Lehrling und Student zugleich - Berufsakademie Hamburg

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Lehrling und Student zugleich - Berufsakademie Hamburg

Lehrling und Student zugleich

http://www.abendblatt.de/daten/2006/08/19/600094.htmlprx=1

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29.08.2006

Lehrling und Student zugleich

Handwerk: Ausbildung von Führungsnachwuchs. Bundesweit einmaliges Modell: An

der Berufsakademie Hamburg erarbeiten sich Azubis einen Hochschulabschluss.

Von Andrea Pawlik

Arbeiten im Handwerk ist laut, schmutzig und anspruchslos. "Das ist ein Vorurteil, mit

dem wir immer noch zu kämpfen haben, sagt Frank Glücklich, Hauptgeschäftsführer der

Hamburger Handwerkskammer. "Dabei ist das fast überall eine Ansicht von

vorvorgestern." Aber noch immer ein Grund, weshalb Abiturienten sich mehr für

vermeintlich "saubere" Büroberufe oder ein Studium interessieren. Und auch aufseiten

der Arbeitgeber hat man hochschulreifen Bewerbern gegenüber Vorbehalte. Lilian

Laureen Fernandes Chiarel wollte Maskenbildnerin werden - ein Beruf, für den vorab zu

einer Friseurlehre geraten wird. "Doch von Ausbildungsbetrieben wurde mehrfach

infrage gestellt, ob ich mich als Abiturientin denn so richtig ,unterordnen' könne",

erinnert sich die 22-Jährige. "Darum war ich glücklich, als ich vom Angebot der

Handwerkskammer gehört habe."

Denn die betätigt sich als Trendsetter: Zurzeit beginnt an der neu gegründeten

Berufsakademie (BA) Hamburg der erste Ausbildungsjahrgang. Das Besondere: Die

Teilnehmer starten parallel zur Lehre ein Wirtschaftsstudium. Abschluss ist nach vier

Jahren der Bachelor "Betriebswirtschaft KMU". "Damit haben wir bundesweit die Nase

vorn", betont Glücklich. "Unsere Absolventen werden prädestiniert sein, eine

Führungsaufgabe im Betrieb zu übernehmen."

Genau diese Aussicht hat auch Ulrich Jora, Prokurist der Klaus Hildebrandt GmbH, dazu

bewogen, eine BA-Lehrstelle "Gärtner Fachrichtung Garten- und Landschaftsbau" zu

schaffen. "Wir hoffen, dass derjenige nach seinem Abschluss bei uns im Haus bleibt",

sagt er, "denn uns fehlt jemand im Führungsbereich."

Anstoß für die Kammer, die Berufsakademie zu gründen, war die demografische

Entwicklung: 71 000 Firmen stehen in Deutschland jährlich vor der Nachfolgefrage, hat

das Institut für Mittelstandsforschung Bonn ermittelt. Ein Großteil davon sind

Handwerksbetriebe.

Sebastian Wilkinghoff, der neue Gärtner-Azubi der Hildebrandt GmbH, stammt selbst

aus einer Familie, die einen Handwerksbetrieb führt. Studieren wollte der 21-Jährige

schon, sagt aber auch: "Ich habe gemerkt, dass man schnell an seine Grenzen stößt,

wenn man die Praxis nicht kennt." Die Verbindung von beidem scheint ihm ideal: "So

startet man kompetent ins Berufsleben", sagt Wilkinghoff. "Den jungen Leuten stehen

mit diesen Abschlüssen alle Wege offen: in eine verantwortungsvolle Position im

Handwerk, aber dank des Studiums auch ins Management anderer Unternehmen", hebt

Frank Glücklich hervor.

Die Kombination von Lehre und Studium hat aus Sicht der Initiatoren noch einen

weiteren Vorteil: "Wer nach seiner Lehre studiert, geht anschließend in der Regel in

einen Industriebetrieb - und ist somit fürs Handwerk verloren", erklärt Dr. Joachim von

Kiedrowski, der Akademische Direktor der BA. Mit dieser Ausbildung und den daraus

resultierenden Karrierechancen habe man hingegen die Möglichkeit, die qualifizierten

Leute auch in den Betrieben zu halten.

"Ich habe schon darüber nachgedacht, an einer Uni zu studieren", sagt Marius

Dieckmann (20), der Anfang August seine Tischler-Lehre bei der Edgar Ritter

Holzdesign GmbH begonnen hat. Aber die BA-Variante habe ihn mehr angesprochen.

Das große Arbeitspensum - die Tätigkeit im Betrieb, Berufsschule, Studium und zu

Hause lernen - schreckt ihn nicht: "Klar, dass ich dafür arbeiten muss, wenn ich später


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was erreichen will", sagt er. Anschließend wird er wohl noch die Meisterausbildung

dranhängen, dann eventuell Design studieren.

"Ob sich das Bachelor-Studium für den Ausbildungsbetrieb wirtschaftlich rechnet, muss

man sehen", sagt Dieckmanns Chef, Geschäftsführer Andreas Uhlisch. Positiv sei

einerseits, dass die Teilnehmer am BA-Programm in der Regel bereits nach zwei Jahren

ihre Gesellenprüfung machen könnten. "So haben wir relativ schnell jemanden, der eine

Position zwischen Meister und Geselle einnehmen kann", erklärt Uhlisch. Auf der

anderen Seite werde Dieckmann dem Betrieb aber aufgrund des zeitlichen Aufwands

fürs Studium weniger zur Verfügung stehen als ein "normaler" Azubi. "Für uns ist das

ein Sprung ins kalte Wasser."

Angelika Hundert, Büroleiterin der Friseurkette Ryf, sieht trotz der höheren Kosten für

den Betrieb vor allem die Vorteile. "Denn man merkt, dass die Bewerber für diese Art

der Ausbildung ein ganz anderes Potenzial mitbringen", sagt sie. Ryf hat zwei Bachelor-

Friseurinnen eingestellt. Hunderts Ziel: "Die Absolventinnen langfristig an das

Unternehmen zu binden." Nach Abschluss der Lehre sollen sie erste Führungsaufgaben

etwa als stellvertretende Salonleiterinnen übernehmen. Mit dem Examen in der Tasche,

könnten sie eine Filiale führen, anschließend in den Vertrieb und dann ins Management

der Kette aufsteigen. Das ist inzwischen ganz im Sinne von Lilian Fernandes Chiarel.

"Ich will Karriere machen", sagt sie. Die Idee, Maskenbildnerin zu werden, hat sie

aufgegeben.

erschienen am 19. August 2006

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Noch freie Plätze im dualen Studiengang vom 19. August 2006 (Beruf & Erfolg)

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