Antisemitismus: Was ist das? (15.01.2013) - Ludwig Watzal

watzal.com

Antisemitismus: Was ist das? (15.01.2013) - Ludwig Watzal

Antisemitismus: Was ist das

Nach dem Streitgespräch im Polit-Magazine „Der Spiegel“

zwischen Dieter Graumann, Vorsitzender des Zentralrats

der Juden in Deutschland (ZdJ), und dem Verleger der

Wochenzeitung „der Freitag“ und Spiegel-Online-

Kolumnist, Jakob Augstein, hat wenig zur Klärung der

unterschiedlichen Standpunkte beigetragen. Graumann

hält Augstein zwar für keinen „Antisemiten“, findet aber

sein Israelbild „undifferenziert“, seine Kritik an dem Land

„obsessiv“ und „schlimm“, da sie „antijüdische Klischees“

transportiere. „Sie schreiben hier mit dem

Fingerspitzengefühl eines Bulldozers.“ Und „Sie zeichnen ein grotesk verfälschtes Bild von Israel.“

In dem Streitgespräch liefert Graumann eine tragfähige Definition von Antisemitismus, die zeigt, dass

Augstein dagegen nicht verstoßen hat, er also kein „Antisemit“ ist, was aber schon vorher klar war. „Wer

überall eine jüdische Weltverschwörung wittert oder ‚die Juden‘ für alle Übel im Zusammenleben der

Völker verantwortlich macht. Wer Israel das Existenzrecht abspricht, es verteufelt oder seine

Vernichtung in Kauf nimmt. Wer grobschlächtige Nazi-Vergleiche anbringt, um israelische Politik zu

verdammen.“ In seiner Antisemitismus-Definition hat Graumann noch die „doppelten Standards“

vergessen, die angeblich an Israel angelegt werden würden. All dies hat Augstein in seinen Artikeln

nicht getan. Oder gilt doch weiter insgeheim Broders Diktum: Wer Antisemit ist, bestimme ich! Darauf ist

schon das Simon-Wiesenthal-Center (SWC) hereingefallen.

Augstein hat Graumanns Vorwurf der „Obsession“ und die anderen Unterstellungen oder

Interpretationen seiner Texte seitens Graumanns souverän zurückgewiesen. „Was Sie da sagen, finde

ich anmaßend, und ich weiß auch nicht genau, was Sie mit Obsession meinen.“ Augstein hat etwas

mehr als einhundert Kolumnen auf Siegel-online geschrieben, ganz fünf davon beschäftigten sich mit

der Politik der israelischen Regierung und eine mit Antisemitismus. Ist dies „obsessiv“ Auch den

Vorwurf der mangelnden Empathie wies Augstein zurück. Unrecht müsse Unrecht genannt werden.

Auch das Messen mit zweierlei Maß über die „unzumutbare Netanyahu-Politik“ in Deutschland gehöre

in den Fokus der Kritik. Wer verteidigt den blind und obsessiv alles, was die israelische Regierung den

Palästinensern antut

Graumann sprach von einem „Mindestmaß an Gefühl“, das er von Journalisten erwarte, wenn sie über

Israel schrieben, worauf Augstein erwiderte, dass er Journalist sein und über Israel so schreibe wie über

die SPD oder jedes andere Land, ohne seinen Ausführungen immer voranstellen zu müssen, dass er

„nichts gegen Juden“ habe. „Das ist neurotischer Journalismus.“ Er schriebe über Angela Merkel, die

USA, die Linken oder die SPD nicht anders. Er wolle über Israels Sicherheits- und Siedlungspolitik

keine verdrucksten Texte schreiben. Normalerweise soll ein Journalist das abbilden, was er sieht. Dies

ist jedoch bei den meisten deutschen Israel-Korrespondenten nicht der Fall. Hat Dieter Graumann, von

Broder gar nicht zu reden, jemals ein „Mindestmaß an Gefühl“ für die durch das israelische

Besatzungsregime entrechteten Palästinenser entwickelt

Das Streitgespräch hat gezeigt, dass Kritik an der israelischen Regierungspolitik nichts mit

Antisemitismus zu tun hat. Die Broders dieser Welt werden dies naturgemäß anders sehen. Sie sollten


sich an die Graumannsche Definition von Antisemitismus halten und sich in Kritik an den Verbrechen

der israelischen Besatzungspolitik an den Palästinensern üben, wie dies Augstein und mit ihm viele

andere tun, weil Israel permanent gegen Völkerrecht verstößt, die Menschenrechte der Palästinenser

mit Füßen tritt, deren Land kolonisiert, das Volk „einmauert“, seine Freizügigkeit in ihrem eigenen Land

extrem beschränkt, es in gewissen Abständen mit seiner High-Tech-Militärmaschinerie angreift und seit

45 Jahren einem Besatzungsregime unterwirft, das für ein „jüdisches und demokratisches Israel“

einzigartig ist.

Mit Israel verbinde uns eine „richtige Wertegemeinschaft“, wie es Graumann ausdrückt Kann man bei

den genannten Rechtsverstößen überhaupt noch von einer Wertegemeinschaft sprechen Der „Fall

Augstein“ ist schon lange zu einem Fall Broder und zu einem Fall SWC geworden. Was beide nicht

begriffen zu haben scheinen, genuine Sozialisten und Linke weisen sowohl Zionismus als auch

Antisemitismus sowie jede Form von Rassismus strickt zurück. „Der Antisemitismus ist das Gerücht

über Juden“, wie Theodor W. Adorno treffend formuliert hat, aber damit hat Jakob Augstein absolut

nichts zu tun.

Ludwig Watzal

Erschienen auch hier. http://between-the-lines-ludwig-watzal.blogspot.de/2013/01/antisemitismus-wasist-das_15.html

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine