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Magisterarbeit - Karate-Budo-Torgelow

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<strong>Magisterarbeit</strong><br />

Zur Entwicklung des Trainingssystems im <strong>Karate</strong><br />

– Eine Interviewstudie mit erfolgreichen Trainern und Trainerinnen –


Hochschule: Universität Greifswald<br />

Hauptfach : Sportwissenschaft<br />

Nebenfächer: Psychologie<br />

Kommunikationswissenschaft<br />

<strong>Magisterarbeit</strong> im<br />

Hauptfach:<br />

Sportwissenschaft<br />

Eine sportwissenschaftliche Betrachtung des Themas<br />

Thema: Zur Entwicklung des Trainingssystems im <strong>Karate</strong><br />

- Eine Interviewstudie mit erfolgreichen Trainern und<br />

Trainerinnen -<br />

Erstgutachter : PD Dr. E. J. Hossner<br />

Zweitgutachter: Prof. Dr. paed. H. Ilg<br />

Autor: Thomas Kuhrt<br />

Matrikelnummer: 470799<br />

E-Mail Adresse: kuhrt.torgelow@freenet.de<br />

Eingereicht am: 20.07.2004


Inhalt<br />

1) Einleitung 4<br />

2) Vorbetrachtung 5<br />

2.1) Ein geschichtlicher Einblick 5<br />

2.2) Bedeutende Lehrer und Meister 8<br />

2.3) Traditionen und Philosophie des Shotokan-<strong>Karate</strong> 13<br />

2.4) Klassische Trainingsmethoden 20<br />

2.5) Didaktische Prinzipien 25<br />

2.5.1) Didaktisches Leitkonzept im DKV 26<br />

2.5.2) Didaktisches Leitkonzept im SRD 28<br />

3) Die Weiterentwicklung der klassischen Trainingsmethoden 30<br />

3.1) Kumite – Kämpfen 31<br />

3.1.1) Psychische und Physische Bereitschaft 36<br />

3.1.1.1) Mi-Gamae – Physische Bereitschaft 37<br />

3.1.1.2) Ki-Gamae – Psychische Bereitschaft 39<br />

3.2) Kihon – Grundschule 43<br />

3.3) Koordinative Fähigkeiten 47<br />

3.4) Konditionelle Fähigkeiten 52<br />

4) Das Interview 57<br />

4.1) Fragenerstellung 59<br />

4.2) Gedächtnisprotokolle des Interviewers 61<br />

4.2.1) Gedächtnisprotokoll – Ralph Masella 62<br />

4.2.2) Gedächtnisprotokoll – Jörg Waterstradt 65<br />

4.2.3) Gedächtnisprotokoll – Dirk Wedel 67<br />

4.2.4) Gedächtnisprotokoll – Arnfried Krause 69<br />

4.2.5) Gedächtnisprotokoll – Jörg Kohl 72<br />

4.3) Ableitungen der Trainer- bzw. Alltagstheorien 75<br />

4.3.1) Trainingsziele 76<br />

4.3.2) Trainingsplanung 77<br />

4.3.3) Trainingsmethoden 79<br />

4.3.4) Technikleitbild 84<br />

4.3.5) Trainingsinhalte 88<br />

4.3.6) Trainerwissen 89<br />

4.3.7) Kategoriendarstellung 96<br />

4.3.8) Prinzipienerstellung 96<br />

5) Zusammenfassung 102<br />

Anhang:<br />

Stichwortverzeichnis<br />

Ausspracheregeln<br />

Begriffe<br />

Trainingsplan 2004 DKV<br />

104<br />

Literaturverzeichnis 109<br />

Bilderverzeichnis 111<br />

Anmerkung:<br />

Alle Bezeichnungen für <strong>Karate</strong>-Übende sind männlich, bezeichnen aber beide Geschlechter.<br />

Der verwendete Ausdruck <strong>Karate</strong> bezieht sich in dieser Arbeit immer auf<br />

das Shotokan-<strong>Karate</strong>, außer in gekennzeichneten Abschnitten. Es haben sich keine<br />

Trainerinnen bereit erklärt an der Studie teilzunehmen, weil es einerseits sehr wenige<br />

Trainerinnen gibt und andererseits der Aufwand sie zu erreichen zu groß war.


1) Einleitung<br />

Das verfolgte Anliegen dieser Arbeit ist die Betrachtung der Entwicklung des Trainingssystems<br />

im <strong>Karate</strong>. Der Titel der Arbeit bezieht sich nicht nur auf trainingswissenschaftliche<br />

Aspekte, sondern auch auf Ansichten bezüglich klassisch philosophisch<br />

traditioneller Werte. Es werden themenübergreifende, interdisziplinäre Ansichten<br />

dargestellt, die das Trainingssystem für die Kampfkunst <strong>Karate</strong> charakterisieren.<br />

Da es jedoch sehr viele verschiedene Stile im <strong>Karate</strong> gibt und diese in einer Arbeit<br />

nicht alle analysiert werden können, beschränken sich die ausgewählten Aspekte auf<br />

das Shotokan-<strong>Karate</strong>. Alle <strong>Karate</strong>-Stile beinhalten aber dieselben Prinzipien. Diese<br />

Prinzipien unterliegen sportwissenschaftlichen Analysen und gehen allgemein aus<br />

der Trainingswissenschaft, Sportmotorik – Biomechanik, Sportpsychologie, Sportmedizin<br />

u.a. hervor. Zunächst folgen allgemeine Betrachtungen zum Shotokan-<strong>Karate</strong>,<br />

mit geschichtlichen, traditionellen, philosophischen Hintergründen und klassischen<br />

Trainingsmethoden. Daran setzen didaktische Prinzipien an sowie die Weiterentwicklung<br />

der klassischen Trainingsmethoden. Es folgt die Erstellung des Konzepts des<br />

Interviews. Das Interviewverfahren wurde gewählt, um das Trainerwissen ohne Vorbereitung<br />

zu Testen und im persönlichen Gespräch festzustellen, wie <strong>Karate</strong> betrachtet,<br />

geübt und gelehrt wird. Gleichzeitig ist eine genauere Hinterfragung des Wissens<br />

und der Sichtweisen der Trainer möglich. Des Weiteren lag es nahe mehr über die<br />

Ausbildung der Trainer selbst zu erfahren. Dadurch kann möglicherweise ein Qualitätsmerkmal<br />

des Trainings festgestellt werden. Hierzu werden die Trainingsmethoden,<br />

Trainingsziele und das Wissen der Trainer hinterfragt. Außerdem wird der ursprüngliche<br />

Gedanke des <strong>Karate</strong>trainings aufgenommen und mit dem Entwicklungsstand<br />

der heutigen Ideen des <strong>Karate</strong>trainings verglichen. Es folgt die Auswertung der<br />

Interviews. Die Rahmenhypothese dieser Arbeit lautet, dass es im Trainingssystem<br />

des Shotokan-<strong>Karate</strong> starke Veränderungen gibt. Tiefergehend wird hypothetisch<br />

angenommen, dass Shotokan-<strong>Karate</strong>, als Spezialisierung und Transformierung von<br />

Techniken zum Wettkampfsport einerseits und als Erweiterung des klassischen Trainingssystems<br />

mit modernen sportwissenschaftlichen Erkenntnissen andererseits, in<br />

zwei Hauptrichtungen gesplittet wurde. Den Abschluss der Arbeit bildet eine alltagsorientierte<br />

Kategorien- und Prinzipienbildung. Diese können aus den Interviews und<br />

der wissenschaftlichen Literaturrecherche abgeleitet werden. Schließlich folgt eine<br />

Zusammenfassung und die Verifizierung oder Falsifizierung der Rahmenhypothese.<br />

Der Rahmen der Arbeit wurde durch eine umfangreiche Literaturrecherche gelegt,<br />

wofür 40 Bücher, verschiedene Trainingspläne, -konzeptionen und Fachzeitschriften<br />

gelesen und sondiert wurden. Interviewpartner waren Trainer von zwei verschiedenen<br />

Verbänden. Diese Verbände vertreten und verbreiten das Shotokan-<strong>Karate</strong> mit<br />

ihren speziellen Ansichten. Sie werden als „Shotokan-Ryu-in-Deutschland e.V.“<br />

(SRD) und als „Deutscher-<strong>Karate</strong>-Verband e.V.“ (DKV) bezeichnet. Ihre Ziele sind<br />

nur Ansatzweise dieselben, die Trainingsinhalte sind teilweise gleich und werden unterschiedlich<br />

gewichtet. Die Trainerausbildungen, die Beachtung der Traditionen und<br />

die Philosophie des klassischen <strong>Karate</strong> und dessen Umsetzung sind stark divergent.<br />

Das wird in der Auswertung der Interviews deutlich herausgestellt. Um einen besseren<br />

Einblick in die Divergenzen zu erhalten, werden zusätzlich die Rahmentrainingskonzeption<br />

für Kinder und Jugendliche im Leistungssport des Deutschen <strong>Karate</strong> Verbandes<br />

e.V. und die Trainingsschwerpunkte der Landeskader Schleswig-Holsteins<br />

des DKV in der Auswertung der Interviews verwendet.<br />

4


2) Vorbetrachtung<br />

Die Vorbetrachtung gewährt einen allgemeinen Einblick in die geschichtliche Entwicklung,<br />

den geschichtlichen Hintergrund, religiöse Einflüsse, philosophische Gedanken<br />

und klassische Trainingsmethoden. Außerdem werden didaktische Prinzipien<br />

im Shotokan-<strong>Karate</strong>-Training erläutert. Dazu werden wesentliche Persönlichkeiten<br />

der Geschichte des <strong>Karate</strong> und deren Einflüsse genannt. Die Gedanken dieser Persönlichkeiten<br />

werden im Laufe der Arbeit immer wieder aufgenommen, um auch der<br />

Bedeutung der geistigen Werte des <strong>Karate</strong>, die sie stets betonten, Achtung zu tragen.<br />

In der Vorbetrachtung werden die klassisch, traditionellen Ansichten und Werte<br />

des <strong>Karate</strong> deutlich, die als Vergleichsmöglichkeit zur späteren Gegenüberstellung<br />

mit den heutigen Inhalten des Shotokan-<strong>Karate</strong> dienen. Dadurch soll ein tieferes<br />

Verständnis für die klassischen Trainingsmethoden und den damit verbundenen<br />

Werten ermöglicht und die Entwicklung des Trainingssystems und der ursprüngliche<br />

Hintergrund des klassischen <strong>Karate</strong>-Trainings tiefer erfahren werden. Es werden allgemeine<br />

didaktische Richtlinien genannt, derer die Weiterentwicklung der klassischen<br />

Trainingsmethoden folgt.<br />

2.1) Ein geschichtlicher Einblick<br />

<strong>Karate</strong> entwickelt sich seit über 1000 Jahren und<br />

wird von Begeisterten auf der ganzen Welt<br />

gefördert. Die Wiege der Kampfkunst <strong>Karate</strong> ist<br />

Okinawa. Seine Geschichte ist nicht zu trennen<br />

von der des Landes. Deshalb folgt nun ein kurzer<br />

Einblick in dieselben. Okinawa bedeutet „Tau im<br />

offenen Meer“ (W. Lind, Okinawa – <strong>Karate</strong>, S.19).<br />

Es ist die Hauptinsel des aus 140 Inseln<br />

bestehenden Ryukyu – Archipels. „Der Ursprung<br />

der Bevölkerung ist ein ungeklärtes völker-<br />

kundliches Rätsel“ (W. Lind, Okinawa–<strong>Karate</strong>,<br />

S.19). Sie setzt sich aus gestrandeten Asiaten<br />

vom Festland, aus Einwanderern Japans, die<br />

durch Rassenverfolgung zur Auswanderung<br />

gezwungen wurden, aus Malaien, Mongolen, Chinesen<br />

und Philippinen zusammen. Bereits im 3.<br />

Jahrhundert v. Chr. gab es Kontakte mit dem<br />

asiatischen Festland. Es ist also eine bunte<br />

Mischung von Menschen, die den Japanern am<br />

ähnlichsten sehen. Okinawa war in seiner Geschichte ein Land vieler Veränderungen.<br />

Die Insel wurde oft durch die Chinesen und Japaner besetzt, wodurch intensiver<br />

Kulturaustausch vollzogen wurde. Es gibt darüber historische Aufzeichnungen, die<br />

das für die Zeit um 560 bis 743 n. Chr. belegen und meist Nationalschätze des Landes<br />

Japan sind. Diese Besatzungen sind Knotenpunkte für die Entwicklung des <strong>Karate</strong>,<br />

denn es wanderten Priester, Soldaten, Beamte und politisch Verfolgte ein (vgl.<br />

W. Lind 1997, S.19, 20). Dieser rege Verkehr setzte sich bis ins 14. Jahrhundert fort.<br />

In der Regierungszeit König Satos (1353-1395) herrschte Krieg auf Okinawa. König<br />

5


Sato stellte exklusive Handelsbeziehungen zu Korea her<br />

und erhielt die Unterstützung Chinas. Dadurch erlangte er<br />

eine Vormachtstellung. In dieser Zeit schickte der<br />

chinesische Kaiser ausgewählte Experten aus dem<br />

Staatswesen, der Wissenschaft, Religion, Kunst und<br />

Militärstrategie nach Okinawa. Diese Gruppe wurde „36<br />

Familien“ genannt (vgl. W. Lind 1997). Darunter waren<br />

einige Spezialisten der chinesischen Kampfkunst „Quan-fa“,<br />

was die Bezeichnung für Shaolin-Kung-Fu ist (die Abbildung zeigt zwei Meister des<br />

Quan-fa beim Training). Gleichzeitig wurden okinawanische Abgesandte nach China<br />

geschickt, um direkt vor Ort zu lernen und das neue Wissen zurück nach Okinawa zu<br />

bringen. Dieser Austausch hielt auch in der Zeit der japanischen Besatzung an. In<br />

der Regierungszeit des Königs Sho Hashi (1422-1439) wurde der Besitz von Waffen<br />

auf ganz Okinawa verboten, um eine Bedrohung des Throns zu bannen. Ein Nebeneffekt<br />

des Verbots war die Entwicklung der waffenlosen Kampfkünste. Außerdem<br />

wurden intensive Handelsbeziehungen zu den umliegenden Ländern aufgenommen.<br />

Es entstanden Kontakte zu Arabern, Malaien, Indonesiern und Thailändern. Diese<br />

Kontakte übten Einfluss auf das einheimische Selbstverteidigungssystem, das Ti oder<br />

Te genannt wurde (vgl. W. Lind 1997, S.23-30). Es gibt verschiedene Ansätze<br />

über die Entstehung des <strong>Karate</strong>. Ein Ansatz beschreibt die Bauern als Initiatoren, ein<br />

anderer beschreibt die Adelsklasse als Begründer dieser Kampfkunst. Aber: „Keine<br />

unserer vielen Recherchen kann zum Beispiel die vielzitierte Theorie bestätigen,<br />

dass das okinawanische <strong>Karate</strong> von Bauern begründet und organisiert gegen die<br />

Satsuma – Samurai verwendet wurde. Vielmehr möchten wir die Existenz der alten<br />

okinawanischen Selbstverteidigung (Te) an der Tradition der Shizoku – Klasse (Adel)<br />

festmachen“ (W. Lind 1997, S.14). Einige der ersten aufgezeichneten Grundlagen<br />

dieser Theorie findet man in der Regierungszeit des Königs Sho Shin (1477-1526).<br />

Die Hauptstadt Okinawas war zu diesem Zeitpunkt Shuri. Der König veranlasste,<br />

dass alle Adligen (Shizoku) fast wie in Gefangenschaft in der Hauptstadt leben mussten.<br />

Gleichzeitig wurde das Verbot erneuert, das das Waffentragen untersagte. Die<br />

Shizoku – Klasse hatte keine eigenständige Macht. Danach und nach Selbstbestimmung<br />

trachteten sie. In dieser Zeit entwickelten sie das Selbstverteidigungssystem<br />

ohne Waffen weiter, dessen Ursprungsbezeichnung, wie oben beschrieben, Ti oder<br />

Te war. Das Schriftzeichen wird auf Okinawa Ti gesprochen, während es japanisch<br />

Te ausgesprochen wird. Aber er entwaffnete nicht nur den Adel, sondern auch die<br />

Landbevölkerung, die Heimin-Klasse. Diese entwickelte ein Kampfsystem, wobei sie<br />

Werkzeuge als Waffen einsetzten. Heute ist die Bezeichnung dieses Systems Ryukyu-Kobujutsu.<br />

Die Selbstverteidigung mit bloßen Händen und das Bauernverteidigungssystem<br />

mit Werkzeugen wurden im Geheimen trainiert, um Strafen zu entgehen.<br />

Aus diesem Grund ist nicht sehr viel über Technik und Training dieser Zeit bekannt.<br />

Die Geheimhaltung zog sich über das 16. bis zum 17. Jahrhundert hinweg.<br />

1609 wurde Okinawa von den brutalen Samurai (Krieger / Dienender) des japanischen<br />

Satsuma – Clans erobert. Der Satsuma-Clan hatte den Krieg in Japan gegen<br />

den Tokugawa-Clan verloren. Dieser erlaubte den Satsuma ihre Ehre wieder herzustellen<br />

indem sie Okinawa eroberten. Dort regierten sie mit brutaler Gewalt. Sie verboten<br />

erneut das Tragen von Waffen. Der herrschende König Sho Nei wurde gefangen<br />

genommen und nach Japan gebracht. Da die Okinawaner nur im allergeringsten<br />

Maße mit den Satsuma zusammenarbeiteten wurden sie hart sanktioniert, schikaniert<br />

und gequält. Die Ausübung der Selbstverteidigungssysteme war unter Todesstrafe<br />

verboten. Wenn zum Beispiel ein Mann mit Knöcheln gesichtet wurde, die<br />

Spuren von Abhärtungsübungen aufwiesen, richtete man ihn hin. Aus diesen Grün-<br />

6


den trafen sich verschiedene Kampfgemeinschaften, um ihre<br />

Kampfsysteme zu verbessern, damit sie effektiver gegen die<br />

Waffen der Samurai kämpfen konnten. Samurai trugen<br />

Waffen, wie zum Beispiel Schwerter, Lanzen, Bögen und<br />

Kurzschwerter. In Folge dessen vermischten sich die beiden<br />

Hauptstile der Selbstverteidigung auf Okinawa. Das waren<br />

zum einen das einheimische Ti/Te und zum anderen das<br />

eingeführte chinesische Quan-fa. Die neu kombinierte Kampfform wurde Tode genannt.<br />

Tode bedeutet übersetzt Hand aus China. Zu dieser Zeit wurde das Kampfsystem<br />

noch immer im Geheimen trainiert und nur an nahe Verwandte weitergegeben.<br />

Auch darüber gibt es kaum Aufzeichnungen. Die genaue Entwicklung nachzuvollziehen<br />

ist deshalb nicht möglich. So liegen ca. 90 Jahre im Dunkeln. Erst mit dem<br />

17. Jahrhundert wurde das Geheimnis langsam gelüftet. 1611 kam der König zurück<br />

nach Okinawa, jedoch nur als Marionette des Satsuma-Clan. In der Regierungszeit<br />

des Königs Sho Tei (1669-1709) näherten sich Okinawaner und Japaner langsam<br />

an. Man kann sagen, dass ein allgemeiner Waffenstillstand eintrat. Es entstanden<br />

drei Hauptstile des Tode, die nach den Städten benannt wurden, in denen sie geübt<br />

wurden. Das sind Shuri-Te, Naha-Te und Tomari-Te. Das Shuri- und Tomari-Te wurde<br />

als Shorin-ryu, das Naha-Te als Shorei-ryu bezeichnet. Ryu bedeutet hierbei soviel<br />

wie Stil. Bis zum 19.Jahrhundert regierte der Satsuma-Clan auf Okinawa. 1868<br />

begann in Japan die Meiji-Restauration, die eine Klasseangleichung beinhaltete. Der<br />

Samuraistand wurde aufgelöst und damit auch die Herrschaft der Satsuma auf Okinawa.<br />

1895 wurde Okinawa als 47. Präfektur Japans anerkannt. Eine 259jährige Besatzungszeit<br />

endete. Die Hinterlassenschaft waren verschiedene Kampfsysteme.<br />

Hier beginnt die Reise der Selbstverteidigung Okinawas als Kampfkunst um die Welt<br />

(vgl. W. Lind, 1997). Mit dem 19. Jahrhundert öffnete sich die Shizoku-Klasse nach<br />

außen und gab das Kampfsystem der Öffentlichkeit preis. Dieses wurde bis 1950<br />

weiterentwickelt und danach verschiedenartig umgewandelt. Zur Zeit des 2. Weltkrieges,<br />

in dessen Nachkriegszeit und zur Zeit des Vietnamkrieges wurde Okinawa<br />

als Militärbasis benutzt. Die amerikanischen Soldaten lernten die einheimischen<br />

Kampfkünste, die sich namentlich in Okinawa-Te verändert hatten, von allen möglichen<br />

Lehrern. Sie verdienten sich dadurch ein Zubrot oder wollten die amerikanische<br />

Staatsbürgerschaft als Lohn, um in die USA auswandern zu können, um dort ein<br />

besseres Leben anzufangen (vgl. W. Lind 1997). Nach den Forschungen des <strong>Budo</strong>-<br />

Studien-Kreises (vgl. W. Lind 1997) gibt es zwischen 50 und 100 Übende des authentischen<br />

okinawanischen <strong>Karate</strong>stils. Sie trainieren in der Abgeschiedenheit, verzichten<br />

auf weltweite Anerkennung und geben ihr System nicht preis. So entstand<br />

letztendlich aus dem Ti (japan. Te) und dem Quan-fa das Tode, welches später in<br />

Okinawa –Te umbenannt wurde. Im Zuge der Anpassung an japanische Verhältnisse<br />

wurde Okinawa-Te in <strong>Karate</strong> (japanisch) umbenannt. Wie <strong>Karate</strong> nach Japan gelangte<br />

und warum es umbenannt wurde wird im nächsten Abschnitt näher beschrieben.<br />

7


2.2) Bedeutende Lehrer und Meister<br />

Es gab sehr viele unbekannte Lehrer und Meister des Tode auf Okinawa. Diese<br />

Meister waren sicherlich sehr wichtig für die Entwicklung vom Tode zum heutigen<br />

<strong>Karate</strong>. Aber alle anderen Aussagen wären hier nur Spekulation, denn es gibt darüber<br />

keine Nachweise. Die ersten bekannten Meister und Lehrer stammen aus dem<br />

18. Jahrhundert. Sie trainierten entweder Te oder Quan-fa. Einer der Meister war<br />

Kushanku, der Shaolin-Kung-Fu übte. Er brachte eine Dao aus seiner Heimat China<br />

mit. Dao (japanisch Kata / deutsch Form) ist ein formaler Ablauf bestimmter Angriffs-<br />

und Abwehrtechniken, die einen bestimmten Rhythmus haben, ähnlich einer Tanzkoregrafie.<br />

Eine Dao verschlüsselt die Anwendung der ausgeführten Techniken für den<br />

realen Kampf. Der Begriff Kata und ihre Bedeutung werden später genauer als ein<br />

Hauptinhalt des <strong>Karate</strong>trainings erklärt. Die Form des Lehrers Kushanku wurde nach<br />

ihm benannt und erfuhr oftmals Weiterentwickelungen und Umbenennungen. Seine<br />

Grundbezeichnung blieb aber erhalten. Der Name dieser Kata im Shotokan-<strong>Karate</strong><br />

ist Kanku und besteht aus einer großen (Kanku-Dai/dai=groß) und aus einer kleinen<br />

Form (Kanku-Sho/ sho=klein; vgl. W. Lind, 1997). Kanku bedeutet übersetzt Blick in<br />

den Himmel (vgl. A. Pflüger, 1995, S.47/48, S.71/72). Der Lehrer Kushanku war nicht<br />

der einzig bekannte Unterweiser in der Selbstverteidigung. Ein anderer benannter<br />

Lehrer war der okinawanische Experte im Ti/Te Takahara Peichin. Bei diesen Lehrern<br />

lernte der Okinawaner Sakugawa Shungo. Sakugawa kombinierte die beiden<br />

Systeme und entwickelte den ersten systematischen Tode-Stil. Da er in Shuri lebte<br />

nannte er den Stil Shuri-Te. Sakugawa gilt als der Begründer der okinawanischen<br />

Dojokun, was Verhaltensregeln für Übende des <strong>Karate</strong> sind. Dessen Grundgedanken<br />

wurden von Boddhidarma, dem ersten Patriarch des Zen-Buddhismus, in China gelegt<br />

(siehe Abbildung). Darauf wird im Abschnitt der<br />

traditionellen und Philosophischen Gedanken eingegangen.<br />

Zur Zeit Sakugawas gab es noch viele andere Meister. Einer<br />

war der chinesische Meister Iwah, der den Shaolin-<br />

Kranichstil (bai-he-quan) beherrschte. Sakugawa und Iwah<br />

unterrichteten einen Mann namens Matsumura Sokon (auch<br />

Matsumura Shoshu genannt). Matsumura verband die beiden Stile und erschuf „Shorin<br />

Ryu Gokuan Tode“ (Übersetzung: „Technik aus China, aus dem Shaolin – Kloster,<br />

zur Verteidigung der Heimat“; W. Lind 1997, S.72). Er verfaste einige Texte zum<br />

Weg des Lernens und des Kämpfens. (Dazu genaueres im Abschnitt zu philosophischen<br />

und traditionellen Gedanken der Kampfkunst <strong>Karate</strong>.) Matsumuras Kampfstil<br />

war sehr dynamisch und kraftvoll. Er enthielt Elemente des Shaolin-Kung-Fu, einige<br />

Prinzipien des japanischen Schwertstils des Satsuma-Clans (bekannt als jigen-ryu)<br />

und Teile des okinawanischen Te. Ein Schüler Matsumura Sokons war Azato Anko,<br />

der spätere Lehrer des Begründers des modernen <strong>Karate</strong> Funakoshi Gichin. „Azato<br />

Anko verfeinerte Matsumuras Methode, indem er viele Ausweichbewegungen und<br />

schnelle Wechsel zwischen Angriff und Verteidigung einbaute“ (W. Lind 1997, S.73).<br />

Ein weiterer Schüler Matsumuras war Meister Itosu Yasutsune oder auch Itosu Anko<br />

genannt. Itosus Spitzname war „die heilige Faust des Shuri-Te“ (W. Lind 1997, S.76).<br />

Itosu wurde streng im Sinne eines Samurai erzogen. Er lernte nicht nur bei Matsumura<br />

Sokon Kampftechniken, sondern auch bei den Meistern Shiroma Gusukuma aus<br />

Tomari, Nakahara und Yasuri, einem direkten Schüler des Lehrers Iwah. Itosu war<br />

der zweite Lehrer Funakoshi Gichins. Erstgenannter begann, im April 1901, <strong>Karate</strong><br />

an öffentlichen Schulen zu unterrichten, da er <strong>Karate</strong> als Gesundheitsgymnastik erkannte.<br />

Auf Grund dessen entschärfte Itosu die kämpferischen Inhalte und betonte<br />

den Gesundheitsaspekt. Er brach hiermit das alte Tabu der Geheimhaltung der<br />

8


Kampftechniken, die in den verschiedenen Kata (Form) versteckt waren (vgl. W. Lind<br />

1997). Auch Itosu begründete tiefe philosophische Hintergründe und Traditionen, die<br />

an späterer Stelle näher genannt werden. Seine Forschungen vertieften sich in verschiedenen<br />

Kampfkunststilen. Denen entnahm er verschiedene formale Abläufe (Kata/Dao),<br />

um seinem System neue Techniken hinzuzufügen. Dadurch lag eine überdimensionale<br />

Sammlung vieler Formen vor, die zum Verlust des tieferen Inhalts seines<br />

Stils führten. Heute heißt das Quantität statt Qualität. Deshalb waren die okinawanischen<br />

Lehrer der Meinungen, dass Itosu <strong>Karate</strong> verfälschte. Doch die gefährlichen<br />

Techniken konnten nicht in der Schule unterrichtet werden. Er wandelte viele<br />

Angriffstechniken in Abwehrtechniken um. Itosu verstand die Zeichen des eingekehrten<br />

Friedens und brachte eine neue Denkweise ein,<br />

indem er den Menschen das <strong>Karate</strong> als Sport, mit dem<br />

Grundgedanken eines heilenden Kampfsystems<br />

eröffnete, wobei die Abwehr im Vordergrund stand aber<br />

die Tödlichkeit und Ernsthaftigkeit der Selbstverteidigung<br />

nicht verkannt wurde (vgl. W. Lind 1997, S.84). An dieser<br />

Stelle muss ein Schüler der beiden Meister Azato Anko<br />

und Itosu Yasutsune näher betrachtet werden. Wie schon<br />

erwähnt ist der Name des Schülers Funakoshi Gichin<br />

(siehe Abbildung). Er wurde 1869 auf Okinawa, als einziger<br />

Sohn einer niederen Shizoku-Familie geboren und<br />

verlebte seine Kindheit bei seinem Großvater Gifu, einem<br />

konfuzianischen Gelehrten. Dort studierte er klassische<br />

chinesische Literatur. In seiner Grundschulzeit übte<br />

Funakoshi bei Azato Anko im Geheimen <strong>Karate</strong>. Er besuchte seinen Lehrer bei<br />

Nacht und übte oft bis in die Morgenstunden. Sein Training bestand nur aus Kata<br />

(siehe Trainingsinhalte). Das Motto der alten Meister lautete „mindestens 3 Jahre für<br />

eine Kata“ (W. Lind 1997, S.271). Funakoshi übte 10 Jahre ein und dieselbe Kata,<br />

bevor Meister Azato mit ihm zufrieden war. Diese Kata wird heute als Tekki (Eisenreiter)<br />

bezeichnet. Zu der Zeit seiner Übung besuchte Meister Itosu Funakoshis Lehrer<br />

Azato. Sie tauschten sich über <strong>Karate</strong> und viele andere Themen aus. Itosu akzeptierte<br />

Funakoshi ebenfalls als Schüler. „1888 legte Funakoshi die Prüfung zum Hilfslehrer<br />

in Shuri ab und 1891 wurde er Hauptschullehrer an einer Schule in Naha“ (W.<br />

Lind 1997, S.271). In Naha trainierte er mit den Meistern Higashionna und Aragaki, in<br />

Shuri übte er mit den Meistern Kiyuna und Matsumura Nabe. „1901 / 1902 leitete er<br />

eine <strong>Karate</strong>demonstration in der Schule von Naha anlässlich eines Besuches des<br />

Schulkommissars der japanischen Provinz Kagoshima, Herrn Shintaro Ogawa. Dessen<br />

Bericht veranlasste das Kultusministerium in Tokyo, <strong>Karate</strong> als Teil des Lehrplans<br />

an den okinawanischen Schulen einzuführen,…“ (W. Lind 1997, S.271). Daraufhin<br />

entwickelten sich immer mehr Kontakte zwischen japanischen Persönlichkeiten<br />

und dem Okinawakarate. Funakoshi Gichins Rolle in diesen Begegnungen wurde<br />

immer größer. Nach einer 30jährigen Schullehrzeit kündigte er und widmete sich<br />

vollkommen den Kampfkünsten. Er reiste mit einer Gruppe, heute als Großmeister<br />

bekannter <strong>Karate</strong>persönlichkeiten, durch Okinawa und zeigte mit ihnen Okinawa-Te<br />

im ganzen Land. 1916 gab Funakoshi eine Demonstration in Kyoto und 1921 eine<br />

Vorführung für den japanischen Erbprinz Hirohito auf Okinawa. Im gleichen Jahr bekam<br />

die okinawanischen Kampfkunstorganisation eine Einladung vom japanischen<br />

Kultusministerium, um <strong>Karate</strong> in Tokyo zu demonstrieren. Okinawa betrachtete das<br />

als eine Möglichkeit <strong>Karate</strong> als Friedensbotschaft in die Welt zu entsenden. Dafür<br />

wurde ein Mann gewählt, dessen „Charakter über jeden Zweifel erhaben war“ (W.<br />

Lind 1997, S.272). Die Wahl traf auf Funakoshi Gichin, der nicht nur ein Meister des<br />

9


<strong>Karate</strong>, sondern auch der Kalligraphie und Dichtkunst war. Sein Künstlername lautete<br />

„Shoto“, er sprach Japanisch und Chinesisch, kannte die Philosophien der beiden<br />

Länder und war in der okinawanischen Kultur bewandert. Bei der Demonstration waren<br />

viele Kampfkünste der japanischen Kultur vertreten, wie beispielsweise Judo,<br />

dessen Begründer Kano Jigoro ist. Dieser zeigte großes Interesse an <strong>Karate</strong> und lud<br />

Funakoshi ins Kodakan ein, dem Judozentrum Japans. Funakoshi führte weitere<br />

Demonstrationen vor, was durch die Anerkennung des Judobegründers Kano erleichtert<br />

wurde. Von einer Reise, im Jahr 1922, nach Japan kehrte Funakoshi nicht<br />

mehr nach Okinawa zurück. Er sorgte dafür, dass <strong>Karate</strong> von den Japanern anerkannt<br />

wurde. Dafür lebte und lehrte er <strong>Karate</strong> intensiv in Japan. Es gelang ihm sogar<br />

<strong>Karate</strong> in Universitäten und Hochschulen zu integrieren. Sein Leben war nie von<br />

Reichtum gekennzeichnet und er musste für seinen Unterhalt Hilfsarbeiten leisten.<br />

Seine ersten Schüler trainierten mit ganz gewöhnlicher Kleidung, ohne weiße <strong>Karate</strong>anzüge<br />

und ohne Graduierungssysteme. Die einzige Methode war das Katatraining<br />

und die Abhärtung verschiedener Körperteile am Schlagpolster. Doch die Mentalität<br />

in Japan war eine andere als in Okinawa. Die Japaner führten Wettkämpfe in allen<br />

Kampfkünsten durch, wie beispielsweise im Kendo, Judo, Jiyujitsu und Sumo. Dort<br />

gab es eine Vielzahl von Übungen und Bewegungsformen, doch im <strong>Karate</strong> gab es<br />

weder Wettkämpfe noch eine Vielzahl von verschiedenen Bewegungen. Um Popularität<br />

zu erlangen und <strong>Karate</strong> zu verbreiten musste Funakoshi Veränderungen im<br />

Trainingssystem vornehmen. Er führte Kampfübungen und Grundtechniktraining ein.<br />

Nach Ansicht der Meister Okinawas war es nur möglich etwa 3-5 Kata vollständig zu<br />

meistern und deren Kampfaspekte zu verstehen. In Japan musste diese Qualität der<br />

Quantität weichen. So erweiterte Funakoshi das Lehrsystem auf 15 verschiedene<br />

Kata, die später näher erläutert werden. Die ursprünglichen Varianten der Kata wurden<br />

von ihm veränderte, die Gründe sind umstritten. Sie gelten derzeit als Standardübungen<br />

im Shotokan-<strong>Karate</strong>. Heute gibt es 27 Shotokan-Kata. Das Trainingssystem<br />

Funakoshis bestand hauptsächlich aus Kataübungen, deren Anwendung im Kampf<br />

(Bunkai), Grundtechnikschulung (Kihon), Schlagpolsterübungen (Makiwara) und die<br />

Lehre bestimmter Körperpunkte, die im Kampf angegriffen werden sollten, um den<br />

größtmöglichen negativen Effekt einer Technik beim Gegner zu erzielen (= jintaikyusho;<br />

vgl. W. Lind 1997, S.281). Funakoshi lehnte grundsätzlich das freie Kämpfen<br />

ab, denn hier verliert <strong>Karate</strong> den Hintergrund einer Selbstverteidigung, bei der man<br />

nicht die aggressive Angriffsposition einnimmt, sondern das Leben verteidigt. <strong>Karate</strong><br />

dient der friedlichen Charakterschulung. Einer seiner Hauptgrundsätze lautete „karate<br />

ni sente nashi!“, was etwa die Bedeutung trägt, dass „es keinen ersten Angriff oder<br />

keine erste Bewegung im <strong>Karate</strong> gibt“ (W. Lind 1997, S.281). Um <strong>Karate</strong> noch mehr<br />

den Japanern anzupassen wandelte Funakoshi Gichin das traditionelle Schriftzeichen<br />

der Okinawaner ins Japanische um. Das traditionelle Schriftzeichen bedeutete<br />

„Technik aus Okinawa“ oder „Technik der Tang“ (in Anlehnung an die Kampfkünste<br />

aus China, aus der Regierungszeit der Tang – 618-907 n.Ch. / vgl. W. Lind, 1997).<br />

Das Wort <strong>Karate</strong> setze sich aus „kara“ und „te“ zusammen. Kara bedeutet soviel wie<br />

„Leere“ und Te bedeutet „Hand“. Zusammengefasst ergibt sich die Übersetzung „Die<br />

leere Hand“. „Das Schriftzeichen, das er für Kara wählte, hat seinen Ursprung in der<br />

buddhistischen Tradition und wird auch „ku“ ausgesprochen, was „ohne Inhalt“ oder<br />

„leer“ bedeutet und eine Andeutung an das Universum ist“ (vgl. R. G. Hassel, S.36).<br />

„Shotokan war die ursprüngliche Bezeichnung für Meister Funakoshis 1936 gegründetes<br />

<strong>Karate</strong>-Dojo in Tokyo“ (W. Lind 1997, S.268). Das alleine reichte nicht, um die<br />

Japaner zu befriedigen. Es wurden ein Kampf- und Wettkampfsystem entwickelt, die<br />

als Teilaspekt des <strong>Karate</strong>trainings eingeführt wurden. Der Wettkampf war nicht das<br />

Hauptanliegen des Trainings und wurde nicht speziell geübt. Er galt als Nebenpro-<br />

10


dukt der Entwicklung des <strong>Karate</strong>. Im Training wurden die Hauptelemente Kata, Kihon<br />

und Kumite geübt, um sie im Wettkampf anzuwenden. Die Entwicklung zum Sportwettkampf<br />

wird an späterer Stelle erläutert. Funakoshi Gichin versuchte sein ganzes<br />

Leben lang traditionelles <strong>Karate</strong> in Japan zu verbreiten und es der Welt als Friedensbotschaft<br />

zu eröffnen. Doch die Moderne und die Modernisierung zwangen <strong>Karate</strong><br />

zur Weiterentwicklung. Hier legte ein Sohn Funakoshi Gichins wertvolle Grundsteine.<br />

Sein Name war Funakoshi Yoshitaka (siehe Abbildung). Er führte verschiedene<br />

Kampfsysteme ein, wie zum Beispiel das Gohon-, Sanbon-<br />

und Ippon-Kumite. Gohon-Kumite ist ein Fünf-Schritt-Kampf,<br />

Sanbon-Kumite ist ein Drei-Schritt-Kampf und Ippon-Kumite<br />

ist ein Ein-Schritt-Kampf. Er arbeitete das <strong>Karate</strong>system<br />

kämpferisch auf. Yoshitaka unterrichtete japanische<br />

Eliteeinheiten des Militärs im zweiten Weltkrieg, darunter<br />

waren zum Beispiel die berühmten Kamikazeflieger. Die<br />

Techniken wurden so verändert, dass sie vom Militär verwendet<br />

werden konnten. Dazu wurden die Stellungen tiefer<br />

und stärker, um zum Beispiel durch die Haltung Konfrontation<br />

zu suggerieren. Fußtechniken wurden aggressiver<br />

eingesetzt, die Akzentuierung lag deutlich bei den<br />

Angriffstechniken und es wurde der wirkliche Kampf geübt.<br />

Messer und andere Waffen kamen zum Einsatz und die Fußtritte wurden mit Stiefeln<br />

ausgeführt, selbst im Übungskampf. <strong>Karate</strong> gewährleistete unter Yoshitaka eine extreme<br />

Kampfausbildung, mit der Betonung des Kampfes auf Leben und Tod. Yoshitaka<br />

wurde von Meister Egami Shigeru begleitet, der nach dem Tod Yoshitakas eine<br />

der wichtigsten Persönlichkeiten der Shotokan-Bewegung wurde. Er ließ keine Abweichungen<br />

vom Grundkonzept des <strong>Karate</strong>, wie es Funakoshi Gichin lehrte zu. Yoshitaka<br />

starb im zweiten Weltkrieg an einer Krankheit in jungen Jahren. Egami<br />

Shigeru verbreitete seinen eigenen Stil, der als Shotokai bekannt ist. In der Zeit des<br />

zweiten Weltkrieges kam die Entwicklung <strong>Karate</strong>s leicht zum Stocken, da viele Meister<br />

in den Krieg involviert und im Ausland stationiert waren. Nach dem zweiten Weltkrieg<br />

ist der Name Nakayama Masatoshi zu nennen (siehe Abbildung links), der<br />

1913 in Tokyo geboren wurde. Er war in China stationiert und<br />

gehörte einer Samurai-Familie an. Sein Training begann er<br />

unter Funakoshi Gichin. Nakayama kehrte 1946 nach Japan<br />

zurück. Während seiner Abwesenheit hatte Yoshitaka das<br />

System, in der Zeit von 1938 und 1942, stark verändert.<br />

Diese Veränderungen waren ihm fremd und der<br />

vorherrschende Stil unbekannt. Nakayama ging den älteren<br />

Lehrern aus dem Weg und lernte von jüngeren <strong>Karate</strong>kas. Er<br />

wollte das Konzept des Wettkampfkarates einführen und<br />

suchte dafür die Unterstützung Funakoshis. Das Wettkampfsystem<br />

wurde jedoch weder von Funakoshi Gichin noch von Yoshitaka autorisiert.<br />

Aber Nakayama ließ sich nicht aufhalten. Er erarbeitete ein Regelsystem, in<br />

Zusammenarbeit mit Nishiyama Hidetaka, um das <strong>Karate</strong> als Wettkampfsport weltweit<br />

zu verbreiten. 1949 wurde unter Leitung von Nakayama die JKA (Japan <strong>Karate</strong><br />

Association) als erster <strong>Karate</strong>verband gegründet. 1955 eröffnete sie das erste kommerzielle<br />

Dojo (Dojo = Übungshalle). Eine der unbestrittenen Verdienste der JKA war<br />

die Einrichtung einer speziellen Instruktorenklasse (Trainerkategorie) im Jahre 1956.<br />

Da auch Nichtjapaner, vor allem amerikanische Soldaten unterrichtet wurden, beschäftigten<br />

sich Nakayama und Vertreter der JKA mit Kinetik, Physiologie, Anatomie<br />

und Hygiene. Sie schufen eine solide Grundlage der Bewegungsmechanik für das<br />

11


<strong>Karate</strong>training und fügten Inhalte aus den Bereichen der Physik, Psychologie und<br />

des Managements hinzu. Außerdem erstellten sie eine Systematisierung durch die<br />

Einführung von Gürtelfarben und Graduierungen. Durch diese tiefergehende Forschung<br />

wurde das Instruktorenprogramm vom japanischen Bildungsministerium anerkannt.<br />

Ausgewählte und talentierte <strong>Karate</strong>kas, vorwiegend aus dem <strong>Karate</strong>-Club<br />

der Takushoku-Universität, durchliefen ein dreijähriges Ausbildungsprogramm. Dafür<br />

konnten mehrere Instruktoren aus der Vorkriegsgeneration, unter der Leitung von<br />

Masatoshi Nakayama, gewonnen werden. Nach Abschluss des Programms wurden<br />

die Instruktoren in ferne Länder entsandt, um dort <strong>Karate</strong> zu verbreiten. Der erste<br />

Lehrgang mit JKA-Instruktoren in Deutschland fand 1965 statt. Bis zum Höhepunkt<br />

ihres Schaffens, im Jahre 1977, hatten zahlreiche Länder eigene Instruktoren. So<br />

konnte <strong>Karate</strong> in einer guten Qualität in der Welt verbreitet werden. Am 26.04.1957<br />

starb Meister Funakoshi Gichin. Nach seinem Tod stritten sich die beiden Hauptrichtungen<br />

des Shotokan-<strong>Karate</strong> um die wahre Nachfolge. So entstanden zwei politisch<br />

konkurrierende Hauptlinien im Shotokan-<strong>Karate</strong>. Die eine war die JKA unter Nakayama<br />

Masatoshi, die andere war die Shotokai-Linie unter Egami Shigeru, der das Nihon<br />

<strong>Karate</strong>-Do Shotokai gründete. Ein wesentlicher Unterschied der beiden Linien<br />

bestand in der Ausübung von Wettkämpfen. Die JKA führte das Wettkampfsystem<br />

ein und verbreitete es über die ganze Welt. Die Shotokai-Linie lehnt noch heute<br />

Wettkampfkarate ab. Am 15.04.1987 starb Meister Nakayama und die JKA stritt wieder<br />

um die „Erbfolge“. Die politischen Streitigkeiten hier weiterzuverfolgen ginge entschieden<br />

zu weit. Aber egal ob sie Wettkämpfe betreiben oder nicht, sie folgten und<br />

folgen doch den alten Traditionen und Prinzipien der Meister längst vergangener Tage.<br />

Einige leben diese Prinzipien mehr, andere leben sie weniger. Aber um <strong>Karate</strong> zu<br />

verstehen, muss man diese Gedanken kennen. Die Grafik zeigt zusammenfassend<br />

den Stammbaum des Shotokan-<strong>Karate</strong> (Quelle: www.utah.edu/ska/images/history.gif):<br />

12


2.3) Traditionen und Philosophie des Shotokan-<strong>Karate</strong><br />

Im Folgenden werden traditionelle Regeln und philosophische Gedanken zum und<br />

des <strong>Karate</strong> aufgenommen. Wie schon erwähnt gilt Meister Sakugawa Shungo als der<br />

Begründer der okinawanischen Dojokun, deren Vorbild die Regeln Boddhidarmas<br />

aus dem Shaolin-Tempel war. Dojokun sind Verhaltensregeln für Übende des <strong>Karate</strong>.<br />

Diese Regeln galten als Charaktervervollkommnungsleitlinien, die den Ausübenden<br />

dazu befähigen sollten „in allen Dingen des Lebens bewandert zu sein“ (W. Lind<br />

1997, S.68). Die Essenz seiner Regeln ist in folgenden fünf Punkten auch heute<br />

noch in den Übungshallen vieler <strong>Karate</strong>institutionen zu finden:<br />

„1. Suche die Vervollkommnung deines Charakters: Bemühe dich darum, nicht nur<br />

deinen Körper zu üben, sondern begegne deinen inneren Unebenheiten mit derselben<br />

Kraft, wie du im Training lernst, äußere Schwierigkeiten zu überwinden.<br />

2. Sei aufrichtig, loyal und zuverlässig: Achte das Leben, deine Kunst und den anderen<br />

Menschen. Pflege gegenseitige Beziehungen mit ehrlicher Gesinnung und vermeide<br />

Haltungen, durch die du in Frage gestellt werden kannst. Stehe zu deinen<br />

Verantwortungen und pflege den Geist der Freundschaft.<br />

3. Sei achtsam in deinem Streben: Vermeide jede Form des egoistischen Strebens.<br />

Überwinde den Egoismus, die Selbstsucht und die Habgier, sei maßvoll im Nehmen<br />

und großzügig im Geben. Dränge dich nicht in den Vordergrund, halte deine Ansprüche<br />

gering und bekenne dich zur Verantwortung, zur Hilfe und zur Toleranz.<br />

4. Ehre die Prinzipien der Etikette: respektiere die <strong>Budo</strong>-Etikette und bemühe dich<br />

darum sie in deinem Verhalten sichtbar zu machen. Gehe nicht gedankenlos über sie<br />

hinweg und suche nicht nach Entschuldigungen, wenn du sie verletzt. Gleiche Fehler<br />

durch erhöhte Hingabe aus und lasse sie nicht auf sich beruhen.<br />

5. Verzichte auf Gewalt: Missbrauche weder das Wissen noch das Können, das du<br />

dir in der Übung der Kampfkünste aneignest, für eigennützige Zwecke. Bekenne dich<br />

zur körperlichen und geistigen Gewaltlosigkeit und bemühe dich in allen Problemsituationen<br />

um friedliche Alternativen“ (W. Lind 1997, S.95; Karamitsos, Pejcic 2000,<br />

S.21). In einer weiteren Linie wird der Lehrmeister Matsumura Sokon genannt, der<br />

einige Lehrschriften verfasste. In einer schreibt er, dass einer der drei Wege des<br />

Kämpfens <strong>Budo</strong> ist. <strong>Budo</strong> bedeutet so viel wie der Weg der Kriegskünste. Sokon<br />

schrieb: „<strong>Budo</strong> (Bujutsu der wahren Kampfkünste): Dies ist reine Konzentration, die<br />

viele einzigartige Ideen hervorbringt. Du musst mit Deinem Geist gut umgehen und<br />

darauf warten, dass Dein Gegner geistig zusammenbricht. Gewinne den Kampf<br />

durch die Ruhe Deines Geistes, der die Konzentration des Gegners zerstört. Reifes<br />

Handeln bewahrt Dich vor Fehlern. Auf dem Gebiet der Loyalität musst Du die Kraft<br />

eines Tigers haben. Ein Meister des <strong>Budo</strong> sollte sich von Gewalt fernhalten, mit<br />

Menschen gut umgehen, ihre Leistungen anerkennen, in Frieden mit ihnen Leben<br />

und zu ihrem Wohlbefinden beitragen. Kampfkunstanhängern ist es verboten, sich<br />

auf ungebärdige Weise zu verhalten. Soldaten sollten die Menschen schützen und<br />

ihnen Helfen, in Frieden zu leben. Daher liegt in den Kampfkünsten der Weg der<br />

Wahrheit“ (W. Lind 1997, S.73). In Japan wurde der philosophische Grundstein in der<br />

Kamakura-Periode (1193-1333) gelegt. Die Samurai schufen den nötigen Hintergrund<br />

um ihre Macht zu stabilisieren. Sie nahmen Elemente des Zen-Buddhismus<br />

und die Lehre des Konfuzianismus als Staatsphilosophie auf. Kurz gesagt hieß das<br />

Motto „das Leben sei einfach und hart“ (H. Handel 1998, S.193). So entstand der<br />

Weg des Kriegers (japanisch Bushido), dem sieben wesentliche Punkte zu Grunde<br />

gelegt wurden.<br />

1) „Gi – die rechte Entscheidung aus der Ruhe des Geistes, die rechte Haltung, die<br />

Wahrheit. Wenn wir sterben müssen, müssen wir sterben.<br />

13


2) Yu – Tapferkeit und Heldentum<br />

3) Jin – die universale Liebe, das Wohlwollen gegenüber der Menschheit<br />

4) Rei – das rechte Verhalten (ein ganz grundlegender Punkt)<br />

5) Makoto – vollkommene Aufrichtigkeit<br />

6) Meiyo – Ehre und Ruhm<br />

7) Chugi – Hingabe und Loyalität“ (H. Handel 1998, S.193)<br />

Der Sinn, das Training der Kampfkünste als Weg zu betrachten, besteht darin zu erkennen,<br />

zu erfahren, zu erfühlen und zu leben (vgl. H. Handel 1998, S.196). In den<br />

verschiedenen Epochen entwickelte sich die Philosophie ständig weiter, ohne die<br />

Wurzeln zu verlieren. Itosu Yasutsune griff folgende Gedanken auf: „<strong>Karate</strong> strebt<br />

nicht nur danach, den Körper zu disziplinieren, sondern dient der Erhaltung der Gesundheit.<br />

Wenn es notwendig ist, für eine gerechte Sache zu kämpfen, sorgt <strong>Karate</strong><br />

für die Tapferkeit und für die Stärke, durch die man sein eigenes Leben für diese Sache<br />

aufs Spiel setzen kann. Es ist nicht dazu gedacht, im Wettbewerb eingesetzt zu<br />

werden, sondern viel eher als ein Mittel, seine Hände und Füße in einer ernsthaften<br />

Bewegung mit einem Raufbold oder Schurken zu gebrauchen“ (W. Lind 1997, S.79).<br />

Der Ursprungsgedanke des <strong>Karate</strong> war es mit einem Schlag zu töten, denn der Samurai<br />

(Krieger, Dienender) wollte dem Okinawaner immer mit einem Schwerthieb<br />

das Leben nehmen. Itosus Gedanken gehen in den Friedenszeiten weiter und er erwähnt<br />

den gesunderhaltenden und fördernden Wert des <strong>Karate</strong>, ohne den Gedanken<br />

an die ursprünglichen, kämpferischen Inhalte zu verlieren. Dieser wird in eine friedliche<br />

Form transformiert. Itosu sagt auch, dass „Realität ein wichtiges Ziel im <strong>Karate</strong>training<br />

ist. Sich vorzustellen, dass man wirklich während des Trainings auf dem<br />

Schlachtfeld ist, trägt viel zu intensiveren Fortschritten bei“ (W. Lind 1997, S.79/80).<br />

Heute nennen wir diese Trainingsform ideomotorisches Training, die Anwendung in<br />

vielen Sportarten findet.<br />

Der <strong>Karate</strong>meister Motobu Choki (1871-1944) schreibt zu der tieferen Bedeutung <strong>Karate</strong>s<br />

folgendes: „Manche Menschen befürchten, dass sie durch ihre Fortschritte im<br />

<strong>Karate</strong> andere angreifen können und sich nicht nur auf die Abwehr beschränken.<br />

Doch sie sollten im Sinne behalten, was <strong>Karate</strong> wirklich ist, und sich der Meisterschaft<br />

des Selbst widmen. Wenn jemand das vergisst, kann er nicht mehr als Mitglied<br />

der Kampfkunstgemeinschaft gelten. <strong>Karate</strong> ist zu einer internationalen Kampfkunst<br />

geworden und kann als Mittel zur Geisterziehung sehr wichtig sein. Das Training<br />

entwickelt eine beträchtliche geistige Kapazität…“ (W. Lind 1997, S.226/228).<br />

Diese Entwicklung ist auch heute noch am Wirken und machte mit Funakoshi Gichin<br />

keinen Halt. Er erarbeitete viele Gedanken und erstellte wesentliche Leitlinien für die<br />

Übenden des <strong>Karate</strong> (<strong>Karate</strong>ka). Die philosophische Bedeutung des heutigen <strong>Karate</strong><br />

ist nach ihm folgende:<br />

„Die Bedeutung des neuen >>Kara>Technik>Handleer>grüne<br />

Bambusstab: innen hohl (Kara), aufrecht und mit Knoten, d.h. selbstlos, sanft und<br />

gemäßigt.


Universums Leere ‚(Kara, Ku), und so ist Leere die Form selbst. >>Form ist Leere,<br />

und Leere ist Form selbst


Geist unterweisen.<br />

5. Die Schüler müssen alle Lehren des Meisters befolgen und alle Regeln des<br />

Dojo bewahren. Wenn ein Schüler sie nicht befolgt, muss ihn der Verantwortliche<br />

aus dem Dojo weisen.<br />

6. Im Dojo darf man nicht sprechen, nicht lachen, sich nicht laut verhalten, keine<br />

Unruhe stiften und keine Feste veranstalten. Das Dojo dient keinem anderen<br />

Ziel als dem Training des Do.<br />

7. Im Dojo darf man keine auffällige Kleidung tragen.<br />

8. Zum Training muss jeglicher Schmuck abgelegt werden.<br />

9. Personen unter Drogeneinfluss oder Verrückte dürfen das Dojo nicht betreten.<br />

10. Personen, die gerne streiten, diskutieren oder sonstige Probleme bereiten, dürfen<br />

nicht eintreten.<br />

11. Alle, die sich im Dojo kennenlernen, müssen eine strenge Sexualmoral einhalten.<br />

12. Jeder muss das Dojo betreten, bevor das Training begonnen hat. Wer zu spät<br />

kommt, darf die anderen nicht stören. Schuhe und sonstige Gegenstände müssen<br />

geordnet abgestellt werden.“ (H. Handel 1998, S.197/198)<br />

Andere wichtige Traditionen und Rituale beim <strong>Karate</strong>-Training sind der Gruß, die<br />

Meditation, der weiße <strong>Karate</strong>anzug (<strong>Karate</strong>-gi) und das Graduierungssystem in Form<br />

von Gürtelfarben. Graduierungen gibt es als Kyu- (Schüler-) und Dan- (Meister-) Bereiche.<br />

Die Gürtelfarben und Graduierungen im Shotokan-<strong>Karate</strong> sind in folgender<br />

Tabelle aufgeführt:<br />

Schülergraduierung Gürtelfarbefarbe Meistergraduierung Gürtelfarbe<br />

9. Kyu Weiß 1. Dan Schwarz<br />

8. Kyu Gelb 2. Dan Schwarz<br />

7. Kyu Orange 3. Dan Schwarz<br />

6. Kyu Grün 4. Dan Schwarz<br />

5. Kyu Blau 5. Dan Schwarz<br />

4. Kyu Blau oder Violett 6. Dan Schwarz<br />

3. Kyu Braun 7. Dan Schwarz oder Rot-<br />

Weiß<br />

2. Kyu Braun 8. Dan Schwarz oder Rot-<br />

Weiß<br />

1. Kyu Braun 9. Dan Schwarz oder Rot<br />

10. Dan Rot, Schwarz, oder<br />

Weiß<br />

Der 10. Dan wird ehrenhalber verliehen und stellt die Herauslösung aus dem Weg<br />

und die Stufe der Erkenntnis dar, die über das Studium des <strong>Karate</strong> hinausgeht. Es ist<br />

auch die Loslösung vom Sein, womit klar wird, dass der 10. Dan nach dem Tode verliehen<br />

wird, obwohl auch Ausnahmen gemacht werden. In der trainingswissenschaftlichen<br />

Betrachtung, innerhalb dieser Arbeit, wird näher auf die Systematik der Schüler-<br />

und Meistergraduierungen eingegangen.<br />

Der weiße <strong>Karate</strong>anzug steht für die Reinheit des Geistes. Man soll innerlich vollkommen<br />

leer sein, um alles aufnehmen zu können, was in der Unterrichtseinheit gelehrt<br />

wird. Außerdem bedeutet der weiße Anzug, dass alle gleich sind, egal aus welcher<br />

Gesellschaftsschicht sie kommen. Die Farbe Weiß stellt das Bemühen dar Körper,<br />

Geist, Kleidung und das gesamte Leben sauber zu halten, sie beschreibt die<br />

„lauteren Absichten einer Person“ (R. G. Hassel 1997, S.28). Das Erscheinungsbild<br />

des <strong>Karate</strong>kas soll dafür mit dem weißen Anzug ein gutes Beispiel sein.<br />

16


Die Meditation wird am Anfang und am Ende jeder Trainingseinheit durchgeführt.<br />

Meditation am Anfang bedeutet sich auf das Training vorzubereiten und sich vom Alltag<br />

zu lösen. Meditation am Ende bedeutet sich von der Anstrengung des Trainings<br />

zu lösen, wieder in den Alltag zu gleiten und die gewonnene Stärke für das gewöhnliche<br />

Leben zu sammeln. In der Meditation werden Atemtechniken durchgeführt, die<br />

den Körper auf die Herausforderungen des Trainings einstellen und vom Training<br />

wieder entspannen. Sie wird im Fersensitz (Seiza) mit aufrechter Körperhaltung und<br />

den Händen auf den Oberschenkeln ausgeführt.<br />

Eine der bedeutensten Traditionen ist der Gruß. Was oben schon angesprochen<br />

wurde soll nun etwas näher betrachtet werden. Japanisch wird Gruß mit Rei übersetzt.<br />

Aber Rei bedeutet mehr als Gruß. Es ist die Bezeichnung für Respekt, Höflichkeit,<br />

Anstand, Aufforderung zur Übung, Dankbarkeit und zeigt das rechte Verhalten.<br />

Rei heißt Verbeugen. „Verbeugungen sind Momente der Sammlung und müssen eine<br />

Innere Überzeugung beinhalten“ (H. Handel 1997, S.197). <strong>Karate</strong> beginnt und endet<br />

mit Respekt, das ist eine Verhaltensregel von Funakoshi Gichin. Wenn man die<br />

Halle betritt und wenn man die Halle verlässt zeigt man diese Haltung, indem man<br />

sich in diesen Momenten verbeugt. Dabei sollte die Verbeugung nicht weniger als<br />

drei Sekunden dauern.<br />

Nach den Meditationen folgen nachstehende rituelle Abfolgen:<br />

1. Shomen ni Rei: Verbeugung zur Front des Dojo, an der Meist ein Bild oder ein<br />

Schrein des Meisters, im Shotokan-Ryu von Funakoshi Gichin<br />

steht,<br />

2. Sensei ni Rei: Verbeugung zum Meister,<br />

3. Otagai ni Rei: Verbeugung zueinander.<br />

H. Handel (1997) fasst die innere Werte folgendermaßen zusammen: Klarheit, Höflichkeit,<br />

Direktheit, Respekt, Makellosigkeit, Anstand, Kontrolle, Aufrichtigkeit, Mut,<br />

Risikobereitschaft, Tapferkeit, Endscheidungsfreudigkeit, Beherrschung der Atmung,<br />

rechtes Verhalten, Gleichmut, Hingabe, Erfahrung, Loyalität, rechtes Erkennen, rechte<br />

Entscheidung, rechtes Erleben, rechte Haltung, rechtes Erfühlen etc. Was diese<br />

Elemente genau bedeuten und wie sie erfahren werden können wird an dieser Stelle<br />

nicht beschrieben. Wahrscheinlich ist das auch nicht möglich, denn es kann nur<br />

durch praktische Erfahrung erlebt und damit die tiefere Bedeutung erfahren werden.<br />

Eine weitere Tradition stellt das Kommando „Yoi“ dar. Es bedeutet Acht geben und<br />

signalisiert dem Übenden eine Wachsamkeitsstellung einzunehmen. Meistens ist<br />

diese Wachsamkeitsstellung eine hüftbreite, natürliche Stellung, wobei die Füße parallel,<br />

nach außen oder nach innen gerichtet sind. Es werden hier die Fähigkeit der<br />

Wahrnehmung und die Bereitschaft jeder Zeit reaktionsfähig zu sein geschult. All<br />

diese Traditionen und philosophischen Ansätze führen zu innerer Stärke. Durch korrekte<br />

Atmung, in Verbindung mit der richtigen An- und Entspannung der Skelettmuskulatur,<br />

können die inneren Organe gesunderhalten und gestärkt werden (vgl. J.<br />

Measara 2003, S.11). Ein gestärkter Körper und die charakterliche Auseinandersetzung<br />

mit den Werten des <strong>Karate</strong> führen zur Harmonisierung von Körper und Geist.<br />

Die Bestimmung des Begriffs Geist wird an dieser Stelle nicht vorgenommen, denn<br />

das würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Doch um zu dieser Anschauung zu<br />

gelangen mussten in der Geschichte viele Kriege geführt werden. In diesen Kriegen<br />

galt das Motto „Töte oder werde getötet“, japanisch bedeutet das „Ikken Hisatsu“ und<br />

heißt genau, den Gegner mit einem Schlag zu stoppen. Die Philosophie des kriegerischen<br />

Weges stellt die Grundlage dieser Künste dar (vgl. R. G. Hassel 1998). Aus<br />

dieser Entwicklungsstufe stammt die japanische Philosophie „Heijo – Shin – Kokoro<br />

– Michi.“ Das bedeutet „bleibe stets die selbe Person, äußerlich selbstsicher, ruhig<br />

und unerschütterlich, innerlich aber vollkommen Wachsam und in Alarmbereitschaft“.<br />

17


Es bedeutet auch „das ruhige, unerschütterliche, tägliche Denken, denn im Kampf<br />

gibt es keine Möglichkeit einen Fehler zu korrigieren“ (R. G. Hassel 1998, S.57 – 59).<br />

Aber über dieses Prinzip hinaus wird heute „nicht das Töten selbst, sondern die Fähigkeit<br />

zur absoluten Handlung, die aus der rechten inneren Haltung resultiert“, erstrebt<br />

(vgl. R. G. Hassel 1998). Mit E. Karamitsos Worten gesprochen „fordert das<br />

nicht nur eine perfekte Beherrschung der Technik des Kämpfers, sondern im besonderen<br />

Maße auch geistige und psychische Eigenschaften wie Selbstvertrauen, Mut<br />

und einen bis zum Äußersten gehende Konzentration. Ein Verlust der Konzentration<br />

kann die Niederlage, Verletzungen oder den Tod bedeuten“ (E. Karamitsos, B. Pejcic<br />

2000, S.19). Die philosophischen und traditionellen Rituale und Ansichten bedeuten<br />

also die Auseinandersetzung mit psychologischen Komponenten wie Angst, Unentschlossenheit,<br />

Übermut, Wut, Hass, Eifersucht, Rache, Freude, Verzweiflung, Aufgabe,<br />

Resignation u.a. Wenn man das sportpsychologisch betrachtet werden die<br />

Richtungsdispositionen Wille, Emotion und Motivation tiefer hinterfragt und erlebbar<br />

gemacht. Das sind verborgene Essenzen des traditionellen <strong>Karate</strong>. „<strong>Karate</strong>training<br />

führt so zu einem besseren Verständnis seiner selbst und der Welt“ (S. Nagamine<br />

1998, S.14). Meister Nagamine stellt folgende Regeln zur Meisterung des Weges der<br />

leeren Hand auf: „Er ist ein Mensch genauso wie ich! Ich kann nicht mein Potential<br />

entwickeln, wenn ich in der Falle der Selbstbeschränktheit stecke. Ich muss die<br />

Selbstbeschränktheit ablegen. Falls er drei Mal trainiert, muss ich sechs Mal trainieren.<br />

Sei nicht von anderen abhängig für Deinen Fortschritt. Musashi Miyamoto, Japans<br />

größter Schwertmeister sagte einst >> zolle den Göttern und Buddhas Deinen<br />

Respekt aber vertaue ihnen niemals.


„Ichi byo shi – In einem Atemzug. Im selben Moment.“ (Musashi Miyamoto)<br />

„Shingi ichinyo – Herz und Technik sind eins.“ (ohne Angabe)<br />

„Fudochishin – Der unbewegte Geist.“ (Soho Takuan)<br />

„Tokon – Kampfgeist“ (ohne Angabe)<br />

„Bumbu fuki – Die literarischen und die kriegerischen Künste kann man nicht trennen.“<br />

(ohne Angabe)<br />

„Kantan na mono yoku kachi o seisu – Die einfachen Dinge entscheiden oft über<br />

Sieg und Niederlage.“ (Funakoshi Gichin)<br />

„Shoshin o wasurezu – Verliere nie das Gefühl eines Anfängers.“ (Funakoshi Gichin)<br />

„Shin – gi – tai – Geist – Technik – Körper“ (ohne Angabe)<br />

„Mu – Die Leere.“ (Musashi Miyamoto)<br />

Der japanische Meister Tanaka Masahiko, Instruktor der JKA, sagt über <strong>Karate</strong>, in<br />

seinem Buch „Perfecting Kumite“ folgendes: „The self – challenge is a greater priority<br />

then physical power, regardless of age, if you always endeavor to explore the<br />

techniques with a demanding attitude. This is the reason <strong>Karate</strong> has to be<br />

understood as a „<strong>Budo</strong> – Education – of – Life“ (M. Tanaka 2001, S.22). Was bedeutet<br />

<strong>Budo</strong>? Es heißt übersetzt „Weg des Krieges.“ Für alle Wegkünste, besonders für<br />

die Japanischen gilt, dass technische Perfektion und absolute geistige Konzentration<br />

durch jahrelanges Üben und bedingungslose Hingabe das Ziel des Handelns, des<br />

Übens sind. Das Handeln soll von Bewusstheit, Wachsamkeit, Klarheit und Konzentration<br />

bestimmt sein. Die Aufmerksamkeit muss in jedem Moment des Handelns auf<br />

das, was man gerade tut gerichtet sein. Der Weg bedeutet die Lehre des Nicht-<br />

Anhaftens, die Nicht-Abhängigkeit von Dingen, Begebenheiten, Gefühlen und Bedürfnissen.<br />

Es ist „die Lehre, die den Tod als Teil der Existenz“ unterrichtet, „die beständige<br />

Arbeit an sich selbst bildet den Weg“ (Karamitsos, Pejcic 2000, S.19). Wahre<br />

Meisterschaft liegt in der konsequenten Verfolgung des Weges und somit im<br />

Einswerden mit der Kunst. Das Ausüben des Kampfes dient zur eigenen Vervollkommnung.<br />

Abschließend zu den Ausführungen der Tradition und Philosophie des<br />

<strong>Karate</strong> werden zwei Zitate aus dem Grundwerk des Shotokan-<strong>Karate</strong> „<strong>Karate</strong>-Do Kyohan“,<br />

von Funakoshi Gichin aufgeführt: „One who truly trains in this do and actually<br />

understands <strong>Karate</strong>-do is never easily drawn into a fight. One attack or a simple kick<br />

determines life or death. <strong>Karate</strong> is properly applied only in those rare situations in<br />

which one really must either down another or be downed by him. This situation is<br />

experienced possibly once in a lifetime by an ordinary person, and therefore there<br />

may be an occasion to use karate techniques only once or not at all“ (Funakoshi<br />

Gichin 1973, S.5). „True <strong>Karate</strong>-do is this: that in daily life, one’s mind and body be<br />

trained and developed in a spirit of humility; and that in critical times, one be devoted<br />

utterly to the cause of justice“ (Funakoshi Gichin 1973, S.3).<br />

19


2.4) Klassische Trainingsmethoden<br />

Klassische Trainingsmethoden im <strong>Karate</strong> sind Verfahren, die im Training eingesetzt<br />

werden, um Fortschritte in der Ausführung, im Verständnis und in der Anwendung<br />

spezifischer Techniken zu erreichen. Das bezieht sich auf diejenigen Verfahren, die<br />

ursprünglich verwendet und bis heute überliefert wurden. Einige dieser Prozeduren<br />

werden auch heute noch angewandt. Diese Definition der klassischen Trainingsmethoden<br />

ist angelehnt an die Definition der Trainingsmethode, nach Schnabel, Harre<br />

und Borde, die folgendermaßen lautet: „Im sportlichen Training einzusetzendes Verfahren,<br />

um zielgerichtet, planmäßig und effektiv Fortschritte in der Leistungsfähigkeit<br />

und Leistungsbereitschaft der Sportler zu erreichen“ (Schnabel, Harre und Borde<br />

(Hrsg.) 1997, S.181). Zu jeder Zeit war den <strong>Karate</strong>kas bewusst, dass das Ziel des<br />

Techniktrainings die Aneignung der effektivst zu realisierende Technik war und noch<br />

heute ist. Zwar haben sich die Ziele des Resultats der Technik verändert, doch die<br />

Suche nach Perfektion ist erhalten geblieben. Die Technik soll heute nicht mehr zum<br />

Töten verwendet werden, obwohl ein Mensch dazu in der Lage ist, wenn er die<br />

Technik korrekt ausführt. Da die Techniken und die Anwendung der Techniken im<br />

Kampf geheim gehalten wurden (geschichtlich betrachtet), musste ein System entwickelt<br />

werden, das diesen Elementen entsprach. Die Kampfkunst wurde in formale<br />

Übungsabläufe transkribiert. Diese Übungsabläufe kamen hauptsächlich aus China.<br />

Sie haben ihren Ursprung wahrscheinlich im Shaolin-Kloster, wurden „aus den anfänglichen<br />

Gesundheitsbewegungen des Qi-Gong entwickelt, woraus das Quan-fa<br />

entstand“ (vgl. Schlatt 1999, S.27). Sie wurden benutzt, um die alte einheimische, okinawanische<br />

Selbstverteidigung mit den chinesischen Kampfmethoden zu verbinden<br />

und für Außenstehende zu verschlüsseln. Wie schon oft erwähnt werden diese formalen<br />

Abläufe japanisch „Kata“ und chinesisch „Dao“ genannt. „Kata ist eine den<br />

ostasiatischen Kampfkünsten typische Übungsform und existiert nicht bei den verschiedenen<br />

europäischen Künsten. Auf der Insel Okinawa und in China war das Üben<br />

der Kata das eigentliche Herzstück der Kampfsysteme“ (Schlatt 1999, S.23). Kata<br />

wird als Basis bezeichnet, um Stellungen, Bewegungen, den Einsatz von Händen<br />

und Füßen, Atmung, Ruhe, Sicherheit, Rhythmus, Kampfgeist, Entschlossenheit,<br />

Koordination, Kondition, Kraftentwicklung, Gleichgewicht und andere Fähigkeiten und<br />

Fertigkeiten zu entwickeln. „In der Kata gibt es niemals einen ersten Angriff. Ihr System<br />

findet in der Verteidigung ihre Bedeutung und Anwendung“ (Schlatt 1999, S.27).<br />

Die Anwendung der Kata im Kampf mit Partnern oder Gegnern, die Bedeutung der<br />

Technikabläufe und deren Inhalte bezeichnet man als Bunkai. Kata dient also der<br />

„grundlegenden Ausbildung der Technik, dem Erkennen der tieferen Bedeutung von<br />

Geist und Energie der Technik und der Meisterschaft der äußeren und inneren Prinzipien“<br />

(Schlatt 1999, S.27). Die Kata sind somit auch mit esoterischen Inhalten gefüllt.<br />

Diese gehen stark im heutigen Sportkarate verloren und sind oft vollkommen<br />

verschwunden. Zu den Inhalten des Sportkarate wird an späterer Position Stellung<br />

genommen. Kata beginnt und endet grundsätzlich mit einer Verbeugung. Jede Kata<br />

hat ein bestimmtes Schrittdiagramm (japanisch = Enbusen oder Embusen), das genauer<br />

bezeichnet „Linie der kriegerischen Übungen oder Schrittlinie bei Kata“ bedeutet<br />

(vgl. Schlatt 1999, S.157). Es gibt drei wesentliche Kriterien der Kata. Diese sind<br />

einmal die starke und weiche Anwendung der Kraft, je nach Bedeutung der Bewegung,<br />

der Technik und deren energetischen Aspekten. Zum Zweiten ist es die exakte<br />

Ausführung langsamer und schneller Techniken, das Einblicke in den Kampfrhythmus<br />

bietet und die Anwendung der Techniken als Kombinationen im Selbstverteidigungsfall<br />

andeutet. Und zum Dritten ist es die korrekte An- und Entspannung des<br />

Körpers (der Skelettmuskulatur), was ein Element einer korrekt ausgeführten Technik<br />

20


ist (vgl. M. Tanaka 2001, S.22; Schlatt 1999, S.23, S.200). Gleichzeitig müssen die<br />

Bewegungen genau ausgeführt werden. Das richtet sich unter anderem nach dem<br />

Grad der Bewegungsamplitude der auszuführenden Techniken. Diese sind entweder<br />

groß (japanisch Dai) oder klein (japanisch Sho). In den verschiedenen Kata entstehen<br />

dadurch bestimmte Bewegungsmuster und Bewegungsbilder (optisch), die entweder<br />

groß oder klein aussehen. Danach wurden einige Formen benannt, die in ihrer<br />

Struktur sonst sehr ähnlich sind und denselben Ursprung haben. Weiterhin sind die<br />

Beachtung der Schwerpunktlage des Körpers, die Vorbereitung des Kampfgeistes<br />

(innere Einstellung / Bereitschaft) und die Hinwendung des Blickes in die Richtung<br />

des imaginären Gegners wesentliche Elemente der Kata. Das alles hilft dem <strong>Karate</strong>ka<br />

die richtige Position einzunehmen, sowohl physisch als auch psychisch betrachtet,<br />

um genug Kraft und Balance für eine Abwehr- und gegebenenfalls eine Kontertechnik<br />

zu entwickeln. Kata ist zusammengefasst eine Aneinanderreihung bestimmter<br />

Techniken, mit dem Ursprung den Gegner mit einem Schlag, Stoß, Tritt oder einem<br />

bestimmten Druck zu töten (Ikken Hisatsu), mit dem Ziel der Perfektionierung<br />

der Technik und dem Erkennen seiner selbst. Kata verlaufen in geometrischen Mustern<br />

und beginnen und enden am selben Punkt. Der Sportwissenschaftler Horst<br />

Handel, der intensiv in Japan <strong>Karate</strong> studierte und eine Lehrtätigkeit im Lehramt der<br />

Trainerakademie in Köln ausübte, sowie Bundestrainer des Deutschen <strong>Karate</strong>-<br />

Verbandes ist und Buddhismus in Klöstern von Indien, Nepal, Hongkong, Japan und<br />

Deutschland studierte, beschreibt folgende Kataschwerpunkte: Der erste Schwerpunkt<br />

ist „die Erhaltung oder Wiedergewinnung des äußeren und inneren Gleichgewichts<br />

des eigenen Egos aufgrund der esoterischen Bewegungsinhalte, wie Atem-,<br />

Geistes- und Ki-Kontrolle“ (Ki als Lebensenergie). Der zweite Schwerpunkt ist „die<br />

Entwicklung der Fähigkeit Angriffe abzuwehren oder zu neutralisieren“ und dazu die<br />

Ausnutzung der kämpferischen Aspekte, die gegnerischen Vitalzentren mit Tritt-,<br />

Schlag- oder Stoßtechniken negativ zu beeinflussen, um somit den Gegner zu besiegen“<br />

(vgl. H. Handel 1997, S.215). Kata zu trainieren zeigt die Bereitschaft zum<br />

Kämpfen, mit dem Bewusstsein zu sterben, um gleichzeitig jeden Moment des Übens<br />

mit voller Hingabe zu genießen, so als ob es der Letzte wäre. Kata wird als die<br />

Seele des <strong>Karate</strong>-do bezeichnet und beinhaltet das gesamte Konzept des <strong>Karate</strong>,<br />

was in dieser Arbeit noch deutlich herausgestellt wird. Es werden Grundtechniken<br />

und die Anwendung dieser Techniken im Kampf trainiert. Diese Elemente wurden im<br />

Verlauf der Entwicklung des <strong>Karate</strong>trainings aufgegriffen und verfeinert. Aber Grundtechniken<br />

und Kämpfen (Kumite) waren keine Inhalte des Trainings vor dem 19./20.<br />

Jahrhundert. Das wird an späterer Stelle näher aufgegriffen. Kata können somit als<br />

eine der ersten Systematisierung der Kampfkunst <strong>Karate</strong> angesehen werden und waren<br />

die Hauptmethode des <strong>Karate</strong>-Trainings (vgl. R. G. Hassel 1998, S.30). Durch<br />

die genaue Ausübung einer Kata wird die Tradition und die Identität des klassischen<br />

<strong>Karate</strong> bewart. Gleichzeitig wird <strong>Karate</strong> durch dieses traditionelle Üben weiterentwickelt,<br />

denn die Interpretation der Techniken ist frei und deren Anwendung im Kampf<br />

individuell verschieden. „Dadurch geht der Bezug zur lebendigen Entwicklung nicht<br />

verloren“ (Binhack, Karamitsos 1997, S.75). Kata muss gelebt werden, das wird<br />

durch die Überzeugung des Übenden während der Kata deutlich, besonders wenn<br />

die Kata gekämpft wird, als ginge es um Leben und Tod. Ein weiterer Aspekt, der<br />

heute nur noch selten als Ziel der Übung gewählt wird, ist die Meditation in der Bewegung.<br />

Ähnlich wie Tai-Chi kann auch <strong>Karate</strong> als Meditationsform ausgeführt werden.<br />

Der Sinn besteht darin, die Übung einzig für das Üben auszuführen, um sein Inneres<br />

vollkommen leer zu machen. Das impliziert auch das Schriftzeichen Kara, das<br />

mit Leere übersetzt wird. Das Prinzip der inneren Ruhe wird hier deutlich, denn ein<br />

guter Kämpfer soll innerlich ruhig sein, wenn er äußerlich bewegt ist und andersher-<br />

21


um. Zusammengefasst können physische und übergreifende Ziele des Katatrainings<br />

festgestellt werden. Physische Ziele sind die Aneignung der Techniken, Stärkung der<br />

Muskeln, Sehnen, Bändern, Knochen, des Organsystems, des Herzkreislaufsystems<br />

und des Atmungssystems, Maximierung der Effektivität der eigenen Biomechanik<br />

und die Entwicklung schneller Reflexe und Bewegungen bis zur Fähigkeit in realistischen<br />

Situationen zur Selbstverteidigung fähig zu sein. Übergreifende Ziele sind die<br />

Verbindung von Körper, Geist und Seele (die Definition soll an dieser Stelle offen<br />

bleiben, denn das Wahrnehmen von Geist und Seele ist vielfältig und kann derzeit<br />

nicht genau festgestellt werden), Höflichkeit, allgegenwärtige Wachsamkeit, das Energiezentrum<br />

(japanisch Hara, das im Unterbauch liegt und Sammelort der Lebensenergie<br />

ist) zu entwickeln und als Quelle der Kraft zu nutzen. Katatraining und die<br />

Anwendung der Kata in Selbstverteidigungssituationen war vor dem letzen Jahrhundert<br />

die einzige Trainingsmethode im <strong>Karate</strong> (vgl. R. G. Hassel 1998, S.29/30). Zusätzlich<br />

wurden Körperabhärtungsübungen ausgeführt, um schmerzunempfindlich zu<br />

werden und sowohl die Verteidigungs- als auch die Angriffstechniken zu verstärken.<br />

Es wurde trainiert, bis die Arme und Beine angeschwollen waren, bis die Knöchel der<br />

Faust bluteten und hunderte Male gegen ein Schlagpfosten geschlagen worden war.<br />

Das Schlagpolster wird japanisch Makiwara genannt. Auf dem Bild ist eine Variante<br />

abgebildet. Es sind viele Geschichten überliefert, in denen von fast übermenschlichen<br />

Trainingsmethoden gesprochen wird. So trainierte z. B. ein<br />

Meister der okinawanischen Selbstverteidigung seine Standfestigkeit auf<br />

dem Dach seines Hauses, wenn ein Taifun über die Insel hinwegfegte. In<br />

seinen Händen hielt er eine Tatami-Matte (Strohmatte). Sein Ziel war es<br />

seine Standfestigkeit zu steigern, seine Technik zu perfektionieren, seinen<br />

Körper und seinen Geist zu trainieren, indem er gegen schwierigste<br />

Umstände anging (vgl. Funakoshi Gichin 1993, S. 72-74). Ob diese und<br />

ähnliche Geschichten der Wahrheit entsprechen oder nicht, ob vielleicht<br />

ein Teil Wahrheit in ihnen liegt oder nicht kann nicht empirisch nachgewiesen<br />

werden. Deshalb werden sie als Trainingsmethoden der früheren<br />

<strong>Karate</strong>entwicklung in dieser Arbeit nicht in Betracht gezogen. Im Gegensatz<br />

zu diesen Geschichten ist aber streng überliefert, dass in früheren<br />

Zeiten des <strong>Karate</strong> der Grundsatz galt für eine Kata drei bis vier Jahre täglichen<br />

Trainings zu absolvieren, um sie zu meistern (vgl. A. Pflüger 1995, S.20; W.<br />

Lind 1997, S.278). Das heißt, dass erst nach mindestens drei Jahren intensiven<br />

Trainings eine neue Kata gelernt werden durfte. Und das nur, wenn der Meister die<br />

erlernte Kata als gut genug beurteilte und den Schüler als bereit anerkannte. Das<br />

wird von vielen Schriftstellern zum Thema des <strong>Karate</strong> belegt, wie zum Beispiel von<br />

W. Lind, Funakoshi Gichin, Schlatt, E. Karamitsos, Okazaki, H. Handel, Binhack, u.a.<br />

„Dieses dauernde Wiederholen eines einzigen Kata war grausam, brachte einen oft<br />

zur Verzweiflung und war manchmal erniedrigend. Mehr als einmal ging ich dabei zu<br />

Boden. Aber das Training war hart, und es wurde mir nie erlaubt mit einem anderen<br />

Kata zu beginnen, bevor Azato nicht überzeugt war, dass ich jenes, an dem ich gerade<br />

arbeitete, zufriedenstellend verstanden hatte“ (F. Gichin 1993, S.25). Ganz allgemein<br />

kann gesagt werden, dass ausschließlich die Dauermethode verwendet wurde.<br />

Mit fortschreitender Entwicklung im <strong>Karate</strong> wurden verschiedenste neue Varianten<br />

des Übens ins Training integriert. Ein wesentlicher Punkt zur Erweiterung des <strong>Karate</strong><br />

war die Aufnahme verschiedener Kata. Die geschichtlich überlieferte Anzahl der<br />

geübten Kata eines Meisters reicht von drei bis fünf. Mehr konnten nicht in einem<br />

Leben gemeistert werden (vgl. W. Lind 1997, S.278). Diese Zahl wurde von Funakoshi<br />

Gichin auf fünfzehn Kata erhöht. Die fünfzehn Kata sind folgende (vgl. H. Han-<br />

22


del 1997, S.217; Schlatt 1999, S.23-45; A. Pflüger 1995, S.21-81; W. Lind 1997,<br />

S.278):<br />

Japanische Bezeichnung Deutsche Übersetzung<br />

1) Heian Shodan Friedvoller Geist 1<br />

2) Heian Nidan Friedvoller Geist 2<br />

3) Heian Sandan Friedvoller Geist 3<br />

4) Heian Yondan Friedvoller Geist 4<br />

5) Heian Godan Friedvoller Geist 5<br />

6) Tekki Shodan Eisenreiter 1<br />

7) Tekki Nidan Eisenreiter 2<br />

8) Tekki Sandan Eisenreiter 3<br />

9) Bassai Dai Sturm auf die Festung (mit großen Bewegungen)<br />

10) Kanku Dai Blick in den Himmel (mit großen Bewegungen)<br />

11) Hangetsu Halbmond<br />

12) Empi Flug der Schwalbe<br />

13) Jitte Zehn Hände<br />

14) Jion Liebe und Gnade<br />

15) Gankaku Kranich auf dem Felsen<br />

Die Heian Kata dienen der Ausbildung der Kyu-<br />

Grade (Schülergrade).<br />

(Die Abbildung rechts zeigt eine schematische<br />

Darstellung der Kata Heian Shodan, die<br />

zeilenmäßig von links nach rechts zu lesen ist.<br />

Hier wird die Schwierigkeit der Entschlüsslung der<br />

klassischen Anwendung deutlich, da Bewegungen<br />

nicht eindeutig nachzuvollziehen sind.)<br />

(Quelle: A. Pflüger, 25 Shotokan-Katas, S.24/25)<br />

Die Tekki-Kata dienen der Herausbildung eines guten<br />

Standes und der Verbindung von Technik und<br />

Stand, es wird Krafterzeugung durch Hüftvibration<br />

geschult.<br />

Bassai und Kanku dienen dem Training der Technikvielfalt.<br />

Hangetsu dient der Entwicklung bewusster Atmung<br />

und körperlicher Stärke, durch konzentrierte<br />

An- und Entspannung der Skelettmuskulatur.<br />

Die Kata Empi dient der Entwicklung von Hüftbeweglichkeit, dem Üben von Ausweichbewegungen<br />

und dem Training von Schnelligkeit. Jitte dient der Ausbildung<br />

grundlegender Abwehrprinzipien und dem Herausbilden exakter Muskelarbeit in der<br />

Abwehr, verbunden mit dem Energiefluss und dem Stand. Jion schult einen geradlinigen,<br />

direkten Kampfstil, mit starken Techniken ohne zurückzuweichen. Gankaku<br />

schult den Gleichgewichtssinn, die Aufmerksamkeit, Geistesgegenwart (Zanshin), die<br />

Antizipationsfähigkeit oder Vorausnahme (Yomi), das Timing, das Ausnutzen einer<br />

Chance (Suki) und andere psychologische Aspekte des Kämpfens.<br />

Im 20. Jahrhundert wurden diesen 15 Kata weitere 12 hinzugefügt, teilweise von Funakoshi<br />

Yoshitaka (vgl. H. Handel 1997, S.217; Schlatt 1999, S.23-45; A. Pflüger<br />

1995, S.21-81):<br />

23


Japanische Bezeichnung Deutsche Übersetzung<br />

16) Bassai-Sho Sturm auf die Festung (mit kleinen Bewegungen)<br />

17) Kanku-Sho Blick in den Himmel (mit kleinen Bewegungen)<br />

18) Chinte Seltene Hand<br />

19) Nijushiho Vierundzwanzig Schritte<br />

20) Wankan König und Krone<br />

21) Meikyo Heller Spiegel<br />

22) Sochin Stärke und Ruhe<br />

23) Ji’in Liebe und Schatten<br />

24) Taikyoku Grundlagenkata – Kata des Universums<br />

25) Goju shi ho Dai Vierundfünfzig Schritte (mit großen Bewegungen)<br />

26) Goju shi ho Sho Vierundfünfzig Schritte (mit kleinen Bewegungen)<br />

27) Unsu Wolkenhände oder Wolken und Wasser<br />

Die Vielzahl der Kata soll eine große Variabilität der Techniken gewährleisten und eine<br />

große Bewegungsvielfalt ermöglichen. Das Erlernen der Kata ist bis zu einem<br />

gewissen Grad festgelegt und systematisch vorgegeben. Das garantiert eine grundlegende<br />

Ausbildung der Techniken, wie Stände, Bewegungen, Arm- und Beintechniken<br />

u.a. Die Kata werden in verschiedene Gruppen geordnet. Dabei unterscheidet<br />

man Shorin-ryu und Shorei-ryu. Shorin ist die japanische Sprechweise für Shaolin<br />

und bezieht sich, wie schon erwähnt, auf die Kampfstile der Städte Shuri und Tomari.<br />

Die Techniken des Shorin-ryu passen gut zu kleinen, leichten Menschen, die Bewegungen<br />

sind schnell und die Atmung ist natürlich. Diese Kata sind nicht so kraftvoll<br />

wie die des Shorei-ryu. Shorei-ryu wird das Kampfsystem der Stadt Naha genannt.<br />

Es ist weniger mobil als der Shorin-ryu, dafür werden kraftvolle Techniken, oft langsame<br />

Bewegungen und besonders die Atmung betont. Shotokan-<strong>Karate</strong> beinhaltet<br />

sowohl Formen des Shorei-ryu als auch Formen des Shorin-ryu. Die Einteilung der<br />

Kata ist wie folgt vorgenommen worden (vgl. W. Lind 1995, S.91; A. Pflüger 1995,<br />

S.17):<br />

Shorin-ryu: Heian Shodan – Godan, Bassai-Dai, Kanku-Dai, Empi, Gankaku, Basai-Sho,<br />

Kanku-Sho, Chinte, Nijushiho, Unsu, Goju shi ho Dai / Sho, Jion,<br />

Jitte, Ji’in, Meikyo, Wankan, Empi, Sochin, Unsu;<br />

Shorei-ryu: Tekki Shodan, Tekki Nidan, Tekki Sandan, Hangetsu, Jion, Jitte, Sochin.<br />

Einige Kata lassen sich sowohl zu den Shorin- als auch zu den Shorei-Kata zuordnen,<br />

da sie einerseits kraftvolle, dynamische und andererseits schnelle, agile Techniken<br />

und Bewegungen beinhalten.<br />

Die tausendfachen Wiederholung der Techniken, die jahrelangen Wiederholungen<br />

nur einer Kata, die kämpferische Anwendung der Kata und die tausenden Schläge<br />

zur Abhärtung der Körperteile am Schlagpolster (Makiwara) waren die ersten Trainingsinhalte<br />

des <strong>Karate</strong> und wurden in Form der Dauermethode das ganze Leben<br />

lang geübt. Der Lehrer gab sein Wissen darüber nur an ausgewählte Schüler weiter.<br />

Hierbei gab es zwei Hauptgruppen: Soto-deshi und Uchi-deshi. „Soto-deshi“ bedeutet<br />

„Äußerer-Schüler“. Das waren alle Schüler, die keine engere Bindung zum Lehrer<br />

hatten und in der Kampfkunst nicht durch den Lehrer zum tieferen Verständnis kommen<br />

konnten. Entweder trainierten sie nicht hart genug, zu hart oder nur um den<br />

Körper zu stählen. Irgendetwas fehlte ihnen, um in das tiefere Verständnis des <strong>Karate</strong><br />

einzudringen. Doch es war dem Soto-deshi möglich ein Meister des <strong>Karate</strong> zu<br />

werden, denn auch dieser Schüler entwickelte sich körperlich und geistig weiter. „Uchi-deshi“<br />

bedeutet „Innerer-Schüler“. Diese Schüler lebten meist im Haus des Meisters<br />

und hatten eine enge Beziehung zu ihm. Sie wurden direkt von ihrem Meister in<br />

24


das tiefe Verständnis der Kampfkunst eingeweiht und meistens zu seinen Nachfolgern<br />

ernannt. Zu Zeiten der Geheimhaltung der Kampfkunst waren Uchi-deshi fast<br />

ausschließlich Verwandte. Sonst wurden nur Schüler Uchi-deshi, wenn sie einen reinen<br />

Charakter hatten, mit Hingabe trainierten, ohne Widerworte alles Annahmen,<br />

was der Meister sagte, sich selbst dabei aufgaben und mit größter Härte und Demut<br />

an sich arbeiteten. Daran kann man erkennen, dass bestimmte Prinzipien im Lehr-<br />

und Lernprozess befolgt wurden.<br />

2.5) Didaktische Prinzipien<br />

Um die Geheimhaltung der Kampfkunst zu wahren musste der Lehrer sicher sein,<br />

dass die Schüler absolut vertrauenswürdig waren. Konnte er sich bei einem sicher<br />

sein, nahm er ihn auf. Dieser unterwarf sich einer absoluten Hierarchie und musste<br />

dem Lehrer und den fortgeschrittenen Schülern gehorsam sein. In den asiatischen<br />

Ländern stellte das keine Schwierigkeit dar, denn die Gesellschaft war absolut hierarchisch<br />

aufgebaut. Japan war hierbei ein Extrem, denn das Kämpfen oblag der<br />

Samurai-Klasse und dem Adel. Sie lebten nach dem Kodex des „Bushido“, dem<br />

„Weg des Kriegers“. Wer diesem Weg folgte wurde schon in der Kindheit zu absolutem<br />

Gehorsam dem Lehrer und Herren gegenüber erzogen. Samurai bedeutet nicht<br />

nur Krieger, sondern auch Dienender. So wurde alles hingenommen, nichts hinterfragt<br />

und kein Schüler bildete sich eine eigene Meinung, bis er nicht selbst Meisterschaft<br />

in den Künsten erlangt hatte. Diese absolute Hingabe, das Fehlen von Erklärungen<br />

und das Hinnehmen auch unverständlicher Inhalte sind bei Menschen der<br />

westlichen Welt fast völlig ausgeschlossen. Hier gilt jemand, der sich nicht erklärt<br />

und sein Handeln und Lehren nicht erläutert, als inkompetent und nicht fähig zu unterrichten.<br />

Es könnte das Fehlen didaktischer Kompetenz diagnostiziert werden. Das<br />

ist sicherlich entwicklungsbedingt und der wissenschaftlichen Betrachtungsweise und<br />

Analyse zur Erkenntnis der Dinge und Zusammenhänge der Welt zuzuordnen. Diese<br />

Unterschiede machen das Verstehen des ursprünglichen <strong>Karate</strong>, sowohl im klassischen<br />

Training als auch im Verständnis, des oben erläuterten Hintergrundes für Menschen<br />

der westlichen, analytischen und rationell erklärenden Zivilisation beinahe unmöglich.<br />

Doch Einblicke in die Geschichte der Kampfkunst und die Betrachtung didaktischer<br />

Prinzipien können das Verständnis erhöhen. Die didaktischen Prinzipien<br />

und die didaktischen Methodiken erleichtern das Training in Hinsicht auf den Lern-<br />

und Lehrprozess. Sie wurden aus den philosophisch traditionellen Verhaltensregeln<br />

erarbeitet und weiterentwickelt. Dabei ist ein Punkt die Bezeichnung: „<strong>Karate</strong>-do“. Do<br />

beschreibt den Weg, der lebenslang verfolgt wird und mit einem Schritt beginnt. Dieser<br />

eine Schritt und die Länge des Weges, bis zum Lebensende, bedeuten das Üben<br />

von Klein zu Groß und das stetige Wiederholen der Grundlagen. Das ist ein wichtiges<br />

didaktisches Prinzip. Der Weg wird in drei Hauptetappen gegliedert. Diese sind<br />

traditionell überliefert und stellen drei didaktische Prinzipien und insgesamt eine didaktische<br />

Methode dar. Die traditionellen Wegetappen werden „Shu – Ha – Ri“ genannt<br />

(vgl.: W. Lind 1995, S.101; A. Pflüger 1995, S.20; Schlatt 1999, S.165). „Shu“<br />

wird mit „befolgen“ oder „einhalten“ übersetzt und heißt die Einhaltung aller Regeln<br />

und deren duldsame Befolgung ohne Eigenwillen. Hier steht das Erlernen von Techniken<br />

und Bewegungsabläufe im Vordergrund, ohne Verfälschung und genau so, wie<br />

es der Lehrer unterrichtet. Shu ist die erste Wegetappe und wird als Basis der nächsten<br />

Etappen betrachtet. „Ha bedeutet die Ketten der Tradition zu brechen, seine eigene<br />

Entwicklung zu suchen“ (A. Pflüger 1995, S.20). „Ha“ wird mit „zerreißen“ oder<br />

„zerbrechen“ übersetzt. Dies ist die zweite Wegetappe und wird als „Befreiung aus<br />

der Formgefangenheit“ (W. Lind 1995, S.101) oder als die „Auseinandersetzung mit<br />

25


der Problematik und die Befreiung vom System durch Niederreißen der äußeren<br />

Form“ (Schlatt 1999, S.165) bezeichnet. Normen und Konventionen werden hinterfragt,<br />

um dem System eigene Inhalte zu geben. „Ri“ wird mit „trennen“ oder „entfernen“<br />

bezeichnet. Es ist die erlangte Meisterschaft und Reife durch Trennung vom<br />

leitenden System. „Ri bedeutet, sich von all dem Bisherigen zu entfernen und einen<br />

übergeordneten Standpunkt finden“ (A. Pflüger 1995, S.20). Diese Methode und ihre<br />

Prinzipien sind heute noch gültig. Doch der Übergang von der ersten Etappe zur<br />

zweiten Etappe erfolgt meist zu früh. Die grundlegenden Techniken sind erst in der<br />

Grobform entwickelt und nicht genug gefestigt. Das ist der Versportlichung des <strong>Karate</strong><br />

anzulasten. Auf diesen Punkt wird genauer eingegangen, wenn die Interviews<br />

ausgewertet werden.<br />

Die didaktischen Prinzipien wurden immer weiterentwickelt. Grundsätzlich gelten die<br />

Richtlinien: vom Leichten zum Schwierigen, vom Bekannten zum Unbekannten, vom<br />

Einfachen zum Komplexen und vom Universellen zum Speziellen. Funakoshi Gichin<br />

entwickelte ein Graduierungssystem zur Sicherstellung der Entwicklung einer soliden<br />

Basis. Das bezieht sich auf Grundtechniken (Kihon), Kata und Kumite (Kampf). Dieses<br />

System ist ein Modulsystem, das in Schülergrade und Meistergrade untergliedert<br />

ist und sich genau an die oben genannten Richtlinien hält. Es stellt gleichzeitig ein<br />

Prüfungssystem dar, um den Schüler Bestätigung seiner erreichten Fertigkeiten und<br />

Fähigkeiten zu geben oder bei Versagen zu verweigern. Da es verschiedene Verbände<br />

gibt, die Shotokan-<strong>Karate</strong> verbreiten, aber unterschiedliche Zielstellungen verfolgen,<br />

gibt es auch verschiedene Prüfungsordnungen. Alle Prüfungsordnungen sind<br />

nach den didaktischen Prinzipien aufgebaut und stellen eine didaktische Methode<br />

zum Erlernen des <strong>Karate</strong> dar.<br />

2.5.1) Didaktisches Leitkonzept im DKV<br />

Im Deutschen-<strong>Karate</strong>-Verband e.V. gelten folgende Prinzipien für das<br />

Shotokan-<strong>Karate</strong> (vgl. Handbuch des DKV e.V., S.150-168; Endgültige<br />

Fassung vom 18.4.98):<br />

Vorwort zur Prüfungsordnung:<br />

Die Prüfungsordnung gliedert die Trainingsinhalte in der Entwicklung eines <strong>Karate</strong>kas<br />

vom Anfänger bis zum Meister und die Prüfungskriterien zu den verschiedenen<br />

Schüler- und Meisterprüfungen. Durch langfristiges und beständiges Training soll der<br />

Übende, gleichzeitig mit der körperlichen Ausbildung, den verantwortungsbewussten<br />

Umgang mit Partnern im <strong>Karate</strong> erlernen. Dazu dienen die Regeln und die Etikette<br />

des <strong>Karate</strong>-Do, die unverzichtbare Bestandteile des traditionellen Shotokan-<strong>Karate</strong><br />

wie auch dieser Prüfungsordnung sind. Die unterschiedlichen Übungsformen von<br />

Grundschule, Partnertraining und Kata bieten dem <strong>Karate</strong>ka eine solide Ausgangsbasis<br />

für das breite Spektrum des <strong>Karate</strong>. Die Prüfungsordnung ist in vier Gruppen<br />

aufgeteilt. In jeder Gruppe werden besondere Schwerpunkte in der Ausbildung gesetzt.<br />

Es sind dies:<br />

Unterstufe 9. - 7. Kyu<br />

In der Unterstufe erlernt der Prüfling die Grundform der einzelnen Techniken. Den<br />

Abschluss dieser Stufe bildet der 7. Kyu, der den Übergang zur Mittelstufe vorbereiten<br />

soll. Prüfer und Prüfling achten vor allem auf sichere Stände, korrekte Techniken<br />

und Ausholbewegungen. Die aufrechte Haltung des Oberkörpers ist ein wichtiges<br />

Merkmal. Die Prüflinge zum 7. Kyu müssen bereits gute Ansätze von innerer und<br />

äußerer Spannung (Kime) zeigen. Im Kumite und im Kumite aus Kamae (Kampfhal-<br />

26


tung) sind die kontrollierte Ausführung der Techniken und die richtige Distanz beider<br />

Partner besonders zu beachten. In der Kata sind sowohl korrekte Abläufe, die beim<br />

7. Kyu bereits Rhythmus erkennen lassen, als auch ein Verständnis der Hintergründe<br />

der Techniken in der Kata gefordert. Die Selbstverteidigung ist ein natürlicher Bestandteil<br />

des <strong>Karate</strong>. Das Erlernen der Sportart soll den <strong>Karate</strong>ka zur Selbstbehauptung<br />

und zur Selbstverteidigung befähigen. Dieses Lernziel muss bei der Ausbildung<br />

berücksichtigt werden, wird jedoch nicht als zu prüfender Teil in die Prüfungsordnung<br />

aufgenommen.<br />

Mittelstufe 6. - 4. Kyu<br />

Die Grundtechniken, die jetzt häufig in Kombinationen gezeigt werden, sollen sich<br />

von der Grundform zur Feinform entwickeln. Bei der Ausführung der Kombinationen<br />

ist wichtig, dass sich die Qualität der Einzeltechnik nicht verschlechtern darf. Besonderer<br />

Wert wird auf folgende Merkmale gelegt: Bewegungsrhythmus, bewusster<br />

Hüfteinsatz, Standfestigkeit, Atemtechnik und Kime. Im Kumite und im Kumite aus<br />

Kamae (Kampfhaltung) müssen sich die technischen Fertigkeiten in Bewegungsvielfalt,<br />

Kampfgeist und Kontrolle ausdrücken. Der Respekt vor der Gesundheit des<br />

Partners ist einer der Eckpfeiler des fortgeschrittenen <strong>Karate</strong>kas! In der Kata soll sich<br />

das fortgeschrittene Können des Prüflings sowohl im Verständnis (Bunkai) als auch<br />

in der Flüssigkeit (Rhythmus) des Vortrages zeigen. Alle bis zu der jeweiligen Graduierung<br />

erlernten Kata gehören mit zum Prüfungsstoff.<br />

Oberstufe 3. - 1. Kyu<br />

Die Grundschule der Oberstufe zeichnet sich durch eine Vielzahl schwieriger Kombinationen<br />

aus. Dabei sind Qualitäten in den Einzeltechniken, Rhythmus in den Verbindungen,<br />

Standfestigkeit und nicht zuletzt Ausdauer zu zeigen. Sie spiegelt den<br />

Fleiß und die Intensität des Trainings wieder. Im Kumite werden sowohl das Jiyu-<br />

Ippon- Kumite (Freier-Einpunkt-Kampf) als auch der Freie Kampf (Jiyu Kumite) geprüft.<br />

Beides stellt höchste Anforderungen an den Prüfling. Nur wer exakte Technik<br />

mit Kampfgeist und Kontrolle paart, erfüllt die hier gesetzten Anforderungen. Sieg<br />

oder Niederlage ist beim Jiyu Kumite nicht prüfungsentscheidend. In Kata und im<br />

Bunkai muss der Prüfling ein fortgeschrittenes Verständnis des Zusammenhangs von<br />

Kata und sinnvollen Anwendungen zeigen können. Alle bis zu der jeweiligen Graduierung<br />

erlernten Kata gehören in der Oberstufe mit zum Prüfungsstoff.<br />

Dan - Grade<br />

Dan sein heißt Vorbild sein! Bezogen auf die innere Reife, die sich auch in den<br />

Techniken ausdrückt, führt der Prüfling seine Ausbildung fort. Erlaubt der Prüfer eine<br />

Graduierung ohne diese Reife, dient dies weder dem Prüfling noch dem <strong>Karate</strong>. In allen<br />

Prüfungsteilen muss der Prüfling eine vorbildliche Haltung und Ausführung zeigen<br />

können, um sich als Meister gegenüber den Schülern deutlich zu unterscheiden.<br />

Dies drückt sich auch in dem schwindenden Anteil praktischer Prüfungsteile der höheren<br />

Dan-Grade aus. Die folgenden Grundsätze sind bei den Prüfungen der Grundschule<br />

(Kihon) zu beachten: Alle Keri-Techniken (Tritttechniken) werden grundsätzlich<br />

(wenn nichts anderes vorgeschrieben ist) jodan (Kopfhöhe) ausgeführt. Dabei<br />

sind die körperlichen und altersbedingten Gegebenheiten zu berücksichtigen und<br />

dadurch Ausführungen in einer anderen Stufe möglich. Armtechniken werden grundsätzlich<br />

(wenn nichts anderes vorgeschrieben ist) chudan (Oberkörperhöhe) ausgeführt.<br />

27


Methodisch-didaktische Aspekte<br />

Bei der Gestaltung des Trainings sind folgende methodisch-didaktischen Aspekte zu<br />

berücksichtigen:<br />

• Theoretische Inhalte sollen nicht isoliert wissenschaftliche Erkenntnisse enthalten,<br />

sondern direkten Bezug zur Praxis haben, ggf. in praktische Übungen integriert werden.<br />

„Praxis“ bedeutet dabei nicht unmittelbar die eigene Bewegungsdemonstrationsfähigkeit<br />

des/der Lehrenden, sondern Handlungsmodelle zur Planung und Vermittlung<br />

von Bewegungsangeboten sowie das Verhalten in Leitungs- und Betreuungsfunktionen.<br />

• Die inhaltliche Ausrichtung des Trainings soll sich an den Erfahrungen und sportbezogenen<br />

Situationen der Teilnehmenden orientieren. Wünsche und Interessen bei<br />

der Planung und Gestaltung von Inhalten sind zu berücksichtigen, soweit konzeptionelle<br />

Vorgaben dies zulassen.<br />

• Bei der Auswahl der Lehrmethoden sind Grundsätze der Erwachsenenbildung zu<br />

berücksichtigen. Informationsdarbietung und –verarbeitung sollten in einem angemessenen<br />

Verhältnis zueinander stehen und durch Medien und Materialien unterstützt<br />

werden.<br />

2.5.2) Didaktisches Leitkonzept im SRD<br />

Die Prüfungsordnung im Shotokan-ryu-in-Deutschland e.V. sieht<br />

wie folgt aus (vgl.: www.shotokan-demmin.de):<br />

Hintergrund von Prüfungen im <strong>Karate</strong>-do:<br />

Prüfungen sind sowohl für die Schüler als auch für die Instruktoren da, so dass beide<br />

sehen können, in welche Richtung die Entwicklung geht und welche Korrekturen gegebenenfalls<br />

erforderlich sind. Bei der Vergabe der Graduierung muss das Verhalten<br />

des Prüflings vor, während und nach der Prüfung miteinbezogen werden.<br />

Man darf niemals vergessen, dass die Übung des <strong>Karate</strong>-do ein Leben lang andauert<br />

und die Prüfung nur ein Teil auf diesem langen Weg darstellt. Der Einzelne sollte soviel<br />

wie er nur kann trainieren. So wird er eines Tages die wahre Bedeutung von <strong>Karate</strong>-do<br />

verstehen (Nakayama-sensei).<br />

Anforderungen an die Vergabe der Kyu-Grade:<br />

8. Kyu: Der Prüfling kann die einfachsten Techniken äußerlich ausführen<br />

und anwenden.<br />

7./6./5./4. Kyu: Diese Graduierungen erfordern ein gesteigertes Niveau technischer<br />

und mentaler Fähigkeiten, die mit zunehmender Intensität vorgeführt<br />

werden können.<br />

3./2./1. Kyu: Der Prüfling muss nicht nur in der Lage sein die grundlegenden<br />

Techniken effektiv auszuführen, sondern dies muss in einer gestei-<br />

gerten inneren (mentalen) Sicherheit zum Ausdruck kommen.<br />

Anforderungen an die Vergabe von Dan-Graden:<br />

1. Dan: Auf diesem Niveau sollte der Prüfling in der Lage sein die grundlegenden<br />

Techniken fokussiert kraftvoll auszuführen und anzuwenden. Grundlegende Kombinationen<br />

müssen effektiv vorgetragen werden.<br />

2. Dan: Der Prüfling sollte in der Lage sein alle grundlegenden Techniken und Kombinationen<br />

auszuführen und auf die natürlichen Grenzen des eigenen Körpers Rücksicht<br />

zu nehmen und diese auszugleichen.<br />

28


3. Dan: Der Prüfling muss die den Techniken zugrunde liegenden Prinzipien verstanden<br />

haben. Er muss in der Lage sein Techniken in sich verändernden Situationen<br />

auszuführen und anzuwenden.<br />

4. Dan: Der Prüfling sollte die Prinzipien des Körpereinsatzes in der Technik tiefgründig<br />

verstanden haben und in der Lage sein diese zu unterrichten. Es ist erforderlich,<br />

dass eine schriftliche Ausarbeitung zu einem speziellen Unterrichtsthema eingereicht<br />

wird.<br />

5. Dan: Die Forschung auf einem begrenzten Gebiet des <strong>Karate</strong>-Do sollte abgeschlossen<br />

sein. Der Prüfling muss in der Lage sein, dass Thema zu erklären und zu<br />

demonstrieren.<br />

6. Dan: Aus einem eigenen Beitrag zu physischen und mentalen Aspekten des <strong>Karate</strong>-Do<br />

sollte ein Nutzen zu Gunsten anderer abzuleiten sein.<br />

7. Dan: Der Einzelne sollte fortgeschrittene Forschungen abgeschlossen haben und<br />

in der Lage sein dies im praktischen Unterricht anzuwenden.<br />

Das sind in grober Form die didaktischen Prinzipien dieser Verbände. Wie sie im<br />

Speziellen umgesetzt werden und wie die Didaktik des Trainers im Unterricht ist kann<br />

an dieser Stelle nicht ausgeführt werden, denn das ist individuell verschieden. Aber<br />

das Leitkonzept der didaktischen Prinzipien und Methodiken wird von allen angewandt.<br />

Sie sind traditionell überliefert und mit neueren wissenschaftlichen Erkenntnissen<br />

erweitert worden. Mit der Erweiterung der didaktischen Prinzipien und Methodiken<br />

änderten sich sowohl die Trainingsinhalte als auch die Trainingsmethodik im<br />

Shotokan-<strong>Karate</strong>. Funakoshi Gichin sagte einst: „Die Zeiten ändern sich, die Welt<br />

ändert sich, und die Kampfkünste müssen sich ebenfalls ändern.“ (R. Jakhel 2002,<br />

S.167).<br />

29


3) Die Weiterentwicklung der klassischen Trainingsmethoden<br />

Bewegung heißt Veränderung. <strong>Karate</strong> ist Bewegung des Körpers und<br />

des Geistes. Zwangsläufig verändert sich also auch <strong>Karate</strong>. Im<br />

19./20. Jahrhundert, in Friedenszeiten, wurden dem <strong>Karate</strong>training<br />

Kraftübungen mit und ohne Zusatzgewichte hinzugefügt. Klassische<br />

Trainingsgeräte sind zum Beispiel das Makiwara, Nigiri-Game, Chishi,<br />

Sunakama, Ishisashi oder das Makiage-Kigu (vgl. G. Lind 1998,<br />

S.157-161). Das Nigiri-Game war ursprünglich ein Krug mit kleiner<br />

vorspringender Öffnung. Dadurch konnte man ihn mit den Fingern<br />

umfassen. Der Krug wurde mit Wasser oder Sand gefüllt, um die<br />

Kraft der Finger und Hände zu steigern (siehe Abbildung). Das Chishi ist ein hammerähnliches<br />

Gerät, das früher aus einem Stock und einem Stein bestand. Es dient<br />

zur Stärkung der Greifkraft und der Handgelenke. Man kann es schwingen, heben,<br />

stoßen u.a. Das Sunakama ist ein mit Sand, Kieselsteinen oder Eisenkügelchen gefüllter<br />

Krug mit weiter Öffnung. Der Krug wird nicht angehoben, sondern man stößt<br />

die Fingerspitzen und schlägt mit den Fäusten hinein, um sie abzuhärten. Das Ishisashi<br />

ist ein rechteckiges Gewicht mit einem Griff. Es besteht aus Metall und kann<br />

mit der Hand oder dem Fuß gehalten werden. Hiermit können genau die Muskeln<br />

trainiert werden, die man für bestimmte Schlag- und Tritttechniken benötigt. Das Makiage-Kigu<br />

ist ein Gewicht an einer Seilrolle. Die Greifkraft, die Handgelenke, die Unterarmmuskulatur<br />

und die Schultermuskulatur werden hierbei trainiert. Das Gewicht<br />

wird, mit nach vorn gestreckten Armen, nach unten und oben aufgerollt. Zusätzlich<br />

wurden Hanteln, der Expander und mit Gewichten versehene Sandalen eingesetzt.<br />

Heute werden spezifische Krafttrainingseinheiten durchgeführt, in denen Geräte wie<br />

Gummibänder, Gewichtshandschuhe, Gewichtswesten u.a. eingesetzt werden. Außerdem<br />

stehen Maschinen zur Verfügung, an denen einzelne Muskeln und Muskelgruppen<br />

gezielt trainiert werden können. Die Weiterentwicklung der Kraftgeräte kann<br />

in jedem Fitnesscenter betrachtet werden. Es gibt Geräte, wie den Zugturm, die Multipresse,<br />

das Bankdrücken oder die Beinpresse u. v. m. Der richtige Einsatz dieser<br />

Geräte kann das <strong>Karate</strong>-Training und die karatespezifischen Fertigkeiten optimieren.<br />

Kraftübungen allein reichten nicht aus, um den Körper zu stählen. Es wurden Abhärtungsübungen<br />

mit Partnern wieder aufgenommen, die „Kote-Kitae“ (G. Lind 1998,<br />

S.162-164) genannt werden. Hierbei stehen sich die Partner in kurzem Abstand gegenüber<br />

und führen gleichzeitig Abwehrtechniken aus. Sie treffen sich am Ende der<br />

Bewegung und härten die jeweilige Körperstelle ab, an der und mit der sie treffen<br />

oder getroffen werden. Weiterhin können auch Schläge und Tritte auf den Körper des<br />

Partners ausgeführt werden, um die Schmerzempfindlichkeit zu verringern bzw. den<br />

Körper abzuhärten. Diese Methoden der Konditionierung werden heute im Shotokan-<br />

<strong>Karate</strong> kaum noch benutzt. Zusätzlich, zur Aufnahme dieser Methoden, wurde das<br />

<strong>Karate</strong> durch das Streben der Japaner nach Leistungsvergleich methodisch beeinflusst.<br />

Wie schon festgestellt wurde, entwickelten die japanischen Meister <strong>Karate</strong><br />

weiter, indem sie die klassische Methode „des-nur-Kata-Laufens“ neu systematisierten.<br />

Aus der Kata wurden verschiedene Formen des Kämpfens extrahiert, dass japanisch<br />

Kumite genannt wird. Damit wurde der Gedanke entwickelt einzelne Techniken<br />

auszuführen und ein Grundtechniksystem geschaffen, dass japanisch Kihon bezeichnet<br />

wird. Auf die Formen des Kumite und Kihon soll nun im Einzelnen näher<br />

eingegangen werde.<br />

30


3.1) Kumite - Kämpfen<br />

Die heute bekannten Kumite-Arten wurden innerhalb von<br />

5 Jahren, in der Zeit von ca. 1930 bis 1935, in Japan<br />

entwickelt. Kumite ist die Übung des Kampfes mit einem<br />

oder mehreren Partner/n. Wortwörtlich wird es „mit den<br />

Armen umfassen“ oder mit „sich auf jemanden stützen“<br />

übersetzt (vgl. Lind, Arnold und Schömbs 1995, S.37).<br />

Dem reinen Katatraining wurden Kampfübungen<br />

hinzugefügt. Im Kumite soll die technisch zweckmäßige<br />

Sicht der <strong>Karate</strong>technik erfahren werden. Zuerst<br />

entwickelte Funakoshi Gichin das Gohon-Kumite.<br />

„Gohon-Kumite“ bedeutet „Fünf-Schritt-Kampf“. Dabei stehen sich zwei Partner gegenüber.<br />

Der Angreifer wird Tori genannt, der Verteidiger Uke. Tori greift mit einer<br />

Technik fünf mal an, die er vorher anzusagen hat. Uke verteidigt sich fünf Mal mit einer<br />

Abwehrtechnik und kontert mit einer vorher festgelegten Technik nach der fünften<br />

Abwehr. Das ist eine grundlegende Kumite-Form mit Absprache. Sie wird in den<br />

meisten Schulen zuerst gelehrt, um Grundschultechniken mit dem Partner zu üben.<br />

Allgemein dient sie der Entwicklung der richtigen Distanzeinschätzung. Daraufhin<br />

wurde das Kihon-Ippon-Kumite entwickelt. Kihon bedeutet Grundtechnik und Ippon<br />

Ein-Punkt. Zusammengesetzt ergibt das: „Grundtechnik-Ein-Punkt-Kampf“ oder<br />

„Grundtechnik-Ein-Schritt-Kampf“. Tori greift nur einmal an, er macht nur einen<br />

Schritt und sagt die Angriffstechnik vor der Aktion an. Uke verteidigt mit einer Abwehrtechnik<br />

und kontert mit einer Angriffstechnik. In dieser Form werden verschiedene<br />

Ausweichbewegungen mit richtiger Stellung zum Gegner erlernt, um eine Kontertechnik<br />

an eine verletzliche Körperstelle zu setzen und die Abwehrtechnik optimal<br />

auszuführen. Weitere Lerninhalte sind Atmung, Bewegungsrhythmus und Distanzbeherrschung.<br />

Ist die gewählte Distanz für die Abwehr zu lang, so kann der Konter nicht<br />

richtig angebracht werden. Gleichzeitig wird der Rhythmus zwischen Abwehr und<br />

Konter, bezüglich der An- und Entspannung der eingesetzten Muskulatur, trainiert. Ist<br />

der Rhythmus zu lang, so kann Tori eine neue Aktion ausführen. Die Bewegungsaktion<br />

soll mit einer starken Stellung verbunden werden. Insgesamt kann die Effektivität<br />

der Technik erhöht werden. Dazu müssen die Partner ständig konzentriert und aufmerksam<br />

sein, um das Wahrnehmungsvermögen aufrecht zu erhalten und zu steigern.<br />

Das, über die genannten Merkmale, hinausgehende Ziel ist die Entwicklung der<br />

Fähigkeit „den angreifenden Gegner, auf kürzestem Weg, mit einer entscheidenden<br />

Technik zu besiegen“ (vgl. W. Lind et al. 1995, S.55). Die Weiterentwicklung des Kihon-Ippon-Kumite<br />

ist das Jiyu-Ippon-Kumite. Hierbei handelt es sich um den „Freien-<br />

Ein-Punkt-Kampf“ oder „Freien-Ein-Schritt-Kampf“. Grundtechniken werden kämpferisch,<br />

in halbfreier Form, geübt. Beide Partner stehen sich in einer frei gewählten<br />

Kampfhaltung gegenüber. Tori bleibt nach seinem Angriff in der Grundschulhaltung<br />

stehen, er muss jedoch vor seiner Aktion seine Angriffstechnik ansagen. Der Verteidiger<br />

kennt die Angriffstechnik und kann seine Handlungen, Position und Distanz frei<br />

bestimmen. Nach seinem Konter muss Uke in eine Kampfhaltung zurückkehren. „Eine<br />

der wichtigsten Voraussetzungen dazu ist, dass der Schüler in der Lage ist, sich<br />

unter Erhalt seines Gleichgewichts, frei zu bewegen, Distanzen zu beherrschen und<br />

in seinen Techniken, trotz der freien Form, starkes Kime (innere und äußere Spannung)<br />

zu entwickeln“ (vgl. W. Lind et al. 1995, S.103). Ein Ziel dieser Kumite-Form ist<br />

das Erkennen einer Gelegenheit den Kampf zu seinem Vorteil zu entscheiden.<br />

Diese drei Formen des Kämpfens wurden bis zum heutigen Tag weiter systematisiert<br />

(vgl. W. Lind et al. 1995, S.37):<br />

31


Yakusoku-Kumite: Jiyu-Kumite<br />

1 Tanren-Kumite:<br />

- Gohon-Kumite<br />

- Sanbon-Kumite<br />

2 Kihon-Kumite:<br />

- Kihon-Ippon-Kumite<br />

- Goshin-Kumite<br />

- Kakie-Kumite<br />

3 Yakusoku-Jiyu-Kumite:<br />

- Jiyu-Ippon-Kumite<br />

- Kaeshi-Ippon-Kumite<br />

- Okuri-Ippon-Kumite<br />

4 Oyo-Kumite<br />

- Kata-Kumite (Bunkai)<br />

- Happo-Kumite<br />

32<br />

1 Renshu-Kumite:<br />

- Shizen-Kumite<br />

- Tanshiki-Kumite<br />

2 Shobu-Kumite:<br />

- Kyogi-Kumite<br />

- Shiai-Kumite<br />

3 Jissen-Kumite:<br />

- Goshin-Kumite<br />

- Bogu-Kumite<br />

Das Kumitesystem besteht aus zwei großen Klassen. Die erste Klasse ist das Yakusoku-Kumite,<br />

das übersetzt abgesprochenes Kämpfen heißt. Die Absprache gilt für<br />

den Angriff, die Abwehr, die Kontertechnik und auch für die Anzahl der Angriffe. „Yakusoku“<br />

bedeutet „das Versprechen“ (vgl. W. Lind et al. 1995, S.52). Es wird in „Tanren-Kumite<br />

(einfaches Kumite), Kihon-Kumite (Grundschulkumite), Yakusoku-Jiyu-<br />

Kumite (halbfreies Kämpfen) und Oyo-Kumite (Kämpfen in mehrere Richtungen)“ unterteilt<br />

(vgl. W. Lind et al. 1995, S.52). Das oben beschriebene Gohon- und auch<br />

Sanbon-Kumite gehören zur Kategorie des einfachen Kämpfens. Der Unterschied<br />

besteht darin, dass beim Gohon-Kumite fünf Mal (go = fünf) und beim Sanbon-<br />

Kumite nur drei Mal (san = drei) angegriffen wird. Ziele dieser Kampfübungsformen<br />

sind das Erlernen grundschulmäßiger Angriffs-, Abwehr- und Kontertechniken zu<br />

verschiedenen Angriffsstufen. Angriffstufen sind Kopf, Bauch, Unterleib und untere<br />

Gliedmaßen. Im Gohon- und Sanbon-Kumite wird am Anfang entweder zum Kopf<br />

(Jodan) oder zum Bauch (Chudan) angegriffen. Mit fortgeschrittenen Fähigkeiten und<br />

Fertigkeiten können die Übungen zu verschiedenen Angriffsstufen variiert werden.<br />

Außerdem dient das Üben dieser Kumite-Formen dem Erlernen grundschulmäßiger<br />

Bewegungen, also der Grobform von Basistechniken unter Anpassung der Distanz<br />

zum Gegner. Dabei wird in leichten Schritten die Einschätzung der Distanz zum<br />

Gegner in dreifacher Form, während des Angriffs, der Abwehr und des Konter erlernt.<br />

Das Tanren-Kumite eignet sich hervorragend zur Herausbildung grundlegender<br />

Fähigkeiten und Fertigkeiten, um zum freien Kämpfen zu gelangen. In der zweiten<br />

Form des Yakusoku-Kumite, dem Kihon-Kumite, werden fortführende Kampfübungen<br />

des Tanren-Kumite ausgeführt. Die Techniken sind auch hier vorher vereinbart und<br />

werden in der Grundform ausgeführt. Die Distanzen sind vor dem ersten Angriff abzumessen.<br />

Hierzu gehören das Kihon-Ippon-Kumite, das bereits erläutert wurde, das<br />

Goshin-Kumite (Selbstverteidigungskampf) und das Kakie-Kumite (klebende-Hände-<br />

Kampf). Im Goshin-Kumite werden Selbstverteidigungsaspekte aus einer oder mehreren<br />

Katas geübt. Mit fortgeschrittenen Fähigkeiten und Fertigkeiten werden die Übungen<br />

des Goshin-Kumite bis zur realitätsnahen Selbstverteidigung perfektioniert.<br />

Hier wird nur mit einem Partner geübt. Im Kakie-Kumite werden „die Techniken der<br />

Hakenhände“ vermittelt (vgl. W. Lind et al. 1995, S.102). Das beinhaltet ein Nahkampfkonzept<br />

und wird erst von fortgeschrittenen <strong>Karate</strong>kas trainiert. Das Kihon-<br />

Kumite enthält Konzepte für das Training von <strong>Karate</strong>techniken in Bezug auf das Erlernen<br />

des Kämpfens für realistische Selbstverteidigungsbedingungen.


Eine weitere Form ist das Yakusoku-Jiyu-Kumite, das Kämpfen in halbfreier Form.<br />

Die Techniken erfolgen aus freier Bewegung, Distanz und Deckung. Es ist eine fortgeschrittene<br />

Übungsform und stellt die Zwischenstufe des Grundschulkämpfens und<br />

freien Kämpfens dar. Die Übenden müssen in der Lage sein, sich unter Erhalt des<br />

Gleichgewichts, frei zu bewegen, die Distanz zu beherrschen und die Techniken,<br />

trotz freier Form, stark auszuführen. Dadurch wird der Bezug zur praktischen Anwendung<br />

deutlicher. Die Techniken müssen vor dem Ziel gestoppt, aber trotzdem mit<br />

größtmöglichem Krafteinsatz ausgeführt werden. Außerdem lernt der Übende Gelegenheiten<br />

zur Aktion zu erkennen und sofort zu nutzen. Jede Handlung bekommt<br />

nun einen tieferen Sinn des Kämpfens. Es wird das Verhalten für den tatsächlichen<br />

Kampf und für die Selbstverteidigung geschult. Hierzu zählen das oben beschriebene<br />

Jiyu-Ippon-Kumite, das Kaeshi-Ippon-Kumite (Konter-Ein-Punkt-Kampf oder Erwidernder-Einschrittkampf)<br />

und das Okuri-Ippon-Kumite (Kampfübung mit zwei aufeinanderfolgenden<br />

Angriffen). Das Kaeshi-Ippon-Kumite dient der Übung, als Verteidiger<br />

die Angriffsinitiative zu übernehmen und den Angreifer in die Verteidigungsposition<br />

zu zwingen (vgl. Schlatt 1999, S.21). Dabei wird das Distanzgefühl und das Timing<br />

eine Aktion zu vollziehen intensiviert. Noch immer wird die genaue grundschulmäßige<br />

Bewegung betont. Da sich die Partner ständig bewegen liegt ein<br />

Schwerpunkt, dieser Kumite-Form, auf den Fußbewegungen. Dadurch müssen die<br />

Partner ständig ihre Distanz anpassen (vgl. W. Lind et al. 1995, S.122). Tori (Angreifer)<br />

sagt jedoch nur noch die Stufe an, zu der er den Angriff ausführen wird. Seine<br />

Technik ist frei wählbar. Nur wenn er mit einem Fußtritt angreifen will, muss er zusätzlich<br />

die Technik genau bezeichnen. Beim Okuri-Ippon-Kumite führt Tori zwei direkt<br />

aufeinanderfolgende Angriffe aus, „wobei der erste angesagt wird und der direkt<br />

folgende zweite Angriff sich aus Situation und Distanz ergibt“ (vgl. Schlatt 1999,<br />

S.21). Zu den oben genannten Elementen, die diese Kumite-Formen schulen, wird<br />

hier die Reaktion und die Automatisierung der Techniken unter Stress hinzugefügt. In<br />

der Systematisierung der Kumite-Formen ist das Oyo-Kumite als letzte Form des abgesprochenen<br />

Kämpfens angeführt und bedeutet „Kampfanwendung“ (Schlatt 1999,<br />

S.22) oder „Kampf in mehrere Richtungen“ (vgl. W. Lind et al. 1995, S.124). Das<br />

Oyo-Kumite erfordert somit eine andere Art der Orientierung im Raum. Ist der Verteidiger<br />

mit einem Gegner beschäftigt, muss er sich ständig bewusst sein, dass jederzeit<br />

ein anderer Gegner, aus irgendeiner Richtung, angreifen kann. Hierbei soll der<br />

Verteidiger die richtige Bewegung im Raum lernen, um sich in einer Situation gegen<br />

mehrere Angreifer optimal verteidigen zu können. Die Wahrnehmung im Raum und<br />

taktisches Verhalten werden geschult. Hierzu zählen das Kata-Kumite („Bunkai –<br />

Das Üben von einzelnen Katasequenzen mit Partnern“; vgl. Schlatt 1999, S.20) und<br />

das Happo-Kumite („Kampfübung in alle acht Richtungen gegen mehrere Gegner“;<br />

vgl. Schlatt 1999, S.22). Kata-Kumite beinhaltet die Aufgliederung, Analyse und somit<br />

das Studium von Shotokan-<strong>Karate</strong>, denn die Kata verschlüsseln das System eines<br />

Kampfstils, das für Außenstehende, allein durch die Betrachtung einer Kata,<br />

nicht erkennbar und erfassbar ist. Sie stellen „ein geschlossenes System eines Stils<br />

dar, das für Nichteingeweihte unsichtbar ist.“ (vgl. W. Lind et al. 1995, S.125).<br />

Kata-Kumite ist die Entschlüsselung ihrer kämpferischen Bedeutung. Eine Kata zu<br />

verstehen bedeutet ihre Anwendung im Kampf zu verstehen. Hierbei werden die Angriffe<br />

abgesprochen, um den Abwehr- und Angriffsbewegungen der gewählten Kata<br />

einen Sinn zu geben. Das Happo-Kumite wird ähnlich ausgeführt. Hierbei steht ein<br />

Verteidiger zwischen acht Gegnern, die in einer vorher festgelegten Reihenfolge und<br />

mit vorher festgelegten Techniken angreifen. Die Abwehr und der Konter des Verteidigers<br />

sind ebenfalls festgelegt. Es gilt hierbei den richtigen Zeitpunkt der Abwehr zu<br />

bestimmen und eine exakte Bewegungsform zu wählen, um die Distanz zum Angrei-<br />

33


fer zu regeln. Gleichzeitig muss Uke in alle anderen Richtungen reagieren und agieren<br />

können. Er entwickelt die Fähigkeit seine vorher festgelegte Abwehr- und Kontertechnik<br />

optimal wirksam umzusetzen.<br />

Die zweite große Klasse des Kumite ist das Jiyu-Kumite, das freies Kämpfen bedeutet.<br />

Es wird in drei Hauptgruppen untergliedert, die aus dem „Renshu-Kumite (Übungskampf),<br />

dem Shobu-Kumite (Wettkampf) und dem Jissen-Kumite (echter<br />

Kampf)“ bestehen (vgl. W. Lind et al. 1995, S.130). Das freie Handeln gegen einen<br />

Gegner, die Reflexe und die Entscheidung, bezüglich der eigenen möglichen Handlungen,<br />

werden geschult. Voraussetzung, diese Art des Kampfes zu üben, sind eine<br />

gute Grundschule, das Beherrschen verschiedener karatespezifischer Bewegungsformen,<br />

Körperkontrolle, das Halten des Gleichgewichts, das Erkennen der eigenen<br />

Möglichkeiten für eine Handlung, die Kenntnis der eigenen körperlichen und geistigen<br />

Fähigkeiten und die Kontrolle der eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten. Die Fähigkeit<br />

zur Regulierung psycho-physischer Handlungskomponenten, speziell auf die<br />

Kampfkunst Shotokan-<strong>Karate</strong> bezogen, wird damit verändert und spezifisch optimiert.<br />

Ist das Training richtig aufgebaut, wird sie in eine positive Richtung verbessert,<br />

ist das Training schlecht aufgebaut und hat das Ergebnis eines Leistungsabfalls, so<br />

wird sie in eine negative Richtung verändert. Allgemein kann gesagt werden, dass<br />

die individuelle motorische Handlungsfähigkeit physische (stoffliche Energie) und<br />

psychische (informationelle Energie) Voraussetzungen hat (vgl. Prof. Dr. H. Ilg 2000,<br />

Lehrmaterialien Sportpsychologie, Uni-Greifswald). Das kann als subtile Energie beschrieben<br />

werden, der drei Dispositionen zu Grunde liegen. Diese sind die Körper-,<br />

Kompetenz- und Richtungsdisposition. Die Körperdispositionen sind trainierbar und<br />

stellen allgemein die Kondition und Konstitution dar. „Der Begriff Kondition definiert<br />

den physiologischen Energieaspekt für die spezifischen konditionellen Fähigkeiten<br />

Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit und Beweglichkeit. Sie sind Ausdruck und Ergebnis<br />

der aktiven Energieübertragung im Herz-Kreislauf- und Stoffwechselsystem (Ausdauer)<br />

und in der Skelettmuskulatur (Kraft, Schnelligkeit, Beweglichkeit). Der Begriff<br />

Konstitution charakterisiert in einer weiten Begriffsbestimmung die organischen<br />

Funktionssysteme und Körperproportionen, wie zum Beispiel das Stütz-, Muskelsystem,<br />

Herzkreislaufsystem, Atmungssystem, Magen-, Darmsystem, Immun-, Hormon-<br />

und dem Nervensystem“ (Prof. Dr. H. Ilg 2000, Lehrmaterialien Sportpsychologie,<br />

Uni-Greifswald). Kompetenzdispositionen dienen dazu theoretische und praktische<br />

Anforderungen mit guter Qualität und relativ selbstständig zu realisieren. Hierzu werden<br />

die Kognition und die Koordination gezählt. „Die Kognition kennzeichnet alle<br />

psychischen Prozesse, Inhalte und Strukturen, die der Informationsaufnahme, -<br />

bewertung und –speicherung dienen. Kernstück der kognitiven Strukturen ist das<br />

Repräsentationssystem. Es enthält den gesamten Abbild- oder Wissensbestand über<br />

Gegenstände, Ereignisse der Umwelt und über den eigenen Körper (Objekt- oder<br />

Sachwissen). Außerdem das Wissen über die Interaktion mit Gegenständen und<br />

Personen sowie den Umgang mit sich selbst (Verfahrenswissen). Das Instrumentalsystem<br />

gewährleistet sowohl die rein mentalen (intern-kognitiven) als auch alle gnostisch-praktischen<br />

Operationen. Grundlage sind komplex-operative Handlungs-<br />

/Aktionsprogramme und –schemata. Im Zentrum stehen Bewegungsvorstellungen<br />

(OAS)“ (Prof. Dr. H. Ilg 2000, Lehrmaterialien Sportpsychologie, Uni-Greifswald).<br />

„Der Begriff Koordination charakterisiert jene Komponente in der Struktur der Handlungsfähigkeit<br />

und -bereitschaft, die vielfältige, gut koordinierte Bewegungshandlungen<br />

in unterschiedlichen Anforderungssituationen gewährleistet. Konstituierende<br />

Strukturelemente sind koordinative Grundmuster und –funktionen, allgemeine sowie<br />

spezifische koordinative Fähigkeiten und ein disponibles Fertigkeitsrepertoire. Der integrativ-synthetisierende<br />

Zusammenschluss aller Elemente erfolgt im Instrumental-<br />

34


system mit Hilfe entsprechender koordinativ-motorischer Aktionsprogramme und –<br />

schemata. Im Zentrum stehen operative Abbildsysteme (OAS)“ (Prof. Dr. H. Ilg 2000,<br />

Lehrmaterialien Sportpsychologie, Uni-Greifswald). Richtungsdispositionen sind Motivation,<br />

Emotion und Volition. Nach Prof. Dr. H. Ilg 2000, Lehrmaterialien Sportpsychologie,<br />

Uni-Greifswald, lassen sich diese Elemente wie folgt definieren: „Der Begriff<br />

Motivation beschreibt Prozesse, Zustände und Strukturen, die im Ergebnis kognitiver<br />

und emotionaler Bewertungen eine handlungsregulierende Wirkung haben. Der<br />

Begriff Motivation bezieht sich auf die Gesamtheit von sinn- bzw. bedeutungsstiftenden<br />

Handlungsargumenten. Motive stellen im Zusammenwirken mit den Bedürfnissen<br />

und Handlungszielen eine psycho-dynamische Determinante in der Handlungsbereitschaft<br />

dar, die Handlung auslöst, aufrechterhält oder auch verhindert. Der Begriff<br />

Emotion meint alle psychischen (neurovegetativen) Erregungszustände bzw.<br />

-muster, die an einer Informationsbewertung – bezogen auf eine Anforderung<br />

und/oder Situation – gebunden sind. Emotionen üben auf die ablaufenden psychophysischen<br />

Prozesse im Sinne einer psychodynamischen Wirkungsgröße eine Art<br />

„Verstärkerfunktion“ aus. Der Begriff Wille (Volition) kennzeichnet die Qualität der<br />

Komponente in der Handlungsstruktur, die Voraussetzung ist, um Anforderungssituationen<br />

besonders beim Auftreten von Hindernissen, Schwierigkeiten oder Konflikten<br />

entsprechend der konkreten Zielvornahme und Aufgabenstellung lösen zu können.<br />

Willensprozesse in bewussten Handlungen haben eine Motivationsbasis des ZNS<br />

und damit zur Aufmerksamkeit. Ausdruck von Willensqualitäten sind Persönlichkeitsmerkmale<br />

wie Selbstkontrolle/Selbstwirksamkeit, Entschlossenheit/Mut und<br />

Durchsetzungsvermögen/Anstrengung in Form von Willensstoßkraft (Mobilisierungs-,<br />

Steigerungsvermögen) und Willenspannkraft (Zielstrebigkeit, Beharrlichkeit, Ausdauer).“<br />

Durch das Üben gelingt es dem <strong>Karate</strong>ka die genannten Komponenten unter<br />

Berücksichtigung der Situationsanforderungen besser einzuschätzen und umzusetzen<br />

(vgl. Prof. Dr. H. Ilg 2000, Lehrmaterialien Sportpsychologie, Uni-Greifswald).<br />

Das Ziel des Trainings ist es, die psycho-physische Handlungsregulation so zu verändern,<br />

dass sie optimal den jeweiligen Anforderungen des Shotokan-<strong>Karate</strong> entsprechen.<br />

(Das kann an dieser Stelle nicht näher erläutert werden, denn es würde<br />

den Rahmen dieser Arbeit sprengen.) Um das zu erreichen, ist die Übung des Renshu-Kumite,<br />

Shobu-Kumite und des Jissen-Kumite unerlässlich. Das Renshu-Kumite<br />

ist ein Übungskampf, der die Anwendung von grundschulmäßigen Techniken, Kombinationen,<br />

Bewegungen und Handlungsmöglichkeiten mit dem Partner, in abgesprochener<br />

oder freier Form beinhaltet. Beide Partner sollen harmonische Bewegungen<br />

ausführen und dadurch die Situation gefühlsmäßig erfassen lernen. Die beiden<br />

Hauptübungsformen sind dabei das Shizen- und das Tanshiki-Kumite. Shizen-<br />

Kumite ist ein Übungskampf ohne festgelegte Regeln, wobei Greiftechniken, Befreiungstechniken,<br />

Angriffe zu den Gelenken, Angriffe unterhalb der Gürtellinie und zu<br />

gefährlichen Vitalpunkten ausgeführt werden. Um diese Kumite-Form zu üben, muss<br />

die Technik in der Feinform automatisiert und variabel verfügbar sein. Gleichzeitig<br />

muss ein hohes Maß an Kontrolle sowohl psychischer als auch physischer Komponenten<br />

erreicht sein. „In dieser Form des Kampfes werden die Regeln durch die Verantwortung<br />

der Übenden ersetzt“ (W. Lind et al. 1995, S.131). Tanshiki-Kumite ist eine<br />

Form des Renshu-Kumite, bei der die Anzahl der zu übenden Techniken begrenzt<br />

wird, um taktisches Verhalten zu schulen. Das Shobu-Kumite ist eine sehr beliebte<br />

Übungsform, denn hier wird der Wettkampf trainiert. Es gliedert sich in Shiai-Kumite<br />

und Kyogi-Kumite. Shiai-Kumite ist eine Übungsform zur Perfektionierung der Fähigkeiten<br />

und Fertigkeiten, die für den Wettkampf benötigt werden. Hier gibt es ein festes<br />

Reglement, um Verletzungen zu vermeiden. Die Anwendung gefährlicher Techniken<br />

ist verboten und viele Techniken, die im <strong>Karate</strong> trainiert werden, sind nicht er-<br />

35


laubt. Die Anzahl der Techniken ist somit stark reduziert und begrenzt. Ebenso ist die<br />

Trefferfläche eingeschränkt, Kopftreffer sind zum Beispiel untersagt. Halten, Nachtreten,<br />

-schlagen u. a. sind nicht gestattet. Der Kampf wird in dieser Form zu einem<br />

Wettbewerbsspiel (Shobu-Kumite) und verliert den ernsthaften Charakter. Aber es<br />

lassen sich Fähigkeiten und Fertigkeiten entwickeln, die der realen Anwendung der<br />

Techniken im Selbstverteidigungsfall entsprechen. Das Kyogi-Kumite ist der Wettkampf<br />

nach festen Regeln, mit Schiedsrichtern und Punkten, um einen Sieger festzustellen.<br />

Das Gewinnen steht im Vordergrund. Diese Kampfform ist im klassischen<br />

<strong>Karate</strong> verboten, da sie das Ego fördert und so nicht den Gedanken des Weges entspricht.<br />

<strong>Karate</strong> dient der Überwindung des Selbst und dem Ablegen des Egos. Im<br />

Wettkampf, um den Sieg nach Punkten, wird die Ebene der Selbstüberwindung verlassen<br />

und das Streben nach „höher, schneller, weiter“ verfolgt. Das Ich rückt in den<br />

Vordergrund und das Wetteifern nach Pokalen und Geld wird das Ziel der Übung.<br />

Die Gedanken der Übenden des Shotokan-<strong>Karate</strong> gehen an diesem Punkt stark<br />

auseinander. Das wird in der Auswertung der Interviews deutlich. Am Ende dieser<br />

Systematisierung steht der echte Kampf, das Jissen-Kumite. Es handelt sich dabei<br />

um die Simulation des echten Kampfes unter reellen Bedingungen. Der Kampf soll<br />

mit einer Aktion entschieden werden. Der Gedanke des „Ikken Hisatsu“, „den Gegner<br />

mit einem Schlag zu stoppen“, ist hier der entscheidende Entschluss, um den Kampf<br />

zu beherrschen. Die Kontrolle der Übenden muss an die Perfektion heranreichen und<br />

ein hohes Maß an Können voraussetzen. Die innere Haltung der Übenden muss<br />

ernste Entschlossenheit, aber auch die Achtung der Gesundheit des Partners vereinen<br />

und repräsentieren. Die innere Haltung muss sich in der äußeren Haltung widerspiegeln.<br />

Die Handlungen der Übenden dürfen keine Abweichung der genannten Elemente<br />

zulassen, um die Achtung vor dem Menschen zu wahren. Funakoshi Gichin<br />

sagte hierzu: „Denke nicht darüber nach, wie du gewinnst, aber denke darüber nach,<br />

wie du nicht verlierst.“ (W. Lind et al. 1995, S.133). Das Verlieren bezieht sich dabei<br />

nicht nur auf den Kampf, sondern vielmehr auf die innere Haltung und Selbstkontrolle<br />

der Übenden. Das Jissen-Kumite wird in Goshin- und Bogu-Kumite gegliedert. Beim<br />

Goshin-Kumite sind alle Angriffs- und Abwehrtechniken in freier Form erlaubt und<br />

fordert ein hohes Maß karate-spezifischen Könnens. Das Bogu-Kumite ist ein Kampf<br />

mit Rüstungsschutz, um stark angreifen und kontern zu können, wodurch Techniken<br />

für reale Anwendungen optimiert werden.<br />

3.1.1) Psychische und Physische Bereitschaft<br />

Die Systematisierung des Kumite ist ein wesentlicher Entwicklungsschritt zur methodischen<br />

Aufbereitung des Trainings, um das Erlernen des freien Kämpfens zu optimieren,<br />

zu erleichtern und zu verkürzen. Das Kumite unterliegt einigen wichtigen<br />

Prinzipien, die im Folgenden genauer betrachtet werden sollen. Sie werde in Körperhaltung<br />

oder physische Bereitschaft (Mi-Gamae) und Geisteshaltung oder psychische<br />

Bereitschaft (Ki-Gamae) unterteilt (vgl. W. Lind et al. 1995, S. 38):<br />

Mi-Gamae – physische Bereitschaft Ki-Gamae – psychische Bereitschaft<br />

Ma-ai - Distanz Kihaku - Kampfgeist<br />

Metsuke - Blick Sen - Initiative<br />

Heiko - Gleichgewicht Yomi - Wahrnehmung<br />

Hyoshi - Rhythmus Zanshin - Geistesgegenwart<br />

Kokyu - Atmung Kikai - Gelegenheit<br />

Waza - Technik<br />

36


3.1.1.1) Mi-Gamae – Physische Bereitschaft<br />

Die physische Bereitschaft (Mi-Gamae) ist in verschiedene Komponenten gegliedert<br />

und wie folgt gekennzeichnet:<br />

Ma-ai bedeutet nicht nur Distanz, sondern auch Zeitraum zwischen zwei Dingen,<br />

Bewegungen, Räumen oder Momenten. Das Konzept des Ma-ai beinhaltet die Verbindung<br />

von Raum und Zeit und damit die Kontrolle über alle im Kampf auftretenden<br />

Situationen (vgl. W. Lind et al. 1995). Dabei ist die Einschätzung des räumlichen Abstands<br />

(hier der Abstand der Gegner) eine Fähigkeit, die im Kumite anfangs erlernt<br />

werden muss. Ist der Abstand zu groß, wirkt die Technik nicht in ihrem vollen oder<br />

optimalen Ausmaß. Wenn der Abstand zu gering ist, kann sich die Technik gar nicht<br />

entfalten. Erst der genaue Abstand zum Gegner gewährleistet die Umsetzung einer<br />

erlernten und gefestigten Technik mit optimaler Kraftentfaltung am Gegner (motorisch<br />

betrachtet).<br />

Metsuke bedeutet Blick oder „die Haltung der Augen“ (W. Lind et al. 1995, S.40).<br />

Wohin man die Augen im Kampf richtet ist individuell verschieden. Jedoch soll über<br />

den visuellen Sinn der Gegner wahrgenommen werden, um die Situation optisch zu<br />

erfassen und die Handlung richtig wählen zu können. Im Laufe der Entwicklung eines<br />

<strong>Karate</strong>kas lernt der Übende in den Augen des Gegners zu lesen. Ein nervöser Blick<br />

verrät die Angespanntheit des Gegners, wagt er nicht seinen Blick in die Augen des<br />

Anderen zu richten hat er Angst. Die psychologischen Fähigkeiten, wie zum Beispiel<br />

die Überwindung von Emotionen wie Angst, Wut und/oder Hass und die Auseinandersetzung<br />

mit scheinbar gefährlichen Situationen drücken sich im Blick aus. Bei<br />

fortgeschrittenen Meistern spricht man von der Ruhe und Sicherheit, die sich in seinen<br />

Augen manifestieren, selbst im Angesicht des Todes. Die Augen zeigen wie weit<br />

er im Verständnis der Kampfkunst und somit seines Lebens vorangeschritten ist.<br />

Wenn er ein Stadium in seinem Training erreicht, zu dem er nach Erkenntnis sucht,<br />

richtet er seinen Blick in sich selbst hinein. Der <strong>Karate</strong>ka sucht dann die wahre Bedeutung<br />

der Kampfkunst in seinem Leben. Die Haltung des Blicks bedeutet, im philosophischen<br />

Sinn, das Erkennen des Gegners durch die Erkenntnis seines Selbst.<br />

Heiko bedeutet Gleichgewicht. Hierbei handelt es sich um den richtigen Umgang und<br />

den Erhalt des Körperschwerpunkts in verschiedenen Lagen des Körpers im Raum.<br />

Dazu sind richtige Körperspannung, -haltung und Atmung notwendig. Das Gleichgewicht<br />

führt zu rechter Körperhaltung, zu einem harmonischen Verhältnis aller Körperteile<br />

zueinander und zu einer sicheren Verschiebung des Körpers im Raum. Das ist<br />

Voraussetzung, um eine Technik zu erlernen und anzuwenden.<br />

Hyoshi bedeutet Rhythmus. Der Begriff ist schwer zu fassen, denn der Rhythmus in<br />

der Kampfkunst hat keinen konkreten Maßstab. Er setzt sich im Groben aus dem<br />

Krafteinsatz, dem Verhältnis von An- und Entspannung und der Bewegungsschnelligkeit<br />

bzw. aus der Bewegung selbst zusammen. In der Kata ist der Rhythmus außerdem<br />

die zeitliche Abfolge der nacheinander auszuführenden Techniken. Im<br />

Kampf gibt es auch einen Rhythmus, doch die Abfolge der Techniken ist unbestimmt.<br />

Deshalb ist der Rhythmus schwer zu fassen. So kommt der Begriff des Rhythmusgefühls<br />

hinzu. Eine Definition des Rhythmusgefühls aufzustellen ist schwierig, denn einerseits<br />

ist es ein Gefühl und psychologisch determiniert, andererseits ist es bewegungsbedingt<br />

und physisch determiniert. Es kann als Fähigkeit zur Wahrnehmung<br />

und Antizipation von der eigenen und der gegnerischen Bewegung beschrieben werden,<br />

mit dem Ziel die eigene Bewegung der gegnerischen anzupassen bzw. in Einklang<br />

zu bringen. Das Ergebnis dessen ist die Möglichkeit eine Technik anzubringen,<br />

die den Kampf beendet. Außerdem gibt es noch die Möglichkeit dem Gegner den eigenen<br />

Kampfrhythmus aufzudrängen, ohne den Rhythmus des Gegners zu beach-<br />

37


ten. Auf Grund dieser Unterscheidung können drei wesentliche Taktiken bezüglich<br />

des Rhythmus im Kampf festgestellt werden. Die ersten beiden Taktiken beziehen<br />

sich auf die Antizipation des Kampfrhythmus des Gegners und sind Abwarten und<br />

Zuvorkommen. Abwarten bedeutet einen Angriff abzuwehren und schließlich zu kontern.<br />

Zuvorkommen bedeutet eine eigene Angriffstechnik anzubringen, kurz bevor<br />

der Gegner zuschlägt oder gleichzeitig anzugreifen. Die dritte Taktik ist das Überrennen<br />

und bedeutet den Kampfrhythmus des Gegners nicht zu beachten, sondern ihm<br />

den eigenen aufzuzwingen. Ein gutes Rhythmusgefühl ist Bedingung einen Kampf<br />

erfolgreich zu bestreiten.<br />

Kokyu bedeutet Atmung und ist das alles verbindende Element im <strong>Karate</strong>. In Ruhe<br />

ist die Atmung tief und langsam, sie wird grundsätzlich in den Bauch gelenkt. Wird<br />

eine Technik ausgeführt, ist die Ausatmung schneidender und schnell. Ist die Technik<br />

sehr stark, kommt es dabei zu einem Kampfschrei. Diese Form der Ausatmung<br />

unterstützt die Muskelkontraktion und die Spannung für eine Technik. Daraus wird<br />

ersichtlich, dass die Atmung den Rhythmus der Handlung regelt bzw. koordiniert (vgl.<br />

W. Lind et al. 1995, S.43). Deshalb ist sie für das richtige Timing aller karatespezifischen<br />

Bewegungen ein bestimmender Faktor. Erkennt ein Gegner den Atemrhythmus<br />

seines Gegenübers, kann er die angreifbaren Schwachpunkte leichter erfolgreich<br />

angreifen. Während des Einatemzyklus ist man konzentrationsmäßig und körperlich<br />

schwächer als bei der Ausatmung. Deshalb greifen fortgeschrittene Kämpfer<br />

den Gegner in dessen Einatmungsphase an (vgl. W. Lind et al. 1995, S.43).<br />

Waza bedeutet Technik. Die sportliche Technik ist ein „in der Praxis erprobtes, aufgrund<br />

der allgemeinen psycho-physischen Voraussetzungen des Menschen realisierbares<br />

charakteristisches Lösungsverfahren einer in sportlichen Handlungen erwachsenden<br />

Bewegungsaufgabe, das als Bewegungsalgorithmus der jeweiligen Bewegung<br />

immanent ist.“ (Schnabel, Harre und Borde (Hrsg.), S.102). Die Technik ist<br />

das Werkzeug, mit dem etwas Spezielles geschaffen werden kann. Ohne richtiges<br />

Werkzeug kann kein Haus gebaut werden, ohne das richtige Werkzeug kann <strong>Karate</strong><br />

nicht ausgeübt werden. Die Technik ist Grundlage für ein Vorankommen in einer<br />

Sportart. Im <strong>Karate</strong> ist es die Basis zum Verstehen der Elemente Kata, Kihon und<br />

Kumite. Außerdem gewährleistet nur eine richtig erlernte und ausgeführte Technik<br />

den Erhalt der Gesundheit. Wird, um nur ein Beispiel zu nennen, ein schnappender<br />

Fußtritt ständig mit einer ganzen Beinstreckung und gleichzeitig fehlender Muskelkontraktion<br />

ausgeführt, so hat das zur Folge, dass das Kniegelenk stark beansprucht<br />

wird, bis es großen Schaden nimmt oder völlig defekt ist. Die korrekte Ausführung<br />

der Technik, mit all ihren Einzelelementen, gewährleistet in diesem Fall, dass das<br />

Knie gesund und heil bleibt. Werner Lind sagt dazu: „Wenn die Technik stimmt, ist<br />

vieles möglich. Wenn sie nicht stimmt, bleibt alles nur Theorie.“ (W. Lind et al. 1995,<br />

S. 44)<br />

38


3.1.1.2) Ki-Gamae - Psychische Bereitschaft<br />

Die Komponenten der psychischen Bereitschaft (Ki-Gamae) sind wie folgt gekennzeichnet:<br />

Kihaku bedeutet Kampfgeist. Kampfgeist stellt im <strong>Karate</strong> eine psychische Komponente<br />

dar. Er beschreibt den Willen unter Belastungen unerschütterlich zu sein und<br />

die Probleme, innerhalb dieser Situation, mit seinem Repertoire an Lösungsverfahren<br />

zu bewältigen. Man spricht im <strong>Karate</strong> vom „unerschütterlichen Geist mit dem Ausdruck<br />

des starken Willens“ (vgl. W. Lind et al. 1995, S.45). Der Kampfgeist ist die feste<br />

Entschlossenheit eine Situation bewusst und sicher zu bewältigen. Gleichzeitig<br />

muss der <strong>Karate</strong>ka eine friedliche und ruhige Haltung bewahren. Dadurch werden oft<br />

Konfrontationen vermieden. Kommt es zu einer ernsten Selbstverteidigungssituation<br />

oder auch nur zu einem Übungskampf, ist der Glaube an seine Fähigkeiten und sein<br />

technischen Können von großer Bedeutung, um diese Situationen zu bewältigen.<br />

Das und die Auseinandersetzung mit Leben und Tod, mit der Angst vor dem Getroffen<br />

werden und selber zu treffen drücken sich im Kampfgeist aus. Ein gut entwickelter<br />

Kampfgeist bedeutet gut entwickeltes Selbstvertrauen und ist Voraussetzung des<br />

Kumite.<br />

Sen bedeutet Initiative. Die Initiative in einem Kampf zu übernehmen bedeutet eine<br />

Entscheidung zu treffen. Im Bereich des Übernehmens der Initiative wird im <strong>Karate</strong> in<br />

zwei Hauptgruppen unterschieden. Diese sind Go no sen (die Initiative in der Verteidigung<br />

übernehmen) und Sen no sen (die Initiative im Angriff übernehmen). Die Initiative<br />

im Angriff zu übernehmen bedarf eines guten Reaktionsvermögens und der geschulten<br />

Antizipation von möglichen gegnerischen Bewegungen. Antizipation bedeutet<br />

in diesem Fall einen Angriff vorherzusehen und ihm kognitiv zuvorzukommen.<br />

Das wird im Japanischen „Sakki“ genannt und beinhaltet „intuitives Sehen“ (japanisch<br />

„Yomi“; vgl. W. Lind et al. 1995, S. 45). Die Ausführung von Sen no sen bedeutet<br />

dem Angreifer keine Chance zu lassen und ihn durch direktes Angreifen oder direktes<br />

Kontern (ohne Abwehr) zu überwältigen. Hier gibt es die Gelegenheit in den<br />

gegnerischen Angriff hineinzugehen. Das ist eine der schwierigsten Möglichkeit die<br />

Initiative zu übernehmen, da besonders die Auseinandersetzungen mit der Angst vor<br />

dem Getroffenwerden, den möglichen Schmerzen, dem Verletztwerden und/oder<br />

dem Tod den Übenden beschäftigen. Die Instinkte der Selbsterhaltung, Fluchtreflexe,<br />

also ganz ursprüngliche Ängste zur Lebenserhaltung, müssen überwunden und ausgeschaltet<br />

werden. Dadurch wird das Anspruchsniveau, des „in-den-Angriff-<br />

Hineingehens“ erfüllt. An dieser Stelle kann das „Fight-and-flight-Syndrom“ genannt<br />

werden. Es bezeichnet eine Notstandssituation, bei der die Gegner physiologisch Adrenalin<br />

und Noradrenalin (Hormone des Nebennierenmarks) freisetzen, um sich auf<br />

eine erhöhte Stresssituation einzustellen, die unmittelbar bevor steht und dem Körper<br />

alles abverlangt. Das erfolgt beim Menschen nicht nur während einer physischen,<br />

sondern auch bei einer psychischen Belastung, als Vorbereitung für eine bevorstehende<br />

physische Anforderung. Das ist nur eine sehr grobe Erklärung, denn eine genauere<br />

biochemische Betrachtung ginge an dieser Stelle zu weit. Go no sen bedeutet,<br />

ganz salopp beschrieben, dass ein Angriff kommt, man sieht ihn und versucht ihn<br />

abzuwehren (vgl. R. G. Hassel 1997). Dazu muss der Angriff richtig vorbereitet erwartet<br />

werden (japanisch Senken, vgl. W. Lind et al. 1995). Die Initiative in der Verteidigung<br />

zu übernehmen bezieht sich auf die Haltung des Verteidigers gegenüber<br />

dem Angriff. Das bedeutet, dass ein Angriff mit einem Angriff gekontert werden kann,<br />

ohne Abwehrbewegung, ohne das Go no sen in Sen no sen umgewandelt wird. Auch<br />

hierbei sind die psychologischen Aspekte und Prozesse wirksam, die im Sen no sen<br />

aktiv sind.<br />

39


Go no sen und Sen no sen sind folglich keine Angriffs- oder Verteidigungstechniken,<br />

sondern stellen psychische Haltungen des Einzelnen dar. Die Anwendung der Komponenten<br />

ist individuell verschieden, aber beide Aspekte müssen im Training geübt<br />

werden. Das ist einerseits für die Entwicklung kampfspezifischer Fähigkeiten bedeutsam<br />

und andererseits für die Herausarbeitung der individuellen Stärken wichtig.<br />

Yomi ist das Wahrnehmungsvermögen. Die Wahrnehmung ist besonders wichtig,<br />

um Distanzen richtig einzuschätzen und Rhythmen zu erkennen und umzusetzen.<br />

Somit verbindet Yomi Ma-ai und Hyoshi. Die Wahrnehmung bezieht sich einerseits<br />

auf das Erkennen der „objektiv sichtbaren Anzeichen für eine wahrscheinliche Aktion“,<br />

das als Bedingung für die Antizipation gilt und andererseits auf „das intuitive<br />

Empfinden einer zukünftigen Wirklichkeit, die nicht logisch definierbar ist“, was als<br />

geistige Bewegung bezeichnet wird (vgl. W. Lind et al. 1995, S.46). Die Antizipation,<br />

die Intuition und die wirkliche Bewegung zu erfassen, setzt das Wahrnehmungsvermögen<br />

voraus. Antizipation ist die wahrscheinliche Vorwegnahme gegnerischer Bewegungen,<br />

die an bestimmten physischen Merkmalen und Verhaltensweisen des<br />

Gegners erkannt werden können. Intuition ist das Spüren einer gegnerischen Absicht,<br />

ohne den Gegner optisch wahrnehmen zu müssen. In der Esoterik der Kampfkünste<br />

wird die Intuition oft als sechster Sinn oder übersinnliche Fähigkeit bezeichnet.<br />

Manchmal wird sie als Bauchgefühl beschrieben. Das Gefühl aus dem Bauch<br />

heraus beruht auf Nervenfunktionen, die denen im Gehirn ähnlich sind, denn in der<br />

Bauchregion gibt es hirnähnliche Nervenzellen, die viel größer sind. Es spielen also<br />

neurobiologische Funktionsweisen eine Rolle, die noch genauer untersucht werden<br />

müssen. Hier findet sich eine neue Herangehensweise an die Bestimmung des Begriffs<br />

der Intuition. Der Unterschied der Antizipation zur Intuition ist die sinnliche<br />

Wahrnehmung bestimmter, definierbarer Hinweise und Merkmale von Bewegungsstrukturen,<br />

im Gegensatz zur scheinbar übersinnlichen, erfühlbaren Absicht einer<br />

Person oder eines Gegners, ohne diese/n sinnlich wahrnehmen zu müssen. Die<br />

Wahrnehmung kann danach in drei Bereiche geteilt werden. Gabler kennzeichnet die<br />

Wahrnehmung als selektiven Prozess, eine Auswahl aus einer bestimmten Menge<br />

von Informationen zu treffen (vgl. Gabler, Nitsch und Singer 2000). Die drei Bereiche<br />

bezeichnen die physikalische, physiologische und psychologische Perspektive der<br />

Wahrnehmung. Gabler definiert diese wie folgt: „Die physikalische Perspektive der<br />

Wahrnehmung bezieht sich auf die mittels naturwissenschaftlicher Verfahren objektive<br />

Bestimmung der physikalischen Eigenschaften der Wahrnehmungsgegenstände,<br />

z. B. der Beschaffenheit des Wassers, der Lichtstärke einer Lampe und des Schallpegels.“<br />

(Gabler et al. 2000, S.170) „Die physiologische Perspektive der Wahrnehmung<br />

bezieht sich auf die Aufnahme der Informationen durch das menschliche Sinnessystem<br />

und ihre Weiterleitung zum obersten Teil des Gehirns, der Hirnrinde.“<br />

(Gabler et al. 2000, S.171). „Die psychologische Perspektive der Wahrnehmung bezieht<br />

sich auf die Verarbeitung der Informationen in der Hirnrinde zu bewussten<br />

Wahrnehmungserlebnissen“ (Gabler et al. 2000, S.173). Diese unumstrittenen Definitionen<br />

sind einleuchtend und erklären die Wahrnehmung über die Sinnesorgane, wie<br />

zum Beispiel die Haut, die Augen und das Gehör. Dabei spricht man von „Rezeptorsystemen<br />

oder Analysatoren, die zu spezifischen Informationen und Empfindungen<br />

führen“ (vgl. Gabler et al. 2000, S.171).<br />

Diese Rezeptorsysteme sind der akustische-, visuelle-, taktile-, kinästhetische- und<br />

vestibuläre Analysator. Nach Gabler bildet der akustische Analysator das Hörgefühl,<br />

der visuelle Analysator den optischen Eindruck, der taktile Analysator das Druckgefühl,<br />

der kinästhetische Analysator, als Informationsquelle der Muskeln, Sehnen und<br />

Bänder, das Muskelgefühl und der vestibuläre Analysator das Gleichgewichts- und<br />

Lageempfinden (vgl. Gabler et al. 2000, S.171).<br />

40


Er fasst den Übergang von der physiologischen zur psychologischen Perspektive in<br />

folgender Darstellung zusammen (vgl. Gabler et al. 2000, S.173):<br />

Phänomene<br />

der<br />

Umwelt<br />

Rezeptoren<br />

der<br />

Sinnesorgane <br />

afferenteNervenbahnen<br />

U. Manteufel definiert Wahrnehmung als „aktiven Prozess der gerichteten, ganzheitlichen<br />

Widerspiegelung der unmittelbar auf die Sinnesorgane einwirkenden objektiven<br />

Realität durch den Sportler. Im Ergebnis der Wahrnehmung schafft sich der<br />

Sportler ein subjektives, mehr oder weniger korrekt anschauliches Abbild der Wirklichkeit,<br />

d. h., er gibt den aufgenommenen Informationen einen bestimmten Sinn für<br />

sein Handeln bzw. er bewertet die Sinnesinformationen für seine Übungen“ (vgl.<br />

Gabler et al. 2000, S. 174). Schließlich ist das Wahrnehmungsvermögen in den<br />

Kampfkünsten eine grundlegende Voraussetzung des Handelns.<br />

Zanshin ist die Geistesgegenwart und ein wesentliches Element im <strong>Karate</strong>, aber<br />

auch in allen anderen asiatischen Kampfsportarten. Zanshin ist weiterhin eine Geisteshaltung,<br />

die Unerschütterlichkeit, Ruhe und Gelassenheit beinhaltet. In einem<br />

Kampf muss der <strong>Karate</strong>ka im Geist unbeweglich bleiben, um alle oben beschriebenen<br />

Elemente erkennen und anwenden zu können. Psychologisch betrachtet kommen<br />

dabei die Begriffe der Aufmerksamkeit und Konzentration hinzu. Allgemein ist<br />

„die Aufmerksamkeit als Oberbegriff für gerichtete und eingegrenzte Wahrnehmung“<br />

definiert (vgl. Gabler et al. 2000). Konzentration ist die fokussierte Aufmerksamkeit<br />

auf einen engen Ausschnitt des Wahrnehmungsfeldes. So konzentriert sich der<br />

Kämpfer auf die Gegenwart, er verliert nicht den Kontakt zum Gegner und bleibt stets<br />

handlungsbereit. Das bedeutet im <strong>Karate</strong>kampf Wachsamkeit. Zanshin ist auch die<br />

Fähigkeit die konzentrierte Aufmerksamkeit ohne Ablenkung aufrecht zu erhalten und<br />

die Gegenwart in jedem Moment zu erkennen und zu leben. Das bedeutet ohne Gedanken<br />

an die Vergangenheit und ohne Gedanken an die Zukunft jede Handlung<br />

bewusst zu erleben. Hier wird ein wesentlicher Punkt des Zen-Buddhismus klar herausgestellt,<br />

der an dieser Position besonders deutlich im Shotokan-<strong>Karate</strong> erlebbar<br />

wird. Der Übende konzentriert sich „in die Gegenwart“, um die Situation des Kampfes<br />

zu kontrollieren. „Nach außen hin ist Zanshin von neutralem Ausdruck und strahlt gelassene<br />

Ruhe aus. Doch diese Aufmerksamkeit ist keine fixierende Konzentration,<br />

sondern eine innere Bewegung, die als Haltung geübt werden kann“ (W. Lind et al.<br />

1995, S. 48).<br />

Kikai bedeutet Gelegenheit und beschreibt den richtigen Moment, in dem eine Technik<br />

eingesetzt werden kann. Die Gelegenheit ergibt sich aus Unvorsichtigkeit, Unaufmerksamkeit<br />

oder aus Fehlhandlungen des Gegners, die zum eigenen Vorteil genutzt<br />

werden können. Sie kann nur ausgenutzt werden, wenn die Techniken und das<br />

taktische Verhalten automatisiert sind. Das bedeutet, dass die erlernten Techniken in<br />

motorischer Feinform vorliegen und variabel verfügbar sein müssen. Kikai ist ein Element<br />

des Kämpfens, das erst sehr spät und meistens nur von fortgeschrittenen <strong>Karate</strong>kas<br />

beherrscht wird. Das automatische Handeln bedeutet die Weglenkung der<br />

Aufmerksamkeit von der Technik, um in der Situation des Kämpfens mit Zanshin<br />

zweckmäßig Handeln zu können. In dieser Stufe des Trainings spricht man im <strong>Karate</strong><br />

von intuitivem Erkennen der Situation. Das Denken und bewusste Verarbeiten der<br />

41<br />

Zentralnervensystem <br />

Empfindungen <br />

Wahrnehmungsempfindungen


jeweiligen Kampfsituation muss automatisiert sein. Die kognitiven Prozesse laufen<br />

somit ohne bewusste Kontrolle ab. Um Kikai zu nutzen muss der <strong>Karate</strong>ka intensiv<br />

trainieren und ständige Wachsamkeit, unter allen oben genannten Elementen üben.<br />

Kumite ist ein vielseitiger Übungsprozess, der zur realistischen Anwendung der<br />

Techniken unter höchster Selbstkontrolle in alle Richtungen führen soll. Ein Ziel der<br />

Übenden ist es, die Fähigkeit der Selbstverteidigung zu erlangen und damit Selbstvertrauen<br />

zu entwickeln. Um die Fähigkeit des Kämpfens zur automatischen Anwendung<br />

der Techniken sowie zu deren variablen Verfügbarkeit zu bringen, ist intensives,<br />

gesteuertes und langwieriges Training notwendig. Der <strong>Karate</strong>ka entwickelt eine<br />

technische und zweckmäßige Sicht der <strong>Karate</strong>techniken. Um sich auf einen Kampf<br />

vorzubereiten nimmt der Übende eine Kampfhaltung ein, die ihm hilft sich körperlich<br />

und geistig kampfbereit zu machen. Die Kampfhaltung wird Kamae genannt und<br />

dient besonders der konzentrierten Haltung zur Leistungsbereitschaft, mit der inneren<br />

Einstellung jede Technik mit maximaler Wirksamkeit auszuführen. Es bedeutet<br />

die Bereitschaft zum Kämpfen, als ob es um sein Leben ginge, aber immer mit Kontrolle<br />

der zerstörenden Wirkung der Techniken. Die Fähigkeit des Kämpfens wird<br />

langsam entwickelt und vom Kampf gegen einen Gegner zum Kampf gegen mehrere<br />

Gegner im Schwierigkeitsgrad erhöht. Dafür übt der <strong>Karate</strong>ka nicht nur den Kampf in<br />

eine Richtung, sondern in acht Richtungen. Acht steht hierbei, im philosophischen<br />

Sinn, für unendlich und erklärt die Möglichkeit sich in jede Richtung bewegen und<br />

verteidigen zu können. Die Trainingsentwicklung brachte hierzu das <strong>Karate</strong>gramm<br />

hervor. Es ist ein vorgegebenes geometrisches Bewegungsmuster mit den Richtungen<br />

nach vorne, hinten, links, rechts, links hinten, links vorne, rechts hinten und<br />

rechts vorne (vgl. W. Lind et al. 1995, S.50; Okazaki, Stricevic 2003, S. 89, 90, 91):<br />

links vorne /<br />

hidari nanamemae<br />

vorne / mae<br />

Das <strong>Karate</strong>gramm wird zur Schulung von Bewegungsformen mit Partnern bzw. Gegnern<br />

benutzt, aber auch zur grundschulmäßigen Übung der Basistechniken ohne<br />

Gegner, dem Kihon. An dieser Stelle kann eine allgemeine Ansicht zur Entstehung<br />

von Bewegung dargestellt werden, die sich aus den beschriebenen Elementen ableitet:<br />

42<br />

rechts vorne /<br />

migi nanamemae<br />

links / hidari yoko rechts / migi yoko<br />

Mitte<br />

links hinten /<br />

hidari nanameushiro<br />

hinten / ushiro<br />

rechts hinten /<br />

migi nanameushiro


Sportliche Technik (Leitbild)<br />

Orientierungsregulation Ausführungsregulation Kontrollregulation Antriebsregulation<br />

(„inneres Modell“ schaffen) (zu regulierende Organ) (Soll-Ist-Vergleich)<br />

Komplex bewusst Komplex nicht bewusstseinspflichtiger<br />

regulierter Handlungen regulierter (sensomotorische)<br />

Teilhandlungen bzw. Teilbewegungen<br />

3.2) Kihon - Grundschule<br />

Sportliche Bewegung<br />

Die Grundschule ist das Basis- und Grundlagentraining im Shotokan-<strong>Karate</strong>.<br />

Es stellt den ersten methodischen Lernschritt der<br />

Techniken im Training dar. Die Grundschule wurde erst nach der<br />

Entwicklung des Kumite ins <strong>Karate</strong> integriert, da erkannt wurde,<br />

dass Techniken verbessert und Schwachpunkte gezielter in<br />

Stärken umgewandelt werden konnten. Heute dient die Grundschule<br />

dem Erlernen der Grundfertigkeiten und Grundtechniken,<br />

der dann die Übungen der Kata und des Kumite folgen. Aus der<br />

Kata wurden Elemente extrahiert und gesondert geübt. Daraus<br />

entwickelte sich langsam eine Systematisierung der Grundtechniken.<br />

Den Anfang der Systematisierung bilden die Stände<br />

(japanisch Dachi) bzw. die Körperstellungen. Die Stände ermöglichen Standfestigkeit,<br />

größtmögliches Gleichgewicht, gewährleisten optimale Beweglichkeit für<br />

spezifische Situationen und beruhen auf Kraft und Beweglichkeit. Nur die Beherrschung<br />

der Stände gewährleistet eine effektive Technik. Hierbei sind verschiedene<br />

Prinzipien wirksam (vgl. Okazaki, Stricevic 2003, S.56/57):<br />

- je tiefer der Körperschwerpunkt, je fester der Stand und umgekehrt;<br />

- je größer die Standfläche, je leichter ist es das Gleichgewicht zu halten;<br />

- je mehr der Oberkörper über dem Körperschwerpunkt liegt, je größer sind das<br />

Gleichgewicht und die Standfestigkeit (ideal: Wirbelsäule gerade und senkrecht<br />

über dem Körperschwerpunkt);<br />

- je größer das Gewicht einer Person, je größer ist die Standfestigkeit;<br />

- Standfestigkeit und Gleichgewicht sind durch Blickkontakt auf einen Punkt leichter<br />

zu erreichen;<br />

- je gerader die Knie sind, desto geringer ist die Standfestigkeit, der Beugungsgrad<br />

des Kniegelenks ist dabei der wesentliche Punkt.<br />

Die Stellungen werden in die Hauptkategorien der natürliche Stellungen (Shizen-tai),<br />

der Grundstellungen (Kihon-dachi) und Kampfstellungen (Kumite-dachi) unterteilt.<br />

Innerhalb dieser Kategorien gibt es weitere Differenzierungen. Die natürlichen Stellungen<br />

werden in drei Gruppen unterteilt, die als geschlossene Fußstellungen (Heisoku<br />

Burui), offene Fußstellungen (Hachiji Burui) und rechtwinklige Stellungen (Renoji<br />

Burui) bezeichnet werden. Die Grundstellungen werden in gespreizte Beinstellungen<br />

(Kiba Burui) und Halbmondstellungen (Hangetsu Burui) gegliedert. Die<br />

Kampfstellungen teilen sich in natürliche Kampfstellungen (Shizen Kumite-dachi) und<br />

Grundkampfstellungen (Kihon Kumite-dachi). Alle Gruppen beinhalten verschiedene<br />

43


Stände. Um darüber ein genaueres Bild darzulegen folgt je eine Abbildungen einer<br />

Stellung, zu jeder Gruppe aus den natürlichen Stellungen und Grundstellungen. (Das<br />

rote Kreuz stellt den Körperschwerpunkt dar, die Schwarzen Kreuze symbolisieren<br />

die Knie, der schwarze Pfeil zeigt die Ausrichtung des Oberkörpers an.):<br />

Natürliche Stellungen:<br />

Grundstellungen:<br />

• Geschlossene Fußstellung mit dem Beispiel Musubi-Dachi<br />

(zwanglose Bereitschaftshaltung)<br />

• Offene Fußstellung mit dem Beispiel Heiko-Dachi (offene<br />

Parallelstellung)<br />

• Rechtwinklige Stellung mit dem Beispiel Renoji-Dachi (L-Stellung)<br />

• Gespreizte Beinstellung mit dem Beispiel Kiba-Dachi (Reiterstellung)<br />

• Halbmondstellung mit dem Beispiel Hangetsu-Dachi (Halbmond-<br />

Stellung)<br />

44


Die Kampfstellungen sind individuell verschieden und bestehen meist aus Grundstellungen<br />

oder natürlichen Stellungen, wobei der Körperschwerpunkt anders verlagert<br />

und die Standfläche verringert wird. Entweder wird der Körperschwerpunkt weiter<br />

gesenkt, um sich auf eine harte Abwehrtechnik vorzubereiten oder leicht gehoben,<br />

um die Bewegungsschnelligkeit zu steigern. Letztere Variante wird von den meisten<br />

<strong>Karate</strong>kas bevorzugt.<br />

Die natürlichen Stellungen dienen dazu, den Körper über einen längeren Zeitraum<br />

locker und bequem zu halten. Dabei ist die Muskelspannung gering. Die Einteilung<br />

der Stellungen und ihre Untergruppierungen wurden nach der Haltung der Füße vorgenommen<br />

(vgl. Okazaki, Stricevic 2003, S.58). Die Grundstellungen sind die stabilsten<br />

Stellungen im Shotokan-<strong>Karate</strong> und werden Anfangs als eigene Technik gelernt.<br />

Danach werden sie mit Verteidigungs- und Angriffstechniken im Stand und später in<br />

der Bewegung geübt. Okazaki unterscheidet bei der Verbindung von Technik und<br />

Stand drei Ebenen (vgl. Okazaki, Stricevic 2003, S.68): Die erste Ebene ist die Stellung<br />

vor der Ausführung einer Technik. Die zweite Ebene ist die Stellung während<br />

der Ausführung einer Technik. Die dritte Ebene ist das Einnehmen der Stellung nach<br />

der Ausführung einer Technik. Die richtige Stellung einzunehmen ist von Individuum<br />

zu Individuum unterschiedlich, denn jeder hat andere Voraussetzungen. Grundlegende<br />

Faktoren sind dabei „die Größe des Sportlers, seine Beinlänge, die Stärke und<br />

Ausdauer seiner Beinmuskeln, der Grad seiner Kondition und seine <strong>Karate</strong>kenntnisse“<br />

(Okazaki, Stricevic 2003, S.69). Die Gruppierung der Grundstellungen wurde<br />

nach der Ausrichtung der Spannung im Kniegelenk vorgenommen. Die Spannung<br />

der Knie ist bei der Gruppe der Kiba Burui an den Außenseiten, bei der Gruppe der<br />

Hangetsu Burui an den Innenseiten (vgl. Okazaki, Stricevic 2003). Kampfstellungen<br />

beinhalten alle im Kampf verwendeten Stellungen. Das können natürliche oder<br />

Grundstellungen sein, aber auch ganz verschiedene, individuell entwickelte Stellungen.<br />

Letztere entstehen aus den gesammelten Erfahrung des Sportlers und seinen<br />

bestimmten Besonderheiten in Hinblick auf Körpermechanismen und Physiologie.<br />

Hier kommt der spezifische Stil der <strong>Karate</strong>kas zum Ausdruck (vgl. Okazaki, Stricevic<br />

2003).<br />

Kata und Kumite machen deutlich, dass die Bewegung sehr wichtig ist. Nichts ist statisch<br />

und ständig wird das Kämpfen mit Gegnern oder dem Schatten in alle Richtungen<br />

geübt. Um die Bewegung besser zu beherrschen wurden Einzelelemente der<br />

Kata extrahiert und gesondert geübt, wie es auch mit den Stellungen getan wurde.<br />

Die richtige Stellung ist Grundvoraussetzung für die richtige Bewegung. Nun muss<br />

der Begriff der „Körperverschiebung“ (vgl. Okazaki, Stricevic 2003, S.87) genannt<br />

werden. Körperverschiebung beinhaltet einerseits die „Verschiebung des Körpers in<br />

den Stellungen“ (Okazaki, Stricevic 2003, S.87) und andererseits die Verschiebung<br />

des Körpers in der Bewegung von einer Stellung in eine andere. Japanisch wird sie<br />

„Tai sabaki“ genannt. Tai sabaki erfolgt allein oder in Kombination.<br />

Okazaki stellt dabei drei grundlegende Bedeutungen heraus (Okazaki, Stricevic<br />

2003, S.87):<br />

1. „sich um einen wirklichen oder imaginären Gegner herumzubewegen;<br />

2. sich an den Gegner heran- oder von ihm wegzubewegen und<br />

3. sich den optimalen Abstand bei Abwehr- oder Angriffsaktionen zu verschaffen.“<br />

Körperverschiebung wird somit nicht nur im Kihon geübt, sondern auch in der Kata<br />

und im Kumite. Deshalb wird sie folgendermaßen systematisiert:<br />

1. Kihon Tai sabaki<br />

2. Kumite Tai sabaki<br />

3. Kata Tai sabaki<br />

45


Kihon Tai sabaki wird nach dem oben beschriebenen <strong>Karate</strong>gramm geübt, wobei die<br />

ersten zu übenden Bewegungsrichtungen nach vorne und hinten sind. Zu den<br />

Grundtechniken gehören nicht nur Stellungen und Bewegungen, sondern auch Arm-<br />

und Beintechniken. Armtechniken werden in Stoß-, Schlag- und Abwehrtechniken mit<br />

den Armen untergliedert. Stoßtechniken werden japanisch Zuki waza genannt und in<br />

zwei Gruppen unterteilt. Diese sind Einhandstöße (Zuki) und Zweihandstöße (Morote-zuki).<br />

Schlagtechniken werden japanisch Uchi waza genannt und in drei Gruppen<br />

unterteilt. Man unterscheidet „Faustschläge (Kobushi Uchi), Schläge mit der offenen<br />

Hand (Kaisho Uchi) und Ellenbogenschläge (Hiji Uchi)“ (Okazaki, Stricevic 2003,<br />

S.87). Abwehrtechniken werden japanisch Te-ude uke waza genannt. Es gibt weit<br />

mehr Armabwehrtechniken als Stoß- und Tritttechniken zusammen. Es werden zwei<br />

Gruppen unterschieden, denen drei Kategorien zugeordnet sind. Die Gruppen differenziert<br />

man in Einhandblocks (Sekiwan Uke) und Zweihandblocks (Ryowan Uke).<br />

Die Einteilung der Kategorien erfolgt nach den jeweiligen Abwehrstufen und gliedert<br />

sich in obere Stufe (Jodan = Kopf), mittlere Stufe (Chudan = Bauch/Oberkörper) und<br />

untere Stufe (Gedan = Unterleib) (vgl. Okazaki, Stricevic 2003). Weiterhin werden<br />

Abwehrtechniken nach ihren Bewegungsrichtungen unterschieden:<br />

1. von innen nach außen (Gaiho Uke);<br />

2. von außen nach innen (Naiho Uke);<br />

3. von oben nach unten (Otoshi Uke);<br />

4. von unten nach oben (Joho Uke).<br />

Neben den Händen und den Armen sind im <strong>Karate</strong> auch die Beintechniken von Bedeutung.<br />

Beintechniken sind kraftvoller als Armtechniken und können über eine längere<br />

Distanz eingesetzt werden. Japanisch werden sie Keri Waza genannt und können<br />

in drei Gruppen differenziert werden. Diese sind Tritttechniken, Beinfegetechniken<br />

und Beinabwehrtechniken. Die Gruppe der Tritttechniken (geri) beinhaltet Vorwärtstritte<br />

(Zenpo-geri), Seitwärtstritte (Sokumen-geri) und Rückwärtstritte (Kohogeri)<br />

(vgl. Okazaki, Stricevic 2003). Sie dienen meistens als Angriffstechniken.<br />

Die Gruppe der Beinfegetechniken (Ashi-Barai Waza) beinhaltet direkte Angriffs- oder<br />

Kontertechniken gegen die Füße, Knöchel oder Knie des Gegners, mit dem Ziel<br />

dessen Gleichgewicht zu stören. Sie unterliegen keiner weiteren Ausdifferenzierung.<br />

Die Gruppe der Beinabwehrtechniken (Ashi Uke Waza) wird in drei Kategorien gegliedert,<br />

die nach den zur Abwehr genutzten Körperteilen unterteilt sind (vgl. Okazaki,<br />

Stricevic 2003):<br />

1. untere Beinabwehr/Abwehr mit dem Schienbein (Gedan Ashi Uke)<br />

2. Fersenabwehr (Kakato Uke)<br />

3. Fußabwehr (Ashi Uke).<br />

Die Systematisierung der Grundtechniken führte zur tieferen Untersuchung von<br />

Merkmalen im Kihon. Durch trainingswissenschaftliche Betrachtungen wurde erkannt,<br />

dass folgende Merkmale der Bewegungen im <strong>Karate</strong> die Qualität der Grundtechniken<br />

bezeichnen und kennzeichnen (vgl. H. Handel 1997, S.199):<br />

1. „Bewegungskoordination,<br />

2. Bewegungsrhythmus,<br />

3. Bewegungskopplung,<br />

4. Bewegungsfluss,<br />

5. Bewegungspräzision,<br />

6. Bewegungskonstanz,<br />

7. Bewegungsumfang,<br />

8. Bewegungsstärke.“<br />

Es werden hier wesentliche koordinative Fähigkeiten genannt, die im Folgenden etwas<br />

genauer betrachtet werden sollen.<br />

46


3.3 ) Koordinative Fähigkeiten<br />

Koordinative Fähigkeiten sind nach Hirtz „relativ verfestigte und generalisierte (verallgemeinerte)<br />

Verlaufsqualitäten spezifischer Bewegungssteuerungs- und Bewegungsregelungsprozesse<br />

sowie Leistungsvoraussetzungen zur Bewältigung dominant<br />

koordinativer Anforderungen“ (Lehrmaterialien Trainingstheorie Grundkurs<br />

SS2000 – Uni-Greifswald; vgl. auch Schnabel et al. (Hrsg.) 1997, S.115). Martin<br />

(1995) beschreibt koordinative Fähigkeiten als informationelle, bewegungssteuernde<br />

Einflussgröße des Leistungszustandes. Weiter sagt Hirtz, dass „koordinative Fähigkeiten<br />

hypothetische Konstrukte sind, von denen angenommen wird, dass sie durch<br />

die Bewegungstätigkeit entstanden sind, dass die Menschen sich in deren Ausprägungsgrad<br />

unterscheiden und durch Übung und Wiederholung verfestigen, somit zu<br />

Leistungsvoraussetzungen für motorische Handlungen werden und einen allgemeinen<br />

Übertragungscharakter besitzen“ (Lehrmaterialien Trainingstheorie Grundkurs<br />

SS2000 – Uni-Greifswald). Ihre Bedeutung fasst Hirtz, bei gut ausgeprägten koordinativen<br />

Fähigkeiten, in folgenden Punkten zusammen (vgl. Lehrmaterialien Trainingstheorie<br />

Grundkurs SS2000 – Uni-Greifswald; Hirtz 1994):<br />

• „Beschleunigung und Effektivierung des Erlernens von Fertigkeiten.<br />

• Erhöhung des Wirkungsgrades der bereits angeeigneten Fertigkeiten und Förderung<br />

ihrer situationsadäquaten Anwendung.<br />

• Sie bestimmen den Ausnutzungsgrad konditioneller Fähigkeiten durch genaue<br />

Krafteinsätze und energiesparende Entspannung.<br />

• Sie bewirken ästhetische Gefühle, Freude und Befriedigung durch die Dynamik<br />

der Rhythmen, das Spiel mit der Geschwindigkeit, durch das vielseitige und variationsreiche<br />

Üben.“<br />

Folgende fundamentale und leistungsbestimmende, koordinative Fähigkeiten werden<br />

im Einzelnen herausgestellt (vgl. Schnabel et al. (Hrsg.) 1997, S. 117):<br />

• Differenzierungsfähigkeit<br />

• Orientierungsfähigkeit<br />

• Gleichgewichtsfähigkeit<br />

• Reaktionsfähigkeit<br />

• Rhythmusfähigkeit<br />

• Kopplungsfähigkeit<br />

• Umstellungsfähigkeit.<br />

Differenzierungsfähigkeit ist eine „relativ verfestigte und verallgemeinerte Verlaufsqualität<br />

der Realisierung genauer und ökonomischer Bewegungen auf Grund einer<br />

feindifferenzierten Aufnahme und Verarbeitung von Informationen“ (Hirtz - Lehrmaterialien<br />

2000). Für die Bewegung spielen kinästhetische Differenzierungen eine bedeutende<br />

Rolle. Hierbei gilt die Definition der Differenzierungsfähigkeit, wobei „vorwiegend<br />

kinästhetische Informationen aus den Muskeln, Bändern und Sehnen feindifferenziert<br />

und verarbeitet werden. Sie sichert eine hohe Genauigkeit und Ökonomie<br />

der Bewegungshandlungen“ (Hirtz – Lehrmaterialien 2000). Die Differenzierungsfähigkeit<br />

spielt eine besondere Rolle in der Kampfkunst des Shotokan-<strong>Karate</strong>.<br />

Nicht nur, dass Bewegungen genau zeitlich und räumlich auf verschiedene Distanzen<br />

angepasst werden müssen, um präzise Bewegungshandlungen zu realisieren,<br />

sondern auch die genaue Bestimmung der Krafteinsätze sind wesentliche Elemente<br />

im Shotokan-<strong>Karate</strong>. Jede Technik ist mit größtmöglicher Kraft auszuführen, aber der<br />

Gegner darf nicht getroffen werden. Deshalb ist die Differenzierung besonders wichtig.<br />

Weiterhin werden die Techniken zu verschiedenen Regionen, aus verschiedensten<br />

Bewegungsformen und mit verschiedenen Körperteilen ausgeführt. Die Koordi-<br />

47


nierung der Krafteinsätze (z. B. bei Abwehrtechniken mit dem Arm oder dem Bein,<br />

bei Fußfegetechniken, Stoß- und Tritttechniken a. a.), der Kontraktionsgenauigkeit<br />

der Muskeln (= optimale An- und Entspannung der Muskeln; größtmögliche Muskelkontraktion,<br />

aller für die Technikausführung notwendigen Muskeln, kurz vor dem<br />

Moment des Treffens des Gegners, zur maximalen zerstörerischen Wirksamkeit der<br />

Technik; aber für nur einen Bruchteil einer Sekunde, um den Körper sofort wieder in<br />

den optimalen Zustand zwischen An- und Entspannung zu bringen – für eine optimale<br />

Bereitschaftshaltung, dem Kampf entsprechend), der Einsätze schneller und langsamer<br />

Bewegungen, der Bewegungsweite der Angriffstechniken (z. B.: mit Hüftstreckung<br />

bei der Ausführung eines Trittes, bei größerer Distanz zum Gegner versus ohne<br />

Hüftstreckung bei Ausführung eines Fußtrittes bei geringerer Distanz,…), u. a.<br />

werden im <strong>Karate</strong> mit Hilfe der Differenzierungsfähigkeit realisiert.<br />

Die Orientierungsfähigkeit bezeiht sich auf den Raum und wird nach Hirtz (Lehrmaterialien<br />

2000) folgendermaßen definiert: „Die räumliche Orientierungsfähigkeit ist eine<br />

relativ verfestigte und verallgemeinerte Verlaufsqualität der Bestimmung und Veränderung<br />

der Lage und Bewegung des Körpers im Raum. Sie sichert die vorrangig<br />

raumorientierte Realisierung von Bewegungshandlungen.“ Daraus wird ersichtlich,<br />

dass die räumliche Orientierungsfähigkeit im <strong>Karate</strong> eine wichtige Rolle spielt. Bei<br />

der Ausführung einer Kata, dem Üben des Kihon und im Kampf gegen einen oder<br />

mehrere Gegner werden Bewegungshandlungen in verschiedene Richtungen ausgeführt.<br />

Dabei verändern sich die Lage des Körpers und auch seine Bewegung im<br />

Raum. Da <strong>Karate</strong>techniken im Kampf den Situationen angepasst werden und sich<br />

die Situationen ständig ändern, spricht man von einer situativen Sportart, bei der optische<br />

Informationen grundlegend für jede Handlung sind. Deshalb erhält die räumliche<br />

Orientierungsfähigkeit, besonders im Kampf gegen mehrere Gegner, eine fundamentale<br />

Bedeutung.<br />

Die Rhythmusfähigkeit gilt ebenfalls als relativ verfestigte und verallgemeinerte Verlaufsqualität.<br />

Sie ist Grundlage für das „Erfassen und Darstellen vorgegebener bzw.<br />

im Bewegungsablauf enthaltener zeitlich-dynamischer Gliederungen. Sie sichert die<br />

ausgeprägt rhythmische Gestaltung der Bewegungshandlungen und ihre zweckmäßige<br />

Gliederung durch Akzentsetzung“, wie es Hirtz 1985 formulierte. Diese Definition<br />

macht deutlich, wie wichtig der Rhythmus im <strong>Karate</strong> ist. Eine gut ausgebildete<br />

Rhythmusfähigkeit gewährleistet das Erfassen des Rhythmus einer Kata. Dieser<br />

Rhythmus verschlüsselt die Anwendung der Techniken in einer bestimmten Abfolge.<br />

Ein Beispiel dafür ist die Abfolge zweier Techniken, die als „schnell, stark“ gekennzeichnet<br />

ist. Das bedeutet, dass die erste Bewegung schnell und stark ist, aber der<br />

Übergang zur nächsten Technik schnell erfolgen muss. Daraus wird deutlich, dass<br />

die erste Technik wahrscheinlich eine Abwehrtechnik ist, der eine sofortige Kontertechnik<br />

folgt. Es wird auch die Kontraktionsrate der Muskulatur vorgegeben, die in<br />

diesem Fall bei der ersten Technik ca. 70% und bei der zweiten Technik 100% des<br />

Maximums ist. Außerdem erklärt dieser Rhythmus, dass nach dem Konter eine Pause<br />

folgt, der ein neuer Rhythmus anschließt. Jede Kata hat ihren eigenen Rhythmus,<br />

jeder Kampf hat seinen eigenen Rhythmus. Die Rhythmusfähigkeit ist von grundlegender<br />

Bedeutung, um einer Kata einen bestimmten ästhetischen Ausdruck zu verleihen,<br />

um gleichzeitig den kämpferischen Aspekten der Kata gerecht zu werden und<br />

diese für eine realistische Anwendung in einer Selbstverteidigungssituation zu entschlüsseln<br />

und anzuwenden. (Auf die ästhetische Komponente der Kata wird später<br />

eingegangen, da sie im Trainingssystem des Sportkarate eine wesentliche Rolle erhalten<br />

und das Training diesbezüglich verändert hat.)<br />

Eine weitere koordinative Fähigkeit ist die Gleichgewichtsfähigkeit, die ebenfalls eine<br />

wichtige Rolle im Shotokan-<strong>Karate</strong> einnimmt. Sie ist als „relativ verfestigte und ver-<br />

48


allgemeinerte Verlaufsqualität des Haltens bzw. Wiederherstellens des Körpergleichgewicht“<br />

definiert, die „zur Sicherung zweckmäßiger und schneller Lösungen motorischer<br />

Aufgaben auf kleinen Unterstützungsflächen oder bei labilen Gleichgewichtsverhältnissen“<br />

dient, wie Hirtz 1985 beschreibt. Für das Shotokan-<strong>Karate</strong> bedeutet<br />

das, dass die Lageveränderungen des Körperschwerpunktes, im Verhältnis zur<br />

Stützfläche des Gleichgewichts und die damit einhergehenden Störungen auf das<br />

Gleichgewicht ständigen Ausgleichs bedürfen, um Bewegungshandlungen erfolgreich<br />

ausführen zu können. Die Gleichgewichtsfähigkeit ist somit eine grundlegende<br />

und fundamentale Fähigkeit im Shotokan-<strong>Karate</strong>.<br />

Die Reaktionsfähigkeit gehört ebenfalls zu den koordinativen Fähigkeiten. Sie stellt<br />

„relativ verfestigte und verallgemeinerte Verlaufsqualitäten des schnellen und aufgabengemäßen<br />

motorischen Antwortverhaltens auf mehr oder weniger komplizierte<br />

Signale oder vorausgehende Bewegungshandlungen bzw. Situationen“ dar (vgl.<br />

Hirtz, 1985, Unterrichtsmaterialien 2000, Uni-Greifswald). Für das Shotokan-<strong>Karate</strong>,<br />

besonders im Kumite, ist die Reaktionsfähigkeit von grundlegender Bedeutung. Je<br />

kürzer der Abstand von der Aufnahme eines bestimmten Reizes, seiner Verarbeitung<br />

und der entsprechenden motorischen Antwort ist, je schneller kann der <strong>Karate</strong>ka im<br />

Kampf reagieren. Die Fähigkeit auf bestimmte Reize mit einer richtigen Bewegung zu<br />

reagieren ist zu einem bestimmten Teil trainierbar. Die Trainierbarkeit ist genetisch<br />

begrenzt und in diesem Bereich abhängig von der Muskelfaserstruktur, dem Potential<br />

der Nervenleitbahnen Reize weiterzuleiten, dem Zusammenspiel von Nerven und<br />

Muskeln, der intramuskulären Koordination (Reizleitung innerhalb eines Muskels),<br />

der intermuskulären Koordination (Reizleitungen zwischen mehreren Muskeln) u. a.<br />

Zusätzlich zur Reaktionsfähigkeit im Kampf ist die Antizipationsfähigkeit wichtig. Nur<br />

wenn der <strong>Karate</strong>ka einen Reiz erkennt und ihn richtig zuordnet, kann er die jeweilige<br />

Situation erfolgreich bewältigen. Dabei kann der Begriff des „Erfühlens“ genannt<br />

werden, der umgangssprachlich verwendet wird und hinter dem sich die eben benannten<br />

Fähigkeiten verbergen.<br />

Die Kopplungsfähigkeit ist die Fähigkeit Teilkörperbewegungen und Einzelbewegungen<br />

zu koordinieren. Dabei werden vom zentralen Nervensystem mindestens zwei<br />

Bewegungen gleichzeitig gesteuert und beide Körperseiten miteinander verbunden.<br />

Im Shotokan-<strong>Karate</strong> ist das bei vielen Bewegungen von Bedeutung. Einerseits werden<br />

in den Grundtechnikübungen viele Einzelbewegungen koordiniert und andererseits<br />

müssen diese koordinierten Einzelbewegungen im Kampf angewandt werden.<br />

Im Kampf, gegen einen oder mehrere Gegner, müssen oft gleichzeitig Abwehr- und<br />

Angriffstechniken ausgeführt werden. Man nennt diese Technikkombinationen Direktkonter.<br />

Die Anwendung der Direktkonter erfordern eine gute Kopplungsfähigkeit<br />

und ein fortgeschrittenes Können. Um sich auf bestimmte Situationen einzustellen ist<br />

die Umstellungsfähigkeit bedeutend. Die Umstellungsfähigkeit ist die Fähigkeit des<br />

Sportlers sich auf plötzlich auftretende Situationsveränderungen umzustellen und<br />

anzupassen. Das hat im <strong>Karate</strong> große Bedeutung, denn hier gibt es keine starren,<br />

sondern sich ständig verändernde Situationen. Es werden in der Literatur noch weitere<br />

Fähigkeiten benannt, wie zum Beispiel Frequenzfähigkeit, Entspannungsfähigkeit,<br />

Kombinationsfähigkeit, Entscheidungsfähigkeit u. a.<br />

Koordinative Fähigkeiten stellen einen Komplex von Fähigkeiten dar, die in einer<br />

ganzheitlichen Struktur leistungsbestimmenden Charakter tragen. Die Differenzierung<br />

und Benennung der koordinativen Fähigkeiten ist nicht eindeutig bestimmt. Jedoch<br />

werden drei wesentliche, objektiv existierende koordinative Grundfähigkeiten<br />

unterschieden (vgl. Schnabel et al. (Hrsg.) 1997, S.117):<br />

49


1. „Fähigkeit zur präzisen Bewegungsregulation, wobei die Bewegungen genau, geführt<br />

und zyklisch sind. Ein Beispiel währen Ausdauersportarten, wie zum Beispiel<br />

Marathonlauf, Rudern, Schwimmen u. a.<br />

2. Fähigkeit zur Koordination unter Zeitdruck, wobei die Bewegungen schnell und<br />

genau sind. Hierzu zählen Schnellkraftdisziplinen.<br />

3. Fähigkeit zur motorischen Anpassung und Umstellung, mit schnellen, genauen<br />

und variablen Bewegungen, wozu Kampfsport und Sportspiele gezählt werden.“<br />

Aus den Erklärungen zu den koordinativen Fähigkeiten wird deutlich, dass die acht<br />

benannten Merkmale der Bewegung im Shotokan-<strong>Karate</strong> teilweise ihnen zugeordnet<br />

werden können. Die Bewegungskoordination bezieht sich auf die Koordination aller<br />

Bewegungen innerhalb einer Anforderungssituation. Das sind alle Körperbewegungen<br />

die ausgeführt werden, um eine motorische Handlung zu vollziehen, mit dem Ziel<br />

die Anforderungssituation zu lösen. Wird z. B. ein <strong>Karate</strong>ka angegriffen zählen bei<br />

dem Angreifer alle Bewegungen zur Anforderungssituation, die zum Angriff gehören,<br />

beim Verteidiger alle Bewegungen die dazu dienen den Angriff abzuwehren und<br />

selbst anzugreifen. Dabei können die Positionen von Angreifer und Verteidiger<br />

wechseln. Der Bewegungsrhythmus ist mit der oben aufgeführten Definition der<br />

Rhythmusfähigkeit erklärt.<br />

Durch die Fähigkeit zur Bewegungskopplung wird dem <strong>Karate</strong>ka ermöglicht in und<br />

aus vielen verschiedenen Richtungen Kampfhandlungen mit unterschiedlichen Techniken<br />

zu vollziehen. Er ist in der Lage in verschiedenen Situationen verschiedene<br />

Techniken variabel einzusetzen, zu verbinden bzw. zu koppeln.<br />

Die Ausprägung des Bewegungsflusses der Bewegung des <strong>Karate</strong>kas ist ein Merkmal<br />

für den Fortschritt und die Qualität im Lernprozess der Techniken. Ein guter Bewegungsfluss<br />

ist besonders bei der Kombination verschiedener Techniken, bei der<br />

Ausführung einer Kata und der Ausführung von Abwehr- und Kontertechniken im<br />

Kampf wichtig. Je besser es einem <strong>Karate</strong>ka gelingt die Techniken in einen Fluss zu<br />

bringen, je höher ist der Grad der Körper- und Technikbeherrschung. Der Bewegungsfluss<br />

innerhalb einer Technik ist dabei die Basis einer sauberen Grundtechnik.<br />

Erst wenn eine Grundtechnik bei der Technikschulung fließend ausgeführt werden<br />

kann, kann sie im Kampf eingesetzt werden. Doch bevor sie im freien Kämpfen benutzt<br />

werden kann, muss sie in abgesprochenen Kampfübungen verfeinert werden.<br />

Nach methodischen Prinzipien, genauer gesagt der Teil-Lern-Methode, wird eine<br />

Technik in Einzelelemente zerlegt und teilweise erlernt. Danach wird die Technik zusammengesetzt<br />

und fließend, an einem Stück geübt. Der Grad des Bewegungsflusses<br />

charakterisiert die Qualität der Ausführung der Techniken. Gleichzeitig ist ein guter<br />

Bewegungsfluss Voraussetzung im <strong>Karate</strong> die erlernten Techniken im Kampf und<br />

in einer möglichen Selbstverteidigungsposition anwenden zu können. Kampf bezieht<br />

sich hierbei auf Übungs- und Freikämpfe im Training und Wettkampf. Die Selbstverteidigungssituation<br />

bezieht sich auf eine mögliche reale Kampfsituation außerhalb<br />

des Sports, wobei es nötig wird die erlernten Kampftechniken zwecks Selbstverteidigung<br />

zur Anwendung zu bringen.<br />

Bewegungspräzision ist im <strong>Karate</strong> besonders wichtig. Die Techniken müssen so präzise<br />

wie möglich ausgeführt werden, um die eigene Gesundheit aufrecht zu erhalten.<br />

Werden zum Beispiel Fußtritte ausgeführt, muss auf die Streckung im Kniegelenk<br />

geachtet werden. Wird das Knie dabei durchgestreckt und erfolgt die Muskelkontraktion<br />

der Beine zu spät, wird das Kniegelenk überstreckt. Geschieht das häufig nimmt<br />

das Kniegelenk Schaden. Das macht die Bewegungspräzision für den Gesunderhalt<br />

des Körpers besonders wichtig. Im Kampf müssen die Techniken vor dem Ziel gestoppt<br />

werden. Dazu müssen Distanz und Timing stimmen. Nur mit einer präzisen<br />

Bewegung ist es möglich die Techniken zu kontrollieren. Gleichzeitig ist die präzise<br />

50


Bewegung Voraussetzung, um die Techniken optimal im Kampf anwenden zu können.<br />

Nur die präzise ausgeführte Bewegung kann effektiv eine Wirkung am Gegner<br />

erzielen.<br />

Bewegungskonstanz ist besonders im Lernprozess des Techniktrainings wichtig.<br />

Konstant ausgeführte Bewegungen schleifen sich als Muster ein und gewährleisten<br />

eine Optimierung bzw. Ökonomisierung der Technik, mit einhergehender Anpassung<br />

des Körpers an die Bewegung. In Laboren für angewandte Physiologie des Brooklyn<br />

Centers, der Long Island Universität, wurden über einen Zeitraum von sechs Jahren<br />

physiologische und konditionelle Aspekte des <strong>Karate</strong>trainings untersucht. Dabei wurde<br />

festgestellt, dass eine hohe Wiederholungsrate von Techniken die Verbindungen<br />

von Großhirnrinde, Nervenbahnen und willkürlicher Muskeln verbessert werden. Nervenfasern<br />

werden durch hohe Wiederholungsraten stimuliert, wodurch Steuerungsprozesse<br />

des Gehirns verbessert werden (vgl. Okazaki, Stricevic 2003).<br />

Der Bewegungsumfang kennzeichnet den Umfang der Ausführung einer einzigen<br />

Technik oder verknüpfter Technikabfolgen. Je genauer der Umfang an das Idealbild<br />

einer Technik angepasst ist, je ökonomischer ist die Ausführung bei gleichzeitig maximaler<br />

Wirksamkeit der Technik. Im Kampf ist es besonders wichtig so sparsam wie<br />

möglich mit seinen Kräften umzugehen, um den Kampf letztendlich mit einer wirkungsvollen<br />

Technik zu beenden. Je weiter die Bewegungen sind, desto unökonomischer<br />

ist sie, desto mehr Energie muss der Kämpfer aufwenden. Je länger gekämpft<br />

wird, je schwieriger wird es die Leistung aufrecht zu erhalten, die nötig ist, um den<br />

Kampf zu gewinnen. Die Bewegungen müssen deshalb so ökonomisch wie möglich<br />

ausgeführt werden. In der Grundschule lernt der <strong>Karate</strong>ka den Bewegungsumfang<br />

einer Technik so stark zu reduzieren und seinem Körper genau anzupassen, dass er<br />

ohne große Energieverluste eine Technik mit maximaler Wirkung im Kampf exakt<br />

umsetzen und anwenden kann.<br />

Die Bewegungsstärke kennzeichnet die Fähigkeit des <strong>Karate</strong>kas Muskelspannungen<br />

einzusetzen. Nur eine maximal stark ausgeführte Bewegung gibt dem <strong>Karate</strong>ka die<br />

Chance eine wirkungsvolle Technik im Kampf anzubringen. Die Bewegungsstärke<br />

kennzeichnet ebenfalls die Fähigkeit der gezielten Muskelkontraktion. Wenn alle nötigen<br />

Muskeln am Ende einer Bewegung angespannt werden, nur für den Bruchteil<br />

eines Augenblickes, kann der <strong>Karate</strong>ka eine Wirkung der ausgeführten Technik erzielen.<br />

Durch die kurze Anspannung, mit sofortiger Entspannung, ist es dem <strong>Karate</strong>ka<br />

möglich für eine nachfolgende Technik wieder die maximale Wirksamkeit erzeugen<br />

zu können. Durch die Entspannung, nach der größtmöglichen Anspannung,<br />

kann der <strong>Karate</strong>ka sich sofort weiterbewegen, um nicht getroffen zu werden. Außerdem<br />

ermöglicht ihm die Entspannung wieder eine Bereitschaftshaltung einzunehmen,<br />

um optimal auf eine neue Situation reagieren zu können. Die Bewegungsstärke<br />

wird im Kihon trainiert und verbessert. Gleichzeitig wird durch die kurze Kontraktion,<br />

meist aller Muskeln, am Ende einer Technik, mit ihrer sofortigen Entspannung die<br />

Durchblutung in der Skelettmuskulatur erhöht. Hierbei kommt es zu einer Art Selbstmassage<br />

des Körpers. Die Umsetzung der Bewegungsstärke hat das Ziel die gesamte<br />

Kraft einer Technik an einem Punkt zu bündeln und auf eine kleine Fläche zu übertragen.<br />

Dadurch entsteht eine große Wirkung, die den Gegner niederzwingen soll.<br />

Man spricht von Energiefokus oder Brennpunkt.<br />

Es kann an dieser Stelle festgestellt werden, dass der Schwerpunkt des Kihon-<br />

Trainings die Entwicklung der äußeren Technik, mit dem inneren Verständnis dieser<br />

ist. Dabei werden das richtige Stehen, verschiedene Bewegungsformen, Arm- und<br />

Beintechniken, Angriffs- und Abwehrtechniken, richtiger Hüfteinsatz, korrekte Atmung<br />

zur Technik, An- und Entspannung u. a. bis zur Automatisierung geübt. Es ist im ersten<br />

Verständnis eine Körperschulung, die spezifisch für das Shotokan-<strong>Karate</strong> grund-<br />

51


legende Voraussetzungen schafft. Dabei konzentriert sich der Übende auf die Technik,<br />

er verdrängt Unnötiges und ist ganz bewusst bei der Übung. Die Konzentration<br />

wird auf das Wesentliche gerichtet. Das weitergehende Verständnis ist die Auseinandersetzung<br />

mit der Technik in den Bereichen Stellungen, Hüfteinsatz, Balance,<br />

Anspannung, Entspannung, Atmung, Konzentration u. a. Es ist eine Art der Geistesschulung,<br />

wie es im Shotokan-<strong>Karate</strong> genannt wird (vgl. H. Handel 1998). Hierbei<br />

wird der Blick auf das Innere gelenkt, wobei der eigenen Körper erfahrbar, erfühlbar<br />

und erlebbar wird. Das eigene Innere soll erkannt und negative Einflüsse abgestellt<br />

werden. Der Geistesschulung folgt die „Seelenschulung“, als esoterischer Aspekt des<br />

Kihon-Trainings (vgl. H. Handel 1998, S.204). „Seelenschulung“ bedeutet das Endziel<br />

der Technik, das „Nicht-Denken“ zu erreichen. Die Technik wird transzendiert<br />

und der <strong>Karate</strong>ka lernt in sich hineinzuhören.<br />

Eine hohe Form des Kihon-Trainings ist das Üben von Kombinationen. Hier werden<br />

verschiedene Techniken variabel kombiniert, um die erworbenen Fähigkeiten zu<br />

verbessern. Kombinationen werden mit einem bestimmten Rhythmus ausgeführt. Je<br />

nachdem, in welcher Reihenfolge die Techniken liegen, müssen sie schneller oder<br />

langsamer, mit spezifischen Anwendungsmustern im Kampf, ausgeführt werden. Außerdem<br />

können die Kombinationen in verschiedene Richtungen geübt werden. Dabei<br />

erhöht sich die Schwierigkeit der Ausführung der Techniken. Dadurch werden hohe<br />

koordinative Anforderungen an den <strong>Karate</strong>ka gestellt. Das Üben von Grundtechniken,<br />

sowohl in einzelner Form als auch in Kombinationen, stellt eine wichtige Säule<br />

im Shotokan-<strong>Karate</strong>-Training dar.<br />

Es kann weiterhin das Bewegungstempo genannt werden, das als Schnelligkeit von<br />

Teil-/ Bewegungen in ihrer zeitlichen Ausführung, Geschwindigkeit und Beschleunigung<br />

gekennzeichnet ist.<br />

Was bei diesen Ausführungen deutlich zum Ausdruck kam, ist nicht nur die hohe Anforderung<br />

an die koordinativen, sondern ebenfalls die hohen Anforderungen an die<br />

konditionellen Fähigkeiten.<br />

3.4) Konditionelle Fähigkeiten<br />

Der Deutsche <strong>Karate</strong> Verband e.V. (DKV) ist ein Verband guter Trainer und vieler<br />

Sportwissenschaftler. Sie haben ein karatespezifisches konditionelles Anforderungsprofil<br />

erstellt, wobei die Definitionen bestimmter Begriffe an Martin angelehnt werden.<br />

Das Anforderungsprofil wird auszugsweise aus der „Rahmentrainingskonzeption für<br />

Kinder und Jugendliche im Leistungssport“ des DKV übernommen. Die Konzeption<br />

wurde vom Sportpädagogen und Träger des 5. Dan im Shotokan-<strong>Karate</strong> Rudolf Eichert<br />

(2003) erstellt. Die Rahmentrainingskonzeption ist ein Mehrjahresplan (Perspektivplan),<br />

der Jahrespläne und Wochenpläne enthält, die zur Steuerung und Regelung<br />

des Trainings dienen. Es ist ein „idealtypisches Theoriemodell, in dem Eckdaten<br />

der Inhalte und Belastungsanforderungen und deren zeitliche Anordnung global<br />

festgeschrieben sind“ (vgl. R. Eichert 2003, S.3). Kondition ist, allgemein bezeichnet,<br />

eine leistungsbestimmende Komponente und somit eine Leistungsvoraussetzung. In<br />

Anlehnung an H. Ilg (Lehrmaterialien 2000) bezieht sich Kondition auf die physiologischen<br />

Energieaspekte für die spezifischen konditionellen Fähigkeiten Kraft, Ausdauer,<br />

Schnelligkeit und Beweglichkeit. Sie sind Ausdruck und Ergebnis der aktiven Energieübertragung<br />

im Herz-Kreislauf- und Stoffwechselsystem (Ausdauer) und in der<br />

Skelettmuskulatur (Kraft, Schnelligkeit, Beweglichkeit). Martin (1995) definiert die<br />

„Kondition als eine Komponente des Leistungszustandes, die primär auf das Zusammenwirken<br />

energetischer Prozesse des Organismus und der Muskulatur basiert“<br />

(vgl. Eichert 2003). Man unterscheidet heute vier Hauptformen der konditionellen Fä-<br />

52


higkeiten. Diese sind Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit und Beweglichkeit. Jedoch sind<br />

Schnelligkeit und Beweglichkeit Mischformen verschiedener Leistungsvoraussetzungen.<br />

Die Schnelligkeit wird gleichzeitig zu den koordinativen Fähigkeiten gezählt,<br />

denn das präzise Zusammenspiel der Nerven und Muskeln ist hierbei eine wichtige,<br />

leistungsbestimmende Komponente. Die Beweglichkeit ist gleichzeitig von der Konstitution<br />

des Menschen und von den koordinativen Fähigkeiten abhängig. Sie unterliegt<br />

bestimmten genetischen Voraussetzungen, ist zum Teil trainierbar und wird von<br />

der Koordination von Muskeln, Sehnen, Bändern, in Zusammenarbeit mit Nerven und<br />

der Gelenkbeweglichkeit, also der Bewegungsamplitude innerhalb eines Gelenks,<br />

beeinflusst.<br />

Außerdem gibt es zwischen den konditionellen Fähigkeiten viele Mischformen, die in<br />

folgender Tabelle aufgelistet sind (vgl. R. Eichert 2003):<br />

Kraft Schnelligkeit<br />

KONDITION<br />

Ausdauer Beweglichkeit<br />

• Maximalkraft • Reaktionsschnel- • Kurzzeit-, Mittelzeit- • Gelenkbeweglichkeit<br />

• Schnellkraft ligkeit<br />

und Langzeitaus- • Dehnungsfähigkeit<br />

• Kraftausdau- • Kraftschnelligkeit dauer<br />

• Allgemeine Beweger<br />

• Bewegungsschnel- • allgemeine Ausdaulichkeit • Reaktivkraft ligkeiter(Grundlagenaus-<br />

• Spezielle Beweg-<br />

• Spezielle • Schnelligkeitsausdauer)lichkeit Kraft<br />

dauer<br />

• lokale Muskelaus- • Aktive Beweglichkeit<br />

dauer<br />

• Passive Beweglich-<br />

• spezielle Ausdauer<br />

(z. B. karatespezifischeSchnellkraftausdauer)keit<br />

Für das Shotokan-<strong>Karate</strong> werden folgende Merkmale zusammengefasst:<br />

1. SCHNELLIGKEITSFÄHIGKEIT: Für die Schnelligkeitsfähigkeit braucht der <strong>Karate</strong>ka<br />

Schnellkraft, Beschleunigungsfähigkeit und Reaktionsschnelligkeit.<br />

2. KRAFTFÄHIGKEIT: Für die Kraftfähigkeit benötigt der <strong>Karate</strong>ka Schnellkraft (besonders<br />

in den Bereichen der Startkraft und Explosivkraft), Maximalkraft, Reaktivkraft<br />

(zum Beispiel beim Beinabdruck für Fußtritte oder Bewegungen) und eine<br />

karatespezifische Form der Ganzkörperspannung, das Kime genannt wird (wie<br />

bei der Bewegungsstärke schon ausgeführt wurde).<br />

3. AUSDAUERFÄHIGKEIT: Für die Ausdauerfähigkeit werden Grundlagen- und<br />

Schnellkraftausdauer genannt, die besonders bei der Ausführung von Katas und<br />

im Kampf an Bedeutung gewinnen.<br />

4. BEWEGLICHKEIT: Im Bereich der Beweglichkeit sind die Gelenkbeweglichkeit<br />

und Dehnbarkeit bzw. Flexibilität zu nennen. Fußtritte müssen zum Beispiel zum<br />

Kopf und in alle möglichen Richtungen ausgeführt werden. Das Selbe gilt für alle<br />

anderen Techniken im Shotokan-<strong>Karate</strong>.<br />

Die vier Hauptformen der konditionellen Fähigkeiten werden im Shotokan-<strong>Karate</strong> intensiv<br />

trainiert. Einerseits sind sie Grundlage, um spezifisch im <strong>Karate</strong>-Training voranzukommen,<br />

andererseits werden sie durch das <strong>Karate</strong>-Training ausgebildet.<br />

Wissenschaftliche Forschungen, über einen Zeitraum von sechs Jahren, in Laboratorien<br />

für angewandte Physiologie des Brooklyn Centers der Long Island Universität,<br />

befassten sich mit Faktoren in Hinblick auf Kondition und mit der benötigten Zeit für<br />

53


die Ausführung von spezifischen Bewegungsmustern. Diese spezifischen Bewegungsmuster<br />

waren festgelegte Katas. Untersucht wurden 100 Probanden zwischen<br />

18 und 45 Jahren, die etwa vier Jahre Erfahrung im Shotokan-<strong>Karate</strong> hatten. Die<br />

Durchschnittsgröße betrug 171cm, das Durchschnittsgewicht 71kg. Dabei wurden<br />

folgende Messungen vor und nach der Ausführung der Kata vorgenommen (vgl. Okazaki,<br />

Stricevic 2003):<br />

- Blutdruck,<br />

- Elektrokardiogramm (im Ruhezustand und während der Belastung)/ Herzstromkurve,<br />

- Herzfrequenz (Schläge pro Minute),<br />

- Atem-Minutenvolumen (Menge der ein- oder ausgeatmeten Luft pro Minute in Litern),<br />

- Atemfrequenz (Atemzüge pro Minute),<br />

- Atemvolumen (durchschnittliche Luftmenge während eines Ein- und Ausatmungszyklus),<br />

- Vitalkapazität (Luftmenge, die nach einer maximalen Einatmung maximal ausgeatmet<br />

werden kann) und<br />

- die zur Durchführung einer Kata benötigten Zeit.<br />

Ohne an dieser Stelle auf die wissenschaftliche Arbeitsweise der Forschung einzugehen<br />

wurde festgestellt, das Pulswerte von 155 bis 163 Schlägen bei der Durchführung<br />

der Katas auftraten, die nach sportmedizinischen und trainingswissenschaftlichen<br />

Erkenntnissen ein Überschreiten der Schwelle für eine positive kardiovaskuläre<br />

Reaktion darstellen. Ebenfalls erhöhten sich die Blutdruckwerte in einem Bereich der<br />

das kardiovaskuläre System ausreichend anregte, um Konditionseffekte zu erzielen<br />

(vgl. Okazaki, Stricevic 2003).<br />

Die Atemfrequenzen lagen in Ruhe bei 12 und während der Ausführung der Katas<br />

zwischen 22 und 24 Atemzügen. Das Atemvolumen lag im Ruhezustand von 1,088<br />

Litern, während der Ausführung der Katas lag es zwischen 1,504l und 1,656l. Das<br />

Gesamtvolumen in Ruhe betrug ca. 13,056l, während der Ausführung der Katas zwischen<br />

36,112l und 36,444l (vgl. Okazaki, Stricevic 2003). Auch diese Erhöhungen<br />

sind physiologische Kennzeichen, die positive Auswirkungen auf Konditionseffekte<br />

erzielen. Die Messungen der gebrauchten Zeit für die ausgeführten Katas wurden<br />

vorgenommen, um festzustellen, ob das zeitlich vorgegebene Rhythmusmuster des<br />

klassischen <strong>Karate</strong> eingehalten wurde. Nur wenn die vorgegebenen zeitlichen<br />

Rhythmen exakt ausgeführt werden, kann auch ein exaktes Ergebnis erzielt werden.<br />

Die zeitlichen Vorgaben lagen ursprünglich bei 60 Sekunden. Sie wurden eingehalten,<br />

mit einer durchschnittlichen Abweichung von einer Sekunde (vgl. Okazaki, Stricevic<br />

2003). Kata-Training hat nach wissenschaftlichen Untersuchungen einen positiven<br />

Einfluss auf das kardiovaskuläre System, dient also der Konditions- bzw. Ausdauersteigerung.<br />

Genaue Ausführungen dazu liefern Okazaki und Stricevic (2003).<br />

Ausdauer ist eine konditionelle Fähigkeit, die dazu dient „Widerstandsfähigkeit gegenüber<br />

Ermüdung, die bei sportlichen Belastungen ermüdungsbedingte Leistungsverluste<br />

mindert“, zu gewährleisten (vgl. Schnabel et al. (Hrsg.) 1997, S.151). Eine<br />

gute Ausdauer sichert das Durchhalten einer Dauerbeanspruchung, beschränkt oder<br />

verhindert die ermüdungsbedingten Leistungseinschränkungen und sorgt für eine rasche<br />

Wiederherstellung energetischer Leistungsvoraussetzungen nach der Belastung<br />

(vgl. Eichert 2003). Sie stellt somit eine wesentliche Grundlage für das Shotokan-<strong>Karate</strong><br />

dar. Das Ziel des Ausdauertrainings ist es den Energieverbrauch unter<br />

Belastungen zu ökonomisieren. Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben,<br />

54


dass sich der Organismus und die energetischen Prozesse an eine dauernde Belastung<br />

anpassen. Je effizienter der Energieverbrauch ist, je höher ist die Ausdauerleistung.<br />

Das ist ein wesentliches Merkmal, das auch im Shotokan-<strong>Karate</strong> große Bedeutung<br />

hat. Wie schon unter den Punkten Kata, Kumite und Kihon beschrieben ist es<br />

wichtig mit dem wenigsten Aufwand an Energie die größte Wirkung zu erzielen. Die<br />

Ökonomisierung der energetischen Prozesse trägt dazu einen wesentlichen Teil bei.<br />

Auf die sportmedizinischen Aspekte der konditionellen Fähigkeiten soll an dieser<br />

Stelle nicht weiter eingegangen werden, da sie in vielen Werken speziell behandelt<br />

wurden. Für diese Arbeit ist es wichtig die Differenzierung der konditionellen Fähigkeiten<br />

herauszunehmen, um die Entwicklung im Trainingssystem genauer zu betrachten.<br />

Für das Training stellen konditionelle Fähigkeiten eine wesentliche Komponente<br />

dar. Für das Shotokan-<strong>Karate</strong> ist nicht nur die Ausdauer von großer Bedeutung,<br />

sondern auch die Kraftfähigkeit. „Kraftfähigkeit ist die Fähigkeit Widerstände mit<br />

willkürlicher Muskelkontraktion zu überwinden bzw. äußeren Kräften entgegenzuwirken“<br />

(Schnabel et al. (Hrsg.) 1997, S. 132). Im Shotokan-<strong>Karate</strong> gibt es verschiedene<br />

zu überwindende Kräfte, wie zum Beispiel die Schwerkraft u. a. Physikalisch ist Kraft<br />

die Ursache von Bewegungen. Andererseits müssen auch die gegnerischen Einflüsse<br />

überwunden werden. Die Kraftfähigkeit ist dafür Grundvoraussetzung. Angriffe<br />

müssen mit Körperkraft abgewehrt und es muss Kraft aufgebracht werden, um einen<br />

Gegenangriff erfolgreich auszuführen. Kraft wird benötigt, um den Widerstand des<br />

Gegners zu brechen bzw. zu überwinden. Gleichzeitig ist dafür Schnelligkeit nötig,<br />

die als die Fähigkeit in kürzester Zeit auf Reize zu reagieren und Informationen zu<br />

verarbeiten gekennzeichnet ist. Ein weiteres Merkmal der Schnelligkeit ist die Ausführung<br />

von Bewegungen bzw. Bewegungshandlungen mit größtmöglicher Bewegungsintensität.<br />

Diese Merkmale lehnen sich an Schnabel, Harre und Borde (1997)<br />

an. Nur mit schnellsten, aber sehr präzisen Bewegungen ist es im Kampf möglich<br />

dem Gegner keine oder nur minimal Zeit zu geben, um auf einen Angriff bzw. einen<br />

Reiz reagieren zu können. Das ist ein wesentliches Trainingsziel im Shotokan-<br />

<strong>Karate</strong>. Um die genannten Komponenten optimal umsetzen zu können benötigt ein<br />

<strong>Karate</strong>ka die Beweglichkeit. Die Beweglichkeit ist als motorische Fähigkeit des Bewegungsspielraums<br />

der Gelenke bei der Ausführung von Bewegungen oder der Einnahme<br />

bestimmter Haltungen gekennzeichnet (vgl. Schnabel et al. (Hrsg.) 1997). Die<br />

Beweglichkeit kennzeichnet im Weiteren die Flexibilität bzw. die Dehnbarkeit der<br />

Muskeln, Sehnen und Bändern des menschlichen Körpers. Die Ausnutzung der optimalen<br />

Bewegungsamplitude bei der Ausführung einer Technik, besonders im<br />

Kampf, ist grundlegende Voraussetzung, um diese mit größtmöglicher Wirkung umzusetzen.<br />

Dazu sind optimal gedehnte Muskeln nötig, denn nur Muskeln die nicht<br />

verkürzt oder abgeschlafft sind können erfolgreiche <strong>Karate</strong>techniken gewährleisten.<br />

Das bezieht sich auf die technische Anwendung von Shotokan-<strong>Karate</strong>. Ein Fußtritt<br />

zum Kopf kann nur mit einem sicheren Einbeinstand und einer optimalen Dehnfähigkeit<br />

der Muskeln, Sehnen und Bändern ausgeführt werden. Der Fuß des Standbeines<br />

muss dabei komplett am Boden sein, das wiederum nur mit einer optimalen Wadendehnung<br />

realisiert werden kann. Mit einer Wadenverkürzung würde der Hacken<br />

den Boden verlassen, der Stand wäre noch instabiler als er schon mit nur einem Bein<br />

ist. Der Tritt würde dadurch an Kraft verlieren, da die optimale Muskelkontraktion für<br />

einen wirksamen Fußtritt nicht realisiert werden kann. Die Beweglichkeit ist nicht nur<br />

dafür Voraussetzung, sondern dient auch der Prophylaxe von Verletzungen. Gut<br />

ausgebildete Muskeln, Sehnen und Bänder arbeiten effizienter zusammen, da sie mit<br />

Nervenzellen besser vernetzt sind, die gleichzeitig stabiler angelegt werden. Das gezielte<br />

Training der Beweglichkeit verstärkt die Nervenbahnen, wodurch der menschliche<br />

Körper besser auf Reize reagieren kann.<br />

55


Konditionelle und koordinative Fähigkeiten sind wesentliche Elemente im Shotokan-<br />

<strong>Karate</strong>. Diese Erkenntnisse wurden in das <strong>Karate</strong>-Trainingssystem integriert und<br />

neue Methoden des Trainings entwickelt. Genaue Methoden zu den konditionellen<br />

und koordinativen Fähigkeiten im Training des Shotokan-<strong>Karate</strong> werden in der weiteren<br />

Arbeit genannt.<br />

Zusammenfassend können die konditionellen und koordinativen Fähigkeiten folgendermaßen<br />

dargestellt werden, wobei die Grafik keinen Anspruch auf Vollständigkeit<br />

erhebt:<br />

Bedingungen:<br />

Intellektuelle Fähigkeiten<br />

Kraftfähigkeit Schnelligkeitsfähigkeit Ausdauerfähigkeit<br />

Maximalkraftfähigkeit<br />

Schnellkraftfähigkeit<br />

Kraftausdauerfähigkeit<br />

Sportliche Bewegung<br />

• in der Phase der Rehabilitation<br />

• im Freizeit und Breitensport<br />

• im Leistungssport<br />

Spezielle Bewegungsfertigkeit<br />

Sportliche Technik / Bewegungsvorgabemodell<br />

Vorraussetzung: Sportmotorische Fähigkeit<br />

konditionelle / energetisch<br />

determinierte Fähigkeit<br />

Sportmotorische (körperliche)<br />

Fähigkeit<br />

56<br />

koordinative / informell<br />

determinierte Fähigkeit<br />

Psychisch – moralische<br />

Fähigkeiten<br />

Konditionelle Fähigkeit Koordinative Fähigkeit<br />

• Differenzierungsfähigkeit<br />

• Orientierungsfähigkeit<br />

• Gleichgewichtsfähigkeit<br />

• Reaktionsfähigkeit<br />

• Rhythmusfähigkeit<br />

• Kopplungsfähigkeit<br />

• Umstellungsfähigkeit<br />

Im folgenden Kapitel wird untersucht, wie diese Erkenntnisse tatsächlich im Shotokan-<strong>Karate</strong>-Training<br />

angewandt und umgesetzt werden. Dazu wurde vom Autor ein<br />

Fragebogen konstruiert, der im Interviewverfahren benutzt wurde, um verschiedene<br />

Trainer diesbezüglich zu hinterfragen.


4) Das Interviewverfahren<br />

Das hier gewählte Interviewverfahren soll Einblicke in die Alltagstheorien, das Alltagswissen<br />

und Berufs- bzw. subjektive Theorien der Praktiker (vgl. Roth (Hrsg.)<br />

1996), also der Trainer geben. In Roth (Hrsg., 1996, S.22) wird das folgendermaßen<br />

beschrieben: „In diesen handlungsleitenden ’Mixturen’ verschmelzen alltägliche Erfahrungen,<br />

Routinen, Erfolge, Freuden, Misserfolge und Enttäuschungen mit theoretischen<br />

Überlegungen und Wissensbeständen.“ Das Interviewverfahren ist eine Methode<br />

der wissenschaftlichen Forschung, die als Feldforschung bezeichnet werden<br />

kann, also praxisorientiert ist und eine „alltagstheoretische Fundierung“ darstellt (vgl.<br />

Roth (Hrsg.) 1996, S. 25). Die Trainer wurden unter natürlichen Bedingungen interviewt,<br />

die Daten wurden unter natürlichen Bedingungen erhoben. Die gegebenen<br />

Antworten, also die gesammelten Daten lassen sich scheinbar automatisch auf die<br />

Praxis übertragen. Doch ob alle Aussagen mit der Praxis übereinstimmen wurde<br />

nicht überprüft. Somit ist das verwendete Interviewverfahren eine theoretische Untersuchung<br />

zum <strong>Karate</strong>-Training. An dieser Stelle soll erklärt werden, dass die Ehrlichkeit<br />

der Trainer nicht in Frage gestellt wird, sondern nur geklärt werden muss, dass<br />

die Untersuchung, auf Grund fehlender praktischer Nachweise, auf eine theoretische<br />

Basis beruht. Der Fragebogen wurde standardisiert und bei jedem Trainer gleich angewandt.<br />

Der erste Schritt, nach der Erstellung des Interviewkonzepts, war das Wissen<br />

der Trainer zu erfassen. Das geschah durch Befragung unter gleichen Bedingungen.<br />

Die Interviews wurden aufgenommen und später schriftlich ausgewertet.<br />

Gleichzeitig ist aber nicht sicher ob die im Interview genannten Trainingsbedingungen<br />

genau so praktisch umgesetzt werden. Es fehlt die Kontrolle der tatsächlichen<br />

Bedingungen. Dazu wäre eine Langzeitstudie nötig. Diese Faktoren bedeuten ein<br />

Validitätsproblem, dass mit einer Einzeluntersuchung nicht gelöst werden kann.<br />

Heuer (1993) schlägt eine Strategie der multiplen Aufgabenreihen vor, die ein „Untersuchungsreihenkonzept<br />

beinhaltet, bei dem die gleiche Forschungsfragestellung<br />

(konstante Problemkomplexität) in verschiedenen Studien evaluiert wird (vgl. Roth<br />

(Hrsg.) 1996, S.24). In Roth wird diese Vorgehensweise folgendermaßen Charakterisiert<br />

(Roth, (Hrsg.) 1996, S.24/25): „…Diese werden so gestaltet, dass die Operationalisierungen<br />

der abhängigen und unabhängigen Variablen möglichst breit über das<br />

Kontinuum zwischen Labor und Feld streuen. Auf der einen Seite finden sich gut<br />

kontrollierbare, aber eher künstliche Merkmalsspezifikationen, auf der anderen Seite<br />

Variablenfestlegungen, die den Rahmenbedingungen der Sportpraxis nahe kommen.<br />

Mit dieser Vorgehensweise können die jeweiligen Stärken der Labor- und Feldforschung<br />

zumindest partiell vereinigt werden: Den Laboruntersuchungen fällt die Aufgabe<br />

zu, Zusammenhänge und Effekte aufzudecken; in Feldstudien werden diese<br />

Resultate aufgegriffen, und es wird geprüft, ob sie sich auch in natürlichen, niedrig<br />

kontrollierten Situationen – im Prinzip – rekonstruieren lassen. Das Konzept der multiplen<br />

Aufgabenreihen ist in der sportwissenschaftlichen Forschung bereits mehrfach<br />

eingesetzt worden (vgl. u.a. Roth, 1989; Hossner, 1995; Szymanski, 1996).“<br />

In der Untersuchung zum „Techniktraining im Spitzensport“, vom Herausgeber Klaus<br />

Roth, wurde das Interviewverfahren gewählt, um „aus der Praxis für die Praxis“, aus<br />

der Sicht erfolgreicher Trainer, ein „Bindeglied zwischen den wissenschaftlichen Erkenntnissen<br />

und deren Ausrichtung und Umsetzung im Sport“ zu betrachten (vgl.<br />

Roth (Hrsg.) 1996, S.9). Die Interviewstudie dieser Arbeit lehnt sich, in der Erstellung,<br />

an die Untersuchung zum „Techniktraining im Spitzensport“ an.<br />

Es gibt Trainer, die vielschichtige Situationen des Trainings sicher bewältigen und<br />

über umfassendes Wissen verfügen. Dieses Wissen wurde, für die vorliegende Ar-<br />

57


eit, im Bereich des Shotokan-<strong>Karate</strong> erhoben, individuell rekonstruiert, zusammengefasst<br />

und zu trainingsmethodischen Prinzipien verdichtet.<br />

In wie weit sind die befragten Trainer Experten? Die befragten Trainer haben eine<br />

<strong>Karate</strong>-Praxis von 10-23 Jahren. Sie durchliefen verschiedene Ausbildungen und haben<br />

Trainerlizenzen der <strong>Karate</strong>-B-, <strong>Karate</strong>-A- oder Instruktor-Shotokan-<strong>Karate</strong>-<br />

Klasse. Die Ausbildungen sind stark unterschiedlich, worauf an späterer Position<br />

eingegangen wird. Kein Trainer ist Sportwissenschaftler mit abgeschlossenem<br />

Sportstudium. Mit diesen Ausbildungsstadien und der langen praktischen Erfahrung<br />

wird ein Grad an Expertenwissen vorausgesetzt. Unter den Befragten waren der<br />

Landestrainer für Kata Mecklenburg/Vorpommern (3.Dan – Shotokan-<strong>Karate</strong>, Trainer-<strong>Karate</strong>-A-Lizenz),<br />

der Präsident der <strong>Karate</strong>-Union Mecklenburg/Vorpommern (4.<br />

Dan – Shotokan-<strong>Karate</strong>, Trainer-<strong>Karate</strong>-B-Lizenz; Zweigstelle des Deutschen-<br />

<strong>Karate</strong>-Verbandes), der Präsident des Shotokan-Ryu-in-Deutschland e.V., der<br />

gleichzeitig der erfahrenste Trainer, mit 23 Jahren Praxis und Instruktor für klassisches<br />

Shotokan-<strong>Karate</strong> mit dem 4.Dan ist und zwei weitere Instruktoren mit ca. 12<br />

Jahren praktischer Erfahrung (mit jeweils dem 3.Dan graduiert). Die Höhe des Dan-<br />

Grades und die lange praktische Erfahrung der Trainer bzw. Instruktoren kennzeichnen<br />

sie als Experten. Die Voraussetzung des Wissens dieser Trainer wird hier zum<br />

Gegenstand der Untersuchung gemacht. Das Interviewverfahren hat den Vorteil im<br />

Gespräch den Wissensstand zu ermitteln, wodurch bei Unklarheiten sofort Hinterfragungen<br />

vorgenommen werden können. Es muss aber sichergestellt werden, dass<br />

keine bzw. so wenig wie möglich Redundanz auftritt, aber das Kernthema des Interviews<br />

deutlich herausgestellt wird. Die Position des Fragenden muss hierbei klar<br />

dargestellt sein. Er muss neutral und nicht wertend ein Gespräch führen, wobei eine<br />

subjektive Stellungnahme zum Thema vermieden werden soll. Dadurch kann eine relativ<br />

objektive Position der Untersuchung sichergestellt werden. Die Interviews sind<br />

halbstandardisiert, aber auch fokussiert. Dadurch wird dem Interviewpartner einerseits<br />

die Möglichkeit zum Erzählen gegeben und andererseits gezieltes Nachfragen<br />

ermöglicht, um das Gespräch auf bestimmte Themenkomplexe zu lenken. Diese Impulsgebung<br />

wird als Interviewleitfaden bezeichnet (vgl. Roth (Hrsg.) 1996). Die aufgenommenen<br />

Gespräche wurden anschließend verschriftlicht bzw. in ein Textformat<br />

gebracht und inhaltsanalytisch ausgewertet. Sie werden als Gedächtnisprotokolle in<br />

dieser Arbeit zusammenfassend dargestellt, wobei das Trainerwissen und die jeweiligen<br />

Trainerphilosophien herausgestellt werden. Daran schließt sich das Zusammenfassen<br />

der Aussagen und der Vergleich dieser an, mit dem Versuch der Kategorienbildung<br />

spezifischer gemeinsamer oder entgegengesetzter Aussagen. Die Kategorienbildung<br />

basiert auf sportwissenschaftlichen, im Besonderen auf trainingswissenschaftlichen<br />

Erkenntnissen, im speziellen hier für das Shotokan-<strong>Karate</strong>, als technisch-individualtaktisch<br />

akzentuierte Sportart. Daraus ergeben sich bestimmte Prinzipien<br />

des Trainings, die durch die intensive Literaturrecherche unterstützt werden.<br />

Die Herausstellung der verschiedenen Prinzipien machen gleichzeitig die Unterschiede<br />

im Training deutlich. Somit ist ein Einblick in die Entwicklung des Trainingssystems<br />

durch die Interviewstudie und den Vergleich mit allen zuvor beschriebenen<br />

Elementen möglich und eine gewisse Validierung der Untersuchung gewährleistet.<br />

Da das Interview speziell für das Shotokan-<strong>Karate</strong> erstellt wurde und keine anderen<br />

Sportarten analysiert werden, ist die Standardisierung des Konzepts optimal gewährleistet<br />

und eine interindividuelle Vergleichbarkeit gegeben. Dadurch ist eine gewisse<br />

Validierung der Themen und Inhalte des Interviews und der daraus folgenden Ergebnisse<br />

für diesen Bereich sichergestellt.<br />

58


4.1) Fragenerstellung<br />

Das Interview dient dazu mit standardisierten Fragen das Trainerwissen zu erfassen.<br />

Wie schon beschrieben ist, wurden explorative und fokussierte Fragestellungen konstruiert,<br />

um einerseits die Freiheit aus eigener Erfahrung zu erzählen und andererseits<br />

die gezielte Hinterfragung relevanter Themen der Trainingsentwicklungsanalyse<br />

im Shotokan-<strong>Karate</strong> sicherzustellen und den Rahmen der Untersuchung nicht zu verlassen.<br />

Es wurden verschiedene Bereiche abgetastet, wie zum Beispiel Trainingsziele,<br />

Trainingsinhalt, Trainingsmethoden und die Umsetzung traditioneller Werte im<br />

Training. Es war also ein Anliegen praktische Erfahrungen und Kenntnisse der Trainer<br />

zu sammeln. Weiterhin wurde der Werdegang der Interviewpartner als Sportler<br />

und Trainer erfragt, um die persönlichen Erfahrungen besser nachvollziehen zu können.<br />

Die persönlichen Meinungen der Trainer, ihre Vorgehensweisen, die Art und<br />

Weise ihres Trainings, der Wissenserwerb, die Beispielangaben zu bestimmten Bereichen<br />

u.a. waren wesentliche Kerninhalte der Interviews. Beim Verfahren des Interviewens<br />

musste beachtet werden, dass die Reihenfolge der Fragen nicht festgelegt<br />

werden kann, um die Freiheit der Antworten zuzulassen. Manchmal hat sich die Reihenfolge<br />

der Fragen von selbst ergeben und manchmal mussten die Fragen in ihrer<br />

Anordnung verändert werden, da sich der Zusammenhang im Gespräch neu ergeben<br />

hat. Ja/nein-Antworten wurden vermieden, da es sich nicht um ein Reproduzieren<br />

des Wissens des Fragenden handelte, sondern um ein Hinterfragen des Trainerwissens.<br />

Zu jeder Zeit wurde der „reflexiv-narrative Charakter des Gesprächs“ gewährleistet<br />

(vgl. Roth (Hrsg.) 1996, S.37). Die Interviews wurden im Zeitraum von Februar<br />

bis April 2004 durchgeführt. Sie fanden entweder in den Büros der Befragten, in<br />

Turnhallen oder in Privatwohnungen statt. Im Nachfolgenden wird das Interviewkonzept<br />

dargestellt:<br />

1) Einleitung<br />

� Erzähle ruhig alles ausführlich und alles was Dir zu den Fragen einfällt.<br />

� Lass Dir Zeit zum Überlegen, denn alles was Dir einfällt ist mir wichtig.<br />

2) Persönliches<br />

� Wie sieht Dein Werdegang als Sportler aus? (welche Sportarten, wann, wo, wie,<br />

warum, bei wem begonnen*)<br />

� Wie sieht Dein Werdegang als Trainer aus? (Lizenzen / haupt- oder ehrenamtlich,<br />

Geschlecht der Athleten*)<br />

� Was sind Deine größten Erfolge als Sportler / Trainer?<br />

� Was sind Deine aktuellen Aufgabenfelder?<br />

� Welche Leistungsklasse(n) trainierst Du?<br />

3) Wie würdest Du das Trainingsziel Deiner Gruppe(n) definieren? (Anhand des<br />

Trainingsziels kann definiert werden, ob der traditionelle Gedanke des ursprünglichen<br />

<strong>Karate</strong> oder ob der moderne Gedanke des Sportkarate als Grundidee des Trainings<br />

gilt.*)<br />

4) Was sind Deine Trainingsinhalte? Auf welche legst Du besonders Wert? (Kata,<br />

Bunkai, Kihon, Kumite*)<br />

5) Zu welchen Anteilen sind bei Dir die Trainingsinhalte im gesamten Jahr enthalten?<br />

6) Wie gehen gewöhnlich Deine Trainingsvorbereitungen von statten?<br />

59


7) Woher nimmst Du Dein Wissen über <strong>Karate</strong> und den Elementen Kihon, Kata und<br />

Kumite?<br />

8) Gibt es für Dich bei der Gestaltung von Übungsbedingungen eine eigene Systematik,<br />

ein bestimmtes Prinzip oder so etwas wie eine Grundidee, an der/dem Du<br />

Dich bei Deinem Training orientierst? Nenne Übungsbeispiele.<br />

9) Verwendest Du Trainingsmittel? (Wenn ja welche Trainingsmittel in welchen Situationen?*)<br />

10) Arbeitest du mit Sollwertvorgaben? (Wenn ja wie sehen diese aus und wie setzt<br />

du sie mit dem Istwert in Beziehung?*)<br />

11) Wie vermittelst Du das Technikleitbild? Wie sehen Deine Korrekturen aus?<br />

12) Wie sieht allgemein bei Dir eine karatespezifische Trainingseinheit aus?<br />

13) Unterrichtest Du Kata, Kihon, Kumite, Bunkai getrennt oder immer zusammen<br />

oder einiges davon zusammen?<br />

(Wenn gesondert Kata, Kihon und Kumite trainiert wird frage ich weiter mit Nr. 14,<br />

15, 16. Wenn nicht weiter mit Nr.17*)<br />

14) Wie sieht bei Dir eine Trainingseinheit Kihon aus? (Unterschiede Anfänger /<br />

Fortgeschrittene*)<br />

15) Wie sieht bei Dir eine Trainingseinheit Kata aus? (Unterschiede Anfänger / Fortgeschrittene*)<br />

16) Wie sieht bei Dir eine Trainingseinheit Kumite aus? (Unterschiede Anfänger /<br />

Fortgeschrittene*)<br />

17) Welche Inhalte mischt Du bzw. trainierst du zusammen? Wie sieht dabei die jeweilige<br />

Trainingseinheit genau aus? Gibt es bei Dir Unterschiede bei Anfängern /<br />

Fortgeschrittenen? Wenn ja welche?<br />

18) Welche Trainingsmethoden benutzt Du?<br />

19) Was hältst Du von Abhärtungsübungen, sind sie in Dein Training integriert?<br />

(Welche Übungen, wie oft und in welchem Umfang*)<br />

20) Kennst Du die Geschichte des <strong>Karate</strong>? Wenn ja erzähle sie.<br />

21) Kennst Du die Philosophie des <strong>Karate</strong>? Wenn ja wie sieht sie aus?<br />

22) Ist die Philosophie auf Asien beschränkt und hier überhaupt aktuell? Hat sie sich<br />

verändert, sollte sie sich verändern oder sollte man sie dem Westen anpassen?<br />

Wie stehst du dazu?<br />

60


23) Gibt es Deiner Meinung nach Traditionen im <strong>Karate</strong>? Wenn ja welche und sind<br />

diese Traditionen noch lebendig oder aktuell?<br />

24) Sind Deiner Meinung nach Tradition und Philosophie überhaupt notwendig?<br />

Wenn ja oder nein warum ja; warum nein?<br />

25) Finden Philosophie und Traditionen in Deinem Training einen Patz? Wenn ja wo<br />

und wie setzt Du sie um? Bringst Du sie den Schülern nahe?<br />

26) Was gibt Dir <strong>Karate</strong>?<br />

27) Siehst Du Änderungstendenzen im <strong>Karate</strong>training? Wenn ja wo und wie sehen<br />

diese aus?<br />

28) Kannst Du zum Schluss den Kern Deines Trainings kurz zusammenfassen?<br />

* Die mit „*“ gekennzeichneten Klammern stellen Hinweise für den Interviewer dar.<br />

Anhand der Konstruktion der Fragen ist erkennbar, dass sie in keinem festen Verlauf<br />

hintereinander „abgefragt“ werden müssen. Sie ergeben sich, in ihrer Reihenfolge,<br />

von selbst aus dem Gespräch heraus. Allen Trainern wurden diese Fragen gestellt.<br />

An manchen Stellen war es nötig ergänzende Fragen hinzuzufügen, die sich im Verlaufe<br />

des Interviews ergaben und auf Grund der Möglichkeit von sofortigem Feedback<br />

klärenden Charakter trugen.<br />

Im folgenden Abschnitt folgen nun die Aussagen in zusammengefasster Form der<br />

befragten Trainer, man kann dies als „Gedächtnisprotokolle des Interviewers“ (vgl.<br />

Roth (Hrsg.) 1996, S.40) bezeichnen.<br />

4.2) Gedächtnisprotokolle des Interviewers<br />

Die nun folgenden Gedächtnisprotokolle fassen die Aussagen der befragten Trainer<br />

zusammen, bilden ihre Philosophien ab und zeigen somit ihre individuellen Portraits<br />

bezüglich des Shotokan-<strong>Karate</strong>. Die Reihenfolge richtet sich nach der Befragungsfolge<br />

der Trainer. Zuerst werden hierbei die Gedächtnisprotokolle der Trainer des<br />

DKV (Deutscher-<strong>Karate</strong>-Verband e.V.) aufgelistet, denen die Erstellung der Gedächtnisprotokolle<br />

der Instruktoren des SRD (Shotokan-Ryu-in-Deutschland e.V.)<br />

folgt. Dabei muss an dieser Stelle darauf aufmerksam gemacht werden, dass der<br />

DKV die Versportlichung des klassischen <strong>Karate</strong> verfolgt und der SRD das klassische<br />

<strong>Karate</strong> verbreitet. Diese Differenzierung ist eine wesentliche Entwicklungsstufe<br />

im Shotokan-<strong>Karate</strong>, die an späterer Stelle genauer herausgestellt wird.<br />

Die Geschlechts- und Altersverteilung der Übenden sind in allen Gesprächen gleichermaßen<br />

herausgestellt worden. Die prozentuale Verteilung der Geschlechter ist<br />

etwa 70% - 80% männliche und 20% - 30% weibliche <strong>Karate</strong>kas. Bei den Kindern ist<br />

das Verhältnis ungefähr gleichverteilt, zu 50% weibliche und zu 50% männliche <strong>Karate</strong>kas.<br />

Das Alter reicht von 5 bis über 60 Jahren und kaum zu mitteln. Jedoch wurde<br />

in den Leistungsklassen, der Trainer des DKV, das Alter von ca. 16 bis 19 Jahren<br />

festgestellt. Die Breitensportgruppen ordnen sich alle in die oben genannten durchschnittlichen<br />

Werte ein.<br />

61


4.2.1) Gedächtnisprotokoll – Ralph Masella<br />

Ralph Masella ist der Präsident der <strong>Karate</strong>-Union M/V, der<br />

Hauptgeschäftsstelle des DKV in Mecklenburg/Vorpommern,<br />

in Rostock. Mit 28 Jahren fing er Shotokan-<strong>Karate</strong> an. Zuvor<br />

trainierte er als Kind, bis er zehn Jahre alt war Fußball,<br />

danach 10 Jahre lang den Leistungssport Rudern. Mit dem<br />

<strong>Karate</strong>sport begann R. Masella, weil es zu DDR-Zeiten<br />

verboten war: „denn alles was verboten war, war interessant“,<br />

wie er sagte. Gleichzeitig faszinierte ihn damals die Mystik der<br />

asiatischen Kampfkunst <strong>Karate</strong>. Seit 1988 betreibt er Vereins-<br />

sport – <strong>Karate</strong>, wobei die Vereine anfangs unter anderen Namen getarnt wurden, auf<br />

Grund politischer Verfolgung. Deshalb trainierte Ralph Masella heimlich, im Verborgenen.<br />

Sie übten mit Algeriern und bekamen Unterstützung aus Polen. Es wurde<br />

nach traditionellen Methoden geübt. Die Methode der tausenden Wiederholungen<br />

war die einzige Konditionierungsmethode. Das Hauptaugenmerk lag auf Kihon und<br />

Kata, aber auch im geringen Maße auf Kumite. Schlagpolsterübungen und viele Liegestütze<br />

stärkten den Körper und härteten verschiedene Körperteile ab, wie zum<br />

Beispiel die Knöchel der Faust. „Das Training war damals viel härter, die Einstellung<br />

zum Sport war auch eine ganz andere…“, sagte Ralph Masella, „…aber die Gesundheit<br />

bekam kaum Beachtung.“ Das Training fand in Kellern oder Gärten und weniger<br />

in Turnhallen statt. Da im August 1989 <strong>Karate</strong> offiziell erlaubt wurde, konnten nun<br />

Hallenzeiten beantragt werden. Ralph Masella übernahm selbst sehr schnell ein<br />

Traineramt, da in den neuen Bundesländern großer Mangel an <strong>Karate</strong>-Lehrern bestand.<br />

Er ist heute ehrenamtlicher Trainer mit der B-Lizenz. Seine größten Erfolge als<br />

Sportler waren der 3. Platz (Kumite) bei der ersten und letzten DDR-Meisterschaft<br />

(1990) und die Organisation des Fünf-Länder-Turniers, bei dem er außerdem den 2.<br />

Platz in seiner Gewichtsklasse (Kumite) belegte. Des Weiteren nahm er ohne Erfolge<br />

an Turnieren in Polen teil. Als Trainer nennt er als Erfolge die Ausbildung sehr vieler<br />

<strong>Karate</strong>kas (weit über 1000), zwei Bronzemedaillen bei den Deutschen Meisterschaften<br />

und die Abnahme tausender Gürtelprüfungen im Kyu-Bereich. Seine aktuellen<br />

Aufgabenfelder im Verein sind Organisation und Verwaltung, Finanzgeschichten,<br />

Wettkampf- und Trainingsplanung, Einteilung der Trainer und Trainingsgruppen, eigenes<br />

Training (dreimal pro Woche) und gleichzeitig Präsident der <strong>Karate</strong>-Union MV.<br />

Seine Trainingsgruppe bezeichnet er als gehobenen Breitensport. Außerdem hat er<br />

eine spezielle Wettkampfgruppe. Das Trainingsziel ist der Wettkampf und sind hierbei<br />

im Speziellen die Landes- und deutschen Meisterschaften. Einer seiner Sportler<br />

in der Wettkampfgruppe ist Bundeskader, für den er das Ziel einer Medaille bei der<br />

DM steckt, mit der Weiterqualifizierung zu den Europa- und Weltmeisterschaften.<br />

Die Trainingsinhalte sind Vorbereitungen auf regelmäßige Gürtelprüfungen, Selbstverteidigung<br />

und Wettkampfkumite. Das Wettkampfkumite ist der Hauptschwerpunkt<br />

des Trainings. Die Verteilung der Trainingsinhalte im Jahr ist durchschnittlich auf<br />

80% Kumite, 10% Prüfung und 10% Selbstverteidigung gewichtet.<br />

Seine Trainingsvorbereitungen beinhalten die Erstellung eines Rahmentrainingsplanes,<br />

wobei er die Erfahrungen der Bundestrainer einbaut. Dieser Plan sieht das<br />

Grundlagentraining an erster Position vor und wird bis zum Grenzerfahrungstraining<br />

weiterentwickelt. Der Kern, der Vorbereitungen des Trainings, beinhaltet hauptsächlich<br />

„wettkampfspezifische Dinge“. Die Rahmentrainingskonzeption ist auf zwei Höhepunkte<br />

ausgerichtet, das sind meistens die Landes- und deutschen Meisterschaften.<br />

Der Trainingsplan wird im Jahr konsequent verfolgt und kaum verändert. Sein<br />

Wissen erhält er zum einen von den Bundestrainern, zum anderen aus seinen eige-<br />

62<br />

Ralph Masella (rechts) bei<br />

Fehlerkorrekturen nach einer<br />

Prüfung


nen Erfahrungen, die er über viele Jahre gesammelt hat und schließlich aus seinen<br />

Beobachtungen bei Wettkämpfen. Dabei ist ihm aufgefallen, dass sich <strong>Karate</strong> von einer<br />

eher statischen zu einer dynamischen, viel bewegteren und taktischen Sportart<br />

entwickelt hat. Dabei beobachtete er weiter, dass es große Schwierigkeiten in der<br />

Umsetzung wettkampfspezifischer Bewegungsmuster, Taktiken und Beinarbeit gibt.<br />

Doch es ist wichtig, gerade diese Elemente zu entwickeln, da „die Technik nur ein<br />

Abfallprodukt dessen ist, was die Beine vorher vorbereitet haben“, sagte Ralph Masella.<br />

Dem Erlernen der wettkampfspezifischen Fähigkeiten legt er das didaktische<br />

Prinzip „vom Einfachen zum Schweren“ zu Grunde. Hier stehen die Schulung der<br />

koordinativen Fähigkeiten und das Techniktraining im Vordergrund. Hinzu kommt die<br />

Steigerung der Geschwindigkeit, die Schulung des Kampfschreies (Kiai) und der<br />

Körperspannung (Kime). Dazwischen liegt die Ausbildung der Ausdauer- und der<br />

Kraftkomponenten. Für die Entwicklung der Beintechniken sind außerdem das Beweglichkeitstraining<br />

bedeutsam sowie die Steigerung der Haltefähigkeit der Skelettmuskulatur.<br />

Hierfür werden Übungen mit und ohne Trainingsmitteln ausgewählt.<br />

Hauptsächlich wird mit dem eigenen Körper trainiert, wie zum Beispiel durch Liegestütze<br />

zur Kraftentwicklung und Stärkung der Handgelenke, wenn sie auf der Faust<br />

ausgeführt werden. Der Einsatz von Medizinbällen dient dem Schnellkrafttraining,<br />

Pratzen dienen dem Reaktionstraining, Stangenklettern der Entwicklung der Armkraft,<br />

Slalom um Stangen für die Bewegungskoordination, Springseile dem Ausdauertraining<br />

und Matten der Entwicklung der Fähigkeit richtig, unter Minimierung der<br />

Verletzungsgefahr, fallen zu können.<br />

Im Training arbeitet R. Masella mit Sollwertvorgaben im Technikbereich. Dabei steht<br />

das Technikleitbild mit den Idealvorstellungen im Vordergrund. Das ist jedoch, nach<br />

R. Masella, ein „Phantasieprodukt, da es nur im Kopf existiert“. Diese Sollwertvorgaben<br />

werden durch seine Erfahrungen, durch Orientierung an den Besten, durch Videoanalysen<br />

und Zeigen von Lehrvideos und aufgenommenen Wettkämpfen mit dem<br />

Ist-Wert der Sportler verglichen. Er vermittelt das Technikleitbild durch vormachen,<br />

durch Animation zur Beobachtung anderer Sportler und Orientierung an Bundestrainern.<br />

Die Korrekturen bei Fehlern in der Ausführung von Techniken sind nach R.<br />

Masella, „sagen und begründen“. Er erklärt dazu biomechanische Prinzipien der<br />

Techniken und deren Effektivität durch Kraftentwicklung.<br />

Die Trainingseinheiten werden zur Entwicklung der spezifischen Wettkampffähigkeit<br />

wie folgt zusammengesetzt:<br />

� Kata, Kihon und Bunkai werden zusammen trainiert, das dient als Prüfungsvorbereitung<br />

und stellt nicht den Großteil des Trainings dar.<br />

� Kumite wird gesondert trainiert.<br />

Eine Trainingseinheit im Allgemeinen beginnt mit der Erwärmung, leichter Dehnung<br />

und dem 2. Teil der Erwärmung, wobei spezifische Inhalte des Hauptteils in grober<br />

Form eingebaut werden. Es folgt der erste Hauptteil, mit langsamen Bewegungen zur<br />

Technikoptimierung, mit einem Zwischenteil Dehnung. Dann kommt der zweite<br />

Hauptteil mit starken Techniken, dem schließen sich das Cool-down mit leichten Bewegungen<br />

und die Abschlussdehnung an. Jedes Training setzt sich so zusammen.<br />

Die Inhalte sind jedoch abhängig von der Phase, in der man sich im Jahresplan befindet.<br />

Reaktionstraining wird zum Beispiel am Anfang der Trainingseinheiten durchgeführt,<br />

zu dem Zeitpunkt, in dem sie sich in die Jahresplanung einfügt. Da für R.<br />

Masella Kumite das Wichtigste im Training ist, beschreibt er Kata als Technikerwerbesmethode.<br />

Sie ist für den Wettkampf gut und dient dazu den Körper zu trainieren.<br />

Bunkai ist keine „für mich wichtige Geschichte“, sagte er, „es erklärt den Zuschauern,<br />

was die <strong>Karate</strong>kas vorführen.“ (Anmerkung des Autors: Wenn Kata beim Wettkampf<br />

vorgeführt wird, muss sie danach in Kumite-Form gegen Gegner demonstriert wer-<br />

63


den.) Jedoch sind die vorgeführten Techniken in der Selbstverteidigung gegen Gegner<br />

wenig wirksam. „Kata ist schön und ästhetisch und nur für die Demonstration der<br />

Techniken entwickelt“, betonte R. Masella.<br />

Abhärtungsübungen sind nicht Bestandteil des Trainings, da die Verletzungsgefahr<br />

zu groß ist. Das ist besonders in der Wettkampfphase zu vermeiden. Außerdem ist<br />

nicht nur eine harte Technik, wobei hart abgehärtete Faustknöchel bedeutet, sondern<br />

auch eine schnelle Technik wirksam. R. Masella trainiert deshalb Schnelligkeit und<br />

nicht Abhärtung am Makiwara (Schlagpolster). Zum Schnelligkeitstraining nutzt er<br />

Medizinbälle, Pratzen, Matten, Bänke und Sprints.<br />

Als die Geschichte des <strong>Karate</strong> hinterfragt wurde kamen zu den Ursprüngen keine<br />

konkreten Aussagen. Das Wissen über die Entwicklung des modernen Sport-<strong>Karate</strong><br />

war jedoch umfangreich.<br />

Die Fragen zur Philosophie und Tradition, im Vergleich zur Moderne, wurden gegengefragt:<br />

„Wo fängt Tradition an und was ist Tradition?“ Seiner Meinung nach kämpfen<br />

traditionelle Ansichten und moderne sportliche Ansichten gegeneinander. Die positiven<br />

Seiten der Entwicklung sind die Veränderungen des Shotokan-<strong>Karate</strong> zum Gesundheitssport<br />

sowie das Einbeziehen der sportmotorischen und biomechanischen<br />

Erkenntnisse in den Trainingsprozess. Probleme des klassischen <strong>Karate</strong> sind oft im<br />

physiologisch Bereich zu finden, wie zum Beispiel mit den Knien und Gelenken, der<br />

Wirbelsäule und/oder der Hüfte. Aber Traditionen und Philosophie sind im Sportkarate<br />

wichtig. Man darf die Wurzeln und den ursprünglichen Gedanken des Shotokan-<br />

<strong>Karate</strong> nicht vergessen. Heute zählen Fairness miteinander, Etikette, Kleidung (weißer<br />

<strong>Karate</strong>-gi), das Gürtelsystem mit den Kyu- und Dan-Graden, die Verbeugungen,<br />

das Prüfungssystem und die Hierarchie.<br />

<strong>Karate</strong> hat R. Masella persönlich sehr viel gegeben. Es entwickelten sich sein Körper<br />

und sein Geist in eine positive Richtung. Die Fähigkeit zur Selbstverteidigung steigerte<br />

sein Selbstvertrauen und gab ihm innere Stärke. „Es ist eine Fähigkeit die andere<br />

nicht haben.“ Gleichzeitig entwickelten sich seine sozialen Kompetenzen, besonders<br />

im Umgang mit anderen Menschen. <strong>Karate</strong> bietet ihm eine ständige Weiterentwicklung.<br />

Er sucht die Auseinandersetzung mit der Jugend, um ihnen zu helfen und ihnen<br />

etwas von seiner Erfahrung zu geben. Außerdem haben sich Freundschaften durch<br />

<strong>Karate</strong> entwickelt, besonders zwischen Ost- und West-Deutschland.<br />

Veränderungen im <strong>Karate</strong> sieht Ralph Masella im Wettkampfbereich. Die Wettkämpfe<br />

und <strong>Karate</strong>kas sind auf nationaler und internationaler Ebene viel schneller und dynamischer<br />

geworden. Das Trainingssystem im Sportkarate hat sich immer mehr spezialisiert<br />

und ausdifferenziert, vor allem in der Trennung von Kumite- und Kata-<br />

Training. Die Trainingsmethoden haben sich stark verändert. Das Motto „viel hilft viel“<br />

ist nicht mehr aktuell. Die Methoden werden spezifisch nach den Trainingsinhalten<br />

ausgewählt. Doch im „Kumite-Training wird mit der Dauermethode und vielen Wiederholungen<br />

gearbeitet“, so Ralph Masella.<br />

Letztendlich ist der Kern des Trainings R. Masellas die Jugend zur Leistung im Sport<br />

zu entwickeln, Kinder und Jugendliche zur physischen Leistung zu bringen (was er<br />

als zukünftige Hauptaufgabe kommender Generationen sieht) und die Entwicklung<br />

des Wettkampfkarates voranzubringen. Das sind zusammengefasst die Aussagen<br />

Ralph Masellas.<br />

64


4.2.2) Gedächtnisprotokoll – Jörg Waterstradt<br />

Jörg Waterstradt war, zum Zeitpunkt des Interviews, Landestrainer<br />

für Kata in Mecklenburg/Vorpommern. Er ist Trainer-A des<br />

Deutschen <strong>Karate</strong> Verbandes und Träger des 3. Dan.<br />

Als Kind begann J. Waterstradt mit dem Leichtathletiktraining im<br />

Bereich Crosslauf und Mittelstrecken. In seiner Lehre bekam er<br />

zum ersten Mal Kontakt mit dem <strong>Karate</strong>, als verbotene Sportart in<br />

der DDR. In seiner Armeezeit lernte er militärischen Nahkampf<br />

und konnte <strong>Karate</strong>bücher aus der damaligen BRD kurze Zeit einsehen.<br />

Diese Bücher waren von Albrecht Pflüger, die auch heute noch zu den<br />

Standartwerken im Shotokan-<strong>Karate</strong> zählen. Er traf heimlich einen sowjetischen Studenten<br />

in Greifswald und trainierte mit ihm und anderen Interessierten, getarnt als<br />

Kraftsportverein. Außerdem stand er in diesen Zeiten mit dem ungarischen Nationaltrainer<br />

in Kontakt, den sie zwei bis drei Mal im Jahr besuchten, um seine Unterweisung<br />

zu suchen. Von ihm lernten sie das Meiste ihres Könnens. Mit der Wende legte<br />

er seinen 1. Dan ab, wozu er ca. 10 Jahre trainierte. J. Waterstradt gründete sein eigens<br />

Dojo (Übungsort) in Greifswald und entwickelte die Kontakte zum Deutschen<br />

<strong>Karate</strong> Verband so weit, dass dort der Landesleistungsstützpunkt für <strong>Karate</strong>, mit der<br />

Spezialisierung auf Kata entstand. Das Training zu Zeiten der DDR musste heimlich<br />

stattfinden, wie schon unter 4.2.1 erklärt. Der Hauptschwerpunkt war das Kihon-<br />

Training. Die Grundtechniken wurden tausende Male wiederholt und machten 50%<br />

der gesamten Trainingseinheit aus. „Die Umfänge sind heute nicht mehr zumutbar“,<br />

wie es J. Waterstradt formulierte. Trainiert wurde im Wald, auf Wiesen oder in Räumen,<br />

die getarnt als Kraftsport beantragt wurden. Nach der Wende begann seine <strong>Karate</strong>-Karriere.<br />

Er war mehrfacher Landesmeister in der Kategorie Kata, hatte internationale<br />

Erfolge, darunter auch erste Plätze bei ungarischen Turnieren und stand im<br />

Halbfinale der Deutschen Meisterschaften. Als Trainer weißt er eine Dominanz im<br />

Bereich Kata in Mecklenburg/Vorpommern auf und einen Europameistertitel in einem<br />

anderen <strong>Karate</strong>-Verband. Seine aktuellen Aufgabenfelder sind Vorsitzender, Trainer,<br />

Vizepräsident der <strong>Karate</strong>-Union Mecklenburg/Vorpommern, Landestrainer Kata und<br />

verschiedene Sportbundaktivitäten.<br />

J. Waterstradt unterrichtet zwei Kindergruppen, Anfänger, Fortgeschrittene, Senioren<br />

und im Speziellen die Leistungs- und Wettkampfgruppe. Das Trainingsziel der Leistungsgruppe<br />

ist der Wettkampf im Bereich Kata. Es gibt die beiden Leistungsgruppen<br />

für Kata oder Kumite. Die spezifischen Trainingsinhalte aller Gruppen sind Kihon, Kata<br />

und Kumite. Sie sind prozentual jeweils zu 25% Kihon, 50% Kata und 25% Kumite<br />

auf das Jahr, im Durchschnitt verteilt. Dazu erstellt J. Waterstradt einen Trainingsplan,<br />

der nach Wettkämpfen ausgerichtet ist. An diesen Plan kann er sich aber nur<br />

schwer halten. Sein Wissen bezog er aus eigenem Training, eigenen Erfahrungen,<br />

Büchern, Lehrgängen bei verschiedenen Lehrern des Shotokan-<strong>Karate</strong>, den Jahresplänen<br />

der Nationaltrainer und aus eigenen Ableitungen verschiedener anderer<br />

Sportarten.<br />

Das Training in seiner Leistungsgruppe besteht aus Kataübungen. Es werden alle 27<br />

Shotokan-Katas im Jahr trainiert. Seine Vorgehensweise im Training sieht zuerst die<br />

Zerlegung der Kata in Einzelelemente vor, die dann als Kihon (Grundtechniken) geübt<br />

werden. Das betrachtet er als ein Grobtraining, dem das Feintraining folgt. Sein<br />

wichtigstes didaktisches Prinzip ist dabei vom Kleinen zum Großen, d. h. erst die<br />

Grundtechnik, dann die zusammengesetzten Grundtechniken als Kata üben. Es wird<br />

auch unter erschwerten Bedingungen geübt, wie zum Beispiel durch das Antreten<br />

vor allen Anderen und Vorführen der Kata. Es werden auch Zeitdruck und Orientie-<br />

65


ungsveränderungen erzeugt. Das beschreibt J. Waterstradt als seine eigene Systematik.<br />

Korrekturen erfolgen über Beobachtungen im Spiegel und durch Videoanalysen.<br />

Die durchschnittliche Trainingseinheit Kata für die Leistungsgruppe beträgt 1,5<br />

Stunden. Davon sind ca. 20 Minuten Erwärmung, mit kleinen Spielen, ausführlicher<br />

Dehnung und Partnerübungen. Der Erwärmung folgen Kata-Abschnitte in Grundtechnikform,<br />

die je nach Trainingsplan segmentiert und aus der zu übenden Kata herausgenommen<br />

sind. Danach werden die Segmente zusammengesetzt und die komplette<br />

Kata geübt. Weiterhin setzt er das Üben ähnliche Katas an, um die speziellen<br />

Fähigkeiten und Fertigkeiten variabel zu trainieren. „In den letzten 10 Minuten werden<br />

Konditionierungsübungen ausgeführt, wie Liegestütze, Klappmesser, u.a., um alle<br />

auszupowern, damit sie geschafft aus dem Training gehen“, wie es J. Waterstradt<br />

formulierte. Es wird auch Bunkai trainiert, als Transformierung der standardisierten<br />

Kata in Selbstverteidigungsform. Bunkai ist im Wettkampfbereich eine neue Komponente<br />

und stellt damit einen neuen Pflichtteil im Training dar. Hierbei gibt es Freiheiten<br />

für die <strong>Karate</strong>schüler, denn jeder <strong>Karate</strong>ka kann sein eigenes Bunkai entwickeln.<br />

Dabei achtet J. Waterstradt darauf, dass der ursprüngliche Gedanke des <strong>Karate</strong>: „mit<br />

einem Schlag töten“, erkennbar ist und damit die Selbstverteidigungsinhalte der Kata<br />

herausgestellt werden.<br />

Eine Kategorie im Wettkampfbereich Kata ist die Mannschaftskata. Es laufen drei<br />

<strong>Karate</strong>kas synchron eine ausgewählte Kata. Die Synchronität wird durch anzählen<br />

der Techniken erzielt und durch Beobachtungen im Spiegel, während der Ausführung<br />

der Kata, verbessert. Er setzt auch ab und zu Musik ein, um einen speziellen Rhythmus<br />

zu trainieren.<br />

Kumite-Training grenzt sich vom Selbstverteidigungstraining ab, denn auf der Strasse<br />

gibt es keine standardisierten Bedingungen wie im <strong>Karate</strong>-Kumite. Das Wettkampfkumite<br />

wird ebenfalls gesondert trainiert. Wenn in einer Trainingseinheit Kumite<br />

das Hauptthema ist, wird in den letzten 10 Minuten Freikampf geübt, sonst baut<br />

sich das Training wie Kata-Training auf. Allgemein werden im Training Medizinbälle,<br />

der Sandsack, Gummibänder, der Gürtel und Pratzen eingesetzt, jedoch hauptsächlich<br />

mit dem eigenen Körpergewicht trainiert, um Reaktion, Schnelligkeit und Kraft<br />

auszubilden.<br />

J. Waterstradt arbeitet mit Sollwertvorgaben. Diese bezieht er auf die Ausführung der<br />

Techniken in den Katas und ihrer Rhythmen. Diese werden durch Anzählen der<br />

Techniken und Spiegelbeobachtungen und Videoanalysen realisiert und mit dem Istwert<br />

in Verbindung gebracht. Das Technikleitbild vermittelt er dabei durch Vorzeigen<br />

und Zerlegen der Technik in Einzel- und Zwischenschritte. Korrekturen nimmt er<br />

durch Erklären vor.<br />

Wenn Gürtelprüfungen der <strong>Karate</strong>kas anstehen wird der Rahmentrainingsplan komplett<br />

verlassen. Das Wettkampftraining, also der Trainingsplan mit spezifischer Ausrichtung<br />

auf Wettkämpfe, wird dazu unterbrochen und vollkommen umgestellt. Das<br />

Trainingsprogramm wird nach den spezifischen Inhalten der Prüfungsordnung ausgerichtet.<br />

Nach der Prüfung wird wieder das wettkampfspezifische Training aufgenommen.<br />

Abhärtungsübungen werden zur Konditionierung der <strong>Karate</strong>kas eingesetzt. Dabei<br />

handelt es sich um Übungen wie Schläge mit der Faust auf den Bauch des Partners,<br />

Liegestütze auf der Faust, Stöcke über verschiedene Knochen rollen, hartes Arbeiten<br />

am Mann, durch z. B. Fallenlassen von Medizinbällen auf die Bauchmuskeln und<br />

Sandsackübungen. Es werden eher weniger Schläge am Makiwara geübt, wenn überhaupt.<br />

Über die Geschichte des <strong>Karate</strong> wusste J. Waterstradt, dass <strong>Karate</strong> übersetzt leere<br />

Hand bedeutet, aus Okinawa kommt und von Funakoshi Gichin verbreitet wurde.<br />

66


Sonst gab es keine weiteren Angaben bezüglich der Wurzeln, des Ursprungs und der<br />

geschichtlichen Hintergründe des Shotokan-<strong>Karate</strong>.<br />

Philosophisch und traditionell betrachtet er <strong>Karate</strong> als Körper- und Geistesschule, als<br />

Hilfe zur Überwindung des Egos, zur Stärkung des „Inneren“ und als Selbstverteidigungsmöglichkeit.<br />

Sein Motto ist, dass <strong>Karate</strong> der Verteidigung dient und nicht dem<br />

Angriff. Er nimmt Abstand vom Wettkampfkumite, da es keine reale Basis für eine<br />

Selbstverteidigungssituation bietet. Die Kata ist das eigentliche Schlüsselelement,<br />

um hinter die Selbstverteidigungsprinzipien des Shotokan-<strong>Karate</strong> zu gelangen.<br />

Er findet, dass Philosophie und Tradition einen immer noch wichtigen Teil des <strong>Karate</strong><br />

ausmachen, da man sich selbst kennenlernen kann, ohne anderen zeigen zu müssen,<br />

was man tatsächlich kann. Durch <strong>Karate</strong> hat J. Waterstradt, nach eigenen Angaben,<br />

große innere Gelassenheit gefunden.<br />

Seinen Beobachtungen nach wird <strong>Karate</strong> immer wettkampforientierter und ändert<br />

danach seine Trainingsmethoden und Trainingsprinzipien. Heute wird weicher und<br />

weniger trainiert, ohne die dazugehörige Härte und Überwindung von Schmerzen. Es<br />

wird viel weniger Grundschule und Selbstverteidigung geübt und weniger mit Härte<br />

am Mann gearbeitet.<br />

Der Kern seines Trainings ist es Persönlichkeiten zu entwickeln, besonders im Kinder-<br />

und Jugendbereich. Er möchte ihnen eine Freizeitbeschäftigung geben, wobei<br />

sie gleichzeitig den Körper und den Geist trainieren. Außerdem entwickelt sich dadurch<br />

eine Gemeinschaft und Freundschaften werden gefördert. Kinder von der Straße<br />

zu holen und sie mit <strong>Karate</strong> zu guten Menschen zu erziehen ist der große Kern<br />

seines Trainings.<br />

Das sind die zusammengefassten Aussagen von Jörg Waterstradt.<br />

4.2.3) Gedächtnisprotokoll – Dirk Wedel<br />

Dirk Wedel ist Instruktor im SRD und Trainer im <strong>Karate</strong>-Do Demmin<br />

e.V.<br />

Instruktor ist eine spezielle Trainerbezeichnung, die mit einer<br />

dreijährigen Ausbildung erworben werden kann. Es ist eine<br />

Trainerklasse, deshalb werden die Begriffe Trainer und Instruktor,<br />

für die Instruktoren des SRD, als Synonyme verwendet.<br />

Er war zum Zeitpunkt des Interviews Träger des 2. Dan, hat aber<br />

kurz danach die Prüfung zum 3. Dan bestanden. Zu DDR-Zeiten<br />

hat er fünf Jahre lang, fünf mal in der Woche gerungen (von der<br />

1. bis zur 5. Klasse). Als er 1983 zur nationalen Volksarmee musste, hatte er die ersten<br />

Kontakte zum <strong>Karate</strong>. Nach der Armeezeit hat er vier Jahre nichts gemacht, doch<br />

1989 trat er über Arbeitskollegen einem Selbstverteidigungsverein bei. Richtige Trainer<br />

gab es jedoch nicht, deshalb wurde D. Wedel schon als Gelbgurt Übungsleiter.<br />

(Anmerkung des Autors: Gelbgurt ist der erste farbige Gürtel im Shotokan-<strong>Karate</strong>,<br />

der die erste Stufe des Anfängers charakterisiert, wobei die Technik erst in der Grobform<br />

erlernt wurde.) Zu Spitzenzeiten unterrichtete er ca. 100 Sportler. 1993 wurde er<br />

Übungsleiter Breitensport, 1995 Fachübungsleiter-C im DKV und 2004 Instruktor des<br />

SRD. Der Lizenzerwerb zeigt an, dass der Verband gewechselt wurde. Zuerst war<br />

Dirk Wedel Mitglied im DKV, nun ist er Mitglied und Instruktor im SRD. Die Prüfung<br />

zum ersten Dan legte er nach 10 Jahren intensiven Trainings ab.<br />

D. Wedel ist ehrenamtlicher Trainer und unterrichtet Kinder (Durchschnittsalter: 11<br />

Jahre) im Anfängerbereich und Erwachsene (Durchschnittsalter: 38 Jahre). Er selbst<br />

nahm an verschiedenen Wettkämpfen teil, wie dem Prora-Cup und anderen Mannschaftswettkämpfen.<br />

Seine aktuellen Aufgabenfelder sind Vereinsvorsitzender und<br />

67


Trainer des <strong>Karate</strong>-Do Demmin e. V. Er trainiert keine Leistungssportgruppen sondern<br />

Breitensportler. Seine Aufgabe sieht er darin <strong>Karate</strong> in den Grundlagen zu vermitteln.<br />

Das Trainingsziel seiner Gruppen sieht er folgendermaßen:<br />

„So wie die Gruppe jetzt besteht, soll sie weiter voranschreiten, keiner soll rausfallen.<br />

Sie sollen den 1. Dan erreichen und dem <strong>Karate</strong> treu bleiben.“<br />

Die Trainingsinhalte setzen sich aus Kata, Kihon und Kumite (Selbstverteidigung ist<br />

ein Teil des Kumite, wird deshalb nicht gesondert trainiert) zusammen, wobei er versucht<br />

sie zu gleichen Anteilen im Jahr zu verteilen. Seiner Meinung nach ist das eine<br />

Idealvorstellung, die nie ganz realisiert werden kann, auf Grund der individuellen Unterschiede<br />

der Trainierenden in seinen Gruppen und mancher nicht vorhersehbarer<br />

Situationen, die die Trainingsplanung beeinflussen. Die Inhalte betrachtet D. Wedel<br />

als eine Einheit, die nicht getrennt werden dürfen. Deshalb soll nichts davon bevorzugt<br />

trainiert werden. Diese Einheit bildet sich auch in den Mischtrainingsformen,<br />

wobei Kihon und Kata zusammen trainiert werden können, sowie Kata und Kumite.<br />

Seine Trainingseinheiten sehen im Allgemeinen folgendermaßen aus:<br />

• Erwärmung mit allgemeiner Mobilisierung und leichter Vordehnung,<br />

• Wiederholungsphase der vorherigen Trainingseinheit mit Korrekturen,<br />

• Hauptthema (macht ca. 80% der Trainingseinheit aus),<br />

• Kraftteil und<br />

• Abdehnen.<br />

Seine Trainingsvorbereitungen richten sich nach den Schwächen der Schüler und<br />

werden von Trainingseinheit zu Trainingseinheit gestaltet.<br />

Er benutzt oft die Dauermethode für das <strong>Karate</strong>-Training, aber psychoregulative<br />

Maßnahmen sind auch Bestandteil seiner Methodik. Ängstliche werden mit Erfahrenen<br />

zusammengebracht, besonders wenn das Thema Kumite ist. Wenn starke Ängste<br />

bei Kindern auftreten übt er sogar selbst mit ihnen. Das Training baut er zielgerecht<br />

nach dem Kyu-Prüfungssystem des SRD auf, was D. Wedel als seine eigene<br />

Systematik beschreibt.<br />

Sein Wissen hat er hauptsächlich aus den Instruktorkursen, aber auch aus Lehrgängen<br />

mit verschiedenen japanischen und anderen Meistern.<br />

Im Training setzt er verschiedene Hilfsmittel ein, beispielsweise Gürtel, Gummibänder<br />

und Röntgenfolien. Röntgenfolien scheinen etwas merkwürdig, doch er benutzt<br />

sie für Fauststöße. Die Kinder lernen dabei das sofortige Zurückziehen der Faust und<br />

das richtige An- und Entspannen der Muskulatur. Der Schlag auf die Röntgenfolie<br />

gibt einen lauten Knall, der ein Signal für die eben beschriebenen Komponenten ist.<br />

Der Einsatz der Trainingsmittel ist altersbedingt.<br />

In seinem Training gibt es Sollwertvorgaben, speziell bei den Grundtechniken und<br />

den Katas. Die Sollwertvorgaben richten sich nach dem Technikleitbild, das er erklärt,<br />

dann zeigt, die Phasen der jeweiligen Technik zergliedert. Dann wird aus dem<br />

Stand, aus einer spezifischen <strong>Karate</strong>stellung und schließlich aus der Bewegung geübt.<br />

Das didaktische Prinzip dafür benennt er mit: „vom Kleinen zum Großen“. Den<br />

Sollwert bringt er durch seine Erfahrung, Erklärungen und durch nochmaliges demonstrieren<br />

mit dem Istwert in Verbindung.<br />

Abhärtungsübungen dürfen ab dem 1. Dan ausgeführt werden, wie zum Beispiel das<br />

Makiwara-Training. Kindern und Jugendlichen ist es nicht erlaubt, da die Knochen<br />

und Gelenke noch nicht vollständig ausgebildet sind. Deshalb dürfen sie auch keine<br />

Liegestütze auf der Faust ausführen. Das Üben am Makiwara wird jedoch weniger<br />

als Abhärtungstraining, sondern mehr als Technikperfektionierungs- und Muskelkontraktionstraining<br />

betrachtet.<br />

68


Die Aussagen zur Geschichte des <strong>Karate</strong> umfassten die Entwicklung auf Okinawa<br />

und die darauffolgende Verbreitung. Die letztendliche Kernaussage zur geschichtlichen<br />

Entwicklung war, dass <strong>Karate</strong> zu kommerziell wird und die japanischen Trainer<br />

für einen Lehrgang sehr viel Geld nehmen.<br />

Die Philosophie des Shotokan-<strong>Karate</strong> beschreibt D. Wedel als die Entwicklung von<br />

der Selbstverteidigung zu einer Weg-Kunst, bei der die Auseinandersetzung mit bewaffneten<br />

Gegnern nicht mehr gegeben ist. Dadurch ändert sich das Sinnbild des<br />

Shotokan-<strong>Karate</strong>. Traditionen gibt es viele, wie zum Beispiel die Begrüßung, das<br />

Verbeugen, das Hinsetzen, der <strong>Karate</strong>-gi, die Gürtel und das Gürtelbinden und der<br />

Respekt. Respekt muss am Anfang erzwungen werden, denn dadurch entsteht das<br />

hierarchische System im Shotokan-<strong>Karate</strong>. Dabei ist es wichtig selbst jedem, auch<br />

dem schlechtesten Anfänger selbst Respekt zu zollen. Untereinander muss Respekt<br />

herrschen, besonders unter den Schwarzgurten, da sie Vorbildfunktionen haben. Es<br />

muss immer einen Abstand zwischen Lehrer und Schüler geben, um den Respekt<br />

aufrecht zu erhalten. Das wird zum Beispiel dadurch symbolisiert, dass die Anfänger<br />

beim Antreten hinten stehen.<br />

<strong>Karate</strong> hat D. Wedel persönlich körperliche Leistungsfähigkeit, Selbstvertrauen, bessere<br />

Menschenkenntnis und Einfühlungsvermögen gegeben.<br />

Das Shotokan-<strong>Karate</strong> unterliegt jedoch starken Änderungstendenzen. Einerseits führen<br />

wissenschaftlichen Erkenntnissen, wie zum Beispiel aus der Biomechanik und<br />

Sportmotorik zu Neuerungen, besonders im gesundheitsorientierten Bereich. Andererseits<br />

entwickelt sich das <strong>Karate</strong> in der sportlichen, wettkampforientierten Richtung<br />

weiter. Diese Entwicklung lehnt er ab, da die Versportlichung, besonders im Leistungsbereich<br />

große gesundheitliche Risiken birgt. Außerdem ist die Trainerausbildung<br />

wenig karate-spezifisch und nur auf das Wettkampftraining, ohne oder nur mit<br />

wenigen Inhalte/n des klassischen <strong>Karate</strong> gerichtet. Das Wettkampfkarate ist in der<br />

Ausbildung schneller geworden, aber qualitativ viel schlechter.<br />

Der Kern seines Trainings ist die Erziehung von Kindern zur Gesundheit und die<br />

Entwicklung eines starken Körpers mit starkem Geist. Der Charakter soll sich zum<br />

friedvollen Geist entwickeln, wobei <strong>Karate</strong> als Lebenssinn entdeckt wird. Letztendlich<br />

soll der Schüler zum Lehrer werden.<br />

Das sind die zusammengefassten Aussagen von Dirk Wedel.<br />

4.2.4) Gedächtnisprotokoll Arnfried Krause<br />

Arnfried Krause ist Instruktor des SRD und Träger des 3. Dan. Er<br />

war immer unsportlich und ging als Kind, auf Grund einer Gelenkkrankheit,<br />

an Krücken. 1992 kam er zum <strong>Karate</strong> und hatte hier die<br />

ersten sportlichen Betätigungen. Seine Motivation waren Filme,<br />

die Mystik ostasiatischer Kampfkünste und das Neue. Außerdem<br />

wollte er gesund werden. Als sein Meister starb wurde er Trainer<br />

im <strong>Karate</strong>-Do Demmin e.V. Er nahm an der Trainer-C-Ausbildung<br />

des DKV teil, wechselte später zum SRD und absolvierte dort die<br />

Instruktorausbildung. Vor einigen Jahren lernte er Meister Sàfàr<br />

aus Ungarn kennen, der ein dreijähriges Vollzeittraining zum Instruktor in den USA<br />

absolviert hatte, unter Meister Okazaki aus Japan. Meister Sàfàr ist träger des 8. Dan<br />

im Shotokan-<strong>Karate</strong> und weist 45 Jahre Kampfkunsterfahrung auf. Sensei (Meister)<br />

Sàfàr hat bei den wissenschaftlichen Studien zum <strong>Karate</strong> der Universität von Long<br />

Island mitgewirkt. Das Instruktorprogramm absolvierte A. Krause unter Sensei Sàfàr,<br />

die ein Ergebnis der Studien der Universität von Long Island ist und die Ausbildung<br />

69


im Shotokan-<strong>Karate</strong> nach wissenschaftlichen Standards strukturiert. Die Ausbildungsinhalte<br />

werden an späterer Stelle genauer ausgeführt.<br />

A. Krause betrachtet vier Teile im <strong>Karate</strong> Do. Der erste Teil ist <strong>Budo</strong>, der Weg des<br />

Krieges. Dazu gehören Aspekte wie Selbstdisziplin, Respekt und Konzentration. Der<br />

zweite Teil ist die Selbstverteidigung. Der dritte Teil sind die Körperertüchtigung und<br />

das Gesundheitstraining. Der vierte Aspekt bedeutet das Sporttreiben, als legitimer<br />

Teil des <strong>Karate</strong> in Form von Wettkämpfen. Jedoch darf der Wettkampf kein Trainingsinhalt<br />

des Shotokan-<strong>Karate</strong> sein. Die Wettkampfvorbereitung entsteht aus dem<br />

Training selbst heraus. Wettkämpfe können aber als Motivationsfaktor dienen und als<br />

Selbsttest in Stresssituationen. Sein Wissen zum Shotokan-<strong>Karate</strong> bezog er aus Büchern,<br />

Erfahrungen, Videos, Instruktorausbildung, Lehrgängen und Erklärungen anderer<br />

Lehrer.<br />

Das Training sollte immer im Ausdauerbereich stattfinden. Freies Kämpfen wird erst<br />

ab Braungurt, also ab Erreichen der Oberstufe im Schülerbereich geübt.<br />

A. Krause unterrichtet fortgeschrittene jugendliche und erwachsene <strong>Karate</strong>kas ab<br />

Blaugurt (5. Kyu). Das Training ist dreimal pro Woche und hat einen Umfang von 1,5<br />

Stunden pro Einheit. Seine größten Erfolge drückt er wie folgt aus: „Wenn man nach<br />

Jahren merkt, dass sich jemand als Mensch verändert, durch langes <strong>Karate</strong>-<br />

Training.“ Gering schätzt er das Gewinnen von Meisterschaften ein, denn diejenigen,<br />

die Meisterschaften gewinnen sind meistens am schnellsten vom klassischen <strong>Karate</strong><br />

weg. „Das ist eine menschliche Enttäuschung, Sportkarate ist Form ohne Inhalt“,<br />

sagte A. Krause.<br />

Das Trainingsziel ist immer die Vorbereitung auf die nächste Graduierung. Die Trainingsinhalte<br />

ergeben sich aus den Prüfungsprogrammen und sind Kihon, Kata und<br />

Kumite. Sie werden als Einheit betrachtet. Dabei legt das Kihon die grundlegenden<br />

Prinzipien des Shotokan-<strong>Karate</strong>, Kata bedeutet die Perfektionierung der Techniken<br />

und Kumite ist die Umsetzung der Kata in kämpferischer Anwendung. Die Einheit ergibt<br />

sich aus den Elementen Reaktion, Timing, Distanz, Kontrolle u. a. <strong>Karate</strong> ist<br />

physikalischer geworden, mit mehr Schockschlägen. Es entfernt sich immer mehr<br />

von weichen Bewegungen, Hebeln und Würfen. Eine besondere Bedeutung kommt<br />

der Analyse der Elemente der Techniken zu, mit einer richtigen Umsetzung dieser<br />

durch Stände und Bewegungen. Hierzu sind zum Beispiel der Hüfteinsatz in den Bewegungen<br />

des Kihon und der Kata sowie das Punkttraining im Kumite zu nennen.<br />

Diese bilden letztendlich eine Einheit für eine wirksame Technik.<br />

Seine Trainingsvorbereitungen bestehen aus dem Erstellen von Plänen, die spezifisch<br />

nach Themen geordnet sind. Zum Beispiel wird beim Fußtechniktraining der<br />

spezifische Tritt in Phasen und seine Elemente gegliedert. Diese könnten folgende<br />

sein:<br />

• Gewichtsverlagerung,<br />

• Schwerpunktfindung,<br />

• Standbeinkräftigung,<br />

• Knieanzug (Muskelanalyse und Kräftigung der entsprechenden Muskeln),<br />

• Schnapp- oder Stoßbewegungen,<br />

• Partnerübungen und<br />

• Reaktionstraining.<br />

Den Rahmen seiner Planung bildet immer die nächste Gürtelprüfung.<br />

Die Übungsbedingungen systematisiert er nach Belastungsschwerpunkten, Hilfsmittelübungen,<br />

Planungen, nach dem didaktischen Prinzip: „vom Kleinen zum Großen“<br />

und der Steuerung von Trainingseffekten über Belastungszahlen. Er benutzt Röntgenfilme,<br />

Pratzen, Gürtel und Hindernisse, wie z. B. Bänke als Hilfsmittel im Training.<br />

70


Sollwerte benutzt er vor allem beim Erlernen von Techniken und Katas. Die Sollwertvorgaben<br />

werden durch Erfahrungswerte, didaktischen Prinzipien und der Arbeit mit<br />

Themenschwerpunkten mit dem Istwert in Verbindung gebracht und vermittelt. Zur<br />

Fehlerkorrektur wird das äußere Bild der Technik mit dem Sollwert dieser Technik<br />

verglichen. Dazu wird zum Beispiel die Videoanalyse benutzt, aber es werden auch<br />

Erklärungen, Erläuterungen und Beschreibungen eingesetzt.<br />

Eine Trainingseinheit setzt sich im Allgemeinen aus der Erwärmung im Bereich der<br />

Mobilisierung des Körpers, der Nacherwärmung mit <strong>Karate</strong>techniken (meist Wiederholung<br />

der Techniken der letzten Trainingseinheit oder Einleitungstechniken für den<br />

Hauptteil), dem Hauptteil (Kihon, Kumite oder Kata) und schließlich der Abwärmung<br />

und Dehnung zusammen. Allgemein nutzt er im Training die Dauermethode als<br />

Hauptmethode, die Intervallmethode und das Fahrtspiel werden ebenfalls eingesetzt.<br />

Erwachsene üben am Makiwara, um das richtige Kime einer Technik zu trainieren.<br />

Das ist gleichzeitig eine Übung zur Abhärtung bestimmter Körperstellen, aber nicht<br />

der Hauptgrund des Makiwara-Trainings. Zur Konditionierung und Gewöhnung an<br />

Schläge werden diese auch auf den Bauch des Partners ausgeführt. Grundsätzlich<br />

nutzt A. Krause eher Kräftigungs- statt Abhärtungsübungen.<br />

Sein Geschichtswissen ist sehr umfangreich und umfasst sowohl chinesische, okinawanische<br />

und japanische Bereiche. Er selbst bezeichnet sich als „modernen Traditionalisten,<br />

der modernes <strong>Karate</strong>-Do übt“.<br />

Die philosophischen Gedanken liegen seiner Meinung nach im sich „Leermachen“,<br />

im sich „Freimachen“, ohne Gedanken zu sein. <strong>Karate</strong>-Do ist dabei ein Kreis, bei<br />

dem man vom 9. Kyu zum 1. Kyu geht, dann den 1. Dan ablegt und bis zum 9. Dan<br />

voranschreitet, um letztlich den Kreis wieder zu schließen. Der 10. Dan bedeutet in<br />

die Leere zurückzukehren, er wird mit dem Tod erworben. <strong>Karate</strong>-Do wird zur<br />

Selbsterfahrung an den körperlichen und psychischen Leistungsgrenzen. Selbstüberwindung,<br />

Selbstdisziplin, Charakter, Aufrichtigkeit, Selbstkontrolle, lebenslange<br />

Veränderungen, Training und Leben als Einheit, Bemühen, Ehrlichkeit, sein was man<br />

vorgibt zu sein, Höflichkeit und Respekt sind universelle Werte, die als philosophischer<br />

Charakter des Shotokan-<strong>Karate</strong> überall Gültigkeit besitzen. Dazu müssen die<br />

Traditionen eingehalten werden, wie Etikette, Bereitschaft, Konzentration, Verbeugen<br />

u. a. Sie sind notwendig, um geistige Werte zu erlangen und im alltäglichen Leben<br />

stärker hervorzugehen. Die Menschlichkeit wird gefestigt und Frieden kann gestiftet<br />

werden. Man kann seinen Platz im Leben und in der Gesellschaft finden. Dazu muss<br />

die Etikette ständig gewahrt bleiben.<br />

Persönlich hat ihm Shotokan-<strong>Karate</strong> Selbstdisziplin, komplette Genesung der Gelenkerkrankung,<br />

also Gesundheit und damit eine gute Lebensqualität gegeben.<br />

Änderungstendenzen sieht er in einem Qualitätsverlust des <strong>Karate</strong> durch die Entwicklung<br />

des Sportkarate, wobei das Kime verloren geht und die Effektivität der Kata<br />

sinkt. Allgemein entwickelt sich <strong>Karate</strong> zum Gesundheitssport.<br />

Der Kern seines Trainings ist es Kata, Kihon und Kumite als Ganzes zu verbinden.<br />

Die Entwicklung der perfekten Technik ist ein Ziel des Trainings. Es stellt den Weg<br />

zum Ideal dar.<br />

Das sind die zusammengefassten Aussagen von Arnfried Krause.<br />

71


4.2.5) Gedächtnisprotokoll – Jörg Kohl<br />

Jörg Kohl war zum Zeitpunkt des Interviews 48 Jahre<br />

alt, Träger des 4. Dan im Shotokan-<strong>Karate</strong>, Chief-<br />

Instructor und Präsident des SRD. Er weist eine<br />

23jährige <strong>Karate</strong>-Erfahrung auf. Mit 12 Jahren<br />

begann er den Judo-Sport, betrieb es im Leistungsbereich<br />

und absolvierte ca. 600 Wettkämpfe. Mit 25<br />

Jahren begann er das <strong>Karate</strong>-Training. Über<br />

Trainingspartner im Judo bekam er die ersten<br />

Kontakte zum <strong>Karate</strong>. Da das Ausüben der<br />

Kampfkunst <strong>Karate</strong> verfolgt wurde, übte er im<br />

Verborgenen, unter dem Deckmantel des Kraftsports. Sein erster Trainer war ein Autodidakt,<br />

der sein Wissen aus Büchern und Erfahrungswerten nahm. Anfangs orientierten<br />

sie sich an tschechischen und ungarischen <strong>Karate</strong>kas. Glücklicherweise hatte<br />

er heimliche Kontakte zu Meistern aus Westberlin, da er selbst in Berlin lebte. Als die<br />

Grenzen geöffnet wurden war er deshalb schon Braungurt. 1990 legte er die Prüfung<br />

zum 1. Dan bei Meister Ochi ab. Er wurde Mitglied im DKV, der mit der Wende auch<br />

in die neuen Bundesländer Einzug hielt. Jörg Kohl war als erster Ostdeutscher dritter<br />

beim Shotokan-Cup. Er nahm an vielen internationalen Turnieren teil. Zu Zeiten der<br />

DDR war Sensei Kohl relativ populär, denn er nahm an Vorführungen für Fernsehveranstaltungen,<br />

wie zum Beispiel bei „Ein Kessel Buntes“ und verschiedenen Kindersendungen<br />

teil. Er trat zu diesen Zeiten mit einer Samurai-Show auf. Deshalb<br />

konnte er noch zu Ostzeiten an Messungen der Humboldt-Universität in Berlin bezüglich<br />

<strong>Karate</strong>-Techniken teilnehmen. Es wurden Reaktionszeiten, Kraft und Geschwindigkeiten<br />

gemessen. 1990/91 war er Mitbegründer eines <strong>Karate</strong>-Vereins in<br />

Berlin, der sich von 10 Mitgliedern zu einem 1000 Mann starken <strong>Karate</strong>-Verein entwickelte.<br />

Über den DKV wurde J. Kohl Landestrainer des Landes Brandenburg. Mit<br />

seinen Schülern nahm er an vielen Turnieren teil, wobei auf Anhieb sehr gute Platzierungen<br />

erreicht wurden. Bei Teilnahmen an Weltmeisterschaften und Welt-Cups in<br />

Ungarn belegten sie dritte, vierte und siebte Plätze. In Berlin räumte er mit seiner<br />

Mannschaft alles ab, was zu gewinnen war, sowohl im Bereich des Kumite als auch<br />

in den Kategorien Kata-Einzel und Mannschaftskata. Sensei Jörg Kohl gibt fünf Trainingseinheiten<br />

am Tag und unterrichtet alle Altersgruppen. Er trainiert Anfänger,<br />

Fortgeschrittene und Meister. Seine fortgeschrittenste Gruppe besteht aus Dan-<br />

Trägern. Sie hat zweimal in der Woche Training. Sensei Jörg Kohl trainiert selbst jeden<br />

Morgen <strong>Karate</strong>. Bei diesem Training sind oft seine Schüler der Meisterklasse<br />

dabei, um mit gezieltem Training gewünschte Trainingsanpassungen und Fortschritte<br />

zu erreichen.<br />

Innerhalb dieser Gruppe und allgemein in allen Gruppen, die er unterrichtet, sind die<br />

Trainingsziele unterschiedlich. Sensei Jörg Kohl richtet sich bei der Definition der<br />

Trainingsziele nach den Motivationen der Schüler. Dabei unterscheidet er in vier<br />

Hauptmotivgruppen:<br />

• <strong>Budo</strong>-Gedanke (Jemand, der nach den Wurzeln der japanischen Kampfkünste<br />

sucht und sich den philosophischen Hintergründen zuwendet, sich mit dem Samuraigeist<br />

beschäftigt und etwas über den Weg des Kriegers (Bushido) erfahren<br />

möchte, folgt diesem Motiv.);<br />

• Sport als Zeitvertreib (Jemand, der sich in seiner Freizeit sportlich betätigen<br />

möchte und aus Zeitvertreib <strong>Karate</strong> betreibt, folgt diesem Motiv.);<br />

• Wettkampf (Jemand der am sportlichen Leistungsvergleich interessiert ist und<br />

sich mit Techniken des <strong>Karate</strong> messen möchte, übt aus dieser Motivation.) und<br />

72


• körperliche Ertüchtigung (Jemand, der seinen Körper trainieren möchte, einerseits<br />

um gesund zu bleiben und andererseits um sich zu kräftigen, ohne <strong>Budo</strong>-<br />

Gedanke oder Wettkampfstreben, übt aus dieser Motivation.).<br />

Zur Umsetzung der Ziele im Training ist es wichtig die einzelnen Personen nach den<br />

spezifischen Elementen wie Motorik, Reaktionsvermögen, Kraftfähigkeit, Beweglichkeit<br />

u.a. zu analysieren. Danach wird das Training aufgebaut und umgesetzt. Besonders<br />

wichtig ist das methodisch, didaktische Herangehen an die Schüler, denn dieses<br />

stellt sich im Training als bedeutender Motivationsfaktor heraus. Ein anderer Motivationspunkt<br />

ist das Prüfungssystem mit den Gürtelprüfungen. Um eine Prüfung zu<br />

bestehen ist zielgerichtetes Training nötig. Sensei Jörg Kohl erstellt deshalb grundsätzlich<br />

eine Jahresplanung mit spezifischen Trainingsplänen. Dazu bildet er eine<br />

Rahmenkonzeption, die lang- und kurzfristige Zielstellungen verfolgt. Die Trainingsplankonzeption<br />

richtet er nach Themen aus. Ein Thema beansprucht dabei ca. 10-12<br />

Stunden. Das zu bearbeitende Thema nimmt so viel Zeit in Anspruch, bis die zu erzielenden<br />

Fortschritte in der Praxis erkennbar sind. Sind die 10-12 Stunden vorbei<br />

wird mit einem neuen Thema von vorne begonnen. Sensei Jörg Kohl gibt dazu folgendes<br />

Beispiel:<br />

• Thema Heian Shodan: erste 10 Stunden: Reaktionskraft des vorderen Beines<br />

• Thema Heian Shodan: zweite 10 Stunden: Reaktionskraft des hinteren Beines<br />

• u.s.w.<br />

So ist jedes Training über das Jahr verteilt und den Graduierungen entsprechend<br />

aufgebaut. Eine Trainingseinheit ist spezifisch nach der vorgegebenen Zeit zusammengestellt,<br />

wobei die Schwarzgurtgruppe grundsätzlich 1,5 Stunden trainiert. Die<br />

Trainingseinheiten sind immer gleich aufgebaut, nur der Hauptteil ist stets anders.<br />

Die Erwärmung, mit allgemeiner Mobilisierung und leichter Vordehnung, das Kräftigungstraining<br />

und das Abwärmen verlaufen nach einem ritualisierten, standardmäßigen<br />

Programm. Der genaue Aufbau ist folgender:<br />

• Erwärmung mit: Mobilisierung (10 Minuten), kurzer Erwärmungsphase (2-3 Minuten)<br />

und Erwärmungshauptteil, wobei Techniken in lockerer Form ausgeführt<br />

werden, die im Hauptteil Thema sind oder von der vorherigen Stunde wiederholt<br />

werden (5-7 Minuten);<br />

• Hauptteil mit: Bearbeitung des Themas, wobei grundsätzlich Elemente der Vorstunde<br />

wiederholt werden; langsames Beginnen der Übungen; Steigerung der<br />

Belastung, bezogen auf spezifische Themeninhalte in der Stunde; stets bewusster<br />

Umgang mit dem Körper, was besonders in der Verantwortung des Trainers<br />

liegt;<br />

• Kraftteil mit spezifischen Kräftigungsübungen, wie zum Beispiel Liegestütze (Erwachsene<br />

auch auf den Fäusten) unter Beachtung der physischen und psychischen<br />

Zustände der Schüler;<br />

• Gymnastik;<br />

• Atemtechniken und<br />

• Schluss.<br />

Dabei gibt es zwar die Trennung der Elemente Kata, Kihon und Kumite, man darf sie<br />

aber nicht bevorzugt oder isoliert trainieren, denn alle Themen beinhalten diese drei<br />

Elemente. Grundsätzlich wird, nach der eigenen Systematik Sensei Jörg Kohls, mit<br />

Kihon begonnen, dem dann entweder das Element Kata oder Kumite folgt. Kihon hat<br />

deshalb immer Bezug auf das nachfolgende Element.<br />

Das Wissen über <strong>Karate</strong> hat er aus seinen Erfahrungen extrahiert, von Meistern, bei<br />

denen er Lehrgänge besucht hat gewonnen, besonders aus der Instruktorausbildung<br />

erhalten, durch Eigenengagement erworben und aus Büchern und Videos erfahren.<br />

Wichtig dabei war das Erkennen der wissenschaftlichen Grundlagen im <strong>Karate</strong>trai-<br />

73


ning, wie biomechanische Prinzipien (newtonsche Gesetze, Schwerkraft,…), Physik,<br />

Methodik und Didaktik. Deshalb nutzt Sensei J. Kohl Trainingsmittel, denn sie dienen<br />

dazu: „Informationen visuell besser wahrzunehmen, damit sie vom Gehirn nochmals<br />

verarbeitet werden. Das stärkt die Technik bis zur Automatisierung“, sagte Sensei<br />

Kohl. Trainingsmittel sind der Gürtel, Menschen selbst, Hände, Pratzen, Röntgenfolien,<br />

Zeitungspapier, Bretter für Bruchtests u.a. Genauso wichtig, wie der Einsatz bestimmter<br />

Trainingsmittel zum Erlernen der Techniken, ist die Methode jemandem eine<br />

Technik beizubringen. J. Kohl stellt hier die Frage heraus: „Was passiert bei dem<br />

Schüler, wenn ich etwas vorzeige? Es findet eine Bildprojektion statt, wobei der<br />

Schüler, durch Kopieren der Bewegungen des Lehrers, etwas lernt.“ Sensei J. Kohl<br />

zeigt deshalb zuerst die Bewegung und zerpflückt sie dann in Einzelelemente. Diese<br />

Teilmethode wird genutzt, um alle Einzelelemente Stück für Stück zusammenzusetzen.<br />

Ist das Thema das Erlernen einer Armtechnik, dann wird die Technik nur mit<br />

den Armen, im Stand ausgeführt. Es folgt die Bewegung und das Zusammensetzen<br />

der Armtechnik mit der Bewegung, nach den Merkmalen der spezifischen Technik.<br />

Dabei sind zum Beispiel der korrekte Hüfteinsatz, die Rumpfbewegung, der Bein-<br />

und Armeinsatz sowie die korrekte Muskelarbeit zu beachtende Elemente. Korrekturen<br />

nimmt er durch Erklärungen, Beschreibungen und Demonstrationen vor, was<br />

Sensei J. Kohl als visuelle und akustische Hinweise bzw. Informationen bezeichnet.<br />

Außerdem gibt er taktile Hinweise, wie zum Beispiel durch Vordrücken der Hüfte, zur<br />

Seite drücken des Beines oder durch Hindrehen der Füße eines Schülers in die korrekte<br />

Position. Das Grundprinzip dabei ist, dass der Lehrer nicht mittrainieren darf,<br />

weil er die Verantwortung für die Gesundheit der Schüler hat und den Trainingsprozess<br />

ständig beeinflussen muss. Den Sollwert einer Technik setzt er durch Beachtung<br />

der körperlichen Gegebenheiten der Schüler, Hilfsmittel, Videoanalysen und<br />

Übungen vor dem Spiegel mit dem Istwert in Verbindung.<br />

Auch Abhärtungsübungen sind Bestandteil des Trainings. Sie dienen einerseits der<br />

Konditionierung des Körpers, zur Erlangung psychischer Stabilität und andererseits<br />

dem Entwickeln einer korrekten Technik. Konditionierung bedeutet Kräftigung der<br />

Muskulatur und Entwicklung einer karatespezifischen Ausdauer, die es ermöglicht<br />

Widerstände über einen längeren Zeitraum entgegenzuwirken, ohne schnell müde zu<br />

werden. Psychische Stabilität bedeutet unter Stresssituationen konzentriert zu bleiben.<br />

Im Kumite zum Beispiel muss man, auch wenn man einen Schlag abbekommt,<br />

weiterkämpfen, ohne seine Deckung fallen zu lassen. Das kann man nur, wenn man<br />

trotz des Schmerzes keine psychische Lücke bzw. kein psychisches Loch zulässt.<br />

Sobald man ein psychisches Loch öffnet, kann der Gegner eindringen und eine entscheidende<br />

Technik anbringen, denn gleichzeitig öffnet man ein physisches Loch.<br />

Das kann beispielsweise eine Öffnung in der Deckung sein. Es heißt also einen<br />

Schmerz psychisch auszuhalten, um ein psychisches und somit ein physisches Loch<br />

zu vermeiden.<br />

Eine korrekte Technik kann nur mit dem korrekten Einsatz der Muskulatur ausgeführt<br />

werden. Das Verhältnis von An- und Entspannung ist dabei von grundlegender Bedeutung.<br />

Das kann am Makiwara unter richtiger Anleitung trainiert werden. Das Resultat<br />

des Makiwara-Trainings ist einerseits die Entwicklung einer korrekten Technik<br />

und andererseits das Abhärten bestimmter Körperteile, mit denen an das Makiwara<br />

geschlagen wird. Sensei J. Kohl sieht das Abhärten nicht als Hauptinhalt des Makiwara-Trainings,<br />

sondern die Entwicklung der korrekten Technik.<br />

Abhärtungsübung ist ein weitläufiger Begriff, der das Wissen voraussetzt, wofür die<br />

spezifischen Übungen genutzt werden. Dabei spielt die Grenzsetzung innerhalb der<br />

Übung eine besonders wichtige Rolle zum Erhalt der Gesundheit. Das Geschichtswissen<br />

Sensei J. Kohls ist sehr umfangreich, besonders im Bereich der Entwicklung<br />

74


des Shotokan-<strong>Karate</strong> unter Funakoshi Gichin. Wichtig war ihm die Ausdifferenzierung<br />

und Unterscheidung von <strong>Budo</strong>, <strong>Karate</strong>, <strong>Karate</strong>-Do und <strong>Karate</strong> als Sport herauszustellen.<br />

<strong>Budo</strong> beschreibt den Weg der Kriegskünste, aus denen sich <strong>Karate</strong>-Do, in<br />

der Neuzeit entwickelt hat. Die sich weiterentwickelnde Zivilisation hat die Fähigkeit<br />

aus allem etwas für sich herauszuziehen. So kam die Zusammenlegung der Werte<br />

des <strong>Budo</strong> und der okinawanischen Selbstverteidigung <strong>Karate</strong>. „Du entscheidest über<br />

Selbsterkenntnis in allen Bereichen, so auch über Geist, Psyche, Körper und Bewegung.<br />

Der Urzweck des <strong>Karate</strong> muss dabei immer erhalten bleiben, das ist die Verteidigung<br />

gegen Waffen“, sagte Sensei J. Kohl. Daraus ergeben sich nach ihm bestimmte<br />

Werte im <strong>Karate</strong>-Do (Dojokun):<br />

• „Charakter – er bestimmt Dein Leben“;<br />

• „Aufrichtigkeit“;<br />

• „Bemühen“;<br />

• „Höflichkeit“ und<br />

• „Selbstkontrolle.“<br />

Durch Beachtung dieser Werte und deren Umsetzung im Training entsteht Balance<br />

von Körper und Geist. Es entwickelt sich Offenheit für den Alltag. Im <strong>Karate</strong> gibt es<br />

viele Traditionen. Es fängt mit dem <strong>Karate</strong>-gi an, geht weiter über die Verbeugungen,<br />

Meditation, Respekt voreinander, Umgangsformen, Höflichkeit, Konzentration und<br />

zeigt sich in der Haltung des <strong>Karate</strong>kas. „Sie sind notwendig, denn Menschen leben<br />

nach Glaubenssätzen, die eine gewisse Transparenz entwickeln, Identifikationsmerkmale<br />

bilden und dadurch Gleichheit und Leistungsfähigkeit erzeugen. Sie dienen<br />

letztendlich dazu, dass die Gemeinschaft zusammenwächst“, sagte Sensei J.<br />

Kohl bezüglich der Frage nach der Notwendigkeit von Traditionen im Shotokan-<br />

<strong>Karate</strong>. Die Traditionen entwickeln sich mit der Zivilisation. So entsteht das Sportkarate,<br />

deren Ziele sich deutlich von den Zielen des klassischen <strong>Karate</strong>-Do unterscheiden.<br />

Besonders die Bedeutung der Wettkämpfe ist verschieden. Deshalb sind die<br />

Schwerpunkte der Trainerausbildungen verschieden akzentuiert. „<strong>Karate</strong> ist mein<br />

Lebenselixier, dessen Lehre 1:1 ins Leben übertragbar ist“, betonte Sensei J. Kohl.<br />

Das ist für ihn die Bedeutung von Shotokan-<strong>Karate</strong>. „Der Kern meines Trainings ist<br />

es, sich als Mensch zu verbessern, sich zu bemühen, Selbstkontrolle und Konzentration<br />

zu erlangen. Der Kern ist der Mensch als Ganzes“, fasste er zum Schluss zusammen.<br />

4.3) Ableitungen der Trainer- bzw. Alltagstheorien<br />

Die in den Gedächtnisprotokollen zusammengefassten Aussagen sollen in diesem<br />

Abschnitt gemittelt und als Kategorien und allgemeine, alltagstheoretische Prinzipien<br />

dargestellt werden. Die Grundlage dafür ist die systematische Analyse sportwissenschaftlicher<br />

Elemente im und des Trainings. Die umfangreiche Literaturrecherche ist<br />

deshalb hilfreich und unerlässlich. Da die Untersuchung keine quantitative Datenerhebung<br />

ist, stellt sich die Auswertung nicht in Form von Maßzahlen und Berechnungen<br />

dar. Es ist ein inhaltlicher und themenorientierter Vergleich der Traineraussagen<br />

mit sportwissenschaftlichen Erkenntnissen. Die aus den Aussagen der Trainer extrahierten<br />

Hauptkategorien sind Trainingsziele, Trainingsplanung, Trainingsmethoden,<br />

Technikleitbild, Trainingsinhalte und Trainerwissen.<br />

75


4.3.1) Trainingsziele<br />

In allen Traineraussagen werden Trainingsziele definiert. Diese sind zwischen den<br />

Verbänden stark divergent. Während das Trainingsziel der Lehrer des DKV grundsätzlich<br />

der Wettkampf und somit das sportliche Leistungsstreben ist, ist das Trainingsziel<br />

der Instruktoren des SRD individuell definiert und versucht die Breite der<br />

verschiedenen Motive der Übenden abzudecken. Dabei sind die Zwischenziele stets<br />

Gürtelprüfungen und den Zusammenhalt der Gruppe zu festigen.<br />

Hierbei wird ein wesentlicher Unterschied innerhalb des Trainings und somit in der<br />

Entwicklung des Shotokan-<strong>Karate</strong> deutlich.<br />

Im sportlich betriebenen <strong>Karate</strong>, wie es im DKV gelehrt wird, ist der Wettkampf das<br />

Ziel der Ausbildung. Im klassischen, traditionellen <strong>Karate</strong>-Do, wie es im SRD betrieben<br />

wird, stellt der Wettkampf nur ein Mittel zum Erlernen des <strong>Karate</strong> dar.<br />

In den Aussagen der Trainer des DKV wird deutlich herausgestellt, dass das Gewinnen<br />

von Wettkämpfen, auf nationaler und internationaler Ebene, den Sinn und das<br />

Ziel des Trainings darstellt. In den Aussagen der Instruktoren des SRD wird deutlich,<br />

dass Wettkämpfe dazu dienen seine erworbenen Fähigkeiten unter bestimmten Regeln<br />

anzuwenden, um annähernde Perfektion der Technik zu entwickeln. Sie dienen<br />

der Überwindung des Egos und nicht dem Gewinnen von Pokalen. Hierbei differenzieren<br />

sich zwei verschiedene Ansichten heraus. Die Charakterwerte, besonders in<br />

der Überwindung des Egos und dem Ablegen des Gewinnstrebens und der Ruhmsuche,<br />

erhalten verschiedene Bedeutung. Das Ego steht im sportlich betriebenen <strong>Karate</strong><br />

an einer äußerst hohen Position, während es im klassisch betriebenen <strong>Karate</strong>-Do<br />

überwunden werden soll. Den Gegensatz bilden einerseits das Gewinnen von Medaillen<br />

als Spiegel des Charakters und andererseits das Ablegen des Gewinnstrebens,<br />

um den menschlichen Charakter zu vervollkommnen.<br />

In folgender Tabelle werden die Ziele zusammengefasst:<br />

Sportlich betriebenes <strong>Karate</strong> Klassisch betriebenes <strong>Karate</strong><br />

allgemeine Ziele<br />

� Wettkampf<br />

� Leistungsstreben<br />

� Sportliche Ziele<br />

Herausbildung<br />

kampfsportler<br />

leistungsstarker Wett-<br />

Auswahl spezifischer Kaderathleten, die<br />

für den internationalen Wettkampf weiterentwickelt<br />

werden<br />

Herausbildung<br />

techniken<br />

spezieller Wettkampf-<br />

Entwicklung wettkampfspezifischer Kompetenz,<br />

jedoch ohne Techniken zu trainieren,<br />

die nicht wettkampftauglich sind<br />

76<br />

allgemeine Ziele<br />

� Gruppenzusammenhalt<br />

� Charakterbildung<br />

� Soziale Ziele<br />

Aus den Trainingszielen werden verschiedene Pläne abgeleitet:<br />

Herausbildung kompetenter <strong>Karate</strong>meister<br />

und –Lehrer<br />

Beachtung gesundheitlicher und motivationaler<br />

Zustände der Übenden und dessen<br />

Weiterentwicklung<br />

Herausbildung einer Kompetenz, um<br />

auch im Alltag leicht voranzukommen,<br />

durch breites Training<br />

Entwicklung von Kompetenz im klassischen<br />

<strong>Karate</strong>, ohne Verlust der geschichtlichen<br />

Wurzeln mit dem Training<br />

aller klassischen Technik


4.3.2) Trainingsplanung<br />

Die Trainingsplanung ist ebenfalls ein gemittelter Begriff. Alle Trainer haben festgestellt,<br />

dass nur ein Erfolg im Training erreicht werden kann, wenn es geplant ist.<br />

Dazu wird stets eine Rahmenkonzeption erstellt, die als Richtlinie und Anhaltspunkt<br />

gilt. Der Aufbau der Pläne ist, nach den Aussagen der Trainer des DKV, auf Wettkampfhöhepunkten<br />

ausgerichtet. Meistens sind es die Landesmeisterschaften und<br />

deutschen Meisterschaften, also zwei Höhepunkte im Jahr. Die Nationalkader des<br />

DKV haben die Hauptziele: „Deutsche Meisterschaft, Europameisterschaft und<br />

Weltmeisterschaft“ (Eichert 2003, S.127). Dazu werden genaue Periodisierungen in<br />

der Trainingsplanung vorgenommen. Das Grundschema ist eine langfristige Planung<br />

und die Festlegung „von Perioden mit unterschiedlichen Trainingsinhalten und –<br />

belastungen“ (vgl. Eichert 2003, S.127).<br />

Die Periodisierung erfolgt in drei Etappen, die als allgemeine- und spezielle Vorbereitungsperiode<br />

und Wettkampfperiode bezeichnet werden. Sie sind in weitere Einzelperioden<br />

strukturiert. Nach Eichert (2003, S.127/128) ergeben sich daraus folgende<br />

Ableitungen: „In der allgemeinen Vorbereitungsperiode liegt das Hauptaugenmerk<br />

auf der Entwicklung der konditionellen Voraussetzungen für ein schnellkraftorientiertes<br />

Training. Dies sind die Grundlagenausdauer und die Kraft.“ Im oberen Leistungsbereich<br />

muss ein gezieltes Muskelaufbautraining, mit anschließendem Krafttraining<br />

an Geräten, durchgeführt werden. Danach folgt ein zielgruppenorientiertes Schnellkraft-<br />

oder intramuskuläres Maximalkrafttraining. „Im Techniktraining werden neue<br />

Techniken (Bewegungsabläufe) oder Technikverbindungen erlernt und vorhandene<br />

Techniken/Katas auf der Grundlage der vorherigen Wettkampfanalyse verbessert.“<br />

Die Technikausführung soll locker und locker-schnell sein. Es ist für den Erhalt der<br />

Grundschnelligkeit notwendig Bewegungen auch mit maximaler Schnelligkeit auszuführen.<br />

Die spezielle Vorbereitungsperiode beinhaltet die Weiterentwicklung der<br />

Schnelligkeit, besonders im Bereich der Beschleunigung und Explosivität. Dabei ist<br />

nach Eichert (2003, S.127) folgender Grundsatz zu beachten: „Je höher das Niveau<br />

und mit zunehmender Dauer der Periode, desto größer ist der Anteil der sportartspezifischen<br />

Schnelligkeits- und Schnellkraftübungen.“ Der zentrale Inhalt ist die Entwicklung<br />

maximaler Bewegungsschnelligkeit der Techniken. In der Wettkampfperiode<br />

wird karatespezifische Wettkampfausdauer entwickelt und das individuelle Wettkampfverhalten<br />

optimiert. Das Hauptziel ist die Stabilisierung und Automatisierung<br />

des Wettkampfverhaltens. Der letzte Abschnitt, vor einem Wettkampfhöhepunkt, wird<br />

als unmittelbare Wettkampfperiode bezeichnet, wobei die Höchstleistung herausgebildet<br />

wird. Das konditionelle Niveau muss dazu stabilisiert und die Technik und Taktik<br />

für den Wettkampf vervollkommnet werden. „Ziel ist Ausprägung der komplexen<br />

sportlichen Leistung“ (Eichert 2003, S.128). Eine andere Aufgabe ist die psychische<br />

Stabilisierung der Wettkämpfer durch Motivierung, Mobilisierung, Festigung des<br />

Selbstvertrauens u.a. Nach dem Höhepunkt folgt die Übergangsperiode mit aktiver<br />

Erholung.<br />

Die Periodisierung ist in Makro- und Mikrozyklen strukturiert. Makrozyklen umfassen<br />

lange Zeiträume von z. B. Monaten und/oder Jahren. Mikrozyklen können Wochentrainingspläne<br />

oder einzelne Trainingseinheiten sein. Sie richten sich nach der „Anzahl,<br />

dem Zeitpunkt und der Dauer der Trainingseinheit(en), dem Belastungsumfang<br />

und der Belastungsintensität sowie nach den genauen Trainingsinhalten“ (Eichert<br />

2003, S.129). Der aktuelle Trainingsplan des Jahres 2004 der Nationalkader des<br />

DKV befindet sich im Anhang.<br />

Die Trainingsplanung der Trainer im SRD ist nicht nach Wettkampfhöhepunkten organisiert.<br />

Sie strukturieren das Training nach zu erreichenden Stufen, in Form von<br />

77


Gürtelprüfungen. Dazu werden spezifische Elemente des <strong>Karate</strong>-Trainings in ein Gesamtkonzept<br />

gebracht. Folgender Plan ist dafür sehr anschaulich:<br />

Trainingsplan März 2004, von Jörg Kohl für Kata Empi<br />

Tag/Dat. Zeit Aufgaben<br />

e.T. Abl. ZKD KKD/KD<br />

RK<br />

Stell.<br />

78<br />

KV<br />

v.B.<br />

KV<br />

h.B<br />

Ke.<br />

R<br />

Ke.<br />

Hv<br />

Ke.<br />

Wdg.<br />

R<br />

Ke.<br />

Wdg. V Rhyt. Appl.<br />

1. Mo. x<br />

2. Di. x<br />

3. Mi. x<br />

4. Do. x<br />

5. Fr. x<br />

6. Sa.<br />

7. So.<br />

8. Mo. x<br />

9. Di. x<br />

10. Mi. x<br />

11. Do. x<br />

12. Fr. x<br />

13. Sa.<br />

14. So.<br />

15. Mo. x<br />

16. Di. x<br />

17. Mi. x x<br />

18. Do. x x<br />

19. Fr. x x<br />

20. Sa.<br />

21. So.<br />

22. Mo. x<br />

23. Di. x<br />

24. Mi. x<br />

25. Do. x<br />

26. Fr. x<br />

27. Sa.<br />

28. So.<br />

29. Mo. x<br />

30. Di. x<br />

31. Mi. x<br />

Abl.: = Ablauf Rhyt. = Rhythmus<br />

ZKD = ZKD trainieren e.T. = einzelne Technik üben (Kihon)<br />

KKD/KD = KKD/KD trainieren<br />

RK Stell. = Reaktionskraft in den Stellungen<br />

KV v.B. = Körperverschiebung vordere Bein<br />

KV h.B. = Körperverschiebung hintere Bein<br />

KV h.B. = Körperverschiebung hintere Bein<br />

Ke.R = Krafterzeugung durch Rotation<br />

Ke.Hv. = Krafterzeugung durch Hüftvibration<br />

Ke.Wdg.R. = Krafterzeugung Körperverschiebung Wdg. + Rotation<br />

Ke.Wdg.<br />

V. = Krafterzeugung Körperverschiebung Wdg. + Vibration<br />

Appl. = Applikation


Dieser Plan ist eine Vorlage, nach dem, für jeden <strong>Karate</strong>ka, individuelle Veränderungen<br />

vorgenommen werden können. Der oben aufgeführte Trainingsplan ist ein Makrozyklus<br />

über einen Monat, der Mikrozyklen einzelner Wochen und Tage einschließt.<br />

Sie können im SRD individuell unterschiedlich aussehen. Der hier vorliegende Zyklus<br />

ist individuell von Sensei Jörg Kohl entwickelt und dieser Arbeit, mit freundlicher Genehmigung,<br />

zur Verfügung gestellt worden.<br />

Allgemein wurde festgestellt, dass der Aufbau der Trainingseinheiten grundlegend<br />

gleich ist. Dieser sieht wie folgt aus:<br />

1. Erwärmung mit einer Dauer von ca. 15-20 Minuten und der Zielstellung das Herz-<br />

Kreislaufsystem zu aktivieren, das Organ- und Muskelsystem auf die bevorstehende<br />

Belastung einzustimmen und Verletzungen, durch physische und psychische<br />

Vorbereitung vorzubeugen. Die langsame Steigerung der Belastung ohne<br />

Belastungsspitzen, nicht in den Bereich des Kraft- oder Ausdauertraining geraten<br />

und besonders die Muskulatur vorbereiten, die im Hauptteil des Trainings besonders<br />

beansprucht werden sind dabei zu beachtende Prinzipien.<br />

2. Hauptteil mit einer Dauer von ca. 45-60 Minuten. Der Trainingsteil ist themenspezifisch<br />

und beinhaltet eine zielorientierte Methodenwahl des Trainers. Die Wahl<br />

richtet sich nach den Kriterien der Zielgruppe, den ausgewählten Lerninhalten<br />

und den Schwerpunktsetzungen, der Unterscheidung von Schwächen und Stärken<br />

der Sportler, den Fehlerkorrekturen, der Belastungsstruktur, den Organisationsformen,<br />

dem Einsatz von Trainingsmitteln, Gefahrenquellen u.a. (vgl. Eichert<br />

2003).<br />

3. Schlussteil mit einer Dauer von 10-15 Minuten. Hierbei kann es einen Ausdauer-<br />

oder Kraftteil geben, Spielformen, Auslaufen und lockeres Dehnen. Man spricht<br />

hier von Cool-Down, dem Abwärmen. Es ist ein Ausgleich zum Hauptteil.<br />

Der Unterschied zwischen dem sportlich betriebenen- und dem klassisch betriebenen<br />

<strong>Karate</strong> besteht nicht nur in den Zielen, den Trainingsformen und Technikausführungen,<br />

sonder auch in den Inhalten der Erwärmung und dem Schlussteil.<br />

Während im sportlich betriebenen <strong>Karate</strong> eine intensive Dehnung in der Erwärmung<br />

stattfindet und im Schlussteil nur leichtes Lockern folgt, ist das im klassisch betrieben<br />

<strong>Karate</strong> genau anders herum. Die Begründung des klassischen <strong>Karate</strong> ist, dass die<br />

Muskeln am Anfang des Trainings nicht optimal vorbereitet sind, um in die intensive<br />

Dehnung zu gehen. Am Ende des Hauptteils ist es notwendig die Muskeln intensiv<br />

zu dehnen, damit ihre optimale Funktionsweise gewährleistet bleibt. Außerdem sind<br />

sie erst dann dazu bereit. Allgemein können die Unterkategorien Rahmentrainingsplanung,<br />

Makrozyklus, Mikrozyklus, Periodisierung und Zyklisierung festgestellt werden.<br />

Den verschiedenen Trainingsplänen liegen auch spezifische Trainingsmethoden zu<br />

Grunde. Diese werden im nächsten Abschnitt deutlich herausgestellt.<br />

4.3.3) Trainingsmethoden<br />

Trainingsmethoden bringen in die Vielfalt möglicher Kombinationen der Belastung eine<br />

zweckmäßige Ordnung (vgl. Schnabel et al. (Hrsg.) 1997). Die Hauptmethode im<br />

Shotokan-<strong>Karate</strong>-Training ist die Dauermethode. Sie ist eine Methode des Ausdauertrainings,<br />

dient der Ausbildung und Stabilisierung der Grundlagenausdauer und „besteht<br />

in der ununterbrochenen, längeren Dauerbelastung in einer Trainingseinheit“<br />

(vgl. Schnabel et al. (Hrsg.) 1997, S.258). Die Belastungsintensität ist konstant und<br />

variiert von gering bis mittel (extensiv). Die Belastungsdauer kann sich über mehrere<br />

Stunden ziehen, wobei die Energiebereitstellung im Muskel- und Herz-<br />

Kreislaufsystem aerob ist. Aerob heißt Verbrennung von Energieträgern durch Sau-<br />

79


erstoff. Dadurch werden die Energieerzeugung und der Energieverbrauch sowie die<br />

Muskelarbeit im gesamten Belastungsprozess ökonomisiert. Das ist ein physiologischer<br />

Anpassungsprozess, der nur durch planmäßiges und konstantes Training erreicht<br />

werden kann. Die aerobe Leistungsfähigkeit steigt und der Fettstoffwechsel<br />

wird verbessert (vgl. Schnabel et al. (Hrsg.) 1997). Ist die Belastungsintensität hoch<br />

(intensiv), umfasst die Belastungsdauer ca. 45 Minuten. Dabei ist die Energiebereitstellung<br />

im Muskel- und Herzkreislaufsystem aerob-anaerob. Anaerob bedeutet Energiebereitstellung<br />

ohne Sauerstoff. Hierbei passt sich der Körper im Bereich der<br />

Grundlagen-, Kraft- und Langzeitausdauer an. Nach Schnabel et al. (Hrsg., 1997)<br />

entwickelt sich eine Belastungsverträglichkeit für intensive Anforderungen, aerobe<br />

Kapazitäten steigen und der aerobe-anaerobe Funktionsbereich wird erhöht. Außerdem<br />

werden der Glykogenstoffwechsel und die Durchhalte- und Konzentrationsfähigkeit<br />

verbessert. Wenn die Intensität wechselt, der trainingswirksame Bereich aber<br />

nicht verlassen wird, ist die physiologische Wirkung wie bei einer konstanten Dauerbelastung.<br />

Ein Vorteil dieser Form der Dauermethode ist das Training der Umstellungsfähigkeit,<br />

die im Shotokan-<strong>Karate</strong> eine große Bedeutung hat, wie bereits herausgestellt<br />

wurde. Die Erholungsfähigkeit wird bei allen eben aufgeführten Formen<br />

der Dauermethode verbessert. Sie war eine klassische Trainingsmethode, die auch<br />

heute noch Anwendung findet. Die Umsetzung der Methode im Training hat sich jedoch,<br />

mit der Entwicklung und Ausdifferenzierung der Trainingsinhalte, in den verschiedenen<br />

Bereichen des Shotokan-<strong>Karate</strong>-Trainings spezifiziert.<br />

Die Belastungsstruktur im Training des DKV wird speziell auf bestimmte Perioden<br />

des Trainings erstellt. Hierzu werden die Wiederholungsmethode und die intensive<br />

Intervallmethode benutzt (vgl. Eichert 2003). Nach Eichert (2003) ist die Wiederholungsmethode<br />

durch eine vollständige Erholung nach einer kurzen, maximalen Belastung<br />

gekennzeichnet (6-10 Sekunden). Weiterhin sagt er, „dass die Erholung auf<br />

der vollständigen Wiederherstellung des Kreatinphosphatspeichers basiert.“ Die<br />

Pause wird durch aktive Erholung gestaltet, wie zum Beispiel mit Dehn- und/oder Lockerungsübungen<br />

und hat einen Zeitraum von 1-3 Minuten. Sie ist spezifisch dem<br />

Schnelligkeits- und Schnellkrafttraining angepasst. Die Schnellkraftausdauer wird im<br />

Leistungsbereich des DKV mit der intensiven Intervallmethode und der Wiederholungsmethode<br />

trainiert. Die intensive Intervallmethode beinhaltet hohe Intensitäten,<br />

die aber nicht maximal sind und einen Wechsel zwischen relativ kurzen Belastungs-<br />

und Entlastungsphasen. Die Erholung ist unvollständig. Die Belastungsdauer kann<br />

bis 60 Sekunden betragen, wobei die energetische Arbeitsweise aerob-anaerob ist.<br />

Hierbei entstehen unter anderem eine Laktatverträglichkeit und eine Herzvolumenvergrößerung.<br />

Laktat ist ein Endprodukt bei der Energiegewinnung ohne Sauerstoff<br />

(anaerob) und ein biochemisch, leistungsmindernder Faktor. Eichert (2003, S.128)<br />

stellt dabei für das <strong>Karate</strong>-Training folgende Struktur fest: „Hierbei gilt zu beachten,<br />

dass im <strong>Karate</strong>training die maximale Belastung intervallartig über längere Zeit in Serien<br />

trainiert wird, beispielsweise alle 3 Sekunden eine explosive Technik auf die<br />

Pratze und dies über eine festgelegte Zeit (1-5min).“<br />

Es werden auch die nun folgenden Trainingsmethoden im DKV für die Ausbildung<br />

karate-spezifischer Fähigkeiten verwendet:<br />

• Die Kontrastmethode dient besonders der Verbesserung koordinativer Fähigkeiten<br />

und der Schnellkraft. Der Kontrast entsteht durch einen systematischen<br />

Wechsel der Widerstände innerhalb einer Trainingseinheit (vgl. Schnabel et al.<br />

(Hrsg.) 1997). Eichert (2003, S.111) gibt dazu folgendes Beispiel: „- eine Technik<br />

langsam ausführen – diese Technik explosiv und kraftvoll ausführen; eine Technik<br />

unter „normalen“ Bedingungen ausführen – diese Technik mit einer Gewichtsweste<br />

ausführen.“<br />

80


• Die Methode der dynamisch-konzentrischen Kontraktion (überwindende Arbeitsweise<br />

der Muskulatur) und die Pyramidenmethode dienen der Entwicklung der<br />

Maximal- und Schnellkraft. Hierbei soll einerseits das Energiepotential, durch<br />

Vergrößerung des Muskelquerschnitts erhöht und andererseits die Innervationsfähigkeit,<br />

durch Optimierung der intramuskulären Koordination, verbessert werden<br />

(vgl. Eichert 2003).<br />

• Die Methode der isometrischen Muskelkontraktion beinhaltet statische Anspannung<br />

der Skelettmuskulatur gegen einen festen Widerstand, wobei der Muskel<br />

kontrahiert aber nicht verkürzt wird.<br />

• Zur Ausdauerschulung wird, wie beschrieben, die Dauermethode mit verschiedenen<br />

Variationen eingesetzt. Das sind zum Beispiel: die Tempowechselmethode<br />

mit planmäßigen Variationen der Intensität, wobei unterschiedliche Stoffwechselprozesse<br />

gleichzeitig trainiert werden und das Fahrtspiel, als Variation der Tempowechselmethode,<br />

wobei die Intensität von niedrig bis hoch variiert und meistens<br />

vom Sportler selbst verändert wird (vgl. Eichert 2003).<br />

• Methoden zur Entwicklung der Beweglichkeit im Bereich des Dehnens sind:<br />

a) passiv-statisches Dehnen mit den Formen der „sanft gehaltenen Dehnung<br />

(‚easy stretch’)“, wobei die Dehnung nur leicht gehalten wird und der „intensiv<br />

gehaltenen Dehnung (‚development stretch’)“, wobei die Dehnung nach dem<br />

easy stretch erhöht und nochmals gehalten wird (vgl. Eichert 2003, S.123);<br />

b) aktiv-statisches Dehnen, wobei der zu dehnende Muskel aktiv durch seinen<br />

Antagonisten in die Dehnposition gebracht wird (vgl. Eichert 2003);<br />

c) aktiv-dynamisches Dehnen wird zum Beispiel durch Schwungbewegungen erreicht,<br />

die in den Bereich der Dehnung der Muskulatur reichen, wie zum Beispiel<br />

das Vor-Hochschwingen des gestreckten Beines;<br />

d) Anspannungs-Entspannungs-Dehnen, wobei nach dem Erreichen der Dehnstellung<br />

die gedehnte Muskulatur isometrisch angespannt und für einige Sekunden<br />

in der Position gehalten wird (vgl. Eichert 2003).<br />

Die hier aufgeführte Ausdifferenzierung der Trainingsmethoden im Shotokan-<strong>Karate</strong><br />

deutet die kennzeichnende Entwicklung innerhalb des Trainingssystems klar an. Für<br />

spezifische Elemente des <strong>Karate</strong> werden spezifische Methoden der Sportwissenschaft<br />

verwendet. Diese Methoden werden auch im Training des klassischen <strong>Karate</strong>-<br />

Do verwendet, jedoch mit dem Unterschied der Zielstellung, was bereits festgestellt<br />

wurde. Als Unterkategorien können sie als Methoden des Konditions- und als Methoden<br />

des Koordinationstrainings festgehalten werden.<br />

Das sind nicht die einzigen Methoden, die im Trainingsprozess Anwendung finden.<br />

So wird beispielsweise der Trainingsaufbau nach den oben beschriebenen Prinzipien<br />

methodisch vollzogen. Weitere Unterkategorien bilden die Methode der Trainingsplanung<br />

und die Methode des Aufbaus einer Übungsstunde.<br />

In den Interviews wurde der Einsatz von Hilfsmitteln, die Vermittlung des Technikleitbildes,<br />

Fehlerkorrekturen, aber auch didaktische Elemente im Training hinterfragt.<br />

Die Antworten waren annähernd gleich. Daraus kann die methodische Gestaltung<br />

des technischen Lernprozesses, als weitere Unterkategorie abgeleitet werden.<br />

Ein Element der methodischen Gestaltung des technischen Lernprozesses ist die Art<br />

der Informationsgestaltung. Verallgemeinert werden die Aussagen diesbezüglich auf<br />

verbal, visuell, taktil und kinästhetisch zusammengefasst.<br />

Das Techniktraining wird allgemein in Vorbereitungsphase (Fähigkeitsorientiert);<br />

Technikaneignungs-, -erwerbs- oder -erlernphase; Vervollkommnungs-, Perfektionierungs-,<br />

Anwendungs- und Festigungsphase; Automatisierungs-, Anwendungs-,<br />

Gestaltungs-, Stabilisierungsphase und Phase der variablen Verfügbarkeit der Tech-<br />

81


nik gegliedert. Das wird als Phasencharakter des motorischen Lernens bezeichnet<br />

(vgl. Hirtz, Vorlesungsmaterialien Uni-Greifswald 2000).<br />

Es können drei Hauptphasen extrahiert werden. Die erste Phase ist das Erlernen und<br />

Festigen von Techniken. Dazu werden Vereinfachungsstrategien bezüglich der Parameter<br />

eingesetzt. Beispielsweise wird die Programmlänge verkürzt. Speziell im<br />

Shotokan-<strong>Karate</strong> werden Techniken in Einzelbewegungen zergliedert, um durch das<br />

Üben der spezifischen Phasenstruktur das Erlernen der Technik zu erleichtern. Dazu<br />

werden serielle und funktionale Übungsreihen erstellt. Ein Beispiel für eine serielle<br />

Übungsreihe ist die Zergliederung eines Fußtrittes, der im Shotokan-<strong>Karate</strong> als Maegeri<br />

(schnappender Fußtritt nach vorne) bezeichnet wird:<br />

1) „Anzugbewegung,<br />

2) Anzugbewegung und Tritt,<br />

3) Anzugbewegung, Tritt und Zurückschnappen,<br />

4) Gesamtbewegung.“ (Eichert 2003, S.23)<br />

Ein Beispiel für eine funktionale Übungsreihe ist hierfür (vgl. Eichert 2003):<br />

1) aus einer Stellung mit angezogenem Trittbein gegen eine Pratze treten,<br />

2) Treten gegen einen Wiederstand oder ein Ziel (Bsp. Pratze oder Bauch des Partners)<br />

und Zurückschnappen,<br />

3) Anzugbewegung, Tritt gegen einen Wiederstand oder ein Ziel (Bsp. Pratze oder<br />

Bauch des Partners) und Zurückschnappen,<br />

4) Gesamtbewegung.<br />

Katas werden in bestimmte Sequenzen zerlegt, die erst einzeln und dann als Gesamtform<br />

trainiert werden.<br />

Eine andere Vereinfachungsstrategie ist die Verringerung der Programmbreite.<br />

Hierfür ist das Erlernen einer Kata beispielhaft. Zuerst wird die Kata demonstriert.<br />

Dann wird sie in Einzelsequenzen gegliedert. Diese Einzelsequenzen stellen bereits<br />

eine Verringerung der Programmbreite dar. Weiterhin können zuerst nur die Armtechniken,<br />

dann die Beinbewegungen geübt und schließlich beides verbunden werden.<br />

Das ist eine weitere Möglichkeit der Reduzierung der Programmbreite. Armtechniken<br />

und Beinbewegungen müssen letztendlich synchronisiert werden. Zum<br />

Schluss wird die Kata in der Zielform geübt. Diese Methoden werden häufig benutzt<br />

und stellen eine wesentliche Vereinfachung beim Erlernen von karate-spezifischen<br />

Techniken dar. Ursprünglich fand diese Methode keine Anwendung, sie wurde erst<br />

im Zuge der wissenschaftlichen Analyse des <strong>Karate</strong>trainings und der Elemente des<br />

Shotokan-<strong>Karate</strong> in das Trainingskonzept aufgenommen. Es werden auch Parameter<br />

wie Bewegungsschnelligkeit, –stärke u.a. reduziert und Rhythmusanzählungen, Orientierungsvorgaben<br />

und andere bewegungserleichternde Elemente genutzt. Diese<br />

methodischen Prinzipien finden sowohl im sportlich- als auch im klassisch betriebenen<br />

<strong>Karate</strong> Anwendung. Der Unterschied besteht darin, dass die Ausführungsformen<br />

der Techniken im sportlich betriebenen <strong>Karate</strong> wettkampfspezifisch sind und den Bedeutungen<br />

der klassischen Anwendung nicht gerecht werden. Es werden eher<br />

Schlag- und Tritttechniken geübt und weniger Abwehrtechniken. Das steht im Gegensatz<br />

zur Idee des klassisch betriebenen <strong>Karate</strong>.<br />

Die zweite Phase ist das Stabilisieren und Automatisieren der Techniken durch<br />

Kombination und Variation. Zur Automatisierung müssen die karate-spezifischen Programme<br />

durch hohe Wiederholungszahlen der Techniken eingeschliffen und die<br />

Aufmerksamkeit vom Technikablauf weggelenkt werden. Letzteres kann durch den<br />

Einsatz von Mehrfachaufgaben erreicht werden. Zur Stabilisierung muss die Aufmerksamkeit<br />

auf bestimmte Technikmerkmale gerichtet werden, um sie bewusst<br />

wahrzunehmen und spezifisch darauf einzuwirken. Dazu werden Situationen variiert<br />

und Belastungen erhöht, denn unter großer Belastung soll die Technik stabil sein, um<br />

82


sie anwenden zu können. Zu Zeiten der Anwendung von <strong>Karate</strong> als Selbstverteidigung<br />

gegen Schwerter und andere Waffen und selbst im 19. Jahrhundert waren diese<br />

Methoden nicht so ausdifferenziert. Heute werden dafür Teilbewegungen, verschiedene<br />

Übungskombinationen (spiegelbildliches Laufen von Kata, Stellungsvariationen<br />

u.a.), Übung unter veränderter Wahrnehmung (geschlossenen Augen u.a.),<br />

Übung unter psychischer Belastung (Wettkampftraining,…), Üben mit veränderten<br />

Parametern, mit Zusatzgeräten (Gewichtsweste, Hand- und Fußgewichte, Kraftgeräte)<br />

und Übungen unter veränderten Umweltbedingungen (Sandsack, Makiwara, Pratze,<br />

wackeliger Untergrund, Matten, Hindernisse u.a.) in das Training integriert (vgl.<br />

Eichert 2003).<br />

Die dritte Phase wird in der Analyse des Shotokan-<strong>Karate</strong>-Trainings als Gestalten<br />

und Ergänzen bezeichnet. Im sportlich betriebenen <strong>Karate</strong> bedeutet das „die individuelle<br />

Ausformung und Ergänzung des konditionellen und technisch-taktischen und<br />

psychischen Leistungsvermögens“ (vgl. Eichert 2003, S.38). Die individuellen Spezialtechniken<br />

und Bewegungsmuster müssen vervollkommnet und ergänzt werden, um<br />

der Dynamik des Wettkampfsports gerecht zu werden. Deshalb formuliert Eichert<br />

(2003) das Hauptziel als Herausbildung der maximalen Bewegungsschnelligkeit im<br />

Kumite. Für die Kata-Spezialisten ist es besonders wichtig die äußere Form und somit<br />

die Ästhetik der Bewegung zu perfektionieren. Im Gegensatz dazu ist im klassisch<br />

betrieben <strong>Karate</strong> weder die Spezialisierung von Einzeltechniken noch die Herausbildung<br />

von Ästhetik das Ziel dieser Lernphase. Das Gestalten und Ergänzen der<br />

<strong>Karate</strong>-Techniken ist ein Element erreichter Meisterschaft. Erst wenn die Technik in<br />

der überlieferten Form gemeistert wurde, was durch das Bestehen von Dan-<br />

Prüfungen nachgewiesen werden muss, kann ein <strong>Karate</strong>ka dem Stil seine eigene Interpretation<br />

hinzufügen. Geschieht das zu früh, wird <strong>Karate</strong> verwässert und seiner<br />

ursprünglichen Form entgrenzt und entfremdet. Die Entwicklung zum sportlich betriebenen<br />

<strong>Karate</strong> stellt, nach Meinung der Meister und Lehrer des klassischen <strong>Karate</strong>,<br />

eine verwässerte und entgrenzte Entwicklung im Shotokan-<strong>Karate</strong> dar. Im Ursprungsland<br />

Okinawa wird dieses System vollkommen abgelehnt. Im philosophischen<br />

Sinn wird hier das Prinzip des oben beschriebenen Shu – Ha – Ri umgesetzt.<br />

Doch es werden noch andere Methoden eingesetzt. Im Sportkarate sind es beispielsweise<br />

spezielle Methoden für die Wettkampfvorbereitung. Zum einen sind das<br />

wettkampfnahe Trainingsmethoden, wobei die Schulung von Situationsentscheidungen<br />

und die Entwicklung von Handlungskompetenz thematisiert sind und zum anderen<br />

wettkampfadäquate Trainingsmethoden, zur unmittelbaren Wettkampfvorbereitung.<br />

Dazu werden psychologische und physiologische Belastungen erzeugt, wie sie<br />

im Wettkampf annähernd auftreten können. Psychologisches Training geschieht zum<br />

Beispiel in Form von sehr harten Trainingseinheiten, die in der Belastungsstruktur bis<br />

an die Leistungsgrenzen der <strong>Karate</strong>kas und darüber hinausgehen. Weiterhin sind<br />

Meditation und ideomotorisches Training ein wesentlicher Bestandteil des modernen<br />

klassischen <strong>Karate</strong>-Trainings geworden. Durch Meditation wird innere Ruhe und Bereitschaft<br />

erzeugt. Somit bereitet sich der <strong>Karate</strong>ka auf das Training vor. Ideomotorisches<br />

Training ist Training durch Vorstellung. Bei jeder Technikausführung soll sich<br />

der <strong>Karate</strong>ka vorstellen, dass er gegen einen oder mehrere Gegner kämpft. Außerdem<br />

soll der <strong>Karate</strong>ka sich durch Vorstellungen, zum Beispiel einer Kata, der Techniken<br />

und deren Funktionieren bewusst werden. Dabei werden Meditation und ideomotorisches<br />

Training verbunden. Das sind nur zwei Beispiele des psychologischen<br />

Trainings.<br />

Die Unterkategorie Fehlerkorrektur dient dazu Fehler, Fehlerursache und Korrektur<br />

dem Übenden einsichtig zu machen. Maßnahmen zur Korrektur können nach Eichert<br />

(2003, S.46) folgendermaßen systematisiert werden:<br />

83


� „Verbale Informationsgebung;<br />

� Demonstrationen (visuelle Korrektur);<br />

� Gegenüberstellung der falschen und richtigen Bewegung;<br />

� Bewegung führen;<br />

� Orientierungshilfen geben;<br />

� Bewegungen übertreiben;<br />

� Fehlerhafte (Teil-)Bewegungen isoliert üben lassen und<br />

� Bewegungshilfen geben und Übungsbedingungen schaffen, die der richtigen<br />

Ausführung der Technik dienen.“<br />

Weitere Möglichkeiten sind:<br />

� Einsatz von Hilfsmitteln wie Spiegel,<br />

� Videoanalysen zur Sichtbarmachung der Fehler,<br />

� Motivieren zur Beobachtung fortgeschrittener Schüler und Meister,<br />

� Rhythmushilfen, wie zum Beispiel verbale Hinweise durch Zählen,<br />

� u.a.<br />

In den Interviews wurden allgemeine didaktische Prinzipien genannt, die das <strong>Karate</strong>-<br />

Training erleichtern. Deshalb werden sie an dieser Stelle zu den Methoden gezählt.<br />

Im Einzelnen sind sie in folgenden Leitsätzen zusammengefasst: „vom Leichten zum<br />

Schwierigen, vom Bekannten zum Unbekannten, vom Einfachen zum Komplexen<br />

und vom Universellen zum Speziellen.“ Im Abschnitt 2.5 Didaktische Prinzipien wurden<br />

sie genauer ausgeführt.<br />

Mit dieser genaueren Betrachtung der Methoden kristallisiert sich die Bedeutung des<br />

Technikleitbildes heraus.<br />

4.3.4) Technikleitbild<br />

Das Technikleitbild ist eine wichtige Komponente im Shotokan-<strong>Karate</strong>. Ohne eine<br />

korrekte Technik ist ihre Wirksamkeit nicht gegeben. Es wird durch Demonstrieren<br />

und Erklären vermittelt. In den Interviews, mit den Gesprächspartnern des SRD, stellte<br />

sich weiterhin heraus, dass sie physische Individualitäten und biomechanische<br />

und physikalische Prinzipien zur Vermittlung des Leitbildes der Technik beachten.<br />

Diese Prinzipien beruhen einerseits auf Beobachtungen von karate-spezifischen Bewegungsparametern<br />

und andererseits auf systematisch analysierte wissenschaftliche<br />

Erkenntnisse der Gebiete Physik, Sportmotorik und Biomechanik. Beobachtungen<br />

wurden nicht nur im Training und bei Wettkämpfen gemacht, sondern auch durch<br />

analytische Auswertungen von Videomitschnitten und durch Übungen vor Spiegeln.<br />

Durch die bereits beschriebene Studie der Universität von Long Island und durch andere<br />

europäische Studien, vor allem im Bereich des Wettkampfkarate, konnten spezifische<br />

Elemente von Bewegungen im Shotokan-<strong>Karate</strong> festgestellt werden. Eines<br />

dieser Elemente ist die Phasenstruktur von Bewegungsabläufen. Eichert stellt in seiner<br />

Rahmentrainingskonzeption die Funktionsphasentypen nach Göhner (1979) heraus<br />

(Eichert 2003, S.50):<br />

1. „Vorbereitende Hilfsfunktionsphasen sind Phasen zum Erreichen bestimmter<br />

Ortsstellen, bestimmter Lagen, bestimmter Positionen oder bestimmter Bewegungszustände.“<br />

2. „Hauptfunktionsphasen sind Phasen, die nur auf die gestellte Bewegungsaufgabe<br />

Bezug nehmen, nicht aber auf andere Funktionsphasen. In unserem Fall sind das<br />

jene funktionalen Teilbewegungen, in denen das Hauptbewegungsziel erreicht<br />

wird.“<br />

84


3. „Unterstützende Hilfsfunktionsphasen sind Phasen zur Verwendung weiterer Bewegerteile,<br />

beispielsweise das Zurückziehen des Armes während des Tritts beim<br />

Mae-geri.“<br />

4. „Überleitende Hilfsfunktionsphasen sind Phasen, die eine Übersteuerung der<br />

Zielsituation verhindern oder den Anschluss an nachfolgende Operationen ermöglichen<br />

sollen.“<br />

In der Allgemeinen Bewegungslehre von Loosch (1999) werden fünf Funktionsphasen<br />

nach Göhner herausgestellt. Diese sind die einleitende Funktionsphase, überleitende<br />

Funktionsphase, Hauptfunktionsphase, aussteuernde Funktionsphase und<br />

amortisierende Funktionsphase. Die ersten vier Phasen sind wie die oberen gekennzeichnet.<br />

Die amortisierende Phase ist eine Körperstabilisierungsphase, wobei zum<br />

Beispiel der eigene Körper, als Abschluss einer Bewegung, abgefangen wird.<br />

Funktionsphasen charakterisieren die Herausstellung von Geschehensabschnitten<br />

eines Bewegungsablaufes, wobei allen Ausführungen innerhalb dieses Bewegungsablaufes<br />

bestimmte Funktionen zugeordnet werden. Diese Systematik ist nicht nur<br />

für die Vermittlung des Technikleitbildes, sondern auch für Fehlerkorrekturen und die<br />

Fehlererkennung grundlegend.<br />

Um Bewegungsmerkmale genauer zu erkennen und zu erläutern, muss die Struktur<br />

des Körpers betrachtet werden. In einer einfachen anatomischen Darstellung besteht<br />

der Körper aus dem „Schulter-Brustgürtel an dem die Arme befestigt sind und dem<br />

Beckengürtel mit dem die Beine verbunden sind“ (Eichert 2003, S.51). Die Wirbelsäule,<br />

auf der der Kopf als zentrales Steuerorgan sitzt, verbindet die beiden Gürtel.<br />

Diese können vorwärts, rückwärts, seitwärts, gedreht und gekippt werden (vgl. Eichert<br />

2003). Während die Bewegung des Schulter-Brustgürtels durch die Brust- und<br />

obere Rückenmuskulatur bewirkt wird, ist die Bauch- und untere Rückenmuskulatur<br />

für die Bewegung des Beckengürtels zuständig.<br />

<strong>Karate</strong>techniken sind Ganzkörperbewegungen, mit dem Ziel maximale Endgeschwindigkeit<br />

der Extremität, mit der ein Schlag, Tritt oder Block ausgeführt wird, zu<br />

erreichen (vgl. Eichert 2003). Dazu werden Teilbewegungsimpulse summiert. Diese<br />

Impulse stellen deshalb ein Merkmal der Bewegung dar. Teilimpulse sind zum Beispiel<br />

Armstreckung, Beinstreckung, Hüftrotation oder –vibration und Oberkörperbewegung.<br />

Eicherts Analysen zufolge werden alle Teilimpulse im <strong>Karate</strong> sofort maximal<br />

beschleunigt. Dazu ist die zeitliche Abfolge der Teilimpulse leistungsbestimmend.<br />

Beispielsweise ist bei einem geraden Fauststoß (Choku-Zuki) aus der Vorwärtsstellung<br />

(Zenkutsu-Dachi) folgender Ablauf zu beachten (vgl. Eichert 2003):<br />

1. Beinstreckung über die Beinstreckermuskulatur,<br />

2. Eindrehen der Hüfte durch die unteren schrägen Bauchmuskeln und die Adduktoren<br />

des vorderen Beines,<br />

3. Eindrehen des Oberkörpers durch die obere Rückenmuskulatur und<br />

4. Armstreckung und Fauststoß durch die Armstreckmuskulatur.<br />

Daraus wurde geschlussfolgert, dass beim geraden Fauststoß nach vorne zwei übergeordnete<br />

Bewegungsimpulse leistungsbestimmend sind. Diese sind Beinstreckung<br />

mit Eindrehen der Hüfte, wodurch die Hüfte nach vorne gedreht wird und Eindrehen<br />

des Oberkörpers mit Fauststoß. Doch neben den Bewegungsimpulsen ist eine<br />

optimale Vordehnung der Muskulatur zu nennen. Mit ihr entsteht eine Vorspannung,<br />

womit ein höherer Kraftstoß und eine größere Beschleunigung erzeugt werden.<br />

Allgemein ist bei der Analyse der Bewegungen im <strong>Karate</strong> festgestellt worden,<br />

dass der zentrale Bewegungspunkt die Hüfte ist. Die Kraft bei <strong>Karate</strong>techniken soll<br />

aus der Körpermitte kommen, wobei die Kraftübertragung immer über die Hüfte erfolgt.<br />

Das bedeutet spezielle Übungen zur Kräftigung der Bauch-, Rücken-, Hüftbeu-<br />

85


ge- und Streckmuskulatur im Training einzusetzen. Die Hüfte führt dabei entweder<br />

Kipp-, Rotations- und/oder Vibrationsbewegungen aus.<br />

Die eben erläuterten Merkmale charakterisieren verschiedene Beschreibungsebenen<br />

von Bewegung. Die Unterkategorie „quantitative Bewegungsmerkmale“ fasst diese<br />

Ebenen zusammen und stellt gleichzeitig weitere heraus. Im Einzelnen können dazu<br />

physikalische Größen genannt werden. Sie beschreiben Knotenpunkte der Bewegung,<br />

Orts- und Zeitparameter, Winkel und Kräfte in translatorischen und rotatorischen<br />

Phasen (vgl. Loosch 1999, S.75). Sportwissenschaftlich lassen sich nach<br />

Loosch (1999) zwei Hauptelemente der quantitativen Bewegungsmerkmale herausstellen:<br />

a) kinematische Merkmale mit raum-zeitlichen Parametern translatorischer und rotatorischer<br />

Bewegungen und<br />

b) dynamische Merkmale mit Kräften in translatorischer und rotatorischer Bewegungen.<br />

Die Größen werden wie folgt systematisiert (vgl. Loosch 1999):<br />

• Raum: Ortspunkte (Koordinaten), Weg (Strecke), Winkel<br />

• Zeit: Zeitpunkt, Zeitdauer, Frequenz<br />

• translatorisch: Weg, Geschwindigkeit, Beschleunigung (dynamisches Merkmal:<br />

Masse, Kraft, Kraftimpuls, dynamisches Grundgesetz, Impulssatz, Impulserhaltungssatz,<br />

potentielle Energie, kinetische Energie)<br />

• rotatorisch: Winkel, Winkelgeschwindigkeit, Winkelbeschleunigung (dynamisches<br />

Merkmal: Drehmoment, Drehimpuls, Massenträgheitsmoment, Drehimpulserhaltung,<br />

dynamisches Grundgesetz, Rotationsenergie, Bahngeschwindigkeit, Zentrifugalkraft)<br />

An dieser Stelle wird nicht näher auf die Prinzipien eingegangen, da der Rahmen der<br />

Arbeit die Trainingsentwicklung im Allgemeinen ist.<br />

In den Interviews der Instruktoren des SRD wurden Hochmuths biomechanische<br />

Prinzipien (vgl. Loosch 1999) als wesentliches Merkmal der Techniken im Shotokan-<br />

<strong>Karate</strong> erwähnt:<br />

1) Das Prinzip des optimalen Beschleunigungsweges besteht darin, diesen so zu<br />

wählen, dass eine maximale Endgeschwindigkeit erreicht wird. Dazu wird im<br />

Sport der Beschleunigungsweg durch eine bestimmte Technik verlängert. Ist der<br />

Beschleunigungsweg zu lang sinkt die Beschleunigungsleistung. Der Weg muss<br />

also optimal gewählt werden. Das Optimum wird durch die Biomechanik des<br />

menschlichen Körpers bestimmt. Der geschnappte Fußtritt nach vorne (Mae-geri)<br />

ist dafür ein gutes Beispiel. Das Knie muss hierbei so hoch gezogen werden, bis<br />

der Fuß des hochziehenden Beines auf Kniehöhe des Standbeines ist. Nun beginnt<br />

die Schnappbewegung des Unterschenkels, bis zum Einrasten durch Muskelkontraktion.<br />

Wird das Knie höher oder tiefer gezogen, sinkt die Beschleunigungsleistung<br />

und der Fußtritt verliert an Wirksamkeit. Das Ziehen bis auf Kniehöhe<br />

ist individuell verschieden.<br />

2) Das Prinzip der Anfangskraft besagt, „dass bei einer Sprung- oder Streckbewegung<br />

vom starren Widerlager eine kurze kräftige Bewegung entgegen der Hauptbewegungsrichtung<br />

einen Leistungsvorteil mit sich bringt, allerdings nur dann,<br />

wenn sich eine sofortige Bewegungsumkehr anschließt“ (Loosch 1999, S.86).<br />

Dabei ist der Kraftimpuls bei einer Bewegung mit Auftakt größer als bei der gleichen<br />

Bewegung ohne Auftakt. Eine schnelle Auftaktbewegung erzeugt eine Anfangskraft<br />

während der Abbremsphase, die jedoch nur für Bruchteile einer Sekunde<br />

zur Verfügung steht. Der Umkehrpunkt nach dem Abbremsen muss exakt<br />

erfasst werden, um die Auftaktbewegung zur Kraftsteigerung zu nutzen. Es muss<br />

ein genaues Timing erzielt werden, wobei die Bodenreaktionskraft ausgenutzt<br />

86


wird. Im Kumite kann das einen Vorteil bedeuten, wenn der Angreifer ganz kurz<br />

seinen Körperschwerpunkt senkt, leicht auf den hinteren verlagert und sofort in<br />

die Vorwärts- und/oder Aufwärtsbewegung wechselt. Die Kraft kann dadurch vergrößert<br />

werden. Für Fußtritte und Faustschläge ist das eine gute Möglichkeit die<br />

Anfangskraft zu erhöhen. Außerdem ist das ein taktisches Moment, denn die angedeutete<br />

Rückwärtsbewegung kann beim Gegner eine falsche Antizipation hervorrufen.<br />

Es entsteht möglicherweise eine Fehleinschätzung und dadurch eine<br />

Fehlhandlung, die zum eigenen Vorteil genutzt werden kann.<br />

3) Das Prinzip der optimalen Tendenz des Beschleunigungsverlaufes beinhaltet „die<br />

Optimierung des Beschleunigungs-Zeit-Verlaufs in Abhängigkeit vom Ziel der<br />

Bewegung“ (Loosch 1999, S.88). Das bedeutet zum Beispiel für einen Faustschlag<br />

die größte Beschleunigung an den Anfang der Bewegung zu setzen, um<br />

die Zeit für den Schlag zu minimieren.<br />

4) Das Prinzip der zeitlichen Koordination von Einzelimpulsen beinhaltet die zeitlich<br />

genaue Abstimmung von Bewegungsabschnitten, um eine optimale Kopplung ihrer<br />

Kraftimpulse zu erreichen. Das wird beispielsweise in obiger Beschreibung der<br />

Funktionsphasen einer <strong>Karate</strong>technik deutlich.<br />

5) Das Prinzip der Gegenwirkung besagt, „dass jede Bewegung eines Körperteils<br />

(u.a. im freien Fall oder Flug) eine Gegenbewegung anderer Körperteile zur Folge<br />

hat“ (Loosch 1999, S.89). Verdreht ein Sportler zum Beispiel den Oberkörper,<br />

wird die gegensinnige Bewegung des Unterkörpers ausgelöst. Schlägt man zum<br />

Beispiel die rechte Faust nach vorne, wird der linke Arm zurückgezogen.<br />

6) Das Prinzip der Impulserhaltung ist besonders bei Drehbewegungen von Bedeutung.<br />

Diese können durch Öffnen und Schließen in ihrer Geschwindigkeit beeinflusst<br />

werden. Werden Körperteile an die Drehachse gebracht, wird die Geschwindigkeit<br />

erhöht. Werden dagegen Körperteile von der Drehachse abgespreizt,<br />

verringert sich die Geschwindigkeit. Führt ein <strong>Karate</strong>ka zum Beispiel einen<br />

gedrehten Rückwärtsfußtritt (Ushiro-geri) durch, ist seine Bewegung dadurch<br />

schneller, indem er die Arme an den Körper zieht. Somit steigt gleichzeitig seine<br />

Schlagkraft, die durch Masse x Beschleunigung (F=m*a) berechnet wird.<br />

Diese Prinzipien stehen im Zusammenhang mit den newtonschen Axiomen. Axiome<br />

sind verallgemeinerte Erfahrungen und logisch unableitbare Grundsätze, die keinen<br />

Beweis bedürfen und unmittelbar einleuchten.<br />

1. Axiom: Trägheitsgesetz: Jeder Körper verharrt in seinem Zustand der Ruhe oder<br />

der gleichförmigen geradlinigen Bewegung, solange er nicht durch äußere Kräfte<br />

gezwungen wird, seinen Bewegungszustand zu ändern.<br />

2. Axiom: Dynamisches Grundgesetz der Mechanik: Die Änderung des Bewegungszustandes<br />

ist der einwirkenden Kraft proportional und geschieht längs derjenigen<br />

Linie, in der die Kraft wirkt (F=m*a).<br />

3. Axiom: actio = reactio: Die von zwei Körpern aufeinander ausgeübten Wirkungen<br />

(Kräfte oder Momente) sind stets gleich groß und von entgegengesetzter Richtung.<br />

4. Axiom: Superpositionsprinzip der Kräfte: Jede Bewegung (Kraft) ist in von einander<br />

unabhängige Teilbewegungen (Teilkräfte) zerlegbar.<br />

Alle hier genannten Prinzipien finden im modernen <strong>Karate</strong>-Training Anwendung und<br />

stellen Ausbildungsinhalte der Instruktorenklasse dar.<br />

Jede Bewegung im Shotokan-<strong>Karate</strong> wurde hiernach strukturiert. Dadurch konnten<br />

wesentliche Erkenntnisse in Bezug auf die Lern- und Trainingsmethoden festgestellt<br />

werden. Die Anwendung der Prinzipien ökonomisiert den Lernprozess und perfektioniert<br />

die Techniken bezüglich der Wirksamkeit und Optimierung ihres Leitbildes.<br />

87


Qualitative Merkmale wurden in den Punkten 3.2 und 3.2.1 benannt und genauer erläutert.<br />

Deshalb wird an dieser Stelle nicht mehr darauf eingegangen.<br />

Das Technikleitbild stellt also eine Synthese zwischen individuellen Eigenschaften<br />

der Athleten und biomechanischen Prinzipien dar. Dazu werden Ist- und Sollwertanalysen<br />

vorgenommen, die bereits beschrieben wurden.<br />

Die Bedeutung der Biomechanik kann in folgender allgemeiner Grafik kurz charakterisiert<br />

werden:<br />

Biomechanische Prinzipien<br />

Konstruktionsprinzipien<br />

des menschlichen<br />

Körpers<br />

4.3.5) Trainingsinhalte<br />

Funktionsprinzipien<br />

des menschlichen<br />

Körpers<br />

aus biologischen Besonderheiten des<br />

menschlichen Bewegungsapparates abgeleitete<br />

biomechanische Prinzipien<br />

Trainingsinhalte sind die karate-spezifischen Elemente Kata, Kihon und Kumite. Sie<br />

lassen sich einzeln trainieren, aber bilden im klassischen Shotokan-<strong>Karate</strong> eine Einheit.<br />

In der hoch spezialisierten Sport- und Wettkampfform des Shotokan-<strong>Karate</strong><br />

werden sie stark getrennt und unterliegen der Transformation in wettkampffähige<br />

Technikvarianten. Dazu wird Kihon zur Technikaneignung benutzt. Kata und Kumite<br />

bilden die spezifischen Wettkampfformen. Die in den Trainingsmethoden beschriebenen<br />

Prinzipien finden dabei ihre charakteristischen Anwendungen.<br />

Besonders muss hier das Prinzip der Bildung der Ganzheitlichkeit von Körper und<br />

Psyche durch das Training einerseits und das Befolgen der Dojokun andererseits<br />

genannt werden (siehe Gedächtnisprotokoll Sensei Jörg Kohl). Das ist ein wesentliches<br />

Ziel des Trainings im SRD. Die Trainingsinhalte liefern dafür eine Basis. Sie<br />

können nur vervollkommnet und darauf kann nur aufgebaut werden, wenn ihre Elemente<br />

als Einheit begriffen und die bisher erläuterten Prinzipien beachtet werden.<br />

Die Geschichte lehrt, dass Kumite aus Katas extrahiert und daraus wiederum die<br />

Grundschule (Kihon) entwickelt wurde.<br />

Aus dem Entwicklungsgrad der karate-spezifischen Fähigkeiten und Fertigkeiten der<br />

Athleten wird der genaue Trainingsinhalt, innerhalb der Trainingsplanung, für Makro-<br />

und Mikrozyklen erstellt. Er ergibt sich aus allen bisher benannten Fakten und Erläuterungen.<br />

Um das alles tatsächlich umsetzen zu können, müssen die Trainer diese<br />

speziellen Kompetenzen aufweisen, die sich teilweise im Trainerwissen widerspiegeln.<br />

88<br />

bewegungskreterische<br />

Prinzipien zielgerichteter<br />

sportlicher Bewegungen<br />

auf mechanische<br />

Gesetzmäßigkeiten<br />

beruhend


4.3.6) Trainerwissen<br />

Das Wissen der Interviewpartner speist sich aus ihren gesammelten Erfahrungen,<br />

dem Training bei fortgeschritteneren Meistern, aus dem Dialog mit anderen Trainern,<br />

aus Fachliteratur und Fachvideos, aus Eigenengagement, Selbstreflexion und aus<br />

den durchlaufenen Trainerausbildungen.<br />

Es stellt sich heraus, dass das Fachwissen der Interviewpartner unterschiedlich ausgeprägt<br />

ist. Es lässt sich in die Bereiche Wettkampfsport und klassisches <strong>Karate</strong>-Do<br />

unterteilen. Während die Trainer des DKV eher im ersteren Bereich<br />

fortgeschritten sind, liegt die Hauptgewichtung der Ausbildung der<br />

Trainer des SRD im zweitgenannten Bereich. Die Trainer des SRD<br />

betonten den großen Nutzen der ca. dreijährigen Instruktorenausbildung,<br />

die Sensei L. B. Sàfàr gab (siehe Abbildung rechts).<br />

Die durch die Universität von Long Island wissenschaftlich überprüfte<br />

und verbesserte Instruktorenausbildung hat folgende theoretische<br />

und praktische Inhalte:<br />

Themen für die theoretischen Arbeiten<br />

Nr. Thema Bezug Einheiten<br />

1 Was ist <strong>Karate</strong>-Do? K-G 1<br />

2 Systematik der <strong>Karate</strong>techniken K-T 1<br />

3 Der Unterschied zwischen Sport und <strong>Karate</strong>-Do K-G 1<br />

4 Der Wert des <strong>Karate</strong> für die körperliche Entwicklung P-G 1<br />

5 Körperteile, die im <strong>Karate</strong>-Do benutzt werden K-T 1<br />

6 <strong>Karate</strong> und Kinesologie K-O 1<br />

7 Stellungen im <strong>Karate</strong>-Do K-T 2<br />

8 Krafterzeugung durch Körperrotation im <strong>Karate</strong> K-O 1<br />

9 Krafterzeugung durch Körperverschiebung im <strong>Karate</strong> K-O 1<br />

10 Krafterzeugung durch Körpervibration im <strong>Karate</strong> K-O 1<br />

11 Die Gegenkraft in <strong>Karate</strong>techniken K-O 1<br />

12 Stoßtechniken (Zuki-waza) K-T 2<br />

13 Körperexpansion und -kontraktion im <strong>Karate</strong> K-O 1<br />

14 Fußtechniken (Keri-waza) K-T 2<br />

15 Die Geschichte des <strong>Karate</strong>-Do P-H 1<br />

16 Historische Unterschiede zwischen Sport und Kampfkunst P-H 1<br />

17 Die wechselseitige Beeinflussung von orientalischer Kultur<br />

und Kampkünsten<br />

P-H 1<br />

18 Schlagtechniken (Uchi-waza) K-T 2<br />

19 Kumite K-T 2<br />

20 Blocktechniken (Uke-waza) K-T 2<br />

21 Motivation und Wege zu deren Verstärkung P-P 1<br />

22 <strong>Karate</strong> und Persönlichkeit P-P 1<br />

23 <strong>Karate</strong>training und geistige Konzentration P-P 1<br />

24 <strong>Karate</strong>training und Umgebung P-P 1<br />

25 Der psychologische Zustand und seine Auswirkungen auf<br />

die Technik<br />

P-P 1<br />

26 Psychologischer Zustand und Reflexhandlungen P-P 1<br />

89


27 Der ideale psychologische Zustand für Schüler während des<br />

Gruppenunterrichts<br />

P-P 1<br />

28 Techniken zur Gleichgewichtsbrechung K-T 2<br />

29 Gelenk- und Muskelbewegungen in wichtigen Fußtechniken K-O 1<br />

30 Gelenk- und Muskelbewegungen in wichtigen Handtechniken<br />

K-O 1<br />

31 Stellungen und die Prinzipien der Dynamik K-O 1<br />

32 Die Erklärung der Körperverschiebung aus den Prinzipien<br />

der Dynamik<br />

K-O 1<br />

33 <strong>Karate</strong> und Selbstverteidigung K-T 1<br />

34 Gesundheitsfürsorge für den <strong>Karate</strong>ka H-S 1<br />

35 Die Verhinderung und Behandlung von Verletzungen H-S 1<br />

36 Kata K-T 2<br />

37 Der Unterschied zwischen technikorientiertem und körper- P-G 1<br />

orientiertem Training<br />

38 Die Vorbereitung von Trainingsplänen K-T 1<br />

39 Das Schiedsrichten bei <strong>Karate</strong>wettkämpfen K-T 1<br />

40 Prüfungen im <strong>Karate</strong> K-T 1<br />

41 Eigenes Thema 3<br />

Erläuterungen:<br />

K-G Einführung in das <strong>Karate</strong><br />

K-T <strong>Karate</strong>techniken<br />

K-O Kinesologie (=Lehre von der Muskelbewegung)<br />

P-G Einführung in die Körpererziehung<br />

P-H Geschichte der Körpererziehung<br />

P-P Psychologie der Körpererziehung<br />

H-S Gesundheitsfürsorge<br />

Praktische Themen<br />

Nr. Grundlagen Kata Kumite<br />

1. Einführung Heian 1 – 5 Sanbon- & Gohon-Kumite<br />

2. Körperteile, die im <strong>Karate</strong><br />

benutzt werden<br />

Heian 1 u. 2 Rückblick<br />

3. Stellungen im <strong>Karate</strong> Heian 3 u. 4 Ippon-Kumite<br />

4. Krafterzeugung durch Körperrotation<br />

im <strong>Karate</strong><br />

Rückblick & Chinte Rückblick<br />

5. Krafterzeugung durch Körperverschiebung<br />

im <strong>Karate</strong><br />

Rückblick Rückblick<br />

6. Krafterzeugung durch Kör- Heian 5 u. Tekki 1 Ippon-Kumite (Handtechpervibration<br />

im <strong>Karate</strong><br />

niken)<br />

7. Körperexpansion- u. –kontraktion<br />

Rückblick & Tekki 2 Rückblick<br />

8. Stoßtechniken (Zuki-waza) Bassai Dai & Hangetsu Ippon-Kumite (Fußtechniken)<br />

10. Fußtechniken (Keri-waza) Kanku-Dai & Jion Jiyu-Ippon-Kumite<br />

11. Blocktechniken (Uke-waza) Rückblick Rückblick<br />

12. Techniken zur Gleichge- Gankaku & Jitte Jiyu-Ippon-Kumite (Handwichtsbrechungtechniken)<br />

13. Wurftechniken Rückblick Rückblick<br />

14. Ausweichtechniken Empi & Sochin Jiyu-Ippon-Kumite (Fußtechniken)<br />

90


15. Kombinationstechniken (offensiv)<br />

Rückblick Rückblick<br />

16. Kombinationstechniken (defensiv)<br />

Unsu & Chinte Jiyu-Kumite<br />

17. Selbstverteidigung im Stehen<br />

Rückblick Rückblick<br />

18. Selbstverteidigung im Sit- Bassai & Kanku-Sho Jiyu-Kumite (Handtechnizen<br />

(am Boden)<br />

ken)<br />

19. Selbstverteidigung im Sitzen<br />

(Stuhl)<br />

Rückblick Rückblick<br />

20. Selbstverteidigung gegen Nijushiho Jiyu-Kumite (Fußtechni-<br />

bewaffnete Angreifer<br />

ken)<br />

21. Selbstverteidigung gegen<br />

mehrere Angreifer<br />

Heian 1-5 & Chinte Rückblick<br />

22. Selbstverteidigung in be- Rückblick Jiyu-Kumite (Gleichgesonderen<br />

Situationen<br />

wichtsbrechung)<br />

23. Kihon-Unterricht Bassai-Sho Jiyu-Kumite (offensiv)<br />

24. Kata-Unterricht Rückblick Rückblick<br />

25. Kumite-Unterricht Rückblick Jiyu-Kumite (defensiv)<br />

26. Leitung von Unterrichtsstunden,<br />

Weiterbildungen u.<br />

Lehrgängen<br />

27. Organisation u. Durchführung<br />

von Vorführungen<br />

28. Schiedsrichten (Kata-<br />

Wettbewerbe)<br />

29. Schiedsrichten (Kumite-<br />

Wettbewerbe)<br />

Rückblick Rückblick<br />

Rückblick Tekki 1-3 Jiyu-Kumite Taktik & Strategie<br />

Rückblick Shorin-Kata Rückblick<br />

Rückblick Shorei-Kata Jiyu-Kumite (Psychologie)<br />

Die Themenschwerpunkte wurden von Arnfried Krause zur Verfügung gestellt. Sie<br />

zeigen die ausführliche Ausbildung in allen Shotokan-<strong>Karate</strong>-spezifischen Inhalten.<br />

Zu den theoretischen Themen müssen Arbeiten im Umfang von je ca. 500 Worten<br />

geschrieben werden. Prüfungen und von den Teilnehmern zu gebende Lehrstunden<br />

sind hierbei mit inbegriffen. Zur Instruktorenausbildung werden Schwarzgurtträger ab<br />

2. Dan zugelassen.<br />

Die Ausbildung der Trainer des DKV besteht aus der Gliederung in Übungsleiter- und<br />

Trainerebenen. Grundlage bildet der Übungsleiter Breitensport, worauf die Fachübungsleiter-C-Lizenzen<br />

mit weiteren Spezifizierungen folgen, die in folgender Grafik<br />

veranschaulicht werden:<br />

Breitensport<br />

Fachübungsleiter-B<br />

<strong>Karate</strong>- Lehrer/in<br />

Fachübungsleiter/in-C<br />

Fachübungsleiter-B<br />

Frauen Selbstbehauptung<br />

/ Selbstverteidigung<br />

91<br />

Fachübungsleiter-B<br />

Gesundheitstraining


Die Ausbildung zu den Spezialisierungen als Fachübungsleiter-B ist auch mit der<br />

Leistungssportspezialisierung des/der Trainer/in-C möglich. Die Trainer/in-C-Lizenz<br />

ist Voraussetzung für den Erwerb der Trainer/in-B-Liznez, mit der Spezialisierung in<br />

den Bereichen Kata und Kumite. Daran kann die Ausbildung zum Trainer-A erfolgen,<br />

ebenfalls mit den Spezialisierungen in Kata und Kumite. Um Bundestrainer zu werden<br />

ist die A-Lizenzierung Grundvoraussetzung. Die höchste Stufe ist ein erfolgreich<br />

abgeschlossenes sportwissenschaftliches Universitätsstudium mit der Spezialisierung<br />

im Bereich <strong>Karate</strong>.<br />

Folgende Themen sind Inhalte der Fachübungsleiter/in-C-Lizenzausbildung:<br />

I. Organisation / Recht: 13 UE<br />

• Struktur der Lizenzausbildung im DSB / DKV (2 UE)<br />

• Struktur und Aufgaben der Sportorganisationen (2 UE)<br />

• Sport und Umwelt (2 UE)<br />

• Rechtsfragen I: Vereinsrecht, Aufsichts-/Haftpflicht (3 UE)<br />

• Rechtsfragen II: Notwehrrecht (2 UE)<br />

• Planung von <strong>Karate</strong>veranstaltungen (2 UE)<br />

II. Sportbiologie: 18 UE<br />

• Anatomische Grundlagen (3 UE)<br />

• Physiologische Grundlagen (3 UE)<br />

• Anpassungsvorgänge des Organismus (2 UE)<br />

• Sportverletzungen und Sportschäden (3 UE)<br />

• Körperliche Entwicklung, Belastungs- u. Leistungsfähigkeit (2 UE)<br />

• Aufwärmtraining (2 UE)<br />

• Funktionelle Dehnung und Kräftigung (3 UE)<br />

III. Sportpädagogik / Sportpsychologie: 28 UE<br />

• Ethische Ansprüche im <strong>Karate</strong> (2 UE)<br />

• Gruppenpädagogik und Führungsstile (4 UE)<br />

• Allgemeine und karatespezifische Vermittlungsmethodik (8 UE)<br />

• Lehren und Lernen im <strong>Karate</strong> (8 UE)<br />

• Entwicklungspsychologische Grundlagen (6 UE)<br />

IV. Allgemeine Trainingslehre: 14 UE<br />

• Trainingsprinzipien (4 UE)<br />

• Konditionelle und koordinative Fähigkeiten am Beispiel ausgewählter Praxisinhalte<br />

(10 UE)<br />

V. Spezifika des <strong>Karate</strong>-Do: 17 UE<br />

• Geschichte und Philosophie des <strong>Karate</strong> (3 UE)<br />

• Kriterien des <strong>Karate</strong> (4 UE)<br />

• Spektren der <strong>Karate</strong>-Grundtechniken (6 UE)<br />

• Spezifika verschiedener Stilrichtungen (4 UE)<br />

VI. Breitensport im <strong>Karate</strong>: 30 UE<br />

• Aufbau und Inhalte eines Anfängerkurses (6 UE)<br />

• Kihon im Breitensport (4 UE)<br />

• Kata im Breitensport (6 UE)<br />

• Kumite im Breitensport (6 UE)<br />

• Selbstverteidigungen (2 UE)<br />

• <strong>Karate</strong> mit Kindern (2 UE)<br />

• <strong>Karate</strong> mit Älteren (2 UE)<br />

• Trainingsplanungen im Breitensport (4 UE)<br />

92


Darauf aufbauend ergeben sich nachstehende Inhalte der Trainer/in-C-Ausbildung:<br />

I. Sportpolitik / Organisation: 13 UE<br />

• Struktur der Lizenzausbildung im DSB / DKV (2 UE)<br />

• Struktur und Aufgaben der Sportorganisationen (2 UE)<br />

• Sport und Umwelt (2 UE)<br />

• Rechtsfragen I: Vereinsrecht, Aufsichts-/Haftpflicht (3 UE)<br />

• Rechtsfragen II: Notwehrrecht (2 UE)<br />

• Planung von <strong>Karate</strong>veranstaltungen (2 UE)<br />

II. Sportbiologie: 18 UE<br />

• Anatomische Grundlagen (3 UE)<br />

• Physiologische Grundlagen (3 UE)<br />

• Anpassungsvorgänge des Organismus (2 UE)<br />

• Sportverletzungen und Sportschäden (3 UE)<br />

• Körperliche Entwicklung, Belastungs- u. Leistungsfähigkeit (2 UE)<br />

• Aufwärmtraining (2 UE)<br />

• Funktionelle Dehnung und Kräftigung (3 UE)<br />

III. Sportpädagogik / Sportpsychologie: 28 UE<br />

• Ethische Ansprüche im <strong>Karate</strong> (2 UE)<br />

• Gruppenpädagogik und Führungsstile (4 UE)<br />

• Allgemeine und karatespezifische Vermittlungsmethodik (8 UE)<br />

• Lehren und Lernen im <strong>Karate</strong> (8 UE)<br />

• Entwicklungspsychologische Grundlagen (6 UE)<br />

IV. Allgemeine Trainingslehre: 14 UE<br />

• Trainingsprinzipien (4 UE)<br />

• Konditionelle und koordinative Fähigkeiten am Beispiel ausgewählter Praxisinhalte<br />

(10 UE)<br />

V. Spezifika des <strong>Karate</strong>-Do: 17 UE<br />

• Geschichte und Philosophie des <strong>Karate</strong> (3 UE)<br />

• Kriterien des <strong>Karate</strong> (4 UE)<br />

• Spektrum der <strong>Karate</strong>-Grundtechniken (6 UE)<br />

• Spezifika verschiedener Stilrichtungen (4 UE)<br />

VI. Wettkampsport im <strong>Karate</strong>: 30 UE<br />

• Wettkampfreglement des DKV (6 UE)<br />

• Kata im Grundlagentraining (6 UE)<br />

• Kumite im Grundlagentraining (6 UE)<br />

• Wettkampf-<strong>Karate</strong> mit Kindern und Jugendlichen (6 UE)<br />

• Trainingsplanung im Leistungssport (6 UE)<br />

Die Trainer-B-Ausbildung schließt mit folgenden Inhalten an:<br />

I. Sportpolitik / Organisation: 2 UE<br />

• Leistungssportförderung auf Landesebene (2 UE)<br />

II. Sportbiologie: 14 UE<br />

• Sportmedizinische Betreuung (4 UE)<br />

• Physiotherapeutische Maßnahmen (4 UE)<br />

• Wettkampfgerechte Ernährung (2 UE)<br />

• Ethische und medizinische Fragen des Doping (2 UE)<br />

• Verletzungen im <strong>Karate</strong>-Leistungssport (2 UE)<br />

93


III. Sportpädagogik / Sportpsychologie: 12 UE<br />

• Rolle und Funktion des/der Trainer/in (2 UE)<br />

• Maßnahmen zur Regulation psychischer Beanspruchung (4 UE)<br />

• Entspannungsverfahren im Wettkampf-<strong>Karate</strong> (4 UE)<br />

• Pädagogische und psychologische Betreuung im Kinder-/Jugendtraining<br />

(2 UE)<br />

IV. Allgemeine Trainingslehre: 14 UE<br />

• Training der motorischen Grundeigenschaften (6 UE)<br />

• Trainingsplanung im Leistungssport (4 UE)<br />

• Biomechanische Grundlagen im <strong>Karate</strong> (4 UE)<br />

V. Leistungsport im <strong>Karate</strong>: 18 UE<br />

• Kata- und Kumite-Wettkampftaktik (3 UE)<br />

• Kumite-Methodik im Aufbautraining (6 UE)<br />

• Kata-Methodik im Aufbautraining (6 UE)<br />

• Talentsichtung und -auswahl (3 UE)<br />

Die Trainer-A-Ausbildung beinhaltet folgende Themen und Schwerpunkte:<br />

I. Sportpolitik / Organisation: 2 UE<br />

• Leistungssportförderung auf Bundesebene (2 UE)<br />

II. Sportbiologie: 12 UE<br />

• Physiologische Parameter der Leistungssteuerung (4 UE)<br />

• Funktionell-anatomische Bewegungsanalyse (4 UE)<br />

• Sportschadens- und -verletzungsprophylaxe (4 UE)<br />

III. Sportpädagogik / Sportpsychologie: 14 UE<br />

• Führungsverhalten und -methoden (4 UE)<br />

• Stressmanagement (5 UE)<br />

• Mentales Training (5 UE)<br />

IV. Allgemeine Trainingslehre: 32 UE<br />

• Konditionelle Fähigkeiten im Leistungstraining (6 UE)<br />

• Koordinative Fähigkeiten im Leistungstraining (6 UE)<br />

• Biomechanische Bewegungsanalyse (6 UE)<br />

• Allgemeine und karatespezifische Leistungsdiagnostik (4 UE)<br />

• Periodisierung und Trainingsplanung (8 UE)<br />

• Wettkampfsteuerung (2 UE)<br />

V. Leistungsport im <strong>Karate</strong>: 30 UE<br />

• Kata-Methodik im Leistungstraining (6 UE)<br />

• Kumite-Methodik im Leistungstraining (6 UE)<br />

• Erstellung von Rahmentrainingsplänen Kata (4 UE)<br />

• Erstellung von Rahmentrainingsplänen Kumite (4 UE)<br />

• Taktik und Strategie im Leistungs-<strong>Karate</strong> (6 UE)<br />

• Talentförderung (4 UE)<br />

UE = Unterrichtseinheit, eine UE=45 Minuten<br />

Die Ausbildungsinhalte der verschiedenen Lizenzebenen wurden dem Handbuch des<br />

Deutschen <strong>Karate</strong> Verbandes e.V. 2002, 7. Auflage, vgl. S.233-257 entnommen.<br />

Auf die spezifischen Inhalte der Fachübungsleiter-B-Lizenzen wird nicht näher eingegangen.<br />

Wichtig festzuhalten ist, dass diese weiteren Fokussierungen und Spezialisierungen<br />

auf der Ebene der Versportlichung starke Veränderungen im Trainingssystem<br />

des Shotokan-<strong>Karate</strong> darstellen.<br />

Im klassisch betriebenen <strong>Karate</strong>-Do sind diese Elemente integriert und werden als<br />

Einheit vermittelt. Die Ausdifferenzierung der Elemente führt zur Herausbildung<br />

94


hochspezialisierter Experten in den spezifischen Bereichen, wodurch ein Verlust der<br />

Ganzheit und somit des ursprünglichen Inhalts des Shotokan-<strong>Karate</strong>s entsteht.<br />

Aus Erfahrungen des Autors, der verschiedene Ausbildungen des DKV durchlaufen<br />

hat, muss festgestellt werden, dass die oben genannten Inhalte nur Richtlinien darstellen,<br />

die in diesem Umfang, nicht realisiert wurden. Diese Erfahrung wird von anderen<br />

Trainern und Übungsleitern des DKV bestätigt. Daraus ergibt sich die Kritik,<br />

dass die Ausbildung innerhalb des DKV eher quantitativ ist, um womöglich eine große<br />

Anzahl von Übungsleitern und Trainern aufzuweisen. Die Sicherung und Umsetzung<br />

einer qualitativ hochwertigen Ausbildung war nicht gegeben. Dieser Kritikpunkt<br />

ist eine theoretische Annahme, die einer genaueren Untersuchung bedarf. Es könnten<br />

auch Einzelerfahrungen sein, die nicht der Regel entsprechen. Für eine Annahme<br />

dieser Theorie spricht, dass die vom Autor besuchten Ausbildungen auch von<br />

vielen anderen Übungsleitern und Trainern besucht wurden. Durch Berichte anderer<br />

Trainer über spezielle Ausbildungen kann diese Aussage gefestigt werden. So wurde<br />

zum Beispiel die Trainer-B-Ausbildung, des Jahres 2003, auf drei Sonnabende reduziert,<br />

wobei nur wenige der oben genannten Rahmeninhalte gelehrt bzw. angeschnitten<br />

wurden. Das bekräftigen auch die Aussagen des A-Trainers J. Waterstradt, der<br />

nur wenig wissenschaftliche Erläuterungen, vor allem auf die Spezifik des Shotokan-<br />

<strong>Karate</strong>s bezogen, nennen konnte und die Ausbildungsinhalte nicht in das Training<br />

übertrug (siehe 4.2.2).<br />

In wie weit die Ausbildungsinhalte der Instruktorenklasse des SRD umgesetzt werden<br />

kann an dieser Stelle nicht festgestellt werden. Die Erfahrungen des Autors, der<br />

am Trainingsprozess und bei einem speziellen Instruktortraining teilgenommen hat<br />

sowie die Interviewanalyse sprechen jedoch für eine nahezu vollkommene Umsetzung<br />

der genannten Inhalte.<br />

Das Trainerwissen ist ein wesentlicher Anhaltspunkt, der die Entwicklung im Trainingssystem<br />

auf praktischer Ebene teilweise widerspiegelt. Es kann partiell festgestellt<br />

werden, dass Theorie und Praxis, innerhalb der vorgegebenen Ausbildungsmuster,<br />

nicht in diesem Umfang realisiert werden. Diese Aussage betrifft hauptsächlich<br />

den hoch spezialisierten Bereich der Lizenzausbildung des DKV.<br />

Der Stellenwert der Ausbildung wurde von den Trainern des DKV eher niedrig eingeschätzt.<br />

Die praktischen Erfahrungen und die Orientierung an den Konzeptionen der<br />

Bundestrainer ist eine bedeutendere Quelle des Wissenserwerbs.<br />

Der Stellenwert der Ausbildung wurde von den Trainern des SRD als besonders<br />

hoch charakterisiert. Ebenso wichtig sind die praktischen Erfahrungen und das Training<br />

mit und unter erfahreneren <strong>Karate</strong>-Meistern sowie der Dialog mit ihnen.<br />

Das Trainerwissen stellt eine wesentliche und grundlegende Komponente in der<br />

Entwicklung des Trainingssystems dar.<br />

Zusammenfassend lasen sich aus allen Ableitungen, Vergleichen und Schilderungen<br />

grundlegende und allgemeine Hauptkategorien und spezifische Unterkategorien gemittelt<br />

darstellen. Somit ergibt sich folgende Übersicht (siehe nächste Seite):<br />

95


4.3.7) Kategoriendarstellung<br />

In folgender Tabelle werden die festgestellten allgemeinen Kategorien zusammenfassend<br />

dargestellt:<br />

Hauptkatego-<br />

rien <br />

Unterkategorien <br />

Trainingsziele<br />

- Wettkampf<br />

- Leistungssport<br />

- Motive<br />

- Körperbildung<br />

- Geistesbildung<br />

- Charakterbildung<br />

- Kompetenzentwicklung<br />

4.3.8) Prinzipienerstellung<br />

Trainingsplanung<br />

- Trainingsvorbereitung<br />

- Rahmenkonzeption<br />

- Periodisierung<br />

- Zyklisierung<br />

- Makrozyklus<br />

- Mikrozyklus<br />

Trainingsmethoden<br />

- Allgemeine<br />

Prinzipien<br />

- Informationsgestaltung<br />

- methodische<br />

Gestaltung<br />

- Methoden der<br />

Kondition &<br />

Koordination<br />

- Trainingsmittel<br />

- Techniktraining<br />

- Technikaneignungstraining<br />

- Stabilisierungstraining<br />

- Anwendungstraining<br />

- Variationstraining<br />

- PsychologischesTraining<br />

- Fehlerkorrektur<br />

- Didaktische<br />

Prinzipien<br />

96<br />

Technikleitbild<br />

- allgemeine<br />

Prinzipien<br />

- Funktionsphasen<br />

- Qualitative<br />

Bewegungsmerkmale<br />

- Quantitative<br />

Bewegungsmerkmale<br />

- Bewegungsanalyse<br />

- Sollwert<br />

- Istwert<br />

Trainingsinhalte<br />

- Strukturierung<br />

- Systematisierung<br />

- Spezialisierung<br />

- Ganzheitlichkeit<br />

- Zielabhängigkeit <br />

Trainerwissen<br />

- sportartspezifische<br />

Literatur<br />

- sportartspezifische<br />

Videos<br />

- eigene Erfahrungen<br />

- andere<br />

Trainer,<br />

Lehrer,<br />

Meister<br />

- Ausbildung<br />

- Sportler,<br />

Athleten<br />

Aus den Erläuterungen und Analysen der Interviews, im Zusammenhang mit sportwissenschaftlichen<br />

Erkenntnissen und den geschichtlich, traditionellen, philosophischen<br />

und klassischen Werten lassen sich allgemeine Prinzipien ableiten. Sie stellen<br />

entscheidende Grundsätze innerhalb des Shotokan-<strong>Karate</strong>-Trainings dar und kennzeichnen<br />

eine Überschneidung von theoretischen, sportwissenschaftlichen Erkenntnissen<br />

mit praktischen, sportlichen Anwendungen. Man kann sie als „Praxisregeln“<br />

bezeichnen (vgl. Roth (Hrsg.) 1996, S.85).<br />

1. Prinzip der Trainingsplanung: Alle Trainer erstellen nach verschiedenen Mustern<br />

Trainingspläne. Im Vergleich zu den Anfängen des Shotokan-<strong>Karate</strong>-Trainings<br />

ist das eine wesentliche Veränderung innerhalb des Trainingssystems. Hierzu gilt die<br />

Aussage, dass nur ein planmäßig gesteuertes und kontinuierlich durchgeführtes<br />

Training Anpassungen und gewünschte Effekte erzielt.<br />

2. Prinzip der Komplexität (in Anlehnung an Roth (Hrsg.) 1996, S.86): Das Training<br />

stellt sich nicht mehr als die Ausführung der Kata dar, wie es bis zum 20. Jahrhundert<br />

üblich war, sondern als interdisziplinäres Tätigkeitsfeld sowohl für Trainer als<br />

auch für Athleten. Die bereits durchgeführte Fähigkeits- und Fertigkeitsanalyse ist


hierzu nur ein Beispiel. Trainer und Athleten setzen sich mit psychologischen, soziologischen,<br />

pädagogischen, physiologischen, physikalischen, biomechanischen, philosophischen,<br />

traditionellen, allgemein sportwissenschaftlichen, methodischen, didaktischen,<br />

motivationalen, biologischen, entwicklungspsychologischen u.a. Elementen<br />

im Trainingssystem des Shotokan-<strong>Karate</strong> auseinander. Aber nicht nur dies macht<br />

das Prinzip der Komplexität aus, sondern auch die Bewegungs- und Kombinationsvielfalt<br />

der Shotokan-<strong>Karate</strong>-Techniken. Die letztlich angestrebte automatisierte und<br />

variationsfähige Anwendung der Techniken unter realen Bedingungen stellt eine hohe<br />

Komplexität des Trainings und der psycho-physischen Verarbeitungsebene dar.<br />

3. Prinzip der Funktionalität (in Anlehnung an Roth (Hrsg.) 1996, S.87): Das Training<br />

und alle bisher beschriebenen Elemente und Prinzipien unterliegen dem Funktionsprinzip.<br />

Die Spezialisierung im sportlich betriebenen <strong>Karate</strong> und auch das erweiterte<br />

klassisch betriebene Shotokan-<strong>Karate</strong> haben das deutlich herausgestellt. Im<br />

Wettkampf sind nur Techniken erfolgreich, die nach Wettkampfanalysen und wettkampfspezifischem<br />

Training unter Wettkampfbedingungen Punkte in gestellten Situationen<br />

erzielen. Dabei stellt sich die Ausdifferenzierung in den Bereichen Kumite und<br />

Kata besonders deutlich heraus. Es werden Techniken so verändert, dass sie im<br />

Wettkampf einsetzbar sind. Abwehrbewegungen stehen im Hintergrund und Angriffstechniken<br />

werden hoch funktional und spezialisiert trainiert. Die alten philosophischen<br />

und traditionellen Ansichten sind nach westlichem Standart eher mythisch und<br />

esoterisch. Deshalb sind sie im modernen Sportkarate vollkommen überflüssig (vgl.<br />

R. Jakhel 2002). Es kristallisiert sich das Prinzip der Funktionalität von Techniken im<br />

Wettkampf und somit auch die Funktionalität des Trainingsprozesses heraus. Im<br />

klassisch betrieben Shotokan-<strong>Karate</strong> ist die Funktionalität in der Weiterentwicklung<br />

der Systematisierung innerhalb des Trainings sichtbar. Es werden hierzu Analysen<br />

vorgenommen und wissenschaftliche Untersuchungen durchgeführt, wie zum Beispiel<br />

von der Universität Long Island, um Wege zu finden <strong>Karate</strong> im klassischen Sinne<br />

leichter und schneller „beizubringen“ bzw. zu unterrichten. Es soll dabei keinen<br />

Verlust der philosophischen und traditionellen Werte, Wurzeln und Ursprünge geben.<br />

Die Funktionalität von <strong>Karate</strong>, Mensch und Umwelt bildet schließlich das ganzheitliche<br />

Ziel, wie es auch im SRD formuliert wird. Funktionalität wird durch Analysen,<br />

Technikleitbilder, Fehlerkorrekturen, Technikoptimierungen, Anwendung verschiedener<br />

Übungsformen und Methodiken und durch Anpassung an Entwicklungsprozesse<br />

und moderne Erkenntnisse gewährleistet.<br />

4. Prinzip der Spezialisierung: Sowohl im sportlich betriebenen <strong>Karate</strong> als auch im<br />

klassisch betriebenen <strong>Karate</strong> findet das Prinzip der Spezialisierung Anwendung. Die<br />

Spezialisierung im Bereich des sportlich betriebenen <strong>Karate</strong> wurde schon mehrmals<br />

beschrieben. Durch die ständigen Analysen, besonders von Wettkämpfen, werden<br />

Veränderungen im Trainingsprozess vorgenommen, um die Anwendung spezieller<br />

Techniken bzw. von Spezialtechniken zu optimieren und zu perfektionieren. Die Spezialisierung<br />

von Trainingsverfahren, besonders im Bereich der Vermittlung von Techniken,<br />

stellt eine Charakteristik des klassisch betriebenen Shotokan-<strong>Karate</strong>s dar. Es<br />

kann festgestellt werden, dass Spezialisierung einerseits in der Umwandlung von<br />

Techniken für den Wettkampfgebrauch und den damit verbundenen Trainingsverfahren<br />

stattfindet und andererseits in der Synthese zwischen klassischen Trainingsmethoden<br />

und –inhalten mit modernen sportwissenschaftlichen Erkenntnissen liegt.<br />

Letzteres beschreibt eine Spezialisierung des Trainingssystems durch Systematisierung<br />

relevanter Inhalte.<br />

97


5. Prinzip der Qualität: Hier stellen sich verschiedene Bedeutungen des Begriffes<br />

Qualität in Bezug auf Shotokan-<strong>Karate</strong> dar. Zum einen bedeutet es die optimale Ausführung<br />

von Techniken mit dem sportlichen Ziel einen Punkt im Wettkampf zu landen<br />

oder mit dem realistischen Ziel Selbstverteidigungssituationen sicher zu bewältigen.<br />

Das bedeutet die Ausführung einer qualitativ hochwertigen Technik unter „Qualitätsdruck“<br />

(vgl. Roth (Hrsg.) 1996, S.98). Zum anderen beschreibt Qualität das Merkmal<br />

der Ausbildung von Athleten und Trainern und somit des Trainingsprozesses und der<br />

damit verbundenen Trainingsvorbereitungen. Es müssen Qualitätsmerkmale für das<br />

sportlich, wettkampfbetriebene und das klassisch betriebene <strong>Karate</strong> festgestellt werden.<br />

Wettkampftechniken wurden aus den spezifischen klassischen Techniken entwickelt.<br />

Beide Kategorienklassen folgen den gleichen biomechanischen und motorischen<br />

Prinzipien, unterscheiden sich aber in ihrer Umsetzung und Anwendung.<br />

6. Prinzip der Quantität: Dieses Prinzip beschreibt auf einer Ebene die Entwicklung<br />

des Sport- und Wettkampfkarate zum Massensport, wobei der Verlust von korrekter<br />

Form und Qualität der Technik hingenommen wird. Das stellten auch R. Masella und<br />

J. Waterstradt im Interview deutlich heraus. Der DKV deklariert für das Jahr 2004 ca.<br />

110000 Mitglieder. Da das Bestreben des Sport- und Wettkampfkarate die Teilnahme<br />

an den olympischen Spielen ist, müssen viele Menschen hinter der Organisation stehen.<br />

Deshalb wird ein Qualitätsverlust in Kauf genommen und das klassische Technikprinzip<br />

rationalisiert, umstrukturiert und ökonomisiert (vgl. Jakhel 2002). Die Qualität<br />

des kämpferischen Inhalts der Kata weicht einer Angleichung der Kata an Ausführungsmöglichkeiten<br />

der Athleten, dem Ästhetikprinzip und wechselt zum Prinzip der<br />

Quantität. Die Fähigkeit viele Shotokan-<strong>Karate</strong>-Techniken variabel einsetzen zu können<br />

weicht der Entwicklung von 2-3 Spezialtechniken unter standardisierten Bedingungen.<br />

Das sind vor allem die Bedingungen des Wettkampfes. Der Wettkampf wird<br />

auf wenige Techniken reduziert, wodurch es eine Reduktion von Situationen gibt.<br />

Außerdem werden die Spezialtechniken standardmäßig unter Wettkampfanalysen<br />

trainiert. Die Qualität der Fähigkeit der Anwendung von Techniken unter realen Bedingungen<br />

weicht der Quantität von Technikausführungen im Wettkampf. Die Wettkampftechniken<br />

sind qualitativ hochwertig, jedoch nur unter den Merkmalen der<br />

Techniken für den Wettkampf. Die Ausdifferenzierung innerhalb des Systems des<br />

Shotokan-<strong>Karate</strong> wird an diesem Prinzip gut verdeutlicht.<br />

7. Prinzip der Versportlichung: Aus den oben beschriebenen Kategorien und Prinzipien<br />

kann das Prinzip der Versportlichung im Trainingssystem des Shotokan-<br />

<strong>Karate</strong> abgeleitet werden. Sport bedeutet so viel wie Zeitvertreib und Belustigung. Da<br />

der Leistungssport eine wichtige Komponente ist, vor allem um <strong>Karate</strong> olympisch zu<br />

machen, muss er trainiert werden. Doch von den 110000 Mitgliedern im DKV betreibt<br />

der geringste Prozentsatz Leistungssport. Die breite Masse der im DKV organisierten<br />

Mitglieder übt <strong>Karate</strong> als Freizeit- und Breitensport, wovon viele selbstverständlich<br />

auch das klassisches <strong>Karate</strong>-Do trainieren. Aber die Methoden richten sich nach den<br />

wenigen Leistungssportlern. In den Aussagen der Trainer des DKV und aus der gesichteten<br />

wissenschaftlichen Literatur verschiedener Sportkaratetrainer wird deutlich<br />

herausgestellt, dass sie sich in ihren Trainingsvorbereitungen und praktischen Umsetzungen<br />

an den Richtlinien der Bundestrainer orientieren. Die Bundestrainer üben<br />

nach den sportlichen Aspekten und Analysen, besonders im Bereich der Techniken<br />

im Kumite und der Ästhetik der Kata. Die klassischen Prinzipien werden wegrationalisiert,<br />

wie bereits festgestellt wurde. Hinzu kommen die Wettkampfrichtlinien nach<br />

den Prinzipien des DSB und anderen sportlichen Einrichtungen, um „salonfähig“ für<br />

die olympischen Spiele zu werden. Es entstehen neue sportliche Regeln, die als<br />

98


Wertemaßstäbe für den Wettkampf benutzt werden können. Die Prinzipien des Leistungsstrebens,<br />

des „Höher, Schneller, Weiter“, des Siegstrebens und der „Ruhmsuche“<br />

rücken in den Vordergrund und werden Hauptmotive im Training. Die ursprünglichen<br />

Gedanken der Charaktervervollkommnung, der Überwindung seiner Selbst<br />

und der oben beschriebenen klassischen, traditionellen und philosophischen Werte<br />

werden abgelehnt und dem westlichen Standardverständnis angepasst. Das Prinzip<br />

der Versportlichung von Shotokan-<strong>Karate</strong> bedeutet einen Verlust klassischer Inhalte<br />

und eine Transformation spezifischer Techniken in wettkampffähige Technikvarianten<br />

mit anderen sportiven Philosophien. Das stellt eine starke Veränderung innerhalb<br />

des Trainingssystems dar. Der Begründer des modernen <strong>Karate</strong>, Funakoshi Gichin,<br />

der es als Friedensbotschaft nach Japan brachte, betonte immer folgendes:<br />

”Das höchste Ziel im <strong>Karate</strong>-Do ist nicht der Sieg oder<br />

die Niederlage, sondern die Perfektion des<br />

menschlichen Charakters!”<br />

(Kalligrafie und Gedicht von Funakoshi Gichin; Quelle: Schlatt 1999, S.213)<br />

8. Prinzip der Modernisierung: Die Versportlichung bewirkt gleichzeitig eine Modernisierung<br />

im Trainingsprozess und in der Systematik des klassischen Shotokan-<br />

<strong>Karate</strong>. Aber Modernisierung findet auch im Trainingsprozess des klassischen Shotokan-<strong>Karate</strong><br />

selbst statt. Durch die Synthese von wissenschaftlichen Erkenntnissen<br />

und traditionellen Mustern wird die Qualität des Trainings in diesem System verbessert.<br />

Dafür sind die oben genannten Ausbildungsthemen der Instruktorenklasse ein<br />

hervorragendes Beispiel. Das stellt einen wesentlichen Veränderungsprozess im<br />

Trainingssystem des Shotokan-<strong>Karate</strong> dar.<br />

9. Prinzip der Individualisierung (in Anlehnung an Roth (Hrsg.) 1996, S.89): Im<br />

Sport und in der Gesellschaft ist die Individualisierung ein wesentliches Merkmal des<br />

sozialen Wandels. Im Shotokan-<strong>Karate</strong> muss mit Partnern geübt werden, aber jeder<br />

nach seinen eigenen psychischen und physischen Grenzen. Es wird individuell trainiert,<br />

besonders im Wettkampfkarate. Wie bereits festgestellt wurde, entwickeln<br />

Wettkampfsportler Techniken nach ihren individuellen Gegebenheiten weiter. Im<br />

klassisch betriebenen <strong>Karate</strong> formt sich nach langen Jahren des Trainings ein individueller<br />

Stil. Individualisierung ist ein wesentlicher Punkt im Sport. Aus der Geschichte<br />

des Shotokan-<strong>Karate</strong> ist ableitbar, dass schon immer individuell, von Lehrer zu<br />

Schüler, <strong>Karate</strong> weitergegeben und gelehrt wurde. Diese Entwicklung stoppt teilweise<br />

beim sportlichen Massentraining (Bsp.: Großlehrgänge mit vielen hundert Teilnehmern<br />

unter berühmten Sportkaratemeistern, die beachtliche Erfolge bei internati-<br />

99


onalen Meisterschaften erlangt haben). Dort kann nicht auf individuelle Bedürfnisse<br />

und Gegebenheiten eingegangen werden. Aber jeder dieser Sportler übt individuell<br />

weiter. Möglicherweise stellt das ein Merkmal des Qualitätsverlustes dar.<br />

10. Prinzip der Ganzheitlichkeit: Hierbei wird die Ganzheit von Mensch und Umwelt<br />

durch Shotokan-<strong>Karate</strong>-Training bestimmt. Durch körperliches Training, mit dem Bewusstsein<br />

der charakterlichen Werte und Inhalte des <strong>Karate</strong>-Do, aber auch durch das<br />

Umsetzten der wettkampfspezifischen Werte und Regeln, können soziale Fähigkeiten<br />

verbessert, Selbstbewusstsein gesteigert und der Umgang mit der Umwelt erleichtert<br />

werden. Die Einheit der Elemente Kata, Kumite und Kihon stehen im Zusammenhang<br />

mit der Einheit von <strong>Karate</strong> und Leben. Das ist das Prinzip im klassisch<br />

betriebenen <strong>Karate</strong>-Do. So wie die genannten Einzelelemente zu einem Ganzen zusammengefügt<br />

werden, so wird auch die Persönlichkeit des Übenden durch <strong>Karate</strong>training<br />

für sich selbst, die Gesellschaft und die Umwelt im Allgemein entwickelt und<br />

zusammengefügt.<br />

11. Prinzip der Kontinuität: „Wahres <strong>Karate</strong> ist wie heißes Wasser, das abkühlt,<br />

wenn du es nicht ständig wärmst“ (Schlatt 1999, S.180). Nur kontinuierliches, ständiges<br />

und dauerhaftes Training bringt Erfolge und Fortschritte im Sport. Das gilt selbstverständlich<br />

auch für das Shotokan-<strong>Karate</strong>. So wie Wasser das schnell abkühlt, vergisst<br />

der Athlet Techniken, Abfolgen oder sinkt im Fähigkeitsniveau, wie zum Beispiel<br />

im Kumite, wenn er nicht beständig trainiert und sich dessen erinnert, was er gelernt<br />

hat. Trainingserfolge können nur erreicht werden, wenn planmäßig und regelmäßig<br />

geübt wird.<br />

12. Prinzip der Einsicht (in Anlehnung an Roth (Hrsg.) 1996, S.91): Im Shotokan-<br />

<strong>Karate</strong> spielt die Einsicht eine wesentliche Rolle. Einsichten müssen mit Fehlerkorrekturen<br />

bei Athleten hervorgerufen werden. Der Athlet muss einsichtig üben und so<br />

seine Fehler erkennen. Der Trainer muss einsichtig sein, wenn er Fehler macht oder<br />

ein Athlet nicht so gut ist, wie er geglaubt hat. Es muss Einsichten bezüglich des<br />

Trainingssystems und der Trainingsmethoden geben, um eine positive Entwicklung<br />

nicht zu blockieren. Einsichten entstehen durch Übertreibungen und das Begehen<br />

von Fehlern. Selbst wenn es oft zu spät ist, um einen begangenen Fehler rückgängig<br />

zu machen, zum Beispiel wenn die Gesundheit angegriffen ist und Wirbelsäulenschäden<br />

die Folge sind, können durch Einsichten diese Fehler bei nachfolgenden<br />

Generationen vermieden werden. Einsichten und das Eingestehen der Richtigkeit<br />

oder der Falschheit des Übens bedeuten zu seinen Schwächen und Fehlern zu stehen<br />

und diese öffentlich, wenigstens im Rahmen des Trainings, zu zeigen. Einsichten<br />

bieten Möglichkeiten neue Funktionsweisen, Prinzipien und Ansätze für das Training<br />

zu entdecken. Einsichten sind sowohl im sportlich als auch im klassisch betriebenen<br />

<strong>Karate</strong> von großer Bedeutung. Einerseits um sich gegenseitig zu erkennen<br />

und zu respektieren und andererseits um sich selbst zu erkennen und die spezifischen<br />

Elemente und Merkmale des betriebenen <strong>Karate</strong>s zu extrahieren, zu analysieren<br />

und gegebenenfalls zu ändern. Das betrifft sowohl die technischen Elemente mit<br />

ihren Merkmalen und Methoden als auch sportphilosophische oder klassisch traditionelle<br />

Ansichten. Hierfür ist Kommunikation die wesentliche Grundlage.<br />

13. Prinzip der Kohärenz: Die Inhalte des Trainings müssen sowohl mit der Theorie<br />

als auch mit dem gesetzten Ziel übereinstimmen. Das Technikleitbild muss im Zusammenhang<br />

mit der Funktion der Technik stehen, der Istwert muss der Stufe der<br />

aktuellen Trainingsplanung entsprechen und in Zusammenhang mit Sollwertvorga-<br />

100


en gebracht werden können. Der Zusammenhang Grundlagen, Training und Individualität<br />

muss gegeben sein. In Anlehnung an E.-J. Hossner, der in den Ausführungen<br />

zum Techniktraining im Spitzensport (vgl. Roth (Hrsg.) 1996, S.98) das ähnliche<br />

Prinzip der Kongruenz beschreibt, kann festgestellt werden, dass wirksames Training<br />

„eine hohe Übereinstimmung zwischen der Innensicht des Sportlers, der subjektiven<br />

Außensicht des Trainer sowie der objektiven Außensicht des analysierenden Biomechanikers“<br />

voraussetzt. Es muss also ein ständiger Bezug zwischen allen Elementen<br />

gegeben sein. Gesundheit, Leistung, Wirkungsweise, Abhärtung, Trainingsprinzipien<br />

u.a. müssen in Beziehung stehen und die scheinbaren Widersprüchlichkeiten, von<br />

beispielsweise Abhärtung und Gesundheit im Trainingsprozess, in einen sinnvollen<br />

Zusammenhang gebracht werden. Dieses Prinzip gewährleistet teilweise die Ganzheitlichkeit<br />

im und des Shotokan-<strong>Karate</strong>-Training/s. Es stellt ein inter- und intradisziplinäres<br />

Bindeglied dar.<br />

14. Prinzip der optimalen Aufmerksamkeitslenkung (in Anlehnung an Roth<br />

(Hrsg.) 1996, S.96): Aufmerksamkeit ist im Shotokan-<strong>Karate</strong> eine wesentliche psychische<br />

Komponente. Das im Abschnitt 3.1.1.2 „Ki-Gamae - Psychische Bereitschaft“<br />

beschriebene Zanshin ist hierfür eine Bekräftigung. Die Bedeutung der Aufmerksamkeit<br />

wurde schon ausführlich behandelt. Hierzu kann noch ein Zitat des Begründers<br />

des modernen <strong>Karate</strong> Funakoshi Gichins genannt werden: „Unheil entsteht durch<br />

Nachlässigkeit“ (Schlatt 1999, S.180). Die Schulung der Aufmerksamkeit im Training<br />

ist gleichzeitig Schulung der Aufmerksamkeit im Leben. Während die Aufmerksamkeit<br />

im Techniklernprozess auf alle Kleinigkeiten gelenkt wird, wird sie am Ende des<br />

Techniktrainings von diesen weg auf die Umgebung gelenkt. Der Trainer muss mit<br />

seiner Aufmerksamkeit ständig beim Lern- und Trainingsprozess sein, um seinen<br />

Beitrag zum Gelingen einer optimalen Entwicklung des Athleten zu leisten. Im Leben<br />

und im Wettkampf geschieht Unglück immer durch Unachtsamkeit. Die geschichtlichen<br />

Wurzeln lehren, dass derjenige das Leben im Kampf verloren hat, der seine<br />

Aufmerksamkeit verloren hat. Das gleiche gilt heute als ein Teilaspekt für Sieg oder<br />

Niederlage im Wettkampf.<br />

15. Prinzip des Do: Dieses Prinzip beschreibt die Entwicklung des gesamten Trainingssystems<br />

im <strong>Karate</strong>. Do bedeutet Weg und jeder Weg beginnt mit einem Schritt.<br />

Da es viele Menschen mit unterschiedlichsten Ansichten gibt, werden auch die verschiedensten<br />

Wege beschritten. Die Bedeutung des klassischen <strong>Karate</strong> ist aus der<br />

Geschichte überliefert. Viele Werte dienen der Vervollkommnung des menschlichen<br />

Charakters und somit der Menschen selbst. Die Entwicklung der Menschheit, die Befriedungen<br />

und das damit einhergehende neue Verständnis seiner selbst führt letztendlich<br />

zu Veränderungen in allen Bereichen des Lebens. Die Selbstverteidigungsformen<br />

entwickelten sich zu Charaktervervollkommnungsformen weiter. Deshalb<br />

wurden sie als Kampf- oder Weg-Künste bezeichnet. Deren Inhalte sind seit vielen<br />

Jahrhunderten überliefert und geben eine Botschaft der Vergangenheit weiter. Wie in<br />

der Arbeit herausgestellt wurde, konnten in diese Kampfkünste, wie zum Beispiel ins<br />

Shotokan-<strong>Karate</strong>, neue Formen des Trainings integriert und alte umstrittene, gesundheitsgefährdende<br />

Methoden entfernt werden. Es differenzierten sich neue Bewegungsmuster<br />

heraus. Es entstand beispielsweise das Sport- und Wettkampfkarate.<br />

Auch das ist ein Prinzip des Weges. Jeder nimmt sich etwas aus dem Ganzen,<br />

fügt einen eigenen Beitrag hinzu, um letztendlich der Welt ein wenig von sich zu hinterlassen.<br />

Der Weg hat viele Abzweige. Einer dieser Abzweige führt zum Sport, ein<br />

anderer zum klassischen <strong>Karate</strong>. Jeder nimmt den, den er für den richtigen hält.<br />

5) Zusammenfassung<br />

101


Diese Arbeit stellt einen Einblick in die Entwicklung des Trainingssystems des Shotokan-<strong>Karate</strong><br />

dar. Den Hintergrund des Shotokan-<strong>Karate</strong> bildet die Verteidigung des<br />

Lebens unterdrückter Okinawanern. Durch die Befriedung des Landes folgte die Verbindung<br />

von kämpferischen Körperbewegungen mit geistigen und philosophischen<br />

Werten. Daraus bildeten sich Traditionen mit ritualisierten Gesten und Handlungen<br />

heraus, wodurch ein Selbstverteidigungssystem in eine Kampfkunst verwandelt wurde.<br />

Mit der anschließenden Verbreitung dieser Kampfkunst als Friedensbotschaft<br />

wurde eine Entwicklung eingeleitet, die neue Bewegungsformen und neue Ansichten<br />

in das Trainingssystem des Shotokan-<strong>Karate</strong> brachte. Über Japan kam es nach Europa<br />

und somit auch nach Deutschland. Im Zuge der wissenschaftlichen Auseinandersetzung<br />

mit dieser neuen Sportart wurden klassische Trainingsmethoden, asiatische<br />

Philosophien und Traditionen, Technikausführungen und Lehrmethoden untersucht.<br />

Da es große Divergenzen bezüglich der Werte und Ansichten zwischen asiatischen<br />

und westlichen Nationen gibt, konnte Shotokan-<strong>Karate</strong> nur schwer so übernommen<br />

werden, wie es in Japan gelehrt wurde. Eine japanische Eigenart war es<br />

keine Fragen zu stellen. Die nicht verständlichen Aspekte wurden durch jahrelange<br />

Übung intuitiv erfasst. Deshalb stellt Shotokan-<strong>Karate</strong> mit der Bezeichnung Do eine<br />

Weg-Kunst dar. Das ist für analytisch, wissenschaftlich orientierte Menschen nur<br />

schwer greifbar. Shotokan-<strong>Karate</strong> musste dem westlichen Verständnis angepasst<br />

werden. Eine Ebene dieses Verständnisses bildete der Wettkampf bzw. Leistungsvergleich.<br />

Die Anfänge der Wettkampfentwicklung wurden in Japan begründet und in<br />

den westlichen Nationen fortgeführt. Um einen effektiveren und ökonomischeren<br />

Lerneffekt der komplizierten <strong>Karate</strong>bewegungen zu erzielen, analysierten und systematisierten<br />

verschiedenen Sportler und Wissenschaftler das Shotokan-<strong>Karate</strong> und<br />

stellten eine reduziertere und rationalisiertere Variante des klassischen <strong>Karate</strong> heraus.<br />

Die Versportlichung vollzog sich rasch und bildete schnell ein selbstständiges<br />

<strong>Karate</strong>-Wettkampfsystem mit dem Anspruch als Shotokan-<strong>Karate</strong> bezeichnet zu<br />

werden. Der Lernprozess der Techniken wurde verkürzt, unnütze Techniken weggelassen,<br />

eine eigene „Sportphilosophie“ hinzugefügt und der Selbstverteidigungscharakter<br />

in eine aggressive Sportkampfform transformiert. Doch auch das klassische<br />

<strong>Karate</strong> fand Anhänger, welche die asiatischen Prinzipien und Vorstellungen annahmen,<br />

aber das Trainingssystem erweiterten. Die Studie der Universität von Long Island<br />

stellt hierfür ein hervorragendes Beispiel dar. Sportwissenschaftliche Erkenntnisse<br />

verbesserten in beiden <strong>Karate</strong>bereichen das Trainingssystem, boten und bieten<br />

noch immer Möglichkeiten der Überprüfung bestehender Systematisierungen und<br />

Methoden und gewährleisten Entwicklungsprozesse innerhalb des Shotokan-<strong>Karate</strong>.<br />

Das bestätigt die Interviewstudie, anhand derer festgestellt werden konnte, dass sich<br />

Shotokan-<strong>Karate</strong> auf hauptsächlich zwei Ebenen weiterentwickelt hat. Die eine Ebene<br />

ist das sportlich betriebene <strong>Karate</strong>, das in den Ansichten fast vollkommen kontrovers<br />

zur zweiten Ebene steht. Diese ist das klassisch betriebene Shotokan-<strong>Karate</strong>.<br />

Die Inhalte der Trainerausbildungen, die Trainingsziele, die Ansichten bezüglich der<br />

geistigen Werte, die Technikausführungen, die Gesundheitsaspekte, die Mentalität<br />

der Art zu kämpfen, Vorstellungen und Bedürfnisse bezüglich der Kampfkunst <strong>Karate</strong><br />

werden unterschiedlich entwickelt und angepasst. Modern sind beide Varianten. Die<br />

traditionelle, klassische Variante, die als Kampfkunst und die wettkampforientierter<br />

Variante, die als Kampfsport bezeichnet wird definieren durch verschiedene Systematisierungsansätze<br />

die Entwicklung innerhalb des Shotokan-<strong>Karate</strong>-Trainingssystems.<br />

Ein Leitsatz des Sportkarate besagt, dass es wie Eiskunstlaufen ist. Es<br />

zählen der dramaturgische Ausdruck und die Technik. Klassisches <strong>Karate</strong> vertritt die<br />

102


Ansicht, das <strong>Karate</strong> Kampf mit sich selbst und gegen Angreifer ist. Es zählen das<br />

Überleben und die Wirkung, das Aussehen aber nichts.<br />

In der Arbeit kommt besonders der Unterschied in den Ausbildungen der Trainerklassen<br />

zur Geltung. Alle genannten Themen präsentieren Erkenntnisse und hoch<br />

spezifizierte Inhalte als Teilglieder der Gesamtlehre des Shotokan-<strong>Karate</strong>-Systems.<br />

Die praktische Realisierung und völlige Beachtung aller themenrelevanter Inhalte der<br />

Trainerausbildungen ist schwer umsetzbar. Die Aussagen der Trainer bekräftigen<br />

das. Sie repräsentieren das, was Shotokan-<strong>Karate</strong> heute ist und morgen sein wird.<br />

Ihr Wissen, ihre Fähigkeiten als Athlet und als Trainer, ihre Ausbildungen und alle<br />

bisher genannten Faktoren, Merkmale und Prinzipien begründen die Weiterentwicklung<br />

des Shotokan-<strong>Karate</strong>, hauptsächlich durch das Wirken und Bemühen der Trainer.<br />

Realistische und, so weit es möglich ist, objektive Selbsteinschätzungen sind<br />

dabei grundlegender Bestandteil, denn nur eine ehrliche Einschätzung und die Fähigkeit<br />

nicht nur geradeaus zu schauen gewährleisten eine positive Entwicklung. Aus<br />

den wissenschaftlichen Betrachtungen, Analysen und Erkenntnissen und den alltagsorientierten<br />

und praktischen Aussagen der interviewten Trainer konnten Kategorien<br />

erstellt werden, die festgestellte Grundsätze systematisierend darstellen. Daraus<br />

wurden Prinzipien abgeleitet, die letztendlich Entwicklungen im Shotokan-<strong>Karate</strong><br />

verallgemeinert charakterisieren.<br />

Die Rahmenhypothese, dass es im Trainingssystem des Shotokan-<strong>Karate</strong> starke<br />

Veränderungen gibt, kann definitiv verifiziert werden. Die tiefergehende hypothetische<br />

Annahme, dass das Shotokan-<strong>Karate</strong> als Spezialisierung und Transformierung<br />

von Techniken zum Wettkampfsport einerseits und als Erweiterung des klassischen<br />

Trainingssystems mit modernen sportwissenschaftlichen Erkenntnissen andererseits,<br />

in zwei Hauptrichtungen gesplittet wurde, kann ebenfalls als wahr angenommen werden.<br />

So schließt der Rahmen dieser Arbeit mit zwei Zitaten zweier Wegbegründer des<br />

modernen Shotokan-<strong>Karate</strong>, welche die Grundgedanken zusammenfassen und Lösungen<br />

vieler Probleme anbieten:<br />

„Das richtige Training der dem <strong>Karate</strong> zugrundeliegenden Prinzipien wird es dem <strong>Karate</strong>-Ka<br />

ermöglichen, sich nötigenfalls außerhalb des Dojo zu verteidigen oder an einem<br />

Shiai teilzunehmen. Wenn die grundlegenden Prinzipien korrekt sind, macht es<br />

keinen Unterschied, was der <strong>Karate</strong>-Ka tut. Grundlagen sind Grundlagen, und diese<br />

werden zu allen Zeiten unter allen Umständen von Nutzen sein.“ (Diese Worte sind<br />

von Nakayama Masatoshi Sensei und aus R. Hassel 1997, S.106 übernommen.)<br />

Funakoshi Gichin, Begründer des modernen <strong>Karate</strong>-Do (Schlatt 1999, S.197):<br />

„Hatsuun jindo – Lass die Wolken zieh’n und gehe deinen Weg!“<br />

103


Anhang<br />

Stichwortverzeichnis<br />

Ausspracheregeln (vgl. Schlatt 1999):<br />

ch - ähnlich tsch, wie in Klatschen<br />

e - ähnlich ä, wie in besser<br />

ei - ähnlich ee, wie in See<br />

h - ein Laut, der zwischen h und ch liegt, wie in Fach<br />

j - ähnlich dsch, wie in Job<br />

r - Zungen-r,<br />

s - ähnlich ss, wie in Hass<br />

sh - ähnlich sch, wie in Schwert<br />

y - ähnlich j, wie in Jagd<br />

z - ähnlich s, wie in Sand<br />

• u wird in vielen Fällen kaum betont bzw. gar nicht ausgesprochen. (z.B. Shuto,<br />

gesprochen: "Schto")<br />

• ae, ei, ue werden getrennt gesprochen. (z.B. Mae-Geri, gesprochen: "Ma-e-<br />

Geri")<br />

Begriffe (vgl. Schlatt 1999):<br />

<strong>Budo</strong> - der Weg des Krieges, Oberbegriff für Kampfkünste<br />

Dachi - Stand, Stellung<br />

Dai - Groß<br />

Dan - Meistergrad<br />

Do - Weg, Lehre, Suche, Erfahrung<br />

Dojo - Trainingsort, Ort des Weges<br />

Futanren - Unzulängliches Training<br />

Gi - <strong>Karate</strong>anzug<br />

Hanmi - Abgedrehte/r Hüfte/Oberkörper<br />

Hara - Bauch, energetisches Zentrum des Menschen, Schwerpunkt, Körpermitte<br />

Hiki-Te - Zurückziehen der Faust an die Hüfte<br />

Honbu Dojo - Zentraldojo<br />

Jiyu - Frei<br />

Kamae - Bereitschaftshaltung, Kampfstellung, vorbereitende Haltung<br />

Kara - Hülle, Schale, Leer<br />

<strong>Karate</strong>-Do - Der Weg der leeren Hand<br />

<strong>Karate</strong>ka - <strong>Karate</strong>betreibende(r)<br />

104


Keiko - Das Alte, die Vergangenheit überdenken. Bezeichnung für das<br />

Üben im Sinne des <strong>Budo</strong> bzw. der alten traditionellen Künste. Es<br />

umfasst die drei wichtigsten Komponenten Ki, Shin und Waza.<br />

Das Ziel ist es, durch die Übung zu reifen.<br />

Ki - Vitale/innere Energie<br />

Kiai - Kampfschrei<br />

Kihaku - Kampfgeist, geistige Energie<br />

Kikioji - Angst vor dem Ruf des Gegners<br />

Kime - schockartiges Anspannen sämtlicher Muskeln am Ende einer<br />

Technik, physische und psychische Energiekonzentration<br />

Kohai - der Spätere, fortgeschrittene jüngere Schüler<br />

Kokyu - Atmung, Atem<br />

Kote-Kitae - Abhärtung des Körpers<br />

Kyoshi - Lehrer, Experteninstruktor der <strong>Budo</strong>-Schule<br />

Kyu - Schülergrad, Farbgurte<br />

Kyudan - Gürtelrangsystem<br />

Makiwara - Schlagpolster<br />

Mikuzure - Angst vor dem Aussehen des Gegners<br />

Mushin - Nicht denken, unbewußt<br />

Obi - Gürtel<br />

Omote - fundamental, grundlegend, die obere, offensichtliche Seite der<br />

Kampfkunst<br />

Okuden - Stufe der technischen Verfeinerung<br />

Renshi - Meisterschaft des Selbst<br />

Ryu - Stilrichtung<br />

Sempai - der Vorgänger, fortgeschrittener älterer Schüler<br />

Sensei - Lehrer, Meister<br />

Shin - Geist, Herz<br />

Shisei - Haltung (physisch und psychisch)<br />

Shihan/Hanshi - Großmeister, geistige Meisterschaft des <strong>Budo</strong><br />

Shitei - Vorschrift<br />

Shizentai - Grundstellung, Normalstellung, natürliche Haltung<br />

Sho - Klein<br />

Shoto - Künstlername Funakoshi Gichin = Pinienrauschen<br />

Shotokan - <strong>Karate</strong>-Stilrichtung Funakoshi Gichins, kan = Haus<br />

Shu-Ha-Ri - Die drei Wegstufen vom Schüler zum Meister<br />

Tachikata - Standform, Stellung, Grundstellung<br />

Tameshiwari - Bruchtest<br />

Tode - Technik aus China, alte Bezeichnung des ursprünglichen <strong>Karate</strong><br />

Tokui - Stärke<br />

105


Wa - Innere Harmonie<br />

Yomi - Vorausahnen<br />

Zanshin - Wachsamkeit, Bereitschaft, Geistesgegenwart<br />

Angriffsstufen & Richtungen:<br />

Chu - Mitte<br />

Happo, Kuruma - in alle Richtungen<br />

Hidari - links<br />

Mae - nach vorne<br />

Mawashi - kreisförmig, im Halbkreis<br />

Migi - rechts<br />

Omote - darüber<br />

Soto - äußere, außen<br />

Uchi - innere, innen<br />

Ura - Rückseite, entgegengesetzt, darunter<br />

Ushiro - nach hinten<br />

Yoko, Hen - zur Seite, seitlich<br />

Kommandos:<br />

Hajime<br />

- Beginn, Anfangen, Los<br />

Kamaete - Körperhaltung einnehmen<br />

Mokuso - Meditation<br />

Mokuso Yame - Meditation Ende<br />

Naore - Rührt Euch! Gut<br />

Oss - Ja, Okay, Verstanden, Grußwort zum Gegenüber, ...<br />

Otagai ni Rei - Gruß zu den Mitübenden<br />

Rei - Höflichkeit, Gruß<br />

Ritsu - Aufstehen, Stehen<br />

Ritsu Rei - Gruß im Stehen<br />

Seiza - Abknien in den Kniesitz<br />

Sensei ni Rei - Gruß zum Meister<br />

Shomen - Front, Vorderseite<br />

Shomen ni Rei - Gruß nach vorne<br />

Yame - Halt, Stop, Ende<br />

Yoi - Vorbereitung, Achtung<br />

Za-Rei - Gruß im Kniesitz<br />

106


Begriffe aus dem Bereich Kata:<br />

Kata - Form, formale Übung, Kampf gegen imaginäre Gegner<br />

Bunkai - Analyse von Katas in Anwendung mit Partnern<br />

Enbusen - Schrittdiagramm der Kata<br />

Sentei-Kata - Aus einer vorgegebenen Katagruppe auszuwählende Kata<br />

Shitei-Kata - Pflichtkata<br />

Tokui-Kata - Freie, persönliche, starke Kata; Kürkata<br />

Begriffe aus dem Bereich Kihon:<br />

Kihon - Grundlage, Grundschule, Grundtechniken<br />

Keri-Waza - Beintechniken<br />

Oi-Komi - hineintreiben, Technik mit ganzem Schritt<br />

Okuri-Ashi - Gleitschritt, vorderer Fuß bewegt sich zuerst<br />

Suri-Ashi - Gleitschritt (Oberbegriff)<br />

Te-Waza - Handtechniken<br />

Tobi-Waza - Sprungtechniken<br />

Tsuki - Fauststoß<br />

Tsuki-Waza - Fauststoßtechniken<br />

Ude-Waza - Armtechniken<br />

Uke-waza - Blocktechniken<br />

Waza - Technik<br />

Yori-Ashi - Gleitschritt, hinterer Fuß bewegt sich zuerst<br />

Begriffe aus dem Bereich Kumite:<br />

Kumite - Partnerübung<br />

Bogu-Kumite - Vollkontaktform mit Schutzkleidung<br />

Deai - dem Angriff mit eigenem Angriff zuvorkommen<br />

Gohon-Kumite - Fünfschrittkampf<br />

Happo-Kumite - Kampfübung in alle Richtungen<br />

Jiyu-Ippon-Kumite - freier Einschrittkampf<br />

Jiyu-Kamae - Individuelle Freikampfhaltung<br />

Jiyu-Kumite - Freikampf<br />

Kaeshi-Ippon-Kumite - erwidernder Einschrittkampf<br />

Kata-Kumite - gleichbedeutend mit Bunkai, der Anwendung der Kata mit<br />

dem Partner<br />

Kihon-Ippon-Kumite - grundschulmäßig ausgeführter Einschrittkampf<br />

107


Kime-Waza - Kontertechnik als entscheidende Technik<br />

Kogeki - Angriff, Angreifer<br />

Maai - Korrekte Distanz der Technik zum Ziel<br />

Okuri-Ippon-Kumite - Kampf mit direkt folgendem zweiten Angriff<br />

Randori - spielerisches Üben des Freikampfes<br />

Sabaki - den Körper geschickt drehen, ausweichen, bewegen<br />

Sanbon-Kumite - Dreischrittkampf<br />

Shiai-Kumite - Wettkampf<br />

Shobu-Kumite - Partnerübung, bei der es um Punkte geht<br />

Suki - Ausnutzen einer Chance<br />

Sun-Dome - Abstoppen der Technik kurz vor dem Ziel<br />

Tai-Sabaki - Ausweichen und Kontern<br />

Tori - Angreifer<br />

Uke - Abwehr, Verteidiger<br />

Anmerkung:<br />

Der Trainingsplan 2004 des DKV lag als Acrobat Reader-Datei vor und konnte nicht<br />

in ein passendes Word-Format transkribiert werden. Deshalb ist er ohne Seitenzahl<br />

am Ende der Arbeit hinzugefügt worden.<br />

Literaturverzeichnis<br />

Binhack, A.; Karamitsos, E. 1997, 3. Auflage, <strong>Karate</strong>-Do Philosophie in der Bewegung,<br />

Wiesbaden im Selbstverlag.<br />

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Grundthemen: Sport und Sportunterricht Band 2, Schorndorf: Verlag Karl Hofmann.<br />

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Anwendungsfelder: Sport und Sportunterricht Band 3, Schorndorf: Verlag Karl Hofmann.<br />

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Grupp, J. 2002, Shotokan <strong>Karate</strong> KATA, Aachen: Meyer & Meyer Verlag.<br />

Grupp, J. 2003, Shotokan <strong>Karate</strong> KATA: Band 2, Aachen: Meyer & Meyer Verlag.<br />

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Schnabel, Harre, Borde (Hrsg.) 1997, 2. Auflage, Trainingswissenschaft: Leistung –<br />

Training – Wettkampf, SVB Sportverlag Berlin GmbH.<br />

Schlatt 1999, Enzyklopädie des Shotokan-<strong>Karate</strong>, Erhard Götzelmann, Lauda-<br />

Königshofen.<br />

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Werner Kristkeitz Verlag.<br />

Lehrmaterialien Trainingstheorie – Grundkurs SS2000 – Uni-Greifswald; Dozent:<br />

Prof. Dr. P. Hirtz.<br />

Lehrmaterialien Sportpsychologie – Grundkurs 2000 – Uni-Greifswald; Prof. Dr. H.<br />

Ilg.<br />

Format- und Zitierungsvorlagen: www.dvs-sportwissenschaft.de<br />

Bilderverzeichnis<br />

Titelbild www.musashi-Shotokan.de/images/diverse/logomusashi.gif<br />

Der Tiger wurde für Funakoshi Gichins Veröffentlichungen gemalt und<br />

als Symbol für das Shotokan-<strong>Karate</strong> übernommen. Die Schriftzeichen<br />

sind japanisch und werden von oben nach unten gelesen:<br />

Sho; To; Kan; Kara; Te; Do<br />

S. 5 www.karatedo.free.fr/karte_historie.htm<br />

S. 6 www.uniqueduo.com/events/images/shaolin.jpg<br />

S. 7 www.todomardeplata.com/esam/<strong>Karate</strong>/kumite.gif<br />

S. 8 www.todomardeplata.com/esam/<strong>Karate</strong>/Daruma_boddhidharma.jpg<br />

S. 9 www.jskakaratedo.com/funakoshi_and_nakayama.htm<br />

S. 11 (oberes Bild)<br />

www.karate-muellheim.de/fotos/karatemeister/gigo_12_tn.jpg<br />

S. 11 (unteres Bild)<br />

www.jskakaratedo.com/images/Nakayama%201.jpg<br />

S. 22 Arnfried Krause und Dirk Wedel<br />

S. 26 Autor<br />

S. 28 www.shotokan-demmin.de<br />

S. 30 Autor<br />

S. 31 www.karate-muellheim.de/fotos/karatemeister/gigo_08_tn.jpg<br />

S. 43 www.jskakaratedo.com/images/Nakayama%20Gedan%20Barai%201.jpg<br />

S. 44/45 www.club-association.ch/ckam/Descrtech.htm<br />

S. 62 Autor<br />

S.65 www.skd-greifswald.de<br />

S. 67 www.shotokan-demmin.de<br />

S. 69 www.shotokan-demmin.de<br />

S. 72 www.shotokan-demmin.de<br />

S. 89 www.shotokan-demmin.de<br />

S. 104 Ausspracheregeln angelehnt an Schlatt 1999, S.14<br />

S. 107 Schriftzeichen: Schlatt 1999, S.20/21<br />

111

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