mutter besonders sexy, weil animalisch fin-

24 25

kino


kino

det. Was soll da nur für ein Kind herauskommen? All das entwickelt

mitten in dieser etwas trostlosen Arbeitersiedlung eine faszinierende

Plausibilität, der man sich kaum entziehen kann. Die Welt als Wunsch

und Vorstellung und nicht als moralische Lehranstalt.

3. Beide Filme haben etwas zauberhaft Leichtes, Unbeschwertes.

Vielleicht kommt das von ihrer Faszination für ihre Oberflächen, in

deren Zeichen sie bereitwillig und lustvoll ihrer Substanz entleert

werden. In Angel beispielsweise bleibt der Inhalt der Romane Angel

Deverells unbestimmt. Wir wissen nicht genau, worum es in ihren

Büchern geht, werden nur mit wenigen Details gefüttert, die gerade

genügen, um deren Charakter zu erraten. Der Film kreist um diese

letztlich leeren Bücher und lässt von ihnen nur eins übrig: ihren

Stil, ihren Charakter, ihre Poetik, ihre Machart. Und Ricky, der als

inhaltsschweres Sozialdrama beginnt, hat irgendwann nur noch das

Problem, was mit einem Kind zu machen ist, das Flügel hat.

4. Ozons Filme, und zwar nicht nur Ricky und Angel, ließen sich

nun leicht allegorisch lesen: Kinder, die flügge werden, die Einholung

eskapistischer Literatur durch die Realität usw. Durch ihr Insistieren

auf einem letztlich leeren Zentrum führen die Filme aber alle solche

Interpretation an der Nase herum. Vielleicht wäre es vor dem Hintergrund

solcher Entsubstantialisierungen einmal möglich, Ozon als

queeren Filmemacher zu bezeichnen, der nicht Identitäten sucht,

sondern deren Bedingungen dekonstruiert. s

3. Rückkehr ans meer

von Michael eckhardt

s Ja, man kann sie schon wieder anschwellen hören, all die schrillen

Stimmen jener nostalgischen Kläger und unilateralen Geschmackspolizisten,

die sich immer dann erheben, wenn François Ozon, das

einstige Wunderkind des französischen Kinos, sich anschickt, genau

den Film zu drehen, den sie so mal wieder nicht erwartet haben. Die

einen meinen träge, Ozon habe doch gefälligst bei seinen Wurzeln

zu bleiben und in Dauerschleife Blutig-Sexualisiertes à la Sitcom und

Schwül-Schräges im Geiste von Tropfen auf heiße Steine zu drehen.

Die anderen wiederum fordern dreist den Ozonschen Purismus, den

er in Unter dem Sand und Die Zeit die bleibt offerierte. Unisono wurde

genörgelt, als plötzlich in Angel – von den meisten Abtrünnigen unerkannt

augenzwinkernd – die Roben rauschten, und in Ricky einem

Baby spontan Flügel wuchsen. Ja, die Ansprüche an Ozon, gerade

durch die filmbeschreibende Zunft, sind keine geringen, genauer

betrachtet sind sie ziemlich grober Unfug. Und für Ozon selbst nicht

von großem Interesse. Er dreht allen Festgefahrenen eine Nase, denn

macht er doch einfach, was er will. Genau so sieht dann immer sein

nächster Film aus, und erfreut damit all jene, die nur eine Erwartung

an Ozon haben: vom spielfreudigsten Filmemacher der Gegenwart

das Unerwartete zu bekommen. Man kann es nicht genug goutieren,

dass es eben genau die erzählerische Diversität in Ozons Œuvre ist,

die ohne Abrieb anhaltend fasziniert, und dass sich diese formale

und inhaltliche Vielfalt dennoch in einer erkennbaren Handschrift

bündelt. Klingt widersprüchlich? Quatsch, man muss einfach Ozons

Filme sehen – immer wieder. Diesen hier zum Beispiel. Der ist beim

ersten Mal schon sehr gut, beim zweiten Mal bricht er einem fast das

Herz. Und zur Ergänzung für Erbsenzähler und Schubladenfetischisten

– ja, Rückkehr ans Meer ließe sich eher an die Seite der stilleren

Werke Ozons stellen.

Louis und Mousse – das klingt reiner, als es ist. Die Wohnung, in

der beide leben, ist barock, liegt an der Seine, in den großen Fenstern

spiegelt sich der nächtliche Fluss geradezu spielerisch. Doch hinter

dem Glas, da kriecht der Dreck. Da wohnt die Sucht. Da liegt ein kümmerliches

Bündel vor Schmerz gekrümmt auf den zerwühlten Laken

– Mousse. Da empfängt einer halbnackt und ungeduldig den Boten

kurzen Glücks – Louis. Und Licht kommt erst durch die Fenster, wenn

das Heroin zu wirken beginnt, und wenn sich für Louis das Tor ganz

weit öffnet. Seine Mutter findet den Jungen bizarr kniend, starren

Blickes und mit Schaum vor dem Mund auf dem Boden der prächtigen

Wohnung, Mousse aber kann gerettet werden. Allein dieser Moment,

der „nur“ Auftakt zur eigentlichen Geschichte ist, gelingt Ozon zum

großen „Chant de douleur“, da er in wenigen Pinselstrichen Schicksale,

Milieus, Lebenshaltungen und dann – gottlob – Zukünftiges

skizziert. Unglaublich! Diese ruhig inszenierten, traurigen Momente

ArSENAL

Alle Bilder aus „Rückkehr ans Meer“.

zu Beginn stellen Ende und Anfang gegenüber: Mousses Rettung ist der Neuanfang, für das

Ende steht die Kälte von Louis verbitterter, wohlhabender Mutter, die derart beherrscht dem

Heraustragen des Leichnams ihres leiblichen Kindes beiwohnt, dass man kotzen möchte.

Diese Frau trickst mit Resolution und hat dabei jede Kontrolle längst verloren. Ozon will

sie vergessen, zu Recht, und schaut zur nun auf sich gestellten Mousse – hin zu ihr und dem

Kind in ihrem Bauch. Das wachsende Baby ist für die strengstens auf den Ruf bedachte Familie

Louis’ nur eine „Angelegenheit“, um die sich ein vertrauter Arzt kümmern werde. Doch

Mousse geht weg, unangekündigt, weg vom Pariser Krach in eine ländliche Stille. Sie braucht

endlich Licht. Sie braucht Ruhe. Deswegen fühlt sie sich auch gestört, als sie einige Monate

später Besuch bekommt – von Paul, Louis’ schwulem Bruder. Schlichtweg faszinierend, wie

Ozon diese Ablehnung vorerst in Neugier und schließlich in tiefe Zuneigung transferiert, wie

es ihm gelingt, Ort und Zeit tatsächlich zu lebensnotwendigen Paradigmen zweier sich neu

Findender zu machen. Und diese Reise ans Meer ist natürlich auch für Ozon eine Rückkehr,

filmt doch keiner wie er den Strand. Und da darf man tatsächlich Parallelen ziehen – der trügerische

Postkartensonnenuntergang in 5µ2, die böse atlantische Pracht in Unter dem Sand

oder die Kindheitsspiegelungen am Meer in Die Zeit die bleibt. Aus letzterem „kopiert“ Ozon

ein sehr schönes Bild, wenn er jetzt in einer Szene Paul sich neben Louis schweigend ins Bett

legen und sie sich anschauen lässt, so wie einst Romain sich selbst als kindlicher Lockenkopf

begegnete. Das rührt unheimlich an, weil es viel über den brüderlichen Verlust erzählt, und

weil Ozon mit diesem Kniff eine ganz neue erzählerische Reife beweist, die ihm bestens steht.

Ozons Rückkehr ans Meer stellt mit Mousse und Paul ganz bewusst zwei so konträre Figuren

gegenüber, denn so ist es regelrecht schön zu sehen, wie Grenzen, Neigungen und Zukunftspläne

verwischen. Trotz aller Unterschiede in der Lebensweise verbindet Paul und Mousse

sehr viel, deswegen ist Rückkehr ans Meer auch eine Geschichte über fehlende Liebe, schmerzlichen

Verlust und nicht zuletzt über das Bewusstsein, dass wir alle in bestimmten Lebensphasen

allein sind – und manchmal allein sein müssen. Und da Ozon den harten Schnitt mag,

passt das – auf den flüchtigen Gedanken – doch sehr krasse Ende erst einmal sehr gut. Denn

wenn man ganz genau in Mousses Gesicht schaut, wenn man Paul beobachtet, wie er das Neugeborene

in seinen großen Händen hält, dann weiß man, dass es auch ein sehr erwachsener

und durchaus mit Hoffnung verbundener Schluss ist. s

Filmografie François Ozon

Kurzfilme: das Sommerkleid, der

kleine Tod, Besuch am Meer (1996–

1997, dVd edition Salzgeber)

Sitcom (1998, dVd Pro-Fun Media)

criminal Lovers (1999,

dVd alamode/alive)

Tropfen auf heiße Steine (2000,

dVd Pro-Fun Media)

Unter dem Sand (2000,

dVd alamode/alive)

8 Frauen (2002, dVd Universum)

Swimming Pool (2003, dVd highlight)

5∞2 (2004, dVd Paramount)

die Zeit die bleibt (2005, dVd Paramount)

angel (2007, dVd concorde)

ricky (2009, dVd concorde)

rückkehr ans Meer (2009)

Potiche (2010, abgedreht)

ArSENAL

Rückkehr ans Meer

von François Ozon

FR 2009, 90 Minuten, dt. SF / OmU

Arsenal, www.arsenalfilm.de

Im Kino

Kinostart: 9. September

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kino


kino

Augenblicksraum

von Jan küneMund

in „orly“, dem neuen Film von Angela Schanelec (Kinostart 21. oktober), fängt die Kamera Flirts von

Menschen ein, die in einer öffentlichen Wartesituation gefangen sind. Ein Cruising besonderer Art, das sich

auch auf die filmische Form überträgt.

s Der öffentliche Raum ist grundsätzlich sexualisiert und seine

Bewohner notwendigerweise Voyeure, behauptet der Stadtsoziologe

Henning Bech. Denn dort gewinne das Spiel der Blicke gerade in der

Grenzenlosigkeit des visuellen Angebots und im Bewusstsein, selbst

beobachtet zu werden, einen erotischen Reiz. Sich „einem Raum zu

überlassen, ohne zu wissen, was er mit einem macht“, so beschreibt

Angela Schanelec das, was mit ihren Figuren in Orly passiert. In der

räumlich gefassten Bewegung von Fremden wird dabei ein Rausch

der Potentialität inszeniert, in dem sich Blicke und Geschichten,

aber keine Identitäten ineinander verhaken.

Ein Junge wartet mit seiner Mutter im Flughafencafé. Er geht zur

Theke, bestellt etwas, bezahlt. Der junge Kellner bedient ihn professionell,

sie wechseln kaum einen Blick. Die Kamera registriert das aus

großer Entfernung. Der handlungsfixierte Kinozuschauer ist geneigt,

nur flüchtig zuzuschauen, so alltäglich und belanglos ist die Aktion.

Wenig später, der Junge ist als Handlungsträger des Films etabliert,

kommt der Kellner an seinen Tisch, fragt „darf ich?“ und räumt ab.

Und plötzlich: ein Blick. Ein Ansehen, ein verlegenes Wegsehen, ein

interessiertes Hinterhersehen. Und aus der Distanz, der Kellner ist

längst wieder hinter dem Tresen angelangt, fängt die Kamera zwei

lange Blicke auf. Vom Kellner, dann vom Jungen. Als der Junge mit

seiner Mutter das Café verlässt, sieht er sich nicht noch einmal nach

dem Kellner um. Und viel später läuft eine ganz andere Figur des

Films, die ihrerseits in einem erotischen Blickflirt gefangen ist, an

dem Kellner vorbei, für den das Spiel der Blicke vorbei ist. Erotisch

aufgeladen ist dieses Spiel nicht nur durch die Flirts der Flughafengäste

– es ist auch aufgeladen durch den Blick der Kamera, die sich

von weit weg als Voyeur betätigt, aus der Bewegung vieler Menschen

einzelne herausschält, ihnen ein Begehren gibt und dieses im Verlauf

des Films lebendig hält. Schanelec hat beschrieben, dass die Schauspieler

sich oft gar nicht von der Kamera beobachtet fühlten, weil

diese viel zu weit weg war.

Cruising ist eine subkulturelle Strategie, sich einen Raum anzuverwandeln,

der eigentlich eine andere Funktion erfüllt. Insofern

sind die erotischen Absichten nur für Menschen mit ähnlichen

Absichten lesbar. In diesem Spiel zählen keine Identitäten. Im

Gegenteil: Identitäten sind hinderlich, weil sie sich sichtbar und lesbar

machen wollen. Das Outing, das in diesem Film passiert, wird

damit zur Ungeheuerlichkeit, denn da bringt jemand plötzlich, in

einem Raum der flüchtigen Begegnungen, seine gesamte Identität

ins Spiel. Schanelec inszeniert das als verzweifelte Tat: Mutter und

Sohn, die sich niemals ausgesprochene Dinge erzählen, obwohl schon

jede banale Aussage zwischen ihnen missverstanden wird, Konflikte

provoziert, ins Leere läuft. Ihr Gespräch ist wie das zweier Fremder,

die sich die schlimmsten Dinge sagen können, weil sie außerhalb

dieses Raums keine Konsequenzen zu befürchten haben. Noch verzweifelter

wirkt ein Zufallsbekanntschaftspaar, dass sich die ganze

Lebensgeschichte erzählt, Kinderfotos zückt, die wichtigen, identi-

PiFFL MEDiEN (2)

Orly

von Angela Schanelec

DE/FR 2010, 84 Minuten, dt./frz. OF, dt. UT

Piffl Medien,www.piffl-medien.de

Im Kino

Kinostart: 21. Oktober

tätsstiftenden Momente markiert, im Reisesetting vom Zuhausesein

schwärmt und am Ende versucht, sich für das weitere Leben zu verabreden.

Hier bleibt der Film statisch, die Szenen sind dialoglastig,

wenn auch gut gespielt.

Der Cruising-Entwurf dazu, der sich notwendigerweise ganz

anders, filmischer, auflöst, dessen Poesie nur im Film zustande

kommt, sieht so aus: Ein junges Backpackerpaar wartet, sie schickt

ihn los, um noch etwas einzukaufen. An der Kasse steht er hinter

einer schönen Frau. Als sie sich umsieht, fängt sie seinen Blick auf.

Musik setzt ein (die einzige in diesem Film): Cat Power, Remember

Me. Und während diese „We are only here / just for a little while“

singt, fängt ein Spiel an aus Hinterhersehen, Innehalten, Verfolgen,

Überholen, aus Unbeteiligt-Tun und Heimlich-Anstarren, während

die Kamera von weit weg das Schauspiel verfolgt. Als der junge

Mann wieder bei seiner Freundin ist, wird die Musik nicht ausgeblendet,

auch nicht, als die Freundin schon mit ihm spricht. Obwohl

sie nebeneinander sitzen, zieht die Kamera sie scharf, ihn unscharf.

In diesem magischen Moment, der auf seinem Flirt beharrt, ist etwas

zwischen zwei Menschen passiert, das keine Konsequenzen hat, in

diesem Film aber alles bedeutet. Ob sie diesen Film „gebaut“ habe,

als „Architektin“, wurde Angela Schanelec gefragt. Sie antwortete:

„Nein, ich gucke ja nur.“ Naja. s

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Jetzt auf DVD! www.salzgeber.de


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haut aus blicken

von gunther geltinger

in der fast schon untergegangenen Welt des Hafenviertels von Genua hat sich die Liebesgeschichte

von Enzo und der Transsexuellen Mary ereignet. Pietro Marcello hat aus dem ort und der Liebe einen

außergewöhnlichen Dokumentarfilm gewebt, der auf der letzten Berlinale sowohl den Teddy als auch den

Caligari-Filmpreis erhielt und ab dem 21. oktober in den deutschen Kinos zu sehen sein wird. unser Autor

wurde von diesem Film in einen tagelangen rausch der Bilder und Gedanken versetzt.

s Ein Schiff sticht ins Meer. Langsam bewegt es sich vom rechten

zum linken Bildrand, aus dem Hafen von Genua hin zum Horizont

und dem Ende des Sichtbaren. Der Blick des Wissens geht, entlang der

Schrift, in Europa von links nach rechts, der Blick der Sehnsucht aber

ist auf diesem ersten Filmbild ein gegenläufiger, der über das Meer nach

Süden schweift, über Inseln hinweg und nach Arabien, wo die Perspektive

auf Europa eine andere, entgegengesetzte ist, und sich Geschichte

– und ihre Geschichten – von rechts nach links festschreiben.

In Genua, an der Mündung, la bocca, der Flüsse Polcevera und

Bisagno, führen seit jeher die Wege vom Norden ins Meer und aus dem

Meer die Flüsse hinauf über die Alpen. Am Fuß der Berge drängt die

uralte Stadt ans Wasser, ein poröser Schwellenkörper aus geschichteter

Zeit. An der Grenze seiner Haut wachen die Fischer in ihren Höh-

len über das Kommen und Gehen der Schiffbrüchigen, machen ein

Feuer und blicken aufs Meer, wo auf dem nächsten Bild, einer Archivaufnahme,

junge Menschen von einem Sprungbrett federn, Körper

aus Licht, die im Wasser verlöschen.

Auch Enzo ist ein Gestrandeter, der als Kind von Sizilien heraufgekommen

ist und mit seinem Vater Zigaretten verkauft hat. Andere

illegale Geschäfte haben ihn bald in den Knast und dort zur Liebe

seines Lebens gebracht, der damals heroinsüchtigen Transsexuellen

Mary, die ihm für ein paar Zigaretten die Hosen säumte. Sie hat

sich sofort verliebt, sagt sie, in diesen Jungen im Körper eines Riesen.

Zwanzig Jahre später knüpfen sie noch immer gemeinsam ihre

Träume, in Briefen und auf Tonbändern, die sie sich hin und her schicken,

sie aus dem Wartesaal des Lebens ins Gefängnis, er aus dem

ArSENAL DiSTriBuTioN

Gefängnis hinaus in die Welt, die auch ein Gefängnis ist, nur größer

und voller Möglichkeiten, die aber nie Wege, immer schon Versäumnisse

gewesen sind. Wenigstens einen Traum, den bescheidenen,

fast bürgerlichen von einem Haus mit Hund und Garten, werden die

beiden im Film noch verwirklichen, doch Mary wird es bedauern,

dass Enzo kein Schauspieler geworden ist, mit diesem Gesicht, dem

Gesicht des Camorra-Paten schlechthin, das Al Pacino und Robert de

Niro wie nette Schwiegersöhne aussehen lässt.

Die Chance versinkt in einer Collage aus Filmplakaten von alten

Gangsterfilmen, verraucht in einer von Enzos zahllosen Schießereien.

Es bleiben die patrouillierenden Ordnungshüter und Huren,

das Sirenengeheul im Hafenviertel, Menschen irren von links nach

rechts und rechts nach links. Hindurch gräbt sich die Liebe von Mary

und Enzo, von der beide stets in der Vergangenheit sprechen, als wäre

sie bereits eine der Legenden, die das Meer unentwegt an Land spült.

Denn schon auf dem nächsten Bild stößt die Abrisszange eines Baggers

wie die allmächtige Hand der Geschichtsschreibung in die Ablagerungen

von Gewusstem und Geträumtem, reißt willkürlich etwas

heraus, wälzt es um und trägt es schließlich davon wie eine Trophäe:

ein altes Eisen, eine Bahnschiene, über die, auf einer anderen

Archiv aufnahme, mit Geröll beladene Loren rattern, ein junger Mann

springt auf den Zug, einer, der die Weiche gestellt hat und weiter will.

Wohin, weiß nur das Meer.

Steine rutschen ins Wasser, Mauern stürzen ein, in der gleichen

Bewegung, mit der eine Welle an den Kai rollt und Wolken – oder ist

es Asche? – über Ruinen ziehen. Trotz der rhythmischen, fast tänzerischen

Montage tobt die Zeit wie eine Sturmflut durch die inszenierten,

dokumentarischen und historischen Räume des Films, verwüstet das

Leben von Mary und Enzo, kaum, dass die Erzählung es herausgeschält

hat aus den tiefen Schichtungen von Material, Mensch und Meer.

Pietro Marcello, der an der Accademia di Belle Arti in Neapel,

Genuas Spiegelstadt im Süden, studiert hat, erhielt bei der diesjährigen

Berlinale den Teddy Award für den besten Dokumentarfilm. Doch

La bocca del lupo, „Der Wolfsmund“, wie auch ein Roman des Genueser

Schriftstellers Gaspare Invrea von 1892 heißt, ist weit mehr als ein

Dokumentarfilm. Er ist, was Kino in seinen besten und magischsten

Momenten sein kann, im kinetischsten, also bewegtesten und bewegendsten

Sinne, und darüber hinaus eine verstörend schöne Elegie

auf das Vergessen und eine Liebeserklärung an eine beinahe untergegangene

Stadt.

Zum Schluss, in ihrem Haus mit Hund und Garten, hoch über

dem Hafen von Genua und der Wolkendecke nahe wie einer weiteren

Ebene ihres Traumes, sitzen Mary und Enzo am Feuer wie zu Beginn

des Films die Fischer. Doch sie wissen, dass sie auch hier im aufgerissenen

Wolfsrachen leben, am Rande der Existenz und mitten im

Kollaps der Zivilisationen, der am Ende alle Bilder verschlingt. Ob

man sich gegenseitig beherrscht oder sich nur sehr gut kennt, ist die

letzte Frage, die das Paar an seine Liebe stellt. Sie schallt aufs Meer

hinaus, durch beider Vergangenheiten in die Gegenwart dieses Films,

in unsere eigene Zukunft, und weiter. Was bleibt, sind Spuren der

Erinnerung und Schatten, die sich auflösen, wie der Fischer in seiner

Höhle sagt. Was bleibt, sind die Wellen auf dem Meer wie eine Haut

aus Blicken. s

La bocca del lupo

von Pietro Marcello

IT 2009, 75 Minuten, OmU

Arsenal Distribution, www.arsenal-berlin.de

Im Kino

Kinostart: 21. Oktober

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kino


kino

AlleS iN

ORDNuNg

interview: Patrick heidMann

Seit ihrem ersten Spielfilm „High Art“ (1997) ist Lisa Cholodenko eine feste Größe im uS-independent-

Kino. Nach der prominent besetzten Vierecks-Familien-Geschichte „Laurel Canyon“ (2002) legt die

regisseurin, die zwischendurch auch Folgen für TV-Serien wie „Six Feet under“ oder „The L-Word“

realisierte, nun ihre bislang populärste Arbeit vor: „The Kids Are All right“, mit Julianne Moore und Annette

Bening als lesbischem Paar, dessen Kinder sich auf die Suche nach ihrem Vater macht, lief mit Erfolg auf

der diesjährigen Berlinale, gewann den Spielfilm-Teddy, entpuppte sich als einer der überraschungshits

im amerikanischen Kino-Sommer und kommt am 18. November auch auf die deutschen Leinwände.

Mit der SiSSY sprach Cholodenko unter anderem über ihre eigene Kindheit, Schwulenpornos und die

familienpolitische rückständigkeit der uSA.

sissy: Erzählt „The Kids Are All Right“ eigentlich etwas Neues?

Lisa Cholodenko: Und ob! Und es ist eine echte Erleichterung, dass

mir das überhaupt gelungen ist. Während ich das Drehbuch schrieb,

staunte ich selbst oft, wie toll und zeitgemäß unsere Geschichte war –

und dass noch niemand vorher etwas Ähnliches erzählt hatte. Immerhin

ist die amerikanische Presse in den letzten Jahren voll gewesen

von Geschichten über die Homo-Ehe oder Kinder, die nach ihren

Samenspender-Vätern suchen. Bis zum Schluss hatte ich die Sorge,

jemand könnte uns das Thema vor der Nase wegschnappen.

Teilten denn alle Ihre Begeisterung? Standen die Geldgeber Schlange?

Natürlich nicht. Im Gegenteil, und ich war wirklich überrascht, wie

schwer es letztlich war, den Film auf die Beine zu stellen. Aus irgendwelchen

Gründen war ich davon ausgegangen, wir würden mit einer

derart modernen Geschichte offene Türen einrennen, zumal wir das

Thema ja nicht von einer politischen oder kontroversen Seite angehen,

sondern sehr das Komödiantische und Menschliche in den Vordergrund

rücken. Aber selbst, als wir unsere prominente Besetzung

zusammen hatten, waren noch nicht alle Produzenten überzeugt und

ich brauchte mehrere Jahre, bis alles unter Dach und Fach war.

Wie früh kamen Julianne Moore und Annette Bening denn ins Spiel?

Julie war schon sehr früh mit an Bord. Wir hatten schon vor Jahren

mal darüber gesprochen zusammenzuarbeiten und so hatte ich sie

bereits im Hinterkopf, als ich die Geschichte schrieb. Als ich meinen

Sohn bekam, nahm erst einmal eine kleine Auszeit, feilte weiter am

Drehbuch und es wurde immer pointierter. So kam ich auf Annette,

denn für mich gibt es wenige Schauspielerinnen, die Drama und

Komödie so gut miteinander vereinen können wie sie.

Haben Sie vorher ausprobiert, ob zwischen den beiden überhaupt die

Chemie stimmt?

Dafür fehlten mir, ehrlich gesagt, die Zeit und das Geld. Den Luxus,

tagelang Probeaufnahmen mit Julianne und zehn verschiedenen Kolleginnen

zu machen, konnte ich mir einfach nicht erlauben. Zumal

das bei Schauspielerinnen vom Kaliber der beiden auch einfach nicht

wirklich üblich ist.

Wollten Sie mit einer Komödie über eine ungewöhnliche Familie ein

größeres Publikum erreichen als mit ihren früheren Filmen?

Ganz so bewusst lief das nicht. Ich hatte eher das Gefühl, dass die

Thematik geradezu danach schrie. So ernst die Sache ist, birgt sie

einfach auch etwas unglaublich Albernes. Ich weiß das, ich kenne

das aus meinem eigenen Leben. Das Kind von meiner Lebensgefährtin

und mir stammt auch von einem Samenspender. Aber ich wollte

um Gottes Willen keine überdramatische Betroffenheitskiste daraus

machen.

SuzANNE TENNEr / uNiVErSAL

Zu den vielen hübschen Details des Films gehört es, dass das lesbische

Paar sich im Bett gerne mal Schwulenpornos anguckt. Ist das auch

autobiografisch?

Oh ja, damit kenne ich mich aus. Und ich kenne viele Frauen, die

damit ebenfalls vertraut sind. Mir lag es extrem am Herzen, dass es

diese Szene gibt, in der Julianne Moore das ihren Kindern erklärt.

FEATurES

Natürlich war mir klar, dass das die wenigsten Zuschauer wirklich

FoCuS /

begreifen würden, deswegen war ich gespannt, ob wenigstens sie es

schafft, den Leuten das irgendwie zu vermitteln. Und ich finde, dass

JoNES

sie ihre Sache ziemlich gut macht, oder? KELViN

So zeitgemäß das Familienkonzept in „The Kids Are All Right“ auch ist,

brechen Sie doch nicht mit einem eher konservativen Bild des Zusammenlebens

und den zugehörigen Werten...

Sie haben Recht, da kommt wohl meine Kindheit durch. Ich bin zwar im

Los Angeles der Siebziger Jahren aufgewachsen, also wirklich liberal,

aber in meiner Familie wurde viel Wert auf Traditionen gelegt. Meine

Etern sind seit 50 Jhren verheiratet und leben immer noch in dem gleichen

Haus. Wenn mein Vater um 19 Uhr nach Hause kam, gab es Essen.

Nach einem Geburtstag wurden Dankeskarten verschickt. Dass wir

Kinder heimlich Pott rauchten, war dagegen kein großes Thema …

Wird denn ein Film wie „The Kids Are All Right“ in Punkto Liberalität

etwas ändern? Zum Beispiel, was den Diskurs über homosexuelle Eltern

angeht?

Ich bin stolz darauf, dass der Film einfach ein Familien porträt, kein

politisches Pamphlet ist. Denn gerade durch diese Haltung ist der Film

letztlich doch auch ein gesellschaftliches Statement, das sicher zur

richtigen Zeit kommt. Der Umgang in den USA mit dem Thema Homo-

Ehe, wo immer noch alles von jedem Staat individuell geregelt wird, ist

wirklich beschämend. Dass mein Film nun vielleicht von ein paar mehr

Zuschauern als den Lesben in New York und San Francisco gesehen

wird, kann deswegen sicher nicht schaden. Aber er wird wohl leider die

nötigen Veränderungen in unserem Land, das da erschreckenderweise

vielen anderen hinterherhinkt, nicht beschleunigen können.

Wie kam es eigentlich zu dem Filmtitel „The Kids Are All Right“?

Eigentlich geht es doch vor allem um die Erwachsenen …

In gewisser Hinsicht ist das ein ironischer Kommentar meinerseits

auf all die Ängste, die viele Menschen immer noch vor homosexuellen

Eltern oder Lehrern und ihrem Einfluss auf Kinder haben. In meinem

Fall sind die Kinder viel souveräner als ihre Mütter. Ursprünglich

schrieb sich der Titel The Kids Are Alright, aber da gab es ein paar

Copyright-Schwierigkeiten mit The Who. So finde ich ihn aber auch

nicht schlecht, denn jetzt wird noch klarer, dass mit diesen Kids eben

wirklich alles ‚richtig‘ ist.

Verglichen mit Ihren vorherigen Arbeiten ist der Film viel größer und

aufwendiger produziert. Könnten Sie sich vorstellen, noch mal so zu

drehen wie früher?

Eigentlich nicht, wenn ich ehrlich bin. Das geht schon deswegen

nicht mehr, weil ich ja mittlerweile Mitglied der Regie-Gewerkschaft

bin und mich an gewisse Vorschriften halten muss. Als ich High Art

drehte, studierte ich noch, alle am Set arbeiteten umsonst. Noch einmal

würde ich niemanden derart ausbeuten wollen. Vor allem nicht,

wenn ich die Wahl habe!

Würden Sie sich denn für viel Geld von einem Hollywoodstudio für einen

Film engagieren lassen, dessen Drehbuch nicht von Ihnen stammt?

Warum nicht? Wenn das eine Geschichte ist, zu der ich einen persönlichen

Bezug finde, würde so etwas durchaus für mich in Frage kommen.

Völlig austauschbare Stangenware käme dabei aber sicherlich

nicht heraus.

The Kids Are All Right

von Lisa Cholodenko

US 2010, 106 Minuten, dt. SF, OmU

UPI Germany,www.universal-pictures.de

Im Kino

Kinostart: 18. November

www.the-kids-are-all-right.de

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kino


kino

buddysex

von hanno stecher

Heterosexuelle Männer können alles, auch schwul. Denken sie zumindest. regisseurin

Lynn Shelton macht daraus mit zwei improvisierenden Schauspielern ein Experiment

mit offenem Ausgang, das ziemlich komisch ausfällt. Was man neuerdings als

Mumblecore-Ästhetik im uS-amerikanischen independentfilm bezeichnet, funktioniert

hier in der tastenden Suche nach den Grenzen einer Männerfreundschaft ganz

hervorragend. „Humpday“ läuft ab 9. September in den Kinos.

s Im Hipster-Magazin „Vice“ gab es vor

Kurzem eine Fotostrecke, in welcher man

einen sich als heterosexuell identifizierenden,

großflächig tätowierten jungen Mann

dabei beobachten konnte, wie er sich quasi

„als Experiment“ einen Buttplug zu Gemüte

führte. Die Fotos, kommentiert durch zotige

Sprüche, wurden inszeniert als Grenzüberschreitung,

als das große Abenteuer, sich als

Heterotyp schwule Sextechniken anzueignen

– und damit vielleicht doch selbst ein

kleines bisschen schwul zu sein. So weit, so

albern. Dass es allerdings auch möglich ist,

das Verhältnis nicht-schwuler Männer zu

schwulem Sex jenseits infantilen Sprücheklopfens

genauer unter die Lupe zu nehmen,

zeigt Lynn Shelton in Humpday. Der Film

spielt in Seattle, der Heimatstadt der Regisseurin,

und widmet sich mit einem ziemlich

großartigen Sinn für Humor der Männerfreundschaft

zweier alter Collegefreunde

in den Dreißigern, die sich nach etlichen

Jahren wieder begegnen. Ein gemeinsamer

Saufabend bringt die beiden netten Kerle Ben

und Andrew auf die Idee, zusammen einen

„Kunstfilm“ zu drehen, der zeigen soll, wie

sie, die beiden besten Kumpels, miteinander

in die Kiste steigen. Die Idee wird schnell zur

Wette und nun nimmt alles seinen Lauf.

Denn beide Männer haben gute Gründe,

die ungewöhnliche Wette nicht zu verlieren,

ist sie doch ganz konkret an ihr Selbstverständnis

und ihre jeweilige Lebenssituation

geknüpft: Ben ist gerade dabei, mit seiner

Freundin Anna ein spießiges Familienleben

aufzubauen und spürt seine Freiheiten

dahinschwinden, während Weltenbummler

Andrew seinen Ruf als durchgeknallter Typ

retten will und den Deal als eine Art künstlerische

Herausforderung betrachtet. Schwuler

Sex wird so für beide Männer zum Ausdruck

einer anti-bürgerliche Grundhaltung

und zum Weg, sich selbst zu beweisen, dass

man immer noch irgendwie „offen“ ist. Mit

diesem Verhältnis spielt auch der doppeldeutige

Titel des Films – während „Humpday“

umgangssprachlich für den Mittwoch als

Mitte der Arbeitswoche benutzt wird, kann

das Verb „to hump“ auch schlicht „ficken“

bedeuten.

Shelton geht es bei ihrem dritten Spielfilm

vor allem darum, die Auswirkungen

des gemeinsamen Deals auf die Beziehung

der beiden Männer genauer unter die Lupe

FuGu FiLMVErLEiH

zu nehmen. Die Frage, ob da jenseits dieser

Wette vielleicht noch ein viel tieferes Begehren

in den Jungs vor sich hin schlummert,

bleibt dabei mehr oder weniger unbeantwortet.

Stattdessen nutzt die Regisseurin den

„Humpday“ als Katalysator, als etwas, das

eine klassische Männerfreundschaft plötzlich

aus den Fugen geraten lässt. Denn, so ihre

These, durch den Plan, etwas Schwules zu

machen, sind die zwei in ihrem Selbstbild bislang

eher unangetasteten Männer plötzlich

dazu gezwungen, sowohl ihr Verhältnis zueinander,

als auch zu sich selbst zu reflektieren.

In ihrer Dekonstruktion von Männlichkeit(en)

gelingt es Shelton dabei, ihre Protagonisten

immer wieder in Situationen zu

lotsen, in denen Komik und Tragik so nahe

beieinander liegen, dass man als Zuschauer

vor Fremdscham am liebsten im Boden versinken

würde. Denn ein großer Teil der Kommunikation

zwischen den beiden Freunden

findet trotz Veränderungen in ihrer Beziehung

auch weiterhin auf einer Ebene statt,

auf der vieles unausgesprochen bleibt. Alles

andere, so scheint es, würde die Freundschaft

wohl sprengen. Wichtiger Nebenschauplatz

ist hier auch Bens Beziehung zu

seiner Freundin, die natürlich irgendwann

von der Sache Wind bekommt. Dass gerade

in diesen Momenten die Stärke des Films liegen,

hängt besonders mit dem perfekt aufeinander

abgestimmten Schauspielerduo Mark

Duplass und Joshua Leonard zusammen, die

ihre Texte während des Drehs weitestgehend

improvisiert haben und dabei immer

den richtigen Ton treffen. Darüber hinaus

hat sich Shelton entschieden, mit Handkameras

zu drehen, die nur wenig Distanz zu

dem Geschehen zulassen, bestimmte Gesten

betonen und, natürlich, Authentizität

simulieren. Dabei spielt sie die Stärken eines

klassischen Indiefilms so gut aus, dass die

Sundance-Jury ihr für Humpday im vergangenen

Jahr einen Sonderpreis, den „Spirit of

Independence“-Award, verliehen hat.

Tja, und irgendwann ist er dann tatsächlich

da, der große Tag. Aber spätestens als

die beiden Jungs anfangen, vor laufender

Handkamera noch einmal ihre Heterosexualität

zu beschwören, wird klar, dass dieses

Date genauso kompliziert wird wie man es

befürchtet hat. s

Humpday

von Lynn Shelton

US 2008, 94 Minuten, OmU

Fugu Filmverleih, www.fugu-films.de

Im Kino

Kinostart: 9. September

www.humpdayfilm.com

Venus im trash

von Jan küneMund

Pornodarsteller, obdachlose, Leichenfledderei, Festivalausladung in Melbourne, blasierte Langeweile in

Locarno, drohende indizierung: Bruce LaBruce hat einen neuen Film gemacht. Sich zwischen alle Stühle zu

setzen ist für ihn selbstverständlich und für seine Fans Ausdruck einer queeren Strategie. ob man gut dabei

aussieht, wenn man sich zwischen die Stühle setzt, ist eine andere Frage. und ob man am Ende überhaupt

irgendwo sitzt, muss angesichts von „L.A. zombie“ (Kinostart am 7. oktober) tatsächlich auch mal gefragt

werden.

s Die erste Stuhlreihe: Pornografie – Independentkino

– Kommerz – Zensur. LaBruce

hat diesen Film wieder einmal sehr originell

finanziert, über das Zusammenbringen mehrerer

Gay-Adult-Anbieter, einem Mode/Neue

Medien-Projekt, einer Galerie, einem Independent-Filmlabel.

Die schon eingeübte Strategie,

deren unterschiedliche Verwertungsketten

zu bedienen, soll auch diesmal wieder

verfolgt werden, in dem aus L.A. Zombie

eine Softcore-Version entsteht (die jetzt auch

ins Kino kommt und zumindest bei einigen

Festivals gelaufen ist und laufen wird) und

gleichzeitig eine Hardcore-Version für das

innovative Pornolabel Wurstfilm. Nun ist

die Arthouse-Version von der Indizierung

bedroht (wahrscheinlich wegen dem, was da

mit Leichen veranstaltet wird; die deutschen

Behörden sind wie auch die FSK da sehr kreativ),

was eine DVD-Auswertung bedroht

und damit die Hardcore-Version auf Dauer

zur „eigentlichen“ machen wird. Diese wiederum

dürfte kaum die genreüblichen Anforderungen

erfüllen, denn der Sex, um den es

hier geht, entspricht ziemlich ungewöhnlichen

oder mutmaßlich ziemlich selten Fantasien.

Die zweite Stuhlreihe: Kino – DVD –

Internet – Museum. Das ist eine aktuelle und

zugleich ziemlich alte Frage (wenn man an

Anger, Deren, Genet denkt): Wo genau finden

queere Bewegtbilder eigentlich statt?

Zunächst kam der L.A. Zombie zu einer Ausstellung

der Galerie Peres Projects in Berlin,

in der das Video des Films eigentlich nur

Beiwerk war zu großformatigen Fotografien

des Darstellers François Sagat in Zombie-

Fashion-Look, die als Standfotos eines Films

inszeniert waren, den es vielleicht gar nicht

gab. LaBruce zufolge entstand der Film dazu

tatsächlich auch erst auf Bitten anderer, er

selbst hätte ihn gar nicht unbedingt machen

müssen (zumal er mit Otto, or: Up With

Dead People schon einen sehr ernsthaften

und komplexen Queer-Zombie-Film gedreht

hatte). Nun geht der Film seinen Festival-

und Kino-Weg oder vielleicht auch nicht,

wenn er tatsächlich sogar hierzulande indi-

ziert wird und die Festivals ihn nicht spielen

(oder wieder streichen, wie z.B. Melbourne).

Das Netz bliebe als ohnehin sich mehr und

mehr anbietender Abspielort für innovatives

queeres Kino. Filmkritiker mit konventionellem

„Kinofilm“-Begriff haben schon

in Locarno mehrheitlich die Frage gestellt,

ob L.A. Zombie überhaupt ein „Film“ ist und

nicht eher ein „Clip“.

Die dritte Stuhlreihe: Zombies – Obdachlose

– schwule Ikonen – das Kunstverweis-

System: Wie ernst ist das alles eigentlich

gemeint? War der Zombie in Otto noch eine

ernsthafte, melancholische Figur in der Tradition

des frühen Tourneur-Films I walked

with a Zombie (1942), so ist der Nachfolger

in L.A. zwar auch eine Missfit-Ikone, die

aber völlig in einem Zitat-System konstruiert

wird: eine schauerliche Botticelli-

Venus, ein seelenloses Romero-Wesen, ein

„vogelfreier“ (Agnes Varda) Obdachloser,

eine Porno-Ikone mit sexy Aussparungen

im Penner-Look, ein pervertierter Captain

America usw. Grease wird zitiert, Morricone

auch. Die Porno-Orgien-Szene findet

in einem White Cube statt, der Soundtrack

besteht aus schlechter Pseudosinfonik und

GMFiLMS

noch oberflächlicherem Electro/Folk/Indie/

Pop-Gesäusel.

Wo sitzt dieser Film nun eigentlich? Im

punkigen, aber auch kühl kalkulierenden

Selbstvertrauen, das alles auf Gedeih und Verderb

kombinieren zu können und sich dahinter

unsichtbar zu machen? Maske & Requisite

wechseln zwischen zwei Schnitten, die Idee

einer an Ort und Zeit gebundenen Handlung

ist völlig aufgehoben, der Zombie kommt

als Retter, fickt die Toten ins Leben zurück

(in einer Szene buchstäblich ins Herz), der

Pornoindustrie wird ihre eigene industrielle

Kälte vorgeführt und mit gehörnten Schwänzen,

schwarzem Ejakulat und kreativ genutzten

Körperöffnungen beantwortet, die eher

die männliche Penetrationsfantasie oder

männliche Sexualität überhaupt dekonstruiert

als geil macht. Und François Sagat, mit

seinem Pitbull-Körper und den schönen jungenhaften

Augen, seinem Toupet-Tattoo und

der Steroid-Hautspannung weint zu französischen

Chansons blutige Tränen und steht,

unschuldig in Szene gesetzt, als männliche

Ikone für die Jetztzeit da wie einst Dallessandro

für die Endsechziger. Man darf gespannt

sein, ob dieser Queerness jemand folgen wird

wie einst (aus Liebe) dem Tourneur-Zombie.

Bitte Platz zu nehmen, aber: Vorsicht! s

L.A. Zombie

von Bruce LaBruce

DE/US/FR 2010, 63 Minuten,

OF (ohne Dialog)

GMfilms, www.gmfilms.de

34 35

Im Kino

Kinostart: 7. Oktober

www.lazombie.com

kino


dvd

Zwei FAhRkARteN,

SOweit wie möglich!

IntervIew: Jan Künemund

Michael roes, einer der spannendsten Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur („rub-Al’Khali – Leeres

Viertel“), dreht auch Filme. Wie z.B. „Timimoun“, der Ende August auf DVD erscheint. Er erzählt von der

Freundschaft zweier Jungen in einem zerrissenen Land.

sissy: Lieber Michael, man kennt dich ja als äußerst produktiven Autor

– allein 2010 erscheinen zwei große Romane von dir. Wann findest du

überhaupt die Zeit, auch noch Filme zu drehen?

Michael Roes: Ich sehe mich selbst eher als langsamen und konzentrierten

Arbeiter. Dass ich so produktiv wirke, hängt womöglich mit

der untrennbaren Verschränkung meiner Arbeit mit meinem Leben

zusammen: Schreiben und Filmen sind nicht nur ein Teil meines

Lebens, sondern unmittelbar gelebte Zeit. Insofern macht es keinen

Unterschied, ob dieses Künstler/Dasein gerade im Nachdenken, im

Hinschauen, im Schreiben oder im Filmen besteht. Für mich ist der

Film im Grunde nichts anderes als die Arbeit an einem neuen Roman

mit anderen Mitteln.

Aber stellen das Schreiben und das Filmemachen nicht völlig verschiedene

Anforderungen, was die Auseinandersetzung mit einem Stoff

angeht?

Bei den dezidierten Autoren-Filmern wie Pasolini oder Cocteau ließ

sich das Schreiben vom Filmen nicht trennen. Und längst sind klassische

Filmtechniken wie Montage, Vor- und Rückblenden Stilmittel

des modernen Romans, so wie wir bei manchen Filmwerken von

einem epischen oder lyrischen Film sprechen.

Nein, die unterschiedliche Auseinandersetzung mit dem Stoff

liegt nicht in der Formsprache, sondern (bei mir) allein in der Technik.

In dem Augenblick, wo ich Kameraführung und Schnitt ebensogut

beherrsche wie meine sprachlichen Mittel, kann ich den „Stoff“,

der sich in mir, bevor ich überhaupt mit dem ersten Wort beginne,

immer schon als ein innerer Film darstellt, sowohl in die eine oder

andere „Sprache“ übersetzen.

Für „Timimoun“ hasst du allerdings auch eine genuin filmische Form

gewählt, weil sie per se mit Bewegung zu tun hat – das Roadmovie. Ein

Junge kehrt – nicht ganz freiwillig – zu seiner Familie ins algerische

Hinterland zurück und sein bester Freund begleitet ihn. In dieser Konstellation,

einer Freundschaft in Bewegung, liegt ja an sich schon etwas

sehr Filmisches …

Auch der erste Roman der Weltliteratur, Homers „Odyssee“, ist

bereits ein „Roadmovie“. Und die Schrift (im vordigitalen Zeitalter)

stellt eine Linie, einen Weg dar und bewegt sich, nicht anders als der

Film, linear in der Zeit fort.

Doch am Anfang von Timimoun stand nicht eine fertige Geschichte,

sondern ein Land und seine besonderen Menschen: Algerien und die

Freunde, die ich dort während langer Aufenthalte gewonnen hatte.

EDiTioN SALzGEBEr

Die letzten zwanzig Jahre waren unvorstellbar grausam,

und die heute Zwanzig- bis Dreißigjährigen sind in einer

Zeit permanenten Terrors aufgewachsen. Mich selbst hat

die Situation so entsetzt, dass ich nach künstlerischen

Wegen gesucht habe, meiner Sprachlosigkeit angesichts

der alltäglichen Verwundungen Herr zu werden. Der

Mythos der Orestie, übersetzt in die psycho-dramatische

Form des Films, schien für mich und meine Freunde

ein Weg zumindest der Vergegenwärtigung, wenn auch

nicht der Heilung. Also bestand mein erster Ausdrucksversuch

in einem Drehbuch, meinen engsten Freunden in

der Kabylei auf den Leib geschrieben. Und als sie sich in

diesem Drehbuch vollkommen verstanden wiederfanden,

war damit der weitere Weg vorgezeichnet.

Diese Überblendung von Mythos und moderner algerischer

Geschichte hört sich zunächst sehr gewagt und konstruiert

an – tatsächlich wirken die Szenen aber ganz leicht und

spontan, sie sind voller Interaktionen und dokumentarischer

Spannung.

Wenn der Film tatsächlich eine gewisse Leichtigkeit

und Spontaneität bewahrt hat, so freut mich das sehr.

Die realen Drehbedingungen waren nämlich geradezu

ein Albtraum. Nachdem endgültig klar war, dass ich für

ein derart ambitioniertes Projekt, eine moderne Version

der Orestie in Algerien, keine Fördermittel bekommen

werde, haben meine Freunde und ich beschlossen, diesen

Film trotzdem zu wagen, ohne jedes Budget, ohne

Drehgenehmigung und Unterstützung. Von Anfang an

hatten die algerischen Behörden ein Auge auf uns. Es gibt

ja immer noch kaum europäische Reisende im Land. Die

Behörden wollten keinen diplomatischen Eklat provozieren

und mich wegen der illegalen Dreharbeiten aus dem

Land werfen. Statt dessen haben sie die Taktik gewählt,

mich und vor allem meine algerischen Mitstreiter so sehr

einzuschüchtern, dass mir im Lauf der Wochen bis auf die

beiden Hauptdarsteller alle Mitarbeiter verloren gingen.

Am Ende haben wir mehr Zeit auf Polizeirevieren als an

Drehorten verbracht. Als ich aus Algerien abgereist bin,

hatte ich befürchtet, dass all die wochenlangen Anstrengungen

und Kämpfe vergeblich gewesen seien. Erst am

Schneidetisch hat das diesen widrigen Umständen abgetrotzte

und am Ende eher improvisierte Material sich auf

wundersame Weise doch zu jenem Film gefügt, den ich

zu drehen geplant hatte.

Ich denke vor allem an die Szenen im Bus, in denen die beiden

Schauspieler mit den Mitfahrern agieren und die Kamera

ganz dicht dran ist …

Die meisten der Roadmovie-Szenen sind tatsächlich

semidokumentarisch gedreht: Wir haben den regulären

Bus genommen, die Insassen gefragt, ob sie Darsteller in

unserem Film sein wollten und drauflosgedreht. Keine

dieser Szenen hätten wir wiederholen können. Aber

wenn man überwiegend mit Laien arbeitet, sollte ohnehin

die erste Aufnahme sitzen. Mit jeder Wiederholung

geht Spannung und Authentizität verloren.

In einem Land, in dem Homosexualität und z.T. sogar das

Abspielen von Liebesliedern verboten sind, zeigst du eine

deutlich homoerotisch aufgeladene Jungenfreundschaft

und füllst den Soundtrack des Films mit (französischen)

Liebesliedern. Über Laid wird zwar in den Rückblenden

erzählt, dass er in mehrfacher Hinsicht ein ‚besonderer‘

Junge ist, dennoch entsteht dieser Eindruck vor allem

durch den Blick der Kamera und den musikalischen Kommentar,

oder?

Ein homosexueller Sub- oder Kontext entsteht zunächst

erst mal (und vielleicht ausschließlich) im Auge des europäischen

Betrachters. Die größte Repression in der muslimischen

Welt betrifft Beziehungen zwischen unverheirateten

Männern und Frauen. Und dieses Tabu hat

seine Wurzeln weniger in religiösen Vorschriften als in

tribalen Strukturen, in denen Familienbindungen immer

auch eine wirtschaftliche und politische Bedeutung

zukommt.

Bevor das koloniale Europa unsere westlichen Konzepte

von „Homosexualität“ in die muslimische Welt

exportiert hat, konnten im Windschatten der heterosexuellen

Tabus wesentlich intensivere Freundschaftsideale

herausgebildet werden als im körperscheuen Europa.

An keiner Stelle der Dreharbeiten habe ich meinen Darstellern

gegenüber diesen möglichen europäischen Blickwinkel

auf die Freundschaft von Laid zu Nadir auch nur

angedeutet, sondern die Ausgestaltung dieser Beziehung

ganz dem persönlichen Spiel der beiden Protagonisten

überlassen.

Aber du hast doch diese Freundschaft, die ja so viel weicher

wirkt als die starre, von Hass- und Rachegefühlen

und „mittelalterlichen“ Ritualen bestimmte Familie Laids,

schon als eine alternative und freiere Lebensform inszeniert,

in der man abhauen kann, reisen, aus der mythischen

Schicksalhaftigkeit aussteigen, am Ende auf Reifenschläuchen

einfach die Wüstendünen herunterrutschen …

Ja, ich wollte im Film eine Wahlmöglichkeit, einen Ausweg

aufzeigen. Aber es handelt sich um eine poetische

Erfindung, eine Utopie, die für die meisten Altersgenossen

von Laid und Nadir nicht realisierbar ist. Laids Preis für

die Emanzipation ist die Aufgabe der Familie. Als Ersatz

oder Trost biete ich ihm die Freundschaft. In Wirklichkeit

aber ist es für die algerische Jugend nahezu unmöglich,

ohne das soziale Netz der Familie zu überleben. Und

das relative Maß an sozialer Sicherheit ist natürlich mit

einer nahezu lebenslangen sozialen Kontrolle und Ein-

und Unterordnung in die Familienhierarchie erkauft.

Du hast diese Geschichte anschließend noch einmal in deinem

Roman „Weg nach Timimoun“ erzählt. Hat sie sich

dort weiter entwickelt?

Am Anfang stand die Idee für einen Film und das Drehbuch.

Als aus den Monaten des Wartens auf eine Filmförderung

oder sonstiger Unterstützung Jahre wurden,

habe ich die Filmidee zunächst als Roman ausgesponnen.

Durch die besonderen Umstände des Drehens hat

der Film dann aber einen ganz anderen Charakter als der

Roman angenommen. Die Widerständigkeit des Realen

hat sich als Co-Regisseur in die Inszenierung geschlichen

und ihr einen zusätzlichen, vollkommen unberechenbaren

Stempel aufgedrückt. Und nun macht womöglich

gerade diese Unberechenbarkeit den besonderen Charme

des Films aus.

Timimoun

von Michael Roes

DE/DZ 2010, 96 Minuten, OmU

Auf DVD

Edition Salzgeber, www.salzgeber.de

Weg nach Timimoun

von Michael Roes

Roman, 175 Seiten

Geschichte der Freundschaft

von Michael Roes

Roman, 320 Seiten

beide bei Matthes & Seitz, Berlin,

www.matthes-seitz-berlin.de

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dvd


dvd

ein kuss ist ein kuss

von sascha westPhal

John Schlesingers melancholische Dreiecksgeschichte „Sunday, Bloody Sunday“ von

1971 erscheint endlich in Deutschland auf DVD. Sie enthält einen der ersten Männerküsse

der Filmgeschichte, zu dem sich Hauptdarsteller Peter Finch angeblich überwand‚

indem er die Augen schloss und an England dachte.

s Ein Film der Sehnsüchte und der Täuschungen,

die meist Selbsttäuschungen sind.

„Soave sia il vento, / Tranquilla sia l’onda, /

Ed ogni elemento / Benigno risponda / Ai

nostri desir.“ Wieder und wieder erklingt

dieses Terzett aus Mozarts gewagter und

gerade dadurch so hellsichtiger Oper „Così

fan tutte“. Die Stimmen von Pilar Lorengar,

Yvonne Minton und Barry McDaniel begleiten

den Arzt Dr. Daniel Hirsh in diesen letzten

zehn Tagen seiner Affäre mit dem jungen

Künstler Bob Elkin auf Schritt und Tritt.

Der Abschied, den er möglichst verhindern

oder wenigstens hinausschieben will und der

doch kommen muss – in da Pontes Versen ist

er schon vollzogen. Die perfekte Harmonie

dieses Trios, das aber eben auch die Lüge und

den Verrat in sich trägt, ist zugleich Balsam

und Gift, weckt Hoffnungen und Träume,

schürt Ängste und Zweifel. Schließlich weiß

Daniel ganz genau, dass er den sich nach

Erfolg und den Staaten verzehrenden Jüngling

nie für sich alleine hatte. Er musste ihn

von Anfang an mit der geschiedenen Alex

Greville teilen.

Nur einmal, ganz am Schluss, als das

opake Objekt ihrer Begierde schon in einem

Flugzeug nach New York sitzt, stehen sich

der von Peter Finch gespielte erfolgreiche

Arzt und die nur noch vor sich hintreibende

Tochter aus reichem Haus (Glenda Jackson)

gegenüber. Es ist eine Begegnung zweier

Verlierer, die immer schon auf den Falschen

gehofft und gesetzt hatten. Die von Mozart

und da Ponte beschworene Wankelmütigkeit

der Liebe hat in Murray Heads Bob Elkin

eine moderne Gestalt angenommen. Sie

ist nicht mehr an den Reiz der Verführung

und eine momentane Schwäche des Gefühls

geknüpft.

Im London des Jahres 1970, als die

Träume der Swingin’ Sixites der harschen

Realität der Rezession nicht trotzen konnten,

wird auch Liebe zu einem Problem der

Ökonomie. Es gilt, zu haushalten, nicht zu

viel anzulegen und Gewinn aus dem ewigen

Wankelmut zu ziehen. Also hält Bob seine

Gefühle im Gleichgewicht. Daniel und Alex,

beide bekommen sie ihren Teil, aber eben nur

so viel, wie er zu geben bereit ist. Der jüdische

Arzt in den Fünfzigern und die immer

noch gegen ihren kühl distanzierten Vater

rebellierende Enddreißigerin wollen natürlich

alles haben. Allerdings investieren auch

sie nur gerade so viel wie eben nötig: „Weht

leise, ihr Winde, / Seid milde, ihr Wogen /

Und all ihr Elemente / entsprecht gütig /

unserm Verlangen.“

Ein Film der kleinen Wunder und der leisen,

der sehr leisen alltäglichen Trauer, die

tiefer trifft als jede schicksalhafte Tragik.

„Così van tutte“ ist ein Balanceakt zwischen

Komödie und Tragödie. Am Ende haben sich

alle wieder, und doch ist nichts mehr im

Lot. Der Zweifel ist gesät und wird einmal

Früchte tragen. In Sunday, Bloody Sunday

stehen am Ende zwei Menschen alleine da,

die auch vorher schon einsam waren. Viel ist

also nicht geschehen, verändert hat sich auch

kaum etwas. Nur die Hoffnung, die sie in den

flatterhaften, aber in seiner Oberflächlichkeit

absolut ehrlichen Künstler gesetzt hatten, ist

CMV LASErViSioN

noch etwas brüchiger, noch haltloser geworden.

Alex wird sich mit ihrem Vater nicht

versöhnen und ihre Mutter nie wirklich verstehen.

David wird weiter zwei Leben führen.

Wenn er mit Freunden und Bekannten

zusammen ist, ist er ganz offen. Aber seinen

Eltern und seiner Familie wird er für immer

den Junggesellen vorspielen, der bisher einfach

nicht die Richtige gefunden hat.

Selbst in der privilegierten Welt, in der

sich David, Bob und Alex bewegen, scheinen

die in den 60er Jahren gelebten Freiheiten

nach und nach zu schwinden. Der Traum

einer ganzen Gesellschaft von einem Leben

in Offenheit ist schon wieder zu einem Vorrecht

einer Klasse geworden, und deren Vertreter

verkehren ihn wie Alex’ und Davids

so überaus liberale Freunde systematisch

ins lächerlich Absurde. Aber in John Schlesingers

Film bleibt er trotz allem lebendig,

in der Selbstverständlichkeit, mit der David

und Bob ihr Begehren ausleben, und in dem

innigen, von Liebe und Zärtlichkeit erfüllten

Kuss, mit dem Peter Finch und Murray Head

Kinogeschichte geschrieben haben. s

Sunday, Bloody Sunday

von John Schlesinger

UK 1971, 110 Minuten, OmU

Auf DVD

CMV Laservision,

www.cmv-laservision.de

Der moment

von mIchael Sollorz

Michael Sollorz hat Drehbücher („Banale Tage“), Kolumnen (Siegessäule, Queer), erotische Literatur und

romane geschrieben, die – wie sein letzter, „Die Eignung“, – weit über die Nischengrenzen hinaus von der

Kritik gefeiert wurden. im September erscheint sein neuer Erzählband „Piratenherz“.

s So ein hoffnungsvoller Anfang! Jockel und Stefan, zwei hübsche

junge Kerle aus dem linksautonomen Berliner Wagenburgmilieu kurz

nach Mauerfall, ein liebenswertes Paar. Sie schieben ihre Fahrräder

durch den Kiez und kleben Plakate gegen Drogen-Dealer. Dabei werden

sie aus einem Auto heraus von zwei Männern beobachtet. Zivilbullen,

meint Stefan. Ledertrinen, befindet Jockel und folgt dem Ruf

der Wildnis, als die Männer aussteigen, in einen Hinterhof, in einen

halbdunklen Keller. Die Gefahr ist Teil der Erregung, und dort unten

nehmen und benutzen die Männer ihn, so wie er sie benutzt für eine

kleine Glückseligkeit, während sein Stefan kurz nachschaut, ob alles

okay ist, und dann oben herumsteht und wartet, an eine Hauswand

gelehnt, allein.

„Wie wars?“, fragt er hinterher. „Klasse“, antwortet Jockel, und

man wünscht den Beiden, dass sie es schaffen. Doch sie scheitern,

weil das Drehbuch es so will, ihre Liebe geht die Spree runter, und am

Müggelsee gibt’s noch Kloppe von Ost-Skins. Ein schmutziges, grausames

Märchen, um Wahrhaftigkeit ringend, und mitten drin Jockel,

der Prinz, zum Fressen süß, das Versprechen seines hungrigen Körpers,

den er martert mit Heroin, das ihn am Ende tötet.

Dann ging das Licht an und das Publikum klatschte, vor siebzehn

Jahren im klirrend winterlichen Saarbrücken. Wir hatten uns für

Zeitungen beim Nachwuchs-Filmfestival Max Ophüls akkreditieren

lassen, mein Freund und ich. Beide selber kaum älter als die Helden,

hockten wir nach der Vorführung in einer Bar, und irgendwas hing

auf einmal schräg. Zwar standen noch weitere Filme auf unserm

Programm, bis tief in die Nacht – sie liefen ohne uns. Wir blieben in

der Bar und machten Notizen für unsere Artikel. Stocks Kreuzberger

Junkie-Märchen sei wütendes Kino für wenig Geld, schrieb ich

Tage darauf in der Wochenpost. Frei von romantischem Voyeurismus

lasse er die Kamera durch die Protest-Demo vom 3. Oktober fahren,

durch die Fixer am Kottbusser Tor, Menschengesichter, voller Not.

Wir überboten einander in trefflichem Filmgeschwätz, zwei erhitzte

Jung-Journalisten, und tranken zügiger als sonst, absolut außerstande,

miteinander endlich darüber zu sprechen, was uns vorhin im

Kino wirklich so berührt hatte und verstörend nachwirkte.

Es war die Kellerszene – sie warf einen Schatten. Sie kam höchst

ungelegen, indem sie daran erinnerte, dass unsere Begierde etwas

Ungezähmteres war, als wir beide in unserm rosigen zweiten Jahr

wahrhaben wollten. Wir hatten uns wiedererkannt in Jockel, wie er

in den Keller runtersteigt, dieser kleine Moment von Anarchie, süchtig

und instinktsicher wie ein Tier. War es das nicht, worüber wir

schließlich miteinander so wortreich schwiegen, der Wunsch, alle

Kontrolle fahren zu lassen, sich wegzuschmeißen, aufzulösen in einer

größeren Geborgenheit, als die Umarmung des Geliebten sie jemals

zu bieten vermag? Und war unsere Sexualität nicht tatsächlich auch

den Drogen verwandt, weil sie in Bereiche unseres innersten Selbst

führen kann, zu denen wir sonst keinen Zugang finden? Ist es das, was

uns magisch anzieht und zugleich zurückweichen lässt wie vor einer

unaussprechlichen Wahrheit?

Noch heute, das erste Grau in den Bärten, erinnern wir uns

manchmal an unsere Hilflosigkeit damals auf dem Festival. Seither

hat jeder ein paar Lebenssachen ausprobiert und ist dabei zumindest

nicht nachweislich dümmer geworden, ruhiger jedenfalls, manchmal.

Aber die kleine, an sich banale Kellerszene, sie brennt noch. Dabei ist

die Frage, die sie am Ende stellt, nicht mal mehr besonders mysteriös:

Wie kann ich dich loslassen, wenn ich dich liebe? Das Loslassen überhaupt,

heute nicken wir artig, ist die große Lektion unseres Lebens.

Doch wem hätte Einsicht je geholfen? Was wäre anders gekommen,

wenn wir damals beherzt hätten sprechen können? Die Furcht ist

stärker gewesen, ihre Zerstörungskraft, von der wir in Saarbrücken

vielleicht schon dunkel ahnten, dass sie auch uns ein paar Jahre später

als Paar würde scheitern lassen. s

Prinz in Hölleland

von Michael Stock

DE 1993, 90 Minuten, dt. OF

Auf DVD

Edition Salzgeber,

www.salzgeber.de

Die Eignung

von Michael Sollorz

Roman, 160 Seiten

film-flirt

Piratenherz

von Michael Sollorz

Erzählungen, 136 Seiten

EDiTioN SALzGEBEr

beide bei Männerschwarm Skript,

www.maennerschwarm.de

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frisch ausgepackt

Neu auf DVD

von Maike schultz, Paul schulz und Jan küneMund

DAS BILDNIS DES DORIAN GRAY

GB 2009, regie: oliver Parker, Concorde Home Entert.

Diesmal gibt Ben Barnes

den Dorian Gray, der

Prinz Kaspian von Narnia.

Er ist alles andere als

eine Schlampe. Eher einer

dieser kein-Sex-vor-der-

Ehe-Vampir-Typen. Wie

grenzenlos naiv er sich

durch die zynische Londoner

Gesellschaft stottert. Wie süß er sich in

die Spelunken verirrrt, ohne wirklich getrieben

zu sein. Wie er beim Verkauf seiner Seele

einfach nur zu denken scheint: ewige Jugend,

ja, warum eigentlich nicht? Ist das nicht eigentlich

die perfekte Castingidee, diese Oberfläche

eines jungen Mannes in die oberflächengeile

Welt zu schicken, auf die filmisch oberflächlichste

Art und Weise? Die Teenies kreischen:

„Ein Film mit Ben Barnes!“ Und der Verleih

empfiehlt ihn der SISSY mit den Worten: „Die

Kostüme sind so schön!“ Das Bildnis aber

faucht und sabbert und die Maden kriechen aus

ihm heraus. „Die Anstrengungen in der Welt

des Films, das eigene jugendliche Ideal-Bild zu

konservieren, haben – welch böse Ironie – oftmals

dazu geführt, sich nicht die Merkmale

Dorian Grays, sondern die seines Zauber-Porträts

anzueignen, nämlich maskenhafte Erstarrung

und fratzenhafte Entstellung.“ (Christoph

Meyring in SISSY 1/10)

DIE REGENSCHIRME

VON CHERBOURG

Fr 1964, regie: Jacques Demy, Arthaus Kinowelt

„Wie trist!“, sagt die in

bonbonrosa ausstaffierte

Mutter der Protagonistin

vor einer lachsroten Tapete

und gießt Tee in ein

weißes Service mit rosaroten,

floralen Mustern.

Und falsch: Sie sagt es

nicht, sie singt es! Wie

auch der Automechaniker die Frage nach der

Überstunde singend beantwortet, die Geliebte

den Kriegsbericht ihres Freundes aus einem

Brief vorsingt und der Briefträger sein „Bonjour

Madame“ trällert. In Die Regenschirme

von Cherbourg, dem französischen Hitmusical

der 1960er Jahre, wird tatsächlich alles gesungen,

alles in Knallfarben dekoriert, in jedem

40

(auch sehr ernsten) Moment eine atemberaubende

Künstlichkeit zelebriert, dem das puppenhaft

in Perfektion erstarrte Gesicht von Cathérine

Deneuve in ihrer ersten Rolle wie von

Ferne zuschaut. Selbst der Regen in der Titelsequenz

scheint direkt von der Kamera herunterzufließen,

nicht vom Himmel. Diese kleine

Geschichte vom insolventen Regen schirmladen

und einer Liebe, die vom Algerienkrieg vereitelt

wird, stammt von Jacques Demy, dem französischen

Queer-Film-Pionier und Träumer

der Nouvelle Vague, auf den sich heute Ozon

und Honoré berufen, und erscheint hiermit

zum ersten Mal auf DVD (zusammen mit einem

Porträt des Regisseurs von seiner Frau Agnès

Varda, die sich seit dem Aids-Tod Demys

1990 darum bemüht, dass seine Filme angemessen

gewürdigt werden). Die Knalligkeit der

Farben konnte man leider nur annähernd rekonstruieren,

aber die Musik strahlt noch und

der Hauptdarsteller Nino Castelnuovo auch.

Und der Camp des Films zeigt sich nicht zuletzt

im Vermögen, Kitsch ernst zu nehmen

und sich gleichzeitig über sich lustig zu machen:

„Aus Liebe stirbt man nur in Filmen“,

sagt die Mutter zur armen Cathérine Deneuve.

Und: Er hasse „alle Sachen, in denen nur gesungen

wird“, singt (!) ein Automechaniker und

empfiehlt als Alternative: das Kino! jk

MEIN SÜSSER KLEINER ARSCH

CH 1997, regie: Simon Bischoff, GMFilms

In der Welt drehe sich ja

alles nur um das Geld und

um den Arsch, findet Jean

Neuenschwander. In seiner

kleinen Welt ist das

tatsächlich so. Neuenschwander

ist ein rüstiger

Frührentner, der dauerhaft

nach Tanger gezogen

ist, wo Geld und Ärsche keine Probleme mehr

bereiten. Seine Freunde sind ein Zirkel europäischer

Herren in ähnlicher Situation, für die

Hubert Fichte mal den Ausdruck „Ricard-Tanten“

geprägt hat: Sie genießen das Leben, teilen

sich die Jungs, sorgen für Ordnung (Neuenschwander

war mal Postangestellter) und

schwärmen von den großen „Riemen“. Simon

Bischoffs Film lässt sich ganz auf ihre Welt ein,

lauscht ihrer Selbstdarstellung, findet die naheliegenden

Bilder zu ihrer etwas angestrengt

deftigen Sprache. Hat sich Neuenschwander im

Verlauf von dreizehn Jahren angewöhnt, seine

Liebhaber gleichen Namens durchzunummerieren,

so listet auch der Film Mohammed 1,

Mohammed 2 und Mohammed 3 als Protagonisten

auf. Ein einziger Marokkaner darf nach

70 Minuten auch mal seine Geschichte erzählen

(ohne dass es dabei um mehr als um Geld

oder Ärsche ginge). Und so wächst die Faszination

dieses Films, gerade weil er im Ricard-Tanten-Milieu

so völlig verloren geht. Er zeigt europäische

Ordnungsfanatiker, die das Begehren

in die chaotische Fremde treibt, gestandene

Männer, die sich auf ihren Arsch reduzieren.

Und Paul Bowles (über den eine großartige Geschichte

erzählt wird) blickt für einen kurzen

Augenblick alt und stumm in die Kamera. Der

Regisseur lebt jetzt angeblich auch in Marokko

und hat wohl mit dem Filmen aufgehört. jk

VERzAUBERt

D 1993, regie: diverse, Edition Salzgeber

1977 kam der Dokumentarfilm

„Word is Out“ in

den USA heraus und setzte

damit einen Trend.

Schwule und Lesben erzählten

darin von ihren

Erfahrungen und aus ihren

Erinnerungen und damit

setzte sich für die lesbischschwule

Community ein selbstbewusstes

Bild des eigenen Lebensstils zusammen, das

man den Vorurteilen und Klischees der (Film-)

Geschichte entgegensetzen konnte. Anfang der

1990er begannen Studentinnen und Studenten

der Uni Hamburg etwas ähnlich Naheliegendes

und Verdienstvolles: sie fragten ältere Lesben

und Schwule in ihrer Stadt, wie sie ihre

Jugend erlebt haben. Also: als Verfolgte, Illegale,

Verfemte und erst spät (wenn überhaupt)

Rehabilitierte in den 1930er bis 1950er Jahren.

Da fallen Sätze wie: „Eigentlich war ja unser

ganzes Leben auf ständigen Lügen aufgebaut“.

Es wird vom Rosa Winkel gesprochen, von

„Schutzhaft“, von Anschwärzungen, Selbstmorden

und „Freundesehen“. Und auch davon,

dass viele Homosexuelle, die halbwegs heil

durch die NS-Zeit gekommen waren, schließlich

im ebenso repressiven Nachkriegsdeutschland

zugrunde gegangen sind. Aber das Bild ist

facettenreicher, es schließt mit ein, wie tatsächlich

der Alltag aussah, wie man „verzaubert“

ausgehen, sich verlieben, lange Partnerschaften

eingehen konnte. Die Filmemacher

stellen die richtigen Fragen und halten sich an-

genehm zurück, und die Protagonisten erzählen

stolz, mit Witz und Würde. Nur einmal

setzt man sich über sie hinweg. Da erzählt

Wally, die mal auf der Reeperbahn gearbeitet

hat, was für ein „alter Wichser“ Hans Albers in

Wahrheit gewesen war, doch ausgerechnet ihm

gehört das letzte Wort: sein „Goodbye, Johnny“

liegt als verklemmte und ungeplante Homohymne

über den Abschlusstiteln. Ein Film

für jedes DVD-Regal von selbstbewussten Lesben

und Schwulen! jk

POStCARD tO DADDY

DE 2010, regie: Michael Stock, Edition Salzgeber

„Michael Stock suchte

den Kontakt zum Vater,

besuchte den inzwischen

längst in einer neuen Familie

lebenden, schwer

kranken Mann, stellte die

Kamera auf und forderte

eine Stellungnahme,

mehr noch: eine Entschuldigung

ein. Der Selbstmord eines Freundes,

der Ähnliches mit seinem Vater erlebt

hatte und an dessen Kälte zerbrach, löste diese

Initiative aus. Das Mindeste geschah, der Alte

gab die Einwilligung, diese Szene der Selbstentblößung

im Film zu verwenden. Was er

über sich und den Missbrauch an seinem Sohn

sagt, ist erschütternd. In Postcard to Daddy

spielt es keine Rolle, dass es äußerst schwer

ist, adäquate Bildebenen für das Erzählte zu

finden, die nicht von den Genre-Konventionen

kontaminiert sind. Michael Stocks Film berührt,

weil er bei seinen glaubwürdigen persönlichen

Ausdrucksmitteln bleibt.“ (Clara

Brink in SISSY 2/10)

PRINz IN HöLLELAND

DE 1993, regie: Michael Stock, Edition Salzgeber

Nachdem Regisseur Michael

Stock seit der diesjährigen

Berlinale für seinen

autobiografischen

D o k u m e n t a r fi l m Postcard

to Daddy ganz zu Recht

einen Filmpreis nach dem

anderen bekommt und

das öffentliche Interesse

an seinem Werk groß ist, wird nun dankenswerter

Weise auch Prinz in Hölleland, sein

Spielfilmdebüt, wieder veröffentlicht. Das ist

inzwischen 17 Jahre alt, aber erstaunlicherweise

noch genauso sehenswert wie zu Beginn

der 90er Jahre, wenn auch aus anderen Gründen.

Was seinerzeit scheinbar vor allem als

komplett gelungene Momentaufnahme eines

schwulen Nachwende-Westberlins zu faszinieren

schien, entpuppt sich jetzt einfach als

hervorragendes Drama, wunderbar gebaut,

großartig gespielt und fein beobachtet. Natür-

lich kann der Film aber auch einfach als nostalgischer

Trip an Orte und in Umstände gesehen

werden, die längst Geschichte sind. Aber

dafür ist das herzzerreißende Kasperletheater

und böse Junkiemärchen, das Stock hier erzählt

und in einer der Hauptrollen auch selber

spielt, fast zu schade. ps

tIMIMOUN

DE/Dz 2010, regie: Michael roes, Edition Salzgeber

Zwei Freunde auf einer

Reise. Laid und Nadir sind

auf dem Weg ins algerische

Hinterland, zu Laids

Familie, in Laids Vergangenheit.

Nadir kommt

mit, weil er Laids Freund

ist. Und diese Freundschaft

wird mehr und

mehr zur Möglichkeit, aus den alten Familienstrukturen

auszubrechen, in der immer wieder

nur die Ehre beschädigt wird und gewaltsam

wiederhergestellt werden muss. Die Reise

der beiden Freunde behält gegen dieses starre

System ihre Leichtigkeit, ihre Beweglichkeit

und ihren Humor. Wie auch dieser Film, der

mit einfachsten Mitteln Großes wagt. Ob das

noch Freundschaft ist oder schon Liebe, bleibt

dahingestellt. Auf jeden Fall eine Utopie. Mehr

auf Seite 36.

ANDER

ES 2009, regie: roberto Castón, Bildkraft

Die „Süddeutsche Zeitung

fand: „Ein richtiger

Schwulenfilm ist Ander

nicht.“ und hat ein bisschen

Recht damit. Nichts

an der langsam, in der

großartigen Kulisse des

spanischen Baskenlandes

erzählten Bauer-sucht-

Mann-Geschichte, erinnert an den lärmenden,

ironisch unterfütterten Habitus, mit dem

Storys über moderne Homosexuelle gemeinhin

erzählt werden. Ander ist 40 und bricht

sich bei der Arbeit mit den Tieren ein Bein,

weshalb der junge peruanische Hilfsarbeiter

auf dem Hof ankommt, um das Vieh zu versorgen.

Die beiden verlieben sich ineinander und

am Ende kann auch Anders Rabenaas von alter

Mutter nichts daran ändern, dass die Beziehungsmoderne

Einzug hält und alle irgendwie

glücklich werden. Regisseur Roberto

Castón ist für Ander mit Lob und Preisen überhäuft

worden, weil er keine Angst vor der Stille

hat, mit der die Liebe manchmal eben einfach

passiert und vor der Kraft, mit der seine

Schauspieler den totalen Wandel in ihren Leben

ruhig und gelassen darstellen. Ein bemerkenswertes,

ganz und gar wunderbares Stück

spanisches Kino, das es auf Anhieb in den Ka-

non der schönsten schwulen Filme aller Zeiten

schafft, egal, was in der „Süddeutschen“

steht. ps

SPINNIN’

ES 2007, regie: Eusebio Pastrana, Edition Salzgeber

„In Form einer recht losen

Erzählstruktur mit unzähligenNebenschauplätzen

umreißt der Film die

Schwierigkeiten, mit denen

sich ein schwules

Paar mit Kinderwunsch

herumschlägt. Dabei geht

es ihm darum, nachvollziehbar

zu machen, wie kreativ und produktiv

der einzelne Mensch werden kann, wenn er

versucht, für sich eine den eigenen Wünschen

und Sehnsüchten entsprechende Zukunftsperspektive

zu entwickeln. Für dieses Plädoyer für

individuelle Lebenslösungen hat der Regisseur

die Form des mit Skurrilitäten durchsetzten

und zugleich warmherzigen „Feelgood-Movies“

im Geiste von Jean-Pierre Jeunet‘s Amélie

oder Michel Gondrys Science of Sleep gewählt.

Soll heißen, dass gerade in tragischen Situationen

auch gerne mal ältere Herren in Tütüs

durchs Bild tanzen oder munter die Filmküsse

durch das Hochhalten handgemalter Nummernschilder

gezählt werden. Und natürlich

fehlt auch das für diese Art von Filmen obligatorische

Plädoyer für die Liebe als alles am

Laufen haltende Urkraft nicht.“ (Hanno Stecher

in SISSY 2/10)

JAY

frisch ausgepackt

HK 2008, regie: Francis Xavier Pasion, CMV Laservision

Auf den Philippinen, einem

politischen Operettenstaat

ohne Kinoszene,

entstehen seit einigen

Jahren ziemlich aufregende

und facettenreiche

Filme, die vor allem auf

westlichen Festivals gefeiert

werden. Obwohl

der Blick der Filme auf die Realität des Landes

oft präzise und erbarmungslos ist, erschöpfen

sie sich selten im dokumentarischen Stil. Der

Pseudo-Ratgeber „Wie man auf den Philippinen

Dokumentarfilme macht“ liegt auf dem

Nachttisch des TV-Produzenten Jay, dem Helden

des gleichnamigen Films. Das ist eine böse

Pointe. Eigentlich recherchiert er zwar den

Mord an einem anderen Jay, einem schwulen

Lehrer – doch von Recherche kann eigentlich

keine Rede sein. Es soll ein wüstes, manipulatives

Format werden mit heulenden Müttern,

betretenen Kollegen, wilden Verbrecherjagden

und herzzereißenden Liebesbekenntnissen

des Exfreundes. Und wie man es wiederum

in medienkritischen Spielfilmen erwartet,

41


frisch ausgepackt

machen die „einfachen“ Leute nicht nur alles

mit, was der zynische Fernsehmensch von ihnen

verlangt, sondern setzen gerne noch eins

drauf, um vielleicht so in die nächste Casting-

Show zu kommen. Das Ganze ist bitterböse

ausformuliert, auch wenn der letzte Twist des

Drehbuchs, der das Verhältnis von Fiktion und

Realität noch einmal neu ordnet, nicht unbedingt

hätte sein müssen. In dieser durch und

durch korrumpierten Welt gehorchen nämlich

alle der Fiktionsmaschine, dem Sender, der

bezeichnenderweise „Mutter“ genannt wird.

Für diese Erkenntnis wurde Jay auf westlichen

Festivals gefeiert. jk

ANtONIOS GEHEIMNIS

PH 2008, regie: Joselito Altarejos, Bildkraft

Antonio hat alles, was

man als heranwachsender

Homosexueller so

braucht: einen abwesenden

Vater, der als Gastarbeiter

in Dubai das Geld

ranschafft, und eine dominante

Mutter, die keine

weiteren Lebensinhalte

hat als ihre Familie, die nur aus ihrem Sohn

besteht. Aber eigentlich geht es dem 15-Jährigen

nicht schlecht damit: Er weiß was er will,

hat eine Amouresque mit seinem Kumpel Nathan

und hiernach gleich mal sein Coming-

Out im Freundeskreis. Alles könnte so schön

sein, glaubte Mama nicht, Antonio bräuchte

eine Vaterfigur. Die wird mit dem jungen Onkel

Jonbert besetzt, der wenig väterliche Gefühle

für Antonio entwickelt, aber genau weiß,

wie dessen Leben künftig ablaufen soll: Antonios

… psychologisches Strickmuster steuert

direkt in die Katastrophe. Das ist ein bisschen

anstrengend, aber Joselito Altarejos’ Film rettet

sich durch die bemerkenswerten Leistungen

aller seiner Darsteller selbst. Kenjie Garcia

als Antonio und Josh Ivan Morales als

Jonbert, liefern sich einen zähen, sehenswerten

Kampf um die Frage, was „schwul“ heißt

und wie das funktioniert. Der Film ist eins von

inzwischen gefühlten 500 asiatischen Jugenddramen

der letzten Jahre, gehört aber zu den

besten 20 davon. ps

FEUILLE

CN 2004, regie: Youxin Yang, CMV Laservision

Warum müssen Französinnen

in Lesbenfilmen

eigentlich immer so destruktiv

sein? Schon in

Emma und Marie war die

liebeskranke lesbische

Protagonistin nur schwer

erträglich. Und die in

Feuille macht es nicht

besser: Die Fotografin Stéphanie trifft in Pa-

42

ris die Malerin Meihua. Sie ist aus China nach

Frankreich gekommen, um Kunst zu studieren.

Die beiden verstehen sich auf Anhieb,

doch während Meihua vor allem an Stéphanies

Sprachunterricht und Kunstverständnis

interessiert ist, würde diese gerne auch das

Bett mit der Chinesin teilen. Aus dieser Konstellation

hätte eine poetische Liebesgeschichte

im Spannungsfeld zwischen sexueller und

kultureller Identität werden können. Stattdessen

sieht man sich mit homophoben und

manipulativen Figuren konfrontiert: Weil

ihre Angebetete Homosexualität für eine

Krankheit hält, die man heilen kann, sabotiert

die gedemütigte Stéphanie Meihuas Beziehung

zu ihrem Verlobten. Als wäre das

nicht Drama genug, kommt auch noch die

Aids-Krise ins Spiel – immerhin ein Thema,

das in Frauenbeziehungen so gut wie nie thematisiert

wird. Natürlich kann Meihua ihre

Feuille nicht so leicht vergessen. „Aber was

hat diese Liebe mit Homosexualität zu tun?“,

fragt sie am Ende. „Ich würde sagen, dass so

etwas Anmutiges über den Geschlechtern

steht.“ ms

HANNAH FREE

uS 2009, regie: Wendy Jo Carlton, Pro-Fun Media

Hannah liegt im Altersheim

nur wenige Meter

von ihrer langjährigen

Geliebten entfernt, und

ist ihr doch ferner als je

zuvor. Rachel ist nach einem

Schlaganfall ins

Koma gefallen und wird

von ihrer eifersüchtigen

Tochter bewacht. Ohne jede Rechtsgrundlage,

ihre Partnerin noch einmal sehen zu können,

flüchtet Hannah sich in Tagträume. In Rückblenden

erzählt die Regisseurin Wendy Jo

Carlton in Hannah Free , wie die beiden Frauen

Anfang des 20. Jahrhunderts gemeinsam

aufwuchsen; wie sich aus Freundschaft Liebe

entwickelte, die in einer puritanischen US-

Kleinstadt im Mittleren Westen doch nie offen

gelebt werden konnte. In Gesprächen, die

Hannah im Geiste mit Rachel führt, arbeiten

sie alte Konflikte auf: Hannah ihre Enttäuschung

über die Angepasstheit der verheirateten

Hausfrau – und die ihre Wut über die vielen

Reisen der abenteuerlustigen Freundin.

Erst die Begegnung mit einer geheimnisvollen

jungen Besucherin bringt sie wieder zusammen.

Das ist nicht nur anrührend anzusehen,

sondern als Film über Lesben im Alter auch

eine echte Rarität. Wie erfreulich, dass so viel

Sex darin vorkommt; und welch ein Glücksfall,

dass Golden-Globe-Gewinnerin Sharon

Gless (Queer as Folk) die Hauptrolle spielt. Sie

verleiht Hannah so viel Leidenschaft und trockenen

Humor, dass man sie auf der Stelle als

Oma adoptieren möchte. ms

UNtERWEGS MIt KAtHY K.

uS 2009, regie: Nancy Kissam, Edition Salzgeber

Die vernachlässigte Hausfrau

Anora bekommt von

ihrer neuen Nachbarin,

einer Kosmetikvertreterin,

endlich das was sie

braucht: Handcreme. Und

Liebe. „Soweit das Auge

reicht – alle queer und

verrückt. Vielleicht besser

für Ehemann Cheb, dass man ihn erschießt. In

Nancy Kissams Welt erscheint er wie Charlton

Heston in Planet der Affen – sprich: der letzte

Überlebende. Und da in der Welt des heterosexuellen

Patriarchen kein Platz für queeres Leben

ist, gibt man ihm den Gnadenschuss.“ (Alice

Roberts in SISSY 1/10)

tHREE – DREI SIND KEINER zUVIEL

uS 1996, regie: Stephen Bulfield, CMV Laservision

Howard Roffman ist ja

auch so einer, der die „natürliche

Schönheit“ von

jungen Männern in sinnlichenSchwarzweiß-Fotografien

festhalten will.

„Aktfotograf“, nennt das

Wikipedia nüchtern. Anders

als in den stilisierten

Phantasien seiner Fotobände kommen einem

die Modelle John, Gary und Kris im fast fünfzehn

Jahre später veröffentlichten Begleit-

Film durchaus lebensecht und normal vor. Das

Spektakuläre ist ihre Dreierbeziehung, und

die Jungs bemühen sich auch sehr, ihre bisherigen

schönen und traurigen Erfahrungen in

dieser Verbindung auszuloten. Ein wirklich

präzises Bild bekommt man trotzdem nicht

vom Alltag und den konkreten Bedingungen

des Zusammenseins. Und man wüsste auch

gerne, ob die vom Fotografen verkuppelten

Jungs noch immer zusammen sind. Und erkennt

schließlich, dass hier auch „nur“ eine

stilisierte Phantasie geschaffen wird, wenn

auch in Farbe und Digitalvideo. Aber es ist

niedlich, wie das Leben immer wieder in die

Bilder fließt: Wie oft sie denn nun miteinander

Sex haben, will Bulfield wissen; Und John sagt

stolz: zu dritt mindestens einmal am Tag.

Dann kommt Kris nach Hause, John fragt ihn

das gleiche, beisst sich vor Erwartung auf die

Lippe, und Kris bemerkt lakonisch: ein paar

Mal in der Woche vielleicht, aber das sei ganz

unterschiedlich. Ein Rezensent hat tatsächlich

schon bedauert, dass man ja im Film erst sieht,

wie tuntig die Jungs sind – was die Aktbilder

wohlweislich verschweigen. Das kann man

aber auch sehr schön finden. Nach fünfzehn

Jahren bleibt das ein lebendiger Eindruck,

während der Fotoband längst zum Antiquariatstitel

geworden ist. jk

NEWCAStLE

Regisseur Ron Oliver

Au/JP 2008, regie: Dan Castle, Pro-Fun Media

wurde schon dreimal für

einen Emmy nominiert.

Es ist relativ egal, was hier über Newcastle

Der Emmy ist der wich-

steht, diesen Film werden sich viele schwule

tigste Fernsehpreis der

Männer viele Male ansehen. Beworben wird

USA und eine Prestige-

Dan Castles Streifen mit dem grenzdementen

trächtige Angelegenheit.

Claim: „Top Gun in den Wellen; Rocky mit Sur-

Wer nominiert wird, dem

fern!“ Wer jetzt versucht, sich vorzustellen,

sagt eine Branche, in der

anzeige_schwubus_sissi_09_2009:cover_msk

wie Tom Cruise erfolglos versucht,

10.08.10

ein

11:51

es viel

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1

und Missgunst gibt: „Fein gemacht,

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MR. RIGHt

GB 2009, regie: Jacqui & David Morris, Pro-Fun Media

„Fancy a fuck?“ Schöne

Abschlussfrage nach einem

Beziehungsgespräch.

Irgendwie merkt man

gleich – man ist in Großbritannien.

Hipperweise

in Soho, um genau zu sein.

Und dort, unter Kreativen,

also Kreativ-TV-Produzenten,

Kreativ-Köchen, Kreativ-Anti quitätenhändlern

und lauter Möchte gernschauspielern,

haben die Männer Probleme und ein paar

Freundinnen, die ihnen dabei zuschauen. Eine

Clique also, Liebessorgen, Bindungsängste,

Seitensprünge und der allgemeine Lebensblues.

Aber das geht auch witzig und ist hier

leicht aufbereitet. Die Dialoge sind spitz, das

Tempo hoch, die Schauspieler gut, nur der

Soundtrack etwas überladen (19 Songs, behauptet

der Abspann). Schon nach kurzer Zeit

mag man die Jungs und ihre unrealistischen

Vorstellungen von Glücksverwirklichung ganz

gerne; bis auf einen, den Galleristen für ausgesprochen

„schwule Kunst“, dem ganz übel mitgespielt

wird – vom Freund und vom Drehbuch.

Doch dann merkt man, dass der Regisseur diese

Rolle mit sich selbst besetzt hat und das ist

dann wieder sehr selbstironisch, britisch

eben. jk

Ob brandneu oder wieder aufgelegter Klassiker…

Maßgeschneidert!

A Single Man

DVD, FSK 12, 15,99 Euro

Surf brett in einen Düsenjet

zu stopfen oder wie

Sylvester Stallone in Boxhandschuhen

im Sonnenaufgang

in die Gischt

kippt, ist selber schuld.

Denn das eigentliche Verkaufsargument

von Newcastle

lautet: „Blonde, surfende

Australier um die 18 laufen 90 Minuten

halb oder ganz nackt rum und einer von denen

ist sogar schwul.“ Das ist für DVD-Boxen zu

lang, zugegeben, dafür aber die Wahrheit.

Newcastle ist einer dieser Filme für Männer,

die zu feige für echte Pornografie sind und deswegen

so tun müssen, als würden sie das hier

wegen der gar nicht mal schlechten Coming-

Out-Geschichte oder des Sozialdramas gucken,

das der Regisseur seinen jugendlichen Amateur-Darstellern

zum Spielen am Strand mitgegeben

hat. Wofür man den Film hingegen sehr

gut gucken kann: Shane Jacobson als proletarischer

Vater eines schwulen Sohnes, den er genauso

liebt, wie seine anderen beiden und die

absolut spektakulären Unterwasser-Aufnahmen.

Aber wie gesagt, es ist auch völlig egal,

was hier steht. ps

„DONALD StRACHEY: UND RAUS

BISt DU”, „ICE BLUES”,

DONALD-StRACHEY-BOx

uSA 2005–2008, regie: ron oliver, Pro-Fun Media

Erschütternd!

Bent

DVD, FSK 16, 17,99 Euro

frisch ausgepackt

weiter so. Jetzt musst du dir erst mal eine Weile

keine Sorgen um Jobs machen.“ Das war auch

bei Ron Oliver so. Seit er für Goosebumps und

Ultimate Goosepumps fast preisgekrönt wurde,

kann er sich vor Arbeit kaum retten: Er ist seit

fünf Jahren fast ausschließlich für den schwulen

Fernsehsender „here TV“ tätig. Oliver dreht

zwei bis drei Filme mit schwuler oder lesbischer

Thematik im Jahr und gehört damit zu

den Fließband-Regisseuren des Genres. Das

Bemerkenswerte: Olivers Durchbruch Goosebumps

war nicht, wie man ob des gänsehäutigen

Titels annehmen könnte, ein Erotik- oder

Horrorstreifen, sondern ein Kinderprogramm

über ein kleines, nettes Wesen Namens, genau,

Goosebumps. Von da aus stieg Oliver über den

Umweg Queer as Folk fast direkt bei „here TV“

ein und bewies: Er weiß, was Jungs wollen,

egal wie alt die sind. In den USA sind das, wie

überall auf der Welt, vor allem Krimis. Deswegen

nahm sich Oliver zwischen 2005 und 2008

gleich viermal den bekanntesten schwulen Privatdetektiv

der Welt Donald Strachey vor und

verfilmte einen der Romane, in denen Richard

Stevenson Strachey unterhaltsam und ganz

und gar offen schwul Räuber, Diebe und Mörder

jagen lässt. Und zwar aus cineastischer

Sicht gar nicht mal schlecht. Die Vorlagen sind

das, was man in Amerika liebevoll „Pulp Fiction“

nennt, Groschenromane, und die Fernsehumsetzung

hat Spaß dabei, sich an diese Vorgabe

zu halten. Chad Allen gibt als Strachey

einen schnuckeligen Detektiv ab, die Fälle sind

von jedem Deppen zu durchschauen, es gibt in

jeder Folge hübsche Gastauftritte camper Gesichtsvermieter

von Matthew Rush bis Morgan

Fairchild und der Ton ist süffisant ironisch.

Warum sich der deutsche DVD-Vertrieb entschieden

hat, die Filme in der falschen Reihenfolge

zu veröffentlichen, muss man jetzt nicht

mehr fragen, denn mit Und du bist raus (Teil 1)

und Systemschock erscheinen jetzt die letzten

beiden, der Kunde kann seinen Satz also kom-

Wir haben (fast) alles.

Auch aus dem Ausland.

Und was wir nicht am Lager haben,

besorgen wir gerne.

Auch aus dem Ausland.

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frisch ausgepackt

plettieren. Oder sich gleich die Strachey-Box

kaufen und sich fast acht Stunden kindlichkerlige

Krimikost gönnen. Für die Sonntag-

Abende ohne UFO-Tatort. ps

L-SHORtS

CH/CA/uS/Fr 2004–2009, Edition Salzgeber

Zwei Jahre nach der letzten

Ausgabe von Liebesperlen

freut sich die Kurzfilmverwöhnte

Frau von

Welt auf Nachschub. Und

muss feststellen, dass die

lesbische Welt ganz schön

monothematisch geworden

ist: In L-Shorts, den

sieben beliebtesten Kurzfilmen der L-Filmnacht,

dreht sich vieles um Kinder, Kinder und

nochmals Kinder. Da klaut Möchtegern-Mom

Lillith in einer nächtlichen Einbruchsaktion

die Spermien ihres Schwagers, den sie per Katzenhypnose

ins Nirvana geschickt hat (Succubus);

zwei Französinnen lassen sich von ihrer

Wissenschaftsverrückten Freundin Fruchtbarkeitsdrinks

andrehen, um eine künstliche

Gebärmutter zu züchten (Pepita, Laura und

Kitty), und eine Tankstellenbesitzerin trifft,

vergessen an der Zapfsäule, die Tochter, die sie

selbst nie hatte (Pit Stop). Wie gut, dass die US-

Regisseurin Laura Terruso mit Dyke Dollar

auch eine wirklich abgedrehte Story beigesteuert

hat: Einst von lesbischen Aktivistinnen gedruckt,

um auf ihre Benachteiligung im patriarchalen

Finanzsystem hinzuweisen, erwacht

ein Geldschein jedes Mal neu zum Leben, wenn

er den Besitzer wechselt. Wie ein Flaschengeist

weicht der „Dyke Dollar“ diesem dann nicht

mehr von der Seite, bis er ihn zu einem homofreundlichen

Menschen erzogen hat – eine

herrlich schräge Utopie. ms

REIFEPRÜFUNG

Fr/uK/uS/CA 2001–2009, Edition Salzgeber

15 ist ein schwieriges Alter.

Man weiß noch nicht

so viel, aber ahnt schon so

manches, kann noch

nichts, aber will schon

mehr als alles. Auf Reifeprüfung

sind gleich sechs

Filme über 15-jährige

Jungs drauf, die dem Zuschauer

alles zwischen erstem Mal und letzter

Unschuld erzählen. Lieblingsfilm des Rezensenten:

Danach. Die Verfilmung eines Dennis-

Cooper-Gedichts erzählt von drei jungen Perversen

und einem unschuldigen Footballspieler

und kommt ganz ohne Worte aus. Hübsch bunt

und mit einer hübschen Pointe. Die hat auch

Wofür hältst du mich?, ein kleines schottisches

Proletarierdrama, in dem man nie genau weiß,

wer wen wirklich will. Ein Sonnenstrahl trifft

das Auge ist hübsch naturverbunden, obwohl

es tränentreibend ist, jemandem dabei zuzusehen,

wie er sich einem Baum anvertraut, weil er

sonst niemandem hat, mit dem er über seine

erste große Liebe reden kann. Dafür ist dieses

Kleinod ganz wunderbar gedreht und erzeugt

innerhalb weniger Bilder eine große Intimität

und Nähe zu seinem Protagonisten. Das Jungsein

eine immer schöne und einfache Sache ist,

glaubt man vielleicht dann doch nur im Retrospekt.

Reifeprüfung zeigt warum. ps

KLEINE VANDALEN

DE/CH 2007–2010, Edition Salzgeber

Wenn man Kleine Vandalen

als Indiz für die Qualität

der Ausbildung an

deutschen Filmhochschulen

anguckt, muss es dort

von Leuten wimmeln, die

genau wissen, wie man

die Kreativität und das

Talent ihrer Schützlinge

in die genau richtigen Bahnen lenkt. Die sechs

Kurzfilme von vor kurzem oder in Bälde von

Hochschulen abgegangenen Herren und Damen

sind ein einziger Grund, sich auf ihre

Langfilme zu freuen. Egal ob Josephine Frydetzkis

Brandenburg-Melodram B96 mit einem

wunderbaren Harry Baer, die Punkromanze

Love Kills von Tor Iben oder das nächtlich-inzestuöse

Bübchen-Schaulaufen Zwillinge von

Florian Gottschick, hier haben sechs Filmemacher

Geschichten über die schwule Selbstfindung

zu erzählen, die von brüllend komisch

über sozialdramatisch bis hocherotisch jeden

Anspruch bedienen, den man als homosexueller

Kinozuschauer so haben kann. Wer sich in

den nächsten drei Monaten nur eine DVD

kauft, sollte diese kaufen, es lohnt sich über

alle Maßen. (Siehe auch Seite 12.) ps

A SINGLE MAN

uS 2009, regie: Tom Ford, Senator

Tom Fords schwelgerische

und dramatisierte

Isherwood-Verfilmung ist

vor allem ein Film über

das Älterwerden – und

über die Unsichtbarkeit

schwuler Lebensentwürfe

in den USA vor den großenEmanzipationsbewegungen.

„Der Vorwurf der Oberflächlichkeit,

der den Film seit seiner Premiere bei den Filmfestspielen

von Venedig fortwährend begleitet,

blendet nicht nur konsequent aus, mit welcher

Entschlossenheit Ford hier als schwuler

Künstler Stellung bezieht. Er verfehlt zudem

auch das innerste Wesen seiner filmischen

Strategie. Letztlich gleicht A Single Man dem

mit seinen riesigen Panoramascheiben und

von Glas dominierten Außenwänden allen Blicken

offenen John-Lautner-Haus, in dem der

von Colin Firth gespielte George Falconer

wohnt. Ford löst Isherwoods ‚stream of

consciousness‘-Erzählung konsequent in einen

Strom von Bildern auf, der Georges Innerstes

offenbart. Seine makellosen, beinahe hermetisch

wirkenden Einstellungen sind auf eine

ganz und gar einzigartige Weise selbst gläsern,

also durchsichtig und eben nicht oberflächlich.“

(Sascha Westphal in SISSY 1/10)

Vertrauensort,

leseheimat,

Anlaufstelle

von PhIlIPP wagner

Wer in Wien einen neuen regenbogennapf für den Kater

braucht oder nicht-heterosexuelle Bücher oder DVDs, sollte in

die Buchhandlung Löwenherz gehen. Mama kann man ruhig

mitnehmen.

s „Warum kaufst du eigentlich deine Sachen nur in der Buchhandlung

Löwenherz?“, blickt mich mein Kollege über den Bildschirmrand

hinweg fragend an. Was meint er bloß damit? „Meine Sachen“ ist ein

doch recht weitgefächerter Begriff, und bei Löwenherz handelt es

sich um eine spezielle Fachbuchhandlung.

Aber nach genauer Selbstbetrachtung muss ich bekennen: Er hat

schon recht. Wenn es sich nicht gerade um Flugtickets handelt, sind

die Chancen recht hoch, dass ich die Löwenherzen aufsuche. Eigentlich

bekomme ich da alles, was ich will: gedruckte Wissenschaft und

Belletristik, Soundtracks, Klassik-CDs und Hörbücher, Independent-

Filme und Hochglanzpornos auf DVD – und Regenbogennäpfe für

meine Kater, Pins für den Anzug, Fahnen für die Parade.

Meine erste Antwort auf die Frage des Kollegen ist: „Weil ich

immer schon dort eingekauft habe.“ Das ist schon etwas wienerisch,

zugegeben. Es fällt mir jedoch tatsächlich schwer, mich an eine Zeit

„vor Löwenherz“ zu erinnern.

Zum ersten Mal führte mich der Weg im Rahmen meines Studiums

dorthin. Ich begann mich für Homo/Sexualitätsgeschichte zu

interessieren und brauchte Literatur zu diesem Thema. Wer mir die

Buchhandlung Löwenherz empfohlen hat – und ob das überhaupt

passiert ist –, kann ich nicht mehr sagen. Und obwohl ich vorher noch

nie dort gewesen war, wurde mir schnell klar, dass sie die beste Wahl

dafür ist. Auf die Idee, mich in die Uni- und Institutsbibliotheken zu

bemühen, bin ich gar nicht gekommen.

Nichts Besseres konnte mir also passieren. Der helle Laden der

Löwenherzen ist mir seitdem bibliophiler Vertrauensort, Leseheimat

und Anlaufstelle für die vielfältigsten Lebensprobleme (Regenbogennäpfe!)

geworden. Vielleicht bin ich vorbelastet. Meine Eltern haben

einander im Buchhandel kennen gelernt. Und innerfamiliär waren

wir uns immer einig: Bücher kann man/frau gar nicht genug lesen.

Bei den DVDs bin ich bei weitem nicht so suchtgefährdet wie bei

den Büchern, aber die Löwenherzen machen es einem schon schwer:

Der für Buchhändler erstaunlich vorurteilsfreie Umgang mit Filmen

(schon zu VHS-Zeiten!) hat ein Angebot von vermutlich an die

1.000 schwulen Filmen wachsen lassen, das auch mich immer wieder

schwach werden lässt.

Mein persönlicher Suchtmittelindex: der viermal jährlich erscheinende

Katalog. Gut aufbereitet und warmherzig werden Neuerscheinungen

vorgestellt, Empfehlungen abgegeben und Veranstaltungen

angekündigt. Denn es versteht sich von selbst, dass die Löwenherzen

ihre Aktivitäten nicht auf den Verkauf von Büchern und anderen Spei-

Jürgen Ostler, Thomas Kriegel und Veit Schmidt

chermedien beschränken. Selbstverständlich sind sie in der Wiener

Szene fest verankert und oft Schauplatz szenepolitischer Treffen. Eng

verbunden ist die Geschichte der Buchhandlung mit der Etablierung

der Regenbogenparade (des Wiener CSD) und des Regenbogenballs.

Erste Ansprechpartner sind die Löwenherzen, wenn es um Projekte

wie Ausstellungen geht, die das schwullesbische Leben in Wien bzw.

Österreich behandeln. Und schließlich zahlt es sich auch immer aus,

auf einen Tratsch vorbeizukommen – sei es mit den Löwenherzen

oder den KundInnen, die gerade da sind. So kann es auch passieren,

dass Beratungsgespräche („Ich suche etwas in Richtung …“) zu Gruppendiskussionen

werden.

StammkundInnen genießen natürlich gewisse Vorteile. Wer öfter

dort einkauft, bekommt gerne auch „ungefragt“ Empfehlungen. Auf

das Wagnis sollte man sich einlassen. Denn die Löwenherzen empfehlen

nicht nur Lektüre aus dem immerselben Topf, sondern schlagen

auch Bücher und Filme vor, die mal ganz anders sind, als man sie

ansonsten konsumiert. Diese Buchhandlung ist tatsächlich noch eine

echte Bildungseinrichtung.

Also, es ist wirklich eine seltsame Frage, warum ich alle „meine

Sachen“ nur in der Buchhandlung Löwenherz kaufe. s

PS: Meine Mutter ist mittlerweile auch Stammkundin.

PPS: Löwenherz bietet gerade wieder einen Ausbildungsplatz an.

Bewerbung bitte an buchhandlung@loewenherz.at

Philipp Wagner ist Historiker und Autor von „Homosexualität und

Gesellschaft. Ein Beitrag zur Geschichte der Homosexuellenbewegung

in Wien nach 1945“.

Homosexualität und

Gesellschaft

von Philipp Wagner

124 Seiten, kartoniert

VDM Verlag Dr. Müller,

www.vdm-verlag.de

44 45

profil


service

beZugSquelleN

Nicht-heterosexuelle DVDs erhalten Sie unter anderem in den folgenden Läden. Die Auswahl

wird laufend ergänzt. Bitte helfen Sie uns dabei!

BERLIN B_BOOKS Lübbenerstraße 14, 030/6117844 · BRuNO’S Bülowstraße

106, 030/61500385 · BRuNO’S Schönhauser Allee 131, 030/61500387

· DuSSMANN Friedrichstraße 90 · GALERIE JANSSEN Pariser Straße 45,

030/8811590 · KADEWE Tauentzienstraße 21–24 · MEDIA MARKT ALExA Grunerstraße

20 · MEDIA MARKT NEuKöLLN Karl-Marx-Straße 66 · NEGATIVE-

LAND Dunckerstraße 9 · PRINZ EISENHERZ BuCHLADEN Lietzenburger Straße

9a, 030/3139936 · SATuRN ALExANDERPLATZ Alexanderplatz 7 · SATuRN

EuROPACENTER Tauentzienstraße 9 · VIDEO WORLD Kottbusser Damm 73

· VIDEODROM Fürbringer Straße 17 BOCHuM SATuRN Kortumstraße

72 DARMSTADT SATuRN Ludwigplatz 6 DORTMuND LITFASS DER

BuCHLADEN Münsterstraße 107, 0231/834724 DüSSELDORF BOOKxxx

Bismarckstraße 86, 0211/356750 · SATuRN Königsallee 56 · SATuRN

Am Wehrhahn 1 ESSEN MüLLER Limbecker Straße 59–65 FRANK-

FuRT/MAIN OSCAR WILDE BuCHHANDLuNG Alte Gasse 51, 069/281260

· SATuRN Zeil 121 HAMBuRG BuCHLADEN MäNNERSCHWARM Lange

Reihe 102, 040/436093 · BRuNO’S Lange Reihe/Danziger Straße 70,

040/98238081 · CLEMENS Clemens-Schultz-Straße 77 · EMPIRE MEGASTO-

RE Bahrenfelder Straße 242–244 · MEDIA MARKT Paul-Nevermann-Platz

15 KöLN BRuNO’S Kettengasse 20, 0221/2725637 · MEDIA MARKT Hohe

Straße 121 · SATuRN Hansaring 97 · SATuRN Hohe Straße 41–53 · VIDEO-

TAxI Hohenzollernring 75–77 LEIPZIG LEHMANNS BuCHHANDLuNG

Grimmaische Straße 10 MANNHEIM DER ANDERE BuCHLADEN M2 1,

0621/21755 MüNCHEN BRuNO’S Thalkirchner Straße 4, 089/97603858

· LILLEMOR’S FRAuENBuCHLADEN Barerstraße 70, 089/2721205 · MAx

& MILIAN Ickstattstraße 2, 089/2603320 · SATuRN Schwanthalerstraße

115 · SATuRN Neuhauser Straße 39 NüRNBERG MüLLER Königstraße

26 STuTTGART BuCHLADEN ERLKöNIG Nesenbachstraße 52,

0711/639139 TRIER MEDIA MARKT Ostallee 3–5 TüBINGEN FRAuEN-

BuCHLADEN THALESTRIS Bursagasse 2, 07071/26590 WIEN BuCHHAND-

LuNG LöWENHERZ Berggasse 8, + 43/1/13172982

Dominikanerplatz 4

WüRZBuRG MüLLER

kiNOS

Nicht-heterosexuelle Filme können Sie unter anderem in den folgenden Kinos sehen. Die Auswahl

wird laufend ergänzt. Bitte helfen Sie uns dabei!

AALEN KINO AM KOCHER Schleifbrückenstraße 15,

07361/5559994 ASCHAFFENBuRG CASINO FILMTHEATER Ohmbachsgasse

1, 06021/4510772 AuGSBuRG CINEMAxx Willy-Brandt-Platz 2,

01805/24636299 BERLIN ARSENAL Potsdamer Straße 2, 030/26955100

· KINO INTERNATIONAL Karl-Marx-Allee 33, 030/24756011 · xENON KINO

Kolonnenstraße 5–6, 030/78001530 · CINEMAxx POTSDAMER PLATZ Potsdamer

Straße 5, 01805/24636299 · EISZEIT Zeughofstraße 20, 030/6116016

· FSK AM ORANIENPLATZ Segitzdamm 2, 030/6142464 BIELEFELD CI-

NEMAxx Ostwestfalenplatz 1, 0521/5833583 BOCHuM ENDSTATION

KINO IM BHF. LANGENDREER Wallbaumweg 108, 0234/6871620 BRE-

MEN KINO 46 Waller Heerstraße 46, 0421/3876731 · CINEMAxx Breitenweg

27, 01805/24636299 DORTMuND SCHAuBuRG Brückstraße 66,

0231/9565606 DRESDEN KID – KINO IM DACH Schandauer Straße 64,

0351/3107373 · CINEMAxx Hüblerstraße 8, 01805/24636299 ESSEN CI-

NEMAxx Berliner Platz 4–5, 01805/24636299 ESSLINGEN KOMMu-

NALES KINO Maille 4–9, 0711/31059510 FRANKFuRT/MAIN MAL SEH’N

Adlerflychtstraße 6, 069/5970845 · ORFEOS ERBEN Hamburger Allee

45, 069/70769100 FREIBuRG KOMMuNALES KINO Urachstraße 40,

0761/709033 · CINEMAxx Bertholdstraße 50, 01805/24636299 GöT-

TINGEN KINO LuMIèRE Geismar Landstraße 19, 0551/484523 HAM-

BuRG METROPOLIS KINO Steindamm 52–54, 040/342353 · CINEMAxx

WANDSBEK Quarree 8–10, 01805/24636299 HANNOVER APOLLO STuDIO

Limmerstraße 50, 0511/452438 · CINEMAxx Nikolaistraße 8, 01805/24636299

· KINO IM KüNSTLERHAuS Sophienstraße 2, 0511/16845522 KARLSRu-

HE KINEMATHEK KARLSRuHE KINO IM PRINZ-MAx-PALAIS Karlstraße

10, 0721/25041 KIEL DIE PuMPE – KOMMuNALES KINO Haßstraße 22,

0431/2007650 · CINEMAxx Kaistraße 54–56, 01805/24636299 · TRAuM

KINO Grasweg 48, 0431/544450 KöLN FILMPALETTE Lübecker Straße 15,

0221/122112 · KöLNER FILMHAuS Maybachstraße 111, 0221/2227100 KON-

STANZ ZEBRA KINO Joseph-Belli-Weg 5, 07531/60162 LEIPZIG PAS-

SAGE KINO Hainstraße 19 a, 0341/2173865 MAGDEBuRG CINEMAxx

Kantstraße 6, 01805/24636299 MANNHEIM CINEMA QuADRAT Collinistraße

5, 0621/1223454 MARBuRG CINEPLEx Biegenstraße 1a,

06421/17300 MüNCHEN NEuES ARENA FILMTHEATER Hans-Sachs-

Straße 7, 089/2603265 · CITy KINO Sonnenstraße 12, 089/591983 · CINE-

MAxx Isartorplatz 8, 01805/24636299 MüNSTER CINEMA FILMTHEA-

TER Warendorfer Straße 45–47, 0251/30300 NüRNBERG KOMMKINO

Königstraße 93, 0911/2448889 OFFENBACH CINEMAxx Berliner Straße

210, 01805/24636299 OLDENBuRG CINE K Bahnhofstraße 11,

0441/2489646 · CINEMAxx Stau 79–85, 01805/24636299 POTSDAM

THALIA ARTHOuSE Rudolf-Breitscheid-Straße 50, 0331/7437020 RE-

GENSBuRG WINTERGARTEN Andreasstraße 28, 0941/2980963 · CINEMAxx

Friedenstraße 25, 01805/24636299 SAARBRüCKEN KINO ACHTEINHALB

Nauwieser Straße 19, 0681/3908880 · KINO IM FILMHAuS Mainzer Straße

8, 0681/372570 SCHWEINFuRT KuK – KINO uND KNEIPE Ignaz-Schön-

Straße 32, 09721/82358 STuTTGART CINEMAxx AN DER LIEDERHALLE

Robert-Bosch-Platz 1, 01805/24636299 TRIER BROADWAy FILMTHEATER

Paulinstraße 18, 0651/96657200 WEITERSTADT KOMMuNALES KINO

Carl-Ulrich-Straße 9–11 / Bürgerzentrum, 06150/12185 WuPPERTAL CI-

NEMAxx Bundesallee 250, 01805/24636299 1181

Veitshöchheimer Straße 5a, 01805/24636299

WüRZBuRG CINEMAxx

46

IMPRESSuM

herausgeber Björn Koll

Verlag Salzgeber & Co. Medien GmbH

Mehringdamm 33 · 10961 Berlin

Telefon 030 / 285 290 90 · Telefax 030 / 285 290 99

Redaktion Jan Künemund, presse@salzgeber.de

Art Director Johann Peter Werth, werth@salzgeber.de

Autoren Richard Dyer, Michael Eckhardt, Jessica Ellen, Richard Garay, Gunther

Geltinger, Patrick Heidmann, Jan Künemund, Dietrich Kuhlbrodt,

Gerhard Midding, Angelika Nguyen, Jana Papenbroock, Bert Rebhandl,

Maike Schultz, Paul Schulz, Michael Sollorz, Hannt Stecher, Philipp

Wagner, André Wendler, Sascha Westphal

Anzeigen Jan Nurja, nurja@salzgeber.de

Es gilt die Anzeigenpreisliste 2/2010 (www.sissymag.de/media).

Druck Möller Druck, Berlin

Rechte Digitale oder analoge Vervielfältigung, Speicherung, Weiterverarbeitung

oder Nutzung sowohl der Texte als auch der Bilder zu kommerziellen

Zwecken bedürfen einer schriftlichen Genehmigung des Herausgebers.

Verteilung deutschlandweit in den schwul-lesbischen Buchläden, in den CinemaxX-

Kinos in Augsburg, Berlin, Bielefeld, Bremen, Dresden, Essen, Freiburg,

Hamburg, Hannover, Kiel, Magdeburg, Mannheim, München, Offenbach,

Oldenburg, Stuttgart, Wuppertal. Außerdem hier: Hochschule für

Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ (Potsdam), Deutsche Film- und

Fernsehakademie Berlin, Orlando (Bochum), Birdcage (Kiel), Café Gnosa

(Hamburg), Café ERA (Köln), Kunsthochschule für Medien Köln. Wenn

Sie die SISSY ebenfalls auslegen möchten: Kurze Mail genügt!

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SISSY erscheint alle drei Monate, jeweils für den Zeitraum Dezember/

Januar/Februar – März/April/Mai – Juni/Juli/August – September/

Oktober/November. Auflage: 40.000 Exemplare (Druckauflage).

Auch das noch …

ISSN 1868-4009

Eine 16mm-Filmkopiebüchse, ganz frisch aus unserem Keller. Nach 23 Jahren schicken wir „5 Ways To Kill

Yourself“ an Gus van Sant zurück – seine eigene Kopie war ihm abhanden gekommen.

„Brokeback Tempelberg!“ JUNGLE WORLD

„Eindringlich und berührend!“ NZZ

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