Magisterarbeit - Karate-Budo-Torgelow

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Magisterarbeit - Karate-Budo-Torgelow

Magisterarbeit

Zur Entwicklung des Trainingssystems im Karate

– Eine Interviewstudie mit erfolgreichen Trainern und Trainerinnen –


Hochschule: Universität Greifswald

Hauptfach : Sportwissenschaft

Nebenfächer: Psychologie

Kommunikationswissenschaft

Magisterarbeit im

Hauptfach:

Sportwissenschaft

Eine sportwissenschaftliche Betrachtung des Themas

Thema: Zur Entwicklung des Trainingssystems im Karate

- Eine Interviewstudie mit erfolgreichen Trainern und

Trainerinnen -

Erstgutachter : PD Dr. E. J. Hossner

Zweitgutachter: Prof. Dr. paed. H. Ilg

Autor: Thomas Kuhrt

Matrikelnummer: 470799

E-Mail Adresse: kuhrt.torgelow@freenet.de

Eingereicht am: 20.07.2004


Inhalt

1) Einleitung 4

2) Vorbetrachtung 5

2.1) Ein geschichtlicher Einblick 5

2.2) Bedeutende Lehrer und Meister 8

2.3) Traditionen und Philosophie des Shotokan-Karate 13

2.4) Klassische Trainingsmethoden 20

2.5) Didaktische Prinzipien 25

2.5.1) Didaktisches Leitkonzept im DKV 26

2.5.2) Didaktisches Leitkonzept im SRD 28

3) Die Weiterentwicklung der klassischen Trainingsmethoden 30

3.1) Kumite – Kämpfen 31

3.1.1) Psychische und Physische Bereitschaft 36

3.1.1.1) Mi-Gamae – Physische Bereitschaft 37

3.1.1.2) Ki-Gamae – Psychische Bereitschaft 39

3.2) Kihon – Grundschule 43

3.3) Koordinative Fähigkeiten 47

3.4) Konditionelle Fähigkeiten 52

4) Das Interview 57

4.1) Fragenerstellung 59

4.2) Gedächtnisprotokolle des Interviewers 61

4.2.1) Gedächtnisprotokoll – Ralph Masella 62

4.2.2) Gedächtnisprotokoll – Jörg Waterstradt 65

4.2.3) Gedächtnisprotokoll – Dirk Wedel 67

4.2.4) Gedächtnisprotokoll – Arnfried Krause 69

4.2.5) Gedächtnisprotokoll – Jörg Kohl 72

4.3) Ableitungen der Trainer- bzw. Alltagstheorien 75

4.3.1) Trainingsziele 76

4.3.2) Trainingsplanung 77

4.3.3) Trainingsmethoden 79

4.3.4) Technikleitbild 84

4.3.5) Trainingsinhalte 88

4.3.6) Trainerwissen 89

4.3.7) Kategoriendarstellung 96

4.3.8) Prinzipienerstellung 96

5) Zusammenfassung 102

Anhang:

Stichwortverzeichnis

Ausspracheregeln

Begriffe

Trainingsplan 2004 DKV

104

Literaturverzeichnis 109

Bilderverzeichnis 111

Anmerkung:

Alle Bezeichnungen für Karate-Übende sind männlich, bezeichnen aber beide Geschlechter.

Der verwendete Ausdruck Karate bezieht sich in dieser Arbeit immer auf

das Shotokan-Karate, außer in gekennzeichneten Abschnitten. Es haben sich keine

Trainerinnen bereit erklärt an der Studie teilzunehmen, weil es einerseits sehr wenige

Trainerinnen gibt und andererseits der Aufwand sie zu erreichen zu groß war.


1) Einleitung

Das verfolgte Anliegen dieser Arbeit ist die Betrachtung der Entwicklung des Trainingssystems

im Karate. Der Titel der Arbeit bezieht sich nicht nur auf trainingswissenschaftliche

Aspekte, sondern auch auf Ansichten bezüglich klassisch philosophisch

traditioneller Werte. Es werden themenübergreifende, interdisziplinäre Ansichten

dargestellt, die das Trainingssystem für die Kampfkunst Karate charakterisieren.

Da es jedoch sehr viele verschiedene Stile im Karate gibt und diese in einer Arbeit

nicht alle analysiert werden können, beschränken sich die ausgewählten Aspekte auf

das Shotokan-Karate. Alle Karate-Stile beinhalten aber dieselben Prinzipien. Diese

Prinzipien unterliegen sportwissenschaftlichen Analysen und gehen allgemein aus

der Trainingswissenschaft, Sportmotorik – Biomechanik, Sportpsychologie, Sportmedizin

u.a. hervor. Zunächst folgen allgemeine Betrachtungen zum Shotokan-Karate,

mit geschichtlichen, traditionellen, philosophischen Hintergründen und klassischen

Trainingsmethoden. Daran setzen didaktische Prinzipien an sowie die Weiterentwicklung

der klassischen Trainingsmethoden. Es folgt die Erstellung des Konzepts des

Interviews. Das Interviewverfahren wurde gewählt, um das Trainerwissen ohne Vorbereitung

zu Testen und im persönlichen Gespräch festzustellen, wie Karate betrachtet,

geübt und gelehrt wird. Gleichzeitig ist eine genauere Hinterfragung des Wissens

und der Sichtweisen der Trainer möglich. Des Weiteren lag es nahe mehr über die

Ausbildung der Trainer selbst zu erfahren. Dadurch kann möglicherweise ein Qualitätsmerkmal

des Trainings festgestellt werden. Hierzu werden die Trainingsmethoden,

Trainingsziele und das Wissen der Trainer hinterfragt. Außerdem wird der ursprüngliche

Gedanke des Karatetrainings aufgenommen und mit dem Entwicklungsstand

der heutigen Ideen des Karatetrainings verglichen. Es folgt die Auswertung der

Interviews. Die Rahmenhypothese dieser Arbeit lautet, dass es im Trainingssystem

des Shotokan-Karate starke Veränderungen gibt. Tiefergehend wird hypothetisch

angenommen, dass Shotokan-Karate, als Spezialisierung und Transformierung von

Techniken zum Wettkampfsport einerseits und als Erweiterung des klassischen Trainingssystems

mit modernen sportwissenschaftlichen Erkenntnissen andererseits, in

zwei Hauptrichtungen gesplittet wurde. Den Abschluss der Arbeit bildet eine alltagsorientierte

Kategorien- und Prinzipienbildung. Diese können aus den Interviews und

der wissenschaftlichen Literaturrecherche abgeleitet werden. Schließlich folgt eine

Zusammenfassung und die Verifizierung oder Falsifizierung der Rahmenhypothese.

Der Rahmen der Arbeit wurde durch eine umfangreiche Literaturrecherche gelegt,

wofür 40 Bücher, verschiedene Trainingspläne, -konzeptionen und Fachzeitschriften

gelesen und sondiert wurden. Interviewpartner waren Trainer von zwei verschiedenen

Verbänden. Diese Verbände vertreten und verbreiten das Shotokan-Karate mit

ihren speziellen Ansichten. Sie werden als „Shotokan-Ryu-in-Deutschland e.V.“

(SRD) und als „Deutscher-Karate-Verband e.V.“ (DKV) bezeichnet. Ihre Ziele sind

nur Ansatzweise dieselben, die Trainingsinhalte sind teilweise gleich und werden unterschiedlich

gewichtet. Die Trainerausbildungen, die Beachtung der Traditionen und

die Philosophie des klassischen Karate und dessen Umsetzung sind stark divergent.

Das wird in der Auswertung der Interviews deutlich herausgestellt. Um einen besseren

Einblick in die Divergenzen zu erhalten, werden zusätzlich die Rahmentrainingskonzeption

für Kinder und Jugendliche im Leistungssport des Deutschen Karate Verbandes

e.V. und die Trainingsschwerpunkte der Landeskader Schleswig-Holsteins

des DKV in der Auswertung der Interviews verwendet.

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2) Vorbetrachtung

Die Vorbetrachtung gewährt einen allgemeinen Einblick in die geschichtliche Entwicklung,

den geschichtlichen Hintergrund, religiöse Einflüsse, philosophische Gedanken

und klassische Trainingsmethoden. Außerdem werden didaktische Prinzipien

im Shotokan-Karate-Training erläutert. Dazu werden wesentliche Persönlichkeiten

der Geschichte des Karate und deren Einflüsse genannt. Die Gedanken dieser Persönlichkeiten

werden im Laufe der Arbeit immer wieder aufgenommen, um auch der

Bedeutung der geistigen Werte des Karate, die sie stets betonten, Achtung zu tragen.

In der Vorbetrachtung werden die klassisch, traditionellen Ansichten und Werte

des Karate deutlich, die als Vergleichsmöglichkeit zur späteren Gegenüberstellung

mit den heutigen Inhalten des Shotokan-Karate dienen. Dadurch soll ein tieferes

Verständnis für die klassischen Trainingsmethoden und den damit verbundenen

Werten ermöglicht und die Entwicklung des Trainingssystems und der ursprüngliche

Hintergrund des klassischen Karate-Trainings tiefer erfahren werden. Es werden allgemeine

didaktische Richtlinien genannt, derer die Weiterentwicklung der klassischen

Trainingsmethoden folgt.

2.1) Ein geschichtlicher Einblick

Karate entwickelt sich seit über 1000 Jahren und

wird von Begeisterten auf der ganzen Welt

gefördert. Die Wiege der Kampfkunst Karate ist

Okinawa. Seine Geschichte ist nicht zu trennen

von der des Landes. Deshalb folgt nun ein kurzer

Einblick in dieselben. Okinawa bedeutet „Tau im

offenen Meer“ (W. Lind, Okinawa – Karate, S.19).

Es ist die Hauptinsel des aus 140 Inseln

bestehenden Ryukyu – Archipels. „Der Ursprung

der Bevölkerung ist ein ungeklärtes völker-

kundliches Rätsel“ (W. Lind, Okinawa–Karate,

S.19). Sie setzt sich aus gestrandeten Asiaten

vom Festland, aus Einwanderern Japans, die

durch Rassenverfolgung zur Auswanderung

gezwungen wurden, aus Malaien, Mongolen, Chinesen

und Philippinen zusammen. Bereits im 3.

Jahrhundert v. Chr. gab es Kontakte mit dem

asiatischen Festland. Es ist also eine bunte

Mischung von Menschen, die den Japanern am

ähnlichsten sehen. Okinawa war in seiner Geschichte ein Land vieler Veränderungen.

Die Insel wurde oft durch die Chinesen und Japaner besetzt, wodurch intensiver

Kulturaustausch vollzogen wurde. Es gibt darüber historische Aufzeichnungen, die

das für die Zeit um 560 bis 743 n. Chr. belegen und meist Nationalschätze des Landes

Japan sind. Diese Besatzungen sind Knotenpunkte für die Entwicklung des Karate,

denn es wanderten Priester, Soldaten, Beamte und politisch Verfolgte ein (vgl.

W. Lind 1997, S.19, 20). Dieser rege Verkehr setzte sich bis ins 14. Jahrhundert fort.

In der Regierungszeit König Satos (1353-1395) herrschte Krieg auf Okinawa. König

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Sato stellte exklusive Handelsbeziehungen zu Korea her

und erhielt die Unterstützung Chinas. Dadurch erlangte er

eine Vormachtstellung. In dieser Zeit schickte der

chinesische Kaiser ausgewählte Experten aus dem

Staatswesen, der Wissenschaft, Religion, Kunst und

Militärstrategie nach Okinawa. Diese Gruppe wurde „36

Familien“ genannt (vgl. W. Lind 1997). Darunter waren

einige Spezialisten der chinesischen Kampfkunst „Quan-fa“,

was die Bezeichnung für Shaolin-Kung-Fu ist (die Abbildung zeigt zwei Meister des

Quan-fa beim Training). Gleichzeitig wurden okinawanische Abgesandte nach China

geschickt, um direkt vor Ort zu lernen und das neue Wissen zurück nach Okinawa zu

bringen. Dieser Austausch hielt auch in der Zeit der japanischen Besatzung an. In

der Regierungszeit des Königs Sho Hashi (1422-1439) wurde der Besitz von Waffen

auf ganz Okinawa verboten, um eine Bedrohung des Throns zu bannen. Ein Nebeneffekt

des Verbots war die Entwicklung der waffenlosen Kampfkünste. Außerdem

wurden intensive Handelsbeziehungen zu den umliegenden Ländern aufgenommen.

Es entstanden Kontakte zu Arabern, Malaien, Indonesiern und Thailändern. Diese

Kontakte übten Einfluss auf das einheimische Selbstverteidigungssystem, das Ti oder

Te genannt wurde (vgl. W. Lind 1997, S.23-30). Es gibt verschiedene Ansätze

über die Entstehung des Karate. Ein Ansatz beschreibt die Bauern als Initiatoren, ein

anderer beschreibt die Adelsklasse als Begründer dieser Kampfkunst. Aber: „Keine

unserer vielen Recherchen kann zum Beispiel die vielzitierte Theorie bestätigen,

dass das okinawanische Karate von Bauern begründet und organisiert gegen die

Satsuma – Samurai verwendet wurde. Vielmehr möchten wir die Existenz der alten

okinawanischen Selbstverteidigung (Te) an der Tradition der Shizoku – Klasse (Adel)

festmachen“ (W. Lind 1997, S.14). Einige der ersten aufgezeichneten Grundlagen

dieser Theorie findet man in der Regierungszeit des Königs Sho Shin (1477-1526).

Die Hauptstadt Okinawas war zu diesem Zeitpunkt Shuri. Der König veranlasste,

dass alle Adligen (Shizoku) fast wie in Gefangenschaft in der Hauptstadt leben mussten.

Gleichzeitig wurde das Verbot erneuert, das das Waffentragen untersagte. Die

Shizoku – Klasse hatte keine eigenständige Macht. Danach und nach Selbstbestimmung

trachteten sie. In dieser Zeit entwickelten sie das Selbstverteidigungssystem

ohne Waffen weiter, dessen Ursprungsbezeichnung, wie oben beschrieben, Ti oder

Te war. Das Schriftzeichen wird auf Okinawa Ti gesprochen, während es japanisch

Te ausgesprochen wird. Aber er entwaffnete nicht nur den Adel, sondern auch die

Landbevölkerung, die Heimin-Klasse. Diese entwickelte ein Kampfsystem, wobei sie

Werkzeuge als Waffen einsetzten. Heute ist die Bezeichnung dieses Systems Ryukyu-Kobujutsu.

Die Selbstverteidigung mit bloßen Händen und das Bauernverteidigungssystem

mit Werkzeugen wurden im Geheimen trainiert, um Strafen zu entgehen.

Aus diesem Grund ist nicht sehr viel über Technik und Training dieser Zeit bekannt.

Die Geheimhaltung zog sich über das 16. bis zum 17. Jahrhundert hinweg.

1609 wurde Okinawa von den brutalen Samurai (Krieger / Dienender) des japanischen

Satsuma – Clans erobert. Der Satsuma-Clan hatte den Krieg in Japan gegen

den Tokugawa-Clan verloren. Dieser erlaubte den Satsuma ihre Ehre wieder herzustellen

indem sie Okinawa eroberten. Dort regierten sie mit brutaler Gewalt. Sie verboten

erneut das Tragen von Waffen. Der herrschende König Sho Nei wurde gefangen

genommen und nach Japan gebracht. Da die Okinawaner nur im allergeringsten

Maße mit den Satsuma zusammenarbeiteten wurden sie hart sanktioniert, schikaniert

und gequält. Die Ausübung der Selbstverteidigungssysteme war unter Todesstrafe

verboten. Wenn zum Beispiel ein Mann mit Knöcheln gesichtet wurde, die

Spuren von Abhärtungsübungen aufwiesen, richtete man ihn hin. Aus diesen Grün-

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den trafen sich verschiedene Kampfgemeinschaften, um ihre

Kampfsysteme zu verbessern, damit sie effektiver gegen die

Waffen der Samurai kämpfen konnten. Samurai trugen

Waffen, wie zum Beispiel Schwerter, Lanzen, Bögen und

Kurzschwerter. In Folge dessen vermischten sich die beiden

Hauptstile der Selbstverteidigung auf Okinawa. Das waren

zum einen das einheimische Ti/Te und zum anderen das

eingeführte chinesische Quan-fa. Die neu kombinierte Kampfform wurde Tode genannt.

Tode bedeutet übersetzt Hand aus China. Zu dieser Zeit wurde das Kampfsystem

noch immer im Geheimen trainiert und nur an nahe Verwandte weitergegeben.

Auch darüber gibt es kaum Aufzeichnungen. Die genaue Entwicklung nachzuvollziehen

ist deshalb nicht möglich. So liegen ca. 90 Jahre im Dunkeln. Erst mit dem

17. Jahrhundert wurde das Geheimnis langsam gelüftet. 1611 kam der König zurück

nach Okinawa, jedoch nur als Marionette des Satsuma-Clan. In der Regierungszeit

des Königs Sho Tei (1669-1709) näherten sich Okinawaner und Japaner langsam

an. Man kann sagen, dass ein allgemeiner Waffenstillstand eintrat. Es entstanden

drei Hauptstile des Tode, die nach den Städten benannt wurden, in denen sie geübt

wurden. Das sind Shuri-Te, Naha-Te und Tomari-Te. Das Shuri- und Tomari-Te wurde

als Shorin-ryu, das Naha-Te als Shorei-ryu bezeichnet. Ryu bedeutet hierbei soviel

wie Stil. Bis zum 19.Jahrhundert regierte der Satsuma-Clan auf Okinawa. 1868

begann in Japan die Meiji-Restauration, die eine Klasseangleichung beinhaltete. Der

Samuraistand wurde aufgelöst und damit auch die Herrschaft der Satsuma auf Okinawa.

1895 wurde Okinawa als 47. Präfektur Japans anerkannt. Eine 259jährige Besatzungszeit

endete. Die Hinterlassenschaft waren verschiedene Kampfsysteme.

Hier beginnt die Reise der Selbstverteidigung Okinawas als Kampfkunst um die Welt

(vgl. W. Lind, 1997). Mit dem 19. Jahrhundert öffnete sich die Shizoku-Klasse nach

außen und gab das Kampfsystem der Öffentlichkeit preis. Dieses wurde bis 1950

weiterentwickelt und danach verschiedenartig umgewandelt. Zur Zeit des 2. Weltkrieges,

in dessen Nachkriegszeit und zur Zeit des Vietnamkrieges wurde Okinawa

als Militärbasis benutzt. Die amerikanischen Soldaten lernten die einheimischen

Kampfkünste, die sich namentlich in Okinawa-Te verändert hatten, von allen möglichen

Lehrern. Sie verdienten sich dadurch ein Zubrot oder wollten die amerikanische

Staatsbürgerschaft als Lohn, um in die USA auswandern zu können, um dort ein

besseres Leben anzufangen (vgl. W. Lind 1997). Nach den Forschungen des Budo-

Studien-Kreises (vgl. W. Lind 1997) gibt es zwischen 50 und 100 Übende des authentischen

okinawanischen Karatestils. Sie trainieren in der Abgeschiedenheit, verzichten

auf weltweite Anerkennung und geben ihr System nicht preis. So entstand

letztendlich aus dem Ti (japan. Te) und dem Quan-fa das Tode, welches später in

Okinawa –Te umbenannt wurde. Im Zuge der Anpassung an japanische Verhältnisse

wurde Okinawa-Te in Karate (japanisch) umbenannt. Wie Karate nach Japan gelangte

und warum es umbenannt wurde wird im nächsten Abschnitt näher beschrieben.

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2.2) Bedeutende Lehrer und Meister

Es gab sehr viele unbekannte Lehrer und Meister des Tode auf Okinawa. Diese

Meister waren sicherlich sehr wichtig für die Entwicklung vom Tode zum heutigen

Karate. Aber alle anderen Aussagen wären hier nur Spekulation, denn es gibt darüber

keine Nachweise. Die ersten bekannten Meister und Lehrer stammen aus dem

18. Jahrhundert. Sie trainierten entweder Te oder Quan-fa. Einer der Meister war

Kushanku, der Shaolin-Kung-Fu übte. Er brachte eine Dao aus seiner Heimat China

mit. Dao (japanisch Kata / deutsch Form) ist ein formaler Ablauf bestimmter Angriffs-

und Abwehrtechniken, die einen bestimmten Rhythmus haben, ähnlich einer Tanzkoregrafie.

Eine Dao verschlüsselt die Anwendung der ausgeführten Techniken für den

realen Kampf. Der Begriff Kata und ihre Bedeutung werden später genauer als ein

Hauptinhalt des Karatetrainings erklärt. Die Form des Lehrers Kushanku wurde nach

ihm benannt und erfuhr oftmals Weiterentwickelungen und Umbenennungen. Seine

Grundbezeichnung blieb aber erhalten. Der Name dieser Kata im Shotokan-Karate

ist Kanku und besteht aus einer großen (Kanku-Dai/dai=groß) und aus einer kleinen

Form (Kanku-Sho/ sho=klein; vgl. W. Lind, 1997). Kanku bedeutet übersetzt Blick in

den Himmel (vgl. A. Pflüger, 1995, S.47/48, S.71/72). Der Lehrer Kushanku war nicht

der einzig bekannte Unterweiser in der Selbstverteidigung. Ein anderer benannter

Lehrer war der okinawanische Experte im Ti/Te Takahara Peichin. Bei diesen Lehrern

lernte der Okinawaner Sakugawa Shungo. Sakugawa kombinierte die beiden

Systeme und entwickelte den ersten systematischen Tode-Stil. Da er in Shuri lebte

nannte er den Stil Shuri-Te. Sakugawa gilt als der Begründer der okinawanischen

Dojokun, was Verhaltensregeln für Übende des Karate sind. Dessen Grundgedanken

wurden von Boddhidarma, dem ersten Patriarch des Zen-Buddhismus, in China gelegt

(siehe Abbildung). Darauf wird im Abschnitt der

traditionellen und Philosophischen Gedanken eingegangen.

Zur Zeit Sakugawas gab es noch viele andere Meister. Einer

war der chinesische Meister Iwah, der den Shaolin-

Kranichstil (bai-he-quan) beherrschte. Sakugawa und Iwah

unterrichteten einen Mann namens Matsumura Sokon (auch

Matsumura Shoshu genannt). Matsumura verband die beiden Stile und erschuf „Shorin

Ryu Gokuan Tode“ (Übersetzung: „Technik aus China, aus dem Shaolin – Kloster,

zur Verteidigung der Heimat“; W. Lind 1997, S.72). Er verfaste einige Texte zum

Weg des Lernens und des Kämpfens. (Dazu genaueres im Abschnitt zu philosophischen

und traditionellen Gedanken der Kampfkunst Karate.) Matsumuras Kampfstil

war sehr dynamisch und kraftvoll. Er enthielt Elemente des Shaolin-Kung-Fu, einige

Prinzipien des japanischen Schwertstils des Satsuma-Clans (bekannt als jigen-ryu)

und Teile des okinawanischen Te. Ein Schüler Matsumura Sokons war Azato Anko,

der spätere Lehrer des Begründers des modernen Karate Funakoshi Gichin. „Azato

Anko verfeinerte Matsumuras Methode, indem er viele Ausweichbewegungen und

schnelle Wechsel zwischen Angriff und Verteidigung einbaute“ (W. Lind 1997, S.73).

Ein weiterer Schüler Matsumuras war Meister Itosu Yasutsune oder auch Itosu Anko

genannt. Itosus Spitzname war „die heilige Faust des Shuri-Te“ (W. Lind 1997, S.76).

Itosu wurde streng im Sinne eines Samurai erzogen. Er lernte nicht nur bei Matsumura

Sokon Kampftechniken, sondern auch bei den Meistern Shiroma Gusukuma aus

Tomari, Nakahara und Yasuri, einem direkten Schüler des Lehrers Iwah. Itosu war

der zweite Lehrer Funakoshi Gichins. Erstgenannter begann, im April 1901, Karate

an öffentlichen Schulen zu unterrichten, da er Karate als Gesundheitsgymnastik erkannte.

Auf Grund dessen entschärfte Itosu die kämpferischen Inhalte und betonte

den Gesundheitsaspekt. Er brach hiermit das alte Tabu der Geheimhaltung der

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Kampftechniken, die in den verschiedenen Kata (Form) versteckt waren (vgl. W. Lind

1997). Auch Itosu begründete tiefe philosophische Hintergründe und Traditionen, die

an späterer Stelle näher genannt werden. Seine Forschungen vertieften sich in verschiedenen

Kampfkunststilen. Denen entnahm er verschiedene formale Abläufe (Kata/Dao),

um seinem System neue Techniken hinzuzufügen. Dadurch lag eine überdimensionale

Sammlung vieler Formen vor, die zum Verlust des tieferen Inhalts seines

Stils führten. Heute heißt das Quantität statt Qualität. Deshalb waren die okinawanischen

Lehrer der Meinungen, dass Itosu Karate verfälschte. Doch die gefährlichen

Techniken konnten nicht in der Schule unterrichtet werden. Er wandelte viele

Angriffstechniken in Abwehrtechniken um. Itosu verstand die Zeichen des eingekehrten

Friedens und brachte eine neue Denkweise ein,

indem er den Menschen das Karate als Sport, mit dem

Grundgedanken eines heilenden Kampfsystems

eröffnete, wobei die Abwehr im Vordergrund stand aber

die Tödlichkeit und Ernsthaftigkeit der Selbstverteidigung

nicht verkannt wurde (vgl. W. Lind 1997, S.84). An dieser

Stelle muss ein Schüler der beiden Meister Azato Anko

und Itosu Yasutsune näher betrachtet werden. Wie schon

erwähnt ist der Name des Schülers Funakoshi Gichin

(siehe Abbildung). Er wurde 1869 auf Okinawa, als einziger

Sohn einer niederen Shizoku-Familie geboren und

verlebte seine Kindheit bei seinem Großvater Gifu, einem

konfuzianischen Gelehrten. Dort studierte er klassische

chinesische Literatur. In seiner Grundschulzeit übte

Funakoshi bei Azato Anko im Geheimen Karate. Er besuchte seinen Lehrer bei

Nacht und übte oft bis in die Morgenstunden. Sein Training bestand nur aus Kata

(siehe Trainingsinhalte). Das Motto der alten Meister lautete „mindestens 3 Jahre für

eine Kata“ (W. Lind 1997, S.271). Funakoshi übte 10 Jahre ein und dieselbe Kata,

bevor Meister Azato mit ihm zufrieden war. Diese Kata wird heute als Tekki (Eisenreiter)

bezeichnet. Zu der Zeit seiner Übung besuchte Meister Itosu Funakoshis Lehrer

Azato. Sie tauschten sich über Karate und viele andere Themen aus. Itosu akzeptierte

Funakoshi ebenfalls als Schüler. „1888 legte Funakoshi die Prüfung zum Hilfslehrer

in Shuri ab und 1891 wurde er Hauptschullehrer an einer Schule in Naha“ (W.

Lind 1997, S.271). In Naha trainierte er mit den Meistern Higashionna und Aragaki, in

Shuri übte er mit den Meistern Kiyuna und Matsumura Nabe. „1901 / 1902 leitete er

eine Karatedemonstration in der Schule von Naha anlässlich eines Besuches des

Schulkommissars der japanischen Provinz Kagoshima, Herrn Shintaro Ogawa. Dessen

Bericht veranlasste das Kultusministerium in Tokyo, Karate als Teil des Lehrplans

an den okinawanischen Schulen einzuführen,…“ (W. Lind 1997, S.271). Daraufhin

entwickelten sich immer mehr Kontakte zwischen japanischen Persönlichkeiten

und dem Okinawakarate. Funakoshi Gichins Rolle in diesen Begegnungen wurde

immer größer. Nach einer 30jährigen Schullehrzeit kündigte er und widmete sich

vollkommen den Kampfkünsten. Er reiste mit einer Gruppe, heute als Großmeister

bekannter Karatepersönlichkeiten, durch Okinawa und zeigte mit ihnen Okinawa-Te

im ganzen Land. 1916 gab Funakoshi eine Demonstration in Kyoto und 1921 eine

Vorführung für den japanischen Erbprinz Hirohito auf Okinawa. Im gleichen Jahr bekam

die okinawanischen Kampfkunstorganisation eine Einladung vom japanischen

Kultusministerium, um Karate in Tokyo zu demonstrieren. Okinawa betrachtete das

als eine Möglichkeit Karate als Friedensbotschaft in die Welt zu entsenden. Dafür

wurde ein Mann gewählt, dessen „Charakter über jeden Zweifel erhaben war“ (W.

Lind 1997, S.272). Die Wahl traf auf Funakoshi Gichin, der nicht nur ein Meister des

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Karate, sondern auch der Kalligraphie und Dichtkunst war. Sein Künstlername lautete

„Shoto“, er sprach Japanisch und Chinesisch, kannte die Philosophien der beiden

Länder und war in der okinawanischen Kultur bewandert. Bei der Demonstration waren

viele Kampfkünste der japanischen Kultur vertreten, wie beispielsweise Judo,

dessen Begründer Kano Jigoro ist. Dieser zeigte großes Interesse an Karate und lud

Funakoshi ins Kodakan ein, dem Judozentrum Japans. Funakoshi führte weitere

Demonstrationen vor, was durch die Anerkennung des Judobegründers Kano erleichtert

wurde. Von einer Reise, im Jahr 1922, nach Japan kehrte Funakoshi nicht

mehr nach Okinawa zurück. Er sorgte dafür, dass Karate von den Japanern anerkannt

wurde. Dafür lebte und lehrte er Karate intensiv in Japan. Es gelang ihm sogar

Karate in Universitäten und Hochschulen zu integrieren. Sein Leben war nie von

Reichtum gekennzeichnet und er musste für seinen Unterhalt Hilfsarbeiten leisten.

Seine ersten Schüler trainierten mit ganz gewöhnlicher Kleidung, ohne weiße Karateanzüge

und ohne Graduierungssysteme. Die einzige Methode war das Katatraining

und die Abhärtung verschiedener Körperteile am Schlagpolster. Doch die Mentalität

in Japan war eine andere als in Okinawa. Die Japaner führten Wettkämpfe in allen

Kampfkünsten durch, wie beispielsweise im Kendo, Judo, Jiyujitsu und Sumo. Dort

gab es eine Vielzahl von Übungen und Bewegungsformen, doch im Karate gab es

weder Wettkämpfe noch eine Vielzahl von verschiedenen Bewegungen. Um Popularität

zu erlangen und Karate zu verbreiten musste Funakoshi Veränderungen im

Trainingssystem vornehmen. Er führte Kampfübungen und Grundtechniktraining ein.

Nach Ansicht der Meister Okinawas war es nur möglich etwa 3-5 Kata vollständig zu

meistern und deren Kampfaspekte zu verstehen. In Japan musste diese Qualität der

Quantität weichen. So erweiterte Funakoshi das Lehrsystem auf 15 verschiedene

Kata, die später näher erläutert werden. Die ursprünglichen Varianten der Kata wurden

von ihm veränderte, die Gründe sind umstritten. Sie gelten derzeit als Standardübungen

im Shotokan-Karate. Heute gibt es 27 Shotokan-Kata. Das Trainingssystem

Funakoshis bestand hauptsächlich aus Kataübungen, deren Anwendung im Kampf

(Bunkai), Grundtechnikschulung (Kihon), Schlagpolsterübungen (Makiwara) und die

Lehre bestimmter Körperpunkte, die im Kampf angegriffen werden sollten, um den

größtmöglichen negativen Effekt einer Technik beim Gegner zu erzielen (= jintaikyusho;

vgl. W. Lind 1997, S.281). Funakoshi lehnte grundsätzlich das freie Kämpfen

ab, denn hier verliert Karate den Hintergrund einer Selbstverteidigung, bei der man

nicht die aggressive Angriffsposition einnimmt, sondern das Leben verteidigt. Karate

dient der friedlichen Charakterschulung. Einer seiner Hauptgrundsätze lautete „karate

ni sente nashi!“, was etwa die Bedeutung trägt, dass „es keinen ersten Angriff oder

keine erste Bewegung im Karate gibt“ (W. Lind 1997, S.281). Um Karate noch mehr

den Japanern anzupassen wandelte Funakoshi Gichin das traditionelle Schriftzeichen

der Okinawaner ins Japanische um. Das traditionelle Schriftzeichen bedeutete

„Technik aus Okinawa“ oder „Technik der Tang“ (in Anlehnung an die Kampfkünste

aus China, aus der Regierungszeit der Tang – 618-907 n.Ch. / vgl. W. Lind, 1997).

Das Wort Karate setze sich aus „kara“ und „te“ zusammen. Kara bedeutet soviel wie

„Leere“ und Te bedeutet „Hand“. Zusammengefasst ergibt sich die Übersetzung „Die

leere Hand“. „Das Schriftzeichen, das er für Kara wählte, hat seinen Ursprung in der

buddhistischen Tradition und wird auch „ku“ ausgesprochen, was „ohne Inhalt“ oder

„leer“ bedeutet und eine Andeutung an das Universum ist“ (vgl. R. G. Hassel, S.36).

„Shotokan war die ursprüngliche Bezeichnung für Meister Funakoshis 1936 gegründetes

Karate-Dojo in Tokyo“ (W. Lind 1997, S.268). Das alleine reichte nicht, um die

Japaner zu befriedigen. Es wurden ein Kampf- und Wettkampfsystem entwickelt, die

als Teilaspekt des Karatetrainings eingeführt wurden. Der Wettkampf war nicht das

Hauptanliegen des Trainings und wurde nicht speziell geübt. Er galt als Nebenpro-

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dukt der Entwicklung des Karate. Im Training wurden die Hauptelemente Kata, Kihon

und Kumite geübt, um sie im Wettkampf anzuwenden. Die Entwicklung zum Sportwettkampf

wird an späterer Stelle erläutert. Funakoshi Gichin versuchte sein ganzes

Leben lang traditionelles Karate in Japan zu verbreiten und es der Welt als Friedensbotschaft

zu eröffnen. Doch die Moderne und die Modernisierung zwangen Karate

zur Weiterentwicklung. Hier legte ein Sohn Funakoshi Gichins wertvolle Grundsteine.

Sein Name war Funakoshi Yoshitaka (siehe Abbildung). Er führte verschiedene

Kampfsysteme ein, wie zum Beispiel das Gohon-, Sanbon-

und Ippon-Kumite. Gohon-Kumite ist ein Fünf-Schritt-Kampf,

Sanbon-Kumite ist ein Drei-Schritt-Kampf und Ippon-Kumite

ist ein Ein-Schritt-Kampf. Er arbeitete das Karatesystem

kämpferisch auf. Yoshitaka unterrichtete japanische

Eliteeinheiten des Militärs im zweiten Weltkrieg, darunter

waren zum Beispiel die berühmten Kamikazeflieger. Die

Techniken wurden so verändert, dass sie vom Militär verwendet

werden konnten. Dazu wurden die Stellungen tiefer

und stärker, um zum Beispiel durch die Haltung Konfrontation

zu suggerieren. Fußtechniken wurden aggressiver

eingesetzt, die Akzentuierung lag deutlich bei den

Angriffstechniken und es wurde der wirkliche Kampf geübt.

Messer und andere Waffen kamen zum Einsatz und die Fußtritte wurden mit Stiefeln

ausgeführt, selbst im Übungskampf. Karate gewährleistete unter Yoshitaka eine extreme

Kampfausbildung, mit der Betonung des Kampfes auf Leben und Tod. Yoshitaka

wurde von Meister Egami Shigeru begleitet, der nach dem Tod Yoshitakas eine

der wichtigsten Persönlichkeiten der Shotokan-Bewegung wurde. Er ließ keine Abweichungen

vom Grundkonzept des Karate, wie es Funakoshi Gichin lehrte zu. Yoshitaka

starb im zweiten Weltkrieg an einer Krankheit in jungen Jahren. Egami

Shigeru verbreitete seinen eigenen Stil, der als Shotokai bekannt ist. In der Zeit des

zweiten Weltkrieges kam die Entwicklung Karates leicht zum Stocken, da viele Meister

in den Krieg involviert und im Ausland stationiert waren. Nach dem zweiten Weltkrieg

ist der Name Nakayama Masatoshi zu nennen (siehe Abbildung links), der

1913 in Tokyo geboren wurde. Er war in China stationiert und

gehörte einer Samurai-Familie an. Sein Training begann er

unter Funakoshi Gichin. Nakayama kehrte 1946 nach Japan

zurück. Während seiner Abwesenheit hatte Yoshitaka das

System, in der Zeit von 1938 und 1942, stark verändert.

Diese Veränderungen waren ihm fremd und der

vorherrschende Stil unbekannt. Nakayama ging den älteren

Lehrern aus dem Weg und lernte von jüngeren Karatekas. Er

wollte das Konzept des Wettkampfkarates einführen und

suchte dafür die Unterstützung Funakoshis. Das Wettkampfsystem

wurde jedoch weder von Funakoshi Gichin noch von Yoshitaka autorisiert.

Aber Nakayama ließ sich nicht aufhalten. Er erarbeitete ein Regelsystem, in

Zusammenarbeit mit Nishiyama Hidetaka, um das Karate als Wettkampfsport weltweit

zu verbreiten. 1949 wurde unter Leitung von Nakayama die JKA (Japan Karate

Association) als erster Karateverband gegründet. 1955 eröffnete sie das erste kommerzielle

Dojo (Dojo = Übungshalle). Eine der unbestrittenen Verdienste der JKA war

die Einrichtung einer speziellen Instruktorenklasse (Trainerkategorie) im Jahre 1956.

Da auch Nichtjapaner, vor allem amerikanische Soldaten unterrichtet wurden, beschäftigten

sich Nakayama und Vertreter der JKA mit Kinetik, Physiologie, Anatomie

und Hygiene. Sie schufen eine solide Grundlage der Bewegungsmechanik für das

11


Karatetraining und fügten Inhalte aus den Bereichen der Physik, Psychologie und

des Managements hinzu. Außerdem erstellten sie eine Systematisierung durch die

Einführung von Gürtelfarben und Graduierungen. Durch diese tiefergehende Forschung

wurde das Instruktorenprogramm vom japanischen Bildungsministerium anerkannt.

Ausgewählte und talentierte Karatekas, vorwiegend aus dem Karate-Club

der Takushoku-Universität, durchliefen ein dreijähriges Ausbildungsprogramm. Dafür

konnten mehrere Instruktoren aus der Vorkriegsgeneration, unter der Leitung von

Masatoshi Nakayama, gewonnen werden. Nach Abschluss des Programms wurden

die Instruktoren in ferne Länder entsandt, um dort Karate zu verbreiten. Der erste

Lehrgang mit JKA-Instruktoren in Deutschland fand 1965 statt. Bis zum Höhepunkt

ihres Schaffens, im Jahre 1977, hatten zahlreiche Länder eigene Instruktoren. So

konnte Karate in einer guten Qualität in der Welt verbreitet werden. Am 26.04.1957

starb Meister Funakoshi Gichin. Nach seinem Tod stritten sich die beiden Hauptrichtungen

des Shotokan-Karate um die wahre Nachfolge. So entstanden zwei politisch

konkurrierende Hauptlinien im Shotokan-Karate. Die eine war die JKA unter Nakayama

Masatoshi, die andere war die Shotokai-Linie unter Egami Shigeru, der das Nihon

Karate-Do Shotokai gründete. Ein wesentlicher Unterschied der beiden Linien

bestand in der Ausübung von Wettkämpfen. Die JKA führte das Wettkampfsystem

ein und verbreitete es über die ganze Welt. Die Shotokai-Linie lehnt noch heute

Wettkampfkarate ab. Am 15.04.1987 starb Meister Nakayama und die JKA stritt wieder

um die „Erbfolge“. Die politischen Streitigkeiten hier weiterzuverfolgen ginge entschieden

zu weit. Aber egal ob sie Wettkämpfe betreiben oder nicht, sie folgten und

folgen doch den alten Traditionen und Prinzipien der Meister längst vergangener Tage.

Einige leben diese Prinzipien mehr, andere leben sie weniger. Aber um Karate zu

verstehen, muss man diese Gedanken kennen. Die Grafik zeigt zusammenfassend

den Stammbaum des Shotokan-Karate (Quelle: www.utah.edu/ska/images/history.gif):

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2.3) Traditionen und Philosophie des Shotokan-Karate

Im Folgenden werden traditionelle Regeln und philosophische Gedanken zum und

des Karate aufgenommen. Wie schon erwähnt gilt Meister Sakugawa Shungo als der

Begründer der okinawanischen Dojokun, deren Vorbild die Regeln Boddhidarmas

aus dem Shaolin-Tempel war. Dojokun sind Verhaltensregeln für Übende des Karate.

Diese Regeln galten als Charaktervervollkommnungsleitlinien, die den Ausübenden

dazu befähigen sollten „in allen Dingen des Lebens bewandert zu sein“ (W. Lind

1997, S.68). Die Essenz seiner Regeln ist in folgenden fünf Punkten auch heute

noch in den Übungshallen vieler Karateinstitutionen zu finden:

„1. Suche die Vervollkommnung deines Charakters: Bemühe dich darum, nicht nur

deinen Körper zu üben, sondern begegne deinen inneren Unebenheiten mit derselben

Kraft, wie du im Training lernst, äußere Schwierigkeiten zu überwinden.

2. Sei aufrichtig, loyal und zuverlässig: Achte das Leben, deine Kunst und den anderen

Menschen. Pflege gegenseitige Beziehungen mit ehrlicher Gesinnung und vermeide

Haltungen, durch die du in Frage gestellt werden kannst. Stehe zu deinen

Verantwortungen und pflege den Geist der Freundschaft.

3. Sei achtsam in deinem Streben: Vermeide jede Form des egoistischen Strebens.

Überwinde den Egoismus, die Selbstsucht und die Habgier, sei maßvoll im Nehmen

und großzügig im Geben. Dränge dich nicht in den Vordergrund, halte deine Ansprüche

gering und bekenne dich zur Verantwortung, zur Hilfe und zur Toleranz.

4. Ehre die Prinzipien der Etikette: respektiere die Budo-Etikette und bemühe dich

darum sie in deinem Verhalten sichtbar zu machen. Gehe nicht gedankenlos über sie

hinweg und suche nicht nach Entschuldigungen, wenn du sie verletzt. Gleiche Fehler

durch erhöhte Hingabe aus und lasse sie nicht auf sich beruhen.

5. Verzichte auf Gewalt: Missbrauche weder das Wissen noch das Können, das du

dir in der Übung der Kampfkünste aneignest, für eigennützige Zwecke. Bekenne dich

zur körperlichen und geistigen Gewaltlosigkeit und bemühe dich in allen Problemsituationen

um friedliche Alternativen“ (W. Lind 1997, S.95; Karamitsos, Pejcic 2000,

S.21). In einer weiteren Linie wird der Lehrmeister Matsumura Sokon genannt, der

einige Lehrschriften verfasste. In einer schreibt er, dass einer der drei Wege des

Kämpfens Budo ist. Budo bedeutet so viel wie der Weg der Kriegskünste. Sokon

schrieb: „Budo (Bujutsu der wahren Kampfkünste): Dies ist reine Konzentration, die

viele einzigartige Ideen hervorbringt. Du musst mit Deinem Geist gut umgehen und

darauf warten, dass Dein Gegner geistig zusammenbricht. Gewinne den Kampf

durch die Ruhe Deines Geistes, der die Konzentration des Gegners zerstört. Reifes

Handeln bewahrt Dich vor Fehlern. Auf dem Gebiet der Loyalität musst Du die Kraft

eines Tigers haben. Ein Meister des Budo sollte sich von Gewalt fernhalten, mit

Menschen gut umgehen, ihre Leistungen anerkennen, in Frieden mit ihnen Leben

und zu ihrem Wohlbefinden beitragen. Kampfkunstanhängern ist es verboten, sich

auf ungebärdige Weise zu verhalten. Soldaten sollten die Menschen schützen und

ihnen Helfen, in Frieden zu leben. Daher liegt in den Kampfkünsten der Weg der

Wahrheit“ (W. Lind 1997, S.73). In Japan wurde der philosophische Grundstein in der

Kamakura-Periode (1193-1333) gelegt. Die Samurai schufen den nötigen Hintergrund

um ihre Macht zu stabilisieren. Sie nahmen Elemente des Zen-Buddhismus

und die Lehre des Konfuzianismus als Staatsphilosophie auf. Kurz gesagt hieß das

Motto „das Leben sei einfach und hart“ (H. Handel 1998, S.193). So entstand der

Weg des Kriegers (japanisch Bushido), dem sieben wesentliche Punkte zu Grunde

gelegt wurden.

1) „Gi – die rechte Entscheidung aus der Ruhe des Geistes, die rechte Haltung, die

Wahrheit. Wenn wir sterben müssen, müssen wir sterben.

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2) Yu – Tapferkeit und Heldentum

3) Jin – die universale Liebe, das Wohlwollen gegenüber der Menschheit

4) Rei – das rechte Verhalten (ein ganz grundlegender Punkt)

5) Makoto – vollkommene Aufrichtigkeit

6) Meiyo – Ehre und Ruhm

7) Chugi – Hingabe und Loyalität“ (H. Handel 1998, S.193)

Der Sinn, das Training der Kampfkünste als Weg zu betrachten, besteht darin zu erkennen,

zu erfahren, zu erfühlen und zu leben (vgl. H. Handel 1998, S.196). In den

verschiedenen Epochen entwickelte sich die Philosophie ständig weiter, ohne die

Wurzeln zu verlieren. Itosu Yasutsune griff folgende Gedanken auf: „Karate strebt

nicht nur danach, den Körper zu disziplinieren, sondern dient der Erhaltung der Gesundheit.

Wenn es notwendig ist, für eine gerechte Sache zu kämpfen, sorgt Karate

für die Tapferkeit und für die Stärke, durch die man sein eigenes Leben für diese Sache

aufs Spiel setzen kann. Es ist nicht dazu gedacht, im Wettbewerb eingesetzt zu

werden, sondern viel eher als ein Mittel, seine Hände und Füße in einer ernsthaften

Bewegung mit einem Raufbold oder Schurken zu gebrauchen“ (W. Lind 1997, S.79).

Der Ursprungsgedanke des Karate war es mit einem Schlag zu töten, denn der Samurai

(Krieger, Dienender) wollte dem Okinawaner immer mit einem Schwerthieb

das Leben nehmen. Itosus Gedanken gehen in den Friedenszeiten weiter und er erwähnt

den gesunderhaltenden und fördernden Wert des Karate, ohne den Gedanken

an die ursprünglichen, kämpferischen Inhalte zu verlieren. Dieser wird in eine friedliche

Form transformiert. Itosu sagt auch, dass „Realität ein wichtiges Ziel im Karatetraining

ist. Sich vorzustellen, dass man wirklich während des Trainings auf dem

Schlachtfeld ist, trägt viel zu intensiveren Fortschritten bei“ (W. Lind 1997, S.79/80).

Heute nennen wir diese Trainingsform ideomotorisches Training, die Anwendung in

vielen Sportarten findet.

Der Karatemeister Motobu Choki (1871-1944) schreibt zu der tieferen Bedeutung Karates

folgendes: „Manche Menschen befürchten, dass sie durch ihre Fortschritte im

Karate andere angreifen können und sich nicht nur auf die Abwehr beschränken.

Doch sie sollten im Sinne behalten, was Karate wirklich ist, und sich der Meisterschaft

des Selbst widmen. Wenn jemand das vergisst, kann er nicht mehr als Mitglied

der Kampfkunstgemeinschaft gelten. Karate ist zu einer internationalen Kampfkunst

geworden und kann als Mittel zur Geisterziehung sehr wichtig sein. Das Training

entwickelt eine beträchtliche geistige Kapazität…“ (W. Lind 1997, S.226/228).

Diese Entwicklung ist auch heute noch am Wirken und machte mit Funakoshi Gichin

keinen Halt. Er erarbeitete viele Gedanken und erstellte wesentliche Leitlinien für die

Übenden des Karate (Karateka). Die philosophische Bedeutung des heutigen Karate

ist nach ihm folgende:

„Die Bedeutung des neuen >>Kara>Technik>Handleer>grüne

Bambusstab: innen hohl (Kara), aufrecht und mit Knoten, d.h. selbstlos, sanft und

gemäßigt.


Universums Leere ‚(Kara, Ku), und so ist Leere die Form selbst. >>Form ist Leere,

und Leere ist Form selbst


Geist unterweisen.

5. Die Schüler müssen alle Lehren des Meisters befolgen und alle Regeln des

Dojo bewahren. Wenn ein Schüler sie nicht befolgt, muss ihn der Verantwortliche

aus dem Dojo weisen.

6. Im Dojo darf man nicht sprechen, nicht lachen, sich nicht laut verhalten, keine

Unruhe stiften und keine Feste veranstalten. Das Dojo dient keinem anderen

Ziel als dem Training des Do.

7. Im Dojo darf man keine auffällige Kleidung tragen.

8. Zum Training muss jeglicher Schmuck abgelegt werden.

9. Personen unter Drogeneinfluss oder Verrückte dürfen das Dojo nicht betreten.

10. Personen, die gerne streiten, diskutieren oder sonstige Probleme bereiten, dürfen

nicht eintreten.

11. Alle, die sich im Dojo kennenlernen, müssen eine strenge Sexualmoral einhalten.

12. Jeder muss das Dojo betreten, bevor das Training begonnen hat. Wer zu spät

kommt, darf die anderen nicht stören. Schuhe und sonstige Gegenstände müssen

geordnet abgestellt werden.“ (H. Handel 1998, S.197/198)

Andere wichtige Traditionen und Rituale beim Karate-Training sind der Gruß, die

Meditation, der weiße Karateanzug (Karate-gi) und das Graduierungssystem in Form

von Gürtelfarben. Graduierungen gibt es als Kyu- (Schüler-) und Dan- (Meister-) Bereiche.

Die Gürtelfarben und Graduierungen im Shotokan-Karate sind in folgender

Tabelle aufgeführt:

Schülergraduierung Gürtelfarbefarbe Meistergraduierung Gürtelfarbe

9. Kyu Weiß 1. Dan Schwarz

8. Kyu Gelb 2. Dan Schwarz

7. Kyu Orange 3. Dan Schwarz

6. Kyu Grün 4. Dan Schwarz

5. Kyu Blau 5. Dan Schwarz

4. Kyu Blau oder Violett 6. Dan Schwarz

3. Kyu Braun 7. Dan Schwarz oder Rot-

Weiß

2. Kyu Braun 8. Dan Schwarz oder Rot-

Weiß

1. Kyu Braun 9. Dan Schwarz oder Rot

10. Dan Rot, Schwarz, oder

Weiß

Der 10. Dan wird ehrenhalber verliehen und stellt die Herauslösung aus dem Weg

und die Stufe der Erkenntnis dar, die über das Studium des Karate hinausgeht. Es ist

auch die Loslösung vom Sein, womit klar wird, dass der 10. Dan nach dem Tode verliehen

wird, obwohl auch Ausnahmen gemacht werden. In der trainingswissenschaftlichen

Betrachtung, innerhalb dieser Arbeit, wird näher auf die Systematik der Schüler-

und Meistergraduierungen eingegangen.

Der weiße Karateanzug steht für die Reinheit des Geistes. Man soll innerlich vollkommen

leer sein, um alles aufnehmen zu können, was in der Unterrichtseinheit gelehrt

wird. Außerdem bedeutet der weiße Anzug, dass alle gleich sind, egal aus welcher

Gesellschaftsschicht sie kommen. Die Farbe Weiß stellt das Bemühen dar Körper,

Geist, Kleidung und das gesamte Leben sauber zu halten, sie beschreibt die

„lauteren Absichten einer Person“ (R. G. Hassel 1997, S.28). Das Erscheinungsbild

des Karatekas soll dafür mit dem weißen Anzug ein gutes Beispiel sein.

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Die Meditation wird am Anfang und am Ende jeder Trainingseinheit durchgeführt.

Meditation am Anfang bedeutet sich auf das Training vorzubereiten und sich vom Alltag

zu lösen. Meditation am Ende bedeutet sich von der Anstrengung des Trainings

zu lösen, wieder in den Alltag zu gleiten und die gewonnene Stärke für das gewöhnliche

Leben zu sammeln. In der Meditation werden Atemtechniken durchgeführt, die

den Körper auf die Herausforderungen des Trainings einstellen und vom Training

wieder entspannen. Sie wird im Fersensitz (Seiza) mit aufrechter Körperhaltung und

den Händen auf den Oberschenkeln ausgeführt.

Eine der bedeutensten Traditionen ist der Gruß. Was oben schon angesprochen

wurde soll nun etwas näher betrachtet werden. Japanisch wird Gruß mit Rei übersetzt.

Aber Rei bedeutet mehr als Gruß. Es ist die Bezeichnung für Respekt, Höflichkeit,

Anstand, Aufforderung zur Übung, Dankbarkeit und zeigt das rechte Verhalten.

Rei heißt Verbeugen. „Verbeugungen sind Momente der Sammlung und müssen eine

Innere Überzeugung beinhalten“ (H. Handel 1997, S.197). Karate beginnt und endet

mit Respekt, das ist eine Verhaltensregel von Funakoshi Gichin. Wenn man die

Halle betritt und wenn man die Halle verlässt zeigt man diese Haltung, indem man

sich in diesen Momenten verbeugt. Dabei sollte die Verbeugung nicht weniger als

drei Sekunden dauern.

Nach den Meditationen folgen nachstehende rituelle Abfolgen:

1. Shomen ni Rei: Verbeugung zur Front des Dojo, an der Meist ein Bild oder ein

Schrein des Meisters, im Shotokan-Ryu von Funakoshi Gichin

steht,

2. Sensei ni Rei: Verbeugung zum Meister,

3. Otagai ni Rei: Verbeugung zueinander.

H. Handel (1997) fasst die innere Werte folgendermaßen zusammen: Klarheit, Höflichkeit,

Direktheit, Respekt, Makellosigkeit, Anstand, Kontrolle, Aufrichtigkeit, Mut,

Risikobereitschaft, Tapferkeit, Endscheidungsfreudigkeit, Beherrschung der Atmung,

rechtes Verhalten, Gleichmut, Hingabe, Erfahrung, Loyalität, rechtes Erkennen, rechte

Entscheidung, rechtes Erleben, rechte Haltung, rechtes Erfühlen etc. Was diese

Elemente genau bedeuten und wie sie erfahren werden können wird an dieser Stelle

nicht beschrieben. Wahrscheinlich ist das auch nicht möglich, denn es kann nur

durch praktische Erfahrung erlebt und damit die tiefere Bedeutung erfahren werden.

Eine weitere Tradition stellt das Kommando „Yoi“ dar. Es bedeutet Acht geben und

signalisiert dem Übenden eine Wachsamkeitsstellung einzunehmen. Meistens ist

diese Wachsamkeitsstellung eine hüftbreite, natürliche Stellung, wobei die Füße parallel,

nach außen oder nach innen gerichtet sind. Es werden hier die Fähigkeit der

Wahrnehmung und die Bereitschaft jeder Zeit reaktionsfähig zu sein geschult. All

diese Traditionen und philosophischen Ansätze führen zu innerer Stärke. Durch korrekte

Atmung, in Verbindung mit der richtigen An- und Entspannung der Skelettmuskulatur,

können die inneren Organe gesunderhalten und gestärkt werden (vgl. J.

Measara 2003, S.11). Ein gestärkter Körper und die charakterliche Auseinandersetzung

mit den Werten des Karate führen zur Harmonisierung von Körper und Geist.

Die Bestimmung des Begriffs Geist wird an dieser Stelle nicht vorgenommen, denn

das würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Doch um zu dieser Anschauung zu

gelangen mussten in der Geschichte viele Kriege geführt werden. In diesen Kriegen

galt das Motto „Töte oder werde getötet“, japanisch bedeutet das „Ikken Hisatsu“ und

heißt genau, den Gegner mit einem Schlag zu stoppen. Die Philosophie des kriegerischen

Weges stellt die Grundlage dieser Künste dar (vgl. R. G. Hassel 1998). Aus

dieser Entwicklungsstufe stammt die japanische Philosophie „Heijo – Shin – Kokoro

– Michi.“ Das bedeutet „bleibe stets die selbe Person, äußerlich selbstsicher, ruhig

und unerschütterlich, innerlich aber vollkommen Wachsam und in Alarmbereitschaft“.

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Es bedeutet auch „das ruhige, unerschütterliche, tägliche Denken, denn im Kampf

gibt es keine Möglichkeit einen Fehler zu korrigieren“ (R. G. Hassel 1998, S.57 – 59).

Aber über dieses Prinzip hinaus wird heute „nicht das Töten selbst, sondern die Fähigkeit

zur absoluten Handlung, die aus der rechten inneren Haltung resultiert“, erstrebt

(vgl. R. G. Hassel 1998). Mit E. Karamitsos Worten gesprochen „fordert das

nicht nur eine perfekte Beherrschung der Technik des Kämpfers, sondern im besonderen

Maße auch geistige und psychische Eigenschaften wie Selbstvertrauen, Mut

und einen bis zum Äußersten gehende Konzentration. Ein Verlust der Konzentration

kann die Niederlage, Verletzungen oder den Tod bedeuten“ (E. Karamitsos, B. Pejcic

2000, S.19). Die philosophischen und traditionellen Rituale und Ansichten bedeuten

also die Auseinandersetzung mit psychologischen Komponenten wie Angst, Unentschlossenheit,

Übermut, Wut, Hass, Eifersucht, Rache, Freude, Verzweiflung, Aufgabe,

Resignation u.a. Wenn man das sportpsychologisch betrachtet werden die

Richtungsdispositionen Wille, Emotion und Motivation tiefer hinterfragt und erlebbar

gemacht. Das sind verborgene Essenzen des traditionellen Karate. „Karatetraining

führt so zu einem besseren Verständnis seiner selbst und der Welt“ (S. Nagamine

1998, S.14). Meister Nagamine stellt folgende Regeln zur Meisterung des Weges der

leeren Hand auf: „Er ist ein Mensch genauso wie ich! Ich kann nicht mein Potential

entwickeln, wenn ich in der Falle der Selbstbeschränktheit stecke. Ich muss die

Selbstbeschränktheit ablegen. Falls er drei Mal trainiert, muss ich sechs Mal trainieren.

Sei nicht von anderen abhängig für Deinen Fortschritt. Musashi Miyamoto, Japans

größter Schwertmeister sagte einst >> zolle den Göttern und Buddhas Deinen

Respekt aber vertaue ihnen niemals.


„Ichi byo shi – In einem Atemzug. Im selben Moment.“ (Musashi Miyamoto)

„Shingi ichinyo – Herz und Technik sind eins.“ (ohne Angabe)

„Fudochishin – Der unbewegte Geist.“ (Soho Takuan)

„Tokon – Kampfgeist“ (ohne Angabe)

„Bumbu fuki – Die literarischen und die kriegerischen Künste kann man nicht trennen.“

(ohne Angabe)

„Kantan na mono yoku kachi o seisu – Die einfachen Dinge entscheiden oft über

Sieg und Niederlage.“ (Funakoshi Gichin)

„Shoshin o wasurezu – Verliere nie das Gefühl eines Anfängers.“ (Funakoshi Gichin)

„Shin – gi – tai – Geist – Technik – Körper“ (ohne Angabe)

„Mu – Die Leere.“ (Musashi Miyamoto)

Der japanische Meister Tanaka Masahiko, Instruktor der JKA, sagt über Karate, in

seinem Buch „Perfecting Kumite“ folgendes: „The self – challenge is a greater priority

then physical power, regardless of age, if you always endeavor to explore the

techniques with a demanding attitude. This is the reason Karate has to be

understood as a „Budo – Education – of – Life“ (M. Tanaka 2001, S.22). Was bedeutet

Budo? Es heißt übersetzt „Weg des Krieges.“ Für alle Wegkünste, besonders für

die Japanischen gilt, dass technische Perfektion und absolute geistige Konzentration

durch jahrelanges Üben und bedingungslose Hingabe das Ziel des Handelns, des

Übens sind. Das Handeln soll von Bewusstheit, Wachsamkeit, Klarheit und Konzentration

bestimmt sein. Die Aufmerksamkeit muss in jedem Moment des Handelns auf

das, was man gerade tut gerichtet sein. Der Weg bedeutet die Lehre des Nicht-

Anhaftens, die Nicht-Abhängigkeit von Dingen, Begebenheiten, Gefühlen und Bedürfnissen.

Es ist „die Lehre, die den Tod als Teil der Existenz“ unterrichtet, „die beständige

Arbeit an sich selbst bildet den Weg“ (Karamitsos, Pejcic 2000, S.19). Wahre

Meisterschaft liegt in der konsequenten Verfolgung des Weges und somit im

Einswerden mit der Kunst. Das Ausüben des Kampfes dient zur eigenen Vervollkommnung.

Abschließend zu den Ausführungen der Tradition und Philosophie des

Karate werden zwei Zitate aus dem Grundwerk des Shotokan-KarateKarate-Do Kyohan“,

von Funakoshi Gichin aufgeführt: „One who truly trains in this do and actually

understands Karate-do is never easily drawn into a fight. One attack or a simple kick

determines life or death. Karate is properly applied only in those rare situations in

which one really must either down another or be downed by him. This situation is

experienced possibly once in a lifetime by an ordinary person, and therefore there

may be an occasion to use karate techniques only once or not at all“ (Funakoshi

Gichin 1973, S.5). „True Karate-do is this: that in daily life, one’s mind and body be

trained and developed in a spirit of humility; and that in critical times, one be devoted

utterly to the cause of justice“ (Funakoshi Gichin 1973, S.3).

19


2.4) Klassische Trainingsmethoden

Klassische Trainingsmethoden im Karate sind Verfahren, die im Training eingesetzt

werden, um Fortschritte in der Ausführung, im Verständnis und in der Anwendung

spezifischer Techniken zu erreichen. Das bezieht sich auf diejenigen Verfahren, die

ursprünglich verwendet und bis heute überliefert wurden. Einige dieser Prozeduren

werden auch heute noch angewandt. Diese Definition der klassischen Trainingsmethoden

ist angelehnt an die Definition der Trainingsmethode, nach Schnabel, Harre

und Borde, die folgendermaßen lautet: „Im sportlichen Training einzusetzendes Verfahren,

um zielgerichtet, planmäßig und effektiv Fortschritte in der Leistungsfähigkeit

und Leistungsbereitschaft der Sportler zu erreichen“ (Schnabel, Harre und Borde

(Hrsg.) 1997, S.181). Zu jeder Zeit war den Karatekas bewusst, dass das Ziel des

Techniktrainings die Aneignung der effektivst zu realisierende Technik war und noch

heute ist. Zwar haben sich die Ziele des Resultats der Technik verändert, doch die

Suche nach Perfektion ist erhalten geblieben. Die Technik soll heute nicht mehr zum

Töten verwendet werden, obwohl ein Mensch dazu in der Lage ist, wenn er die

Technik korrekt ausführt. Da die Techniken und die Anwendung der Techniken im

Kampf geheim gehalten wurden (geschichtlich betrachtet), musste ein System entwickelt

werden, das diesen Elementen entsprach. Die Kampfkunst wurde in formale

Übungsabläufe transkribiert. Diese Übungsabläufe kamen hauptsächlich aus China.

Sie haben ihren Ursprung wahrscheinlich im Shaolin-Kloster, wurden „aus den anfänglichen

Gesundheitsbewegungen des Qi-Gong entwickelt, woraus das Quan-fa

entstand“ (vgl. Schlatt 1999, S.27). Sie wurden benutzt, um die alte einheimische, okinawanische

Selbstverteidigung mit den chinesischen Kampfmethoden zu verbinden

und für Außenstehende zu verschlüsseln. Wie schon oft erwähnt werden diese formalen

Abläufe japanisch „Kata“ und chinesisch „Dao“ genannt. „Kata ist eine den

ostasiatischen Kampfkünsten typische Übungsform und existiert nicht bei den verschiedenen

europäischen Künsten. Auf der Insel Okinawa und in China war das Üben

der Kata das eigentliche Herzstück der Kampfsysteme“ (Schlatt 1999, S.23). Kata

wird als Basis bezeichnet, um Stellungen, Bewegungen, den Einsatz von Händen

und Füßen, Atmung, Ruhe, Sicherheit, Rhythmus, Kampfgeist, Entschlossenheit,

Koordination, Kondition, Kraftentwicklung, Gleichgewicht und andere Fähigkeiten und

Fertigkeiten zu entwickeln. „In der Kata gibt es niemals einen ersten Angriff. Ihr System

findet in der Verteidigung ihre Bedeutung und Anwendung“ (Schlatt 1999, S.27).

Die Anwendung der Kata im Kampf mit Partnern oder Gegnern, die Bedeutung der

Technikabläufe und deren Inhalte bezeichnet man als Bunkai. Kata dient also der

„grundlegenden Ausbildung der Technik, dem Erkennen der tieferen Bedeutung von

Geist und Energie der Technik und der Meisterschaft der äußeren und inneren Prinzipien“

(Schlatt 1999, S.27). Die Kata sind somit auch mit esoterischen Inhalten gefüllt.

Diese gehen stark im heutigen Sportkarate verloren und sind oft vollkommen

verschwunden. Zu den Inhalten des Sportkarate wird an späterer Position Stellung

genommen. Kata beginnt und endet grundsätzlich mit einer Verbeugung. Jede Kata

hat ein bestimmtes Schrittdiagramm (japanisch = Enbusen oder Embusen), das genauer

bezeichnet „Linie der kriegerischen Übungen oder Schrittlinie bei Kata“ bedeutet

(vgl. Schlatt 1999, S.157). Es gibt drei wesentliche Kriterien der Kata. Diese sind

einmal die starke und weiche Anwendung der Kraft, je nach Bedeutung der Bewegung,

der Technik und deren energetischen Aspekten. Zum Zweiten ist es die exakte

Ausführung langsamer und schneller Techniken, das Einblicke in den Kampfrhythmus

bietet und die Anwendung der Techniken als Kombinationen im Selbstverteidigungsfall

andeutet. Und zum Dritten ist es die korrekte An- und Entspannung des

Körpers (der Skelettmuskulatur), was ein Element einer korrekt ausgeführten Technik

20


ist (vgl. M. Tanaka 2001, S.22; Schlatt 1999, S.23, S.200). Gleichzeitig müssen die

Bewegungen genau ausgeführt werden. Das richtet sich unter anderem nach dem

Grad der Bewegungsamplitude der auszuführenden Techniken. Diese sind entweder

groß (japanisch Dai) oder klein (japanisch Sho). In den verschiedenen Kata entstehen

dadurch bestimmte Bewegungsmuster und Bewegungsbilder (optisch), die entweder

groß oder klein aussehen. Danach wurden einige Formen benannt, die in ihrer

Struktur sonst sehr ähnlich sind und denselben Ursprung haben. Weiterhin sind die

Beachtung der Schwerpunktlage des Körpers, die Vorbereitung des Kampfgeistes

(innere Einstellung / Bereitschaft) und die Hinwendung des Blickes in die Richtung

des imaginären Gegners wesentliche Elemente der Kata. Das alles hilft dem Karateka

die richtige Position einzunehmen, sowohl physisch als auch psychisch betrachtet,

um genug Kraft und Balance für eine Abwehr- und gegebenenfalls eine Kontertechnik

zu entwickeln. Kata ist zusammengefasst eine Aneinanderreihung bestimmter

Techniken, mit dem Ursprung den Gegner mit einem Schlag, Stoß, Tritt oder einem

bestimmten Druck zu töten (Ikken Hisatsu), mit dem Ziel der Perfektionierung

der Technik und dem Erkennen seiner selbst. Kata verlaufen in geometrischen Mustern

und beginnen und enden am selben Punkt. Der Sportwissenschaftler Horst

Handel, der intensiv in Japan Karate studierte und eine Lehrtätigkeit im Lehramt der

Trainerakademie in Köln ausübte, sowie Bundestrainer des Deutschen Karate-

Verbandes ist und Buddhismus in Klöstern von Indien, Nepal, Hongkong, Japan und

Deutschland studierte, beschreibt folgende Kataschwerpunkte: Der erste Schwerpunkt

ist „die Erhaltung oder Wiedergewinnung des äußeren und inneren Gleichgewichts

des eigenen Egos aufgrund der esoterischen Bewegungsinhalte, wie Atem-,

Geistes- und Ki-Kontrolle“ (Ki als Lebensenergie). Der zweite Schwerpunkt ist „die

Entwicklung der Fähigkeit Angriffe abzuwehren oder zu neutralisieren“ und dazu die

Ausnutzung der kämpferischen Aspekte, die gegnerischen Vitalzentren mit Tritt-,

Schlag- oder Stoßtechniken negativ zu beeinflussen, um somit den Gegner zu besiegen“

(vgl. H. Handel 1997, S.215). Kata zu trainieren zeigt die Bereitschaft zum

Kämpfen, mit dem Bewusstsein zu sterben, um gleichzeitig jeden Moment des Übens

mit voller Hingabe zu genießen, so als ob es der Letzte wäre. Kata wird als die

Seele des Karate-do bezeichnet und beinhaltet das gesamte Konzept des Karate,

was in dieser Arbeit noch deutlich herausgestellt wird. Es werden Grundtechniken

und die Anwendung dieser Techniken im Kampf trainiert. Diese Elemente wurden im

Verlauf der Entwicklung des Karatetrainings aufgegriffen und verfeinert. Aber Grundtechniken

und Kämpfen (Kumite) waren keine Inhalte des Trainings vor dem 19./20.

Jahrhundert. Das wird an späterer Stelle näher aufgegriffen. Kata können somit als

eine der ersten Systematisierung der Kampfkunst Karate angesehen werden und waren

die Hauptmethode des Karate-Trainings (vgl. R. G. Hassel 1998, S.30). Durch

die genaue Ausübung einer Kata wird die Tradition und die Identität des klassischen

Karate bewart. Gleichzeitig wird Karate durch dieses traditionelle Üben weiterentwickelt,

denn die Interpretation der Techniken ist frei und deren Anwendung im Kampf

individuell verschieden. „Dadurch geht der Bezug zur lebendigen Entwicklung nicht

verloren“ (Binhack, Karamitsos 1997, S.75). Kata muss gelebt werden, das wird

durch die Überzeugung des Übenden während der Kata deutlich, besonders wenn

die Kata gekämpft wird, als ginge es um Leben und Tod. Ein weiterer Aspekt, der

heute nur noch selten als Ziel der Übung gewählt wird, ist die Meditation in der Bewegung.

Ähnlich wie Tai-Chi kann auch Karate als Meditationsform ausgeführt werden.

Der Sinn besteht darin, die Übung einzig für das Üben auszuführen, um sein Inneres

vollkommen leer zu machen. Das impliziert auch das Schriftzeichen Kara, das

mit Leere übersetzt wird. Das Prinzip der inneren Ruhe wird hier deutlich, denn ein

guter Kämpfer soll innerlich ruhig sein, wenn er äußerlich bewegt ist und andersher-

21


um. Zusammengefasst können physische und übergreifende Ziele des Katatrainings

festgestellt werden. Physische Ziele sind die Aneignung der Techniken, Stärkung der

Muskeln, Sehnen, Bändern, Knochen, des Organsystems, des Herzkreislaufsystems

und des Atmungssystems, Maximierung der Effektivität der eigenen Biomechanik

und die Entwicklung schneller Reflexe und Bewegungen bis zur Fähigkeit in realistischen

Situationen zur Selbstverteidigung fähig zu sein. Übergreifende Ziele sind die

Verbindung von Körper, Geist und Seele (die Definition soll an dieser Stelle offen

bleiben, denn das Wahrnehmen von Geist und Seele ist vielfältig und kann derzeit

nicht genau festgestellt werden), Höflichkeit, allgegenwärtige Wachsamkeit, das Energiezentrum

(japanisch Hara, das im Unterbauch liegt und Sammelort der Lebensenergie

ist) zu entwickeln und als Quelle der Kraft zu nutzen. Katatraining und die

Anwendung der Kata in Selbstverteidigungssituationen war vor dem letzen Jahrhundert

die einzige Trainingsmethode im Karate (vgl. R. G. Hassel 1998, S.29/30). Zusätzlich

wurden Körperabhärtungsübungen ausgeführt, um schmerzunempfindlich zu

werden und sowohl die Verteidigungs- als auch die Angriffstechniken zu verstärken.

Es wurde trainiert, bis die Arme und Beine angeschwollen waren, bis die Knöchel der

Faust bluteten und hunderte Male gegen ein Schlagpfosten geschlagen worden war.

Das Schlagpolster wird japanisch Makiwara genannt. Auf dem Bild ist eine Variante

abgebildet. Es sind viele Geschichten überliefert, in denen von fast übermenschlichen

Trainingsmethoden gesprochen wird. So trainierte z. B. ein

Meister der okinawanischen Selbstverteidigung seine Standfestigkeit auf

dem Dach seines Hauses, wenn ein Taifun über die Insel hinwegfegte. In

seinen Händen hielt er eine Tatami-Matte (Strohmatte). Sein Ziel war es

seine Standfestigkeit zu steigern, seine Technik zu perfektionieren, seinen

Körper und seinen Geist zu trainieren, indem er gegen schwierigste

Umstände anging (vgl. Funakoshi Gichin 1993, S. 72-74). Ob diese und

ähnliche Geschichten der Wahrheit entsprechen oder nicht, ob vielleicht

ein Teil Wahrheit in ihnen liegt oder nicht kann nicht empirisch nachgewiesen

werden. Deshalb werden sie als Trainingsmethoden der früheren

Karateentwicklung in dieser Arbeit nicht in Betracht gezogen. Im Gegensatz

zu diesen Geschichten ist aber streng überliefert, dass in früheren

Zeiten des Karate der Grundsatz galt für eine Kata drei bis vier Jahre täglichen

Trainings zu absolvieren, um sie zu meistern (vgl. A. Pflüger 1995, S.20; W.

Lind 1997, S.278). Das heißt, dass erst nach mindestens drei Jahren intensiven

Trainings eine neue Kata gelernt werden durfte. Und das nur, wenn der Meister die

erlernte Kata als gut genug beurteilte und den Schüler als bereit anerkannte. Das

wird von vielen Schriftstellern zum Thema des Karate belegt, wie zum Beispiel von

W. Lind, Funakoshi Gichin, Schlatt, E. Karamitsos, Okazaki, H. Handel, Binhack, u.a.

„Dieses dauernde Wiederholen eines einzigen Kata war grausam, brachte einen oft

zur Verzweiflung und war manchmal erniedrigend. Mehr als einmal ging ich dabei zu

Boden. Aber das Training war hart, und es wurde mir nie erlaubt mit einem anderen

Kata zu beginnen, bevor Azato nicht überzeugt war, dass ich jenes, an dem ich gerade

arbeitete, zufriedenstellend verstanden hatte“ (F. Gichin 1993, S.25). Ganz allgemein

kann gesagt werden, dass ausschließlich die Dauermethode verwendet wurde.

Mit fortschreitender Entwicklung im Karate wurden verschiedenste neue Varianten

des Übens ins Training integriert. Ein wesentlicher Punkt zur Erweiterung des Karate

war die Aufnahme verschiedener Kata. Die geschichtlich überlieferte Anzahl der

geübten Kata eines Meisters reicht von drei bis fünf. Mehr konnten nicht in einem

Leben gemeistert werden (vgl. W. Lind 1997, S.278). Diese Zahl wurde von Funakoshi

Gichin auf fünfzehn Kata erhöht. Die fünfzehn Kata sind folgende (vgl. H. Han-

22


del 1997, S.217; Schlatt 1999, S.23-45; A. Pflüger 1995, S.21-81; W. Lind 1997,

S.278):

Japanische Bezeichnung Deutsche Übersetzung

1) Heian Shodan Friedvoller Geist 1

2) Heian Nidan Friedvoller Geist 2

3) Heian Sandan Friedvoller Geist 3

4) Heian Yondan Friedvoller Geist 4

5) Heian Godan Friedvoller Geist 5

6) Tekki Shodan Eisenreiter 1

7) Tekki Nidan Eisenreiter 2

8) Tekki Sandan Eisenreiter 3

9) Bassai Dai Sturm auf die Festung (mit großen Bewegungen)

10) Kanku Dai Blick in den Himmel (mit großen Bewegungen)

11) Hangetsu Halbmond

12) Empi Flug der Schwalbe

13) Jitte Zehn Hände

14) Jion Liebe und Gnade

15) Gankaku Kranich auf dem Felsen

Die Heian Kata dienen der Ausbildung der Kyu-

Grade (Schülergrade).

(Die Abbildung rechts zeigt eine schematische

Darstellung der Kata Heian Shodan, die

zeilenmäßig von links nach rechts zu lesen ist.

Hier wird die Schwierigkeit der Entschlüsslung der

klassischen Anwendung deutlich, da Bewegungen

nicht eindeutig nachzuvollziehen sind.)

(Quelle: A. Pflüger, 25 Shotokan-Katas, S.24/25)

Die Tekki-Kata dienen der Herausbildung eines guten

Standes und der Verbindung von Technik und

Stand, es wird Krafterzeugung durch Hüftvibration

geschult.

Bassai und Kanku dienen dem Training der Technikvielfalt.

Hangetsu dient der Entwicklung bewusster Atmung

und körperlicher Stärke, durch konzentrierte

An- und Entspannung der Skelettmuskulatur.

Die Kata Empi dient der Entwicklung von Hüftbeweglichkeit, dem Üben von Ausweichbewegungen

und dem Training von Schnelligkeit. Jitte dient der Ausbildung

grundlegender Abwehrprinzipien und dem Herausbilden exakter Muskelarbeit in der

Abwehr, verbunden mit dem Energiefluss und dem Stand. Jion schult einen geradlinigen,

direkten Kampfstil, mit starken Techniken ohne zurückzuweichen. Gankaku

schult den Gleichgewichtssinn, die Aufmerksamkeit, Geistesgegenwart (Zanshin), die

Antizipationsfähigkeit oder Vorausnahme (Yomi), das Timing, das Ausnutzen einer

Chance (Suki) und andere psychologische Aspekte des Kämpfens.

Im 20. Jahrhundert wurden diesen 15 Kata weitere 12 hinzugefügt, teilweise von Funakoshi

Yoshitaka (vgl. H. Handel 1997, S.217; Schlatt 1999, S.23-45; A. Pflüger

1995, S.21-81):

23


Japanische Bezeichnung Deutsche Übersetzung

16) Bassai-Sho Sturm auf die Festung (mit kleinen Bewegungen)

17) Kanku-Sho Blick in den Himmel (mit kleinen Bewegungen)

18) Chinte Seltene Hand

19) Nijushiho Vierundzwanzig Schritte

20) Wankan König und Krone

21) Meikyo Heller Spiegel

22) Sochin Stärke und Ruhe

23) Ji’in Liebe und Schatten

24) Taikyoku Grundlagenkata – Kata des Universums

25) Goju shi ho Dai Vierundfünfzig Schritte (mit großen Bewegungen)

26) Goju shi ho Sho Vierundfünfzig Schritte (mit kleinen Bewegungen)

27) Unsu Wolkenhände oder Wolken und Wasser

Die Vielzahl der Kata soll eine große Variabilität der Techniken gewährleisten und eine

große Bewegungsvielfalt ermöglichen. Das Erlernen der Kata ist bis zu einem

gewissen Grad festgelegt und systematisch vorgegeben. Das garantiert eine grundlegende

Ausbildung der Techniken, wie Stände, Bewegungen, Arm- und Beintechniken

u.a. Die Kata werden in verschiedene Gruppen geordnet. Dabei unterscheidet

man Shorin-ryu und Shorei-ryu. Shorin ist die japanische Sprechweise für Shaolin

und bezieht sich, wie schon erwähnt, auf die Kampfstile der Städte Shuri und Tomari.

Die Techniken des Shorin-ryu passen gut zu kleinen, leichten Menschen, die Bewegungen

sind schnell und die Atmung ist natürlich. Diese Kata sind nicht so kraftvoll

wie die des Shorei-ryu. Shorei-ryu wird das Kampfsystem der Stadt Naha genannt.

Es ist weniger mobil als der Shorin-ryu, dafür werden kraftvolle Techniken, oft langsame

Bewegungen und besonders die Atmung betont. Shotokan-Karate beinhaltet

sowohl Formen des Shorei-ryu als auch Formen des Shorin-ryu. Die Einteilung der

Kata ist wie folgt vorgenommen worden (vgl. W. Lind 1995, S.91; A. Pflüger 1995,

S.17):

Shorin-ryu: Heian Shodan – Godan, Bassai-Dai, Kanku-Dai, Empi, Gankaku, Basai-Sho,

Kanku-Sho, Chinte, Nijushiho, Unsu, Goju shi ho Dai / Sho, Jion,

Jitte, Ji’in, Meikyo, Wankan, Empi, Sochin, Unsu;

Shorei-ryu: Tekki Shodan, Tekki Nidan, Tekki Sandan, Hangetsu, Jion, Jitte, Sochin.

Einige Kata lassen sich sowohl zu den Shorin- als auch zu den Shorei-Kata zuordnen,

da sie einerseits kraftvolle, dynamische und andererseits schnelle, agile Techniken

und Bewegungen beinhalten.

Die tausendfachen Wiederholung der Techniken, die jahrelangen Wiederholungen

nur einer Kata, die kämpferische Anwendung der Kata und die tausenden Schläge

zur Abhärtung der Körperteile am Schlagpolster (Makiwara) waren die ersten Trainingsinhalte

des Karate und wurden in Form der Dauermethode das ganze Leben

lang geübt. Der Lehrer gab sein Wissen darüber nur an ausgewählte Schüler weiter.

Hierbei gab es zwei Hauptgruppen: Soto-deshi und Uchi-deshi. „Soto-deshi“ bedeutet

„Äußerer-Schüler“. Das waren alle Schüler, die keine engere Bindung zum Lehrer

hatten und in der Kampfkunst nicht durch den Lehrer zum tieferen Verständnis kommen

konnten. Entweder trainierten sie nicht hart genug, zu hart oder nur um den

Körper zu stählen. Irgendetwas fehlte ihnen, um in das tiefere Verständnis des Karate

einzudringen. Doch es war dem Soto-deshi möglich ein Meister des Karate zu

werden, denn auch dieser Schüler entwickelte sich körperlich und geistig weiter. „Uchi-deshi“

bedeutet „Innerer-Schüler“. Diese Schüler lebten meist im Haus des Meisters

und hatten eine enge Beziehung zu ihm. Sie wurden direkt von ihrem Meister in

24


das tiefe Verständnis der Kampfkunst eingeweiht und meistens zu seinen Nachfolgern

ernannt. Zu Zeiten der Geheimhaltung der Kampfkunst waren Uchi-deshi fast

ausschließlich Verwandte. Sonst wurden nur Schüler Uchi-deshi, wenn sie einen reinen

Charakter hatten, mit Hingabe trainierten, ohne Widerworte alles Annahmen,

was der Meister sagte, sich selbst dabei aufgaben und mit größter Härte und Demut

an sich arbeiteten. Daran kann man erkennen, dass bestimmte Prinzipien im Lehr-

und Lernprozess befolgt wurden.

2.5) Didaktische Prinzipien

Um die Geheimhaltung der Kampfkunst zu wahren musste der Lehrer sicher sein,

dass die Schüler absolut vertrauenswürdig waren. Konnte er sich bei einem sicher

sein, nahm er ihn auf. Dieser unterwarf sich einer absoluten Hierarchie und musste

dem Lehrer und den fortgeschrittenen Schülern gehorsam sein. In den asiatischen

Ländern stellte das keine Schwierigkeit dar, denn die Gesellschaft war absolut hierarchisch

aufgebaut. Japan war hierbei ein Extrem, denn das Kämpfen oblag der

Samurai-Klasse und dem Adel. Sie lebten nach dem Kodex des „Bushido“, dem

„Weg des Kriegers“. Wer diesem Weg folgte wurde schon in der Kindheit zu absolutem

Gehorsam dem Lehrer und Herren gegenüber erzogen. Samurai bedeutet nicht

nur Krieger, sondern auch Dienender. So wurde alles hingenommen, nichts hinterfragt

und kein Schüler bildete sich eine eigene Meinung, bis er nicht selbst Meisterschaft

in den Künsten erlangt hatte. Diese absolute Hingabe, das Fehlen von Erklärungen

und das Hinnehmen auch unverständlicher Inhalte sind bei Menschen der

westlichen Welt fast völlig ausgeschlossen. Hier gilt jemand, der sich nicht erklärt

und sein Handeln und Lehren nicht erläutert, als inkompetent und nicht fähig zu unterrichten.

Es könnte das Fehlen didaktischer Kompetenz diagnostiziert werden. Das

ist sicherlich entwicklungsbedingt und der wissenschaftlichen Betrachtungsweise und

Analyse zur Erkenntnis der Dinge und Zusammenhänge der Welt zuzuordnen. Diese

Unterschiede machen das Verstehen des ursprünglichen Karate, sowohl im klassischen

Training als auch im Verständnis, des oben erläuterten Hintergrundes für Menschen

der westlichen, analytischen und rationell erklärenden Zivilisation beinahe unmöglich.

Doch Einblicke in die Geschichte der Kampfkunst und die Betrachtung didaktischer

Prinzipien können das Verständnis erhöhen. Die didaktischen Prinzipien

und die didaktischen Methodiken erleichtern das Training in Hinsicht auf den Lern-

und Lehrprozess. Sie wurden aus den philosophisch traditionellen Verhaltensregeln

erarbeitet und weiterentwickelt. Dabei ist ein Punkt die Bezeichnung: „Karate-do“. Do

beschreibt den Weg, der lebenslang verfolgt wird und mit einem Schritt beginnt. Dieser

eine Schritt und die Länge des Weges, bis zum Lebensende, bedeuten das Üben

von Klein zu Groß und das stetige Wiederholen der Grundlagen. Das ist ein wichtiges

didaktisches Prinzip. Der Weg wird in drei Hauptetappen gegliedert. Diese sind

traditionell überliefert und stellen drei didaktische Prinzipien und insgesamt eine didaktische

Methode dar. Die traditionellen Wegetappen werden „Shu – Ha – Ri“ genannt

(vgl.: W. Lind 1995, S.101; A. Pflüger 1995, S.20; Schlatt 1999, S.165). „Shu“

wird mit „befolgen“ oder „einhalten“ übersetzt und heißt die Einhaltung aller Regeln

und deren duldsame Befolgung ohne Eigenwillen. Hier steht das Erlernen von Techniken

und Bewegungsabläufe im Vordergrund, ohne Verfälschung und genau so, wie

es der Lehrer unterrichtet. Shu ist die erste Wegetappe und wird als Basis der nächsten

Etappen betrachtet. „Ha bedeutet die Ketten der Tradition zu brechen, seine eigene

Entwicklung zu suchen“ (A. Pflüger 1995, S.20). „Ha“ wird mit „zerreißen“ oder

„zerbrechen“ übersetzt. Dies ist die zweite Wegetappe und wird als „Befreiung aus

der Formgefangenheit“ (W. Lind 1995, S.101) oder als die „Auseinandersetzung mit

25


der Problematik und die Befreiung vom System durch Niederreißen der äußeren

Form“ (Schlatt 1999, S.165) bezeichnet. Normen und Konventionen werden hinterfragt,

um dem System eigene Inhalte zu geben. „Ri“ wird mit „trennen“ oder „entfernen“

bezeichnet. Es ist die erlangte Meisterschaft und Reife durch Trennung vom

leitenden System. „Ri bedeutet, sich von all dem Bisherigen zu entfernen und einen

übergeordneten Standpunkt finden“ (A. Pflüger 1995, S.20). Diese Methode und ihre

Prinzipien sind heute noch gültig. Doch der Übergang von der ersten Etappe zur

zweiten Etappe erfolgt meist zu früh. Die grundlegenden Techniken sind erst in der

Grobform entwickelt und nicht genug gefestigt. Das ist der Versportlichung des Karate

anzulasten. Auf diesen Punkt wird genauer eingegangen, wenn die Interviews

ausgewertet werden.

Die didaktischen Prinzipien wurden immer weiterentwickelt. Grundsätzlich gelten die

Richtlinien: vom Leichten zum Schwierigen, vom Bekannten zum Unbekannten, vom

Einfachen zum Komplexen und vom Universellen zum Speziellen. Funakoshi Gichin

entwickelte ein Graduierungssystem zur Sicherstellung der Entwicklung einer soliden

Basis. Das bezieht sich auf Grundtechniken (Kihon), Kata und Kumite (Kampf). Dieses

System ist ein Modulsystem, das in Schülergrade und Meistergrade untergliedert

ist und sich genau an die oben genannten Richtlinien hält. Es stellt gleichzeitig ein

Prüfungssystem dar, um den Schüler Bestätigung seiner erreichten Fertigkeiten und

Fähigkeiten zu geben oder bei Versagen zu verweigern. Da es verschiedene Verbände

gibt, die Shotokan-Karate verbreiten, aber unterschiedliche Zielstellungen verfolgen,

gibt es auch verschiedene Prüfungsordnungen. Alle Prüfungsordnungen sind

nach den didaktischen Prinzipien aufgebaut und stellen eine didaktische Methode

zum Erlernen des Karate dar.

2.5.1) Didaktisches Leitkonzept im DKV

Im Deutschen-Karate-Verband e.V. gelten folgende Prinzipien für das

Shotokan-Karate (vgl. Handbuch des DKV e.V., S.150-168; Endgültige

Fassung vom 18.4.98):

Vorwort zur Prüfungsordnung:

Die Prüfungsordnung gliedert die Trainingsinhalte in der Entwicklung eines Karatekas

vom Anfänger bis zum Meister und die Prüfungskriterien zu den verschiedenen

Schüler- und Meisterprüfungen. Durch langfristiges und beständiges Training soll der

Übende, gleichzeitig mit der körperlichen Ausbildung, den verantwortungsbewussten

Umgang mit Partnern im Karate erlernen. Dazu dienen die Regeln und die Etikette

des Karate-Do, die unverzichtbare Bestandteile des traditionellen Shotokan-Karate

wie auch dieser Prüfungsordnung sind. Die unterschiedlichen Übungsformen von

Grundschule, Partnertraining und Kata bieten dem Karateka eine solide Ausgangsbasis

für das breite Spektrum des Karate. Die Prüfungsordnung ist in vier Gruppen

aufgeteilt. In jeder Gruppe werden besondere Schwerpunkte in der Ausbildung gesetzt.

Es sind dies:

Unterstufe 9. - 7. Kyu

In der Unterstufe erlernt der Prüfling die Grundform der einzelnen Techniken. Den

Abschluss dieser Stufe bildet der 7. Kyu, der den Übergang zur Mittelstufe vorbereiten

soll. Prüfer und Prüfling achten vor allem auf sichere Stände, korrekte Techniken

und Ausholbewegungen. Die aufrechte Haltung des Oberkörpers ist ein wichtiges

Merkmal. Die Prüflinge zum 7. Kyu müssen bereits gute Ansätze von innerer und

äußerer Spannung (Kime) zeigen. Im Kumite und im Kumite aus Kamae (Kampfhal-

26


tung) sind die kontrollierte Ausführung der Techniken und die richtige Distanz beider

Partner besonders zu beachten. In der Kata sind sowohl korrekte Abläufe, die beim

7. Kyu bereits Rhythmus erkennen lassen, als auch ein Verständnis der Hintergründe

der Techniken in der Kata gefordert. Die Selbstverteidigung ist ein natürlicher Bestandteil

des Karate. Das Erlernen der Sportart soll den Karateka zur Selbstbehauptung

und zur Selbstverteidigung befähigen. Dieses Lernziel muss bei der Ausbildung

berücksichtigt werden, wird jedoch nicht als zu prüfender Teil in die Prüfungsordnung

aufgenommen.

Mittelstufe 6. - 4. Kyu

Die Grundtechniken, die jetzt häufig in Kombinationen gezeigt werden, sollen sich

von der Grundform zur Feinform entwickeln. Bei der Ausführung der Kombinationen

ist wichtig, dass sich die Qualität der Einzeltechnik nicht verschlechtern darf. Besonderer

Wert wird auf folgende Merkmale gelegt: Bewegungsrhythmus, bewusster

Hüfteinsatz, Standfestigkeit, Atemtechnik und Kime. Im Kumite und im Kumite aus

Kamae (Kampfhaltung) müssen sich die technischen Fertigkeiten in Bewegungsvielfalt,

Kampfgeist und Kontrolle ausdrücken. Der Respekt vor der Gesundheit des

Partners ist einer der Eckpfeiler des fortgeschrittenen Karatekas! In der Kata soll sich

das fortgeschrittene Können des Prüflings sowohl im Verständnis (Bunkai) als auch

in der Flüssigkeit (Rhythmus) des Vortrages zeigen. Alle bis zu der jeweiligen Graduierung

erlernten Kata gehören mit zum Prüfungsstoff.

Oberstufe 3. - 1. Kyu

Die Grundschule der Oberstufe zeichnet sich durch eine Vielzahl schwieriger Kombinationen

aus. Dabei sind Qualitäten in den Einzeltechniken, Rhythmus in den Verbindungen,

Standfestigkeit und nicht zuletzt Ausdauer zu zeigen. Sie spiegelt den

Fleiß und die Intensität des Trainings wieder. Im Kumite werden sowohl das Jiyu-

Ippon- Kumite (Freier-Einpunkt-Kampf) als auch der Freie Kampf (Jiyu Kumite) geprüft.

Beides stellt höchste Anforderungen an den Prüfling. Nur wer exakte Technik

mit Kampfgeist und Kontrolle paart, erfüllt die hier gesetzten Anforderungen. Sieg

oder Niederlage ist beim Jiyu Kumite nicht prüfungsentscheidend. In Kata und im

Bunkai muss der Prüfling ein fortgeschrittenes Verständnis des Zusammenhangs von

Kata und sinnvollen Anwendungen zeigen können. Alle bis zu der jeweiligen Graduierung

erlernten Kata gehören in der Oberstufe mit zum Prüfungsstoff.

Dan - Grade

Dan sein heißt Vorbild sein! Bezogen auf die innere Reife, die sich auch in den

Techniken ausdrückt, führt der Prüfling seine Ausbildung fort. Erlaubt der Prüfer eine

Graduierung ohne diese Reife, dient dies weder dem Prüfling noch dem Karate. In allen

Prüfungsteilen muss der Prüfling eine vorbildliche Haltung und Ausführung zeigen

können, um sich als Meister gegenüber den Schülern deutlich zu unterscheiden.

Dies drückt sich auch in dem schwindenden Anteil praktischer Prüfungsteile der höheren

Dan-Grade aus. Die folgenden Grundsätze sind bei den Prüfungen der Grundschule

(Kihon) zu beachten: Alle Keri-Techniken (Tritttechniken) werden grundsätzlich

(wenn nichts anderes vorgeschrieben ist) jodan (Kopfhöhe) ausgeführt. Dabei

sind die körperlichen und altersbedingten Gegebenheiten zu berücksichtigen und

dadurch Ausführungen in einer anderen Stufe möglich. Armtechniken werden grundsätzlich

(wenn nichts anderes vorgeschrieben ist) chudan (Oberkörperhöhe) ausgeführt.

27


Methodisch-didaktische Aspekte

Bei der Gestaltung des Trainings sind folgende methodisch-didaktischen Aspekte zu

berücksichtigen:

• Theoretische Inhalte sollen nicht isoliert wissenschaftliche Erkenntnisse enthalten,

sondern direkten Bezug zur Praxis haben, ggf. in praktische Übungen integriert werden.

„Praxis“ bedeutet dabei nicht unmittelbar die eigene Bewegungsdemonstrationsfähigkeit

des/der Lehrenden, sondern Handlungsmodelle zur Planung und Vermittlung

von Bewegungsangeboten sowie das Verhalten in Leitungs- und Betreuungsfunktionen.

• Die inhaltliche Ausrichtung des Trainings soll sich an den Erfahrungen und sportbezogenen

Situationen der Teilnehmenden orientieren. Wünsche und Interessen bei

der Planung und Gestaltung von Inhalten sind zu berücksichtigen, soweit konzeptionelle

Vorgaben dies zulassen.

• Bei der Auswahl der Lehrmethoden sind Grundsätze der Erwachsenenbildung zu

berücksichtigen. Informationsdarbietung und –verarbeitung sollten in einem angemessenen

Verhältnis zueinander stehen und durch Medien und Materialien unterstützt

werden.

2.5.2) Didaktisches Leitkonzept im SRD

Die Prüfungsordnung im Shotokan-ryu-in-Deutschland e.V. sieht

wie folgt aus (vgl.: www.shotokan-demmin.de):

Hintergrund von Prüfungen im Karate-do:

Prüfungen sind sowohl für die Schüler als auch für die Instruktoren da, so dass beide

sehen können, in welche Richtung die Entwicklung geht und welche Korrekturen gegebenenfalls

erforderlich sind. Bei der Vergabe der Graduierung muss das Verhalten

des Prüflings vor, während und nach der Prüfung miteinbezogen werden.

Man darf niemals vergessen, dass die Übung des Karate-do ein Leben lang andauert

und die Prüfung nur ein Teil auf diesem langen Weg darstellt. Der Einzelne sollte soviel

wie er nur kann trainieren. So wird er eines Tages die wahre Bedeutung von Karate-do

verstehen (Nakayama-sensei).

Anforderungen an die Vergabe der Kyu-Grade:

8. Kyu: Der Prüfling kann die einfachsten Techniken äußerlich ausführen

und anwenden.

7./6./5./4. Kyu: Diese Graduierungen erfordern ein gesteigertes Niveau technischer

und mentaler Fähigkeiten, die mit zunehmender Intensität vorgeführt

werden können.

3./2./1. Kyu: Der Prüfling muss nicht nur in der Lage sein die grundlegenden

Techniken effektiv auszuführen, sondern dies muss in einer gestei-

gerten inneren (mentalen) Sicherheit zum Ausdruck kommen.

Anforderungen an die Vergabe von Dan-Graden:

1. Dan: Auf diesem Niveau sollte der Prüfling in der Lage sein die grundlegenden

Techniken fokussiert kraftvoll auszuführen und anzuwenden. Grundlegende Kombinationen

müssen effektiv vorgetragen werden.

2. Dan: Der Prüfling sollte in der Lage sein alle grundlegenden Techniken und Kombinationen

auszuführen und auf die natürlichen Grenzen des eigenen Körpers Rücksicht

zu nehmen und diese auszugleichen.

28


3. Dan: Der Prüfling muss die den Techniken zugrunde liegenden Prinzipien verstanden

haben. Er muss in der Lage sein Techniken in sich verändernden Situationen

auszuführen und anzuwenden.

4. Dan: Der Prüfling sollte die Prinzipien des Körpereinsatzes in der Technik tiefgründig

verstanden haben und in der Lage sein diese zu unterrichten. Es ist erforderlich,

dass eine schriftliche Ausarbeitung zu einem speziellen Unterrichtsthema eingereicht

wird.

5. Dan: Die Forschung auf einem begrenzten Gebiet des Karate-Do sollte abgeschlossen

sein. Der Prüfling muss in der Lage sein, dass Thema zu erklären und zu

demonstrieren.

6. Dan: Aus einem eigenen Beitrag zu physischen und mentalen Aspekten des Karate-Do

sollte ein Nutzen zu Gunsten anderer abzuleiten sein.

7. Dan: Der Einzelne sollte fortgeschrittene Forschungen abgeschlossen haben und

in der Lage sein dies im praktischen Unterricht anzuwenden.

Das sind in grober Form die didaktischen Prinzipien dieser Verbände. Wie sie im

Speziellen umgesetzt werden und wie die Didaktik des Trainers im Unterricht ist kann

an dieser Stelle nicht ausgeführt werden, denn das ist individuell verschieden. Aber

das Leitkonzept der didaktischen Prinzipien und Methodiken wird von allen angewandt.

Sie sind traditionell überliefert und mit neueren wissenschaftlichen Erkenntnissen

erweitert worden. Mit der Erweiterung der didaktischen Prinzipien und Methodiken

änderten sich sowohl die Trainingsinhalte als auch die Trainingsmethodik im

Shotokan-Karate. Funakoshi Gichin sagte einst: „Die Zeiten ändern sich, die Welt

ändert sich, und die Kampfkünste müssen sich ebenfalls ändern.“ (R. Jakhel 2002,

S.167).

29


3) Die Weiterentwicklung der klassischen Trainingsmethoden

Bewegung heißt Veränderung. Karate ist Bewegung des Körpers und

des Geistes. Zwangsläufig verändert sich also auch Karate. Im

19./20. Jahrhundert, in Friedenszeiten, wurden dem Karatetraining

Kraftübungen mit und ohne Zusatzgewichte hinzugefügt. Klassische

Trainingsgeräte sind zum Beispiel das Makiwara, Nigiri-Game, Chishi,

Sunakama, Ishisashi oder das Makiage-Kigu (vgl. G. Lind 1998,

S.157-161). Das Nigiri-Game war ursprünglich ein Krug mit kleiner

vorspringender Öffnung. Dadurch konnte man ihn mit den Fingern

umfassen. Der Krug wurde mit Wasser oder Sand gefüllt, um die

Kraft der Finger und Hände zu steigern (siehe Abbildung). Das Chishi ist ein hammerähnliches

Gerät, das früher aus einem Stock und einem Stein bestand. Es dient

zur Stärkung der Greifkraft und der Handgelenke. Man kann es schwingen, heben,

stoßen u.a. Das Sunakama ist ein mit Sand, Kieselsteinen oder Eisenkügelchen gefüllter

Krug mit weiter Öffnung. Der Krug wird nicht angehoben, sondern man stößt

die Fingerspitzen und schlägt mit den Fäusten hinein, um sie abzuhärten. Das Ishisashi

ist ein rechteckiges Gewicht mit einem Griff. Es besteht aus Metall und kann

mit der Hand oder dem Fuß gehalten werden. Hiermit können genau die Muskeln

trainiert werden, die man für bestimmte Schlag- und Tritttechniken benötigt. Das Makiage-Kigu

ist ein Gewicht an einer Seilrolle. Die Greifkraft, die Handgelenke, die Unterarmmuskulatur

und die Schultermuskulatur werden hierbei trainiert. Das Gewicht

wird, mit nach vorn gestreckten Armen, nach unten und oben aufgerollt. Zusätzlich

wurden Hanteln, der Expander und mit Gewichten versehene Sandalen eingesetzt.

Heute werden spezifische Krafttrainingseinheiten durchgeführt, in denen Geräte wie

Gummibänder, Gewichtshandschuhe, Gewichtswesten u.a. eingesetzt werden. Außerdem

stehen Maschinen zur Verfügung, an denen einzelne Muskeln und Muskelgruppen

gezielt trainiert werden können. Die Weiterentwicklung der Kraftgeräte kann

in jedem Fitnesscenter betrachtet werden. Es gibt Geräte, wie den Zugturm, die Multipresse,

das Bankdrücken oder die Beinpresse u. v. m. Der richtige Einsatz dieser

Geräte kann das Karate-Training und die karatespezifischen Fertigkeiten optimieren.

Kraftübungen allein reichten nicht aus, um den Körper zu stählen. Es wurden Abhärtungsübungen

mit Partnern wieder aufgenommen, die „Kote-Kitae“ (G. Lind 1998,

S.162-164) genannt werden. Hierbei stehen sich die Partner in kurzem Abstand gegenüber

und führen gleichzeitig Abwehrtechniken aus. Sie treffen sich am Ende der

Bewegung und härten die jeweilige Körperstelle ab, an der und mit der sie treffen

oder getroffen werden. Weiterhin können auch Schläge und Tritte auf den Körper des

Partners ausgeführt werden, um die Schmerzempfindlichkeit zu verringern bzw. den

Körper abzuhärten. Diese Methoden der Konditionierung werden heute im Shotokan-

Karate kaum noch benutzt. Zusätzlich, zur Aufnahme dieser Methoden, wurde das

Karate durch das Streben der Japaner nach Leistungsvergleich methodisch beeinflusst.

Wie schon festgestellt wurde, entwickelten die japanischen Meister Karate

weiter, indem sie die klassische Methode „des-nur-Kata-Laufens“ neu systematisierten.

Aus der Kata wurden verschiedene Formen des Kämpfens extrahiert, dass japanisch

Kumite genannt wird. Damit wurde der Gedanke entwickelt einzelne Techniken

auszuführen und ein Grundtechniksystem geschaffen, dass japanisch Kihon bezeichnet

wird. Auf die Formen des Kumite und Kihon soll nun im Einzelnen näher

eingegangen werde.

30


3.1) Kumite - Kämpfen

Die heute bekannten Kumite-Arten wurden innerhalb von

5 Jahren, in der Zeit von ca. 1930 bis 1935, in Japan

entwickelt. Kumite ist die Übung des Kampfes mit einem

oder mehreren Partner/n. Wortwörtlich wird es „mit den

Armen umfassen“ oder mit „sich auf jemanden stützen“

übersetzt (vgl. Lind, Arnold und Schömbs 1995, S.37).

Dem reinen Katatraining wurden Kampfübungen

hinzugefügt. Im Kumite soll die technisch zweckmäßige

Sicht der Karatetechnik erfahren werden. Zuerst

entwickelte Funakoshi Gichin das Gohon-Kumite.

„Gohon-Kumite“ bedeutet „Fünf-Schritt-Kampf“. Dabei stehen sich zwei Partner gegenüber.

Der Angreifer wird Tori genannt, der Verteidiger Uke. Tori greift mit einer

Technik fünf mal an, die er vorher anzusagen hat. Uke verteidigt sich fünf Mal mit einer

Abwehrtechnik und kontert mit einer vorher festgelegten Technik nach der fünften

Abwehr. Das ist eine grundlegende Kumite-Form mit Absprache. Sie wird in den

meisten Schulen zuerst gelehrt, um Grundschultechniken mit dem Partner zu üben.

Allgemein dient sie der Entwicklung der richtigen Distanzeinschätzung. Daraufhin

wurde das Kihon-Ippon-Kumite entwickelt. Kihon bedeutet Grundtechnik und Ippon

Ein-Punkt. Zusammengesetzt ergibt das: „Grundtechnik-Ein-Punkt-Kampf“ oder

„Grundtechnik-Ein-Schritt-Kampf“. Tori greift nur einmal an, er macht nur einen

Schritt und sagt die Angriffstechnik vor der Aktion an. Uke verteidigt mit einer Abwehrtechnik

und kontert mit einer Angriffstechnik. In dieser Form werden verschiedene

Ausweichbewegungen mit richtiger Stellung zum Gegner erlernt, um eine Kontertechnik

an eine verletzliche Körperstelle zu setzen und die Abwehrtechnik optimal

auszuführen. Weitere Lerninhalte sind Atmung, Bewegungsrhythmus und Distanzbeherrschung.

Ist die gewählte Distanz für die Abwehr zu lang, so kann der Konter nicht

richtig angebracht werden. Gleichzeitig wird der Rhythmus zwischen Abwehr und

Konter, bezüglich der An- und Entspannung der eingesetzten Muskulatur, trainiert. Ist

der Rhythmus zu lang, so kann Tori eine neue Aktion ausführen. Die Bewegungsaktion

soll mit einer starken Stellung verbunden werden. Insgesamt kann die Effektivität

der Technik erhöht werden. Dazu müssen die Partner ständig konzentriert und aufmerksam

sein, um das Wahrnehmungsvermögen aufrecht zu erhalten und zu steigern.

Das, über die genannten Merkmale, hinausgehende Ziel ist die Entwicklung der

Fähigkeit „den angreifenden Gegner, auf kürzestem Weg, mit einer entscheidenden

Technik zu besiegen“ (vgl. W. Lind et al. 1995, S.55). Die Weiterentwicklung des Kihon-Ippon-Kumite

ist das Jiyu-Ippon-Kumite. Hierbei handelt es sich um den „Freien-

Ein-Punkt-Kampf“ oder „Freien-Ein-Schritt-Kampf“. Grundtechniken werden kämpferisch,

in halbfreier Form, geübt. Beide Partner stehen sich in einer frei gewählten

Kampfhaltung gegenüber. Tori bleibt nach seinem Angriff in der Grundschulhaltung

stehen, er muss jedoch vor seiner Aktion seine Angriffstechnik ansagen. Der Verteidiger

kennt die Angriffstechnik und kann seine Handlungen, Position und Distanz frei

bestimmen. Nach seinem Konter muss Uke in eine Kampfhaltung zurückkehren. „Eine

der wichtigsten Voraussetzungen dazu ist, dass der Schüler in der Lage ist, sich

unter Erhalt seines Gleichgewichts, frei zu bewegen, Distanzen zu beherrschen und

in seinen Techniken, trotz der freien Form, starkes Kime (innere und äußere Spannung)

zu entwickeln“ (vgl. W. Lind et al. 1995, S.103). Ein Ziel dieser Kumite-Form ist

das Erkennen einer Gelegenheit den Kampf zu seinem Vorteil zu entscheiden.

Diese drei Formen des Kämpfens wurden bis zum heutigen Tag weiter systematisiert

(vgl. W. Lind et al. 1995, S.37):

31


Yakusoku-Kumite: Jiyu-Kumite

1 Tanren-Kumite:

- Gohon-Kumite

- Sanbon-Kumite

2 Kihon-Kumite:

- Kihon-Ippon-Kumite

- Goshin-Kumite

- Kakie-Kumite

3 Yakusoku-Jiyu-Kumite:

- Jiyu-Ippon-Kumite

- Kaeshi-Ippon-Kumite

- Okuri-Ippon-Kumite

4 Oyo-Kumite

- Kata-Kumite (Bunkai)

- Happo-Kumite

32

1 Renshu-Kumite:

- Shizen-Kumite

- Tanshiki-Kumite

2 Shobu-Kumite:

- Kyogi-Kumite

- Shiai-Kumite

3 Jissen-Kumite:

- Goshin-Kumite

- Bogu-Kumite

Das Kumitesystem besteht aus zwei großen Klassen. Die erste Klasse ist das Yakusoku-Kumite,

das übersetzt abgesprochenes Kämpfen heißt. Die Absprache gilt für

den Angriff, die Abwehr, die Kontertechnik und auch für die Anzahl der Angriffe. „Yakusoku“

bedeutet „das Versprechen“ (vgl. W. Lind et al. 1995, S.52). Es wird in „Tanren-Kumite

(einfaches Kumite), Kihon-Kumite (Grundschulkumite), Yakusoku-Jiyu-

Kumite (halbfreies Kämpfen) und Oyo-Kumite (Kämpfen in mehrere Richtungen)“ unterteilt

(vgl. W. Lind et al. 1995, S.52). Das oben beschriebene Gohon- und auch

Sanbon-Kumite gehören zur Kategorie des einfachen Kämpfens. Der Unterschied

besteht darin, dass beim Gohon-Kumite fünf Mal (go = fünf) und beim Sanbon-

Kumite nur drei Mal (san = drei) angegriffen wird. Ziele dieser Kampfübungsformen

sind das Erlernen grundschulmäßiger Angriffs-, Abwehr- und Kontertechniken zu

verschiedenen Angriffsstufen. Angriffstufen sind Kopf, Bauch, Unterleib und untere

Gliedmaßen. Im Gohon- und Sanbon-Kumite wird am Anfang entweder zum Kopf

(Jodan) oder zum Bauch (Chudan) angegriffen. Mit fortgeschrittenen Fähigkeiten und

Fertigkeiten können die Übungen zu verschiedenen Angriffsstufen variiert werden.

Außerdem dient das Üben dieser Kumite-Formen dem Erlernen grundschulmäßiger

Bewegungen, also der Grobform von Basistechniken unter Anpassung der Distanz

zum Gegner. Dabei wird in leichten Schritten die Einschätzung der Distanz zum

Gegner in dreifacher Form, während des Angriffs, der Abwehr und des Konter erlernt.

Das Tanren-Kumite eignet sich hervorragend zur Herausbildung grundlegender

Fähigkeiten und Fertigkeiten, um zum freien Kämpfen zu gelangen. In der zweiten

Form des Yakusoku-Kumite, dem Kihon-Kumite, werden fortführende Kampfübungen

des Tanren-Kumite ausgeführt. Die Techniken sind auch hier vorher vereinbart und

werden in der Grundform ausgeführt. Die Distanzen sind vor dem ersten Angriff abzumessen.

Hierzu gehören das Kihon-Ippon-Kumite, das bereits erläutert wurde, das

Goshin-Kumite (Selbstverteidigungskampf) und das Kakie-Kumite (klebende-Hände-

Kampf). Im Goshin-Kumite werden Selbstverteidigungsaspekte aus einer oder mehreren

Katas geübt. Mit fortgeschrittenen Fähigkeiten und Fertigkeiten werden die Übungen

des Goshin-Kumite bis zur realitätsnahen Selbstverteidigung perfektioniert.

Hier wird nur mit einem Partner geübt. Im Kakie-Kumite werden „die Techniken der

Hakenhände“ vermittelt (vgl. W. Lind et al. 1995, S.102). Das beinhaltet ein Nahkampfkonzept

und wird erst von fortgeschrittenen Karatekas trainiert. Das Kihon-

Kumite enthält Konzepte für das Training von Karatetechniken in Bezug auf das Erlernen

des Kämpfens für realistische Selbstverteidigungsbedingungen.


Eine weitere Form ist das Yakusoku-Jiyu-Kumite, das Kämpfen in halbfreier Form.

Die Techniken erfolgen aus freier Bewegung, Distanz und Deckung. Es ist eine fortgeschrittene

Übungsform und stellt die Zwischenstufe des Grundschulkämpfens und

freien Kämpfens dar. Die Übenden müssen in der Lage sein, sich unter Erhalt des

Gleichgewichts, frei zu bewegen, die Distanz zu beherrschen und die Techniken,

trotz freier Form, stark auszuführen. Dadurch wird der Bezug zur praktischen Anwendung

deutlicher. Die Techniken müssen vor dem Ziel gestoppt, aber trotzdem mit

größtmöglichem Krafteinsatz ausgeführt werden. Außerdem lernt der Übende Gelegenheiten

zur Aktion zu erkennen und sofort zu nutzen. Jede Handlung bekommt

nun einen tieferen Sinn des Kämpfens. Es wird das Verhalten für den tatsächlichen

Kampf und für die Selbstverteidigung geschult. Hierzu zählen das oben beschriebene

Jiyu-Ippon-Kumite, das Kaeshi-Ippon-Kumite (Konter-Ein-Punkt-Kampf oder Erwidernder-Einschrittkampf)

und das Okuri-Ippon-Kumite (Kampfübung mit zwei aufeinanderfolgenden

Angriffen). Das Kaeshi-Ippon-Kumite dient der Übung, als Verteidiger

die Angriffsinitiative zu übernehmen und den Angreifer in die Verteidigungsposition

zu zwingen (vgl. Schlatt 1999, S.21). Dabei wird das Distanzgefühl und das Timing

eine Aktion zu vollziehen intensiviert. Noch immer wird die genaue grundschulmäßige

Bewegung betont. Da sich die Partner ständig bewegen liegt ein

Schwerpunkt, dieser Kumite-Form, auf den Fußbewegungen. Dadurch müssen die

Partner ständig ihre Distanz anpassen (vgl. W. Lind et al. 1995, S.122). Tori (Angreifer)

sagt jedoch nur noch die Stufe an, zu der er den Angriff ausführen wird. Seine

Technik ist frei wählbar. Nur wenn er mit einem Fußtritt angreifen will, muss er zusätzlich

die Technik genau bezeichnen. Beim Okuri-Ippon-Kumite führt Tori zwei direkt

aufeinanderfolgende Angriffe aus, „wobei der erste angesagt wird und der direkt

folgende zweite Angriff sich aus Situation und Distanz ergibt“ (vgl. Schlatt 1999,

S.21). Zu den oben genannten Elementen, die diese Kumite-Formen schulen, wird

hier die Reaktion und die Automatisierung der Techniken unter Stress hinzugefügt. In

der Systematisierung der Kumite-Formen ist das Oyo-Kumite als letzte Form des abgesprochenen

Kämpfens angeführt und bedeutet „Kampfanwendung“ (Schlatt 1999,

S.22) oder „Kampf in mehrere Richtungen“ (vgl. W. Lind et al. 1995, S.124). Das

Oyo-Kumite erfordert somit eine andere Art der Orientierung im Raum. Ist der Verteidiger

mit einem Gegner beschäftigt, muss er sich ständig bewusst sein, dass jederzeit

ein anderer Gegner, aus irgendeiner Richtung, angreifen kann. Hierbei soll der

Verteidiger die richtige Bewegung im Raum lernen, um sich in einer Situation gegen

mehrere Angreifer optimal verteidigen zu können. Die Wahrnehmung im Raum und

taktisches Verhalten werden geschult. Hierzu zählen das Kata-Kumite („Bunkai –

Das Üben von einzelnen Katasequenzen mit Partnern“; vgl. Schlatt 1999, S.20) und

das Happo-Kumite („Kampfübung in alle acht Richtungen gegen mehrere Gegner“;

vgl. Schlatt 1999, S.22). Kata-Kumite beinhaltet die Aufgliederung, Analyse und somit

das Studium von Shotokan-Karate, denn die Kata verschlüsseln das System eines

Kampfstils, das für Außenstehende, allein durch die Betrachtung einer Kata,

nicht erkennbar und erfassbar ist. Sie stellen „ein geschlossenes System eines Stils

dar, das für Nichteingeweihte unsichtbar ist.“ (vgl. W. Lind et al. 1995, S.125).

Kata-Kumite ist die Entschlüsselung ihrer kämpferischen Bedeutung. Eine Kata zu

verstehen bedeutet ihre Anwendung im Kampf zu verstehen. Hierbei werden die Angriffe

abgesprochen, um den Abwehr- und Angriffsbewegungen der gewählten Kata

einen Sinn zu geben. Das Happo-Kumite wird ähnlich ausgeführt. Hierbei steht ein

Verteidiger zwischen acht Gegnern, die in einer vorher festgelegten Reihenfolge und

mit vorher festgelegten Techniken angreifen. Die Abwehr und der Konter des Verteidigers

sind ebenfalls festgelegt. Es gilt hierbei den richtigen Zeitpunkt der Abwehr zu

bestimmen und eine exakte Bewegungsform zu wählen, um die Distanz zum Angrei-

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fer zu regeln. Gleichzeitig muss Uke in alle anderen Richtungen reagieren und agieren

können. Er entwickelt die Fähigkeit seine vorher festgelegte Abwehr- und Kontertechnik

optimal wirksam umzusetzen.

Die zweite große Klasse des Kumite ist das Jiyu-Kumite, das freies Kämpfen bedeutet.

Es wird in drei Hauptgruppen untergliedert, die aus dem „Renshu-Kumite (Übungskampf),

dem Shobu-Kumite (Wettkampf) und dem Jissen-Kumite (echter

Kampf)“ bestehen (vgl. W. Lind et al. 1995, S.130). Das freie Handeln gegen einen

Gegner, die Reflexe und die Entscheidung, bezüglich der eigenen möglichen Handlungen,

werden geschult. Voraussetzung, diese Art des Kampfes zu üben, sind eine

gute Grundschule, das Beherrschen verschiedener karatespezifischer Bewegungsformen,

Körperkontrolle, das Halten des Gleichgewichts, das Erkennen der eigenen

Möglichkeiten für eine Handlung, die Kenntnis der eigenen körperlichen und geistigen

Fähigkeiten und die Kontrolle der eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten. Die Fähigkeit

zur Regulierung psycho-physischer Handlungskomponenten, speziell auf die

Kampfkunst Shotokan-Karate bezogen, wird damit verändert und spezifisch optimiert.

Ist das Training richtig aufgebaut, wird sie in eine positive Richtung verbessert,

ist das Training schlecht aufgebaut und hat das Ergebnis eines Leistungsabfalls, so

wird sie in eine negative Richtung verändert. Allgemein kann gesagt werden, dass

die individuelle motorische Handlungsfähigkeit physische (stoffliche Energie) und

psychische (informationelle Energie) Voraussetzungen hat (vgl. Prof. Dr. H. Ilg 2000,

Lehrmaterialien Sportpsychologie, Uni-Greifswald). Das kann als subtile Energie beschrieben

werden, der drei Dispositionen zu Grunde liegen. Diese sind die Körper-,

Kompetenz- und Richtungsdisposition. Die Körperdispositionen sind trainierbar und

stellen allgemein die Kondition und Konstitution dar. „Der Begriff Kondition definiert

den physiologischen Energieaspekt für die spezifischen konditionellen Fähigkeiten

Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit und Beweglichkeit. Sie sind Ausdruck und Ergebnis

der aktiven Energieübertragung im Herz-Kreislauf- und Stoffwechselsystem (Ausdauer)

und in der Skelettmuskulatur (Kraft, Schnelligkeit, Beweglichkeit). Der Begriff

Konstitution charakterisiert in einer weiten Begriffsbestimmung die organischen

Funktionssysteme und Körperproportionen, wie zum Beispiel das Stütz-, Muskelsystem,

Herzkreislaufsystem, Atmungssystem, Magen-, Darmsystem, Immun-, Hormon-

und dem Nervensystem“ (Prof. Dr. H. Ilg 2000, Lehrmaterialien Sportpsychologie,

Uni-Greifswald). Kompetenzdispositionen dienen dazu theoretische und praktische

Anforderungen mit guter Qualität und relativ selbstständig zu realisieren. Hierzu werden

die Kognition und die Koordination gezählt. „Die Kognition kennzeichnet alle

psychischen Prozesse, Inhalte und Strukturen, die der Informationsaufnahme, -

bewertung und –speicherung dienen. Kernstück der kognitiven Strukturen ist das

Repräsentationssystem. Es enthält den gesamten Abbild- oder Wissensbestand über

Gegenstände, Ereignisse der Umwelt und über den eigenen Körper (Objekt- oder

Sachwissen). Außerdem das Wissen über die Interaktion mit Gegenständen und

Personen sowie den Umgang mit sich selbst (Verfahrenswissen). Das Instrumentalsystem

gewährleistet sowohl die rein mentalen (intern-kognitiven) als auch alle gnostisch-praktischen

Operationen. Grundlage sind komplex-operative Handlungs-

/Aktionsprogramme und –schemata. Im Zentrum stehen Bewegungsvorstellungen

(OAS)“ (Prof. Dr. H. Ilg 2000, Lehrmaterialien Sportpsychologie, Uni-Greifswald).

„Der Begriff Koordination charakterisiert jene Komponente in der Struktur der Handlungsfähigkeit

und -bereitschaft, die vielfältige, gut koordinierte Bewegungshandlungen

in unterschiedlichen Anforderungssituationen gewährleistet. Konstituierende

Strukturelemente sind koordinative Grundmuster und –funktionen, allgemeine sowie

spezifische koordinative Fähigkeiten und ein disponibles Fertigkeitsrepertoire. Der integrativ-synthetisierende

Zusammenschluss aller Elemente erfolgt im Instrumental-

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system mit Hilfe entsprechender koordinativ-motorischer Aktionsprogramme und –

schemata. Im Zentrum stehen operative Abbildsysteme (OAS)“ (Prof. Dr. H. Ilg 2000,

Lehrmaterialien Sportpsychologie, Uni-Greifswald). Richtungsdispositionen sind Motivation,

Emotion und Volition. Nach Prof. Dr. H. Ilg 2000, Lehrmaterialien Sportpsychologie,

Uni-Greifswald, lassen sich diese Elemente wie folgt definieren: „Der Begriff

Motivation beschreibt Prozesse, Zustände und Strukturen, die im Ergebnis kognitiver

und emotionaler Bewertungen eine handlungsregulierende Wirkung haben. Der

Begriff Motivation bezieht sich auf die Gesamtheit von sinn- bzw. bedeutungsstiftenden

Handlungsargumenten. Motive stellen im Zusammenwirken mit den Bedürfnissen

und Handlungszielen eine psycho-dynamische Determinante in der Handlungsbereitschaft

dar, die Handlung auslöst, aufrechterhält oder auch verhindert. Der Begriff

Emotion meint alle psychischen (neurovegetativen) Erregungszustände bzw.

-muster, die an einer Informationsbewertung – bezogen auf eine Anforderung

und/oder Situation – gebunden sind. Emotionen üben auf die ablaufenden psychophysischen

Prozesse im Sinne einer psychodynamischen Wirkungsgröße eine Art

„Verstärkerfunktion“ aus. Der Begriff Wille (Volition) kennzeichnet die Qualität der

Komponente in der Handlungsstruktur, die Voraussetzung ist, um Anforderungssituationen

besonders beim Auftreten von Hindernissen, Schwierigkeiten oder Konflikten

entsprechend der konkreten Zielvornahme und Aufgabenstellung lösen zu können.

Willensprozesse in bewussten Handlungen haben eine Motivationsbasis des ZNS

und damit zur Aufmerksamkeit. Ausdruck von Willensqualitäten sind Persönlichkeitsmerkmale

wie Selbstkontrolle/Selbstwirksamkeit, Entschlossenheit/Mut und

Durchsetzungsvermögen/Anstrengung in Form von Willensstoßkraft (Mobilisierungs-,

Steigerungsvermögen) und Willenspannkraft (Zielstrebigkeit, Beharrlichkeit, Ausdauer).“

Durch das Üben gelingt es dem Karateka die genannten Komponenten unter

Berücksichtigung der Situationsanforderungen besser einzuschätzen und umzusetzen

(vgl. Prof. Dr. H. Ilg 2000, Lehrmaterialien Sportpsychologie, Uni-Greifswald).

Das Ziel des Trainings ist es, die psycho-physische Handlungsregulation so zu verändern,

dass sie optimal den jeweiligen Anforderungen des Shotokan-Karate entsprechen.

(Das kann an dieser Stelle nicht näher erläutert werden, denn es würde

den Rahmen dieser Arbeit sprengen.) Um das zu erreichen, ist die Übung des Renshu-Kumite,

Shobu-Kumite und des Jissen-Kumite unerlässlich. Das Renshu-Kumite

ist ein Übungskampf, der die Anwendung von grundschulmäßigen Techniken, Kombinationen,

Bewegungen und Handlungsmöglichkeiten mit dem Partner, in abgesprochener

oder freier Form beinhaltet. Beide Partner sollen harmonische Bewegungen

ausführen und dadurch die Situation gefühlsmäßig erfassen lernen. Die beiden

Hauptübungsformen sind dabei das Shizen- und das Tanshiki-Kumite. Shizen-

Kumite ist ein Übungskampf ohne festgelegte Regeln, wobei Greiftechniken, Befreiungstechniken,

Angriffe zu den Gelenken, Angriffe unterhalb der Gürtellinie und zu

gefährlichen Vitalpunkten ausgeführt werden. Um diese Kumite-Form zu üben, muss

die Technik in der Feinform automatisiert und variabel verfügbar sein. Gleichzeitig

muss ein hohes Maß an Kontrolle sowohl psychischer als auch physischer Komponenten

erreicht sein. „In dieser Form des Kampfes werden die Regeln durch die Verantwortung

der Übenden ersetzt“ (W. Lind et al. 1995, S.131). Tanshiki-Kumite ist eine

Form des Renshu-Kumite, bei der die Anzahl der zu übenden Techniken begrenzt

wird, um taktisches Verhalten zu schulen. Das Shobu-Kumite ist eine sehr beliebte

Übungsform, denn hier wird der Wettkampf trainiert. Es gliedert sich in Shiai-Kumite

und Kyogi-Kumite. Shiai-Kumite ist eine Übungsform zur Perfektionierung der Fähigkeiten

und Fertigkeiten, die für den Wettkampf benötigt werden. Hier gibt es ein festes

Reglement, um Verletzungen zu vermeiden. Die Anwendung gefährlicher Techniken

ist verboten und viele Techniken, die im Karate trainiert werden, sind nicht er-

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laubt. Die Anzahl der Techniken ist somit stark reduziert und begrenzt. Ebenso ist die

Trefferfläche eingeschränkt, Kopftreffer sind zum Beispiel untersagt. Halten, Nachtreten,

-schlagen u. a. sind nicht gestattet. Der Kampf wird in dieser Form zu einem

Wettbewerbsspiel (Shobu-Kumite) und verliert den ernsthaften Charakter. Aber es

lassen sich Fähigkeiten und Fertigkeiten entwickeln, die der realen Anwendung der

Techniken im Selbstverteidigungsfall entsprechen. Das Kyogi-Kumite ist der Wettkampf

nach festen Regeln, mit Schiedsrichtern und Punkten, um einen Sieger festzustellen.

Das Gewinnen steht im Vordergrund. Diese Kampfform ist im klassischen

Karate verboten, da sie das Ego fördert und so nicht den Gedanken des Weges entspricht.

Karate dient der Überwindung des Selbst und dem Ablegen des Egos. Im

Wettkampf, um den Sieg nach Punkten, wird die Ebene der Selbstüberwindung verlassen

und das Streben nach „höher, schneller, weiter“ verfolgt. Das Ich rückt in den

Vordergrund und das Wetteifern nach Pokalen und Geld wird das Ziel der Übung.

Die Gedanken der Übenden des Shotokan-Karate gehen an diesem Punkt stark

auseinander. Das wird in der Auswertung der Interviews deutlich. Am Ende dieser

Systematisierung steht der echte Kampf, das Jissen-Kumite. Es handelt sich dabei

um die Simulation des echten Kampfes unter reellen Bedingungen. Der Kampf soll

mit einer Aktion entschieden werden. Der Gedanke des „Ikken Hisatsu“, „den Gegner

mit einem Schlag zu stoppen“, ist hier der entscheidende Entschluss, um den Kampf

zu beherrschen. Die Kontrolle der Übenden muss an die Perfektion heranreichen und

ein hohes Maß an Können voraussetzen. Die innere Haltung der Übenden muss

ernste Entschlossenheit, aber auch die Achtung der Gesundheit des Partners vereinen

und repräsentieren. Die innere Haltung muss sich in der äußeren Haltung widerspiegeln.

Die Handlungen der Übenden dürfen keine Abweichung der genannten Elemente

zulassen, um die Achtung vor dem Menschen zu wahren. Funakoshi Gichin

sagte hierzu: „Denke nicht darüber nach, wie du gewinnst, aber denke darüber nach,

wie du nicht verlierst.“ (W. Lind et al. 1995, S.133). Das Verlieren bezieht sich dabei

nicht nur auf den Kampf, sondern vielmehr auf die innere Haltung und Selbstkontrolle

der Übenden. Das Jissen-Kumite wird in Goshin- und Bogu-Kumite gegliedert. Beim

Goshin-Kumite sind alle Angriffs- und Abwehrtechniken in freier Form erlaubt und

fordert ein hohes Maß karate-spezifischen Könnens. Das Bogu-Kumite ist ein Kampf

mit Rüstungsschutz, um stark angreifen und kontern zu können, wodurch Techniken

für reale Anwendungen optimiert werden.

3.1.1) Psychische und Physische Bereitschaft

Die Systematisierung des Kumite ist ein wesentlicher Entwicklungsschritt zur methodischen

Aufbereitung des Trainings, um das Erlernen des freien Kämpfens zu optimieren,

zu erleichtern und zu verkürzen. Das Kumite unterliegt einigen wichtigen

Prinzipien, die im Folgenden genauer betrachtet werden sollen. Sie werde in Körperhaltung

oder physische Bereitschaft (Mi-Gamae) und Geisteshaltung oder psychische

Bereitschaft (Ki-Gamae) unterteilt (vgl. W. Lind et al. 1995, S. 38):

Mi-Gamae – physische Bereitschaft Ki-Gamae – psychische Bereitschaft

Ma-ai - Distanz Kihaku - Kampfgeist

Metsuke - Blick Sen - Initiative

Heiko - Gleichgewicht Yomi - Wahrnehmung

Hyoshi - Rhythmus Zanshin - Geistesgegenwart

Kokyu - Atmung Kikai - Gelegenheit

Waza - Technik

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3.1.1.1) Mi-Gamae – Physische Bereitschaft

Die physische Bereitschaft (Mi-Gamae) ist in verschiedene Komponenten gegliedert

und wie folgt gekennzeichnet:

Ma-ai bedeutet nicht nur Distanz, sondern auch Zeitraum zwischen zwei Dingen,

Bewegungen, Räumen oder Momenten. Das Konzept des Ma-ai beinhaltet die Verbindung

von Raum und Zeit und damit die Kontrolle über alle im Kampf auftretenden

Situationen (vgl. W. Lind et al. 1995). Dabei ist die Einschätzung des räumlichen Abstands

(hier der Abstand der Gegner) eine Fähigkeit, die im Kumite anfangs erlernt

werden muss. Ist der Abstand zu groß, wirkt die Technik nicht in ihrem vollen oder

optimalen Ausmaß. Wenn der Abstand zu gering ist, kann sich die Technik gar nicht

entfalten. Erst der genaue Abstand zum Gegner gewährleistet die Umsetzung einer

erlernten und gefestigten Technik mit optimaler Kraftentfaltung am Gegner (motorisch

betrachtet).

Metsuke bedeutet Blick oder „die Haltung der Augen“ (W. Lind et al. 1995, S.40).

Wohin man die Augen im Kampf richtet ist individuell verschieden. Jedoch soll über

den visuellen Sinn der Gegner wahrgenommen werden, um die Situation optisch zu

erfassen und die Handlung richtig wählen zu können. Im Laufe der Entwicklung eines

Karatekas lernt der Übende in den Augen des Gegners zu lesen. Ein nervöser Blick

verrät die Angespanntheit des Gegners, wagt er nicht seinen Blick in die Augen des

Anderen zu richten hat er Angst. Die psychologischen Fähigkeiten, wie zum Beispiel

die Überwindung von Emotionen wie Angst, Wut und/oder Hass und die Auseinandersetzung

mit scheinbar gefährlichen Situationen drücken sich im Blick aus. Bei

fortgeschrittenen Meistern spricht man von der Ruhe und Sicherheit, die sich in seinen

Augen manifestieren, selbst im Angesicht des Todes. Die Augen zeigen wie weit

er im Verständnis der Kampfkunst und somit seines Lebens vorangeschritten ist.

Wenn er ein Stadium in seinem Training erreicht, zu dem er nach Erkenntnis sucht,

richtet er seinen Blick in sich selbst hinein. Der Karateka sucht dann die wahre Bedeutung

der Kampfkunst in seinem Leben. Die Haltung des Blicks bedeutet, im philosophischen

Sinn, das Erkennen des Gegners durch die Erkenntnis seines Selbst.

Heiko bedeutet Gleichgewicht. Hierbei handelt es sich um den richtigen Umgang und

den Erhalt des Körperschwerpunkts in verschiedenen Lagen des Körpers im Raum.

Dazu sind richtige Körperspannung, -haltung und Atmung notwendig. Das Gleichgewicht

führt zu rechter Körperhaltung, zu einem harmonischen Verhältnis aller Körperteile

zueinander und zu einer sicheren Verschiebung des Körpers im Raum. Das ist

Voraussetzung, um eine Technik zu erlernen und anzuwenden.

Hyoshi bedeutet Rhythmus. Der Begriff ist schwer zu fassen, denn der Rhythmus in

der Kampfkunst hat keinen konkreten Maßstab. Er setzt sich im Groben aus dem

Krafteinsatz, dem Verhältnis von An- und Entspannung und der Bewegungsschnelligkeit

bzw. aus der Bewegung selbst zusammen. In der Kata ist der Rhythmus außerdem

die zeitliche Abfolge der nacheinander auszuführenden Techniken. Im

Kampf gibt es auch einen Rhythmus, doch die Abfolge der Techniken ist unbestimmt.

Deshalb ist der Rhythmus schwer zu fassen. So kommt der Begriff des Rhythmusgefühls

hinzu. Eine Definition des Rhythmusgefühls aufzustellen ist schwierig, denn einerseits

ist es ein Gefühl und psychologisch determiniert, andererseits ist es bewegungsbedingt

und physisch determiniert. Es kann als Fähigkeit zur Wahrnehmung

und Antizipation von der eigenen und der gegnerischen Bewegung beschrieben werden,

mit dem Ziel die eigene Bewegung der gegnerischen anzupassen bzw. in Einklang

zu bringen. Das Ergebnis dessen ist die Möglichkeit eine Technik anzubringen,

die den Kampf beendet. Außerdem gibt es noch die Möglichkeit dem Gegner den eigenen

Kampfrhythmus aufzudrängen, ohne den Rhythmus des Gegners zu beach-

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ten. Auf Grund dieser Unterscheidung können drei wesentliche Taktiken bezüglich

des Rhythmus im Kampf festgestellt werden. Die ersten beiden Taktiken beziehen

sich auf die Antizipation des Kampfrhythmus des Gegners und sind Abwarten und

Zuvorkommen. Abwarten bedeutet einen Angriff abzuwehren und schließlich zu kontern.

Zuvorkommen bedeutet eine eigene Angriffstechnik anzubringen, kurz bevor

der Gegner zuschlägt oder gleichzeitig anzugreifen. Die dritte Taktik ist das Überrennen

und bedeutet den Kampfrhythmus des Gegners nicht zu beachten, sondern ihm

den eigenen aufzuzwingen. Ein gutes Rhythmusgefühl ist Bedingung einen Kampf

erfolgreich zu bestreiten.

Kokyu bedeutet Atmung und ist das alles verbindende Element im Karate. In Ruhe

ist die Atmung tief und langsam, sie wird grundsätzlich in den Bauch gelenkt. Wird

eine Technik ausgeführt, ist die Ausatmung schneidender und schnell. Ist die Technik

sehr stark, kommt es dabei zu einem Kampfschrei. Diese Form der Ausatmung

unterstützt die Muskelkontraktion und die Spannung für eine Technik. Daraus wird

ersichtlich, dass die Atmung den Rhythmus der Handlung regelt bzw. koordiniert (vgl.

W. Lind et al. 1995, S.43). Deshalb ist sie für das richtige Timing aller karatespezifischen

Bewegungen ein bestimmender Faktor. Erkennt ein Gegner den Atemrhythmus

seines Gegenübers, kann er die angreifbaren Schwachpunkte leichter erfolgreich

angreifen. Während des Einatemzyklus ist man konzentrationsmäßig und körperlich

schwächer als bei der Ausatmung. Deshalb greifen fortgeschrittene Kämpfer

den Gegner in dessen Einatmungsphase an (vgl. W. Lind et al. 1995, S.43).

Waza bedeutet Technik. Die sportliche Technik ist ein „in der Praxis erprobtes, aufgrund

der allgemeinen psycho-physischen Voraussetzungen des Menschen realisierbares

charakteristisches Lösungsverfahren einer in sportlichen Handlungen erwachsenden

Bewegungsaufgabe, das als Bewegungsalgorithmus der jeweiligen Bewegung

immanent ist.“ (Schnabel, Harre und Borde (Hrsg.), S.102). Die Technik ist

das Werkzeug, mit dem etwas Spezielles geschaffen werden kann. Ohne richtiges

Werkzeug kann kein Haus gebaut werden, ohne das richtige Werkzeug kann Karate

nicht ausgeübt werden. Die Technik ist Grundlage für ein Vorankommen in einer

Sportart. Im Karate ist es die Basis zum Verstehen der Elemente Kata, Kihon und

Kumite. Außerdem gewährleistet nur eine richtig erlernte und ausgeführte Technik

den Erhalt der Gesundheit. Wird, um nur ein Beispiel zu nennen, ein schnappender

Fußtritt ständig mit einer ganzen Beinstreckung und gleichzeitig fehlender Muskelkontraktion

ausgeführt, so hat das zur Folge, dass das Kniegelenk stark beansprucht

wird, bis es großen Schaden nimmt oder völlig defekt ist. Die korrekte Ausführung

der Technik, mit all ihren Einzelelementen, gewährleistet in diesem Fall, dass das

Knie gesund und heil bleibt. Werner Lind sagt dazu: „Wenn die Technik stimmt, ist

vieles möglich. Wenn sie nicht stimmt, bleibt alles nur Theorie.“ (W. Lind et al. 1995,

S. 44)

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3.1.1.2) Ki-Gamae - Psychische Bereitschaft

Die Komponenten der psychischen Bereitschaft (Ki-Gamae) sind wie folgt gekennzeichnet:

Kihaku bedeutet Kampfgeist. Kampfgeist stellt im Karate eine psychische Komponente

dar. Er beschreibt den Willen unter Belastungen unerschütterlich zu sein und

die Probleme, innerhalb dieser Situation, mit seinem Repertoire an Lösungsverfahren

zu bewältigen. Man spricht im Karate vom „unerschütterlichen Geist mit dem Ausdruck

des starken Willens“ (vgl. W. Lind et al. 1995, S.45). Der Kampfgeist ist die feste

Entschlossenheit eine Situation bewusst und sicher zu bewältigen. Gleichzeitig

muss der Karateka eine friedliche und ruhige Haltung bewahren. Dadurch werden oft

Konfrontationen vermieden. Kommt es zu einer ernsten Selbstverteidigungssituation

oder auch nur zu einem Übungskampf, ist der Glaube an seine Fähigkeiten und sein

technischen Können von großer Bedeutung, um diese Situationen zu bewältigen.

Das und die Auseinandersetzung mit Leben und Tod, mit der Angst vor dem Getroffen

werden und selber zu treffen drücken sich im Kampfgeist aus. Ein gut entwickelter

Kampfgeist bedeutet gut entwickeltes Selbstvertrauen und ist Voraussetzung des

Kumite.

Sen bedeutet Initiative. Die Initiative in einem Kampf zu übernehmen bedeutet eine

Entscheidung zu treffen. Im Bereich des Übernehmens der Initiative wird im Karate in

zwei Hauptgruppen unterschieden. Diese sind Go no sen (die Initiative in der Verteidigung

übernehmen) und Sen no sen (die Initiative im Angriff übernehmen). Die Initiative

im Angriff zu übernehmen bedarf eines guten Reaktionsvermögens und der geschulten

Antizipation von möglichen gegnerischen Bewegungen. Antizipation bedeutet

in diesem Fall einen Angriff vorherzusehen und ihm kognitiv zuvorzukommen.

Das wird im Japanischen „Sakki“ genannt und beinhaltet „intuitives Sehen“ (japanisch

„Yomi“; vgl. W. Lind et al. 1995, S. 45). Die Ausführung von Sen no sen bedeutet

dem Angreifer keine Chance zu lassen und ihn durch direktes Angreifen oder direktes

Kontern (ohne Abwehr) zu überwältigen. Hier gibt es die Gelegenheit in den

gegnerischen Angriff hineinzugehen. Das ist eine der schwierigsten Möglichkeit die

Initiative zu übernehmen, da besonders die Auseinandersetzungen mit der Angst vor

dem Getroffenwerden, den möglichen Schmerzen, dem Verletztwerden und/oder

dem Tod den Übenden beschäftigen. Die Instinkte der Selbsterhaltung, Fluchtreflexe,

also ganz ursprüngliche Ängste zur Lebenserhaltung, müssen überwunden und ausgeschaltet

werden. Dadurch wird das Anspruchsniveau, des „in-den-Angriff-

Hineingehens“ erfüllt. An dieser Stelle kann das „Fight-and-flight-Syndrom“ genannt

werden. Es bezeichnet eine Notstandssituation, bei der die Gegner physiologisch Adrenalin

und Noradrenalin (Hormone des Nebennierenmarks) freisetzen, um sich auf

eine erhöhte Stresssituation einzustellen, die unmittelbar bevor steht und dem Körper

alles abverlangt. Das erfolgt beim Menschen nicht nur während einer physischen,

sondern auch bei einer psychischen Belastung, als Vorbereitung für eine bevorstehende

physische Anforderung. Das ist nur eine sehr grobe Erklärung, denn eine genauere

biochemische Betrachtung ginge an dieser Stelle zu weit. Go no sen bedeutet,

ganz salopp beschrieben, dass ein Angriff kommt, man sieht ihn und versucht ihn

abzuwehren (vgl. R. G. Hassel 1997). Dazu muss der Angriff richtig vorbereitet erwartet

werden (japanisch Senken, vgl. W. Lind et al. 1995). Die Initiative in der Verteidigung

zu übernehmen bezieht sich auf die Haltung des Verteidigers gegenüber

dem Angriff. Das bedeutet, dass ein Angriff mit einem Angriff gekontert werden kann,

ohne Abwehrbewegung, ohne das Go no sen in Sen no sen umgewandelt wird. Auch

hierbei sind die psychologischen Aspekte und Prozesse wirksam, die im Sen no sen

aktiv sind.

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Go no sen und Sen no sen sind folglich keine Angriffs- oder Verteidigungstechniken,

sondern stellen psychische Haltungen des Einzelnen dar. Die Anwendung der Komponenten

ist individuell verschieden, aber beide Aspekte müssen im Training geübt

werden. Das ist einerseits für die Entwicklung kampfspezifischer Fähigkeiten bedeutsam

und andererseits für die Herausarbeitung der individuellen Stärken wichtig.

Yomi ist das Wahrnehmungsvermögen. Die Wahrnehmung ist besonders wichtig,

um Distanzen richtig einzuschätzen und Rhythmen zu erkennen und umzusetzen.

Somit verbindet Yomi Ma-ai und Hyoshi. Die Wahrnehmung bezieht sich einerseits

auf das Erkennen der „objektiv sichtbaren Anzeichen für eine wahrscheinliche Aktion“,

das als Bedingung für die Antizipation gilt und andererseits auf „das intuitive

Empfinden einer zukünftigen Wirklichkeit, die nicht logisch definierbar ist“, was als

geistige Bewegung bezeichnet wird (vgl. W. Lind et al. 1995, S.46). Die Antizipation,

die Intuition und die wirkliche Bewegung zu erfassen, setzt das Wahrnehmungsvermögen

voraus. Antizipation ist die wahrscheinliche Vorwegnahme gegnerischer Bewegungen,

die an bestimmten physischen Merkmalen und Verhaltensweisen des

Gegners erkannt werden können. Intuition ist das Spüren einer gegnerischen Absicht,

ohne den Gegner optisch wahrnehmen zu müssen. In der Esoterik der Kampfkünste

wird die Intuition oft als sechster Sinn oder übersinnliche Fähigkeit bezeichnet.

Manchmal wird sie als Bauchgefühl beschrieben. Das Gefühl aus dem Bauch

heraus beruht auf Nervenfunktionen, die denen im Gehirn ähnlich sind, denn in der

Bauchregion gibt es hirnähnliche Nervenzellen, die viel größer sind. Es spielen also

neurobiologische Funktionsweisen eine Rolle, die noch genauer untersucht werden

müssen. Hier findet sich eine neue Herangehensweise an die Bestimmung des Begriffs

der Intuition. Der Unterschied der Antizipation zur Intuition ist die sinnliche

Wahrnehmung bestimmter, definierbarer Hinweise und Merkmale von Bewegungsstrukturen,

im Gegensatz zur scheinbar übersinnlichen, erfühlbaren Absicht einer

Person oder eines Gegners, ohne diese/n sinnlich wahrnehmen zu müssen. Die

Wahrnehmung kann danach in drei Bereiche geteilt werden. Gabler kennzeichnet die

Wahrnehmung als selektiven Prozess, eine Auswahl aus einer bestimmten Menge

von Informationen zu treffen (vgl. Gabler, Nitsch und Singer 2000). Die drei Bereiche

bezeichnen die physikalische, physiologische und psychologische Perspektive der

Wahrnehmung. Gabler definiert diese wie folgt: „Die physikalische Perspektive der

Wahrnehmung bezieht sich auf die mittels naturwissenschaftlicher Verfahren objektive

Bestimmung der physikalischen Eigenschaften der Wahrnehmungsgegenstände,

z. B. der Beschaffenheit des Wassers, der Lichtstärke einer Lampe und des Schallpegels.“

(Gabler et al. 2000, S.170) „Die physiologische Perspektive der Wahrnehmung

bezieht sich auf die Aufnahme der Informationen durch das menschliche Sinnessystem

und ihre Weiterleitung zum obersten Teil des Gehirns, der Hirnrinde.“

(Gabler et al. 2000, S.171). „Die psychologische Perspektive der Wahrnehmung bezieht

sich auf die Verarbeitung der Informationen in der Hirnrinde zu bewussten

Wahrnehmungserlebnissen“ (Gabler et al. 2000, S.173). Diese unumstrittenen Definitionen

sind einleuchtend und erklären die Wahrnehmung über die Sinnesorgane, wie

zum Beispiel die Haut, die Augen und das Gehör. Dabei spricht man von „Rezeptorsystemen

oder Analysatoren, die zu spezifischen Informationen und Empfindungen

führen“ (vgl. Gabler et al. 2000, S.171).

Diese Rezeptorsysteme sind der akustische-, visuelle-, taktile-, kinästhetische- und

vestibuläre Analysator. Nach Gabler bildet der akustische Analysator das Hörgefühl,

der visuelle Analysator den optischen Eindruck, der taktile Analysator das Druckgefühl,

der kinästhetische Analysator, als Informationsquelle der Muskeln, Sehnen und

Bänder, das Muskelgefühl und der vestibuläre Analysator das Gleichgewichts- und

Lageempfinden (vgl. Gabler et al. 2000, S.171).

40


Er fasst den Übergang von der physiologischen zur psychologischen Perspektive in

folgender Darstellung zusammen (vgl. Gabler et al. 2000, S.173):

Phänomene

der

Umwelt

Rezeptoren

der

Sinnesorgane

afferenteNervenbahnen

U. Manteufel definiert Wahrnehmung als „aktiven Prozess der gerichteten, ganzheitlichen

Widerspiegelung der unmittelbar auf die Sinnesorgane einwirkenden objektiven

Realität durch den Sportler. Im Ergebnis der Wahrnehmung schafft sich der

Sportler ein subjektives, mehr oder weniger korrekt anschauliches Abbild der Wirklichkeit,

d. h., er gibt den aufgenommenen Informationen einen bestimmten Sinn für

sein Handeln bzw. er bewertet die Sinnesinformationen für seine Übungen“ (vgl.

Gabler et al. 2000, S. 174). Schließlich ist das Wahrnehmungsvermögen in den

Kampfkünsten eine grundlegende Voraussetzung des Handelns.

Zanshin ist die Geistesgegenwart und ein wesentliches Element im Karate, aber

auch in allen anderen asiatischen Kampfsportarten. Zanshin ist weiterhin eine Geisteshaltung,

die Unerschütterlichkeit, Ruhe und Gelassenheit beinhaltet. In einem

Kampf muss der Karateka im Geist unbeweglich bleiben, um alle oben beschriebenen

Elemente erkennen und anwenden zu können. Psychologisch betrachtet kommen

dabei die Begriffe der Aufmerksamkeit und Konzentration hinzu. Allgemein ist

„die Aufmerksamkeit als Oberbegriff für gerichtete und eingegrenzte Wahrnehmung“

definiert (vgl. Gabler et al. 2000). Konzentration ist die fokussierte Aufmerksamkeit

auf einen engen Ausschnitt des Wahrnehmungsfeldes. So konzentriert sich der

Kämpfer auf die Gegenwart, er verliert nicht den Kontakt zum Gegner und bleibt stets

handlungsbereit. Das bedeutet im Karatekampf Wachsamkeit. Zanshin ist auch die

Fähigkeit die konzentrierte Aufmerksamkeit ohne Ablenkung aufrecht zu erhalten und

die Gegenwart in jedem Moment zu erkennen und zu leben. Das bedeutet ohne Gedanken

an die Vergangenheit und ohne Gedanken an die Zukunft jede Handlung

bewusst zu erleben. Hier wird ein wesentlicher Punkt des Zen-Buddhismus klar herausgestellt,

der an dieser Position besonders deutlich im Shotokan-Karate erlebbar

wird. Der Übende konzentriert sich „in die Gegenwart“, um die Situation des Kampfes

zu kontrollieren. „Nach außen hin ist Zanshin von neutralem Ausdruck und strahlt gelassene

Ruhe aus. Doch diese Aufmerksamkeit ist keine fixierende Konzentration,

sondern eine innere Bewegung, die als Haltung geübt werden kann“ (W. Lind et al.

1995, S. 48).

Kikai bedeutet Gelegenheit und beschreibt den richtigen Moment, in dem eine Technik

eingesetzt werden kann. Die Gelegenheit ergibt sich aus Unvorsichtigkeit, Unaufmerksamkeit

oder aus Fehlhandlungen des Gegners, die zum eigenen Vorteil genutzt

werden können. Sie kann nur ausgenutzt werden, wenn die Techniken und das

taktische Verhalten automatisiert sind. Das bedeutet, dass die erlernten Techniken in

motorischer Feinform vorliegen und variabel verfügbar sein müssen. Kikai ist ein Element

des Kämpfens, das erst sehr spät und meistens nur von fortgeschrittenen Karatekas

beherrscht wird. Das automatische Handeln bedeutet die Weglenkung der

Aufmerksamkeit von der Technik, um in der Situation des Kämpfens mit Zanshin

zweckmäßig Handeln zu können. In dieser Stufe des Trainings spricht man im Karate

von intuitivem Erkennen der Situation. Das Denken und bewusste Verarbeiten der

41

Zentralnervensystem

Empfindungen

Wahrnehmungsempfindungen


jeweiligen Kampfsituation muss automatisiert sein. Die kognitiven Prozesse laufen

somit ohne bewusste Kontrolle ab. Um Kikai zu nutzen muss der Karateka intensiv

trainieren und ständige Wachsamkeit, unter allen oben genannten Elementen üben.

Kumite ist ein vielseitiger Übungsprozess, der zur realistischen Anwendung der

Techniken unter höchster Selbstkontrolle in alle Richtungen führen soll. Ein Ziel der

Übenden ist es, die Fähigkeit der Selbstverteidigung zu erlangen und damit Selbstvertrauen

zu entwickeln. Um die Fähigkeit des Kämpfens zur automatischen Anwendung

der Techniken sowie zu deren variablen Verfügbarkeit zu bringen, ist intensives,

gesteuertes und langwieriges Training notwendig. Der Karateka entwickelt eine

technische und zweckmäßige Sicht der Karatetechniken. Um sich auf einen Kampf

vorzubereiten nimmt der Übende eine Kampfhaltung ein, die ihm hilft sich körperlich

und geistig kampfbereit zu machen. Die Kampfhaltung wird Kamae genannt und

dient besonders der konzentrierten Haltung zur Leistungsbereitschaft, mit der inneren

Einstellung jede Technik mit maximaler Wirksamkeit auszuführen. Es bedeutet

die Bereitschaft zum Kämpfen, als ob es um sein Leben ginge, aber immer mit Kontrolle

der zerstörenden Wirkung der Techniken. Die Fähigkeit des Kämpfens wird

langsam entwickelt und vom Kampf gegen einen Gegner zum Kampf gegen mehrere

Gegner im Schwierigkeitsgrad erhöht. Dafür übt der Karateka nicht nur den Kampf in

eine Richtung, sondern in acht Richtungen. Acht steht hierbei, im philosophischen

Sinn, für unendlich und erklärt die Möglichkeit sich in jede Richtung bewegen und

verteidigen zu können. Die Trainingsentwicklung brachte hierzu das Karategramm

hervor. Es ist ein vorgegebenes geometrisches Bewegungsmuster mit den Richtungen

nach vorne, hinten, links, rechts, links hinten, links vorne, rechts hinten und

rechts vorne (vgl. W. Lind et al. 1995, S.50; Okazaki, Stricevic 2003, S. 89, 90, 91):

links vorne /

hidari nanamemae

vorne / mae

Das Karategramm wird zur Schulung von Bewegungsformen mit Partnern bzw. Gegnern

benutzt, aber auch zur grundschulmäßigen Übung der Basistechniken ohne

Gegner, dem Kihon. An dieser Stelle kann eine allgemeine Ansicht zur Entstehung

von Bewegung dargestellt werden, die sich aus den beschriebenen Elementen ableitet:

42

rechts vorne /

migi nanamemae

links / hidari yoko rechts / migi yoko

Mitte

links hinten /

hidari nanameushiro

hinten / ushiro

rechts hinten /

migi nanameushiro


Sportliche Technik (Leitbild)

Orientierungsregulation Ausführungsregulation Kontrollregulation Antriebsregulation

(„inneres Modell“ schaffen) (zu regulierende Organ) (Soll-Ist-Vergleich)

Komplex bewusst Komplex nicht bewusstseinspflichtiger

regulierter Handlungen regulierter (sensomotorische)

Teilhandlungen bzw. Teilbewegungen

3.2) Kihon - Grundschule

Sportliche Bewegung

Die Grundschule ist das Basis- und Grundlagentraining im Shotokan-Karate.

Es stellt den ersten methodischen Lernschritt der

Techniken im Training dar. Die Grundschule wurde erst nach der

Entwicklung des Kumite ins Karate integriert, da erkannt wurde,

dass Techniken verbessert und Schwachpunkte gezielter in

Stärken umgewandelt werden konnten. Heute dient die Grundschule

dem Erlernen der Grundfertigkeiten und Grundtechniken,

der dann die Übungen der Kata und des Kumite folgen. Aus der

Kata wurden Elemente extrahiert und gesondert geübt. Daraus

entwickelte sich langsam eine Systematisierung der Grundtechniken.

Den Anfang der Systematisierung bilden die Stände

(japanisch Dachi) bzw. die Körperstellungen. Die Stände ermöglichen Standfestigkeit,

größtmögliches Gleichgewicht, gewährleisten optimale Beweglichkeit für

spezifische Situationen und beruhen auf Kraft und Beweglichkeit. Nur die Beherrschung

der Stände gewährleistet eine effektive Technik. Hierbei sind verschiedene

Prinzipien wirksam (vgl. Okazaki, Stricevic 2003, S.56/57):

- je tiefer der Körperschwerpunkt, je fester der Stand und umgekehrt;

- je größer die Standfläche, je leichter ist es das Gleichgewicht zu halten;

- je mehr der Oberkörper über dem Körperschwerpunkt liegt, je größer sind das

Gleichgewicht und die Standfestigkeit (ideal: Wirbelsäule gerade und senkrecht

über dem Körperschwerpunkt);

- je größer das Gewicht einer Person, je größer ist die Standfestigkeit;

- Standfestigkeit und Gleichgewicht sind durch Blickkontakt auf einen Punkt leichter

zu erreichen;

- je gerader die Knie sind, desto geringer ist die Standfestigkeit, der Beugungsgrad

des Kniegelenks ist dabei der wesentliche Punkt.

Die Stellungen werden in die Hauptkategorien der natürliche Stellungen (Shizen-tai),

der Grundstellungen (Kihon-dachi) und Kampfstellungen (Kumite-dachi) unterteilt.

Innerhalb dieser Kategorien gibt es weitere Differenzierungen. Die natürlichen Stellungen

werden in drei Gruppen unterteilt, die als geschlossene Fußstellungen (Heisoku

Burui), offene Fußstellungen (Hachiji Burui) und rechtwinklige Stellungen (Renoji

Burui) bezeichnet werden. Die Grundstellungen werden in gespreizte Beinstellungen

(Kiba Burui) und Halbmondstellungen (Hangetsu Burui) gegliedert. Die

Kampfstellungen teilen sich in natürliche Kampfstellungen (Shizen Kumite-dachi) und

Grundkampfstellungen (Kihon Kumite-dachi). Alle Gruppen beinhalten verschiedene

43


Stände. Um darüber ein genaueres Bild darzulegen folgt je eine Abbildungen einer

Stellung, zu jeder Gruppe aus den natürlichen Stellungen und Grundstellungen. (Das

rote Kreuz stellt den Körperschwerpunkt dar, die Schwarzen Kreuze symbolisieren

die Knie, der schwarze Pfeil zeigt die Ausrichtung des Oberkörpers an.):

Natürliche Stellungen:

Grundstellungen:

• Geschlossene Fußstellung mit dem Beispiel Musubi-Dachi

(zwanglose Bereitschaftshaltung)

• Offene Fußstellung mit dem Beispiel Heiko-Dachi (offene

Parallelstellung)

• Rechtwinklige Stellung mit dem Beispiel Renoji-Dachi (L-Stellung)

• Gespreizte Beinstellung mit dem Beispiel Kiba-Dachi (Reiterstellung)

• Halbmondstellung mit dem Beispiel Hangetsu-Dachi (Halbmond-

Stellung)

44


Die Kampfstellungen sind individuell verschieden und bestehen meist aus Grundstellungen

oder natürlichen Stellungen, wobei der Körperschwerpunkt anders verlagert

und die Standfläche verringert wird. Entweder wird der Körperschwerpunkt weiter

gesenkt, um sich auf eine harte Abwehrtechnik vorzubereiten oder leicht gehoben,

um die Bewegungsschnelligkeit zu steigern. Letztere Variante wird von den meisten

Karatekas bevorzugt.

Die natürlichen Stellungen dienen dazu, den Körper über einen längeren Zeitraum

locker und bequem zu halten. Dabei ist die Muskelspannung gering. Die Einteilung

der Stellungen und ihre Untergruppierungen wurden nach der Haltung der Füße vorgenommen

(vgl. Okazaki, Stricevic 2003, S.58). Die Grundstellungen sind die stabilsten

Stellungen im Shotokan-Karate und werden Anfangs als eigene Technik gelernt.

Danach werden sie mit Verteidigungs- und Angriffstechniken im Stand und später in

der Bewegung geübt. Okazaki unterscheidet bei der Verbindung von Technik und

Stand drei Ebenen (vgl. Okazaki, Stricevic 2003, S.68): Die erste Ebene ist die Stellung

vor der Ausführung einer Technik. Die zweite Ebene ist die Stellung während

der Ausführung einer Technik. Die dritte Ebene ist das Einnehmen der Stellung nach

der Ausführung einer Technik. Die richtige Stellung einzunehmen ist von Individuum

zu Individuum unterschiedlich, denn jeder hat andere Voraussetzungen. Grundlegende

Faktoren sind dabei „die Größe des Sportlers, seine Beinlänge, die Stärke und

Ausdauer seiner Beinmuskeln, der Grad seiner Kondition und seine Karatekenntnisse“

(Okazaki, Stricevic 2003, S.69). Die Gruppierung der Grundstellungen wurde

nach der Ausrichtung der Spannung im Kniegelenk vorgenommen. Die Spannung

der Knie ist bei der Gruppe der Kiba Burui an den Außenseiten, bei der Gruppe der

Hangetsu Burui an den Innenseiten (vgl. Okazaki, Stricevic 2003). Kampfstellungen

beinhalten alle im Kampf verwendeten Stellungen. Das können natürliche oder

Grundstellungen sein, aber auch ganz verschiedene, individuell entwickelte Stellungen.

Letztere entstehen aus den gesammelten Erfahrung des Sportlers und seinen

bestimmten Besonderheiten in Hinblick auf Körpermechanismen und Physiologie.

Hier kommt der spezifische Stil der Karatekas zum Ausdruck (vgl. Okazaki, Stricevic

2003).

Kata und Kumite machen deutlich, dass die Bewegung sehr wichtig ist. Nichts ist statisch

und ständig wird das Kämpfen mit Gegnern oder dem Schatten in alle Richtungen

geübt. Um die Bewegung besser zu beherrschen wurden Einzelelemente der

Kata extrahiert und gesondert geübt, wie es auch mit den Stellungen getan wurde.

Die richtige Stellung ist Grundvoraussetzung für die richtige Bewegung. Nun muss

der Begriff der „Körperverschiebung“ (vgl. Okazaki, Stricevic 2003, S.87) genannt

werden. Körperverschiebung beinhaltet einerseits die „Verschiebung des Körpers in

den Stellungen“ (Okazaki, Stricevic 2003, S.87) und andererseits die Verschiebung

des Körpers in der Bewegung von einer Stellung in eine andere. Japanisch wird sie

„Tai sabaki“ genannt. Tai sabaki erfolgt allein oder in Kombination.

Okazaki stellt dabei drei grundlegende Bedeutungen heraus (Okazaki, Stricevic

2003, S.87):

1. „sich um einen wirklichen oder imaginären Gegner herumzubewegen;

2. sich an den Gegner heran- oder von ihm wegzubewegen und

3. sich den optimalen Abstand bei Abwehr- oder Angriffsaktionen zu verschaffen.“

Körperverschiebung wird somit nicht nur im Kihon geübt, sondern auch in der Kata

und im Kumite. Deshalb wird sie folgendermaßen systematisiert:

1. Kihon Tai sabaki

2. Kumite Tai sabaki

3. Kata Tai sabaki

45


Kihon Tai sabaki wird nach dem oben beschriebenen Karategramm geübt, wobei die

ersten zu übenden Bewegungsrichtungen nach vorne und hinten sind. Zu den

Grundtechniken gehören nicht nur Stellungen und Bewegungen, sondern auch Arm-

und Beintechniken. Armtechniken werden in Stoß-, Schlag- und Abwehrtechniken mit

den Armen untergliedert. Stoßtechniken werden japanisch Zuki waza genannt und in

zwei Gruppen unterteilt. Diese sind Einhandstöße (Zuki) und Zweihandstöße (Morote-zuki).

Schlagtechniken werden japanisch Uchi waza genannt und in drei Gruppen

unterteilt. Man unterscheidet „Faustschläge (Kobushi Uchi), Schläge mit der offenen

Hand (Kaisho Uchi) und Ellenbogenschläge (Hiji Uchi)“ (Okazaki, Stricevic 2003,

S.87). Abwehrtechniken werden japanisch Te-ude uke waza genannt. Es gibt weit

mehr Armabwehrtechniken als Stoß- und Tritttechniken zusammen. Es werden zwei

Gruppen unterschieden, denen drei Kategorien zugeordnet sind. Die Gruppen differenziert

man in Einhandblocks (Sekiwan Uke) und Zweihandblocks (Ryowan Uke).

Die Einteilung der Kategorien erfolgt nach den jeweiligen Abwehrstufen und gliedert

sich in obere Stufe (Jodan = Kopf), mittlere Stufe (Chudan = Bauch/Oberkörper) und

untere Stufe (Gedan = Unterleib) (vgl. Okazaki, Stricevic 2003). Weiterhin werden

Abwehrtechniken nach ihren Bewegungsrichtungen unterschieden:

1. von innen nach außen (Gaiho Uke);

2. von außen nach innen (Naiho Uke);

3. von oben nach unten (Otoshi Uke);

4. von unten nach oben (Joho Uke).

Neben den Händen und den Armen sind im Karate auch die Beintechniken von Bedeutung.

Beintechniken sind kraftvoller als Armtechniken und können über eine längere

Distanz eingesetzt werden. Japanisch werden sie Keri Waza genannt und können

in drei Gruppen differenziert werden. Diese sind Tritttechniken, Beinfegetechniken

und Beinabwehrtechniken. Die Gruppe der Tritttechniken (geri) beinhaltet Vorwärtstritte

(Zenpo-geri), Seitwärtstritte (Sokumen-geri) und Rückwärtstritte (Kohogeri)

(vgl. Okazaki, Stricevic 2003). Sie dienen meistens als Angriffstechniken.

Die Gruppe der Beinfegetechniken (Ashi-Barai Waza) beinhaltet direkte Angriffs- oder

Kontertechniken gegen die Füße, Knöchel oder Knie des Gegners, mit dem Ziel

dessen Gleichgewicht zu stören. Sie unterliegen keiner weiteren Ausdifferenzierung.

Die Gruppe der Beinabwehrtechniken (Ashi Uke Waza) wird in drei Kategorien gegliedert,

die nach den zur Abwehr genutzten Körperteilen unterteilt sind (vgl. Okazaki,

Stricevic 2003):

1. untere Beinabwehr/Abwehr mit dem Schienbein (Gedan Ashi Uke)

2. Fersenabwehr (Kakato Uke)

3. Fußabwehr (Ashi Uke).

Die Systematisierung der Grundtechniken führte zur tieferen Untersuchung von

Merkmalen im Kihon. Durch trainingswissenschaftliche Betrachtungen wurde erkannt,

dass folgende Merkmale der Bewegungen im Karate die Qualität der Grundtechniken

bezeichnen und kennzeichnen (vgl. H. Handel 1997, S.199):

1. „Bewegungskoordination,

2. Bewegungsrhythmus,

3. Bewegungskopplung,

4. Bewegungsfluss,

5. Bewegungspräzision,

6. Bewegungskonstanz,

7. Bewegungsumfang,

8. Bewegungsstärke.“

Es werden hier wesentliche koordinative Fähigkeiten genannt, die im Folgenden etwas

genauer betrachtet werden sollen.

46


3.3 ) Koordinative Fähigkeiten

Koordinative Fähigkeiten sind nach Hirtz „relativ verfestigte und generalisierte (verallgemeinerte)

Verlaufsqualitäten spezifischer Bewegungssteuerungs- und Bewegungsregelungsprozesse

sowie Leistungsvoraussetzungen zur Bewältigung dominant

koordinativer Anforderungen“ (Lehrmaterialien Trainingstheorie Grundkurs

SS2000 – Uni-Greifswald; vgl. auch Schnabel et al. (Hrsg.) 1997, S.115). Martin

(1995) beschreibt koordinative Fähigkeiten als informationelle, bewegungssteuernde

Einflussgröße des Leistungszustandes. Weiter sagt Hirtz, dass „koordinative Fähigkeiten

hypothetische Konstrukte sind, von denen angenommen wird, dass sie durch

die Bewegungstätigkeit entstanden sind, dass die Menschen sich in deren Ausprägungsgrad

unterscheiden und durch Übung und Wiederholung verfestigen, somit zu

Leistungsvoraussetzungen für motorische Handlungen werden und einen allgemeinen

Übertragungscharakter besitzen“ (Lehrmaterialien Trainingstheorie Grundkurs

SS2000 – Uni-Greifswald). Ihre Bedeutung fasst Hirtz, bei gut ausgeprägten koordinativen

Fähigkeiten, in folgenden Punkten zusammen (vgl. Lehrmaterialien Trainingstheorie

Grundkurs SS2000 – Uni-Greifswald; Hirtz 1994):

• „Beschleunigung und Effektivierung des Erlernens von Fertigkeiten.

• Erhöhung des Wirkungsgrades der bereits angeeigneten Fertigkeiten und Förderung

ihrer situationsadäquaten Anwendung.

• Sie bestimmen den Ausnutzungsgrad konditioneller Fähigkeiten durch genaue

Krafteinsätze und energiesparende Entspannung.

• Sie bewirken ästhetische Gefühle, Freude und Befriedigung durch die Dynamik

der Rhythmen, das Spiel mit der Geschwindigkeit, durch das vielseitige und variationsreiche

Üben.“

Folgende fundamentale und leistungsbestimmende, koordinative Fähigkeiten werden

im Einzelnen herausgestellt (vgl. Schnabel et al. (Hrsg.) 1997, S. 117):

• Differenzierungsfähigkeit

• Orientierungsfähigkeit

• Gleichgewichtsfähigkeit

• Reaktionsfähigkeit

• Rhythmusfähigkeit

• Kopplungsfähigkeit

• Umstellungsfähigkeit.

Differenzierungsfähigkeit ist eine „relativ verfestigte und verallgemeinerte Verlaufsqualität

der Realisierung genauer und ökonomischer Bewegungen auf Grund einer

feindifferenzierten Aufnahme und Verarbeitung von Informationen“ (Hirtz - Lehrmaterialien

2000). Für die Bewegung spielen kinästhetische Differenzierungen eine bedeutende

Rolle. Hierbei gilt die Definition der Differenzierungsfähigkeit, wobei „vorwiegend

kinästhetische Informationen aus den Muskeln, Bändern und Sehnen feindifferenziert

und verarbeitet werden. Sie sichert eine hohe Genauigkeit und Ökonomie

der Bewegungshandlungen“ (Hirtz – Lehrmaterialien 2000). Die Differenzierungsfähigkeit

spielt eine besondere Rolle in der Kampfkunst des Shotokan-Karate.

Nicht nur, dass Bewegungen genau zeitlich und räumlich auf verschiedene Distanzen

angepasst werden müssen, um präzise Bewegungshandlungen zu realisieren,

sondern auch die genaue Bestimmung der Krafteinsätze sind wesentliche Elemente

im Shotokan-Karate. Jede Technik ist mit größtmöglicher Kraft auszuführen, aber der

Gegner darf nicht getroffen werden. Deshalb ist die Differenzierung besonders wichtig.

Weiterhin werden die Techniken zu verschiedenen Regionen, aus verschiedensten

Bewegungsformen und mit verschiedenen Körperteilen ausgeführt. Die Koordi-

47


nierung der Krafteinsätze (z. B. bei Abwehrtechniken mit dem Arm oder dem Bein,

bei Fußfegetechniken, Stoß- und Tritttechniken a. a.), der Kontraktionsgenauigkeit

der Muskeln (= optimale An- und Entspannung der Muskeln; größtmögliche Muskelkontraktion,

aller für die Technikausführung notwendigen Muskeln, kurz vor dem

Moment des Treffens des Gegners, zur maximalen zerstörerischen Wirksamkeit der

Technik; aber für nur einen Bruchteil einer Sekunde, um den Körper sofort wieder in

den optimalen Zustand zwischen An- und Entspannung zu bringen – für eine optimale

Bereitschaftshaltung, dem Kampf entsprechend), der Einsätze schneller und langsamer

Bewegungen, der Bewegungsweite der Angriffstechniken (z. B.: mit Hüftstreckung

bei der Ausführung eines Trittes, bei größerer Distanz zum Gegner versus ohne

Hüftstreckung bei Ausführung eines Fußtrittes bei geringerer Distanz,…), u. a.

werden im Karate mit Hilfe der Differenzierungsfähigkeit realisiert.

Die Orientierungsfähigkeit bezeiht sich auf den Raum und wird nach Hirtz (Lehrmaterialien

2000) folgendermaßen definiert: „Die räumliche Orientierungsfähigkeit ist eine

relativ verfestigte und verallgemeinerte Verlaufsqualität der Bestimmung und Veränderung

der Lage und Bewegung des Körpers im Raum. Sie sichert die vorrangig

raumorientierte Realisierung von Bewegungshandlungen.“ Daraus wird ersichtlich,

dass die räumliche Orientierungsfähigkeit im Karate eine wichtige Rolle spielt. Bei

der Ausführung einer Kata, dem Üben des Kihon und im Kampf gegen einen oder

mehrere Gegner werden Bewegungshandlungen in verschiedene Richtungen ausgeführt.

Dabei verändern sich die Lage des Körpers und auch seine Bewegung im

Raum. Da Karatetechniken im Kampf den Situationen angepasst werden und sich

die Situationen ständig ändern, spricht man von einer situativen Sportart, bei der optische

Informationen grundlegend für jede Handlung sind. Deshalb erhält die räumliche

Orientierungsfähigkeit, besonders im Kampf gegen mehrere Gegner, eine fundamentale

Bedeutung.

Die Rhythmusfähigkeit gilt ebenfalls als relativ verfestigte und verallgemeinerte Verlaufsqualität.

Sie ist Grundlage für das „Erfassen und Darstellen vorgegebener bzw.

im Bewegungsablauf enthaltener zeitlich-dynamischer Gliederungen. Sie sichert die

ausgeprägt rhythmische Gestaltung der Bewegungshandlungen und ihre zweckmäßige

Gliederung durch Akzentsetzung“, wie es Hirtz 1985 formulierte. Diese Definition

macht deutlich, wie wichtig der Rhythmus im Karate ist. Eine gut ausgebildete

Rhythmusfähigkeit gewährleistet das Erfassen des Rhythmus einer Kata. Dieser

Rhythmus verschlüsselt die Anwendung der Techniken in einer bestimmten Abfolge.

Ein Beispiel dafür ist die Abfolge zweier Techniken, die als „schnell, stark“ gekennzeichnet

ist. Das bedeutet, dass die erste Bewegung schnell und stark ist, aber der

Übergang zur nächsten Technik schnell erfolgen muss. Daraus wird deutlich, dass

die erste Technik wahrscheinlich eine Abwehrtechnik ist, der eine sofortige Kontertechnik

folgt. Es wird auch die Kontraktionsrate der Muskulatur vorgegeben, die in

diesem Fall bei der ersten Technik ca. 70% und bei der zweiten Technik 100% des

Maximums ist. Außerdem erklärt dieser Rhythmus, dass nach dem Konter eine Pause

folgt, der ein neuer Rhythmus anschließt. Jede Kata hat ihren eigenen Rhythmus,

jeder Kampf hat seinen eigenen Rhythmus. Die Rhythmusfähigkeit ist von grundlegender

Bedeutung, um einer Kata einen bestimmten ästhetischen Ausdruck zu verleihen,

um gleichzeitig den kämpferischen Aspekten der Kata gerecht zu werden und

diese für eine realistische Anwendung in einer Selbstverteidigungssituation zu entschlüsseln

und anzuwenden. (Auf die ästhetische Komponente der Kata wird später

eingegangen, da sie im Trainingssystem des Sportkarate eine wesentliche Rolle erhalten

und das Training diesbezüglich verändert hat.)

Eine weitere koordinative Fähigkeit ist die Gleichgewichtsfähigkeit, die ebenfalls eine

wichtige Rolle im Shotokan-Karate einnimmt. Sie ist als „relativ verfestigte und ver-

48


allgemeinerte Verlaufsqualität des Haltens bzw. Wiederherstellens des Körpergleichgewicht“

definiert, die „zur Sicherung zweckmäßiger und schneller Lösungen motorischer

Aufgaben auf kleinen Unterstützungsflächen oder bei labilen Gleichgewichtsverhältnissen“

dient, wie Hirtz 1985 beschreibt. Für das Shotokan-Karate bedeutet

das, dass die Lageveränderungen des Körperschwerpunktes, im Verhältnis zur

Stützfläche des Gleichgewichts und die damit einhergehenden Störungen auf das

Gleichgewicht ständigen Ausgleichs bedürfen, um Bewegungshandlungen erfolgreich

ausführen zu können. Die Gleichgewichtsfähigkeit ist somit eine grundlegende

und fundamentale Fähigkeit im Shotokan-Karate.

Die Reaktionsfähigkeit gehört ebenfalls zu den koordinativen Fähigkeiten. Sie stellt

„relativ verfestigte und verallgemeinerte Verlaufsqualitäten des schnellen und aufgabengemäßen

motorischen Antwortverhaltens auf mehr oder weniger komplizierte

Signale oder vorausgehende Bewegungshandlungen bzw. Situationen“ dar (vgl.

Hirtz, 1985, Unterrichtsmaterialien 2000, Uni-Greifswald). Für das Shotokan-Karate,

besonders im Kumite, ist die Reaktionsfähigkeit von grundlegender Bedeutung. Je

kürzer der Abstand von der Aufnahme eines bestimmten Reizes, seiner Verarbeitung

und der entsprechenden motorischen Antwort ist, je schneller kann der Karateka im

Kampf reagieren. Die Fähigkeit auf bestimmte Reize mit einer richtigen Bewegung zu

reagieren ist zu einem bestimmten Teil trainierbar. Die Trainierbarkeit ist genetisch

begrenzt und in diesem Bereich abhängig von der Muskelfaserstruktur, dem Potential

der Nervenleitbahnen Reize weiterzuleiten, dem Zusammenspiel von Nerven und

Muskeln, der intramuskulären Koordination (Reizleitung innerhalb eines Muskels),

der intermuskulären Koordination (Reizleitungen zwischen mehreren Muskeln) u. a.

Zusätzlich zur Reaktionsfähigkeit im Kampf ist die Antizipationsfähigkeit wichtig. Nur

wenn der Karateka einen Reiz erkennt und ihn richtig zuordnet, kann er die jeweilige

Situation erfolgreich bewältigen. Dabei kann der Begriff des „Erfühlens“ genannt

werden, der umgangssprachlich verwendet wird und hinter dem sich die eben benannten

Fähigkeiten verbergen.

Die Kopplungsfähigkeit ist die Fähigkeit Teilkörperbewegungen und Einzelbewegungen

zu koordinieren. Dabei werden vom zentralen Nervensystem mindestens zwei

Bewegungen gleichzeitig gesteuert und beide Körperseiten miteinander verbunden.

Im Shotokan-Karate ist das bei vielen Bewegungen von Bedeutung. Einerseits werden

in den Grundtechnikübungen viele Einzelbewegungen koordiniert und andererseits

müssen diese koordinierten Einzelbewegungen im Kampf angewandt werden.

Im Kampf, gegen einen oder mehrere Gegner, müssen oft gleichzeitig Abwehr- und

Angriffstechniken ausgeführt werden. Man nennt diese Technikkombinationen Direktkonter.

Die Anwendung der Direktkonter erfordern eine gute Kopplungsfähigkeit

und ein fortgeschrittenes Können. Um sich auf bestimmte Situationen einzustellen ist

die Umstellungsfähigkeit bedeutend. Die Umstellungsfähigkeit ist die Fähigkeit des

Sportlers sich auf plötzlich auftretende Situationsveränderungen umzustellen und

anzupassen. Das hat im Karate große Bedeutung, denn hier gibt es keine starren,

sondern sich ständig verändernde Situationen. Es werden in der Literatur noch weitere

Fähigkeiten benannt, wie zum Beispiel Frequenzfähigkeit, Entspannungsfähigkeit,

Kombinationsfähigkeit, Entscheidungsfähigkeit u. a.

Koordinative Fähigkeiten stellen einen Komplex von Fähigkeiten dar, die in einer

ganzheitlichen Struktur leistungsbestimmenden Charakter tragen. Die Differenzierung

und Benennung der koordinativen Fähigkeiten ist nicht eindeutig bestimmt. Jedoch

werden drei wesentliche, objektiv existierende koordinative Grundfähigkeiten

unterschieden (vgl. Schnabel et al. (Hrsg.) 1997, S.117):

49


1. „Fähigkeit zur präzisen Bewegungsregulation, wobei die Bewegungen genau, geführt

und zyklisch sind. Ein Beispiel währen Ausdauersportarten, wie zum Beispiel

Marathonlauf, Rudern, Schwimmen u. a.

2. Fähigkeit zur Koordination unter Zeitdruck, wobei die Bewegungen schnell und

genau sind. Hierzu zählen Schnellkraftdisziplinen.

3. Fähigkeit zur motorischen Anpassung und Umstellung, mit schnellen, genauen

und variablen Bewegungen, wozu Kampfsport und Sportspiele gezählt werden.“

Aus den Erklärungen zu den koordinativen Fähigkeiten wird deutlich, dass die acht

benannten Merkmale der Bewegung im Shotokan-Karate teilweise ihnen zugeordnet

werden können. Die Bewegungskoordination bezieht sich auf die Koordination aller

Bewegungen innerhalb einer Anforderungssituation. Das sind alle Körperbewegungen

die ausgeführt werden, um eine motorische Handlung zu vollziehen, mit dem Ziel

die Anforderungssituation zu lösen. Wird z. B. ein Karateka angegriffen zählen bei

dem Angreifer alle Bewegungen zur Anforderungssituation, die zum Angriff gehören,

beim Verteidiger alle Bewegungen die dazu dienen den Angriff abzuwehren und

selbst anzugreifen. Dabei können die Positionen von Angreifer und Verteidiger

wechseln. Der Bewegungsrhythmus ist mit der oben aufgeführten Definition der

Rhythmusfähigkeit erklärt.

Durch die Fähigkeit zur Bewegungskopplung wird dem Karateka ermöglicht in und

aus vielen verschiedenen Richtungen Kampfhandlungen mit unterschiedlichen Techniken

zu vollziehen. Er ist in der Lage in verschiedenen Situationen verschiedene

Techniken variabel einzusetzen, zu verbinden bzw. zu koppeln.

Die Ausprägung des Bewegungsflusses der Bewegung des Karatekas ist ein Merkmal

für den Fortschritt und die Qualität im Lernprozess der Techniken. Ein guter Bewegungsfluss

ist besonders bei der Kombination verschiedener Techniken, bei der

Ausführung einer Kata und der Ausführung von Abwehr- und Kontertechniken im

Kampf wichtig. Je besser es einem Karateka gelingt die Techniken in einen Fluss zu

bringen, je höher ist der Grad der Körper- und Technikbeherrschung. Der Bewegungsfluss

innerhalb einer Technik ist dabei die Basis einer sauberen Grundtechnik.

Erst wenn eine Grundtechnik bei der Technikschulung fließend ausgeführt werden

kann, kann sie im Kampf eingesetzt werden. Doch bevor sie im freien Kämpfen benutzt

werden kann, muss sie in abgesprochenen Kampfübungen verfeinert werden.

Nach methodischen Prinzipien, genauer gesagt der Teil-Lern-Methode, wird eine

Technik in Einzelelemente zerlegt und teilweise erlernt. Danach wird die Technik zusammengesetzt

und fließend, an einem Stück geübt. Der Grad des Bewegungsflusses

charakterisiert die Qualität der Ausführung der Techniken. Gleichzeitig ist ein guter

Bewegungsfluss Voraussetzung im Karate die erlernten Techniken im Kampf und

in einer möglichen Selbstverteidigungsposition anwenden zu können. Kampf bezieht

sich hierbei auf Übungs- und Freikämpfe im Training und Wettkampf. Die Selbstverteidigungssituation

bezieht sich auf eine mögliche reale Kampfsituation außerhalb

des Sports, wobei es nötig wird die erlernten Kampftechniken zwecks Selbstverteidigung

zur Anwendung zu bringen.

Bewegungspräzision ist im Karate besonders wichtig. Die Techniken müssen so präzise

wie möglich ausgeführt werden, um die eigene Gesundheit aufrecht zu erhalten.

Werden zum Beispiel Fußtritte ausgeführt, muss auf die Streckung im Kniegelenk

geachtet werden. Wird das Knie dabei durchgestreckt und erfolgt die Muskelkontraktion

der Beine zu spät, wird das Kniegelenk überstreckt. Geschieht das häufig nimmt

das Kniegelenk Schaden. Das macht die Bewegungspräzision für den Gesunderhalt

des Körpers besonders wichtig. Im Kampf müssen die Techniken vor dem Ziel gestoppt

werden. Dazu müssen Distanz und Timing stimmen. Nur mit einer präzisen

Bewegung ist es möglich die Techniken zu kontrollieren. Gleichzeitig ist die präzise

50


Bewegung Voraussetzung, um die Techniken optimal im Kampf anwenden zu können.

Nur die präzise ausgeführte Bewegung kann effektiv eine Wirkung am Gegner

erzielen.

Bewegungskonstanz ist besonders im Lernprozess des Techniktrainings wichtig.

Konstant ausgeführte Bewegungen schleifen sich als Muster ein und gewährleisten

eine Optimierung bzw. Ökonomisierung der Technik, mit einhergehender Anpassung

des Körpers an die Bewegung. In Laboren für angewandte Physiologie des Brooklyn

Centers, der Long Island Universität, wurden über einen Zeitraum von sechs Jahren

physiologische und konditionelle Aspekte des Karatetrainings untersucht. Dabei wurde

festgestellt, dass eine hohe Wiederholungsrate von Techniken die Verbindungen

von Großhirnrinde, Nervenbahnen und willkürlicher Muskeln verbessert werden. Nervenfasern

werden durch hohe Wiederholungsraten stimuliert, wodurch Steuerungsprozesse

des Gehirns verbessert werden (vgl. Okazaki, Stricevic 2003).

Der Bewegungsumfang kennzeichnet den Umfang der Ausführung einer einzigen

Technik oder verknüpfter Technikabfolgen. Je genauer der Umfang an das Idealbild

einer Technik angepasst ist, je ökonomischer ist die Ausführung bei gleichzeitig maximaler

Wirksamkeit der Technik. Im Kampf ist es besonders wichtig so sparsam wie

möglich mit seinen Kräften umzugehen, um den Kampf letztendlich mit einer wirkungsvollen

Technik zu beenden. Je weiter die Bewegungen sind, desto unökonomischer

ist sie, desto mehr Energie muss der Kämpfer aufwenden. Je länger gekämpft

wird, je schwieriger wird es die Leistung aufrecht zu erhalten, die nötig ist, um den

Kampf zu gewinnen. Die Bewegungen müssen deshalb so ökonomisch wie möglich

ausgeführt werden. In der Grundschule lernt der Karateka den Bewegungsumfang

einer Technik so stark zu reduzieren und seinem Körper genau anzupassen, dass er

ohne große Energieverluste eine Technik mit maximaler Wirkung im Kampf exakt

umsetzen und anwenden kann.

Die Bewegungsstärke kennzeichnet die Fähigkeit des Karatekas Muskelspannungen

einzusetzen. Nur eine maximal stark ausgeführte Bewegung gibt dem Karateka die

Chance eine wirkungsvolle Technik im Kampf anzubringen. Die Bewegungsstärke

kennzeichnet ebenfalls die Fähigkeit der gezielten Muskelkontraktion. Wenn alle nötigen

Muskeln am Ende einer Bewegung angespannt werden, nur für den Bruchteil

eines Augenblickes, kann der Karateka eine Wirkung der ausgeführten Technik erzielen.

Durch die kurze Anspannung, mit sofortiger Entspannung, ist es dem Karateka

möglich für eine nachfolgende Technik wieder die maximale Wirksamkeit erzeugen

zu können. Durch die Entspannung, nach der größtmöglichen Anspannung,

kann der Karateka sich sofort weiterbewegen, um nicht getroffen zu werden. Außerdem

ermöglicht ihm die Entspannung wieder eine Bereitschaftshaltung einzunehmen,

um optimal auf eine neue Situation reagieren zu können. Die Bewegungsstärke

wird im Kihon trainiert und verbessert. Gleichzeitig wird durch die kurze Kontraktion,

meist aller Muskeln, am Ende einer Technik, mit ihrer sofortigen Entspannung die

Durchblutung in der Skelettmuskulatur erhöht. Hierbei kommt es zu einer Art Selbstmassage

des Körpers. Die Umsetzung der Bewegungsstärke hat das Ziel die gesamte

Kraft einer Technik an einem Punkt zu bündeln und auf eine kleine Fläche zu übertragen.

Dadurch entsteht eine große Wirkung, die den Gegner niederzwingen soll.

Man spricht von Energiefokus oder Brennpunkt.

Es kann an dieser Stelle festgestellt werden, dass der Schwerpunkt des Kihon-

Trainings die Entwicklung der äußeren Technik, mit dem inneren Verständnis dieser

ist. Dabei werden das richtige Stehen, verschiedene Bewegungsformen, Arm- und

Beintechniken, Angriffs- und Abwehrtechniken, richtiger Hüfteinsatz, korrekte Atmung

zur Technik, An- und Entspannung u. a. bis zur Automatisierung geübt. Es ist im ersten

Verständnis eine Körperschulung, die spezifisch für das Shotokan-Karate grund-

51


legende Voraussetzungen schafft. Dabei konzentriert sich der Übende auf die Technik,

er verdrängt Unnötiges und ist ganz bewusst bei der Übung. Die Konzentration

wird auf das Wesentliche gerichtet. Das weitergehende Verständnis ist die Auseinandersetzung

mit der Technik in den Bereichen Stellungen, Hüfteinsatz, Balance,

Anspannung, Entspannung, Atmung, Konzentration u. a. Es ist eine Art der Geistesschulung,

wie es im Shotokan-Karate genannt wird (vgl. H. Handel 1998). Hierbei

wird der Blick auf das Innere gelenkt, wobei der eigenen Körper erfahrbar, erfühlbar

und erlebbar wird. Das eigene Innere soll erkannt und negative Einflüsse abgestellt

werden. Der Geistesschulung folgt die „Seelenschulung“, als esoterischer Aspekt des

Kihon-Trainings (vgl. H. Handel 1998, S.204). „Seelenschulung“ bedeutet das Endziel

der Technik, das „Nicht-Denken“ zu erreichen. Die Technik wird transzendiert

und der Karateka lernt in sich hineinzuhören.

Eine hohe Form des Kihon-Trainings ist das Üben von Kombinationen. Hier werden

verschiedene Techniken variabel kombiniert, um die erworbenen Fähigkeiten zu

verbessern. Kombinationen werden mit einem bestimmten Rhythmus ausgeführt. Je

nachdem, in welcher Reihenfolge die Techniken liegen, müssen sie schneller oder

langsamer, mit spezifischen Anwendungsmustern im Kampf, ausgeführt werden. Außerdem

können die Kombinationen in verschiedene Richtungen geübt werden. Dabei

erhöht sich die Schwierigkeit der Ausführung der Techniken. Dadurch werden hohe

koordinative Anforderungen an den Karateka gestellt. Das Üben von Grundtechniken,

sowohl in einzelner Form als auch in Kombinationen, stellt eine wichtige Säule

im Shotokan-Karate-Training dar.

Es kann weiterhin das Bewegungstempo genannt werden, das als Schnelligkeit von

Teil-/ Bewegungen in ihrer zeitlichen Ausführung, Geschwindigkeit und Beschleunigung

gekennzeichnet ist.

Was bei diesen Ausführungen deutlich zum Ausdruck kam, ist nicht nur die hohe Anforderung

an die koordinativen, sondern ebenfalls die hohen Anforderungen an die

konditionellen Fähigkeiten.

3.4) Konditionelle Fähigkeiten

Der Deutsche Karate Verband e.V. (DKV) ist ein Verband guter Trainer und vieler

Sportwissenschaftler. Sie haben ein karatespezifisches konditionelles Anforderungsprofil

erstellt, wobei die Definitionen bestimmter Begriffe an Martin angelehnt werden.

Das Anforderungsprofil wird auszugsweise aus der „Rahmentrainingskonzeption für

Kinder und Jugendliche im Leistungssport“ des DKV übernommen. Die Konzeption

wurde vom Sportpädagogen und Träger des 5. Dan im Shotokan-Karate Rudolf Eichert

(2003) erstellt. Die Rahmentrainingskonzeption ist ein Mehrjahresplan (Perspektivplan),

der Jahrespläne und Wochenpläne enthält, die zur Steuerung und Regelung

des Trainings dienen. Es ist ein „idealtypisches Theoriemodell, in dem Eckdaten

der Inhalte und Belastungsanforderungen und deren zeitliche Anordnung global

festgeschrieben sind“ (vgl. R. Eichert 2003, S.3). Kondition ist, allgemein bezeichnet,

eine leistungsbestimmende Komponente und somit eine Leistungsvoraussetzung. In

Anlehnung an H. Ilg (Lehrmaterialien 2000) bezieht sich Kondition auf die physiologischen

Energieaspekte für die spezifischen konditionellen Fähigkeiten Kraft, Ausdauer,

Schnelligkeit und Beweglichkeit. Sie sind Ausdruck und Ergebnis der aktiven Energieübertragung

im Herz-Kreislauf- und Stoffwechselsystem (Ausdauer) und in der

Skelettmuskulatur (Kraft, Schnelligkeit, Beweglichkeit). Martin (1995) definiert die

„Kondition als eine Komponente des Leistungszustandes, die primär auf das Zusammenwirken

energetischer Prozesse des Organismus und der Muskulatur basiert“

(vgl. Eichert 2003). Man unterscheidet heute vier Hauptformen der konditionellen Fä-

52


higkeiten. Diese sind Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit und Beweglichkeit. Jedoch sind

Schnelligkeit und Beweglichkeit Mischformen verschiedener Leistungsvoraussetzungen.

Die Schnelligkeit wird gleichzeitig zu den koordinativen Fähigkeiten gezählt,

denn das präzise Zusammenspiel der Nerven und Muskeln ist hierbei eine wichtige,

leistungsbestimmende Komponente. Die Beweglichkeit ist gleichzeitig von der Konstitution

des Menschen und von den koordinativen Fähigkeiten abhängig. Sie unterliegt

bestimmten genetischen Voraussetzungen, ist zum Teil trainierbar und wird von

der Koordination von Muskeln, Sehnen, Bändern, in Zusammenarbeit mit Nerven und

der Gelenkbeweglichkeit, also der Bewegungsamplitude innerhalb eines Gelenks,

beeinflusst.

Außerdem gibt es zwischen den konditionellen Fähigkeiten viele Mischformen, die in

folgender Tabelle aufgelistet sind (vgl. R. Eichert 2003):

Kraft Schnelligkeit

KONDITION

Ausdauer Beweglichkeit

• Maximalkraft • Reaktionsschnel- • Kurzzeit-, Mittelzeit- • Gelenkbeweglichkeit

• Schnellkraft ligkeit

und Langzeitaus- • Dehnungsfähigkeit

• Kraftausdau- • Kraftschnelligkeit dauer

• Allgemeine Beweger

• Bewegungsschnel- • allgemeine Ausdaulichkeit • Reaktivkraft ligkeiter(Grundlagenaus-

• Spezielle Beweg-

• Spezielle • Schnelligkeitsausdauer)lichkeit Kraft

dauer

• lokale Muskelaus- • Aktive Beweglichkeit

dauer

• Passive Beweglich-

• spezielle Ausdauer

(z. B. karatespezifischeSchnellkraftausdauer)keit

Für das Shotokan-Karate werden folgende Merkmale zusammengefasst:

1. SCHNELLIGKEITSFÄHIGKEIT: Für die Schnelligkeitsfähigkeit braucht der Karateka

Schnellkraft, Beschleunigungsfähigkeit und Reaktionsschnelligkeit.

2. KRAFTFÄHIGKEIT: Für die Kraftfähigkeit benötigt der Karateka Schnellkraft (besonders

in den Bereichen der Startkraft und Explosivkraft), Maximalkraft, Reaktivkraft

(zum Beispiel beim Beinabdruck für Fußtritte oder Bewegungen) und eine

karatespezifische Form der Ganzkörperspannung, das Kime genannt wird (wie

bei der Bewegungsstärke schon ausgeführt wurde).

3. AUSDAUERFÄHIGKEIT: Für die Ausdauerfähigkeit werden Grundlagen- und

Schnellkraftausdauer genannt, die besonders bei der Ausführung von Katas und

im Kampf an Bedeutung gewinnen.

4. BEWEGLICHKEIT: Im Bereich der Beweglichkeit sind die Gelenkbeweglichkeit

und Dehnbarkeit bzw. Flexibilität zu nennen. Fußtritte müssen zum Beispiel zum

Kopf und in alle möglichen Richtungen ausgeführt werden. Das Selbe gilt für alle

anderen Techniken im Shotokan-Karate.

Die vier Hauptformen der konditionellen Fähigkeiten werden im Shotokan-Karate intensiv

trainiert. Einerseits sind sie Grundlage, um spezifisch im Karate-Training voranzukommen,

andererseits werden sie durch das Karate-Training ausgebildet.

Wissenschaftliche Forschungen, über einen Zeitraum von sechs Jahren, in Laboratorien

für angewandte Physiologie des Brooklyn Centers der Long Island Universität,

befassten sich mit Faktoren in Hinblick auf Kondition und mit der benötigten Zeit für

53


die Ausführung von spezifischen Bewegungsmustern. Diese spezifischen Bewegungsmuster

waren festgelegte Katas. Untersucht wurden 100 Probanden zwischen

18 und 45 Jahren, die etwa vier Jahre Erfahrung im Shotokan-Karate hatten. Die

Durchschnittsgröße betrug 171cm, das Durchschnittsgewicht 71kg. Dabei wurden

folgende Messungen vor und nach der Ausführung der Kata vorgenommen (vgl. Okazaki,

Stricevic 2003):

- Blutdruck,

- Elektrokardiogramm (im Ruhezustand und während der Belastung)/ Herzstromkurve,

- Herzfrequenz (Schläge pro Minute),

- Atem-Minutenvolumen (Menge der ein- oder ausgeatmeten Luft pro Minute in Litern),

- Atemfrequenz (Atemzüge pro Minute),

- Atemvolumen (durchschnittliche Luftmenge während eines Ein- und Ausatmungszyklus),

- Vitalkapazität (Luftmenge, die nach einer maximalen Einatmung maximal ausgeatmet

werden kann) und

- die zur Durchführung einer Kata benötigten Zeit.

Ohne an dieser Stelle auf die wissenschaftliche Arbeitsweise der Forschung einzugehen

wurde festgestellt, das Pulswerte von 155 bis 163 Schlägen bei der Durchführung

der Katas auftraten, die nach sportmedizinischen und trainingswissenschaftlichen

Erkenntnissen ein Überschreiten der Schwelle für eine positive kardiovaskuläre

Reaktion darstellen. Ebenfalls erhöhten sich die Blutdruckwerte in einem Bereich der

das kardiovaskuläre System ausreichend anregte, um Konditionseffekte zu erzielen

(vgl. Okazaki, Stricevic 2003).

Die Atemfrequenzen lagen in Ruhe bei 12 und während der Ausführung der Katas

zwischen 22 und 24 Atemzügen. Das Atemvolumen lag im Ruhezustand von 1,088

Litern, während der Ausführung der Katas lag es zwischen 1,504l und 1,656l. Das

Gesamtvolumen in Ruhe betrug ca. 13,056l, während der Ausführung der Katas zwischen

36,112l und 36,444l (vgl. Okazaki, Stricevic 2003). Auch diese Erhöhungen

sind physiologische Kennzeichen, die positive Auswirkungen auf Konditionseffekte

erzielen. Die Messungen der gebrauchten Zeit für die ausgeführten Katas wurden

vorgenommen, um festzustellen, ob das zeitlich vorgegebene Rhythmusmuster des

klassischen Karate eingehalten wurde. Nur wenn die vorgegebenen zeitlichen

Rhythmen exakt ausgeführt werden, kann auch ein exaktes Ergebnis erzielt werden.

Die zeitlichen Vorgaben lagen ursprünglich bei 60 Sekunden. Sie wurden eingehalten,

mit einer durchschnittlichen Abweichung von einer Sekunde (vgl. Okazaki, Stricevic

2003). Kata-Training hat nach wissenschaftlichen Untersuchungen einen positiven

Einfluss auf das kardiovaskuläre System, dient also der Konditions- bzw. Ausdauersteigerung.

Genaue Ausführungen dazu liefern Okazaki und Stricevic (2003).

Ausdauer ist eine konditionelle Fähigkeit, die dazu dient „Widerstandsfähigkeit gegenüber

Ermüdung, die bei sportlichen Belastungen ermüdungsbedingte Leistungsverluste

mindert“, zu gewährleisten (vgl. Schnabel et al. (Hrsg.) 1997, S.151). Eine

gute Ausdauer sichert das Durchhalten einer Dauerbeanspruchung, beschränkt oder

verhindert die ermüdungsbedingten Leistungseinschränkungen und sorgt für eine rasche

Wiederherstellung energetischer Leistungsvoraussetzungen nach der Belastung

(vgl. Eichert 2003). Sie stellt somit eine wesentliche Grundlage für das Shotokan-Karate

dar. Das Ziel des Ausdauertrainings ist es den Energieverbrauch unter

Belastungen zu ökonomisieren. Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben,

54


dass sich der Organismus und die energetischen Prozesse an eine dauernde Belastung

anpassen. Je effizienter der Energieverbrauch ist, je höher ist die Ausdauerleistung.

Das ist ein wesentliches Merkmal, das auch im Shotokan-Karate große Bedeutung

hat. Wie schon unter den Punkten Kata, Kumite und Kihon beschrieben ist es

wichtig mit dem wenigsten Aufwand an Energie die größte Wirkung zu erzielen. Die

Ökonomisierung der energetischen Prozesse trägt dazu einen wesentlichen Teil bei.

Auf die sportmedizinischen Aspekte der konditionellen Fähigkeiten soll an dieser

Stelle nicht weiter eingegangen werden, da sie in vielen Werken speziell behandelt

wurden. Für diese Arbeit ist es wichtig die Differenzierung der konditionellen Fähigkeiten

herauszunehmen, um die Entwicklung im Trainingssystem genauer zu betrachten.

Für das Training stellen konditionelle Fähigkeiten eine wesentliche Komponente

dar. Für das Shotokan-Karate ist nicht nur die Ausdauer von großer Bedeutung,

sondern auch die Kraftfähigkeit. „Kraftfähigkeit ist die Fähigkeit Widerstände mit

willkürlicher Muskelkontraktion zu überwinden bzw. äußeren Kräften entgegenzuwirken“

(Schnabel et al. (Hrsg.) 1997, S. 132). Im Shotokan-Karate gibt es verschiedene

zu überwindende Kräfte, wie zum Beispiel die Schwerkraft u. a. Physikalisch ist Kraft

die Ursache von Bewegungen. Andererseits müssen auch die gegnerischen Einflüsse

überwunden werden. Die Kraftfähigkeit ist dafür Grundvoraussetzung. Angriffe

müssen mit Körperkraft abgewehrt und es muss Kraft aufgebracht werden, um einen

Gegenangriff erfolgreich auszuführen. Kraft wird benötigt, um den Widerstand des

Gegners zu brechen bzw. zu überwinden. Gleichzeitig ist dafür Schnelligkeit nötig,

die als die Fähigkeit in kürzester Zeit auf Reize zu reagieren und Informationen zu

verarbeiten gekennzeichnet ist. Ein weiteres Merkmal der Schnelligkeit ist die Ausführung

von Bewegungen bzw. Bewegungshandlungen mit größtmöglicher Bewegungsintensität.

Diese Merkmale lehnen sich an Schnabel, Harre und Borde (1997)

an. Nur mit schnellsten, aber sehr präzisen Bewegungen ist es im Kampf möglich

dem Gegner keine oder nur minimal Zeit zu geben, um auf einen Angriff bzw. einen

Reiz reagieren zu können. Das ist ein wesentliches Trainingsziel im Shotokan-

Karate. Um die genannten Komponenten optimal umsetzen zu können benötigt ein

Karateka die Beweglichkeit. Die Beweglichkeit ist als motorische Fähigkeit des Bewegungsspielraums

der Gelenke bei der Ausführung von Bewegungen oder der Einnahme

bestimmter Haltungen gekennzeichnet (vgl. Schnabel et al. (Hrsg.) 1997). Die

Beweglichkeit kennzeichnet im Weiteren die Flexibilität bzw. die Dehnbarkeit der

Muskeln, Sehnen und Bändern des menschlichen Körpers. Die Ausnutzung der optimalen

Bewegungsamplitude bei der Ausführung einer Technik, besonders im

Kampf, ist grundlegende Voraussetzung, um diese mit größtmöglicher Wirkung umzusetzen.

Dazu sind optimal gedehnte Muskeln nötig, denn nur Muskeln die nicht

verkürzt oder abgeschlafft sind können erfolgreiche Karatetechniken gewährleisten.

Das bezieht sich auf die technische Anwendung von Shotokan-Karate. Ein Fußtritt

zum Kopf kann nur mit einem sicheren Einbeinstand und einer optimalen Dehnfähigkeit

der Muskeln, Sehnen und Bändern ausgeführt werden. Der Fuß des Standbeines

muss dabei komplett am Boden sein, das wiederum nur mit einer optimalen Wadendehnung

realisiert werden kann. Mit einer Wadenverkürzung würde der Hacken

den Boden verlassen, der Stand wäre noch instabiler als er schon mit nur einem Bein

ist. Der Tritt würde dadurch an Kraft verlieren, da die optimale Muskelkontraktion für

einen wirksamen Fußtritt nicht realisiert werden kann. Die Beweglichkeit ist nicht nur

dafür Voraussetzung, sondern dient auch der Prophylaxe von Verletzungen. Gut

ausgebildete Muskeln, Sehnen und Bänder arbeiten effizienter zusammen, da sie mit

Nervenzellen besser vernetzt sind, die gleichzeitig stabiler angelegt werden. Das gezielte

Training der Beweglichkeit verstärkt die Nervenbahnen, wodurch der menschliche

Körper besser auf Reize reagieren kann.

55


Konditionelle und koordinative Fähigkeiten sind wesentliche Elemente im Shotokan-

Karate. Diese Erkenntnisse wurden in das Karate-Trainingssystem integriert und

neue Methoden des Trainings entwickelt. Genaue Methoden zu den konditionellen

und koordinativen Fähigkeiten im Training des Shotokan-Karate werden in der weiteren

Arbeit genannt.

Zusammenfassend können die konditionellen und koordinativen Fähigkeiten folgendermaßen

dargestellt werden, wobei die Grafik keinen Anspruch auf Vollständigkeit

erhebt:

Bedingungen:

Intellektuelle Fähigkeiten

Kraftfähigkeit Schnelligkeitsfähigkeit Ausdauerfähigkeit

Maximalkraftfähigkeit

Schnellkraftfähigkeit

Kraftausdauerfähigkeit

Sportliche Bewegung

• in der Phase der Rehabilitation

• im Freizeit und Breitensport

• im Leistungssport

Spezielle Bewegungsfertigkeit

Sportliche Technik / Bewegungsvorgabemodell

Vorraussetzung: Sportmotorische Fähigkeit

konditionelle / energetisch

determinierte Fähigkeit

Sportmotorische (körperliche)

Fähigkeit

56

koordinative / informell

determinierte Fähigkeit

Psychisch – moralische

Fähigkeiten

Konditionelle Fähigkeit Koordinative Fähigkeit

• Differenzierungsfähigkeit

• Orientierungsfähigkeit

• Gleichgewichtsfähigkeit

• Reaktionsfähigkeit

• Rhythmusfähigkeit

• Kopplungsfähigkeit

• Umstellungsfähigkeit

Im folgenden Kapitel wird untersucht, wie diese Erkenntnisse tatsächlich im Shotokan-Karate-Training

angewandt und umgesetzt werden. Dazu wurde vom Autor ein

Fragebogen konstruiert, der im Interviewverfahren benutzt wurde, um verschiedene

Trainer diesbezüglich zu hinterfragen.


4) Das Interviewverfahren

Das hier gewählte Interviewverfahren soll Einblicke in die Alltagstheorien, das Alltagswissen

und Berufs- bzw. subjektive Theorien der Praktiker (vgl. Roth (Hrsg.)

1996), also der Trainer geben. In Roth (Hrsg., 1996, S.22) wird das folgendermaßen

beschrieben: „In diesen handlungsleitenden ’Mixturen’ verschmelzen alltägliche Erfahrungen,

Routinen, Erfolge, Freuden, Misserfolge und Enttäuschungen mit theoretischen

Überlegungen und Wissensbeständen.“ Das Interviewverfahren ist eine Methode

der wissenschaftlichen Forschung, die als Feldforschung bezeichnet werden

kann, also praxisorientiert ist und eine „alltagstheoretische Fundierung“ darstellt (vgl.

Roth (Hrsg.) 1996, S. 25). Die Trainer wurden unter natürlichen Bedingungen interviewt,

die Daten wurden unter natürlichen Bedingungen erhoben. Die gegebenen

Antworten, also die gesammelten Daten lassen sich scheinbar automatisch auf die

Praxis übertragen. Doch ob alle Aussagen mit der Praxis übereinstimmen wurde

nicht überprüft. Somit ist das verwendete Interviewverfahren eine theoretische Untersuchung

zum Karate-Training. An dieser Stelle soll erklärt werden, dass die Ehrlichkeit

der Trainer nicht in Frage gestellt wird, sondern nur geklärt werden muss, dass

die Untersuchung, auf Grund fehlender praktischer Nachweise, auf eine theoretische

Basis beruht. Der Fragebogen wurde standardisiert und bei jedem Trainer gleich angewandt.

Der erste Schritt, nach der Erstellung des Interviewkonzepts, war das Wissen

der Trainer zu erfassen. Das geschah durch Befragung unter gleichen Bedingungen.

Die Interviews wurden aufgenommen und später schriftlich ausgewertet.

Gleichzeitig ist aber nicht sicher ob die im Interview genannten Trainingsbedingungen

genau so praktisch umgesetzt werden. Es fehlt die Kontrolle der tatsächlichen

Bedingungen. Dazu wäre eine Langzeitstudie nötig. Diese Faktoren bedeuten ein

Validitätsproblem, dass mit einer Einzeluntersuchung nicht gelöst werden kann.

Heuer (1993) schlägt eine Strategie der multiplen Aufgabenreihen vor, die ein „Untersuchungsreihenkonzept

beinhaltet, bei dem die gleiche Forschungsfragestellung

(konstante Problemkomplexität) in verschiedenen Studien evaluiert wird (vgl. Roth

(Hrsg.) 1996, S.24). In Roth wird diese Vorgehensweise folgendermaßen Charakterisiert

(Roth, (Hrsg.) 1996, S.24/25): „…Diese werden so gestaltet, dass die Operationalisierungen

der abhängigen und unabhängigen Variablen möglichst breit über das

Kontinuum zwischen Labor und Feld streuen. Auf der einen Seite finden sich gut

kontrollierbare, aber eher künstliche Merkmalsspezifikationen, auf der anderen Seite

Variablenfestlegungen, die den Rahmenbedingungen der Sportpraxis nahe kommen.

Mit dieser Vorgehensweise können die jeweiligen Stärken der Labor- und Feldforschung

zumindest partiell vereinigt werden: Den Laboruntersuchungen fällt die Aufgabe

zu, Zusammenhänge und Effekte aufzudecken; in Feldstudien werden diese

Resultate aufgegriffen, und es wird geprüft, ob sie sich auch in natürlichen, niedrig

kontrollierten Situationen – im Prinzip – rekonstruieren lassen. Das Konzept der multiplen

Aufgabenreihen ist in der sportwissenschaftlichen Forschung bereits mehrfach

eingesetzt worden (vgl. u.a. Roth, 1989; Hossner, 1995; Szymanski, 1996).“

In der Untersuchung zum „Techniktraining im Spitzensport“, vom Herausgeber Klaus

Roth, wurde das Interviewverfahren gewählt, um „aus der Praxis für die Praxis“, aus

der Sicht erfolgreicher Trainer, ein „Bindeglied zwischen den wissenschaftlichen Erkenntnissen

und deren Ausrichtung und Umsetzung im Sport“ zu betrachten (vgl.

Roth (Hrsg.) 1996, S.9). Die Interviewstudie dieser Arbeit lehnt sich, in der Erstellung,

an die Untersuchung zum „Techniktraining im Spitzensport“ an.

Es gibt Trainer, die vielschichtige Situationen des Trainings sicher bewältigen und

über umfassendes Wissen verfügen. Dieses Wissen wurde, für die vorliegende Ar-

57


eit, im Bereich des Shotokan-Karate erhoben, individuell rekonstruiert, zusammengefasst

und zu trainingsmethodischen Prinzipien verdichtet.

In wie weit sind die befragten Trainer Experten? Die befragten Trainer haben eine

Karate-Praxis von 10-23 Jahren. Sie durchliefen verschiedene Ausbildungen und haben

Trainerlizenzen der Karate-B-, Karate-A- oder Instruktor-Shotokan-Karate-

Klasse. Die Ausbildungen sind stark unterschiedlich, worauf an späterer Position

eingegangen wird. Kein Trainer ist Sportwissenschaftler mit abgeschlossenem

Sportstudium. Mit diesen Ausbildungsstadien und der langen praktischen Erfahrung

wird ein Grad an Expertenwissen vorausgesetzt. Unter den Befragten waren der

Landestrainer für Kata Mecklenburg/Vorpommern (3.Dan – Shotokan-Karate, Trainer-Karate-A-Lizenz),

der Präsident der Karate-Union Mecklenburg/Vorpommern (4.

Dan – Shotokan-Karate, Trainer-Karate-B-Lizenz; Zweigstelle des Deutschen-

Karate-Verbandes), der Präsident des Shotokan-Ryu-in-Deutschland e.V., der

gleichzeitig der erfahrenste Trainer, mit 23 Jahren Praxis und Instruktor für klassisches

Shotokan-Karate mit dem 4.Dan ist und zwei weitere Instruktoren mit ca. 12

Jahren praktischer Erfahrung (mit jeweils dem 3.Dan graduiert). Die Höhe des Dan-

Grades und die lange praktische Erfahrung der Trainer bzw. Instruktoren kennzeichnen

sie als Experten. Die Voraussetzung des Wissens dieser Trainer wird hier zum

Gegenstand der Untersuchung gemacht. Das Interviewverfahren hat den Vorteil im

Gespräch den Wissensstand zu ermitteln, wodurch bei Unklarheiten sofort Hinterfragungen

vorgenommen werden können. Es muss aber sichergestellt werden, dass

keine bzw. so wenig wie möglich Redundanz auftritt, aber das Kernthema des Interviews

deutlich herausgestellt wird. Die Position des Fragenden muss hierbei klar

dargestellt sein. Er muss neutral und nicht wertend ein Gespräch führen, wobei eine

subjektive Stellungnahme zum Thema vermieden werden soll. Dadurch kann eine relativ

objektive Position der Untersuchung sichergestellt werden. Die Interviews sind

halbstandardisiert, aber auch fokussiert. Dadurch wird dem Interviewpartner einerseits

die Möglichkeit zum Erzählen gegeben und andererseits gezieltes Nachfragen

ermöglicht, um das Gespräch auf bestimmte Themenkomplexe zu lenken. Diese Impulsgebung

wird als Interviewleitfaden bezeichnet (vgl. Roth (Hrsg.) 1996). Die aufgenommenen

Gespräche wurden anschließend verschriftlicht bzw. in ein Textformat

gebracht und inhaltsanalytisch ausgewertet. Sie werden als Gedächtnisprotokolle in

dieser Arbeit zusammenfassend dargestellt, wobei das Trainerwissen und die jeweiligen

Trainerphilosophien herausgestellt werden. Daran schließt sich das Zusammenfassen

der Aussagen und der Vergleich dieser an, mit dem Versuch der Kategorienbildung

spezifischer gemeinsamer oder entgegengesetzter Aussagen. Die Kategorienbildung

basiert auf sportwissenschaftlichen, im Besonderen auf trainingswissenschaftlichen

Erkenntnissen, im speziellen hier für das Shotokan-Karate, als technisch-individualtaktisch

akzentuierte Sportart. Daraus ergeben sich bestimmte Prinzipien

des Trainings, die durch die intensive Literaturrecherche unterstützt werden.

Die Herausstellung der verschiedenen Prinzipien machen gleichzeitig die Unterschiede

im Training deutlich. Somit ist ein Einblick in die Entwicklung des Trainingssystems

durch die Interviewstudie und den Vergleich mit allen zuvor beschriebenen

Elementen möglich und eine gewisse Validierung der Untersuchung gewährleistet.

Da das Interview speziell für das Shotokan-Karate erstellt wurde und keine anderen

Sportarten analysiert werden, ist die Standardisierung des Konzepts optimal gewährleistet

und eine interindividuelle Vergleichbarkeit gegeben. Dadurch ist eine gewisse

Validierung der Themen und Inhalte des Interviews und der daraus folgenden Ergebnisse

für diesen Bereich sichergestellt.

58


4.1) Fragenerstellung

Das Interview dient dazu mit standardisierten Fragen das Trainerwissen zu erfassen.

Wie schon beschrieben ist, wurden explorative und fokussierte Fragestellungen konstruiert,

um einerseits die Freiheit aus eigener Erfahrung zu erzählen und andererseits

die gezielte Hinterfragung relevanter Themen der Trainingsentwicklungsanalyse

im Shotokan-Karate sicherzustellen und den Rahmen der Untersuchung nicht zu verlassen.

Es wurden verschiedene Bereiche abgetastet, wie zum Beispiel Trainingsziele,

Trainingsinhalt, Trainingsmethoden und die Umsetzung traditioneller Werte im

Training. Es war also ein Anliegen praktische Erfahrungen und Kenntnisse der Trainer

zu sammeln. Weiterhin wurde der Werdegang der Interviewpartner als Sportler

und Trainer erfragt, um die persönlichen Erfahrungen besser nachvollziehen zu können.

Die persönlichen Meinungen der Trainer, ihre Vorgehensweisen, die Art und

Weise ihres Trainings, der Wissenserwerb, die Beispielangaben zu bestimmten Bereichen

u.a. waren wesentliche Kerninhalte der Interviews. Beim Verfahren des Interviewens

musste beachtet werden, dass die Reihenfolge der Fragen nicht festgelegt

werden kann, um die Freiheit der Antworten zuzulassen. Manchmal hat sich die Reihenfolge

der Fragen von selbst ergeben und manchmal mussten die Fragen in ihrer

Anordnung verändert werden, da sich der Zusammenhang im Gespräch neu ergeben

hat. Ja/nein-Antworten wurden vermieden, da es sich nicht um ein Reproduzieren

des Wissens des Fragenden handelte, sondern um ein Hinterfragen des Trainerwissens.

Zu jeder Zeit wurde der „reflexiv-narrative Charakter des Gesprächs“ gewährleistet

(vgl. Roth (Hrsg.) 1996, S.37). Die Interviews wurden im Zeitraum von Februar

bis April 2004 durchgeführt. Sie fanden entweder in den Büros der Befragten, in

Turnhallen oder in Privatwohnungen statt. Im Nachfolgenden wird das Interviewkonzept

dargestellt:

1) Einleitung

� Erzähle ruhig alles ausführlich und alles was Dir zu den Fragen einfällt.

� Lass Dir Zeit zum Überlegen, denn alles was Dir einfällt ist mir wichtig.

2) Persönliches

� Wie sieht Dein Werdegang als Sportler aus? (welche Sportarten, wann, wo, wie,

warum, bei wem begonnen*)

� Wie sieht Dein Werdegang als Trainer aus? (Lizenzen / haupt- oder ehrenamtlich,

Geschlecht der Athleten*)

� Was sind Deine größten Erfolge als Sportler / Trainer?

� Was sind Deine aktuellen Aufgabenfelder?

� Welche Leistungsklasse(n) trainierst Du?

3) Wie würdest Du das Trainingsziel Deiner Gruppe(n) definieren? (Anhand des

Trainingsziels kann definiert werden, ob der traditionelle Gedanke des ursprünglichen

Karate oder ob der moderne Gedanke des Sportkarate als Grundidee des Trainings

gilt.*)

4) Was sind Deine Trainingsinhalte? Auf welche legst Du besonders Wert? (Kata,

Bunkai, Kihon, Kumite*)

5) Zu welchen Anteilen sind bei Dir die Trainingsinhalte im gesamten Jahr enthalten?

6) Wie gehen gewöhnlich Deine Trainingsvorbereitungen von statten?

59


7) Woher nimmst Du Dein Wissen über Karate und den Elementen Kihon, Kata und

Kumite?

8) Gibt es für Dich bei der Gestaltung von Übungsbedingungen eine eigene Systematik,

ein bestimmtes Prinzip oder so etwas wie eine Grundidee, an der/dem Du

Dich bei Deinem Training orientierst? Nenne Übungsbeispiele.

9) Verwendest Du Trainingsmittel? (Wenn ja welche Trainingsmittel in welchen Situationen?*)

10) Arbeitest du mit Sollwertvorgaben? (Wenn ja wie sehen diese aus und wie setzt

du sie mit dem Istwert in Beziehung?*)

11) Wie vermittelst Du das Technikleitbild? Wie sehen Deine Korrekturen aus?

12) Wie sieht allgemein bei Dir eine karatespezifische Trainingseinheit aus?

13) Unterrichtest Du Kata, Kihon, Kumite, Bunkai getrennt oder immer zusammen

oder einiges davon zusammen?

(Wenn gesondert Kata, Kihon und Kumite trainiert wird frage ich weiter mit Nr. 14,

15, 16. Wenn nicht weiter mit Nr.17*)

14) Wie sieht bei Dir eine Trainingseinheit Kihon aus? (Unterschiede Anfänger /

Fortgeschrittene*)

15) Wie sieht bei Dir eine Trainingseinheit Kata aus? (Unterschiede Anfänger / Fortgeschrittene*)

16) Wie sieht bei Dir eine Trainingseinheit Kumite aus? (Unterschiede Anfänger /

Fortgeschrittene*)

17) Welche Inhalte mischt Du bzw. trainierst du zusammen? Wie sieht dabei die jeweilige

Trainingseinheit genau aus? Gibt es bei Dir Unterschiede bei Anfängern /

Fortgeschrittenen? Wenn ja welche?

18) Welche Trainingsmethoden benutzt Du?

19) Was hältst Du von Abhärtungsübungen, sind sie in Dein Training integriert?

(Welche Übungen, wie oft und in welchem Umfang*)

20) Kennst Du die Geschichte des Karate? Wenn ja erzähle sie.

21) Kennst Du die Philosophie des Karate? Wenn ja wie sieht sie aus?

22) Ist die Philosophie auf Asien beschränkt und hier überhaupt aktuell? Hat sie sich

verändert, sollte sie sich verändern oder sollte man sie dem Westen anpassen?

Wie stehst du dazu?

60


23) Gibt es Deiner Meinung nach Traditionen im Karate? Wenn ja welche und sind

diese Traditionen noch lebendig oder aktuell?

24) Sind Deiner Meinung nach Tradition und Philosophie überhaupt notwendig?

Wenn ja oder nein warum ja; warum nein?

25) Finden Philosophie und Traditionen in Deinem Training einen Patz? Wenn ja wo

und wie setzt Du sie um? Bringst Du sie den Schülern nahe?

26) Was gibt Dir Karate?

27) Siehst Du Änderungstendenzen im Karatetraining? Wenn ja wo und wie sehen

diese aus?

28) Kannst Du zum Schluss den Kern Deines Trainings kurz zusammenfassen?

* Die mit „*“ gekennzeichneten Klammern stellen Hinweise für den Interviewer dar.

Anhand der Konstruktion der Fragen ist erkennbar, dass sie in keinem festen Verlauf

hintereinander „abgefragt“ werden müssen. Sie ergeben sich, in ihrer Reihenfolge,

von selbst aus dem Gespräch heraus. Allen Trainern wurden diese Fragen gestellt.

An manchen Stellen war es nötig ergänzende Fragen hinzuzufügen, die sich im Verlaufe

des Interviews ergaben und auf Grund der Möglichkeit von sofortigem Feedback

klärenden Charakter trugen.

Im folgenden Abschnitt folgen nun die Aussagen in zusammengefasster Form der

befragten Trainer, man kann dies als „Gedächtnisprotokolle des Interviewers“ (vgl.

Roth (Hrsg.) 1996, S.40) bezeichnen.

4.2) Gedächtnisprotokolle des Interviewers

Die nun folgenden Gedächtnisprotokolle fassen die Aussagen der befragten Trainer

zusammen, bilden ihre Philosophien ab und zeigen somit ihre individuellen Portraits

bezüglich des Shotokan-Karate. Die Reihenfolge richtet sich nach der Befragungsfolge

der Trainer. Zuerst werden hierbei die Gedächtnisprotokolle der Trainer des

DKV (Deutscher-Karate-Verband e.V.) aufgelistet, denen die Erstellung der Gedächtnisprotokolle

der Instruktoren des SRD (Shotokan-Ryu-in-Deutschland e.V.)

folgt. Dabei muss an dieser Stelle darauf aufmerksam gemacht werden, dass der

DKV die Versportlichung des klassischen Karate verfolgt und der SRD das klassische

Karate verbreitet. Diese Differenzierung ist eine wesentliche Entwicklungsstufe

im Shotokan-Karate, die an späterer Stelle genauer herausgestellt wird.

Die Geschlechts- und Altersverteilung der Übenden sind in allen Gesprächen gleichermaßen

herausgestellt worden. Die prozentuale Verteilung der Geschlechter ist

etwa 70% - 80% männliche und 20% - 30% weibliche Karatekas. Bei den Kindern ist

das Verhältnis ungefähr gleichverteilt, zu 50% weibliche und zu 50% männliche Karatekas.

Das Alter reicht von 5 bis über 60 Jahren und kaum zu mitteln. Jedoch wurde

in den Leistungsklassen, der Trainer des DKV, das Alter von ca. 16 bis 19 Jahren

festgestellt. Die Breitensportgruppen ordnen sich alle in die oben genannten durchschnittlichen

Werte ein.

61


4.2.1) Gedächtnisprotokoll – Ralph Masella

Ralph Masella ist der Präsident der Karate-Union M/V, der

Hauptgeschäftsstelle des DKV in Mecklenburg/Vorpommern,

in Rostock. Mit 28 Jahren fing er Shotokan-Karate an. Zuvor

trainierte er als Kind, bis er zehn Jahre alt war Fußball,

danach 10 Jahre lang den Leistungssport Rudern. Mit dem

Karatesport begann R. Masella, weil es zu DDR-Zeiten

verboten war: „denn alles was verboten war, war interessant“,

wie er sagte. Gleichzeitig faszinierte ihn damals die Mystik der

asiatischen Kampfkunst Karate. Seit 1988 betreibt er Vereins-

sport – Karate, wobei die Vereine anfangs unter anderen Namen getarnt wurden, auf

Grund politischer Verfolgung. Deshalb trainierte Ralph Masella heimlich, im Verborgenen.

Sie übten mit Algeriern und bekamen Unterstützung aus Polen. Es wurde

nach traditionellen Methoden geübt. Die Methode der tausenden Wiederholungen

war die einzige Konditionierungsmethode. Das Hauptaugenmerk lag auf Kihon und

Kata, aber auch im geringen Maße auf Kumite. Schlagpolsterübungen und viele Liegestütze

stärkten den Körper und härteten verschiedene Körperteile ab, wie zum

Beispiel die Knöchel der Faust. „Das Training war damals viel härter, die Einstellung

zum Sport war auch eine ganz andere…“, sagte Ralph Masella, „…aber die Gesundheit

bekam kaum Beachtung.“ Das Training fand in Kellern oder Gärten und weniger

in Turnhallen statt. Da im August 1989 Karate offiziell erlaubt wurde, konnten nun

Hallenzeiten beantragt werden. Ralph Masella übernahm selbst sehr schnell ein

Traineramt, da in den neuen Bundesländern großer Mangel an Karate-Lehrern bestand.

Er ist heute ehrenamtlicher Trainer mit der B-Lizenz. Seine größten Erfolge als

Sportler waren der 3. Platz (Kumite) bei der ersten und letzten DDR-Meisterschaft

(1990) und die Organisation des Fünf-Länder-Turniers, bei dem er außerdem den 2.

Platz in seiner Gewichtsklasse (Kumite) belegte. Des Weiteren nahm er ohne Erfolge

an Turnieren in Polen teil. Als Trainer nennt er als Erfolge die Ausbildung sehr vieler

Karatekas (weit über 1000), zwei Bronzemedaillen bei den Deutschen Meisterschaften

und die Abnahme tausender Gürtelprüfungen im Kyu-Bereich. Seine aktuellen

Aufgabenfelder im Verein sind Organisation und Verwaltung, Finanzgeschichten,

Wettkampf- und Trainingsplanung, Einteilung der Trainer und Trainingsgruppen, eigenes

Training (dreimal pro Woche) und gleichzeitig Präsident der Karate-Union MV.

Seine Trainingsgruppe bezeichnet er als gehobenen Breitensport. Außerdem hat er

eine spezielle Wettkampfgruppe. Das Trainingsziel ist der Wettkampf und sind hierbei

im Speziellen die Landes- und deutschen Meisterschaften. Einer seiner Sportler

in der Wettkampfgruppe ist Bundeskader, für den er das Ziel einer Medaille bei der

DM steckt, mit der Weiterqualifizierung zu den Europa- und Weltmeisterschaften.

Die Trainingsinhalte sind Vorbereitungen auf regelmäßige Gürtelprüfungen, Selbstverteidigung

und Wettkampfkumite. Das Wettkampfkumite ist der Hauptschwerpunkt

des Trainings. Die Verteilung der Trainingsinhalte im Jahr ist durchschnittlich auf

80% Kumite, 10% Prüfung und 10% Selbstverteidigung gewichtet.

Seine Trainingsvorbereitungen beinhalten die Erstellung eines Rahmentrainingsplanes,

wobei er die Erfahrungen der Bundestrainer einbaut. Dieser Plan sieht das

Grundlagentraining an erster Position vor und wird bis zum Grenzerfahrungstraining

weiterentwickelt. Der Kern, der Vorbereitungen des Trainings, beinhaltet hauptsächlich

„wettkampfspezifische Dinge“. Die Rahmentrainingskonzeption ist auf zwei Höhepunkte

ausgerichtet, das sind meistens die Landes- und deutschen Meisterschaften.

Der Trainingsplan wird im Jahr konsequent verfolgt und kaum verändert. Sein

Wissen erhält er zum einen von den Bundestrainern, zum anderen aus seinen eige-

62

Ralph Masella (rechts) bei

Fehlerkorrekturen nach einer

Prüfung


nen Erfahrungen, die er über viele Jahre gesammelt hat und schließlich aus seinen

Beobachtungen bei Wettkämpfen. Dabei ist ihm aufgefallen, dass sich Karate von einer

eher statischen zu einer dynamischen, viel bewegteren und taktischen Sportart

entwickelt hat. Dabei beobachtete er weiter, dass es große Schwierigkeiten in der

Umsetzung wettkampfspezifischer Bewegungsmuster, Taktiken und Beinarbeit gibt.

Doch es ist wichtig, gerade diese Elemente zu entwickeln, da „die Technik nur ein

Abfallprodukt dessen ist, was die Beine vorher vorbereitet haben“, sagte Ralph Masella.

Dem Erlernen der wettkampfspezifischen Fähigkeiten legt er das didaktische

Prinzip „vom Einfachen zum Schweren“ zu Grunde. Hier stehen die Schulung der

koordinativen Fähigkeiten und das Techniktraining im Vordergrund. Hinzu kommt die

Steigerung der Geschwindigkeit, die Schulung des Kampfschreies (Kiai) und der

Körperspannung (Kime). Dazwischen liegt die Ausbildung der Ausdauer- und der

Kraftkomponenten. Für die Entwicklung der Beintechniken sind außerdem das Beweglichkeitstraining

bedeutsam sowie die Steigerung der Haltefähigkeit der Skelettmuskulatur.

Hierfür werden Übungen mit und ohne Trainingsmitteln ausgewählt.

Hauptsächlich wird mit dem eigenen Körper trainiert, wie zum Beispiel durch Liegestütze

zur Kraftentwicklung und Stärkung der Handgelenke, wenn sie auf der Faust

ausgeführt werden. Der Einsatz von Medizinbällen dient dem Schnellkrafttraining,

Pratzen dienen dem Reaktionstraining, Stangenklettern der Entwicklung der Armkraft,

Slalom um Stangen für die Bewegungskoordination, Springseile dem Ausdauertraining

und Matten der Entwicklung der Fähigkeit richtig, unter Minimierung der

Verletzungsgefahr, fallen zu können.

Im Training arbeitet R. Masella mit Sollwertvorgaben im Technikbereich. Dabei steht

das Technikleitbild mit den Idealvorstellungen im Vordergrund. Das ist jedoch, nach

R. Masella, ein „Phantasieprodukt, da es nur im Kopf existiert“. Diese Sollwertvorgaben

werden durch seine Erfahrungen, durch Orientierung an den Besten, durch Videoanalysen

und Zeigen von Lehrvideos und aufgenommenen Wettkämpfen mit dem

Ist-Wert der Sportler verglichen. Er vermittelt das Technikleitbild durch vormachen,

durch Animation zur Beobachtung anderer Sportler und Orientierung an Bundestrainern.

Die Korrekturen bei Fehlern in der Ausführung von Techniken sind nach R.

Masella, „sagen und begründen“. Er erklärt dazu biomechanische Prinzipien der

Techniken und deren Effektivität durch Kraftentwicklung.

Die Trainingseinheiten werden zur Entwicklung der spezifischen Wettkampffähigkeit

wie folgt zusammengesetzt:

� Kata, Kihon und Bunkai werden zusammen trainiert, das dient als Prüfungsvorbereitung

und stellt nicht den Großteil des Trainings dar.

� Kumite wird gesondert trainiert.

Eine Trainingseinheit im Allgemeinen beginnt mit der Erwärmung, leichter Dehnung

und dem 2. Teil der Erwärmung, wobei spezifische Inhalte des Hauptteils in grober

Form eingebaut werden. Es folgt der erste Hauptteil, mit langsamen Bewegungen zur

Technikoptimierung, mit einem Zwischenteil Dehnung. Dann kommt der zweite

Hauptteil mit starken Techniken, dem schließen sich das Cool-down mit leichten Bewegungen

und die Abschlussdehnung an. Jedes Training setzt sich so zusammen.

Die Inhalte sind jedoch abhängig von der Phase, in der man sich im Jahresplan befindet.

Reaktionstraining wird zum Beispiel am Anfang der Trainingseinheiten durchgeführt,

zu dem Zeitpunkt, in dem sie sich in die Jahresplanung einfügt. Da für R.

Masella Kumite das Wichtigste im Training ist, beschreibt er Kata als Technikerwerbesmethode.

Sie ist für den Wettkampf gut und dient dazu den Körper zu trainieren.

Bunkai ist keine „für mich wichtige Geschichte“, sagte er, „es erklärt den Zuschauern,

was die Karatekas vorführen.“ (Anmerkung des Autors: Wenn Kata beim Wettkampf

vorgeführt wird, muss sie danach in Kumite-Form gegen Gegner demonstriert wer-

63


den.) Jedoch sind die vorgeführten Techniken in der Selbstverteidigung gegen Gegner

wenig wirksam. „Kata ist schön und ästhetisch und nur für die Demonstration der

Techniken entwickelt“, betonte R. Masella.

Abhärtungsübungen sind nicht Bestandteil des Trainings, da die Verletzungsgefahr

zu groß ist. Das ist besonders in der Wettkampfphase zu vermeiden. Außerdem ist

nicht nur eine harte Technik, wobei hart abgehärtete Faustknöchel bedeutet, sondern

auch eine schnelle Technik wirksam. R. Masella trainiert deshalb Schnelligkeit und

nicht Abhärtung am Makiwara (Schlagpolster). Zum Schnelligkeitstraining nutzt er

Medizinbälle, Pratzen, Matten, Bänke und Sprints.

Als die Geschichte des Karate hinterfragt wurde kamen zu den Ursprüngen keine

konkreten Aussagen. Das Wissen über die Entwicklung des modernen Sport-Karate

war jedoch umfangreich.

Die Fragen zur Philosophie und Tradition, im Vergleich zur Moderne, wurden gegengefragt:

„Wo fängt Tradition an und was ist Tradition?“ Seiner Meinung nach kämpfen

traditionelle Ansichten und moderne sportliche Ansichten gegeneinander. Die positiven

Seiten der Entwicklung sind die Veränderungen des Shotokan-Karate zum Gesundheitssport

sowie das Einbeziehen der sportmotorischen und biomechanischen

Erkenntnisse in den Trainingsprozess. Probleme des klassischen Karate sind oft im

physiologisch Bereich zu finden, wie zum Beispiel mit den Knien und Gelenken, der

Wirbelsäule und/oder der Hüfte. Aber Traditionen und Philosophie sind im Sportkarate

wichtig. Man darf die Wurzeln und den ursprünglichen Gedanken des Shotokan-

Karate nicht vergessen. Heute zählen Fairness miteinander, Etikette, Kleidung (weißer

Karate-gi), das Gürtelsystem mit den Kyu- und Dan-Graden, die Verbeugungen,

das Prüfungssystem und die Hierarchie.

Karate hat R. Masella persönlich sehr viel gegeben. Es entwickelten sich sein Körper

und sein Geist in eine positive Richtung. Die Fähigkeit zur Selbstverteidigung steigerte

sein Selbstvertrauen und gab ihm innere Stärke. „Es ist eine Fähigkeit die andere

nicht haben.“ Gleichzeitig entwickelten sich seine sozialen Kompetenzen, besonders

im Umgang mit anderen Menschen. Karate bietet ihm eine ständige Weiterentwicklung.

Er sucht die Auseinandersetzung mit der Jugend, um ihnen zu helfen und ihnen

etwas von seiner Erfahrung zu geben. Außerdem haben sich Freundschaften durch

Karate entwickelt, besonders zwischen Ost- und West-Deutschland.

Veränderungen im Karate sieht Ralph Masella im Wettkampfbereich. Die Wettkämpfe

und Karatekas sind auf nationaler und internationaler Ebene viel schneller und dynamischer

geworden. Das Trainingssystem im Sportkarate hat sich immer mehr spezialisiert

und ausdifferenziert, vor allem in der Trennung von Kumite- und Kata-

Training. Die Trainingsmethoden haben sich stark verändert. Das Motto „viel hilft viel“

ist nicht mehr aktuell. Die Methoden werden spezifisch nach den Trainingsinhalten

ausgewählt. Doch im „Kumite-Training wird mit der Dauermethode und vielen Wiederholungen

gearbeitet“, so Ralph Masella.

Letztendlich ist der Kern des Trainings R. Masellas die Jugend zur Leistung im Sport

zu entwickeln, Kinder und Jugendliche zur physischen Leistung zu bringen (was er

als zukünftige Hauptaufgabe kommender Generationen sieht) und die Entwicklung

des Wettkampfkarates voranzubringen. Das sind zusammengefasst die Aussagen

Ralph Masellas.

64


4.2.2) Gedächtnisprotokoll – Jörg Waterstradt

Jörg Waterstradt war, zum Zeitpunkt des Interviews, Landestrainer

für Kata in Mecklenburg/Vorpommern. Er ist Trainer-A des

Deutschen Karate Verbandes und Träger des 3. Dan.

Als Kind begann J. Waterstradt mit dem Leichtathletiktraining im

Bereich Crosslauf und Mittelstrecken. In seiner Lehre bekam er

zum ersten Mal Kontakt mit dem Karate, als verbotene Sportart in

der DDR. In seiner Armeezeit lernte er militärischen Nahkampf

und konnte Karatebücher aus der damaligen BRD kurze Zeit einsehen.

Diese Bücher waren von Albrecht Pflüger, die auch heute noch zu den

Standartwerken im Shotokan-Karate zählen. Er traf heimlich einen sowjetischen Studenten

in Greifswald und trainierte mit ihm und anderen Interessierten, getarnt als

Kraftsportverein. Außerdem stand er in diesen Zeiten mit dem ungarischen Nationaltrainer

in Kontakt, den sie zwei bis drei Mal im Jahr besuchten, um seine Unterweisung

zu suchen. Von ihm lernten sie das Meiste ihres Könnens. Mit der Wende legte

er seinen 1. Dan ab, wozu er ca. 10 Jahre trainierte. J. Waterstradt gründete sein eigens

Dojo (Übungsort) in Greifswald und entwickelte die Kontakte zum Deutschen

Karate Verband so weit, dass dort der Landesleistungsstützpunkt für Karate, mit der

Spezialisierung auf Kata entstand. Das Training zu Zeiten der DDR musste heimlich

stattfinden, wie schon unter 4.2.1 erklärt. Der Hauptschwerpunkt war das Kihon-

Training. Die Grundtechniken wurden tausende Male wiederholt und machten 50%

der gesamten Trainingseinheit aus. „Die Umfänge sind heute nicht mehr zumutbar“,

wie es J. Waterstradt formulierte. Trainiert wurde im Wald, auf Wiesen oder in Räumen,

die getarnt als Kraftsport beantragt wurden. Nach der Wende begann seine Karate-Karriere.

Er war mehrfacher Landesmeister in der Kategorie Kata, hatte internationale

Erfolge, darunter auch erste Plätze bei ungarischen Turnieren und stand im

Halbfinale der Deutschen Meisterschaften. Als Trainer weißt er eine Dominanz im

Bereich Kata in Mecklenburg/Vorpommern auf und einen Europameistertitel in einem

anderen Karate-Verband. Seine aktuellen Aufgabenfelder sind Vorsitzender, Trainer,

Vizepräsident der Karate-Union Mecklenburg/Vorpommern, Landestrainer Kata und

verschiedene Sportbundaktivitäten.

J. Waterstradt unterrichtet zwei Kindergruppen, Anfänger, Fortgeschrittene, Senioren

und im Speziellen die Leistungs- und Wettkampfgruppe. Das Trainingsziel der Leistungsgruppe

ist der Wettkampf im Bereich Kata. Es gibt die beiden Leistungsgruppen

für Kata oder Kumite. Die spezifischen Trainingsinhalte aller Gruppen sind Kihon, Kata

und Kumite. Sie sind prozentual jeweils zu 25% Kihon, 50% Kata und 25% Kumite

auf das Jahr, im Durchschnitt verteilt. Dazu erstellt J. Waterstradt einen Trainingsplan,

der nach Wettkämpfen ausgerichtet ist. An diesen Plan kann er sich aber nur

schwer halten. Sein Wissen bezog er aus eigenem Training, eigenen Erfahrungen,

Büchern, Lehrgängen bei verschiedenen Lehrern des Shotokan-Karate, den Jahresplänen

der Nationaltrainer und aus eigenen Ableitungen verschiedener anderer

Sportarten.

Das Training in seiner Leistungsgruppe besteht aus Kataübungen. Es werden alle 27

Shotokan-Katas im Jahr trainiert. Seine Vorgehensweise im Training sieht zuerst die

Zerlegung der Kata in Einzelelemente vor, die dann als Kihon (Grundtechniken) geübt

werden. Das betrachtet er als ein Grobtraining, dem das Feintraining folgt. Sein

wichtigstes didaktisches Prinzip ist dabei vom Kleinen zum Großen, d. h. erst die

Grundtechnik, dann die zusammengesetzten Grundtechniken als Kata üben. Es wird

auch unter erschwerten Bedingungen geübt, wie zum Beispiel durch das Antreten

vor allen Anderen und Vorführen der Kata. Es werden auch Zeitdruck und Orientie-

65


ungsveränderungen erzeugt. Das beschreibt J. Waterstradt als seine eigene Systematik.

Korrekturen erfolgen über Beobachtungen im Spiegel und durch Videoanalysen.

Die durchschnittliche Trainingseinheit Kata für die Leistungsgruppe beträgt 1,5

Stunden. Davon sind ca. 20 Minuten Erwärmung, mit kleinen Spielen, ausführlicher

Dehnung und Partnerübungen. Der Erwärmung folgen Kata-Abschnitte in Grundtechnikform,

die je nach Trainingsplan segmentiert und aus der zu übenden Kata herausgenommen

sind. Danach werden die Segmente zusammengesetzt und die komplette

Kata geübt. Weiterhin setzt er das Üben ähnliche Katas an, um die speziellen

Fähigkeiten und Fertigkeiten variabel zu trainieren. „In den letzten 10 Minuten werden

Konditionierungsübungen ausgeführt, wie Liegestütze, Klappmesser, u.a., um alle

auszupowern, damit sie geschafft aus dem Training gehen“, wie es J. Waterstradt

formulierte. Es wird auch Bunkai trainiert, als Transformierung der standardisierten

Kata in Selbstverteidigungsform. Bunkai ist im Wettkampfbereich eine neue Komponente

und stellt damit einen neuen Pflichtteil im Training dar. Hierbei gibt es Freiheiten

für die Karateschüler, denn jeder Karateka kann sein eigenes Bunkai entwickeln.

Dabei achtet J. Waterstradt darauf, dass der ursprüngliche Gedanke des Karate: „mit

einem Schlag töten“, erkennbar ist und damit die Selbstverteidigungsinhalte der Kata

herausgestellt werden.

Eine Kategorie im Wettkampfbereich Kata ist die Mannschaftskata. Es laufen drei

Karatekas synchron eine ausgewählte Kata. Die Synchronität wird durch anzählen

der Techniken erzielt und durch Beobachtungen im Spiegel, während der Ausführung

der Kata, verbessert. Er setzt auch ab und zu Musik ein, um einen speziellen Rhythmus

zu trainieren.

Kumite-Training grenzt sich vom Selbstverteidigungstraining ab, denn auf der Strasse

gibt es keine standardisierten Bedingungen wie im Karate-Kumite. Das Wettkampfkumite

wird ebenfalls gesondert trainiert. Wenn in einer Trainingseinheit Kumite

das Hauptthema ist, wird in den letzten 10 Minuten Freikampf geübt, sonst baut

sich das Training wie Kata-Training auf. Allgemein werden im Training Medizinbälle,

der Sandsack, Gummibänder, der Gürtel und Pratzen eingesetzt, jedoch hauptsächlich

mit dem eigenen Körpergewicht trainiert, um Reaktion, Schnelligkeit und Kraft

auszubilden.

J. Waterstradt arbeitet mit Sollwertvorgaben. Diese bezieht er auf die Ausführung der

Techniken in den Katas und ihrer Rhythmen. Diese werden durch Anzählen der

Techniken und Spiegelbeobachtungen und Videoanalysen realisiert und mit dem Istwert

in Verbindung gebracht. Das Technikleitbild vermittelt er dabei durch Vorzeigen

und Zerlegen der Technik in Einzel- und Zwischenschritte. Korrekturen nimmt er

durch Erklären vor.

Wenn Gürtelprüfungen der Karatekas anstehen wird der Rahmentrainingsplan komplett

verlassen. Das Wettkampftraining, also der Trainingsplan mit spezifischer Ausrichtung

auf Wettkämpfe, wird dazu unterbrochen und vollkommen umgestellt. Das

Trainingsprogramm wird nach den spezifischen Inhalten der Prüfungsordnung ausgerichtet.

Nach der Prüfung wird wieder das wettkampfspezifische Training aufgenommen.

Abhärtungsübungen werden zur Konditionierung der Karatekas eingesetzt. Dabei

handelt es sich um Übungen wie Schläge mit der Faust auf den Bauch des Partners,

Liegestütze auf der Faust, Stöcke über verschiedene Knochen rollen, hartes Arbeiten

am Mann, durch z. B. Fallenlassen von Medizinbällen auf die Bauchmuskeln und

Sandsackübungen. Es werden eher weniger Schläge am Makiwara geübt, wenn überhaupt.

Über die Geschichte des Karate wusste J. Waterstradt, dass Karate übersetzt leere

Hand bedeutet, aus Okinawa kommt und von Funakoshi Gichin verbreitet wurde.

66


Sonst gab es keine weiteren Angaben bezüglich der Wurzeln, des Ursprungs und der

geschichtlichen Hintergründe des Shotokan-Karate.

Philosophisch und traditionell betrachtet er Karate als Körper- und Geistesschule, als

Hilfe zur Überwindung des Egos, zur Stärkung des „Inneren“ und als Selbstverteidigungsmöglichkeit.

Sein Motto ist, dass Karate der Verteidigung dient und nicht dem

Angriff. Er nimmt Abstand vom Wettkampfkumite, da es keine reale Basis für eine

Selbstverteidigungssituation bietet. Die Kata ist das eigentliche Schlüsselelement,

um hinter die Selbstverteidigungsprinzipien des Shotokan-Karate zu gelangen.

Er findet, dass Philosophie und Tradition einen immer noch wichtigen Teil des Karate

ausmachen, da man sich selbst kennenlernen kann, ohne anderen zeigen zu müssen,

was man tatsächlich kann. Durch Karate hat J. Waterstradt, nach eigenen Angaben,

große innere Gelassenheit gefunden.

Seinen Beobachtungen nach wird Karate immer wettkampforientierter und ändert

danach seine Trainingsmethoden und Trainingsprinzipien. Heute wird weicher und

weniger trainiert, ohne die dazugehörige Härte und Überwindung von Schmerzen. Es

wird viel weniger Grundschule und Selbstverteidigung geübt und weniger mit Härte

am Mann gearbeitet.

Der Kern seines Trainings ist es Persönlichkeiten zu entwickeln, besonders im Kinder-

und Jugendbereich. Er möchte ihnen eine Freizeitbeschäftigung geben, wobei

sie gleichzeitig den Körper und den Geist trainieren. Außerdem entwickelt sich dadurch

eine Gemeinschaft und Freundschaften werden gefördert. Kinder von der Straße

zu holen und sie mit Karate zu guten Menschen zu erziehen ist der große Kern

seines Trainings.

Das sind die zusammengefassten Aussagen von Jörg Waterstradt.

4.2.3) Gedächtnisprotokoll – Dirk Wedel

Dirk Wedel ist Instruktor im SRD und Trainer im Karate-Do Demmin

e.V.

Instruktor ist eine spezielle Trainerbezeichnung, die mit einer

dreijährigen Ausbildung erworben werden kann. Es ist eine

Trainerklasse, deshalb werden die Begriffe Trainer und Instruktor,

für die Instruktoren des SRD, als Synonyme verwendet.

Er war zum Zeitpunkt des Interviews Träger des 2. Dan, hat aber

kurz danach die Prüfung zum 3. Dan bestanden. Zu DDR-Zeiten

hat er fünf Jahre lang, fünf mal in der Woche gerungen (von der

1. bis zur 5. Klasse). Als er 1983 zur nationalen Volksarmee musste, hatte er die ersten

Kontakte zum Karate. Nach der Armeezeit hat er vier Jahre nichts gemacht, doch

1989 trat er über Arbeitskollegen einem Selbstverteidigungsverein bei. Richtige Trainer

gab es jedoch nicht, deshalb wurde D. Wedel schon als Gelbgurt Übungsleiter.

(Anmerkung des Autors: Gelbgurt ist der erste farbige Gürtel im Shotokan-Karate,

der die erste Stufe des Anfängers charakterisiert, wobei die Technik erst in der Grobform

erlernt wurde.) Zu Spitzenzeiten unterrichtete er ca. 100 Sportler. 1993 wurde er

Übungsleiter Breitensport, 1995 Fachübungsleiter-C im DKV und 2004 Instruktor des

SRD. Der Lizenzerwerb zeigt an, dass der Verband gewechselt wurde. Zuerst war

Dirk Wedel Mitglied im DKV, nun ist er Mitglied und Instruktor im SRD. Die Prüfung

zum ersten Dan legte er nach 10 Jahren intensiven Trainings ab.

D. Wedel ist ehrenamtlicher Trainer und unterrichtet Kinder (Durchschnittsalter: 11

Jahre) im Anfängerbereich und Erwachsene (Durchschnittsalter: 38 Jahre). Er selbst

nahm an verschiedenen Wettkämpfen teil, wie dem Prora-Cup und anderen Mannschaftswettkämpfen.

Seine aktuellen Aufgabenfelder sind Vereinsvorsitzender und

67


Trainer des Karate-Do Demmin e. V. Er trainiert keine Leistungssportgruppen sondern

Breitensportler. Seine Aufgabe sieht er darin Karate in den Grundlagen zu vermitteln.

Das Trainingsziel seiner Gruppen sieht er folgendermaßen:

„So wie die Gruppe jetzt besteht, soll sie weiter voranschreiten, keiner soll rausfallen.

Sie sollen den 1. Dan erreichen und dem Karate treu bleiben.“

Die Trainingsinhalte setzen sich aus Kata, Kihon und Kumite (Selbstverteidigung ist

ein Teil des Kumite, wird deshalb nicht gesondert trainiert) zusammen, wobei er versucht

sie zu gleichen Anteilen im Jahr zu verteilen. Seiner Meinung nach ist das eine

Idealvorstellung, die nie ganz realisiert werden kann, auf Grund der individuellen Unterschiede

der Trainierenden in seinen Gruppen und mancher nicht vorhersehbarer

Situationen, die die Trainingsplanung beeinflussen. Die Inhalte betrachtet D. Wedel

als eine Einheit, die nicht getrennt werden dürfen. Deshalb soll nichts davon bevorzugt

trainiert werden. Diese Einheit bildet sich auch in den Mischtrainingsformen,

wobei Kihon und Kata zusammen trainiert werden können, sowie Kata und Kumite.

Seine Trainingseinheiten sehen im Allgemeinen folgendermaßen aus:

• Erwärmung mit allgemeiner Mobilisierung und leichter Vordehnung,

• Wiederholungsphase der vorherigen Trainingseinheit mit Korrekturen,

• Hauptthema (macht ca. 80% der Trainingseinheit aus),

• Kraftteil und

• Abdehnen.

Seine Trainingsvorbereitungen richten sich nach den Schwächen der Schüler und

werden von Trainingseinheit zu Trainingseinheit gestaltet.

Er benutzt oft die Dauermethode für das Karate-Training, aber psychoregulative

Maßnahmen sind auch Bestandteil seiner Methodik. Ängstliche werden mit Erfahrenen

zusammengebracht, besonders wenn das Thema Kumite ist. Wenn starke Ängste

bei Kindern auftreten übt er sogar selbst mit ihnen. Das Training baut er zielgerecht

nach dem Kyu-Prüfungssystem des SRD auf, was D. Wedel als seine eigene

Systematik beschreibt.

Sein Wissen hat er hauptsächlich aus den Instruktorkursen, aber auch aus Lehrgängen

mit verschiedenen japanischen und anderen Meistern.

Im Training setzt er verschiedene Hilfsmittel ein, beispielsweise Gürtel, Gummibänder

und Röntgenfolien. Röntgenfolien scheinen etwas merkwürdig, doch er benutzt

sie für Fauststöße. Die Kinder lernen dabei das sofortige Zurückziehen der Faust und

das richtige An- und Entspannen der Muskulatur. Der Schlag auf die Röntgenfolie

gibt einen lauten Knall, der ein Signal für die eben beschriebenen Komponenten ist.

Der Einsatz der Trainingsmittel ist altersbedingt.

In seinem Training gibt es Sollwertvorgaben, speziell bei den Grundtechniken und

den Katas. Die Sollwertvorgaben richten sich nach dem Technikleitbild, das er erklärt,

dann zeigt, die Phasen der jeweiligen Technik zergliedert. Dann wird aus dem

Stand, aus einer spezifischen Karatestellung und schließlich aus der Bewegung geübt.

Das didaktische Prinzip dafür benennt er mit: „vom Kleinen zum Großen“. Den

Sollwert bringt er durch seine Erfahrung, Erklärungen und durch nochmaliges demonstrieren

mit dem Istwert in Verbindung.

Abhärtungsübungen dürfen ab dem 1. Dan ausgeführt werden, wie zum Beispiel das

Makiwara-Training. Kindern und Jugendlichen ist es nicht erlaubt, da die Knochen

und Gelenke noch nicht vollständig ausgebildet sind. Deshalb dürfen sie auch keine

Liegestütze auf der Faust ausführen. Das Üben am Makiwara wird jedoch weniger

als Abhärtungstraining, sondern mehr als Technikperfektionierungs- und Muskelkontraktionstraining

betrachtet.

68


Die Aussagen zur Geschichte des Karate umfassten die Entwicklung auf Okinawa

und die darauffolgende Verbreitung. Die letztendliche Kernaussage zur geschichtlichen

Entwicklung war, dass Karate zu kommerziell wird und die japanischen Trainer

für einen Lehrgang sehr viel Geld nehmen.

Die Philosophie des Shotokan-Karate beschreibt D. Wedel als die Entwicklung von

der Selbstverteidigung zu einer Weg-Kunst, bei der die Auseinandersetzung mit bewaffneten

Gegnern nicht mehr gegeben ist. Dadurch ändert sich das Sinnbild des

Shotokan-Karate. Traditionen gibt es viele, wie zum Beispiel die Begrüßung, das

Verbeugen, das Hinsetzen, der Karate-gi, die Gürtel und das Gürtelbinden und der

Respekt. Respekt muss am Anfang erzwungen werden, denn dadurch entsteht das

hierarchische System im Shotokan-Karate. Dabei ist es wichtig selbst jedem, auch

dem schlechtesten Anfänger selbst Respekt zu zollen. Untereinander muss Respekt

herrschen, besonders unter den Schwarzgurten, da sie Vorbildfunktionen haben. Es

muss immer einen Abstand zwischen Lehrer und Schüler geben, um den Respekt

aufrecht zu erhalten. Das wird zum Beispiel dadurch symbolisiert, dass die Anfänger

beim Antreten hinten stehen.

Karate hat D. Wedel persönlich körperliche Leistungsfähigkeit, Selbstvertrauen, bessere

Menschenkenntnis und Einfühlungsvermögen gegeben.

Das Shotokan-Karate unterliegt jedoch starken Änderungstendenzen. Einerseits führen

wissenschaftlichen Erkenntnissen, wie zum Beispiel aus der Biomechanik und

Sportmotorik zu Neuerungen, besonders im gesundheitsorientierten Bereich. Andererseits

entwickelt sich das Karate in der sportlichen, wettkampforientierten Richtung

weiter. Diese Entwicklung lehnt er ab, da die Versportlichung, besonders im Leistungsbereich

große gesundheitliche Risiken birgt. Außerdem ist die Trainerausbildung

wenig karate-spezifisch und nur auf das Wettkampftraining, ohne oder nur mit

wenigen Inhalte/n des klassischen Karate gerichtet. Das Wettkampfkarate ist in der

Ausbildung schneller geworden, aber qualitativ viel schlechter.

Der Kern seines Trainings ist die Erziehung von Kindern zur Gesundheit und die

Entwicklung eines starken Körpers mit starkem Geist. Der Charakter soll sich zum

friedvollen Geist entwickeln, wobei Karate als Lebenssinn entdeckt wird. Letztendlich

soll der Schüler zum Lehrer werden.

Das sind die zusammengefassten Aussagen von Dirk Wedel.

4.2.4) Gedächtnisprotokoll Arnfried Krause

Arnfried Krause ist Instruktor des SRD und Träger des 3. Dan. Er

war immer unsportlich und ging als Kind, auf Grund einer Gelenkkrankheit,

an Krücken. 1992 kam er zum Karate und hatte hier die

ersten sportlichen Betätigungen. Seine Motivation waren Filme,

die Mystik ostasiatischer Kampfkünste und das Neue. Außerdem

wollte er gesund werden. Als sein Meister starb wurde er Trainer

im Karate-Do Demmin e.V. Er nahm an der Trainer-C-Ausbildung

des DKV teil, wechselte später zum SRD und absolvierte dort die

Instruktorausbildung. Vor einigen Jahren lernte er Meister Sàfàr

aus Ungarn kennen, der ein dreijähriges Vollzeittraining zum Instruktor in den USA

absolviert hatte, unter Meister Okazaki aus Japan. Meister Sàfàr ist träger des 8. Dan

im Shotokan-Karate und weist 45 Jahre Kampfkunsterfahrung auf. Sensei (Meister)

Sàfàr hat bei den wissenschaftlichen Studien zum Karate der Universität von Long

Island mitgewirkt. Das Instruktorprogramm absolvierte A. Krause unter Sensei Sàfàr,

die ein Ergebnis der Studien der Universität von Long Island ist und die Ausbildung

69


im Shotokan-Karate nach wissenschaftlichen Standards strukturiert. Die Ausbildungsinhalte

werden an späterer Stelle genauer ausgeführt.

A. Krause betrachtet vier Teile im Karate Do. Der erste Teil ist Budo, der Weg des

Krieges. Dazu gehören Aspekte wie Selbstdisziplin, Respekt und Konzentration. Der

zweite Teil ist die Selbstverteidigung. Der dritte Teil sind die Körperertüchtigung und

das Gesundheitstraining. Der vierte Aspekt bedeutet das Sporttreiben, als legitimer

Teil des Karate in Form von Wettkämpfen. Jedoch darf der Wettkampf kein Trainingsinhalt

des Shotokan-Karate sein. Die Wettkampfvorbereitung entsteht aus dem

Training selbst heraus. Wettkämpfe können aber als Motivationsfaktor dienen und als

Selbsttest in Stresssituationen. Sein Wissen zum Shotokan-Karate bezog er aus Büchern,

Erfahrungen, Videos, Instruktorausbildung, Lehrgängen und Erklärungen anderer

Lehrer.

Das Training sollte immer im Ausdauerbereich stattfinden. Freies Kämpfen wird erst

ab Braungurt, also ab Erreichen der Oberstufe im Schülerbereich geübt.

A. Krause unterrichtet fortgeschrittene jugendliche und erwachsene Karatekas ab

Blaugurt (5. Kyu). Das Training ist dreimal pro Woche und hat einen Umfang von 1,5

Stunden pro Einheit. Seine größten Erfolge drückt er wie folgt aus: „Wenn man nach

Jahren merkt, dass sich jemand als Mensch verändert, durch langes Karate-

Training.“ Gering schätzt er das Gewinnen von Meisterschaften ein, denn diejenigen,

die Meisterschaften gewinnen sind meistens am schnellsten vom klassischen Karate

weg. „Das ist eine menschliche Enttäuschung, Sportkarate ist Form ohne Inhalt“,

sagte A. Krause.

Das Trainingsziel ist immer die Vorbereitung auf die nächste Graduierung. Die Trainingsinhalte

ergeben sich aus den Prüfungsprogrammen und sind Kihon, Kata und

Kumite. Sie werden als Einheit betrachtet. Dabei legt das Kihon die grundlegenden

Prinzipien des Shotokan-Karate, Kata bedeutet die Perfektionierung der Techniken

und Kumite ist die Umsetzung der Kata in kämpferischer Anwendung. Die Einheit ergibt

sich aus den Elementen Reaktion, Timing, Distanz, Kontrolle u. a. Karate ist

physikalischer geworden, mit mehr Schockschlägen. Es entfernt sich immer mehr

von weichen Bewegungen, Hebeln und Würfen. Eine besondere Bedeutung kommt

der Analyse der Elemente der Techniken zu, mit einer richtigen Umsetzung dieser

durch Stände und Bewegungen. Hierzu sind zum Beispiel der Hüfteinsatz in den Bewegungen

des Kihon und der Kata sowie das Punkttraining im Kumite zu nennen.

Diese bilden letztendlich eine Einheit für eine wirksame Technik.

Seine Trainingsvorbereitungen bestehen aus dem Erstellen von Plänen, die spezifisch

nach Themen geordnet sind. Zum Beispiel wird beim Fußtechniktraining der

spezifische Tritt in Phasen und seine Elemente gegliedert. Diese könnten folgende

sein:

• Gewichtsverlagerung,

• Schwerpunktfindung,

• Standbeinkräftigung,

• Knieanzug (Muskelanalyse und Kräftigung der entsprechenden Muskeln),

• Schnapp- oder Stoßbewegungen,

• Partnerübungen und

• Reaktionstraining.

Den Rahmen seiner Planung bildet immer die nächste Gürtelprüfung.

Die Übungsbedingungen systematisiert er nach Belastungsschwerpunkten, Hilfsmittelübungen,

Planungen, nach dem didaktischen Prinzip: „vom Kleinen zum Großen“

und der Steuerung von Trainingseffekten über Belastungszahlen. Er benutzt Röntgenfilme,

Pratzen, Gürtel und Hindernisse, wie z. B. Bänke als Hilfsmittel im Training.

70


Sollwerte benutzt er vor allem beim Erlernen von Techniken und Katas. Die Sollwertvorgaben

werden durch Erfahrungswerte, didaktischen Prinzipien und der Arbeit mit

Themenschwerpunkten mit dem Istwert in Verbindung gebracht und vermittelt. Zur

Fehlerkorrektur wird das äußere Bild der Technik mit dem Sollwert dieser Technik

verglichen. Dazu wird zum Beispiel die Videoanalyse benutzt, aber es werden auch

Erklärungen, Erläuterungen und Beschreibungen eingesetzt.

Eine Trainingseinheit setzt sich im Allgemeinen aus der Erwärmung im Bereich der

Mobilisierung des Körpers, der Nacherwärmung mit Karatetechniken (meist Wiederholung

der Techniken der letzten Trainingseinheit oder Einleitungstechniken für den

Hauptteil), dem Hauptteil (Kihon, Kumite oder Kata) und schließlich der Abwärmung

und Dehnung zusammen. Allgemein nutzt er im Training die Dauermethode als

Hauptmethode, die Intervallmethode und das Fahrtspiel werden ebenfalls eingesetzt.

Erwachsene üben am Makiwara, um das richtige Kime einer Technik zu trainieren.

Das ist gleichzeitig eine Übung zur Abhärtung bestimmter Körperstellen, aber nicht

der Hauptgrund des Makiwara-Trainings. Zur Konditionierung und Gewöhnung an

Schläge werden diese auch auf den Bauch des Partners ausgeführt. Grundsätzlich

nutzt A. Krause eher Kräftigungs- statt Abhärtungsübungen.

Sein Geschichtswissen ist sehr umfangreich und umfasst sowohl chinesische, okinawanische

und japanische Bereiche. Er selbst bezeichnet sich als „modernen Traditionalisten,

der modernes Karate-Do übt“.

Die philosophischen Gedanken liegen seiner Meinung nach im sich „Leermachen“,

im sich „Freimachen“, ohne Gedanken zu sein. Karate-Do ist dabei ein Kreis, bei

dem man vom 9. Kyu zum 1. Kyu geht, dann den 1. Dan ablegt und bis zum 9. Dan

voranschreitet, um letztlich den Kreis wieder zu schließen. Der 10. Dan bedeutet in

die Leere zurückzukehren, er wird mit dem Tod erworben. Karate-Do wird zur

Selbsterfahrung an den körperlichen und psychischen Leistungsgrenzen. Selbstüberwindung,

Selbstdisziplin, Charakter, Aufrichtigkeit, Selbstkontrolle, lebenslange

Veränderungen, Training und Leben als Einheit, Bemühen, Ehrlichkeit, sein was man

vorgibt zu sein, Höflichkeit und Respekt sind universelle Werte, die als philosophischer

Charakter des Shotokan-Karate überall Gültigkeit besitzen. Dazu müssen die

Traditionen eingehalten werden, wie Etikette, Bereitschaft, Konzentration, Verbeugen

u. a. Sie sind notwendig, um geistige Werte zu erlangen und im alltäglichen Leben

stärker hervorzugehen. Die Menschlichkeit wird gefestigt und Frieden kann gestiftet

werden. Man kann seinen Platz im Leben und in der Gesellschaft finden. Dazu muss

die Etikette ständig gewahrt bleiben.

Persönlich hat ihm Shotokan-Karate Selbstdisziplin, komplette Genesung der Gelenkerkrankung,

also Gesundheit und damit eine gute Lebensqualität gegeben.

Änderungstendenzen sieht er in einem Qualitätsverlust des Karate durch die Entwicklung

des Sportkarate, wobei das Kime verloren geht und die Effektivität der Kata

sinkt. Allgemein entwickelt sich Karate zum Gesundheitssport.

Der Kern seines Trainings ist es Kata, Kihon und Kumite als Ganzes zu verbinden.

Die Entwicklung der perfekten Technik ist ein Ziel des Trainings. Es stellt den Weg

zum Ideal dar.

Das sind die zusammengefassten Aussagen von Arnfried Krause.

71


4.2.5) Gedächtnisprotokoll – Jörg Kohl

Jörg Kohl war zum Zeitpunkt des Interviews 48 Jahre

alt, Träger des 4. Dan im Shotokan-Karate, Chief-

Instructor und Präsident des SRD. Er weist eine

23jährige Karate-Erfahrung auf. Mit 12 Jahren

begann er den Judo-Sport, betrieb es im Leistungsbereich

und absolvierte ca. 600 Wettkämpfe. Mit 25

Jahren begann er das Karate-Training. Über

Trainingspartner im Judo bekam er die ersten

Kontakte zum Karate. Da das Ausüben der

Kampfkunst Karate verfolgt wurde, übte er im

Verborgenen, unter dem Deckmantel des Kraftsports. Sein erster Trainer war ein Autodidakt,

der sein Wissen aus Büchern und Erfahrungswerten nahm. Anfangs orientierten

sie sich an tschechischen und ungarischen Karatekas. Glücklicherweise hatte

er heimliche Kontakte zu Meistern aus Westberlin, da er selbst in Berlin lebte. Als die

Grenzen geöffnet wurden war er deshalb schon Braungurt. 1990 legte er die Prüfung

zum 1. Dan bei Meister Ochi ab. Er wurde Mitglied im DKV, der mit der Wende auch

in die neuen Bundesländer Einzug hielt. Jörg Kohl war als erster Ostdeutscher dritter

beim Shotokan-Cup. Er nahm an vielen internationalen Turnieren teil. Zu Zeiten der

DDR war Sensei Kohl relativ populär, denn er nahm an Vorführungen für Fernsehveranstaltungen,

wie zum Beispiel bei „Ein Kessel Buntes“ und verschiedenen Kindersendungen

teil. Er trat zu diesen Zeiten mit einer Samurai-Show auf. Deshalb

konnte er noch zu Ostzeiten an Messungen der Humboldt-Universität in Berlin bezüglich

Karate-Techniken teilnehmen. Es wurden Reaktionszeiten, Kraft und Geschwindigkeiten

gemessen. 1990/91 war er Mitbegründer eines Karate-Vereins in

Berlin, der sich von 10 Mitgliedern zu einem 1000 Mann starken Karate-Verein entwickelte.

Über den DKV wurde J. Kohl Landestrainer des Landes Brandenburg. Mit

seinen Schülern nahm er an vielen Turnieren teil, wobei auf Anhieb sehr gute Platzierungen

erreicht wurden. Bei Teilnahmen an Weltmeisterschaften und Welt-Cups in

Ungarn belegten sie dritte, vierte und siebte Plätze. In Berlin räumte er mit seiner

Mannschaft alles ab, was zu gewinnen war, sowohl im Bereich des Kumite als auch

in den Kategorien Kata-Einzel und Mannschaftskata. Sensei Jörg Kohl gibt fünf Trainingseinheiten

am Tag und unterrichtet alle Altersgruppen. Er trainiert Anfänger,

Fortgeschrittene und Meister. Seine fortgeschrittenste Gruppe besteht aus Dan-

Trägern. Sie hat zweimal in der Woche Training. Sensei Jörg Kohl trainiert selbst jeden

Morgen Karate. Bei diesem Training sind oft seine Schüler der Meisterklasse

dabei, um mit gezieltem Training gewünschte Trainingsanpassungen und Fortschritte

zu erreichen.

Innerhalb dieser Gruppe und allgemein in allen Gruppen, die er unterrichtet, sind die

Trainingsziele unterschiedlich. Sensei Jörg Kohl richtet sich bei der Definition der

Trainingsziele nach den Motivationen der Schüler. Dabei unterscheidet er in vier

Hauptmotivgruppen:

Budo-Gedanke (Jemand, der nach den Wurzeln der japanischen Kampfkünste

sucht und sich den philosophischen Hintergründen zuwendet, sich mit dem Samuraigeist

beschäftigt und etwas über den Weg des Kriegers (Bushido) erfahren

möchte, folgt diesem Motiv.);

• Sport als Zeitvertreib (Jemand, der sich in seiner Freizeit sportlich betätigen

möchte und aus Zeitvertreib Karate betreibt, folgt diesem Motiv.);

• Wettkampf (Jemand der am sportlichen Leistungsvergleich interessiert ist und

sich mit Techniken des Karate messen möchte, übt aus dieser Motivation.) und

72


• körperliche Ertüchtigung (Jemand, der seinen Körper trainieren möchte, einerseits

um gesund zu bleiben und andererseits um sich zu kräftigen, ohne Budo-

Gedanke oder Wettkampfstreben, übt aus dieser Motivation.).

Zur Umsetzung der Ziele im Training ist es wichtig die einzelnen Personen nach den

spezifischen Elementen wie Motorik, Reaktionsvermögen, Kraftfähigkeit, Beweglichkeit

u.a. zu analysieren. Danach wird das Training aufgebaut und umgesetzt. Besonders

wichtig ist das methodisch, didaktische Herangehen an die Schüler, denn dieses

stellt sich im Training als bedeutender Motivationsfaktor heraus. Ein anderer Motivationspunkt

ist das Prüfungssystem mit den Gürtelprüfungen. Um eine Prüfung zu

bestehen ist zielgerichtetes Training nötig. Sensei Jörg Kohl erstellt deshalb grundsätzlich

eine Jahresplanung mit spezifischen Trainingsplänen. Dazu bildet er eine

Rahmenkonzeption, die lang- und kurzfristige Zielstellungen verfolgt. Die Trainingsplankonzeption

richtet er nach Themen aus. Ein Thema beansprucht dabei ca. 10-12

Stunden. Das zu bearbeitende Thema nimmt so viel Zeit in Anspruch, bis die zu erzielenden

Fortschritte in der Praxis erkennbar sind. Sind die 10-12 Stunden vorbei

wird mit einem neuen Thema von vorne begonnen. Sensei Jörg Kohl gibt dazu folgendes

Beispiel:

• Thema Heian Shodan: erste 10 Stunden: Reaktionskraft des vorderen Beines

• Thema Heian Shodan: zweite 10 Stunden: Reaktionskraft des hinteren Beines

• u.s.w.

So ist jedes Training über das Jahr verteilt und den Graduierungen entsprechend

aufgebaut. Eine Trainingseinheit ist spezifisch nach der vorgegebenen Zeit zusammengestellt,

wobei die Schwarzgurtgruppe grundsätzlich 1,5 Stunden trainiert. Die

Trainingseinheiten sind immer gleich aufgebaut, nur der Hauptteil ist stets anders.

Die Erwärmung, mit allgemeiner Mobilisierung und leichter Vordehnung, das Kräftigungstraining

und das Abwärmen verlaufen nach einem ritualisierten, standardmäßigen

Programm. Der genaue Aufbau ist folgender:

• Erwärmung mit: Mobilisierung (10 Minuten), kurzer Erwärmungsphase (2-3 Minuten)

und Erwärmungshauptteil, wobei Techniken in lockerer Form ausgeführt

werden, die im Hauptteil Thema sind oder von der vorherigen Stunde wiederholt

werden (5-7 Minuten);

• Hauptteil mit: Bearbeitung des Themas, wobei grundsätzlich Elemente der Vorstunde

wiederholt werden; langsames Beginnen der Übungen; Steigerung der

Belastung, bezogen auf spezifische Themeninhalte in der Stunde; stets bewusster

Umgang mit dem Körper, was besonders in der Verantwortung des Trainers

liegt;

• Kraftteil mit spezifischen Kräftigungsübungen, wie zum Beispiel Liegestütze (Erwachsene

auch auf den Fäusten) unter Beachtung der physischen und psychischen

Zustände der Schüler;

• Gymnastik;

• Atemtechniken und

• Schluss.

Dabei gibt es zwar die Trennung der Elemente Kata, Kihon und Kumite, man darf sie

aber nicht bevorzugt oder isoliert trainieren, denn alle Themen beinhalten diese drei

Elemente. Grundsätzlich wird, nach der eigenen Systematik Sensei Jörg Kohls, mit

Kihon begonnen, dem dann entweder das Element Kata oder Kumite folgt. Kihon hat

deshalb immer Bezug auf das nachfolgende Element.

Das Wissen über Karate hat er aus seinen Erfahrungen extrahiert, von Meistern, bei

denen er Lehrgänge besucht hat gewonnen, besonders aus der Instruktorausbildung

erhalten, durch Eigenengagement erworben und aus Büchern und Videos erfahren.

Wichtig dabei war das Erkennen der wissenschaftlichen Grundlagen im Karatetrai-

73


ning, wie biomechanische Prinzipien (newtonsche Gesetze, Schwerkraft,…), Physik,

Methodik und Didaktik. Deshalb nutzt Sensei J. Kohl Trainingsmittel, denn sie dienen

dazu: „Informationen visuell besser wahrzunehmen, damit sie vom Gehirn nochmals

verarbeitet werden. Das stärkt die Technik bis zur Automatisierung“, sagte Sensei

Kohl. Trainingsmittel sind der Gürtel, Menschen selbst, Hände, Pratzen, Röntgenfolien,

Zeitungspapier, Bretter für Bruchtests u.a. Genauso wichtig, wie der Einsatz bestimmter

Trainingsmittel zum Erlernen der Techniken, ist die Methode jemandem eine

Technik beizubringen. J. Kohl stellt hier die Frage heraus: „Was passiert bei dem

Schüler, wenn ich etwas vorzeige? Es findet eine Bildprojektion statt, wobei der

Schüler, durch Kopieren der Bewegungen des Lehrers, etwas lernt.“ Sensei J. Kohl

zeigt deshalb zuerst die Bewegung und zerpflückt sie dann in Einzelelemente. Diese

Teilmethode wird genutzt, um alle Einzelelemente Stück für Stück zusammenzusetzen.

Ist das Thema das Erlernen einer Armtechnik, dann wird die Technik nur mit

den Armen, im Stand ausgeführt. Es folgt die Bewegung und das Zusammensetzen

der Armtechnik mit der Bewegung, nach den Merkmalen der spezifischen Technik.

Dabei sind zum Beispiel der korrekte Hüfteinsatz, die Rumpfbewegung, der Bein-

und Armeinsatz sowie die korrekte Muskelarbeit zu beachtende Elemente. Korrekturen

nimmt er durch Erklärungen, Beschreibungen und Demonstrationen vor, was

Sensei J. Kohl als visuelle und akustische Hinweise bzw. Informationen bezeichnet.

Außerdem gibt er taktile Hinweise, wie zum Beispiel durch Vordrücken der Hüfte, zur

Seite drücken des Beines oder durch Hindrehen der Füße eines Schülers in die korrekte

Position. Das Grundprinzip dabei ist, dass der Lehrer nicht mittrainieren darf,

weil er die Verantwortung für die Gesundheit der Schüler hat und den Trainingsprozess

ständig beeinflussen muss. Den Sollwert einer Technik setzt er durch Beachtung

der körperlichen Gegebenheiten der Schüler, Hilfsmittel, Videoanalysen und

Übungen vor dem Spiegel mit dem Istwert in Verbindung.

Auch Abhärtungsübungen sind Bestandteil des Trainings. Sie dienen einerseits der

Konditionierung des Körpers, zur Erlangung psychischer Stabilität und andererseits

dem Entwickeln einer korrekten Technik. Konditionierung bedeutet Kräftigung der

Muskulatur und Entwicklung einer karatespezifischen Ausdauer, die es ermöglicht

Widerstände über einen längeren Zeitraum entgegenzuwirken, ohne schnell müde zu

werden. Psychische Stabilität bedeutet unter Stresssituationen konzentriert zu bleiben.

Im Kumite zum Beispiel muss man, auch wenn man einen Schlag abbekommt,

weiterkämpfen, ohne seine Deckung fallen zu lassen. Das kann man nur, wenn man

trotz des Schmerzes keine psychische Lücke bzw. kein psychisches Loch zulässt.

Sobald man ein psychisches Loch öffnet, kann der Gegner eindringen und eine entscheidende

Technik anbringen, denn gleichzeitig öffnet man ein physisches Loch.

Das kann beispielsweise eine Öffnung in der Deckung sein. Es heißt also einen

Schmerz psychisch auszuhalten, um ein psychisches und somit ein physisches Loch

zu vermeiden.

Eine korrekte Technik kann nur mit dem korrekten Einsatz der Muskulatur ausgeführt

werden. Das Verhältnis von An- und Entspannung ist dabei von grundlegender Bedeutung.

Das kann am Makiwara unter richtiger Anleitung trainiert werden. Das Resultat

des Makiwara-Trainings ist einerseits die Entwicklung einer korrekten Technik

und andererseits das Abhärten bestimmter Körperteile, mit denen an das Makiwara

geschlagen wird. Sensei J. Kohl sieht das Abhärten nicht als Hauptinhalt des Makiwara-Trainings,

sondern die Entwicklung der korrekten Technik.

Abhärtungsübung ist ein weitläufiger Begriff, der das Wissen voraussetzt, wofür die

spezifischen Übungen genutzt werden. Dabei spielt die Grenzsetzung innerhalb der

Übung eine besonders wichtige Rolle zum Erhalt der Gesundheit. Das Geschichtswissen

Sensei J. Kohls ist sehr umfangreich, besonders im Bereich der Entwicklung

74


des Shotokan-Karate unter Funakoshi Gichin. Wichtig war ihm die Ausdifferenzierung

und Unterscheidung von Budo, Karate, Karate-Do und Karate als Sport herauszustellen.

Budo beschreibt den Weg der Kriegskünste, aus denen sich Karate-Do, in

der Neuzeit entwickelt hat. Die sich weiterentwickelnde Zivilisation hat die Fähigkeit

aus allem etwas für sich herauszuziehen. So kam die Zusammenlegung der Werte

des Budo und der okinawanischen Selbstverteidigung Karate. „Du entscheidest über

Selbsterkenntnis in allen Bereichen, so auch über Geist, Psyche, Körper und Bewegung.

Der Urzweck des Karate muss dabei immer erhalten bleiben, das ist die Verteidigung

gegen Waffen“, sagte Sensei J. Kohl. Daraus ergeben sich nach ihm bestimmte

Werte im Karate-Do (Dojokun):

• „Charakter – er bestimmt Dein Leben“;

• „Aufrichtigkeit“;

• „Bemühen“;

• „Höflichkeit“ und

• „Selbstkontrolle.“

Durch Beachtung dieser Werte und deren Umsetzung im Training entsteht Balance

von Körper und Geist. Es entwickelt sich Offenheit für den Alltag. Im Karate gibt es

viele Traditionen. Es fängt mit dem Karate-gi an, geht weiter über die Verbeugungen,

Meditation, Respekt voreinander, Umgangsformen, Höflichkeit, Konzentration und

zeigt sich in der Haltung des Karatekas. „Sie sind notwendig, denn Menschen leben

nach Glaubenssätzen, die eine gewisse Transparenz entwickeln, Identifikationsmerkmale

bilden und dadurch Gleichheit und Leistungsfähigkeit erzeugen. Sie dienen

letztendlich dazu, dass die Gemeinschaft zusammenwächst“, sagte Sensei J.

Kohl bezüglich der Frage nach der Notwendigkeit von Traditionen im Shotokan-

Karate. Die Traditionen entwickeln sich mit der Zivilisation. So entsteht das Sportkarate,

deren Ziele sich deutlich von den Zielen des klassischen Karate-Do unterscheiden.

Besonders die Bedeutung der Wettkämpfe ist verschieden. Deshalb sind die

Schwerpunkte der Trainerausbildungen verschieden akzentuiert. „Karate ist mein

Lebenselixier, dessen Lehre 1:1 ins Leben übertragbar ist“, betonte Sensei J. Kohl.

Das ist für ihn die Bedeutung von Shotokan-Karate. „Der Kern meines Trainings ist

es, sich als Mensch zu verbessern, sich zu bemühen, Selbstkontrolle und Konzentration

zu erlangen. Der Kern ist der Mensch als Ganzes“, fasste er zum Schluss zusammen.

4.3) Ableitungen der Trainer- bzw. Alltagstheorien

Die in den Gedächtnisprotokollen zusammengefassten Aussagen sollen in diesem

Abschnitt gemittelt und als Kategorien und allgemeine, alltagstheoretische Prinzipien

dargestellt werden. Die Grundlage dafür ist die systematische Analyse sportwissenschaftlicher

Elemente im und des Trainings. Die umfangreiche Literaturrecherche ist

deshalb hilfreich und unerlässlich. Da die Untersuchung keine quantitative Datenerhebung

ist, stellt sich die Auswertung nicht in Form von Maßzahlen und Berechnungen

dar. Es ist ein inhaltlicher und themenorientierter Vergleich der Traineraussagen

mit sportwissenschaftlichen Erkenntnissen. Die aus den Aussagen der Trainer extrahierten

Hauptkategorien sind Trainingsziele, Trainingsplanung, Trainingsmethoden,

Technikleitbild, Trainingsinhalte und Trainerwissen.

75


4.3.1) Trainingsziele

In allen Traineraussagen werden Trainingsziele definiert. Diese sind zwischen den

Verbänden stark divergent. Während das Trainingsziel der Lehrer des DKV grundsätzlich

der Wettkampf und somit das sportliche Leistungsstreben ist, ist das Trainingsziel

der Instruktoren des SRD individuell definiert und versucht die Breite der

verschiedenen Motive der Übenden abzudecken. Dabei sind die Zwischenziele stets

Gürtelprüfungen und den Zusammenhalt der Gruppe zu festigen.

Hierbei wird ein wesentlicher Unterschied innerhalb des Trainings und somit in der

Entwicklung des Shotokan-Karate deutlich.

Im sportlich betriebenen Karate, wie es im DKV gelehrt wird, ist der Wettkampf das

Ziel der Ausbildung. Im klassischen, traditionellen Karate-Do, wie es im SRD betrieben

wird, stellt der Wettkampf nur ein Mittel zum Erlernen des Karate dar.

In den Aussagen der Trainer des DKV wird deutlich herausgestellt, dass das Gewinnen

von Wettkämpfen, auf nationaler und internationaler Ebene, den Sinn und das

Ziel des Trainings darstellt. In den Aussagen der Instruktoren des SRD wird deutlich,

dass Wettkämpfe dazu dienen seine erworbenen Fähigkeiten unter bestimmten Regeln

anzuwenden, um annähernde Perfektion der Technik zu entwickeln. Sie dienen

der Überwindung des Egos und nicht dem Gewinnen von Pokalen. Hierbei differenzieren

sich zwei verschiedene Ansichten heraus. Die Charakterwerte, besonders in

der Überwindung des Egos und dem Ablegen des Gewinnstrebens und der Ruhmsuche,

erhalten verschiedene Bedeutung. Das Ego steht im sportlich betriebenen Karate

an einer äußerst hohen Position, während es im klassisch betriebenen Karate-Do

überwunden werden soll. Den Gegensatz bilden einerseits das Gewinnen von Medaillen

als Spiegel des Charakters und andererseits das Ablegen des Gewinnstrebens,

um den menschlichen Charakter zu vervollkommnen.

In folgender Tabelle werden die Ziele zusammengefasst:

Sportlich betriebenes Karate Klassisch betriebenes Karate

allgemeine Ziele

� Wettkampf

� Leistungsstreben

� Sportliche Ziele

Herausbildung

kampfsportler

leistungsstarker Wett-

Auswahl spezifischer Kaderathleten, die

für den internationalen Wettkampf weiterentwickelt

werden

Herausbildung

techniken

spezieller Wettkampf-

Entwicklung wettkampfspezifischer Kompetenz,

jedoch ohne Techniken zu trainieren,

die nicht wettkampftauglich sind

76

allgemeine Ziele

� Gruppenzusammenhalt

� Charakterbildung

� Soziale Ziele

Aus den Trainingszielen werden verschiedene Pläne abgeleitet:

Herausbildung kompetenter Karatemeister

und –Lehrer

Beachtung gesundheitlicher und motivationaler

Zustände der Übenden und dessen

Weiterentwicklung

Herausbildung einer Kompetenz, um

auch im Alltag leicht voranzukommen,

durch breites Training

Entwicklung von Kompetenz im klassischen

Karate, ohne Verlust der geschichtlichen

Wurzeln mit dem Training

aller klassischen Technik


4.3.2) Trainingsplanung

Die Trainingsplanung ist ebenfalls ein gemittelter Begriff. Alle Trainer haben festgestellt,

dass nur ein Erfolg im Training erreicht werden kann, wenn es geplant ist.

Dazu wird stets eine Rahmenkonzeption erstellt, die als Richtlinie und Anhaltspunkt

gilt. Der Aufbau der Pläne ist, nach den Aussagen der Trainer des DKV, auf Wettkampfhöhepunkten

ausgerichtet. Meistens sind es die Landesmeisterschaften und

deutschen Meisterschaften, also zwei Höhepunkte im Jahr. Die Nationalkader des

DKV haben die Hauptziele: „Deutsche Meisterschaft, Europameisterschaft und

Weltmeisterschaft“ (Eichert 2003, S.127). Dazu werden genaue Periodisierungen in

der Trainingsplanung vorgenommen. Das Grundschema ist eine langfristige Planung

und die Festlegung „von Perioden mit unterschiedlichen Trainingsinhalten und –

belastungen“ (vgl. Eichert 2003, S.127).

Die Periodisierung erfolgt in drei Etappen, die als allgemeine- und spezielle Vorbereitungsperiode

und Wettkampfperiode bezeichnet werden. Sie sind in weitere Einzelperioden

strukturiert. Nach Eichert (2003, S.127/128) ergeben sich daraus folgende

Ableitungen: „In der allgemeinen Vorbereitungsperiode liegt das Hauptaugenmerk

auf der Entwicklung der konditionellen Voraussetzungen für ein schnellkraftorientiertes

Training. Dies sind die Grundlagenausdauer und die Kraft.“ Im oberen Leistungsbereich

muss ein gezieltes Muskelaufbautraining, mit anschließendem Krafttraining

an Geräten, durchgeführt werden. Danach folgt ein zielgruppenorientiertes Schnellkraft-

oder intramuskuläres Maximalkrafttraining. „Im Techniktraining werden neue

Techniken (Bewegungsabläufe) oder Technikverbindungen erlernt und vorhandene

Techniken/Katas auf der Grundlage der vorherigen Wettkampfanalyse verbessert.“

Die Technikausführung soll locker und locker-schnell sein. Es ist für den Erhalt der

Grundschnelligkeit notwendig Bewegungen auch mit maximaler Schnelligkeit auszuführen.

Die spezielle Vorbereitungsperiode beinhaltet die Weiterentwicklung der

Schnelligkeit, besonders im Bereich der Beschleunigung und Explosivität. Dabei ist

nach Eichert (2003, S.127) folgender Grundsatz zu beachten: „Je höher das Niveau

und mit zunehmender Dauer der Periode, desto größer ist der Anteil der sportartspezifischen

Schnelligkeits- und Schnellkraftübungen.“ Der zentrale Inhalt ist die Entwicklung

maximaler Bewegungsschnelligkeit der Techniken. In der Wettkampfperiode

wird karatespezifische Wettkampfausdauer entwickelt und das individuelle Wettkampfverhalten

optimiert. Das Hauptziel ist die Stabilisierung und Automatisierung

des Wettkampfverhaltens. Der letzte Abschnitt, vor einem Wettkampfhöhepunkt, wird

als unmittelbare Wettkampfperiode bezeichnet, wobei die Höchstleistung herausgebildet

wird. Das konditionelle Niveau muss dazu stabilisiert und die Technik und Taktik

für den Wettkampf vervollkommnet werden. „Ziel ist Ausprägung der komplexen

sportlichen Leistung“ (Eichert 2003, S.128). Eine andere Aufgabe ist die psychische

Stabilisierung der Wettkämpfer durch Motivierung, Mobilisierung, Festigung des

Selbstvertrauens u.a. Nach dem Höhepunkt folgt die Übergangsperiode mit aktiver

Erholung.

Die Periodisierung ist in Makro- und Mikrozyklen strukturiert. Makrozyklen umfassen

lange Zeiträume von z. B. Monaten und/oder Jahren. Mikrozyklen können Wochentrainingspläne

oder einzelne Trainingseinheiten sein. Sie richten sich nach der „Anzahl,

dem Zeitpunkt und der Dauer der Trainingseinheit(en), dem Belastungsumfang

und der Belastungsintensität sowie nach den genauen Trainingsinhalten“ (Eichert

2003, S.129). Der aktuelle Trainingsplan des Jahres 2004 der Nationalkader des

DKV befindet sich im Anhang.

Die Trainingsplanung der Trainer im SRD ist nicht nach Wettkampfhöhepunkten organisiert.

Sie strukturieren das Training nach zu erreichenden Stufen, in Form von

77


Gürtelprüfungen. Dazu werden spezifische Elemente des Karate-Trainings in ein Gesamtkonzept

gebracht. Folgender Plan ist dafür sehr anschaulich:

Trainingsplan März 2004, von Jörg Kohl für Kata Empi

Tag/Dat. Zeit Aufgaben

e.T. Abl. ZKD KKD/KD

RK

Stell.

78

KV

v.B.

KV

h.B

Ke.

R

Ke.

Hv

Ke.

Wdg.

R

Ke.

Wdg. V Rhyt. Appl.

1. Mo. x

2. Di. x

3. Mi. x

4. Do. x

5. Fr. x

6. Sa.

7. So.

8. Mo. x

9. Di. x

10. Mi. x

11. Do. x

12. Fr. x

13. Sa.

14. So.

15. Mo. x

16. Di. x

17. Mi. x x

18. Do. x x

19. Fr. x x

20. Sa.

21. So.

22. Mo. x

23. Di. x

24. Mi. x

25. Do. x

26. Fr. x

27. Sa.

28. So.

29. Mo. x

30. Di. x

31. Mi. x

Abl.: = Ablauf Rhyt. = Rhythmus

ZKD = ZKD trainieren e.T. = einzelne Technik üben (Kihon)

KKD/KD = KKD/KD trainieren

RK Stell. = Reaktionskraft in den Stellungen

KV v.B. = Körperverschiebung vordere Bein

KV h.B. = Körperverschiebung hintere Bein

KV h.B. = Körperverschiebung hintere Bein

Ke.R = Krafterzeugung durch Rotation

Ke.Hv. = Krafterzeugung durch Hüftvibration

Ke.Wdg.R. = Krafterzeugung Körperverschiebung Wdg. + Rotation

Ke.Wdg.

V. = Krafterzeugung Körperverschiebung Wdg. + Vibration

Appl. = Applikation


Dieser Plan ist eine Vorlage, nach dem, für jeden Karateka, individuelle Veränderungen

vorgenommen werden können. Der oben aufgeführte Trainingsplan ist ein Makrozyklus

über einen Monat, der Mikrozyklen einzelner Wochen und Tage einschließt.

Sie können im SRD individuell unterschiedlich aussehen. Der hier vorliegende Zyklus

ist individuell von Sensei Jörg Kohl entwickelt und dieser Arbeit, mit freundlicher Genehmigung,

zur Verfügung gestellt worden.

Allgemein wurde festgestellt, dass der Aufbau der Trainingseinheiten grundlegend

gleich ist. Dieser sieht wie folgt aus:

1. Erwärmung mit einer Dauer von ca. 15-20 Minuten und der Zielstellung das Herz-

Kreislaufsystem zu aktivieren, das Organ- und Muskelsystem auf die bevorstehende

Belastung einzustimmen und Verletzungen, durch physische und psychische

Vorbereitung vorzubeugen. Die langsame Steigerung der Belastung ohne

Belastungsspitzen, nicht in den Bereich des Kraft- oder Ausdauertraining geraten

und besonders die Muskulatur vorbereiten, die im Hauptteil des Trainings besonders

beansprucht werden sind dabei zu beachtende Prinzipien.

2. Hauptteil mit einer Dauer von ca. 45-60 Minuten. Der Trainingsteil ist themenspezifisch

und beinhaltet eine zielorientierte Methodenwahl des Trainers. Die Wahl

richtet sich nach den Kriterien der Zielgruppe, den ausgewählten Lerninhalten

und den Schwerpunktsetzungen, der Unterscheidung von Schwächen und Stärken

der Sportler, den Fehlerkorrekturen, der Belastungsstruktur, den Organisationsformen,

dem Einsatz von Trainingsmitteln, Gefahrenquellen u.a. (vgl. Eichert

2003).

3. Schlussteil mit einer Dauer von 10-15 Minuten. Hierbei kann es einen Ausdauer-

oder Kraftteil geben, Spielformen, Auslaufen und lockeres Dehnen. Man spricht

hier von Cool-Down, dem Abwärmen. Es ist ein Ausgleich zum Hauptteil.

Der Unterschied zwischen dem sportlich betriebenen- und dem klassisch betriebenen

Karate besteht nicht nur in den Zielen, den Trainingsformen und Technikausführungen,

sonder auch in den Inhalten der Erwärmung und dem Schlussteil.

Während im sportlich betriebenen Karate eine intensive Dehnung in der Erwärmung

stattfindet und im Schlussteil nur leichtes Lockern folgt, ist das im klassisch betrieben

Karate genau anders herum. Die Begründung des klassischen Karate ist, dass die

Muskeln am Anfang des Trainings nicht optimal vorbereitet sind, um in die intensive

Dehnung zu gehen. Am Ende des Hauptteils ist es notwendig die Muskeln intensiv

zu dehnen, damit ihre optimale Funktionsweise gewährleistet bleibt. Außerdem sind

sie erst dann dazu bereit. Allgemein können die Unterkategorien Rahmentrainingsplanung,

Makrozyklus, Mikrozyklus, Periodisierung und Zyklisierung festgestellt werden.

Den verschiedenen Trainingsplänen liegen auch spezifische Trainingsmethoden zu

Grunde. Diese werden im nächsten Abschnitt deutlich herausgestellt.

4.3.3) Trainingsmethoden

Trainingsmethoden bringen in die Vielfalt möglicher Kombinationen der Belastung eine

zweckmäßige Ordnung (vgl. Schnabel et al. (Hrsg.) 1997). Die Hauptmethode im

Shotokan-Karate-Training ist die Dauermethode. Sie ist eine Methode des Ausdauertrainings,

dient der Ausbildung und Stabilisierung der Grundlagenausdauer und „besteht

in der ununterbrochenen, längeren Dauerbelastung in einer Trainingseinheit“

(vgl. Schnabel et al. (Hrsg.) 1997, S.258). Die Belastungsintensität ist konstant und

variiert von gering bis mittel (extensiv). Die Belastungsdauer kann sich über mehrere

Stunden ziehen, wobei die Energiebereitstellung im Muskel- und Herz-

Kreislaufsystem aerob ist. Aerob heißt Verbrennung von Energieträgern durch Sau-

79


erstoff. Dadurch werden die Energieerzeugung und der Energieverbrauch sowie die

Muskelarbeit im gesamten Belastungsprozess ökonomisiert. Das ist ein physiologischer

Anpassungsprozess, der nur durch planmäßiges und konstantes Training erreicht

werden kann. Die aerobe Leistungsfähigkeit steigt und der Fettstoffwechsel

wird verbessert (vgl. Schnabel et al. (Hrsg.) 1997). Ist die Belastungsintensität hoch

(intensiv), umfasst die Belastungsdauer ca. 45 Minuten. Dabei ist die Energiebereitstellung

im Muskel- und Herzkreislaufsystem aerob-anaerob. Anaerob bedeutet Energiebereitstellung

ohne Sauerstoff. Hierbei passt sich der Körper im Bereich der

Grundlagen-, Kraft- und Langzeitausdauer an. Nach Schnabel et al. (Hrsg., 1997)

entwickelt sich eine Belastungsverträglichkeit für intensive Anforderungen, aerobe

Kapazitäten steigen und der aerobe-anaerobe Funktionsbereich wird erhöht. Außerdem

werden der Glykogenstoffwechsel und die Durchhalte- und Konzentrationsfähigkeit

verbessert. Wenn die Intensität wechselt, der trainingswirksame Bereich aber

nicht verlassen wird, ist die physiologische Wirkung wie bei einer konstanten Dauerbelastung.

Ein Vorteil dieser Form der Dauermethode ist das Training der Umstellungsfähigkeit,

die im Shotokan-Karate eine große Bedeutung hat, wie bereits herausgestellt

wurde. Die Erholungsfähigkeit wird bei allen eben aufgeführten Formen

der Dauermethode verbessert. Sie war eine klassische Trainingsmethode, die auch

heute noch Anwendung findet. Die Umsetzung der Methode im Training hat sich jedoch,

mit der Entwicklung und Ausdifferenzierung der Trainingsinhalte, in den verschiedenen

Bereichen des Shotokan-Karate-Trainings spezifiziert.

Die Belastungsstruktur im Training des DKV wird speziell auf bestimmte Perioden

des Trainings erstellt. Hierzu werden die Wiederholungsmethode und die intensive

Intervallmethode benutzt (vgl. Eichert 2003). Nach Eichert (2003) ist die Wiederholungsmethode

durch eine vollständige Erholung nach einer kurzen, maximalen Belastung

gekennzeichnet (6-10 Sekunden). Weiterhin sagt er, „dass die Erholung auf

der vollständigen Wiederherstellung des Kreatinphosphatspeichers basiert.“ Die

Pause wird durch aktive Erholung gestaltet, wie zum Beispiel mit Dehn- und/oder Lockerungsübungen

und hat einen Zeitraum von 1-3 Minuten. Sie ist spezifisch dem

Schnelligkeits- und Schnellkrafttraining angepasst. Die Schnellkraftausdauer wird im

Leistungsbereich des DKV mit der intensiven Intervallmethode und der Wiederholungsmethode

trainiert. Die intensive Intervallmethode beinhaltet hohe Intensitäten,

die aber nicht maximal sind und einen Wechsel zwischen relativ kurzen Belastungs-

und Entlastungsphasen. Die Erholung ist unvollständig. Die Belastungsdauer kann

bis 60 Sekunden betragen, wobei die energetische Arbeitsweise aerob-anaerob ist.

Hierbei entstehen unter anderem eine Laktatverträglichkeit und eine Herzvolumenvergrößerung.

Laktat ist ein Endprodukt bei der Energiegewinnung ohne Sauerstoff

(anaerob) und ein biochemisch, leistungsmindernder Faktor. Eichert (2003, S.128)

stellt dabei für das Karate-Training folgende Struktur fest: „Hierbei gilt zu beachten,

dass im Karatetraining die maximale Belastung intervallartig über längere Zeit in Serien

trainiert wird, beispielsweise alle 3 Sekunden eine explosive Technik auf die

Pratze und dies über eine festgelegte Zeit (1-5min).“

Es werden auch die nun folgenden Trainingsmethoden im DKV für die Ausbildung

karate-spezifischer Fähigkeiten verwendet:

• Die Kontrastmethode dient besonders der Verbesserung koordinativer Fähigkeiten

und der Schnellkraft. Der Kontrast entsteht durch einen systematischen

Wechsel der Widerstände innerhalb einer Trainingseinheit (vgl. Schnabel et al.

(Hrsg.) 1997). Eichert (2003, S.111) gibt dazu folgendes Beispiel: „- eine Technik

langsam ausführen – diese Technik explosiv und kraftvoll ausführen; eine Technik

unter „normalen“ Bedingungen ausführen – diese Technik mit einer Gewichtsweste

ausführen.“

80


• Die Methode der dynamisch-konzentrischen Kontraktion (überwindende Arbeitsweise

der Muskulatur) und die Pyramidenmethode dienen der Entwicklung der

Maximal- und Schnellkraft. Hierbei soll einerseits das Energiepotential, durch

Vergrößerung des Muskelquerschnitts erhöht und andererseits die Innervationsfähigkeit,

durch Optimierung der intramuskulären Koordination, verbessert werden

(vgl. Eichert 2003).

• Die Methode der isometrischen Muskelkontraktion beinhaltet statische Anspannung

der Skelettmuskulatur gegen einen festen Widerstand, wobei der Muskel

kontrahiert aber nicht verkürzt wird.

• Zur Ausdauerschulung wird, wie beschrieben, die Dauermethode mit verschiedenen

Variationen eingesetzt. Das sind zum Beispiel: die Tempowechselmethode

mit planmäßigen Variationen der Intensität, wobei unterschiedliche Stoffwechselprozesse

gleichzeitig trainiert werden und das Fahrtspiel, als Variation der Tempowechselmethode,

wobei die Intensität von niedrig bis hoch variiert und meistens

vom Sportler selbst verändert wird (vgl. Eichert 2003).

• Methoden zur Entwicklung der Beweglichkeit im Bereich des Dehnens sind:

a) passiv-statisches Dehnen mit den Formen der „sanft gehaltenen Dehnung

(‚easy stretch’)“, wobei die Dehnung nur leicht gehalten wird und der „intensiv

gehaltenen Dehnung (‚development stretch’)“, wobei die Dehnung nach dem

easy stretch erhöht und nochmals gehalten wird (vgl. Eichert 2003, S.123);

b) aktiv-statisches Dehnen, wobei der zu dehnende Muskel aktiv durch seinen

Antagonisten in die Dehnposition gebracht wird (vgl. Eichert 2003);

c) aktiv-dynamisches Dehnen wird zum Beispiel durch Schwungbewegungen erreicht,

die in den Bereich der Dehnung der Muskulatur reichen, wie zum Beispiel

das Vor-Hochschwingen des gestreckten Beines;

d) Anspannungs-Entspannungs-Dehnen, wobei nach dem Erreichen der Dehnstellung

die gedehnte Muskulatur isometrisch angespannt und für einige Sekunden

in der Position gehalten wird (vgl. Eichert 2003).

Die hier aufgeführte Ausdifferenzierung der Trainingsmethoden im Shotokan-Karate

deutet die kennzeichnende Entwicklung innerhalb des Trainingssystems klar an. Für

spezifische Elemente des Karate werden spezifische Methoden der Sportwissenschaft

verwendet. Diese Methoden werden auch im Training des klassischen Karate-

Do verwendet, jedoch mit dem Unterschied der Zielstellung, was bereits festgestellt

wurde. Als Unterkategorien können sie als Methoden des Konditions- und als Methoden

des Koordinationstrainings festgehalten werden.

Das sind nicht die einzigen Methoden, die im Trainingsprozess Anwendung finden.

So wird beispielsweise der Trainingsaufbau nach den oben beschriebenen Prinzipien

methodisch vollzogen. Weitere Unterkategorien bilden die Methode der Trainingsplanung

und die Methode des Aufbaus einer Übungsstunde.

In den Interviews wurde der Einsatz von Hilfsmitteln, die Vermittlung des Technikleitbildes,

Fehlerkorrekturen, aber auch didaktische Elemente im Training hinterfragt.

Die Antworten waren annähernd gleich. Daraus kann die methodische Gestaltung

des technischen Lernprozesses, als weitere Unterkategorie abgeleitet werden.

Ein Element der methodischen Gestaltung des technischen Lernprozesses ist die Art

der Informationsgestaltung. Verallgemeinert werden die Aussagen diesbezüglich auf

verbal, visuell, taktil und kinästhetisch zusammengefasst.

Das Techniktraining wird allgemein in Vorbereitungsphase (Fähigkeitsorientiert);

Technikaneignungs-, -erwerbs- oder -erlernphase; Vervollkommnungs-, Perfektionierungs-,

Anwendungs- und Festigungsphase; Automatisierungs-, Anwendungs-,

Gestaltungs-, Stabilisierungsphase und Phase der variablen Verfügbarkeit der Tech-

81


nik gegliedert. Das wird als Phasencharakter des motorischen Lernens bezeichnet

(vgl. Hirtz, Vorlesungsmaterialien Uni-Greifswald 2000).

Es können drei Hauptphasen extrahiert werden. Die erste Phase ist das Erlernen und

Festigen von Techniken. Dazu werden Vereinfachungsstrategien bezüglich der Parameter

eingesetzt. Beispielsweise wird die Programmlänge verkürzt. Speziell im

Shotokan-Karate werden Techniken in Einzelbewegungen zergliedert, um durch das

Üben der spezifischen Phasenstruktur das Erlernen der Technik zu erleichtern. Dazu

werden serielle und funktionale Übungsreihen erstellt. Ein Beispiel für eine serielle

Übungsreihe ist die Zergliederung eines Fußtrittes, der im Shotokan-Karate als Maegeri

(schnappender Fußtritt nach vorne) bezeichnet wird:

1) „Anzugbewegung,

2) Anzugbewegung und Tritt,

3) Anzugbewegung, Tritt und Zurückschnappen,

4) Gesamtbewegung.“ (Eichert 2003, S.23)

Ein Beispiel für eine funktionale Übungsreihe ist hierfür (vgl. Eichert 2003):

1) aus einer Stellung mit angezogenem Trittbein gegen eine Pratze treten,

2) Treten gegen einen Wiederstand oder ein Ziel (Bsp. Pratze oder Bauch des Partners)

und Zurückschnappen,

3) Anzugbewegung, Tritt gegen einen Wiederstand oder ein Ziel (Bsp. Pratze oder

Bauch des Partners) und Zurückschnappen,

4) Gesamtbewegung.

Katas werden in bestimmte Sequenzen zerlegt, die erst einzeln und dann als Gesamtform

trainiert werden.

Eine andere Vereinfachungsstrategie ist die Verringerung der Programmbreite.

Hierfür ist das Erlernen einer Kata beispielhaft. Zuerst wird die Kata demonstriert.

Dann wird sie in Einzelsequenzen gegliedert. Diese Einzelsequenzen stellen bereits

eine Verringerung der Programmbreite dar. Weiterhin können zuerst nur die Armtechniken,

dann die Beinbewegungen geübt und schließlich beides verbunden werden.

Das ist eine weitere Möglichkeit der Reduzierung der Programmbreite. Armtechniken

und Beinbewegungen müssen letztendlich synchronisiert werden. Zum

Schluss wird die Kata in der Zielform geübt. Diese Methoden werden häufig benutzt

und stellen eine wesentliche Vereinfachung beim Erlernen von karate-spezifischen

Techniken dar. Ursprünglich fand diese Methode keine Anwendung, sie wurde erst

im Zuge der wissenschaftlichen Analyse des Karatetrainings und der Elemente des

Shotokan-Karate in das Trainingskonzept aufgenommen. Es werden auch Parameter

wie Bewegungsschnelligkeit, –stärke u.a. reduziert und Rhythmusanzählungen, Orientierungsvorgaben

und andere bewegungserleichternde Elemente genutzt. Diese

methodischen Prinzipien finden sowohl im sportlich- als auch im klassisch betriebenen

Karate Anwendung. Der Unterschied besteht darin, dass die Ausführungsformen

der Techniken im sportlich betriebenen Karate wettkampfspezifisch sind und den Bedeutungen

der klassischen Anwendung nicht gerecht werden. Es werden eher

Schlag- und Tritttechniken geübt und weniger Abwehrtechniken. Das steht im Gegensatz

zur Idee des klassisch betriebenen Karate.

Die zweite Phase ist das Stabilisieren und Automatisieren der Techniken durch

Kombination und Variation. Zur Automatisierung müssen die karate-spezifischen Programme

durch hohe Wiederholungszahlen der Techniken eingeschliffen und die

Aufmerksamkeit vom Technikablauf weggelenkt werden. Letzteres kann durch den

Einsatz von Mehrfachaufgaben erreicht werden. Zur Stabilisierung muss die Aufmerksamkeit

auf bestimmte Technikmerkmale gerichtet werden, um sie bewusst

wahrzunehmen und spezifisch darauf einzuwirken. Dazu werden Situationen variiert

und Belastungen erhöht, denn unter großer Belastung soll die Technik stabil sein, um

82


sie anwenden zu können. Zu Zeiten der Anwendung von Karate als Selbstverteidigung

gegen Schwerter und andere Waffen und selbst im 19. Jahrhundert waren diese

Methoden nicht so ausdifferenziert. Heute werden dafür Teilbewegungen, verschiedene

Übungskombinationen (spiegelbildliches Laufen von Kata, Stellungsvariationen

u.a.), Übung unter veränderter Wahrnehmung (geschlossenen Augen u.a.),

Übung unter psychischer Belastung (Wettkampftraining,…), Üben mit veränderten

Parametern, mit Zusatzgeräten (Gewichtsweste, Hand- und Fußgewichte, Kraftgeräte)

und Übungen unter veränderten Umweltbedingungen (Sandsack, Makiwara, Pratze,

wackeliger Untergrund, Matten, Hindernisse u.a.) in das Training integriert (vgl.

Eichert 2003).

Die dritte Phase wird in der Analyse des Shotokan-Karate-Trainings als Gestalten

und Ergänzen bezeichnet. Im sportlich betriebenen Karate bedeutet das „die individuelle

Ausformung und Ergänzung des konditionellen und technisch-taktischen und

psychischen Leistungsvermögens“ (vgl. Eichert 2003, S.38). Die individuellen Spezialtechniken

und Bewegungsmuster müssen vervollkommnet und ergänzt werden, um

der Dynamik des Wettkampfsports gerecht zu werden. Deshalb formuliert Eichert

(2003) das Hauptziel als Herausbildung der maximalen Bewegungsschnelligkeit im

Kumite. Für die Kata-Spezialisten ist es besonders wichtig die äußere Form und somit

die Ästhetik der Bewegung zu perfektionieren. Im Gegensatz dazu ist im klassisch

betrieben Karate weder die Spezialisierung von Einzeltechniken noch die Herausbildung

von Ästhetik das Ziel dieser Lernphase. Das Gestalten und Ergänzen der

Karate-Techniken ist ein Element erreichter Meisterschaft. Erst wenn die Technik in

der überlieferten Form gemeistert wurde, was durch das Bestehen von Dan-

Prüfungen nachgewiesen werden muss, kann ein Karateka dem Stil seine eigene Interpretation

hinzufügen. Geschieht das zu früh, wird Karate verwässert und seiner

ursprünglichen Form entgrenzt und entfremdet. Die Entwicklung zum sportlich betriebenen

Karate stellt, nach Meinung der Meister und Lehrer des klassischen Karate,

eine verwässerte und entgrenzte Entwicklung im Shotokan-Karate dar. Im Ursprungsland

Okinawa wird dieses System vollkommen abgelehnt. Im philosophischen

Sinn wird hier das Prinzip des oben beschriebenen Shu – Ha – Ri umgesetzt.

Doch es werden noch andere Methoden eingesetzt. Im Sportkarate sind es beispielsweise

spezielle Methoden für die Wettkampfvorbereitung. Zum einen sind das

wettkampfnahe Trainingsmethoden, wobei die Schulung von Situationsentscheidungen

und die Entwicklung von Handlungskompetenz thematisiert sind und zum anderen

wettkampfadäquate Trainingsmethoden, zur unmittelbaren Wettkampfvorbereitung.

Dazu werden psychologische und physiologische Belastungen erzeugt, wie sie

im Wettkampf annähernd auftreten können. Psychologisches Training geschieht zum

Beispiel in Form von sehr harten Trainingseinheiten, die in der Belastungsstruktur bis

an die Leistungsgrenzen der Karatekas und darüber hinausgehen. Weiterhin sind

Meditation und ideomotorisches Training ein wesentlicher Bestandteil des modernen

klassischen Karate-Trainings geworden. Durch Meditation wird innere Ruhe und Bereitschaft

erzeugt. Somit bereitet sich der Karateka auf das Training vor. Ideomotorisches

Training ist Training durch Vorstellung. Bei jeder Technikausführung soll sich

der Karateka vorstellen, dass er gegen einen oder mehrere Gegner kämpft. Außerdem

soll der Karateka sich durch Vorstellungen, zum Beispiel einer Kata, der Techniken

und deren Funktionieren bewusst werden. Dabei werden Meditation und ideomotorisches

Training verbunden. Das sind nur zwei Beispiele des psychologischen

Trainings.

Die Unterkategorie Fehlerkorrektur dient dazu Fehler, Fehlerursache und Korrektur

dem Übenden einsichtig zu machen. Maßnahmen zur Korrektur können nach Eichert

(2003, S.46) folgendermaßen systematisiert werden:

83


� „Verbale Informationsgebung;

� Demonstrationen (visuelle Korrektur);

� Gegenüberstellung der falschen und richtigen Bewegung;

� Bewegung führen;

� Orientierungshilfen geben;

� Bewegungen übertreiben;

� Fehlerhafte (Teil-)Bewegungen isoliert üben lassen und

� Bewegungshilfen geben und Übungsbedingungen schaffen, die der richtigen

Ausführung der Technik dienen.“

Weitere Möglichkeiten sind:

� Einsatz von Hilfsmitteln wie Spiegel,

� Videoanalysen zur Sichtbarmachung der Fehler,

� Motivieren zur Beobachtung fortgeschrittener Schüler und Meister,

� Rhythmushilfen, wie zum Beispiel verbale Hinweise durch Zählen,

� u.a.

In den Interviews wurden allgemeine didaktische Prinzipien genannt, die das Karate-

Training erleichtern. Deshalb werden sie an dieser Stelle zu den Methoden gezählt.

Im Einzelnen sind sie in folgenden Leitsätzen zusammengefasst: „vom Leichten zum

Schwierigen, vom Bekannten zum Unbekannten, vom Einfachen zum Komplexen

und vom Universellen zum Speziellen.“ Im Abschnitt 2.5 Didaktische Prinzipien wurden

sie genauer ausgeführt.

Mit dieser genaueren Betrachtung der Methoden kristallisiert sich die Bedeutung des

Technikleitbildes heraus.

4.3.4) Technikleitbild

Das Technikleitbild ist eine wichtige Komponente im Shotokan-Karate. Ohne eine

korrekte Technik ist ihre Wirksamkeit nicht gegeben. Es wird durch Demonstrieren

und Erklären vermittelt. In den Interviews, mit den Gesprächspartnern des SRD, stellte

sich weiterhin heraus, dass sie physische Individualitäten und biomechanische

und physikalische Prinzipien zur Vermittlung des Leitbildes der Technik beachten.

Diese Prinzipien beruhen einerseits auf Beobachtungen von karate-spezifischen Bewegungsparametern

und andererseits auf systematisch analysierte wissenschaftliche

Erkenntnisse der Gebiete Physik, Sportmotorik und Biomechanik. Beobachtungen

wurden nicht nur im Training und bei Wettkämpfen gemacht, sondern auch durch

analytische Auswertungen von Videomitschnitten und durch Übungen vor Spiegeln.

Durch die bereits beschriebene Studie der Universität von Long Island und durch andere

europäische Studien, vor allem im Bereich des Wettkampfkarate, konnten spezifische

Elemente von Bewegungen im Shotokan-Karate festgestellt werden. Eines

dieser Elemente ist die Phasenstruktur von Bewegungsabläufen. Eichert stellt in seiner

Rahmentrainingskonzeption die Funktionsphasentypen nach Göhner (1979) heraus

(Eichert 2003, S.50):

1. „Vorbereitende Hilfsfunktionsphasen sind Phasen zum Erreichen bestimmter

Ortsstellen, bestimmter Lagen, bestimmter Positionen oder bestimmter Bewegungszustände.“

2. „Hauptfunktionsphasen sind Phasen, die nur auf die gestellte Bewegungsaufgabe

Bezug nehmen, nicht aber auf andere Funktionsphasen. In unserem Fall sind das

jene funktionalen Teilbewegungen, in denen das Hauptbewegungsziel erreicht

wird.“

84


3. „Unterstützende Hilfsfunktionsphasen sind Phasen zur Verwendung weiterer Bewegerteile,

beispielsweise das Zurückziehen des Armes während des Tritts beim

Mae-geri.“

4. „Überleitende Hilfsfunktionsphasen sind Phasen, die eine Übersteuerung der

Zielsituation verhindern oder den Anschluss an nachfolgende Operationen ermöglichen

sollen.“

In der Allgemeinen Bewegungslehre von Loosch (1999) werden fünf Funktionsphasen

nach Göhner herausgestellt. Diese sind die einleitende Funktionsphase, überleitende

Funktionsphase, Hauptfunktionsphase, aussteuernde Funktionsphase und

amortisierende Funktionsphase. Die ersten vier Phasen sind wie die oberen gekennzeichnet.

Die amortisierende Phase ist eine Körperstabilisierungsphase, wobei zum

Beispiel der eigene Körper, als Abschluss einer Bewegung, abgefangen wird.

Funktionsphasen charakterisieren die Herausstellung von Geschehensabschnitten

eines Bewegungsablaufes, wobei allen Ausführungen innerhalb dieses Bewegungsablaufes

bestimmte Funktionen zugeordnet werden. Diese Systematik ist nicht nur

für die Vermittlung des Technikleitbildes, sondern auch für Fehlerkorrekturen und die

Fehlererkennung grundlegend.

Um Bewegungsmerkmale genauer zu erkennen und zu erläutern, muss die Struktur

des Körpers betrachtet werden. In einer einfachen anatomischen Darstellung besteht

der Körper aus dem „Schulter-Brustgürtel an dem die Arme befestigt sind und dem

Beckengürtel mit dem die Beine verbunden sind“ (Eichert 2003, S.51). Die Wirbelsäule,

auf der der Kopf als zentrales Steuerorgan sitzt, verbindet die beiden Gürtel.

Diese können vorwärts, rückwärts, seitwärts, gedreht und gekippt werden (vgl. Eichert

2003). Während die Bewegung des Schulter-Brustgürtels durch die Brust- und

obere Rückenmuskulatur bewirkt wird, ist die Bauch- und untere Rückenmuskulatur

für die Bewegung des Beckengürtels zuständig.

Karatetechniken sind Ganzkörperbewegungen, mit dem Ziel maximale Endgeschwindigkeit

der Extremität, mit der ein Schlag, Tritt oder Block ausgeführt wird, zu

erreichen (vgl. Eichert 2003). Dazu werden Teilbewegungsimpulse summiert. Diese

Impulse stellen deshalb ein Merkmal der Bewegung dar. Teilimpulse sind zum Beispiel

Armstreckung, Beinstreckung, Hüftrotation oder –vibration und Oberkörperbewegung.

Eicherts Analysen zufolge werden alle Teilimpulse im Karate sofort maximal

beschleunigt. Dazu ist die zeitliche Abfolge der Teilimpulse leistungsbestimmend.

Beispielsweise ist bei einem geraden Fauststoß (Choku-Zuki) aus der Vorwärtsstellung

(Zenkutsu-Dachi) folgender Ablauf zu beachten (vgl. Eichert 2003):

1. Beinstreckung über die Beinstreckermuskulatur,

2. Eindrehen der Hüfte durch die unteren schrägen Bauchmuskeln und die Adduktoren

des vorderen Beines,

3. Eindrehen des Oberkörpers durch die obere Rückenmuskulatur und

4. Armstreckung und Fauststoß durch die Armstreckmuskulatur.

Daraus wurde geschlussfolgert, dass beim geraden Fauststoß nach vorne zwei übergeordnete

Bewegungsimpulse leistungsbestimmend sind. Diese sind Beinstreckung

mit Eindrehen der Hüfte, wodurch die Hüfte nach vorne gedreht wird und Eindrehen

des Oberkörpers mit Fauststoß. Doch neben den Bewegungsimpulsen ist eine

optimale Vordehnung der Muskulatur zu nennen. Mit ihr entsteht eine Vorspannung,

womit ein höherer Kraftstoß und eine größere Beschleunigung erzeugt werden.

Allgemein ist bei der Analyse der Bewegungen im Karate festgestellt worden,

dass der zentrale Bewegungspunkt die Hüfte ist. Die Kraft bei Karatetechniken soll

aus der Körpermitte kommen, wobei die Kraftübertragung immer über die Hüfte erfolgt.

Das bedeutet spezielle Übungen zur Kräftigung der Bauch-, Rücken-, Hüftbeu-

85


ge- und Streckmuskulatur im Training einzusetzen. Die Hüfte führt dabei entweder

Kipp-, Rotations- und/oder Vibrationsbewegungen aus.

Die eben erläuterten Merkmale charakterisieren verschiedene Beschreibungsebenen

von Bewegung. Die Unterkategorie „quantitative Bewegungsmerkmale“ fasst diese

Ebenen zusammen und stellt gleichzeitig weitere heraus. Im Einzelnen können dazu

physikalische Größen genannt werden. Sie beschreiben Knotenpunkte der Bewegung,

Orts- und Zeitparameter, Winkel und Kräfte in translatorischen und rotatorischen

Phasen (vgl. Loosch 1999, S.75). Sportwissenschaftlich lassen sich nach

Loosch (1999) zwei Hauptelemente der quantitativen Bewegungsmerkmale herausstellen:

a) kinematische Merkmale mit raum-zeitlichen Parametern translatorischer und rotatorischer

Bewegungen und

b) dynamische Merkmale mit Kräften in translatorischer und rotatorischer Bewegungen.

Die Größen werden wie folgt systematisiert (vgl. Loosch 1999):

• Raum: Ortspunkte (Koordinaten), Weg (Strecke), Winkel

• Zeit: Zeitpunkt, Zeitdauer, Frequenz

• translatorisch: Weg, Geschwindigkeit, Beschleunigung (dynamisches Merkmal:

Masse, Kraft, Kraftimpuls, dynamisches Grundgesetz, Impulssatz, Impulserhaltungssatz,

potentielle Energie, kinetische Energie)

• rotatorisch: Winkel, Winkelgeschwindigkeit, Winkelbeschleunigung (dynamisches

Merkmal: Drehmoment, Drehimpuls, Massenträgheitsmoment, Drehimpulserhaltung,

dynamisches Grundgesetz, Rotationsenergie, Bahngeschwindigkeit, Zentrifugalkraft)

An dieser Stelle wird nicht näher auf die Prinzipien eingegangen, da der Rahmen der

Arbeit die Trainingsentwicklung im Allgemeinen ist.

In den Interviews der Instruktoren des SRD wurden Hochmuths biomechanische

Prinzipien (vgl. Loosch 1999) als wesentliches Merkmal der Techniken im Shotokan-

Karate erwähnt:

1) Das Prinzip des optimalen Beschleunigungsweges besteht darin, diesen so zu

wählen, dass eine maximale Endgeschwindigkeit erreicht wird. Dazu wird im

Sport der Beschleunigungsweg durch eine bestimmte Technik verlängert. Ist der

Beschleunigungsweg zu lang sinkt die Beschleunigungsleistung. Der Weg muss

also optimal gewählt werden. Das Optimum wird durch die Biomechanik des

menschlichen Körpers bestimmt. Der geschnappte Fußtritt nach vorne (Mae-geri)

ist dafür ein gutes Beispiel. Das Knie muss hierbei so hoch gezogen werden, bis

der Fuß des hochziehenden Beines auf Kniehöhe des Standbeines ist. Nun beginnt

die Schnappbewegung des Unterschenkels, bis zum Einrasten durch Muskelkontraktion.

Wird das Knie höher oder tiefer gezogen, sinkt die Beschleunigungsleistung

und der Fußtritt verliert an Wirksamkeit. Das Ziehen bis auf Kniehöhe

ist individuell verschieden.

2) Das Prinzip der Anfangskraft besagt, „dass bei einer Sprung- oder Streckbewegung

vom starren Widerlager eine kurze kräftige Bewegung entgegen der Hauptbewegungsrichtung

einen Leistungsvorteil mit sich bringt, allerdings nur dann,

wenn sich eine sofortige Bewegungsumkehr anschließt“ (Loosch 1999, S.86).

Dabei ist der Kraftimpuls bei einer Bewegung mit Auftakt größer als bei der gleichen

Bewegung ohne Auftakt. Eine schnelle Auftaktbewegung erzeugt eine Anfangskraft

während der Abbremsphase, die jedoch nur für Bruchteile einer Sekunde

zur Verfügung steht. Der Umkehrpunkt nach dem Abbremsen muss exakt

erfasst werden, um die Auftaktbewegung zur Kraftsteigerung zu nutzen. Es muss

ein genaues Timing erzielt werden, wobei die Bodenreaktionskraft ausgenutzt

86


wird. Im Kumite kann das einen Vorteil bedeuten, wenn der Angreifer ganz kurz

seinen Körperschwerpunkt senkt, leicht auf den hinteren verlagert und sofort in

die Vorwärts- und/oder Aufwärtsbewegung wechselt. Die Kraft kann dadurch vergrößert

werden. Für Fußtritte und Faustschläge ist das eine gute Möglichkeit die

Anfangskraft zu erhöhen. Außerdem ist das ein taktisches Moment, denn die angedeutete

Rückwärtsbewegung kann beim Gegner eine falsche Antizipation hervorrufen.

Es entsteht möglicherweise eine Fehleinschätzung und dadurch eine

Fehlhandlung, die zum eigenen Vorteil genutzt werden kann.

3) Das Prinzip der optimalen Tendenz des Beschleunigungsverlaufes beinhaltet „die

Optimierung des Beschleunigungs-Zeit-Verlaufs in Abhängigkeit vom Ziel der

Bewegung“ (Loosch 1999, S.88). Das bedeutet zum Beispiel für einen Faustschlag

die größte Beschleunigung an den Anfang der Bewegung zu setzen, um

die Zeit für den Schlag zu minimieren.

4) Das Prinzip der zeitlichen Koordination von Einzelimpulsen beinhaltet die zeitlich

genaue Abstimmung von Bewegungsabschnitten, um eine optimale Kopplung ihrer

Kraftimpulse zu erreichen. Das wird beispielsweise in obiger Beschreibung der

Funktionsphasen einer Karatetechnik deutlich.

5) Das Prinzip der Gegenwirkung besagt, „dass jede Bewegung eines Körperteils

(u.a. im freien Fall oder Flug) eine Gegenbewegung anderer Körperteile zur Folge

hat“ (Loosch 1999, S.89). Verdreht ein Sportler zum Beispiel den Oberkörper,

wird die gegensinnige Bewegung des Unterkörpers ausgelöst. Schlägt man zum

Beispiel die rechte Faust nach vorne, wird der linke Arm zurückgezogen.

6) Das Prinzip der Impulserhaltung ist besonders bei Drehbewegungen von Bedeutung.

Diese können durch Öffnen und Schließen in ihrer Geschwindigkeit beeinflusst

werden. Werden Körperteile an die Drehachse gebracht, wird die Geschwindigkeit

erhöht. Werden dagegen Körperteile von der Drehachse abgespreizt,

verringert sich die Geschwindigkeit. Führt ein Karateka zum Beispiel einen

gedrehten Rückwärtsfußtritt (Ushiro-geri) durch, ist seine Bewegung dadurch

schneller, indem er die Arme an den Körper zieht. Somit steigt gleichzeitig seine

Schlagkraft, die durch Masse x Beschleunigung (F=m*a) berechnet wird.

Diese Prinzipien stehen im Zusammenhang mit den newtonschen Axiomen. Axiome

sind verallgemeinerte Erfahrungen und logisch unableitbare Grundsätze, die keinen

Beweis bedürfen und unmittelbar einleuchten.

1. Axiom: Trägheitsgesetz: Jeder Körper verharrt in seinem Zustand der Ruhe oder

der gleichförmigen geradlinigen Bewegung, solange er nicht durch äußere Kräfte

gezwungen wird, seinen Bewegungszustand zu ändern.

2. Axiom: Dynamisches Grundgesetz der Mechanik: Die Änderung des Bewegungszustandes

ist der einwirkenden Kraft proportional und geschieht längs derjenigen

Linie, in der die Kraft wirkt (F=m*a).

3. Axiom: actio = reactio: Die von zwei Körpern aufeinander ausgeübten Wirkungen

(Kräfte oder Momente) sind stets gleich groß und von entgegengesetzter Richtung.

4. Axiom: Superpositionsprinzip der Kräfte: Jede Bewegung (Kraft) ist in von einander

unabhängige Teilbewegungen (Teilkräfte) zerlegbar.

Alle hier genannten Prinzipien finden im modernen Karate-Training Anwendung und

stellen Ausbildungsinhalte der Instruktorenklasse dar.

Jede Bewegung im Shotokan-Karate wurde hiernach strukturiert. Dadurch konnten

wesentliche Erkenntnisse in Bezug auf die Lern- und Trainingsmethoden festgestellt

werden. Die Anwendung der Prinzipien ökonomisiert den Lernprozess und perfektioniert

die Techniken bezüglich der Wirksamkeit und Optimierung ihres Leitbildes.

87


Qualitative Merkmale wurden in den Punkten 3.2 und 3.2.1 benannt und genauer erläutert.

Deshalb wird an dieser Stelle nicht mehr darauf eingegangen.

Das Technikleitbild stellt also eine Synthese zwischen individuellen Eigenschaften

der Athleten und biomechanischen Prinzipien dar. Dazu werden Ist- und Sollwertanalysen

vorgenommen, die bereits beschrieben wurden.

Die Bedeutung der Biomechanik kann in folgender allgemeiner Grafik kurz charakterisiert

werden:

Biomechanische Prinzipien

Konstruktionsprinzipien

des menschlichen

Körpers

4.3.5) Trainingsinhalte

Funktionsprinzipien

des menschlichen

Körpers

aus biologischen Besonderheiten des

menschlichen Bewegungsapparates abgeleitete

biomechanische Prinzipien

Trainingsinhalte sind die karate-spezifischen Elemente Kata, Kihon und Kumite. Sie

lassen sich einzeln trainieren, aber bilden im klassischen Shotokan-Karate eine Einheit.

In der hoch spezialisierten Sport- und Wettkampfform des Shotokan-Karate

werden sie stark getrennt und unterliegen der Transformation in wettkampffähige

Technikvarianten. Dazu wird Kihon zur Technikaneignung benutzt. Kata und Kumite

bilden die spezifischen Wettkampfformen. Die in den Trainingsmethoden beschriebenen

Prinzipien finden dabei ihre charakteristischen Anwendungen.

Besonders muss hier das Prinzip der Bildung der Ganzheitlichkeit von Körper und

Psyche durch das Training einerseits und das Befolgen der Dojokun andererseits

genannt werden (siehe Gedächtnisprotokoll Sensei Jörg Kohl). Das ist ein wesentliches

Ziel des Trainings im SRD. Die Trainingsinhalte liefern dafür eine Basis. Sie

können nur vervollkommnet und darauf kann nur aufgebaut werden, wenn ihre Elemente

als Einheit begriffen und die bisher erläuterten Prinzipien beachtet werden.

Die Geschichte lehrt, dass Kumite aus Katas extrahiert und daraus wiederum die

Grundschule (Kihon) entwickelt wurde.

Aus dem Entwicklungsgrad der karate-spezifischen Fähigkeiten und Fertigkeiten der

Athleten wird der genaue Trainingsinhalt, innerhalb der Trainingsplanung, für Makro-

und Mikrozyklen erstellt. Er ergibt sich aus allen bisher benannten Fakten und Erläuterungen.

Um das alles tatsächlich umsetzen zu können, müssen die Trainer diese

speziellen Kompetenzen aufweisen, die sich teilweise im Trainerwissen widerspiegeln.

88

bewegungskreterische

Prinzipien zielgerichteter

sportlicher Bewegungen

auf mechanische

Gesetzmäßigkeiten

beruhend


4.3.6) Trainerwissen

Das Wissen der Interviewpartner speist sich aus ihren gesammelten Erfahrungen,

dem Training bei fortgeschritteneren Meistern, aus dem Dialog mit anderen Trainern,

aus Fachliteratur und Fachvideos, aus Eigenengagement, Selbstreflexion und aus

den durchlaufenen Trainerausbildungen.

Es stellt sich heraus, dass das Fachwissen der Interviewpartner unterschiedlich ausgeprägt

ist. Es lässt sich in die Bereiche Wettkampfsport und klassisches Karate-Do

unterteilen. Während die Trainer des DKV eher im ersteren Bereich

fortgeschritten sind, liegt die Hauptgewichtung der Ausbildung der

Trainer des SRD im zweitgenannten Bereich. Die Trainer des SRD

betonten den großen Nutzen der ca. dreijährigen Instruktorenausbildung,

die Sensei L. B. Sàfàr gab (siehe Abbildung rechts).

Die durch die Universität von Long Island wissenschaftlich überprüfte

und verbesserte Instruktorenausbildung hat folgende theoretische

und praktische Inhalte:

Themen für die theoretischen Arbeiten

Nr. Thema Bezug Einheiten

1 Was ist Karate-Do? K-G 1

2 Systematik der Karatetechniken K-T 1

3 Der Unterschied zwischen Sport und Karate-Do K-G 1

4 Der Wert des Karate für die körperliche Entwicklung P-G 1

5 Körperteile, die im Karate-Do benutzt werden K-T 1

6 Karate und Kinesologie K-O 1

7 Stellungen im Karate-Do K-T 2

8 Krafterzeugung durch Körperrotation im Karate K-O 1

9 Krafterzeugung durch Körperverschiebung im Karate K-O 1

10 Krafterzeugung durch Körpervibration im Karate K-O 1

11 Die Gegenkraft in Karatetechniken K-O 1

12 Stoßtechniken (Zuki-waza) K-T 2

13 Körperexpansion und -kontraktion im Karate K-O 1

14 Fußtechniken (Keri-waza) K-T 2

15 Die Geschichte des Karate-Do P-H 1

16 Historische Unterschiede zwischen Sport und Kampfkunst P-H 1

17 Die wechselseitige Beeinflussung von orientalischer Kultur

und Kampkünsten

P-H 1

18 Schlagtechniken (Uchi-waza) K-T 2

19 Kumite K-T 2

20 Blocktechniken (Uke-waza) K-T 2

21 Motivation und Wege zu deren Verstärkung P-P 1

22 Karate und Persönlichkeit P-P 1

23 Karatetraining und geistige Konzentration P-P 1

24 Karatetraining und Umgebung P-P 1

25 Der psychologische Zustand und seine Auswirkungen auf

die Technik

P-P 1

26 Psychologischer Zustand und Reflexhandlungen P-P 1

89


27 Der ideale psychologische Zustand für Schüler während des

Gruppenunterrichts

P-P 1

28 Techniken zur Gleichgewichtsbrechung K-T 2

29 Gelenk- und Muskelbewegungen in wichtigen Fußtechniken K-O 1

30 Gelenk- und Muskelbewegungen in wichtigen Handtechniken

K-O 1

31 Stellungen und die Prinzipien der Dynamik K-O 1

32 Die Erklärung der Körperverschiebung aus den Prinzipien

der Dynamik

K-O 1

33 Karate und Selbstverteidigung K-T 1

34 Gesundheitsfürsorge für den Karateka H-S 1

35 Die Verhinderung und Behandlung von Verletzungen H-S 1

36 Kata K-T 2

37 Der Unterschied zwischen technikorientiertem und körper- P-G 1

orientiertem Training

38 Die Vorbereitung von Trainingsplänen K-T 1

39 Das Schiedsrichten bei Karatewettkämpfen K-T 1

40 Prüfungen im Karate K-T 1

41 Eigenes Thema 3

Erläuterungen:

K-G Einführung in das Karate

K-T Karatetechniken

K-O Kinesologie (=Lehre von der Muskelbewegung)

P-G Einführung in die Körpererziehung

P-H Geschichte der Körpererziehung

P-P Psychologie der Körpererziehung

H-S Gesundheitsfürsorge

Praktische Themen

Nr. Grundlagen Kata Kumite

1. Einführung Heian 1 – 5 Sanbon- & Gohon-Kumite

2. Körperteile, die im Karate

benutzt werden

Heian 1 u. 2 Rückblick

3. Stellungen im Karate Heian 3 u. 4 Ippon-Kumite

4. Krafterzeugung durch Körperrotation

im Karate

Rückblick & Chinte Rückblick

5. Krafterzeugung durch Körperverschiebung

im Karate

Rückblick Rückblick

6. Krafterzeugung durch Kör- Heian 5 u. Tekki 1 Ippon-Kumite (Handtechpervibration

im Karate

niken)

7. Körperexpansion- u. –kontraktion

Rückblick & Tekki 2 Rückblick

8. Stoßtechniken (Zuki-waza) Bassai Dai & Hangetsu Ippon-Kumite (Fußtechniken)

10. Fußtechniken (Keri-waza) Kanku-Dai & Jion Jiyu-Ippon-Kumite

11. Blocktechniken (Uke-waza) Rückblick Rückblick

12. Techniken zur Gleichge- Gankaku & Jitte Jiyu-Ippon-Kumite (Handwichtsbrechungtechniken)

13. Wurftechniken Rückblick Rückblick

14. Ausweichtechniken Empi & Sochin Jiyu-Ippon-Kumite (Fußtechniken)

90


15. Kombinationstechniken (offensiv)

Rückblick Rückblick

16. Kombinationstechniken (defensiv)

Unsu & Chinte Jiyu-Kumite

17. Selbstverteidigung im Stehen

Rückblick Rückblick

18. Selbstverteidigung im Sit- Bassai & Kanku-Sho Jiyu-Kumite (Handtechnizen

(am Boden)

ken)

19. Selbstverteidigung im Sitzen

(Stuhl)

Rückblick Rückblick

20. Selbstverteidigung gegen Nijushiho Jiyu-Kumite (Fußtechni-

bewaffnete Angreifer

ken)

21. Selbstverteidigung gegen

mehrere Angreifer

Heian 1-5 & Chinte Rückblick

22. Selbstverteidigung in be- Rückblick Jiyu-Kumite (Gleichgesonderen

Situationen

wichtsbrechung)

23. Kihon-Unterricht Bassai-Sho Jiyu-Kumite (offensiv)

24. Kata-Unterricht Rückblick Rückblick

25. Kumite-Unterricht Rückblick Jiyu-Kumite (defensiv)

26. Leitung von Unterrichtsstunden,

Weiterbildungen u.

Lehrgängen

27. Organisation u. Durchführung

von Vorführungen

28. Schiedsrichten (Kata-

Wettbewerbe)

29. Schiedsrichten (Kumite-

Wettbewerbe)

Rückblick Rückblick

Rückblick Tekki 1-3 Jiyu-Kumite Taktik & Strategie

Rückblick Shorin-Kata Rückblick

Rückblick Shorei-Kata Jiyu-Kumite (Psychologie)

Die Themenschwerpunkte wurden von Arnfried Krause zur Verfügung gestellt. Sie

zeigen die ausführliche Ausbildung in allen Shotokan-Karate-spezifischen Inhalten.

Zu den theoretischen Themen müssen Arbeiten im Umfang von je ca. 500 Worten

geschrieben werden. Prüfungen und von den Teilnehmern zu gebende Lehrstunden

sind hierbei mit inbegriffen. Zur Instruktorenausbildung werden Schwarzgurtträger ab

2. Dan zugelassen.

Die Ausbildung der Trainer des DKV besteht aus der Gliederung in Übungsleiter- und

Trainerebenen. Grundlage bildet der Übungsleiter Breitensport, worauf die Fachübungsleiter-C-Lizenzen

mit weiteren Spezifizierungen folgen, die in folgender Grafik

veranschaulicht werden:

Breitensport

Fachübungsleiter-B

Karate- Lehrer/in

Fachübungsleiter/in-C

Fachübungsleiter-B

Frauen Selbstbehauptung

/ Selbstverteidigung

91

Fachübungsleiter-B

Gesundheitstraining


Die Ausbildung zu den Spezialisierungen als Fachübungsleiter-B ist auch mit der

Leistungssportspezialisierung des/der Trainer/in-C möglich. Die Trainer/in-C-Lizenz

ist Voraussetzung für den Erwerb der Trainer/in-B-Liznez, mit der Spezialisierung in

den Bereichen Kata und Kumite. Daran kann die Ausbildung zum Trainer-A erfolgen,

ebenfalls mit den Spezialisierungen in Kata und Kumite. Um Bundestrainer zu werden

ist die A-Lizenzierung Grundvoraussetzung. Die höchste Stufe ist ein erfolgreich

abgeschlossenes sportwissenschaftliches Universitätsstudium mit der Spezialisierung

im Bereich Karate.

Folgende Themen sind Inhalte der Fachübungsleiter/in-C-Lizenzausbildung:

I. Organisation / Recht: 13 UE

• Struktur der Lizenzausbildung im DSB / DKV (2 UE)

• Struktur und Aufgaben der Sportorganisationen (2 UE)

• Sport und Umwelt (2 UE)

• Rechtsfragen I: Vereinsrecht, Aufsichts-/Haftpflicht (3 UE)

• Rechtsfragen II: Notwehrrecht (2 UE)

• Planung von Karateveranstaltungen (2 UE)

II. Sportbiologie: 18 UE

• Anatomische Grundlagen (3 UE)

• Physiologische Grundlagen (3 UE)

• Anpassungsvorgänge des Organismus (2 UE)

• Sportverletzungen und Sportschäden (3 UE)

• Körperliche Entwicklung, Belastungs- u. Leistungsfähigkeit (2 UE)

• Aufwärmtraining (2 UE)

• Funktionelle Dehnung und Kräftigung (3 UE)

III. Sportpädagogik / Sportpsychologie: 28 UE

• Ethische Ansprüche im Karate (2 UE)

• Gruppenpädagogik und Führungsstile (4 UE)

• Allgemeine und karatespezifische Vermittlungsmethodik (8 UE)

• Lehren und Lernen im Karate (8 UE)

• Entwicklungspsychologische Grundlagen (6 UE)

IV. Allgemeine Trainingslehre: 14 UE

• Trainingsprinzipien (4 UE)

• Konditionelle und koordinative Fähigkeiten am Beispiel ausgewählter Praxisinhalte

(10 UE)

V. Spezifika des Karate-Do: 17 UE

• Geschichte und Philosophie des Karate (3 UE)

• Kriterien des Karate (4 UE)

• Spektren der Karate-Grundtechniken (6 UE)

• Spezifika verschiedener Stilrichtungen (4 UE)

VI. Breitensport im Karate: 30 UE

• Aufbau und Inhalte eines Anfängerkurses (6 UE)

• Kihon im Breitensport (4 UE)

• Kata im Breitensport (6 UE)

• Kumite im Breitensport (6 UE)

• Selbstverteidigungen (2 UE)

Karate mit Kindern (2 UE)

Karate mit Älteren (2 UE)

• Trainingsplanungen im Breitensport (4 UE)

92


Darauf aufbauend ergeben sich nachstehende Inhalte der Trainer/in-C-Ausbildung:

I. Sportpolitik / Organisation: 13 UE

• Struktur der Lizenzausbildung im DSB / DKV (2 UE)

• Struktur und Aufgaben der Sportorganisationen (2 UE)

• Sport und Umwelt (2 UE)

• Rechtsfragen I: Vereinsrecht, Aufsichts-/Haftpflicht (3 UE)

• Rechtsfragen II: Notwehrrecht (2 UE)

• Planung von Karateveranstaltungen (2 UE)

II. Sportbiologie: 18 UE

• Anatomische Grundlagen (3 UE)

• Physiologische Grundlagen (3 UE)

• Anpassungsvorgänge des Organismus (2 UE)

• Sportverletzungen und Sportschäden (3 UE)

• Körperliche Entwicklung, Belastungs- u. Leistungsfähigkeit (2 UE)

• Aufwärmtraining (2 UE)

• Funktionelle Dehnung und Kräftigung (3 UE)

III. Sportpädagogik / Sportpsychologie: 28 UE

• Ethische Ansprüche im Karate (2 UE)

• Gruppenpädagogik und Führungsstile (4 UE)

• Allgemeine und karatespezifische Vermittlungsmethodik (8 UE)

• Lehren und Lernen im Karate (8 UE)

• Entwicklungspsychologische Grundlagen (6 UE)

IV. Allgemeine Trainingslehre: 14 UE

• Trainingsprinzipien (4 UE)

• Konditionelle und koordinative Fähigkeiten am Beispiel ausgewählter Praxisinhalte

(10 UE)

V. Spezifika des Karate-Do: 17 UE

• Geschichte und Philosophie des Karate (3 UE)

• Kriterien des Karate (4 UE)

• Spektrum der Karate-Grundtechniken (6 UE)

• Spezifika verschiedener Stilrichtungen (4 UE)

VI. Wettkampsport im Karate: 30 UE

• Wettkampfreglement des DKV (6 UE)

• Kata im Grundlagentraining (6 UE)

• Kumite im Grundlagentraining (6 UE)

• Wettkampf-Karate mit Kindern und Jugendlichen (6 UE)

• Trainingsplanung im Leistungssport (6 UE)

Die Trainer-B-Ausbildung schließt mit folgenden Inhalten an:

I. Sportpolitik / Organisation: 2 UE

• Leistungssportförderung auf Landesebene (2 UE)

II. Sportbiologie: 14 UE

• Sportmedizinische Betreuung (4 UE)

• Physiotherapeutische Maßnahmen (4 UE)

• Wettkampfgerechte Ernährung (2 UE)

• Ethische und medizinische Fragen des Doping (2 UE)

• Verletzungen im Karate-Leistungssport (2 UE)

93


III. Sportpädagogik / Sportpsychologie: 12 UE

• Rolle und Funktion des/der Trainer/in (2 UE)

• Maßnahmen zur Regulation psychischer Beanspruchung (4 UE)

• Entspannungsverfahren im Wettkampf-Karate (4 UE)

• Pädagogische und psychologische Betreuung im Kinder-/Jugendtraining

(2 UE)

IV. Allgemeine Trainingslehre: 14 UE

• Training der motorischen Grundeigenschaften (6 UE)

• Trainingsplanung im Leistungssport (4 UE)

• Biomechanische Grundlagen im Karate (4 UE)

V. Leistungsport im Karate: 18 UE

• Kata- und Kumite-Wettkampftaktik (3 UE)

• Kumite-Methodik im Aufbautraining (6 UE)

• Kata-Methodik im Aufbautraining (6 UE)

• Talentsichtung und -auswahl (3 UE)

Die Trainer-A-Ausbildung beinhaltet folgende Themen und Schwerpunkte:

I. Sportpolitik / Organisation: 2 UE

• Leistungssportförderung auf Bundesebene (2 UE)

II. Sportbiologie: 12 UE

• Physiologische Parameter der Leistungssteuerung (4 UE)

• Funktionell-anatomische Bewegungsanalyse (4 UE)

• Sportschadens- und -verletzungsprophylaxe (4 UE)

III. Sportpädagogik / Sportpsychologie: 14 UE

• Führungsverhalten und -methoden (4 UE)

• Stressmanagement (5 UE)

• Mentales Training (5 UE)

IV. Allgemeine Trainingslehre: 32 UE

• Konditionelle Fähigkeiten im Leistungstraining (6 UE)

• Koordinative Fähigkeiten im Leistungstraining (6 UE)

• Biomechanische Bewegungsanalyse (6 UE)

• Allgemeine und karatespezifische Leistungsdiagnostik (4 UE)

• Periodisierung und Trainingsplanung (8 UE)

• Wettkampfsteuerung (2 UE)

V. Leistungsport im Karate: 30 UE

• Kata-Methodik im Leistungstraining (6 UE)

• Kumite-Methodik im Leistungstraining (6 UE)

• Erstellung von Rahmentrainingsplänen Kata (4 UE)

• Erstellung von Rahmentrainingsplänen Kumite (4 UE)

• Taktik und Strategie im Leistungs-Karate (6 UE)

• Talentförderung (4 UE)

UE = Unterrichtseinheit, eine UE=45 Minuten

Die Ausbildungsinhalte der verschiedenen Lizenzebenen wurden dem Handbuch des

Deutschen Karate Verbandes e.V. 2002, 7. Auflage, vgl. S.233-257 entnommen.

Auf die spezifischen Inhalte der Fachübungsleiter-B-Lizenzen wird nicht näher eingegangen.

Wichtig festzuhalten ist, dass diese weiteren Fokussierungen und Spezialisierungen

auf der Ebene der Versportlichung starke Veränderungen im Trainingssystem

des Shotokan-Karate darstellen.

Im klassisch betriebenen Karate-Do sind diese Elemente integriert und werden als

Einheit vermittelt. Die Ausdifferenzierung der Elemente führt zur Herausbildung

94


hochspezialisierter Experten in den spezifischen Bereichen, wodurch ein Verlust der

Ganzheit und somit des ursprünglichen Inhalts des Shotokan-Karates entsteht.

Aus Erfahrungen des Autors, der verschiedene Ausbildungen des DKV durchlaufen

hat, muss festgestellt werden, dass die oben genannten Inhalte nur Richtlinien darstellen,

die in diesem Umfang, nicht realisiert wurden. Diese Erfahrung wird von anderen

Trainern und Übungsleitern des DKV bestätigt. Daraus ergibt sich die Kritik,

dass die Ausbildung innerhalb des DKV eher quantitativ ist, um womöglich eine große

Anzahl von Übungsleitern und Trainern aufzuweisen. Die Sicherung und Umsetzung

einer qualitativ hochwertigen Ausbildung war nicht gegeben. Dieser Kritikpunkt

ist eine theoretische Annahme, die einer genaueren Untersuchung bedarf. Es könnten

auch Einzelerfahrungen sein, die nicht der Regel entsprechen. Für eine Annahme

dieser Theorie spricht, dass die vom Autor besuchten Ausbildungen auch von

vielen anderen Übungsleitern und Trainern besucht wurden. Durch Berichte anderer

Trainer über spezielle Ausbildungen kann diese Aussage gefestigt werden. So wurde

zum Beispiel die Trainer-B-Ausbildung, des Jahres 2003, auf drei Sonnabende reduziert,

wobei nur wenige der oben genannten Rahmeninhalte gelehrt bzw. angeschnitten

wurden. Das bekräftigen auch die Aussagen des A-Trainers J. Waterstradt, der

nur wenig wissenschaftliche Erläuterungen, vor allem auf die Spezifik des Shotokan-

Karates bezogen, nennen konnte und die Ausbildungsinhalte nicht in das Training

übertrug (siehe 4.2.2).

In wie weit die Ausbildungsinhalte der Instruktorenklasse des SRD umgesetzt werden

kann an dieser Stelle nicht festgestellt werden. Die Erfahrungen des Autors, der

am Trainingsprozess und bei einem speziellen Instruktortraining teilgenommen hat

sowie die Interviewanalyse sprechen jedoch für eine nahezu vollkommene Umsetzung

der genannten Inhalte.

Das Trainerwissen ist ein wesentlicher Anhaltspunkt, der die Entwicklung im Trainingssystem

auf praktischer Ebene teilweise widerspiegelt. Es kann partiell festgestellt

werden, dass Theorie und Praxis, innerhalb der vorgegebenen Ausbildungsmuster,

nicht in diesem Umfang realisiert werden. Diese Aussage betrifft hauptsächlich

den hoch spezialisierten Bereich der Lizenzausbildung des DKV.

Der Stellenwert der Ausbildung wurde von den Trainern des DKV eher niedrig eingeschätzt.

Die praktischen Erfahrungen und die Orientierung an den Konzeptionen der

Bundestrainer ist eine bedeutendere Quelle des Wissenserwerbs.

Der Stellenwert der Ausbildung wurde von den Trainern des SRD als besonders

hoch charakterisiert. Ebenso wichtig sind die praktischen Erfahrungen und das Training

mit und unter erfahreneren Karate-Meistern sowie der Dialog mit ihnen.

Das Trainerwissen stellt eine wesentliche und grundlegende Komponente in der

Entwicklung des Trainingssystems dar.

Zusammenfassend lasen sich aus allen Ableitungen, Vergleichen und Schilderungen

grundlegende und allgemeine Hauptkategorien und spezifische Unterkategorien gemittelt

darstellen. Somit ergibt sich folgende Übersicht (siehe nächste Seite):

95


4.3.7) Kategoriendarstellung

In folgender Tabelle werden die festgestellten allgemeinen Kategorien zusammenfassend

dargestellt:

Hauptkatego-

rien

Unterkategorien

Trainingsziele

- Wettkampf

- Leistungssport

- Motive

- Körperbildung

- Geistesbildung

- Charakterbildung

- Kompetenzentwicklung

4.3.8) Prinzipienerstellung

Trainingsplanung

- Trainingsvorbereitung

- Rahmenkonzeption

- Periodisierung

- Zyklisierung

- Makrozyklus

- Mikrozyklus

Trainingsmethoden

- Allgemeine

Prinzipien

- Informationsgestaltung

- methodische

Gestaltung

- Methoden der

Kondition &

Koordination

- Trainingsmittel

- Techniktraining

- Technikaneignungstraining

- Stabilisierungstraining

- Anwendungstraining

- Variationstraining

- PsychologischesTraining

- Fehlerkorrektur

- Didaktische

Prinzipien

96

Technikleitbild

- allgemeine

Prinzipien

- Funktionsphasen

- Qualitative

Bewegungsmerkmale

- Quantitative

Bewegungsmerkmale

- Bewegungsanalyse

- Sollwert

- Istwert

Trainingsinhalte

- Strukturierung

- Systematisierung

- Spezialisierung

- Ganzheitlichkeit

- Zielabhängigkeit

Trainerwissen

- sportartspezifische

Literatur

- sportartspezifische

Videos

- eigene Erfahrungen

- andere

Trainer,

Lehrer,

Meister

- Ausbildung

- Sportler,

Athleten

Aus den Erläuterungen und Analysen der Interviews, im Zusammenhang mit sportwissenschaftlichen

Erkenntnissen und den geschichtlich, traditionellen, philosophischen

und klassischen Werten lassen sich allgemeine Prinzipien ableiten. Sie stellen

entscheidende Grundsätze innerhalb des Shotokan-Karate-Trainings dar und kennzeichnen

eine Überschneidung von theoretischen, sportwissenschaftlichen Erkenntnissen

mit praktischen, sportlichen Anwendungen. Man kann sie als „Praxisregeln“

bezeichnen (vgl. Roth (Hrsg.) 1996, S.85).

1. Prinzip der Trainingsplanung: Alle Trainer erstellen nach verschiedenen Mustern

Trainingspläne. Im Vergleich zu den Anfängen des Shotokan-Karate-Trainings

ist das eine wesentliche Veränderung innerhalb des Trainingssystems. Hierzu gilt die

Aussage, dass nur ein planmäßig gesteuertes und kontinuierlich durchgeführtes

Training Anpassungen und gewünschte Effekte erzielt.

2. Prinzip der Komplexität (in Anlehnung an Roth (Hrsg.) 1996, S.86): Das Training

stellt sich nicht mehr als die Ausführung der Kata dar, wie es bis zum 20. Jahrhundert

üblich war, sondern als interdisziplinäres Tätigkeitsfeld sowohl für Trainer als

auch für Athleten. Die bereits durchgeführte Fähigkeits- und Fertigkeitsanalyse ist


hierzu nur ein Beispiel. Trainer und Athleten setzen sich mit psychologischen, soziologischen,

pädagogischen, physiologischen, physikalischen, biomechanischen, philosophischen,

traditionellen, allgemein sportwissenschaftlichen, methodischen, didaktischen,

motivationalen, biologischen, entwicklungspsychologischen u.a. Elementen

im Trainingssystem des Shotokan-Karate auseinander. Aber nicht nur dies macht

das Prinzip der Komplexität aus, sondern auch die Bewegungs- und Kombinationsvielfalt

der Shotokan-Karate-Techniken. Die letztlich angestrebte automatisierte und

variationsfähige Anwendung der Techniken unter realen Bedingungen stellt eine hohe

Komplexität des Trainings und der psycho-physischen Verarbeitungsebene dar.

3. Prinzip der Funktionalität (in Anlehnung an Roth (Hrsg.) 1996, S.87): Das Training

und alle bisher beschriebenen Elemente und Prinzipien unterliegen dem Funktionsprinzip.

Die Spezialisierung im sportlich betriebenen Karate und auch das erweiterte

klassisch betriebene Shotokan-Karate haben das deutlich herausgestellt. Im

Wettkampf sind nur Techniken erfolgreich, die nach Wettkampfanalysen und wettkampfspezifischem

Training unter Wettkampfbedingungen Punkte in gestellten Situationen

erzielen. Dabei stellt sich die Ausdifferenzierung in den Bereichen Kumite und

Kata besonders deutlich heraus. Es werden Techniken so verändert, dass sie im

Wettkampf einsetzbar sind. Abwehrbewegungen stehen im Hintergrund und Angriffstechniken

werden hoch funktional und spezialisiert trainiert. Die alten philosophischen

und traditionellen Ansichten sind nach westlichem Standart eher mythisch und

esoterisch. Deshalb sind sie im modernen Sportkarate vollkommen überflüssig (vgl.

R. Jakhel 2002). Es kristallisiert sich das Prinzip der Funktionalität von Techniken im

Wettkampf und somit auch die Funktionalität des Trainingsprozesses heraus. Im

klassisch betrieben Shotokan-Karate ist die Funktionalität in der Weiterentwicklung

der Systematisierung innerhalb des Trainings sichtbar. Es werden hierzu Analysen

vorgenommen und wissenschaftliche Untersuchungen durchgeführt, wie zum Beispiel

von der Universität Long Island, um Wege zu finden Karate im klassischen Sinne

leichter und schneller „beizubringen“ bzw. zu unterrichten. Es soll dabei keinen

Verlust der philosophischen und traditionellen Werte, Wurzeln und Ursprünge geben.

Die Funktionalität von Karate, Mensch und Umwelt bildet schließlich das ganzheitliche

Ziel, wie es auch im SRD formuliert wird. Funktionalität wird durch Analysen,

Technikleitbilder, Fehlerkorrekturen, Technikoptimierungen, Anwendung verschiedener

Übungsformen und Methodiken und durch Anpassung an Entwicklungsprozesse

und moderne Erkenntnisse gewährleistet.

4. Prinzip der Spezialisierung: Sowohl im sportlich betriebenen Karate als auch im

klassisch betriebenen Karate findet das Prinzip der Spezialisierung Anwendung. Die

Spezialisierung im Bereich des sportlich betriebenen Karate wurde schon mehrmals

beschrieben. Durch die ständigen Analysen, besonders von Wettkämpfen, werden

Veränderungen im Trainingsprozess vorgenommen, um die Anwendung spezieller

Techniken bzw. von Spezialtechniken zu optimieren und zu perfektionieren. Die Spezialisierung

von Trainingsverfahren, besonders im Bereich der Vermittlung von Techniken,

stellt eine Charakteristik des klassisch betriebenen Shotokan-Karates dar. Es

kann festgestellt werden, dass Spezialisierung einerseits in der Umwandlung von

Techniken für den Wettkampfgebrauch und den damit verbundenen Trainingsverfahren

stattfindet und andererseits in der Synthese zwischen klassischen Trainingsmethoden

und –inhalten mit modernen sportwissenschaftlichen Erkenntnissen liegt.

Letzteres beschreibt eine Spezialisierung des Trainingssystems durch Systematisierung

relevanter Inhalte.

97


5. Prinzip der Qualität: Hier stellen sich verschiedene Bedeutungen des Begriffes

Qualität in Bezug auf Shotokan-Karate dar. Zum einen bedeutet es die optimale Ausführung

von Techniken mit dem sportlichen Ziel einen Punkt im Wettkampf zu landen

oder mit dem realistischen Ziel Selbstverteidigungssituationen sicher zu bewältigen.

Das bedeutet die Ausführung einer qualitativ hochwertigen Technik unter „Qualitätsdruck“

(vgl. Roth (Hrsg.) 1996, S.98). Zum anderen beschreibt Qualität das Merkmal

der Ausbildung von Athleten und Trainern und somit des Trainingsprozesses und der

damit verbundenen Trainingsvorbereitungen. Es müssen Qualitätsmerkmale für das

sportlich, wettkampfbetriebene und das klassisch betriebene Karate festgestellt werden.

Wettkampftechniken wurden aus den spezifischen klassischen Techniken entwickelt.

Beide Kategorienklassen folgen den gleichen biomechanischen und motorischen

Prinzipien, unterscheiden sich aber in ihrer Umsetzung und Anwendung.

6. Prinzip der Quantität: Dieses Prinzip beschreibt auf einer Ebene die Entwicklung

des Sport- und Wettkampfkarate zum Massensport, wobei der Verlust von korrekter

Form und Qualität der Technik hingenommen wird. Das stellten auch R. Masella und

J. Waterstradt im Interview deutlich heraus. Der DKV deklariert für das Jahr 2004 ca.

110000 Mitglieder. Da das Bestreben des Sport- und Wettkampfkarate die Teilnahme

an den olympischen Spielen ist, müssen viele Menschen hinter der Organisation stehen.

Deshalb wird ein Qualitätsverlust in Kauf genommen und das klassische Technikprinzip

rationalisiert, umstrukturiert und ökonomisiert (vgl. Jakhel 2002). Die Qualität

des kämpferischen Inhalts der Kata weicht einer Angleichung der Kata an Ausführungsmöglichkeiten

der Athleten, dem Ästhetikprinzip und wechselt zum Prinzip der

Quantität. Die Fähigkeit viele Shotokan-Karate-Techniken variabel einsetzen zu können

weicht der Entwicklung von 2-3 Spezialtechniken unter standardisierten Bedingungen.

Das sind vor allem die Bedingungen des Wettkampfes. Der Wettkampf wird

auf wenige Techniken reduziert, wodurch es eine Reduktion von Situationen gibt.

Außerdem werden die Spezialtechniken standardmäßig unter Wettkampfanalysen

trainiert. Die Qualität der Fähigkeit der Anwendung von Techniken unter realen Bedingungen

weicht der Quantität von Technikausführungen im Wettkampf. Die Wettkampftechniken

sind qualitativ hochwertig, jedoch nur unter den Merkmalen der

Techniken für den Wettkampf. Die Ausdifferenzierung innerhalb des Systems des

Shotokan-Karate wird an diesem Prinzip gut verdeutlicht.

7. Prinzip der Versportlichung: Aus den oben beschriebenen Kategorien und Prinzipien

kann das Prinzip der Versportlichung im Trainingssystem des Shotokan-

Karate abgeleitet werden. Sport bedeutet so viel wie Zeitvertreib und Belustigung. Da

der Leistungssport eine wichtige Komponente ist, vor allem um Karate olympisch zu

machen, muss er trainiert werden. Doch von den 110000 Mitgliedern im DKV betreibt

der geringste Prozentsatz Leistungssport. Die breite Masse der im DKV organisierten

Mitglieder übt Karate als Freizeit- und Breitensport, wovon viele selbstverständlich

auch das klassisches Karate-Do trainieren. Aber die Methoden richten sich nach den

wenigen Leistungssportlern. In den Aussagen der Trainer des DKV und aus der gesichteten

wissenschaftlichen Literatur verschiedener Sportkaratetrainer wird deutlich

herausgestellt, dass sie sich in ihren Trainingsvorbereitungen und praktischen Umsetzungen

an den Richtlinien der Bundestrainer orientieren. Die Bundestrainer üben

nach den sportlichen Aspekten und Analysen, besonders im Bereich der Techniken

im Kumite und der Ästhetik der Kata. Die klassischen Prinzipien werden wegrationalisiert,

wie bereits festgestellt wurde. Hinzu kommen die Wettkampfrichtlinien nach

den Prinzipien des DSB und anderen sportlichen Einrichtungen, um „salonfähig“ für

die olympischen Spiele zu werden. Es entstehen neue sportliche Regeln, die als

98


Wertemaßstäbe für den Wettkampf benutzt werden können. Die Prinzipien des Leistungsstrebens,

des „Höher, Schneller, Weiter“, des Siegstrebens und der „Ruhmsuche“

rücken in den Vordergrund und werden Hauptmotive im Training. Die ursprünglichen

Gedanken der Charaktervervollkommnung, der Überwindung seiner Selbst

und der oben beschriebenen klassischen, traditionellen und philosophischen Werte

werden abgelehnt und dem westlichen Standardverständnis angepasst. Das Prinzip

der Versportlichung von Shotokan-Karate bedeutet einen Verlust klassischer Inhalte

und eine Transformation spezifischer Techniken in wettkampffähige Technikvarianten

mit anderen sportiven Philosophien. Das stellt eine starke Veränderung innerhalb

des Trainingssystems dar. Der Begründer des modernen Karate, Funakoshi Gichin,

der es als Friedensbotschaft nach Japan brachte, betonte immer folgendes:

”Das höchste Ziel im Karate-Do ist nicht der Sieg oder

die Niederlage, sondern die Perfektion des

menschlichen Charakters!”

(Kalligrafie und Gedicht von Funakoshi Gichin; Quelle: Schlatt 1999, S.213)

8. Prinzip der Modernisierung: Die Versportlichung bewirkt gleichzeitig eine Modernisierung

im Trainingsprozess und in der Systematik des klassischen Shotokan-

Karate. Aber Modernisierung findet auch im Trainingsprozess des klassischen Shotokan-Karate

selbst statt. Durch die Synthese von wissenschaftlichen Erkenntnissen

und traditionellen Mustern wird die Qualität des Trainings in diesem System verbessert.

Dafür sind die oben genannten Ausbildungsthemen der Instruktorenklasse ein

hervorragendes Beispiel. Das stellt einen wesentlichen Veränderungsprozess im

Trainingssystem des Shotokan-Karate dar.

9. Prinzip der Individualisierung (in Anlehnung an Roth (Hrsg.) 1996, S.89): Im

Sport und in der Gesellschaft ist die Individualisierung ein wesentliches Merkmal des

sozialen Wandels. Im Shotokan-Karate muss mit Partnern geübt werden, aber jeder

nach seinen eigenen psychischen und physischen Grenzen. Es wird individuell trainiert,

besonders im Wettkampfkarate. Wie bereits festgestellt wurde, entwickeln

Wettkampfsportler Techniken nach ihren individuellen Gegebenheiten weiter. Im

klassisch betriebenen Karate formt sich nach langen Jahren des Trainings ein individueller

Stil. Individualisierung ist ein wesentlicher Punkt im Sport. Aus der Geschichte

des Shotokan-Karate ist ableitbar, dass schon immer individuell, von Lehrer zu

Schüler, Karate weitergegeben und gelehrt wurde. Diese Entwicklung stoppt teilweise

beim sportlichen Massentraining (Bsp.: Großlehrgänge mit vielen hundert Teilnehmern

unter berühmten Sportkaratemeistern, die beachtliche Erfolge bei internati-

99


onalen Meisterschaften erlangt haben). Dort kann nicht auf individuelle Bedürfnisse

und Gegebenheiten eingegangen werden. Aber jeder dieser Sportler übt individuell

weiter. Möglicherweise stellt das ein Merkmal des Qualitätsverlustes dar.

10. Prinzip der Ganzheitlichkeit: Hierbei wird die Ganzheit von Mensch und Umwelt

durch Shotokan-Karate-Training bestimmt. Durch körperliches Training, mit dem Bewusstsein

der charakterlichen Werte und Inhalte des Karate-Do, aber auch durch das

Umsetzten der wettkampfspezifischen Werte und Regeln, können soziale Fähigkeiten

verbessert, Selbstbewusstsein gesteigert und der Umgang mit der Umwelt erleichtert

werden. Die Einheit der Elemente Kata, Kumite und Kihon stehen im Zusammenhang

mit der Einheit von Karate und Leben. Das ist das Prinzip im klassisch

betriebenen Karate-Do. So wie die genannten Einzelelemente zu einem Ganzen zusammengefügt

werden, so wird auch die Persönlichkeit des Übenden durch Karatetraining

für sich selbst, die Gesellschaft und die Umwelt im Allgemein entwickelt und

zusammengefügt.

11. Prinzip der Kontinuität: „Wahres Karate ist wie heißes Wasser, das abkühlt,

wenn du es nicht ständig wärmst“ (Schlatt 1999, S.180). Nur kontinuierliches, ständiges

und dauerhaftes Training bringt Erfolge und Fortschritte im Sport. Das gilt selbstverständlich

auch für das Shotokan-Karate. So wie Wasser das schnell abkühlt, vergisst

der Athlet Techniken, Abfolgen oder sinkt im Fähigkeitsniveau, wie zum Beispiel

im Kumite, wenn er nicht beständig trainiert und sich dessen erinnert, was er gelernt

hat. Trainingserfolge können nur erreicht werden, wenn planmäßig und regelmäßig

geübt wird.

12. Prinzip der Einsicht (in Anlehnung an Roth (Hrsg.) 1996, S.91): Im Shotokan-

Karate spielt die Einsicht eine wesentliche Rolle. Einsichten müssen mit Fehlerkorrekturen

bei Athleten hervorgerufen werden. Der Athlet muss einsichtig üben und so

seine Fehler erkennen. Der Trainer muss einsichtig sein, wenn er Fehler macht oder

ein Athlet nicht so gut ist, wie er geglaubt hat. Es muss Einsichten bezüglich des

Trainingssystems und der Trainingsmethoden geben, um eine positive Entwicklung

nicht zu blockieren. Einsichten entstehen durch Übertreibungen und das Begehen

von Fehlern. Selbst wenn es oft zu spät ist, um einen begangenen Fehler rückgängig

zu machen, zum Beispiel wenn die Gesundheit angegriffen ist und Wirbelsäulenschäden

die Folge sind, können durch Einsichten diese Fehler bei nachfolgenden

Generationen vermieden werden. Einsichten und das Eingestehen der Richtigkeit

oder der Falschheit des Übens bedeuten zu seinen Schwächen und Fehlern zu stehen

und diese öffentlich, wenigstens im Rahmen des Trainings, zu zeigen. Einsichten

bieten Möglichkeiten neue Funktionsweisen, Prinzipien und Ansätze für das Training

zu entdecken. Einsichten sind sowohl im sportlich als auch im klassisch betriebenen

Karate von großer Bedeutung. Einerseits um sich gegenseitig zu erkennen

und zu respektieren und andererseits um sich selbst zu erkennen und die spezifischen

Elemente und Merkmale des betriebenen Karates zu extrahieren, zu analysieren

und gegebenenfalls zu ändern. Das betrifft sowohl die technischen Elemente mit

ihren Merkmalen und Methoden als auch sportphilosophische oder klassisch traditionelle

Ansichten. Hierfür ist Kommunikation die wesentliche Grundlage.

13. Prinzip der Kohärenz: Die Inhalte des Trainings müssen sowohl mit der Theorie

als auch mit dem gesetzten Ziel übereinstimmen. Das Technikleitbild muss im Zusammenhang

mit der Funktion der Technik stehen, der Istwert muss der Stufe der

aktuellen Trainingsplanung entsprechen und in Zusammenhang mit Sollwertvorga-

100


en gebracht werden können. Der Zusammenhang Grundlagen, Training und Individualität

muss gegeben sein. In Anlehnung an E.-J. Hossner, der in den Ausführungen

zum Techniktraining im Spitzensport (vgl. Roth (Hrsg.) 1996, S.98) das ähnliche

Prinzip der Kongruenz beschreibt, kann festgestellt werden, dass wirksames Training

„eine hohe Übereinstimmung zwischen der Innensicht des Sportlers, der subjektiven

Außensicht des Trainer sowie der objektiven Außensicht des analysierenden Biomechanikers“

voraussetzt. Es muss also ein ständiger Bezug zwischen allen Elementen

gegeben sein. Gesundheit, Leistung, Wirkungsweise, Abhärtung, Trainingsprinzipien

u.a. müssen in Beziehung stehen und die scheinbaren Widersprüchlichkeiten, von

beispielsweise Abhärtung und Gesundheit im Trainingsprozess, in einen sinnvollen

Zusammenhang gebracht werden. Dieses Prinzip gewährleistet teilweise die Ganzheitlichkeit

im und des Shotokan-Karate-Training/s. Es stellt ein inter- und intradisziplinäres

Bindeglied dar.

14. Prinzip der optimalen Aufmerksamkeitslenkung (in Anlehnung an Roth

(Hrsg.) 1996, S.96): Aufmerksamkeit ist im Shotokan-Karate eine wesentliche psychische

Komponente. Das im Abschnitt 3.1.1.2 „Ki-Gamae - Psychische Bereitschaft“

beschriebene Zanshin ist hierfür eine Bekräftigung. Die Bedeutung der Aufmerksamkeit

wurde schon ausführlich behandelt. Hierzu kann noch ein Zitat des Begründers

des modernen Karate Funakoshi Gichins genannt werden: „Unheil entsteht durch

Nachlässigkeit“ (Schlatt 1999, S.180). Die Schulung der Aufmerksamkeit im Training

ist gleichzeitig Schulung der Aufmerksamkeit im Leben. Während die Aufmerksamkeit

im Techniklernprozess auf alle Kleinigkeiten gelenkt wird, wird sie am Ende des

Techniktrainings von diesen weg auf die Umgebung gelenkt. Der Trainer muss mit

seiner Aufmerksamkeit ständig beim Lern- und Trainingsprozess sein, um seinen

Beitrag zum Gelingen einer optimalen Entwicklung des Athleten zu leisten. Im Leben

und im Wettkampf geschieht Unglück immer durch Unachtsamkeit. Die geschichtlichen

Wurzeln lehren, dass derjenige das Leben im Kampf verloren hat, der seine

Aufmerksamkeit verloren hat. Das gleiche gilt heute als ein Teilaspekt für Sieg oder

Niederlage im Wettkampf.

15. Prinzip des Do: Dieses Prinzip beschreibt die Entwicklung des gesamten Trainingssystems

im Karate. Do bedeutet Weg und jeder Weg beginnt mit einem Schritt.

Da es viele Menschen mit unterschiedlichsten Ansichten gibt, werden auch die verschiedensten

Wege beschritten. Die Bedeutung des klassischen Karate ist aus der

Geschichte überliefert. Viele Werte dienen der Vervollkommnung des menschlichen

Charakters und somit der Menschen selbst. Die Entwicklung der Menschheit, die Befriedungen

und das damit einhergehende neue Verständnis seiner selbst führt letztendlich

zu Veränderungen in allen Bereichen des Lebens. Die Selbstverteidigungsformen

entwickelten sich zu Charaktervervollkommnungsformen weiter. Deshalb

wurden sie als Kampf- oder Weg-Künste bezeichnet. Deren Inhalte sind seit vielen

Jahrhunderten überliefert und geben eine Botschaft der Vergangenheit weiter. Wie in

der Arbeit herausgestellt wurde, konnten in diese Kampfkünste, wie zum Beispiel ins

Shotokan-Karate, neue Formen des Trainings integriert und alte umstrittene, gesundheitsgefährdende

Methoden entfernt werden. Es differenzierten sich neue Bewegungsmuster

heraus. Es entstand beispielsweise das Sport- und Wettkampfkarate.

Auch das ist ein Prinzip des Weges. Jeder nimmt sich etwas aus dem Ganzen,

fügt einen eigenen Beitrag hinzu, um letztendlich der Welt ein wenig von sich zu hinterlassen.

Der Weg hat viele Abzweige. Einer dieser Abzweige führt zum Sport, ein

anderer zum klassischen Karate. Jeder nimmt den, den er für den richtigen hält.

5) Zusammenfassung

101


Diese Arbeit stellt einen Einblick in die Entwicklung des Trainingssystems des Shotokan-Karate

dar. Den Hintergrund des Shotokan-Karate bildet die Verteidigung des

Lebens unterdrückter Okinawanern. Durch die Befriedung des Landes folgte die Verbindung

von kämpferischen Körperbewegungen mit geistigen und philosophischen

Werten. Daraus bildeten sich Traditionen mit ritualisierten Gesten und Handlungen

heraus, wodurch ein Selbstverteidigungssystem in eine Kampfkunst verwandelt wurde.

Mit der anschließenden Verbreitung dieser Kampfkunst als Friedensbotschaft

wurde eine Entwicklung eingeleitet, die neue Bewegungsformen und neue Ansichten

in das Trainingssystem des Shotokan-Karate brachte. Über Japan kam es nach Europa

und somit auch nach Deutschland. Im Zuge der wissenschaftlichen Auseinandersetzung

mit dieser neuen Sportart wurden klassische Trainingsmethoden, asiatische

Philosophien und Traditionen, Technikausführungen und Lehrmethoden untersucht.

Da es große Divergenzen bezüglich der Werte und Ansichten zwischen asiatischen

und westlichen Nationen gibt, konnte Shotokan-Karate nur schwer so übernommen

werden, wie es in Japan gelehrt wurde. Eine japanische Eigenart war es

keine Fragen zu stellen. Die nicht verständlichen Aspekte wurden durch jahrelange

Übung intuitiv erfasst. Deshalb stellt Shotokan-Karate mit der Bezeichnung Do eine

Weg-Kunst dar. Das ist für analytisch, wissenschaftlich orientierte Menschen nur

schwer greifbar. Shotokan-Karate musste dem westlichen Verständnis angepasst

werden. Eine Ebene dieses Verständnisses bildete der Wettkampf bzw. Leistungsvergleich.

Die Anfänge der Wettkampfentwicklung wurden in Japan begründet und in

den westlichen Nationen fortgeführt. Um einen effektiveren und ökonomischeren

Lerneffekt der komplizierten Karatebewegungen zu erzielen, analysierten und systematisierten

verschiedenen Sportler und Wissenschaftler das Shotokan-Karate und

stellten eine reduziertere und rationalisiertere Variante des klassischen Karate heraus.

Die Versportlichung vollzog sich rasch und bildete schnell ein selbstständiges

Karate-Wettkampfsystem mit dem Anspruch als Shotokan-Karate bezeichnet zu

werden. Der Lernprozess der Techniken wurde verkürzt, unnütze Techniken weggelassen,

eine eigene „Sportphilosophie“ hinzugefügt und der Selbstverteidigungscharakter

in eine aggressive Sportkampfform transformiert. Doch auch das klassische

Karate fand Anhänger, welche die asiatischen Prinzipien und Vorstellungen annahmen,

aber das Trainingssystem erweiterten. Die Studie der Universität von Long Island

stellt hierfür ein hervorragendes Beispiel dar. Sportwissenschaftliche Erkenntnisse

verbesserten in beiden Karatebereichen das Trainingssystem, boten und bieten

noch immer Möglichkeiten der Überprüfung bestehender Systematisierungen und

Methoden und gewährleisten Entwicklungsprozesse innerhalb des Shotokan-Karate.

Das bestätigt die Interviewstudie, anhand derer festgestellt werden konnte, dass sich

Shotokan-Karate auf hauptsächlich zwei Ebenen weiterentwickelt hat. Die eine Ebene

ist das sportlich betriebene Karate, das in den Ansichten fast vollkommen kontrovers

zur zweiten Ebene steht. Diese ist das klassisch betriebene Shotokan-Karate.

Die Inhalte der Trainerausbildungen, die Trainingsziele, die Ansichten bezüglich der

geistigen Werte, die Technikausführungen, die Gesundheitsaspekte, die Mentalität

der Art zu kämpfen, Vorstellungen und Bedürfnisse bezüglich der Kampfkunst Karate

werden unterschiedlich entwickelt und angepasst. Modern sind beide Varianten. Die

traditionelle, klassische Variante, die als Kampfkunst und die wettkampforientierter

Variante, die als Kampfsport bezeichnet wird definieren durch verschiedene Systematisierungsansätze

die Entwicklung innerhalb des Shotokan-Karate-Trainingssystems.

Ein Leitsatz des Sportkarate besagt, dass es wie Eiskunstlaufen ist. Es

zählen der dramaturgische Ausdruck und die Technik. Klassisches Karate vertritt die

102


Ansicht, das Karate Kampf mit sich selbst und gegen Angreifer ist. Es zählen das

Überleben und die Wirkung, das Aussehen aber nichts.

In der Arbeit kommt besonders der Unterschied in den Ausbildungen der Trainerklassen

zur Geltung. Alle genannten Themen präsentieren Erkenntnisse und hoch

spezifizierte Inhalte als Teilglieder der Gesamtlehre des Shotokan-Karate-Systems.

Die praktische Realisierung und völlige Beachtung aller themenrelevanter Inhalte der

Trainerausbildungen ist schwer umsetzbar. Die Aussagen der Trainer bekräftigen

das. Sie repräsentieren das, was Shotokan-Karate heute ist und morgen sein wird.

Ihr Wissen, ihre Fähigkeiten als Athlet und als Trainer, ihre Ausbildungen und alle

bisher genannten Faktoren, Merkmale und Prinzipien begründen die Weiterentwicklung

des Shotokan-Karate, hauptsächlich durch das Wirken und Bemühen der Trainer.

Realistische und, so weit es möglich ist, objektive Selbsteinschätzungen sind

dabei grundlegender Bestandteil, denn nur eine ehrliche Einschätzung und die Fähigkeit

nicht nur geradeaus zu schauen gewährleisten eine positive Entwicklung. Aus

den wissenschaftlichen Betrachtungen, Analysen und Erkenntnissen und den alltagsorientierten

und praktischen Aussagen der interviewten Trainer konnten Kategorien

erstellt werden, die festgestellte Grundsätze systematisierend darstellen. Daraus

wurden Prinzipien abgeleitet, die letztendlich Entwicklungen im Shotokan-Karate

verallgemeinert charakterisieren.

Die Rahmenhypothese, dass es im Trainingssystem des Shotokan-Karate starke

Veränderungen gibt, kann definitiv verifiziert werden. Die tiefergehende hypothetische

Annahme, dass das Shotokan-Karate als Spezialisierung und Transformierung

von Techniken zum Wettkampfsport einerseits und als Erweiterung des klassischen

Trainingssystems mit modernen sportwissenschaftlichen Erkenntnissen andererseits,

in zwei Hauptrichtungen gesplittet wurde, kann ebenfalls als wahr angenommen werden.

So schließt der Rahmen dieser Arbeit mit zwei Zitaten zweier Wegbegründer des

modernen Shotokan-Karate, welche die Grundgedanken zusammenfassen und Lösungen

vieler Probleme anbieten:

„Das richtige Training der dem Karate zugrundeliegenden Prinzipien wird es dem Karate-Ka

ermöglichen, sich nötigenfalls außerhalb des Dojo zu verteidigen oder an einem

Shiai teilzunehmen. Wenn die grundlegenden Prinzipien korrekt sind, macht es

keinen Unterschied, was der Karate-Ka tut. Grundlagen sind Grundlagen, und diese

werden zu allen Zeiten unter allen Umständen von Nutzen sein.“ (Diese Worte sind

von Nakayama Masatoshi Sensei und aus R. Hassel 1997, S.106 übernommen.)

Funakoshi Gichin, Begründer des modernen Karate-Do (Schlatt 1999, S.197):

„Hatsuun jindo – Lass die Wolken zieh’n und gehe deinen Weg!“

103


Anhang

Stichwortverzeichnis

Ausspracheregeln (vgl. Schlatt 1999):

ch - ähnlich tsch, wie in Klatschen

e - ähnlich ä, wie in besser

ei - ähnlich ee, wie in See

h - ein Laut, der zwischen h und ch liegt, wie in Fach

j - ähnlich dsch, wie in Job

r - Zungen-r,

s - ähnlich ss, wie in Hass

sh - ähnlich sch, wie in Schwert

y - ähnlich j, wie in Jagd

z - ähnlich s, wie in Sand

• u wird in vielen Fällen kaum betont bzw. gar nicht ausgesprochen. (z.B. Shuto,

gesprochen: "Schto")

• ae, ei, ue werden getrennt gesprochen. (z.B. Mae-Geri, gesprochen: "Ma-e-

Geri")

Begriffe (vgl. Schlatt 1999):

Budo - der Weg des Krieges, Oberbegriff für Kampfkünste

Dachi - Stand, Stellung

Dai - Groß

Dan - Meistergrad

Do - Weg, Lehre, Suche, Erfahrung

Dojo - Trainingsort, Ort des Weges

Futanren - Unzulängliches Training

Gi - Karateanzug

Hanmi - Abgedrehte/r Hüfte/Oberkörper

Hara - Bauch, energetisches Zentrum des Menschen, Schwerpunkt, Körpermitte

Hiki-Te - Zurückziehen der Faust an die Hüfte

Honbu Dojo - Zentraldojo

Jiyu - Frei

Kamae - Bereitschaftshaltung, Kampfstellung, vorbereitende Haltung

Kara - Hülle, Schale, Leer

Karate-Do - Der Weg der leeren Hand

Karateka - Karatebetreibende(r)

104


Keiko - Das Alte, die Vergangenheit überdenken. Bezeichnung für das

Üben im Sinne des Budo bzw. der alten traditionellen Künste. Es

umfasst die drei wichtigsten Komponenten Ki, Shin und Waza.

Das Ziel ist es, durch die Übung zu reifen.

Ki - Vitale/innere Energie

Kiai - Kampfschrei

Kihaku - Kampfgeist, geistige Energie

Kikioji - Angst vor dem Ruf des Gegners

Kime - schockartiges Anspannen sämtlicher Muskeln am Ende einer

Technik, physische und psychische Energiekonzentration

Kohai - der Spätere, fortgeschrittene jüngere Schüler

Kokyu - Atmung, Atem

Kote-Kitae - Abhärtung des Körpers

Kyoshi - Lehrer, Experteninstruktor der Budo-Schule

Kyu - Schülergrad, Farbgurte

Kyudan - Gürtelrangsystem

Makiwara - Schlagpolster

Mikuzure - Angst vor dem Aussehen des Gegners

Mushin - Nicht denken, unbewußt

Obi - Gürtel

Omote - fundamental, grundlegend, die obere, offensichtliche Seite der

Kampfkunst

Okuden - Stufe der technischen Verfeinerung

Renshi - Meisterschaft des Selbst

Ryu - Stilrichtung

Sempai - der Vorgänger, fortgeschrittener älterer Schüler

Sensei - Lehrer, Meister

Shin - Geist, Herz

Shisei - Haltung (physisch und psychisch)

Shihan/Hanshi - Großmeister, geistige Meisterschaft des Budo

Shitei - Vorschrift

Shizentai - Grundstellung, Normalstellung, natürliche Haltung

Sho - Klein

Shoto - Künstlername Funakoshi Gichin = Pinienrauschen

Shotokan - Karate-Stilrichtung Funakoshi Gichins, kan = Haus

Shu-Ha-Ri - Die drei Wegstufen vom Schüler zum Meister

Tachikata - Standform, Stellung, Grundstellung

Tameshiwari - Bruchtest

Tode - Technik aus China, alte Bezeichnung des ursprünglichen Karate

Tokui - Stärke

105


Wa - Innere Harmonie

Yomi - Vorausahnen

Zanshin - Wachsamkeit, Bereitschaft, Geistesgegenwart

Angriffsstufen & Richtungen:

Chu - Mitte

Happo, Kuruma - in alle Richtungen

Hidari - links

Mae - nach vorne

Mawashi - kreisförmig, im Halbkreis

Migi - rechts

Omote - darüber

Soto - äußere, außen

Uchi - innere, innen

Ura - Rückseite, entgegengesetzt, darunter

Ushiro - nach hinten

Yoko, Hen - zur Seite, seitlich

Kommandos:

Hajime

- Beginn, Anfangen, Los

Kamaete - Körperhaltung einnehmen

Mokuso - Meditation

Mokuso Yame - Meditation Ende

Naore - Rührt Euch! Gut

Oss - Ja, Okay, Verstanden, Grußwort zum Gegenüber, ...

Otagai ni Rei - Gruß zu den Mitübenden

Rei - Höflichkeit, Gruß

Ritsu - Aufstehen, Stehen

Ritsu Rei - Gruß im Stehen

Seiza - Abknien in den Kniesitz

Sensei ni Rei - Gruß zum Meister

Shomen - Front, Vorderseite

Shomen ni Rei - Gruß nach vorne

Yame - Halt, Stop, Ende

Yoi - Vorbereitung, Achtung

Za-Rei - Gruß im Kniesitz

106


Begriffe aus dem Bereich Kata:

Kata - Form, formale Übung, Kampf gegen imaginäre Gegner

Bunkai - Analyse von Katas in Anwendung mit Partnern

Enbusen - Schrittdiagramm der Kata

Sentei-Kata - Aus einer vorgegebenen Katagruppe auszuwählende Kata

Shitei-Kata - Pflichtkata

Tokui-Kata - Freie, persönliche, starke Kata; Kürkata

Begriffe aus dem Bereich Kihon:

Kihon - Grundlage, Grundschule, Grundtechniken

Keri-Waza - Beintechniken

Oi-Komi - hineintreiben, Technik mit ganzem Schritt

Okuri-Ashi - Gleitschritt, vorderer Fuß bewegt sich zuerst

Suri-Ashi - Gleitschritt (Oberbegriff)

Te-Waza - Handtechniken

Tobi-Waza - Sprungtechniken

Tsuki - Fauststoß

Tsuki-Waza - Fauststoßtechniken

Ude-Waza - Armtechniken

Uke-waza - Blocktechniken

Waza - Technik

Yori-Ashi - Gleitschritt, hinterer Fuß bewegt sich zuerst

Begriffe aus dem Bereich Kumite:

Kumite - Partnerübung

Bogu-Kumite - Vollkontaktform mit Schutzkleidung

Deai - dem Angriff mit eigenem Angriff zuvorkommen

Gohon-Kumite - Fünfschrittkampf

Happo-Kumite - Kampfübung in alle Richtungen

Jiyu-Ippon-Kumite - freier Einschrittkampf

Jiyu-Kamae - Individuelle Freikampfhaltung

Jiyu-Kumite - Freikampf

Kaeshi-Ippon-Kumite - erwidernder Einschrittkampf

Kata-Kumite - gleichbedeutend mit Bunkai, der Anwendung der Kata mit

dem Partner

Kihon-Ippon-Kumite - grundschulmäßig ausgeführter Einschrittkampf

107


Kime-Waza - Kontertechnik als entscheidende Technik

Kogeki - Angriff, Angreifer

Maai - Korrekte Distanz der Technik zum Ziel

Okuri-Ippon-Kumite - Kampf mit direkt folgendem zweiten Angriff

Randori - spielerisches Üben des Freikampfes

Sabaki - den Körper geschickt drehen, ausweichen, bewegen

Sanbon-Kumite - Dreischrittkampf

Shiai-Kumite - Wettkampf

Shobu-Kumite - Partnerübung, bei der es um Punkte geht

Suki - Ausnutzen einer Chance

Sun-Dome - Abstoppen der Technik kurz vor dem Ziel

Tai-Sabaki - Ausweichen und Kontern

Tori - Angreifer

Uke - Abwehr, Verteidiger

Anmerkung:

Der Trainingsplan 2004 des DKV lag als Acrobat Reader-Datei vor und konnte nicht

in ein passendes Word-Format transkribiert werden. Deshalb ist er ohne Seitenzahl

am Ende der Arbeit hinzugefügt worden.

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Ilg.

Format- und Zitierungsvorlagen: www.dvs-sportwissenschaft.de

Bilderverzeichnis

Titelbild www.musashi-Shotokan.de/images/diverse/logomusashi.gif

Der Tiger wurde für Funakoshi Gichins Veröffentlichungen gemalt und

als Symbol für das Shotokan-Karate übernommen. Die Schriftzeichen

sind japanisch und werden von oben nach unten gelesen:

Sho; To; Kan; Kara; Te; Do

S. 5 www.karatedo.free.fr/karte_historie.htm

S. 6 www.uniqueduo.com/events/images/shaolin.jpg

S. 7 www.todomardeplata.com/esam/Karate/kumite.gif

S. 8 www.todomardeplata.com/esam/Karate/Daruma_boddhidharma.jpg

S. 9 www.jskakaratedo.com/funakoshi_and_nakayama.htm

S. 11 (oberes Bild)

www.karate-muellheim.de/fotos/karatemeister/gigo_12_tn.jpg

S. 11 (unteres Bild)

www.jskakaratedo.com/images/Nakayama%201.jpg

S. 22 Arnfried Krause und Dirk Wedel

S. 26 Autor

S. 28 www.shotokan-demmin.de

S. 30 Autor

S. 31 www.karate-muellheim.de/fotos/karatemeister/gigo_08_tn.jpg

S. 43 www.jskakaratedo.com/images/Nakayama%20Gedan%20Barai%201.jpg

S. 44/45 www.club-association.ch/ckam/Descrtech.htm

S. 62 Autor

S.65 www.skd-greifswald.de

S. 67 www.shotokan-demmin.de

S. 69 www.shotokan-demmin.de

S. 72 www.shotokan-demmin.de

S. 89 www.shotokan-demmin.de

S. 104 Ausspracheregeln angelehnt an Schlatt 1999, S.14

S. 107 Schriftzeichen: Schlatt 1999, S.20/21

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