Reise Lüneburger Heide Da kommen selbst Adrenalinsüchtige zur ...

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Heidewit

Reise Lüneburger Heide

Da kommen selbst Adrenalinsüchtige zur Ruhe: Zwischen schnurgeraden

Birken-Alleen, Heidekraut, üppigen Wiesen und charmanten Dörfern

weckt die Lüneburger Heide die Motorrad-Wanderlust.

von Christoph Papsch (Text & Fotos)

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Reise Lüneburger Heide

Xxx xxxxx

Gutsherrnart: Alte Höfe

prahlen unter großen Bäumen

Giebelsprüche:

Freundliches

Fachwerk in der

Celler Altstadt

Die Heide ist eine Kulturlandschaft:

Ohne den grenzenlosen Appetit der

schafe stände hier schnöder Wald

Früh am Morgen satteln Rudi und ich

unsere Harleys für den Tag. Noch hängt

Nebel zwischen den Bäumen, außerdem

könnte es für die Jahreszeit deutlich

wärmer sein. Das Land zwischen

Lüneburg und Celle ist Inbegriff für Ruhe und

Erholung, Hektik ist verpönt. Doch die Fat Boy

Special und die schwarz glänzende Street Glide

wollen über norddeutsche Straßen knattern.

Gleich nördlich der Stadt Celle erstreckt sich

der Naturpark Südheide voll üppiger Kiefern­ und

Fichtenwälder. Auf feinen Sträßchen huschen

wir unter gekrümmten Bäumen durch tunnelartige

Alleen. In Wienhausen passieren wir das

800 Jahre alte Zisterzienserkloster und folgen

im Zickzack der Route nach Esche de. Auf unserem

Weg wechseln

sich immer wieder

früh lings fri scher Wald

und farblo se Heidelandschaft

ab.

Die Heide ist bereits vor einigen tausend Jahren

durch Überweidung entstanden. Das Vieh knabberte

die Keimlinge der Bäume ab, das berühmte

Erika und andere robuste Pflanzen setzten sich

durch. Der Fachmann spricht deshalb von einer

historischen Kulturlandschaft, die durch Menschenhand

geschaffen wurde. Die heimischen

Heidschnucken knabbern eifrig zwischen Wacholderbüschen

am Gestrüpp und sorgen so dafür,

dass die Heideflächen erhalten bleiben.

Die Bundesstraße 3 führt uns hinter Bergen

weiter gen Norden, links an einem britischen

Militärfriedhof vorbei, später geht es rechts ab

nach Klein Amerika. Das Örtchen ist natürlich

der Anlaufpunkt. Nicht größer als ein Fußballfeld,

strahlt er Gelassenheit aus. Straßennamen sucht

man hier vergebens, die wenigen Häuser sind

schlicht durchnummeriert. Ein alter Mann, schaut

amüsiert zu uns rüber – den albernen Touris ten,

die wieder einmal vor dem verheißungsvollen

Ortsschild Fotos schießen.

Mittlerweile lacht auch die Sonne vom Himmel.

Schäfchenwölkchen ziehen über uns hinweg,

als wir hinter Wietzendorf dem schönen Heideflüsschen

Örtze folgen

und alsbald in Müden

einfahren. Unter urwüchsigen

Eichen im

Ortskern stehen Jahrhunderte

alte, riesige Bauerngehöfte. Auch heute

noch vermitteln sie eine märchenhafte Atmosphäre:

Sie stammen noch aus Zeiten, als Mensch

und Vieh friedvoll unter einem Dach zusammenlebten.

Müden gilt zu Recht als schönster Ort

der Südheide, der seinen Charme als echtes Heidedorf

erhalten hat. Grund genug, hier einen ausgedehnten

Stopp einzulegen.

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Rotbäckchen im Schatten des Alten Rathauses:

Wochenmarkt in der Lüneburger Altstadt

Trubel am Stintmarkt: Ein Fisch gab dem Lüneburger Kneipenviertel an der Ilmenau seinen Namen

Bei so viel Landwirtschaft um uns herum darf

natürlich eines nicht unerwähnt bleiben: die

Heide­Kartoffel. Jeder kennt sie, überall ist sie zu

haben und manche nehmen sie sogar als kulinarisches

Souvenir mit nach Hause. Schließlich hat

der Kartoffelanbau in der Lüneburger Heide eine

lange Tradition. Die Region ist seit Mitte des 19.

Jahrhunderts das bekannteste und größte Kartoffelanbaugebiet

Deutschlands. Besonders schmackhaft

sollen die Knollen hier sein – und obendrein

eine regionale Spezialität. Deshalb gibt es neben

Kartoffel­Festen auch ein Kartoffel­Hotel und so gar

einen Heidekartoffel­Onlineshop.

Entlang der Deutschen Ferienroute Alpen­Ostsee,

die eigentlich beide sehr weit weg sind, geht

es nun auf Lüneburg zu. Die Hansestadt, die dieser

Heide ihren Namen gibt, blickt auf eine über

tausendjährige Vergangenheit zurück und verdankt

vor allem dem Salz, dessen Gewinnung

und Handel ihren Wohlstand. Heute speist die

Sole das Bad der Salztherme SaLü im Kurzentrum.

Mittags schlendern wir durch die schmucke Altstadt,

in deren Gassen sich viele Cafés, Kneipen

und kleine Geschäfte angesiedelt haben, Fachwerk

ziert die Häuer ringsum. Am alten Hafen

genehmigen wir uns Kaffee mit Kuchen, beobachten

das bunte Treiben rund um das Gewässer,

besuchen anschließend das Alte Rathaus und

selbstverständlich auch das Brauereimuseum.

Zurück auf unseren Harleys kreuzen wir wenig

später die A 7 und sind plötzlich wieder mitten in

stiller Natur. Die Nordheide erstreckt sich rund um

den Wilseder Berg. Hier entspricht die Landschaft

exakt unserer Vorstellung: Heidekraut, Sandböden,

Wacholder, Heidschnucken. Wir passieren die

mit 169 Metern mächtigste Erhebung der Heide,

können mit unseren Motorrädern aber leider

nicht hinein in die Tundra­ähnliche Landschaft

– hier bekommen lediglich unmotorisierte Reiter

Einlass. Wer weiter will, fährt deshalb mit der

Kutsche in das Naturschutzgebiet. Im schnuckeligen

Dörfchen Undeloh, in dessen Zentrum

ein schöner Markt Besucher lockt, warten diese

Zwei­ und Vier­PS­Gefährte an jeder Straßenecke

auf Wanderer und Kaffeefahrer.

Durch Egestorf und Bispingen geht es weiter. Auf

unseren schicken Harleys cruisen wir genüsslich

über kurvige Sträßchen, vorbei an unzähligen Heidschnucken,

durch grüne Wälder, braune Heide,

weiße Birken, gelben Raps. Wunderbar! Wem das

zu ruhig ist und lieber ordentlich Radau sucht,

besucht in Soltau den Heidepark, den immerhin

größten Erlebnispark in Norddeutschland. Dieser

Im Wald und auf der Heidi:

Der Dicke Junge spezial

macht auf Schienenkreuzer

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Reise Lüneburger Heide

Heimelig: Das Alte Rathaus und die

barocke Stadtkirche in der Celler Altstadt

Panzerringstraße: Auf den verkehrsarmen

Betonstraßen cruisen wir gemütlich

rund um die „Sieben Steinhäuser“

Das zweite Gesicht: Ein angemessenes Denkmal

für den knorrigen Heide-Dichter Hermann Löns

lockt mit schwindelerregenden Fahrgeschäften

und grellbunten Shows. Wir genießen lieber die

Ruhe und rollen in Richtung Bad Fallingbostel.

Unscheinbar weist ein kleines Schild auf Großes

hin. Denn hier liegt Löns in der Luft. Ein gewaltiger

Stein mitten in

schöner Landschaft erinnert

an den berühmten

Heidedichter. „Lass

Deine Augen offen sein,

geschlossen Deinen Mund und wandle still, so

werden Dir geheime Dinge kund.“ Diese wohlweisen

Worte schrieb Hermann Löns vor über

hundert Jahren in einem seiner Gedichte über

die Lüneburger Heide. Dessen gewiss starten

wir nach kurzer Rast unsere beiden Big Blocks

– nicht ohne zuvor eine leckere Bratwurst am

„Hermann­Löns­Kiosk“ zu verdrücken.

straße mit Gebrauchsanweisung: ein

Zettel informiert über die Verhaltensregeln

auf dem Truppenübungsplatz

Wir knattern weiter gen Walsrode. Denn hier

lockt eine weitere Attraktion der Heide: Im weltweit

größten Vogelpark flattern 4000 Pieper in

über 650 Arten aus aller Herren Länder. In der

Parklandschaft finden sich auf 24 Hektar so schräge

Vögel wie Seidenkuckucks,

Erdracken,

Vangas oder Kurole.

Der stoi sche Schuhschnabel

ist bei diesem

Schnabelaufgebot unser heimlicher Star.

Wir wollen weiter zum nächsten Heide­Highlight

und kommen in das kleine Dorf Ostenholz,

auf dessen Hauptstraße der örtliche Schützenverein

in Uniform und Fahne schwenkend prozessiert.

Im Mittel punkt der grünen Männerschar

stehen einmal mehr unsere beiden Maschinen.

Einer feuert uns auf Norddeutsch an: „Lasst man

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Schwein gehabt: Neben der allgegenwärtigen

Kartoffel bietet die Heide handfeste Sauereien

die Pödde rauschen!“ Wir drehen auf, doch an der

Schranke hinter Ostenholz ist wieder Schluss.

Ein bedrohlich wirkender Wachmann klärt uns

auf: Wir würden nun den Truppenübungsplatz

betreten. Wenn wir zu den „Sieben Steinhäusern“

wollten, dürften wir die Straße nicht verlassen

und auf dieser nicht schneller als 50 und ausschließlich

mit Abblend licht fahren. Um seine

Anweisun gen zu unterstreichen, drückt er uns

einen Zettel mit ausführlichen Verhaltensregeln

für das Sperrgebiet in die Hand.

Sechs Kilometer geht es nun geradeaus, links

und rechts der Straße zieren verrostete Panzer den

Wegesrand, die hier bei NATO­Übungen einst mit

großem Tamtam zerballert wurden. Die „Sieben

Steinhäuser“, die eigentlich nur fünf sind und

obendrein uralte Großsteingräber, beeindrucken

uns dann aber schon. Tonnenschwere Findlinge,

die bereits vor 4500 Jahren übereinander gestapelt

wurden, liegen mitten im unberührten Wald.

Einer Sage nach ist der größte Stein vom Riesen

von Borg mit einer Schleuder von Elferdingen zu

den „Sieben Steinhäuser“ katalputiert worden.

Das wäre immerhin eine Erklärung.

Über die Panzerringstraße geht es vorbei an

Schützenstellungen und militärischen Schildern

mit ungeheuerlichen Armee­Abkürzungen. Einige

davon warnen uns ausdrücklich, die Straße nicht

zu verlassen, ob der möglichen Blindgänger im

Unterholz. Wir ignorieren die stummen Wachposten

und können so an manchen Stellen herrliche

Aussichten auf die weite Heide landschaft

genießen.

In Winsen biegen wir wenig später rechts ab

ins idyllische Allertal. Auf dem gleichnamigen

Flüsschen tummeln sich Kanufahrer und Ruderer.

Ohne Fingerabdruck und Irisscan:

Klein Amerika ist zwar keine Weltmacht,

dafür ist die Einreise aber ein Vergnügen

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Reise

Lüneburger Heide

Plattes Land, schöne Straßen:

Wenn ich groß bin, werde

ich auch eine Allee

Reise Info

Anreise: Die A 7 teilt die Heide in zwei Hälften, im Süden

führt die A 2 als West-Ost-Verbindung entlang. Die Fahrzeit

in die Lüneburger Heide beträgt von Köln oder Berlin aus

jeweils etwa zweieinhalb Stunden, vom Frankfurter Raum

rund vier Stunden. Die bekanntesten Städte der Region sind

Lüneburg, Celle, Soltau und Uelzen.

Reisezeit: Vom Frühling bis in den Herbst lohnt sich ein

Ausflug. Besonders schön ist es zur Heideblüte Anfang

August bis Ende September.

Motorrad fahren: Die Landschaft ist flach bis leicht hügelig.

Bei einer höchsten Erhebung von 169 Metern kommt

natürlich kein Serpentinen-Feeling auf, etwas Kurvenspaß

Plätzchen frei: Und wo finde

ich jetzt die Lüneburger Heidi

verschaffen die kleinen und verkehrsarmen Straßen jedoch allemal. Und gerade hier bieten sich

oft die schönsten Ausblicke auf die rosafarbenen Heideflächen.

Übernachtungstipp: Das sehr schöne „Tryp Hotel“ in Celle liegt im Westen der Stadt und ist ein

idealer Ausgangspunkt für Touren in die Heide. Es bietet neben modernen Zimmern ein reichhaltiges

Frühstücksbüffet sowie kostenfreie Parkplätze hinterm Haus. Ein DZ kostet ab 59 Euro. Zum

Wochenende gibt‘s oft spezielle Package-Angebote. Tryp Hotel, Fuhrberger Straße 6, 29225

Celle, www.solmelia.com/hotels/germany/celle/tryp-celle/home.htm

Literatur: Mit dem HB Bildatlas

„Lüneburger Heide“ (8,50

Euro) wird man mit grundsätzlichen

und nützlichen Infos gut

versorgt. Die darin enthaltenen

Straßenkarten reichen zur Orientierung

gut aus. Wer eine richtige

Karte bevorzugt, ist mit der

„Allianz-Freizeitkarte“ (6,95 Euro)

gut bedient.

infos: Beim Tourismusverband

Lüneburger Heide gibt es nicht

nur allgemeine Infos, dort lassen

sich auch online Übernachtungen

direkt buchen: Tourismusverband

Lüneburger Heide,

Wallstr. 4, 21335 Lüneburg,

0700/20993099, www.luene

burger-heide.de.

Auch die ausgelassene Stimmung auf dem Ausflugsdampfer

passt zu diesem freundlichen Sonntagnachmittag.

Das deutsche Erdölmuseum in

Wietze informiert über die hiesige Erdölförderung

im 19. und 20. Jahrhundert. Das spannende Museum

dort ist übrigens nicht das einzige in der

Heide. Da wären dann noch: das Norddeutsche

Spielzeugmuseum, das Waldarbeitmuseum, das

Salzmuseum und das Braue reimuseum, das Federkiel­

und Stickmustermuseum, das Internationale

Mühlenmuseum sowie unzählige Heimat­

und Heidemuseen.

Für uns geht es nun zurück nach Celle. Auch

hier besuchen wir noch einmal die Altstadt. Viele

Fachwerkhäuser mit frommen Sprüchen am

Gebälk und etliche kleine Plätze schaffen eine

gemütliche Atmosphäre: Die denkmalgeschützte

Altstadt ist eine einzige Sehenswürdigkeit. Vorbei

an der Stadtkirche schlendern wir durch die

hübschen Gassen geradewegs auf das Celler Schloss

zu, in dem die fast tausendjährige Geschichte der

Welfen lebendig wird. Heidewitzka, das ist wirklich

die schönste Stadt der Südheide!

Voll normaal, Alder: Wenn so‘n dicker V2

zündet, dann rummst es schon mal

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