FINE Das Weinmagazin - 04/2014

tretorri

FINE Das Weinmagazin ist in der Welt der großen Weine zu Hause
Hauptthema: DOM PÈRIGNON

E U R O P E A N F I N E W I N E M A G A Z I N E

DEUTSCHLAND • ÖSTERREICH • SCHWEIZ • SKANDINAVIEN • GROSSBRITANNIEN • USA • AUSTRALIEN

4| 2014 Deutschland € 15

Österreich € 16,90

Italien € 18,50

Schweiz chf 30,00

DAS WEINMAGAZIN

Wodka Belvedere

Der Bremer Ratskeller

Riesling Jahrgang 2004

Anne-Claude Leflaive

Grosse Weine vom Ätna

Château Latour

Top-Region Rheingau

D O M P É R I G N O N


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E U R O P E A N F I N E W I N E M A G A Z I N E D I E G R O S S E N W E I N E D E R W E L T

DAS WEINMAGAZIN

4/2014

INHALT

12 Château Latour

28 Billecart-Salmon

38 Roederer Cristal

102 Der Rheingau

20 Dom Pérignon

9 FINE Editorial Thomas Schröder

12 FINE Bordeaux Das neue Marketing-Konzept von Château Latour

20 FINE Champagne Das Geheimnis des Dom Pérignon

28 FINE Champagne Das etwas andere Champagnerhaus Billecart-Salmon

38 FINE Champagne Die Geschichte des Roederer Cristal

46 FINE Sizilien Die großen Weine [1]: Rund um den Ätna

60 FINE Frauen im Wein Anne-Claude Leflaive

66 FINE Wein & Speisen Jürgen Dollase im Gut Lärchenhof in Pulheim

74 FINE Weinwissen Christian Göldenboog über die Kirschessigfliege

76 FINE Tasting Die trocknen Rieslinge des Jahrgangs 2004

46 Sizilien

60 Anne-Claude Leflaive

88 Der Bremer Ratskeller

120 Die Große Lage Gräfenberg

84 FINE Das Große Dutzend Der Solaia der Tenuta Tignanello

88 FINE Wein und Zeit Der altehrwürdige Bremer Ratskeller

94 FINE Die Pigott Kolumne Die weltweite Riesling-Revolution

96 FINE Wodka Der polnische Premium-Wodka Belvedere

102 FINE Rheingau Die Heimat feinster Rieslinggewächse

106 FINE Rheingau Die Erneuerer einer alten Weinregion. Vier Beispiele

120 FINE Rheingau Die Große Lage Gräfenberg und der Winzer Wilhelm Weil

126 FINE Rheingau Die Spätlesen von Schloss Johannisberg

132 FINE Rheingau Die Spätburgunder vom Assmannshäuser Höllenberg

138 FINE Rheingau Die Ideenfülle des Christian Ress in Hattenheim

144 FINE Rheingau Die Naturliebe des Gunter Künstler in Hochheim

152 FINE Wein und Kritik Folge III: Der Trend, das Terroir und das Trinkvergnügen

158 FINE Das Bier danach Weingut – Bier gut

96 Wodka Belvedere

106 Vier Rheingauer Winzer

132 Spätburgunder vom Höllenberg

144 Gunter Künstler

162 FINE Abgang Ralf Frenzel

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FINE 4 | 2014 FINE Inhalt


Im Alleingang

Zum Wohl des Weinbergs: Vor dem kompakten Turm,

dem Wahrzeichen von Château Latour, zieht ein

robustes Ackerpferd den Pflug durch die Rebzeilen.

Mit seinem neuen Marketing-Konzept

macht sich Château Latour im Bordelais

nicht nur Freunde

Von Christian Volbracht

Fotos Johannes Grau

12 13

FINE 4 | 2014 FINE Bordeaux


Das Geheimnis

des Dom Pérignon

Von Kristine Bäder Fotos Guido Bittner

Im charmanten Plauderton bringt Richard Geoffroy, seit mehr als

zwanzig Jahren Kellermeister bei Dom Pérignon und Botschafter

des Champagner hauses, seinen Tischpartnern bei einer außergewöhnlichen

Fine-Verkostung nicht nur die Faszination Dom

Pérignon näher, sondern auch seine Vision eines großen Champagners.

20 21

FINE 4 | 2014 FINE Champagne


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ERÖFFNUNG IM HERBST 2015


Eine önologische

Rundreise zu

den grossen Weinen

Siziliens Teil 1: Rund um den Ätna

Von Michael Schmidt

Fotos Thilo Weimar

»Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was verzählen.« Die Wahrheit dieses Gedichtanfangs

von Matthias Claudius gilt heute wie vor zweihundert Jahren. Doch die Fortsetzung

»Drum nahm ich meinen Stock und Hut und tät das Reisen wählen« bedarf zumindest in

Anbetracht der Orts- und Straßenbeschilderung Siziliens dringend einer Aktualisierung:

»Doch sollte man sein Auto nie ohne ein Navi wählen«. Manchmal kann man aber selbst

solchen Widrigkeiten Glanz abgewinnen: Bin ich denn außer mit neuerworbenem Wissen

über den Qualitätssprung der sizilianischen Weine nicht auch noch mit fundierten Kenntnissen

der ver schlungensten Feldwege am Ätna zurückgekommen

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FINE 4 | 2014 FINE Sizilien


Welche Weinregion der Welt hat schon einen aktiven Vulkan

vorzuweisen Auf dem einzigartigen Terroir, der schwarzen

Vulkanerde, fühlt sich nicht nur Dornengestrüpp wohl. Für

die Unvergleichlichkeit der Weine vom Ätna sind neben dem

Boden auch das Klima, die Rebsorten und nicht zuletzt die

Winzer als deren Interpreten wesentliche Faktoren.

Dass Sizilien gegen Ende des 20. Jahrhunderts, ermutigt

von einer schier unerschöpflichen Subventionsfreude

der Europäischen Union, seine Weinproduktion ohne

jede Rücksicht auf Nachfrage zu Höchstleistungen ankurbelte,

hat sich derart ins kollektive Gedächnis ein gemeißelt, dass man

heute der Botschaft von einer neuen spannenden Weinkultur

auf der größten Insel des Mittelmeers nur zögerlich Glauben zu

schenken beginnt. Natürlich ist die Gegend um den Ätna dazu

prädestiniert, höchstes Aufsehen zu erregen, denn welche andere

Weinregion der Welt hat einen aktiven Vulkan vor zuweisen Zu

Zeiten der Massenproduktion machte man von diesem Sonderstatus

jedoch wenig Aufh ebens, denn Mengen ließen sich auf

den Ebenen und im Flachland besser erzeugen. Dass es mit

dem Terroir am feuerspeienden Berg aber doch etwas Besonderes

auf sich hat, wurde schon 1968 dadurch gewürdigt, dass

der Ätna als erste Weinbauregion Siziliens mit der Ein stufung

als Denominazione di Origine Controllata (DOC) bedacht

wurde. Die Qualitäts schlacht wird heute aber nicht nur im nordöstlichen

Teil der Insel geschlagen, sondern unter anderem auch

in Trapani und Alcamo im Westen, im Agrigento im Süden, in

den Provinzen Palermo und Caltanissetta und in Cerasuolo di

Vittoria im Südosten, der einzigen Denominazione di Origine

Controllata e Garantita (DOCG). Dass viele dieser Weine

nicht unter die Ursprungsbezeichnungen DOC oder DOCG

fallen, sondern in die erst 2011 eingeführte Kategorie für Landweine,

Terre Siciliane Indicazione Geo grafica Tipica (IGT),

steht nicht für geringere Qualität, sondern dafür, dass sich

manche Erzeuger die größeren Freiräume dieser Appellation

zunutze machen wollen. Für den Normalverbraucher wurde

mit der neuen Bezeichnung allerdings wahrscheinlich mehr

Ver wirrung als Klarheit geschaffen, da es schon vorher eine

inselweit geltende Sicilia IGT gab, die 2011 rundum zur DOC

Sicilia befördert wurde.

Dass das Weinbaugebiet um den Ätna zu Recht seine

eigene Appellation trägt, demonstrierte der Berg schon auf

meiner Anfahrt von Catania mit einem wahren Inferno: Ein

Wolkenbruch, prasselnder Hagel und im Zweiminutentakt

zuckende Blitze führten die Vorstellung von Sizilien als einer

unter Trocken heit, Hitze und Wassermangel leidenden Insel ad

absurdum. Dann fiel mir auch noch ein, dass die letzte Eruption

des Vulkans weniger als ein Jahr zurücklag. Die Befürchtung,

wieder einmal zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, sollte

sich aber nicht bewahrheiten. Dagegen bewies das frische

Grün der Flora im strahlenden Sonnenschein des nächsten

Morgens, dass hier für die in vielen Weinbergen Siziliens üblichen

Bewässerungs systeme kein Bedarf besteht. Man sollte sich

aber durch die selbst Anfang September mit Schnee bedeckte

Bergkuppe nicht täuschen lassen: Auf der Südseite können die

Temperaturen auch im Herbst noch 40 Grad erreichen. Weshalb

sich die besten Lagen an den mit gemäßigteren Temperaturen

gesegneten nord- und nordöstlichen Hängen zwischen

sechshundert und tausend Metern Höhe befinden.

Temperatur und Niederschlag allein sind natürlich nicht

die einzigen Faktoren, nur im Zusammenhang mit Rebsorte,

Boden und dem Winzer als deren Interpreten kann die Einzigartigkeit

einer Lage definiert werden.

Der Begriff des Terroirs mag in den letzten Jahren etwas

überstrapaziert worden sein, weshalb er bei so manchem Weinkritiker

oder -kenner fast so etwas wie eine Trotzreaktion hervorgerufen

hat, ganz nach dem vor einiger Zeit in Australien

verbreiteten saloppen Credo: Terroir is just a piece of dirt –

Terroir ist nur ein Haufen Dreck. Nirgends sonst gibt es wohl

ein geeigneteres Stück Land als die Weinberge des Ätna, um

das Gegenteil zu beweisen. Selbst innerhalb einer einzelnen

Lage wechseln hier die Strukturen, oft ganz abrupt, von Parzelle

zu Parzelle. Man muss nicht geologisch vorgebildet sein, um

zu verstehen, dass diese Unterschiede darauf zurück zuführen

sind, wie stark der jeweilige Vulkanausbruch war, wieviel Masse

heraus geschleudert wurde und wie weit sich die Lavaströme

er gossen. An manchen Schichten konnte der Zahn der Zeit

tausend oder mehr Jahre nagen, während andere von den allerjüngsten

Eruptionen stammen.

Selbstverständlich ist es nicht nur die einzigartige Erd unterlage,

die den Gewächsen des Ätna ihren besonderen Ausdruck

verleiht. Nerello mit seinen Spielarten Mascalese

und Cappuccio bei den Roten sowie Carricante und Cattaratto

bei den Weißen sind die Sorten, die in einer über Hunderte

von Jahren perfektionierten Symbiose mit den vulkanischen

Böden einen unnachahmlichen Charakter entwickelt haben.

Sicher werden hier auch anständige Syrahs, Cabernets und

Merlots gemacht, ab und an auch mal ein Chardonnay, aber

sie bleiben doch austauschbar. Mit dem Nerello und dem Ätna

haben sich zwei gefunden, die einander so vollkommen ergänzen

können, dass man an der Spitze so berechtigt von Weltklasse

sprechen darf wie bei Syrah und Hermitage oder Pinot

Noir und Côtes de Nuits.

Der Nerello ist eine erstmals im 18. Jahrhundert schriftlich

erwähnte autochthone Sorte des Ätna, ihre noblere Spielart

Mascalese ist nach dem vermutlichen Ursprungsort Mascali in

der Nähe der Küste benannt. Eine DNA-Analyse aus dem Jahr

2010 hat ergeben, dass es sich bei ihr mit großer Wahrscheinlichkeit

um einen natürlichen Abkömmling von Sangiovese

und Mantonico Bianco handelt. Viele der heute auf etwa viertausend

Hektar im Nordosten der Insel angepflanzten Nerello-

Mascalese-Reben haben sich bei einer weiteren Untersuchung

als Kreuzungen des ursprünglichen Klons mit vier oder fünf

anderen bisher unbestimmten Sorten aus den örtlichen Weinbergen

ergeben. In den höheren Lagen erreicht der Mascalese

oft erst gegen Ende Oktober seine volle Reife, wobei er wegen

seiner kompakten Traubendichte bei ungünstigeren Wetterbedingungen

für den Echten Mehltau oder durch Botrytis verursachte

Fäulnis anfällig sein kann.

Der Nerello Capuccio genießt nicht ganz den Ruf des

Mascalese und bringt etwas weichere und weniger präzise Weine

hervor. Man könnte seine Rolle ein bisschen mit der des Merlot

in den Grands Crus von Bordeaux vergleichen. Dass er sich

vom Mascalese ableitet, ist bewiesen, unbekannt sind die übrigen

Ahnen. Nur zwei Winzer in Sizilien erzeugen einen reinen

Capuccio-Wein. Außerdem stehen noch einige der landes weit

sechzehnhundert Hektar in Kalabrien.

Wenn Nerello die rote Vorzeigesorte des Ätna ist, dann

darf man Carricante trotz eines Anteils von nur vier Prozent

den weißen Gegenpol nennen. Alle Weißweine, die das DOC­

Siegel Etna Bianco tragen, müssen mindestens sechzig Prozent

der Sorte enthalten. Eine Tendenz zu hoher Säure kann manchmal

ein Problem werden, weshalb der Carricante relativ spät

gelesen wird. Zudem hat er eine notorische Abneigung gegen

den biologischen Säureabbau. Von diesem Problem wusste der

floren tinische Archäologe Domenico Sestini schon 1774 zu

berichten, der sich jahrzehntelang dem Studium der sizilianischen

Weinkultur widmete. Während man zu seiner Zeit den

Carricante über die Wintermonate auf der Hefe lagern ließ,

um ihn dann mit der Wärme des Frühlings zur malolaktischen

Gärung zu ermuntern, versucht man heute, dieselbe Wirkung

mit der Mikro-Oxygenation zu erzielen,die durch den französischen

Berater-Guru Michel Rolland bekannt wurde. Die

profunde Säure ist auch ein Grund, warum der Carricante oft

mit anderen einheimischen Sorten wie Catarratto, Inzolia

und Minella Bianca verschnitten wird, obwohl er unter idealen

Bedingungen ganz auf sich allein gestellt Weine mit floralem

Duft, lebendiger Frische, köstlichen Zitrusnoten und feiner

Mineralität hervorbringen kann.

Die erste namentliche Erwähnung des Catarratto Bianco als

sizilianische Traubensorte findet man schon 1696 in Francesco

Cupanis »Hortus Catholicus«. Mehr als vierzigtausend Hektar

allein in Sizilien untermauern ihren Ruf als Lieferant für Massenware,

aber bei zurückhaltenden Erträgen kann sie durchaus

einen wertvollen aromatischen Beitrag leisten, wie einige der

besten Weißweine aus Trapani, Palermo, Agrigento und nicht

zuletzt vom Ätna beweisen.

Unweit des Städtchens Randazzo, das in seiner Geschichte

zweimal fast der totalen Vernichtung anheimfiel – einmal durch

die Pest im 16. Jahrhundert, das andere Mal durch eine massive

Bombenattacke der Alliierten im Zweiten Weltkrieg –, liegen die

Weingüter Terre Nere, Cottanera, Firriato und Cantine Russo

nur wenige Minuten Fahrt voneinander getrennt.

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FINE 4 | 2014 FINE Sizilien


DANIEL DECKERS WEIN UND ZEIT XIII

Im

Allerheiligsten

der deutschen Weinkultur

Der Bremer Ratskeller

Fotos Marco Grundt

Abbildungen: Staatsarchiv Bremen

Unterirdische Weihestätte

Es duftet. Doch wonach Feuchtigkeit liegt

in der leicht temperierten Luft, aber nach

Moder oder gar Schimmel, wie er einige

Meter unter dem Pflaster Bremens zu erwarten wäre,

riecht es nicht. Auch die zwölf gleichmütig brennenden

Kerzen geben nichts her als das schwache Licht,

das den fensterlosen Raum erhellt. Der betörende,

an konzentriert-öligen Honig und zarte Rauchnoten

gemahnende Duft muss den zwölf Holzfässern

entströmen, die dem ehrfürchtig Staunenden

zur Rechten wie zur Linken das Geleit geben.

Sieben von ihnen sind noch spundvoll mit Wein –

doch mit welchem Nicht Jahre ist er alt, auch nicht

Jahrzehnte. Mehr als zwei Jahrhunderte sind vergangen,

seit die ältesten der hier lagernden Weine

ihren Weg vom Rhein und von der Mosel in den

Apostel-Keller fanden, die Vorhalle des heiligsten

aller heiligen Orte des deutschen Weins.

Einst hatte Wilhelm Hauff mit den Aposteln

und ihren Weinen eine lange Nacht verbracht. Doch

der schwäbische Dichter, dem danach nur noch ein

Jahr zu leben vergönnt war, blieb nicht allein. In

seinen »Phantasien aus dem Bremer Rats keller«,

Ausgebufft: Die Bremer Weinordnung des Jahres 1635 bestätigt das Rheinweinmonopol

des »erbar Rahts«, 1804 müssen Rheinweine und andere Kostbarkeiten

herhalten, um die Franzosen günstig zu stimmen.

die er im Jahr 1827 zu Papier brachte, schwang

die alte Rose, wie der Keller daneben heißt, das

Tanzbein, und selbst der steinerne Roland verließ

kurzentschlossen seinen Posten vor dem Rathaus,

schaute auf ein paar Gläser Wein vorbei. Denn was

wäre der Apostel-Keller mit seinen Weinen, wenn

er den Gast nicht einstimmte auf jenen Raum, in

dem das Rosen-Fresko an der hohen Decke seit

dem Jahr 1602 über das Kostbarste wacht, was die

Bremer Weinherren in deutschen Gefilden erstanden,

damit die für ihre Weinkultur hochberühmte

Hansestadt es sich zur Zier und ihren Gästen zur

Ehre gereichen ließe. 1653er Rüdesheimer prangt

auf jenem geheimnisvollen, von der Zeit dunkelgegerbten

Fass, das vor der Stirnseite des Rose-

Kellers wie ein Gral alle Blicke auf sich zieht. Und

wo ruhen der 1731er und der 1723er Mosel, nicht zu

reden von den Rüdesheimern aus den Jahren 1666

und 1748 Als wollten sie dem 1653er nur ver stohlen

Spalier stehen, geben sie sich erst dem zu erkennen,

der »sub rosa« steht.

1405 ist das Jahr, in dem die Geschichte jenes

Ratsweinkellers offiziell beginnt, der niemals zer-

Ausgetanzt: Auch im Wien des Jahres 1814/15 und bei dem englischen Diplomaten

Cockburn verfehlen »Hocks«, Weißweine vom Rhein, ihre Wirkung nicht.

stört und niemals bis auf den letzten Tropfen geplündert

wurde. Mochte die Bremer Kaufmannschaft

schon immer in französischen Weinen machen, so

wie die Hamburger und die Lübecker oder so wie

die Danziger zu Hochzeiten der Hanse in spanischem

Wein – keine norddeutsche Hansestadt lag

günstiger zum Rhein hin als die mittel alterliche

Bischofsstadt, in der freilich die Bürgerschaft schon

früh das Sagen hatte. Was sie zu Wasser oder zu

Land vom Rhein kommen ließ, musste den Weg

durch den Ratskeller nehmen, um getrunken oder

gehandelt werden zu dürfen. Nicht nur den alltäglichen

Weinverfälschungen wollte man vorbeugen

und den Ruf des Bremer Rheinweins von

jedem Makel rein halten. Gleich ob er an Ort und

Stelle verzapft wurde oder seinen Weg nach England,

Skandi navien und später nach Amerika fand –

die Steuern und Abgaben, die auf dem Wein lagen,

waren die wichtigste Einnahmequelle der Stadt, der

Wein mithin Garant der Bremer Freiheit.

Oft schon wäre es um ein Haar mit dem Ratskeller

vorbei gewesen. In Hamburg und Lübeck

hatten Napoleons Leute kurzen Prozess gemacht.

Die Ratskellerweine waren versteigert worden, der

Erlös half die Kriegskasse zu füllen. Den Bremer

Weinen blieb dieses Schicksal erspart, obwohl die

Franzosen von 1806 bis 1813 in der Stadt das Sagen

hatten. 1945, zur amerikanischen Besatzungszeit,

ging etwa im Wiesbadener Kurhaus das unendlich

kostbare Flaschenweinmuseum verloren. In Bremen

waren die Apostel- und Rose-Weine den Blicken der

Befreier sorgfältig verborgen worden – dank eines

amerikanischen Soldaten, so berichtet es Rats kellermeister

Karl-Josef Krötz. Als der Held den Ratskeller

nach Jahrzehnten nochmals besucht habe,

sei alles so gewesen wie damals, im Frühjahr 1945.

Der Dank des Senats in Gestalt einer Flasche 1727er

Rüdesheimer Apostelwein war dem Mann gewiss.

So aber stehen auch wir an jenem aller heiligsten

Ort der deutschen Weinkultur, lassen uns be tören

von dem sonnengetränkten Duft von Jahr hunderten

und beginnen zu phantasieren.

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FINE 4 | 2014 FINE Wein & Zeit


Claire Smith, die Londoner

Mixologin, mischt den polnischen

Premium-Wodka Belvedere auf

Von Christian Volbracht

Wodka – Männersache Für einen der Top-Wodkas der Welt ist der Gaumen einer jungen Engländerin verantwortlich.

Claire Smith, ehemalige Barkeeperin mit Jurastudium, stieg im Luxuskonzern LVMH zur Kreativ-

Chefin für Belvedere-Wodka auf. Modern, aber der polnischen Wodka-Tradition verpflichtet, kreiert sie die

verschiedenen Geschmacksrichtungen der Marke. Sich selbst nennt sie ganz einfach »the Rye-Girl«, das

Roggen-Mädchen.

»Ich bin ein

Roggen-

Mädchen«

Fotos: Wodka Belvedere

Es klingt ein bisschen wie »Bond-Girl«, wenn die aparte

junge Frau das in der Bar des Sofitel in Danzig sagt, einem

Hotelpalast an der Badeküste der Stadt. Sie hätte an die

Seite von Superagent James Bond passen können, der so viel dazu

beitrug, dass Wodka das alte Image als Billig-Alkohol ab gelegt

hat. Denn Bond-Bücher und -Filme sorgten dafür, dass der

Wodka-Martini sich neben dem klassischen Martini mit Gin

etablieren konnte. Im ersten Bond-Roman »Casino Royale« aus

dem Jahr 1953 ließ der trinkerfahrene Autor Ian Fleming seinen

Helden einen »Vesper«-Martini mit Gin und Wodka ordern,

im Champagnerglas statt im traditionellen Cocktailspitz. Später

orderte der Leinwand-James-Bond fast immer Wodka-Martinis

ohne Gin – immer geschüttelt und nicht gerührt.

Ian Fleming ließ den Agenten sogar einmal ausdrücklich

Wodka aus Polen oder Russland verlangen – und einen Barmann

sagen, dass aus Roggen gebrannter Wodka der beste sei.

Das passt wunderbar zur Marketing-Strategie von Belvedere

und zur Wodka-Philosophie von Claire Smith. Mit ihr lerne

ich die Welt der edlen und wohlschmeckenden Roggen- Wodkas

bei einer Reise »vom Getreidekorn bis zur Flasche« kennen,

von Danzig zu den Roggenfeldern in der masowischen Ebene

bis zur Brennerei und Abfüllung im Westen von Warschau.

Claire Smith, die attraktive junge Londonerin, hat an der

Nottingham Trent University Jura studiert. »Das brachte mich

zum Trinken.« Kein Scherz – in einer bekannten Bar in Nottingham

erlernte sie während des Studiums das Cocktail-Mixen,

gleich nach dem Jura-Examen zog sie in der Uni-Stadt eigene

Cocktail-Bars auf. Es folgte eine Karriere als Mixologin mit

zahlreichen Bartender-Wettbewerben und 2001 ein Sieg beim

größten britischen Cocktail-Wettbewerb.

Die Juristerei gab sie ganz auf, arbeitete als »Wodka-

Botschafterin« für verschiedene Marken und kehrte

dann nach London zurück, um in angesagten Bars wie

Lonsdale oder der Rockwell-Bar im Trafalgar-Hotel zu arbeiten.

Als Sechsundzwanzigjährige wurde sie schließlich 2003 von

Moët Hennessy in England als Wodka-Botschafterin engagiert,

stieg auf zur internationalen Kommunikations-Managerin und

schließlich zur Kreativ-Chefin mit dem schönen Titel »Head

of Spirit Creation & Mixology«.

Ein vielfältiger Job mit der Verantwortung für den Belvedere-

Wodka, der auf Wikipedia unter Verweis auf immer neue

Auszeichnungen unwidersprochen als »der weltweit beste«

bezeichnet wird. Früher von New York, jetzt von London aus

reist sie alle paar Wochen nach Polen in die Belvedere- Brennerei

und zu Promotion-Tours. Ideen und Anregungen holt sie sich

oft bei den Bartendern, die sie auf ihren Reisen trifft.

In Polen ist Wodka ein Teil der nationalen Kultur, aber

einen Markt für teure Super-Premium-Wodkas gibt es nicht.

Auch ist die Alkohol-Werbung in den Medien verboten. So

zeigt man sich hier in besonderen Locations wie einer exquisten

Dach-Bar unweit des Grandhotels am Vergnügungsstrand von

Gdansk. Zum Wodka on the Rocks mit Gurken scheiben oder

Grapefruitschale schauen wir durch Glasfenster mit Belvedere-

Gravur aufs Meer. In der Mitte der weiten Bar mit Holzfußboden

und weißen Sitzgarnituren steht kurioserweise eine

Dusche. Barmann Mateusz verrät: »Die bauen wir auf, wenn

Seit James Bond hat

Wodka das Image als

Billig-Alkohol abgelegt.

Aus Roggen gebrannter

Wodka soll der beste

sein. Das wusste auch

der Barmann, der dem

Geheimagenten sein

Lieblingstränk kredenzte:

Wodka-Martini.

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FINE 4 | 2014 FINE Wodka


Verborgene

Grösse

Warum

Von Till Ehrlich

Fotos Alex Habermehl

im Rheingau

grandiose Weine entstehen.

Vier Beispiele

Hat der Rheingau seine Zukunft verschlafen Wer hinfährt und vorurteilsfrei Winzern und Weinen

begegnet, dem zeigt sich ein sehr differenziertes Bild. Es gibt fantastische und stilvolle Weine –

provozierend individuelle und manchmal gar radikale Interpretationen der Weinbau tradition, über die

kaum oder zu wenig außerhalb des Gebiets bekannt ist. Im Rheingau gibt es heute eine beeindruckende

Phalanx von Spitzenbetrieben, die innovativ und konsequent mit neuen, unverbrauchten Ideen die alte

Kunst des Weinbaus im 21. Jahrhundert voranbringen. Vielleicht werden deren Weine in den letzten Jahren

von den Meinungsmachern der deutschen Weinszene nicht mehr so ignoriert wie noch vor einer Dekade,

aber doch immer noch unterschätzt und schlechter bewertet, als es diesen Gewächsen zusteht. Wir haben

von der Rheingauer Winzer-Avantgarde vier sehr unterschiedliche Betriebe besucht, die wir hier exemplarisch

vorstellen. Es sind Güter, die auch über die Region hinaus wertvolle Impulse geben und auch in

dieser Funktion noch nicht uneingeschränkt gewürdigt und wahrgenommenen werden.

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FINE 4 | 2014 FINE Rheingau

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