Predigtreihe Neumühl 08 - Evangelischer Kirchenkreis Duisburg

kirche.duisburg.de

Predigtreihe Neumühl 08 - Evangelischer Kirchenkreis Duisburg

Woran glauben die Christen

Zehn Predigten

zum Apostolischen Glaubensbekenntnis

Dokumentation der

Predigtreihe

Ev. Kirchengemeinde Neumühl

Oktober 2007 - März 2008


Ich glaube

an Gott, den Vater, den Allmächtigen,

den Schöpfer des Himmels und der Erde,

und an Jesus Christus,

seinen eingeborenen Sohn,

unsern Herrn,

empfangen durch den Heiligen Geist,

geboren von der Jungfrau Maria,

gelitten unter Pontius Pilatus,

gekreuzigt, gestorben und begraben,

hinabgestiegen in das Reich des Todes,

am dritten Tage auferstanden von den Toten,

aufgefahren in den Himmel;

er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters;

von dort wird er kommen,

zu richten die Lebenden und die Toten.

Ich glaube an den Heiligen Geist,

die heilige christliche Kirche,

Gemeinschaft der Heiligen,

Vergebung der Sünden,

Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

(Apostolisches Glaubensbekenntnis, deutsche Fassung)

- 2 -


Woran glauben die Christen

Zehn Predigten zum Glaubensbekenntnis

Das Apostolische Glaubensbekenntnis wird in fast jedem Gottesdienst gesprochen.

Im 2. Jahrhundert entstanden verbindet es bis heute die großen christlichen

Kirchen. Gleichzeitig verbindet es uns mit denen, die bereits Jahrhunderte

vor uns ihr Leben vom dreieinigen Gott her verstanden haben. Nicht wenige sind

für dieses Bekenntnis in den Tod gegangen.

Trotzdem will die Bedeutung dieses Bekenntnisses immer neu gerechtfertigt sein.

Heute stellen wir fest, dass der alte Text des Glaubensbekenntnisses manchen

als leere Tradition erscheint. Eine Hilfe in den Fragen, die sie bewegen, können

sie darin nicht erkennen. Und andere stoßen sich sogar an seinen Aussagen. Sie

werden als Hindernis empfunden: "Wenn ich das alles glauben muß, will ich kein

Christ sein." Darüber hinaus ist die Frage zu hören, ob wir überhaupt ein gemeinsames

Bekenntnis brauchen: Ist nicht etwa "wichtig alleine, was ich für mich

glaube"

Andererseits: In Fragen der Politik, des Miteinanders von Menschen unterschiedlicher

Kulturen spielt die Religion zunehmend eine bedeutende Rolle. Die Globalisierung

zieht ein immer stärkeres Neben- und Miteinander von Menschen unterschiedlicher

religiöser Zugehörigkeit nach sich. Vielen fällt dabei auf, dass Mitglieder

anderer Religionsgemeinschaften oft viel offener, klarer und selbstbewußter

von dem reden, was sie glauben. Spätestens dieses fordert jedoch Christinnen

und Christen heraus, wieder klarer sagen zu können: "Was glaube ich" und:

"Was ist christlicher Glaube"

Aus diesem Grund haben wir dem Presbyterium vorgeschlagen, dem Glaubensbekenntnis

im Winterhalbjahr 2007/2008 eine Predigtreihe zu widmen. In ihr sollten

gerade seine sperrigen und selten bedachten Formulierungen auf ihre Aussagekraft

für heutiges christliches Glaubensverständnis hin geprüft werden. Helfen

oder hindern sie uns bei der Antwort auf die Frage: Woran glauben die Christen

Wir danken allen Predigerinnen und Predigern, dass sie sich dieser Aufgabe gestellt

haben. Ihren Predigten ist eine gewisse Mühe, aber auch die Freude anzumerken,

die alten Sätze wach zu küssen. Durch die unterschiedlichen Arbeitsfelder,

in denen die Predigerinnen und Prediger tätig sind, haben sich von ganz alleine

sehr unterschiedliche Zugänge ergeben.

Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern eine gewinnbringende Nachlese.

Christina van Anken, Pfarrerin z.A.

Anke Claßen, Pfarrerin

Dietmar Reumann-Claßen, Pfarrer

- 3 -


Übersicht

Sonntag,

28.10.2007

10.00 Uhr

Sonntag,

04.11.2007

10.00 Uhr

Sonntag,

18.11.2007

10.00 Uhr

Sonntag,

16.12.2007

10.00 Uhr

Sonntag,

13.01.2008

10.00 Uhr

Sonntag,

20.01.2008

10.00 Uhr

Sonntag,

03.02.2008

10.00 Uhr

Sonntag,

17.02.2008

10.00 Uhr

Sonntag,

02.03.2008

10.00 Uhr

Sonntag,

16.03.2008

10.00 Uhr

"Ich glaube ..."

"... an Gott, den Vater,

den Allmächtigen, den

Schöpfer ..."

"... an Jesus Christus,

seinen eingeborenen

Sohn ..."

"... geboren von der

Jungfrau Maria ..."

"... hinabgestiegen in

das Reich des Todes

..."

" ... kommen, zu

richten die Lebenden

und die Toten ..."

"... an die heilige

christliche Kirche ..."

"... Gemeinschaft der

Heiligen ..."

"... Auferstehung der

Toten und das ewige

Leben."

"Amen."

Superintendent

Armin Schneider

Ev. Kirchenkreis Duisburg

Pfarrerin

Christina van Anken

Ev. Kirchengemeinde Neumühl

Pfarrer

Dieter Gartmann

Sophie-Scholl Berufskolleg

Pfarrer

Heribert Rösner

Ev. Schülerarbeit im Rheinland

Pfarrerin

Karin Kaspers-Elekes

Beauftragte für Hospizarbeit,

Oberhausen

Pastor

Stephan Kiepe-Fahrenholz

Geschäftsführer Diakonisches

Werk Duisburg

Kirchenrat i.R.

Karl-Wolfgang Brandt

Ehem. Superintendent des

Kirchenkreises Duisburg-Nord

Pfarrer

Hans-Peter Lauer

Kirchl. Dienst in der Arbeitswelt

Pastor

Klaus-Wilhelm Mertes

Kath. Kirche Herz-Jesu, Neumühl

Pfarrer

Dietmar Reumann-Claßen

Ev. Kirchengemeinde Neumühl

Seite 5

Seite 13

Seite 19

Seite 23

Seite 29

Seite 35

Seite 41

Seite 47

Seite 53

Seite 56

- 4 -


Die erste Predigt:

"Ich glaube ..."

Sonntag, 28. Oktober 2007

Prediger: Superintendent Armin Schneider

Liebe Gemeinde,

nach meinem Glauben bin ich heute gefragt.

Denn ich soll Ihnen sagen, was ich glaube.

„Ich glaube....“ ist das heutige Thema Ihrer Predigtreihe.

„Ich glaube...“ so fängt auch das Glaubensbekenntnis an.

Und das ist kein Zufall.

Es geht um mich.

Im Glaubensbekenntnis heißt es ausdrücklich nicht:

„Die Christinnen und Christen glauben....“

oder „Wir glauben...“

Und es heißt auch nicht: „Die Kirche glaubt...“, -

Obwohl es bei der Entstehung des Glaubensbekenntnisses genau darum

ging.

Es ging um die Frage,

was in der Kirche geglaubt werden konnte und durfte. –

Und was nicht.

Das Glaubensbekenntnis ist in Auseinandersetzungen entstanden.

Die Lehre der Kirche musste gegen diese und jene Irrlehre abgegrenzt werden.

Schon im zweiten Jahrhundert gab es unterschiedliche Strömungen in der

Kirche.

Die einen glaubten dieses und andere jenes.

Es entstand die Notwendigkeit, verbindlich,

für alle verbindlich zu formulieren,

was in der Kirche geglaubt werden konnte.

Und was nicht.

Und dann ist über viele Jahre,

letztlich über mehrere Jahrhunderte das gewachsen,

was wir heute als Apostolisches Glaubensbekenntnis kennen.

Und trotzdem bleibt es dabei:

„Ich glaube!“

Jede und jeder einzelne ist gefragt.

Es geht nicht um die anderen,

es geht um mich.

- 5 -


Ich bin gefragt, ob ich da einstimmen und sagen kann:

„Ich glaube.“

Von daher wird schon deutlich,

dass der Glaube eine sehr persönliche Angelegenheit ist.

Niemand anderes kann stellvertretend für mich glauben.

Wenn der Glaube mir Halt sein soll,

Hilfe zum Leben – dann geht es um mich.

Der Glaube ist also eine sehr persönliche Angelegenheit.

Trotzdem – und das ist wichtig –

trotzdem ist er deshalb noch lange nicht Privatsache.

Das meinen ja heute viele Menschen:

„Der Glaube ist Privatsache.

Was ich glaube, geht keinen etwas an!“

Die Sätze haben Sie wahrscheinlich auch schon gehört.

Zwar ist in letzter Zeit zu beobachten,

dass auch öffentlich wieder mehr über den Glauben geredet wird.

In Talkshows zum Beispiel;

Beckmann und Kerner fragen manchmal sehr gezielt danach.

Oder Fußballer tragen ihr Bekenntnis zu Jesus Christus

auf dem T –Shirt gedruckt mit sich herum.

Da scheint sich etwas zu ändern.

Aber noch vor wenigen Jahren war das völlig anders.

Da war es geradezu tabu, in der Öffentlichkeit über seinen persönlichen

Glauben zu reden.

Man – und frau natürlich auch – konnte sich in Talk – Shows stundenlang ü-

ber das eigene Sexualleben ausbreiten - aber über den Glauben reden

Das war dann doch zu intim.

Ja, der Glaube ist eine sehr persönliche Angelegenheit.

Er geht mich persönlich an.

Aber er ist doch alles andere als eine Privatsache.

Der Glaube drängt seinem Wesen nach in die Öffentlichkeit.

Wenn der Glaube in meinem Leben nicht irgendeine Sache neben anderen

ist;

wenn der Glaube an Gott mein Leben hält und trägt

und ihm die Richtung weist;

wenn der Glaube an Gott das Fundament ist,

auf dem mein Leben aufbaut,

dann kann ich das doch nicht allein für mich behalten,

dann drängt das doch geradezu danach,

erzählt und weitererzählt zu werden.

- 6 -


Wie heißt es noch im 1. Petrusbrief, Kapitel 3, Vers 15:

„Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann,

der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung,

die in euch ist.“

Jede und jeder einzelne von uns ist gefragt

Zeugnis zu geben über die Hoffnung, die in uns ist.

Wer hält und trägt denn mein Leben

Wer gibt mir Kraft, wenn ich am Ende bin

Wer macht mir Mut, getrost in die Zukunft zu sehen,

auch wenn die Prognosen eher düster sind

Wer weist mir einen Weg, auch wenn ich mich selbst

auf Irrwegen verlaufen habe

Davon zu erzählen,

ist und bleibt unsere gemeinsame Aufgabe:

Unsere Aufgabe als einzelne Christinnen und Christen.

Aber auch unsere Aufgabe als Kirche.

Dass es uns heute nicht leicht fällt,

davon zu erzählen, liebe Gemeinde,

das weiß ich.

Viele Christinnen und Christen wissen gar nicht mehr,

woran sie glauben;

sie haben bestenfalls nur noch eine leise Ahnung davon,

was ihren Glauben eigentlich ausmacht.

Manchmal erzählen mir Pfarrerinnen und Pfarrer

an den Berufsschulen aus ihrem Unterricht.

Da finden sich in den Klassen ja nicht nur Christinnen und Christen,

sondern an vielen Schulen nehmen auch muslimische Schülerinnen und

Schüler am Religionsunterricht teil.

Und wenn es um die Frage geht:

„Was glauben die Christen und was glauben die Muslime“,

- dann sagen die türkischen Schülerinnen und Schüler häufig:

„Ihr Christen habt doch gar keine Ahnung mehr von Eurem Glauben!

Aus dem Koran wissen wir mehr über Jesus,

als Ihr uns erzählen könnt.“

Da ist uns Vieles verloren gegangen.

Was früher nicht nur in Kirche und Schule,

sondern vor allem innerhalb der Familien

von Generation zu Generation weitergegeben wurde,

fehlt heute.

- 7 -


Und es hilft auch nicht zu jammern und zu klagen

und zu sagen:

„Früher war alles besser.“

Und es hilft auch nicht,

die alten Formeln einfach zu wiederholen.

Die alten Formeln haben ihre Kraft verloren.

Wir müssen neu miteinander ins Gespräch kommen;

in ein lebendiges Gespräch über unseren persönlichen Glauben.

Wir müssen uns darüber verständigen,

was denn unser Leben trägt und ihm die Richtung weist.

Und genauso verstehe ich auch Ihre Predigtreihe über das Glaubensbekenntnis.

Es ist doch der Versuch, über die Grundlagen unseres Glaubens wieder miteinander

ins Gespräch zu kommen.

Die Predigten können dabei nur den Anstoß geben. Mehr nicht.

Das Gespräch über den Glauben muss im Alltag weitergehen:

Und ich bin überzeugt:

Wenn das weitergeht,

wenn wir nicht nur abstrakt über den Glauben daher reden,

sondern offen und ehrlich fragen:

„Was glaube ich – und was glaubst Du

Was hilft mir beim Leben und was hilft Dir beim Leben

Was trägt Dich und was trägt mich“

Wenn wir so miteinander ins Gespräch kommen

und dabei ehrlich bleiben,

wenn wir auch unsere Zweifel nicht verschämt verstecken,

sondern sie offen beim Namen nennen,

dann werden wir gemeinsam eine Sprache finden,

die auch andere Menschen wieder anspricht.

Die sie neugierig macht auf das, was wir haben

und sie nicht haben.

Und dann kann das Gespräch über den Glauben weitergehen:

In Kirchengemeinden und Schulen,

an Krankenbetten und im Knast;

am Arbeitsplatz und beim Einkaufen,

auf dem Markt und abends beim Bier.

Es ist klar:

Auf diese Weise Rechenschaft zu geben,

über die Hoffnung, die in uns ist;

auf diese Weise den Glauben ins Gespräch zu bringen und zu bezeugen,

- 8 -


das ist dann nicht nur Aufgabe von Pastorinnen und Pastoren.

Das ist und das war

– wenigstens nach evangelischem Verständnis –

schon immer die Aufgabe aller Christinnen und Christen.

Vielleicht erinnern Sie sich, liebe Gemeinde:

Ich wollte sagen, was ich glaube.

Jedenfalls habe ich das zu Beginn versprochen.

Bisher habe ich aber eher über den Glauben geredet;

weniger über das,

was für mein persönliches Leben wichtig ist.

Aber das gehört nun auch dazu.

Und das können Sie mit Recht erwarten.

Ich will das, was mir persönlich wichtig ist,

also, was ich glaube,

an den drei Artikeln des Glaubensbekenntnisses versuchen zu verdeutlichen.

Ich glaube an Gott, den Schöpfer,

das heißt für mich zuallererst:

„Mein Leben kommt von Gott und geht zu Gott und ist von Gott gewollt.

Von Anfang an.

Die Wissenschaft kann uns heute ja weitgehend erklären,

wie sich menschliches Leben auf dieser Erde entwickelt hat.

Da mussten ganz bestimmte Bedingungen zusammenkommen auf unserem

Planeten,

damit die Entwicklung von Leben möglich war.

Aber WARUM das alles so zusammentraf und das Leben seinen Anfang

nehmen konnte,

diese Frage beantwortet mir nur mein Glaube.

Gott will Leben auf dieser Erde.

Er hat es von Anfang an gewollt.

Das glaube ich.

Und ähnlich verhält es sich mit meinem persönlichen Leben.

Die Biologen können mir erklären, wie es entstanden ist:

Millionen von Samenfäden machen sich auf den Weg,

um eine Eizelle zu befruchten.

Einer davon schafft es.

Und entsteht ein einmaliger, unverwechselbarer Mensch.

Dass ich geboren bin, als dieser einzigartige Mensch,

das kann die Biologie nur als Zufall bezeichnen.

Aber ich möchte mein Leben keinem unglaublichen Zufall verdanken.

- 9 -


Sondern ich glaube:

Ich bin von Gott gewollt.

Von Anfang an.

Wenn ich mir vorstelle,

wie viel Millionen von Jahren es gedauert hat,

bis sich auf dieser Erde menschliches Leben entwickelte;

wenn ich weiter darüber nachdenke,

wie viel Milliarden von Menschen schon vor mir gelebt haben -

und wie viele noch nach mir kommen werden,

dann ist doch mein eigenes Leben noch nicht einmal ein

Funke, der kurz aufglüht

und dann im Nichts verschwindet.

Völlig bedeutungslos.

Ich aber glaube,

dass ich von Gott komme und zu Gott gehe

und nichts, aber auch gar nichts von meinem Leben wird verloren gehen.

Dieser Glaube macht mein Leben einzigartig und wertvoll,

auch wenn mir selbst immer mal wieder Zweifel am Wert und der Einzigartigkeit

meines Lebens kommen.

Ich glaube weiter an Jesus,

der wie kein anderer von der bedingungslosen Liebe Gottes nicht nur geredet,

sondern sie uns vorgelebt hat.

An seinem Leben ist für mich abzulesen,

wie wir nach dem Willen Gottes miteinander umgehen sollen:

Keinen auf- und verloren geben;

niemand abschreiben und ausgrenzen;

auch in den gescheiterten oder schwer kranken Menschen

noch die Ebenbilder Gottes sehen.

Es fasziniert mich, wie unbeirrbar,

mit einem manchmal geradezu kindlichen Vertrauen,

Jesus an der verschwenderischen Güte Gottes festhält:

„Der seine Sonne aufgehen lässt über Böse und Gute,

und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“

Der die Vögel unter dem Himmel nährt

und die Blumen auf dem Feld kleidet –

und sich doch noch viel mehr um uns Menschen sorgt.

Jesus lädt ein, darauf zu vertrauen,

dass auch morgen das Leben noch gut sein wird.

Und dann endet er am Kreuz.

Mit menschlichen Augen betrachtet ist er gescheitert.

- 10 -


Ich aber glaube:

Er ist auferstanden und lebt.

So wie die Liebe immer wieder aufersteht und lebt.

Sie ist nicht mehr tot zu kriegen in dieser Welt.

Niemals.

Sie wird das letzte Wort behalten.

Er ist auferstanden, das heißt für mich weiter:

Auch wenn Schlimmes geschieht,

wenn ich persönlich vor Abgründen stehe,

ich darf dennoch weiter glauben,

dass auch morgen das Leben noch gut sein wird.

Auch mein Leben ist über Abgründen gehaltenes,

in Unglück bewahrtes,

und am Ende bei Gott geborgenes Leben.

Ich glaube an den Heiligen Geist.

Das ist die Kraft, die mich verbindet mit der weltweiten Gemeinschaft der

Christinnen und Christen.

Die Kraft, die mich nicht nur mit den heute Lebenden verbindet,

sondern auch mit denen, die vor uns gelebt haben

und die nach uns kommen werden.

Der Heilige Geist – das ist die Kraft,

die mich unruhig werden lässt,

wenn ich höre, wie anderswo Menschen verhungern,

weil ihnen das zum Leben Nötigste vorenthalten wird.

Das ist die Kraft, die mir Beine macht,

wenn ich denke:

„Da kann ich als einzelner ja sowieso nichts machen.“

Auch wenn das Leben in dieser Welt immer wieder bedroht und beschädigt

wird,

der Heilige Geist lässt mich hoffen,

dass am Ende das Leben siegen wird,

dass nichts und niemand verloren geht:

Auferstehung der Toten und das Ewige Leben –

das ist das Ende.

Und daran glaube ich.

Noch ein letzter Gedanke, liebe Gemeinde.

Sagen wollte ich, was ich glaube;

aber ich kann über meinen Glauben nicht reden,

ohne auch die Zweifel zu bedenken.

Denn die gibt es auch.

Und die gibt es immer wieder.

Und weil das so ist, mag ich ganz besonders die Geschichte,

- 11 -


die wir eben in der Schriftlesung gehört haben.

Es ist zum einen ja eine Geschichte über die Kraft des Glaubens.

Wie sagt Jesus noch

„Alles ist möglich dem, der da glaubt.“

Gleichzeitig ist es aber auch eine Geschichte,

die den Zweifel zulässt.

Der Vater dieses kranken Jungen möchte ja gerne glauben;

möchte die Kraft des Glaubens erfahren und erleben,

wie sein Sohn geheilt wird.

Doch dabei merkt er, dass er so nicht glauben kann.

Und dann schreit er es hinaus:

„Ich glaube, Herr; hilf meinem Unglauben.“

Das bleibt mir immer noch:

Mich mit meinen Zweifeln, mit meinen Grenzen an Jesus,

an Gott zu wenden.

Meine Arbeit als Pfarrer im Krankenhaus lässt mich schon

das ein oder andere Mal an der Güte Gottes zweifeln;

oder lässt mich zweifeln, dass auch morgen das Leben noch gut sein wird.

Und manchmal möchte ich schreien, wie jener Vater:

„Herrgott – warum!“

Und doch ist da diese Adresse, an die ich mich wenden kann.

Zornig, manchmal.

Flehend und zweifelnd, manchmal.

Und immer wieder glücklich und dankbar.

Denn da ist einer, der über alles Verstehen und Begreifen

mein Leben und unsere aller Leben in seinen Händen hält.

Das darf ich glauben und daran will ich mich halten. Amen..

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, der bewahre

unsere Herzen und Sinne durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.

- 12 -


Die zweite Predigt:

"... an Gott den allmächtigen,

den Vater,

den Schöpfer des Himmels und der Erden"

Sonntag, 4. November 2007

Predigerin: Pfarrerin z.A. Christina van Anken

Liebe Gemeinde!

Ich glaube an Gott – so beginnt unser Glaubensbekenntnis. Diese ersten

Worte bilden sozusagen den Kern / die Grundbestimmung. Mit diesen Worten

grenzen wir uns von denen ab, die sagen, sie glauben nicht, dass es Gott

gibt.

Mit diesen Worten stimmen wir überein mit den vielen Religionen, die es auf

der Welt gibt.

Doch was bedeutet das: Ich glaube an Gott Dieser Satz muss mit Inhalt gefüllt

werden.

Wir ChristInnen füllen diesen Satz im apostolischen Glaubensbekenntnis, indem

wir Gott drei Namen geben – Namen, die zu beschreiben versuchen,

was der Glaube an Gott für unser Leben bedeutet…

Eigentlich kennen wir noch viel mehr Bilder und Namen für Gott. Aber im

Glaubensbekenntnis als der Kurzfassung des christlichen Glaubens sprechen

wir drei Namen:

Vater; Allmächtiger; Schöpfer des Himmels und der Erde.

Drei sehr verschiedene Beschreibungen: haben sie überhaupt miteinander zu

tun

Allein schon eine ungewöhnliche Reihenfolge, fängt doch die Bibel z.B. mit

den Schöpfungsgeschichten an.

Und Gott als Schöpfer der Welt zu glauben – da habe ich den Eindruck, dass

ist eigentlich dass, was die meisten Menschen bestätigen/ bezeugen würden.

Und auch, wenn ich selbst nach meinem Glauben gefragt werde, ist der erste

Gedanke, der mir in den Sinn kommt, dass Gott Schöpfer unserer Welt ist.

Gott ist Verursacher allen Lebens, das hier möglich ist. Dass die biblischen

Schöpfungsgeschichten dabei keine wissenschaftliche Erklärung bieten, WIE

die Welt entstanden ist; sondern dass es dort um die Frage Geht WARUM

diese Welt existiert; und dass sich deshalb Wissenschaft und Glaube nicht

ausschließen müssen, hat vergangene Woche bereits Superintendent Armin

Schneider erläutert. Dem kann ich mich nur anschließen…

- 13 -


Gott ist Schöpfer des Himmels und der Erde – das betont, wie allumfassend

Gottes Schöpfungswerk ist. Es gibt nichts/ kein Fleckchen, das ohne Gottes

Willen entstanden ist oder fern von Gott ist. Mit Himmel und Erde – treffender

konnten die Menschen es damals nicht ausdrücken – hat Gott sozusagen ein

Rundum-Paket erschaffen.

Und oft kann ich dieses Rundum-Paket ebenso rundum genießen – ich persönlich,

wenn ich auf dem Rennrad durch schöne Landschaften flitze, möglichst

noch mit Rückenwind. Andere erleben dies auf ihre Weise, z.B. bei einem

Spaziergang. Dann scheint alles perfekt zu passen, im Einklang zu sein.

Alles fühlt sich einfach richtig an.

Aber nicht alles auf dieser Welt ist einfach toll - Horrormeldungen in der Zeitung:

Krieg in Somalia: neue Kämpfe in der Hauptstadt Mogadischu; Frankreich:

Flüchtlinge in Kleinlaster entdeckt; Sport: bald effektives Kontrollsystem

gegen Dopingskandale

Und da drängt sich die Frage auf: Warum hat Gott die Welt nicht ganz anders

gemacht Und mit dieser Frage kommt ein weiterer Name Gottes ins Spiel:

der Allmächtige. Wenn Gott doch alles kann, warum gibt es dann auf der Welt

so viel Leid und Ungerechtigkeit

Und Leid und Ungerechtigkeiten entdecke ich ganz schnell auch im eigenen

Leben: Warum muss ich so viel für die Schule pauken und schreibe trotzdem

schlechte bis mäßige Noten. Meine Klassenkameradin dagegen tut gar

nichts, macht nicht einmal immer die Hausaufgaben und schreibt nur Einsen.

Warum kann ich mir längst nicht immer leisten, was ich gerne haben würde

Warum muss meine Familie jeden Cent dreimal umdrehen, während andere

so viel haben, dass sie ihr Geld in diesem Leben gar nicht ausgeben können

Warum müssen sich ausgerechnet meine Eltern dauernd streiten

Und erst recht taucht die Warumfrage auf, wenn das Leben bedroht wird: warum

muss jemand aus meiner Familie so krank werden, dass es kaum Hoffnung

auf Heilung gibt, vielleicht nicht einmal die Hoffnung, noch länger zu leben

Warum muss ein geliebter Mensch (gerade jetzt) sterben

In solchen Situationen fällt es vielen Menschen schwer, an Gott zu glauben –

denn wir können ja in der Bibel lesen, dass „Gott die Welt GUT schuf“, dass

Gott sogar das Böse in Gutes wenden kann (eindrücklich in der Geschichte

von Joseph und seinen Brüdern erzählt). Wir verbinden mit Gott das Gute;

und glauben zugleich daran, dass Gott unbeschreibbar große Macht hat. So

große Macht, dass ER die Welt aus dem Nichts erschaffen konnte; eine

Macht, die über menschliches Vorstellungsvermögen hinausgeht…

Ich zweifle manchmal, ob ich Gott Allmacht zugestehen will/ zugestehen

kann…

- 14 -


Aber ich stelle auch fest, wie leicht wir Menschen selber davon träumen können,

allmächtig zu sein: Wunder zu vollbringen, Dinge geradezurücken; mein

eigenes Leben nach Wunsch zu gestalten – und alles gelingt…

Diese Wunschvorstellungen sind oft auch Themen in Filmen, so z.B. in der

Komödie „Bruce allmächtig“: Bruce, die Hauptperson, erlebt gerade eine sogenannte

Pechsträhne in seinem Leben; alles läuft schief. Dafür macht Bruce

Gott verantwortlich – er gibt Gott alle Schuld und behauptet überdies, ohne

Gott könne er sein Leben innerhalb von fünf Minuten wieder selber in Ordnung

bringen. Darüber ist Gott ziemlich sauer/ erzürnt; aber er gibt Bruce tatsächlich

die gewünschte Chance. Gott stattet ihn mit seiner Allmacht aus (jedenfalls

mit einem Teil).

Allerdings verfolgt Bruce mit dieser verliehenen Macht erst einmal nur ganz

egoistisch eigene Ziele richtet dabei für andere z.T. ein fürchterliches Chaos

– weil es selbst mir Allmacht gar nicht so einfach ist, die verschiedenen Interessen

unter einen Hut zu kriegen oder auch nur auf die Unmengen gleichzeitiger

Gebete zu reagieren…

Die Vorstellung, dass es eine große Herausforderung ist, die Welt wörtlich in

einem Gleichgewicht zu halten, lässt bei mir folgenden Gedanken aufkommen:

Wir gehen häufig davon aus, dass es der Normalzustand ist, wenn alles in

unserem Leben gut läuft – wenn wir keine Schwierigkeiten haben. Es gilt als

normal, dass unsere Grundbedürfnisse nach Nahrung (aber auch nach Geborgenheit

und Liebe) gestillt werden, und auch der eine oder andere

Wunsch darüber hinaus.

Es ist normal und richtig, wenn es uns rundum gut geht…

Aber vielleicht ist das ja gar nicht so…

In der Schöpfungsgeschichte heißt es: Am Anfang schuf Gott Himmel und

Erde; aber die Erde war wüst und leer – wörtlich „ein Tohuwabohu“, also ein

Durcheinander.

Womöglich ist die Unordnung der Ausgangszustand/ Grundzustand/ Normalzustand,

der erst in eine Ordnung verwandelt werden muss.

Dann wäre nicht das Schlimme, das uns widerfährt, ein Werk Gottes, sondern

alles Gute, jede Kleinigkeit/ jede Ordnung, die uns guttut…

Eine andere Antwort – vielleicht die mutigere – finde ich, wenn ich die biblische

Geschichte von Hiob lese. Hiob sagt nämlich: Das Gute nehmen wir an

von Gott, und das Böse sollten wir nicht annehmen (Hi 2,10)

Mutig finde ich diese Worte, denn sie schränken Gott nicht ein auf einen ausschließlich

lieben Gott, sondern trauen Gott zu, Herr über Gutes wie Böses

zu sein. Über beides herrschen – das ist möglicherweise ein viel treffenderes

Bild für Allmacht. Wer Gott dies zugesteht, nimmt ernst, dass Gott keine

Wunschmaschine ist, wo man oben ein Gebet hineinsteckt und unten Glücklichsein

herauskommt.

- 15 -


Ein mutiger Satz auch deshalb, weil die frage Warum ohne Antwort stehen

bleibt. Warum unsere Welt einerseits so unendlich schön sein kann, andererseits

so leidvoll sein kann – bleibt offen. Eine Antwort können wir suchen –

und vielleicht sogar für uns eine finden – aber eine allgemeingültige Wahrheit

oder Erklärung zu finden, ist für uns in dieser Welt unmöglich.

Mutig – aber, wie ich finde, auch erleichternd:

Ich selbst stelle es mir viel schlimmer vor, ich würde nicht an Gott glauben.

Dann wäre alles, was auf der Welt und in meinem Leben ja willkürlich und zufällig.

Und ich könnte keine Hoffnung haben, dass mein Leben irgendeinen

Sinn oder ein Ziel hat.

Und ich hätte niemanden, zu dem ich beten könnte, um Hilfe bitten, wenn ich

in Nöten bin, oder Danke sagen, wenn ich glücklich bin…

Darum ist Gott für mich der beste Grund, warum diese Welt existiert – auch

wenn ich nicht alles verstehen und nicht mit allem einverstanden bin.

Und noch eine mögliche Antwort habe ich gefunden. In dem Film führt Bruce

ein Gespräch mit Gott, in dem Gott ihm die Regeln erklärt, die es im Umgang

mit der Allmacht zu beachten gibt: Gott erklärt Bruce: „… und du kannst nicht

den freien Willen beeinflussen!“ Bruce entgegnet: „Darf ich fragen, wieso“

Und Gott antwortet: „Ja, das darfst du! Das ist ja gerade das wunderbare

daran!“

Gott hat sich selber Regeln gegeben, an die er sich hält. Gott nutzt die Allmacht

nicht willkürlich aus. Und die wichtigste Regel ist, nicht den Willen des

Menschen zu beeinflussen. So weit der Film.

Magdalene Frettlöh, eine Theologin im Fach Systematik, hat etwas ähnliches

mit anderen Worten ausgedrückt: „Gott hat seine Allmacht in seinem Schöpfungshandeln

ein Stück zurückgenommen.“ D.h. Gott hat sich selbst eingeschränkt.

Denn Gott wollte kein Marionettentheater schaffen, in dem er nur an

den richtigen Fäden zieht und die Puppen nach seiner Nase tanzen lässt,

nach einem Theaterstück, das bis ins kleinste Detail durchgeplant ist. Gott

wollte in der Welt und im Menschen ein echtes Gegenüber haben. Auch das

verbirgt sich im biblischen Schöpfungsbericht, wenn es heißt: „Gott schuf den

Menschen nach seinem Bilde; nach dem Bilde Gottes schuf er ihn. Und er

schuf sie als Mann und Frau.“ Indem er sich selbst beschränkt, schenkt Gott

den Menschen – uns – Freiheit. Gott schenkt uns die Freiheit, selber zu denken

und zu handeln. Und obendrein legt Gott auch noch die Verantwortung

für Seine Schöpfung in unsere Hände!

Das bedeutet für mich: Wenn ich mein Leben Gott anvertraue, kann ich nicht

die Hände in den Schoß legen und Däumchen drehen. Als Geschöpf Gottes

und Ebenbild Gottes ist mir/ ist jedem von Euch und jeder von Ihnen Verantwortung

in die Hände gelegt worden: Verantwortung für andere und Verantwortung

dafür, etwas aus dem eigenen Leben zu machen…

- 16 -


Dabei überlässt Gott aber doch die Schöpfung und Seine Geschöpfe nicht

einfach sich selbst. Gott hat sich den Menschen offenbart (d.h. Gott hat mit

den Menschen gesprochen) – davon erzählt die Bibel; und Gott offenbart sich

uns auch heute – das erleben wir manchmal selbst und manchmal erzählen

uns andere davon.

Und Gott hat immer wieder versprochen, dass ER uns nicht allein lässt, sondern

in unserer Nähe ist.

In unserem Glaubensbekenntnis drücken wir das dadurch aus, dass wir Gott

als Vater bezeichnen. Gott, der die Welt geschaffen hat, ist kein Abstraktum,

dass unerreichbar fern von uns irgendwo thront und angebetet und verehrt

werden will; sondern Gott begleitet uns auf unserem Weg durch das Leben.

Gott hat alles erschaffen, ist unbeschreibbar mächtig – allmächtig - und lässt

sich gleichzeitig ganz auf uns ein.

Wenn Gott unser Vater ist – oder unsere (tröstende) Mutter, wie es beim Propheten

Jesaja (Jes 66) heißt; dann sind wir folgerichtig Gottes Kinder.

Jetzt könntet Ihr (ihr Jugendlichen) einwenden, dass wir dann ja doch unmündig

sind und machen müssen was die Eltern sagen/ was Gott sagt.

Doch ich glaube, alle diejenigen unter uns, die selber Eltern sind, sehen das

etwas anders: Grundsätzlich gilt – jedenfalls normalerweise, dass wir Eltern

unsere Kinder lieben. Und im Notfall würden wir alles uns mögliche tun, um

unseren Kindern zu helfen. Aber gleichzeitig wollen wir auch, dass unsere

Kinder erwachsen werden, selbständig. Wir wollen, dass unsere Kinder es

schaffen, ihr Leben selbständig und verantwortlich zu gestalten – weil es Gottes

Auftrag ist, dass wir die Vorantwortung über Seine Schöpfung übernehmen.

Auch wir Eltern nehmen unsere Einflussmöglichkeiten oft zurück, weil es

wichtig ist, dass Ihr Eure eigenen Erfahrungen macht; und dass Ihr die Chance

habt, Euch selber/ Eure Gaben und Eure Schwächen und die Welt zu entdecken.

Letztlich ist es so: Wir Erwachsenen können Euer Leben nicht für Euch planen,

wir haben keine Marionettenfäden in der Hand. Genausowenig, wie Gott

uns an Fäden bewegt.

Eltern zu sein, ist ein Risiko – denn wir wissen nicht, welchen Weg unsere

Kinder nehmen und was sie erleben werden…

Aber wir Eltern sind für Euch Kinder da. Welche Entscheidungen Ihr auch

trefft; ob Euch etwas gelingt – aber vor allem auch, wenn etwas schief läuft;

wir versuchen immer, für Euch da zu sein. Bis Eltern ihre Kinder nicht mehr

lieben, muss schon einiges passieren. Und das gilt umso mehr für Gott. So

wie wir es vorhin in der Geschichte vom verlorenen Sohn gehört haben: Gott

wartet, ist bereit, auch den verlorenen Sohn, der auf Abwege geraten ist,

wieder bei sich aufzunehmen.

- 17 -


Dabei liegen Gott alle Kinder am Herzen – auch wenn diese sich vielleicht

ungerecht behandelt fühlen!

Du bist ein Geschöpf Gottes, ein Kind Gottes und liegst mit allem, was Du

bist, Gott am Herzen. Du darfst Dich Gott anvertrauen, mit allem, was Dich

beschäftigt. Und Du kannst Gott fragen: Warum

Diese Gewissheit/ diesen Glauben an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den

Schöpfer des Himmels und der Erde, wünsche ich uns – Euch, Ihnen und mir!

Amen.

- 18 -


Die dritte Predigt:

"... an Jesus Christus,

seinen eingeborenen Sohn ... "

Sonntag, 18. November 2007

Prediger: Pfarrer Dieter Gartmann

“Sagen sie ´mal, Herr Gartmann; ist Jesus jetzt Gott gewesen oder nicht!.“

Bahar guckt mich fragend an. Auch die anderen Schüler sind mit einem Mal

alle sehr aufmerksam geworden. Jenny, immer ein bisschen vorlaut, gibt ungefragt

einen ersten Kommentar ab: “Also für mich ist der kein Gott gewesen

sondern höchstens ein besonderer Mensch! Wenn der überhaupt gelebt hat!“

Zustimmendes Nicken und Murmeln von mehreren. “Außerdem hat Gott ja

auch noch keiner gesehen!“, sagt Dominik mit großer Überzeugung. Dann

richten sich 25 Augenpaare auf mich und warten auf eine Antwort.

Wir sind im Unterricht unversehens beim Kern und Grund des christlichen

Glaubens angekommen, bei Jesus.

Das erklärt vielleicht auch, warum entgegen der sonstigen “normalen“ Unterrichtsatmosphäre

auf einmal alle ganz gespannt zuhören. Es ist als, ob alle

spürten, dass es um eine wichtige Frage geht, an der sich viel entscheidet.

- Jetzt, Herr Gartmann, liegt der Ball bei ihnen!

Ich spüre, dass es jetzt nicht um pure Wissensvermittlung geht. Da bin ich

persönlich gefragt: “Was glauben sie denn“ Dann erst: “Was sagt denn der

christliche Glaube dazu“ Hier ist also schlicht und ergreifend mein Bekenntnis

gefragt und plötzlich sind sie da in meinem Hinterkopf, die Worte des

Glaubensbekenntnisses:

... und an Jesus Christus seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn!

Die jetzt so zu zitieren, wären keine Antwort, weil die Jugendlichen in der

Schule sich mit den altertümlichen Formulierungen schwer tun. Und es ist

wohl nicht nur für Schüler in der Schule so, denn sonst würden sie sich ja hier

in Neumühl nicht in den Gottesdiensten mit der Bedeutung des Glaubensbekenntnisses

auseinandersetzen. Und noch etwas macht die Situation besonders.

Die Schülerinnen und Schüler, die vor mir sitzen, sind nicht alle evangelisch.

Wie in der Berufsschule üblich ist die Klasse eine bunt zusammengewürfelte

multireligiöse Gruppe: Evangelische, Katholische, Muslime, Aleviten,

Hindus und auch Schüler ohne Konfession.

- 19 -


Und alle sehen mich gespannt an. Und so ist denn die Antwort auf die von

Bahar, einer Muslimin, wie sie sich bei dem Namen unschwer vorstellen können,

zugleich auch eine Auskunft über unsere christliche Farbe, unseren

christlichen Glauben. Sie ist Möglichkeit, den Kern meines Glaubens darzustellen

und mit den Schülern darüber ins Gespräch zu kommen!

Aber, was sagt das Glaubensbekenntnis zu dieser Frage: Ist Jesus Gott

... und an Jesus Christus seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn!

In diesen wenigen Worten steckt unheimlich viel drin!

Da ist die Rede von Jesus von Nazareth, von dem wir Christen bekennen,

dass er der Messias, der Christus, der von Gott Gesandte ist! Aber den Worten

zufolge ist er mehr: Gottes eingeborener Sohn.

Das Wort eingeboren meint in der Ursprungssprache: der einzig geborene

Sohn. Damit wollte man sich von der griechisch sprechenden Umwelt damals

absetzen. Dort gab es viele “Gottessöhne“. Es wurde Alexander dem Großen

ebenso zugeschrieben wie Kaiser Augustus oder Cäsar. Das Glaubensbekenntnis

will sich von diesen von Menschen ernannten Gottessöhnen absetzen.

Es gibt nur einen einzigen wahren Gottessohn: Jesus Christus. Das ist

die Botschaft an die damalige Welt. Nur Jesus darf sich wahrhaft Gottes Sohn

nennen. Alle anderen sogenannten Gottessöhne sind keine!

Okay, ich verstehe die Abgrenzung gegen die vielen scheinbaren Gottessöhne

damals, aber ist das eine Frage, die Schüler heute bewegt!. Wenn ich

nur das Wort Geschichte erwähne, dreht mir mindestens die Hälfte mit den

Augen im Kopf. “Olle Kamellen, Herr Gartmann, uninteressant!“

Deshalb hänge ich mehr an dem “eingeborenen“. Das ist ja eigentlich ein

schillernder Begriff.. Eingeboren heißt ja für uns nach dem ersten Zuhören

nicht nur der einzige. Bei diesem Wort schwingt im Deutschen ja noch ungewollt

etwas mit. Eingeboren, dass sind doch Menschen, die ursprünglich an

einem Ort gelebt haben, deren Platz genau an diesem Ort ist. Sie sind keine

Dazugekommenen. Sie waren immer schon da.

... seinen eingeborenen Sohn

Es beginnt auf einmal ganz anders zu klingen. Als Gott in Jesus Mensch geworden

ist, ist er an seinen ursprünglichen Platz gekommen. Fassbar - Greifbar

- Erlebbar

- 20 -


Dieser Platz ist nirgends anders als bei den Menschen - als bei uns Menschen.

Hier gehört Gott aus seiner Warte hin - ganz ursprünglich eben eingeboren!

Unser christlicher Gott ist kein Gott, so unser christliches Bekenntnis und

mehr noch unsere christliche Erkenntnis, der sich aus weiter Ferne das

menschliche Treiben auf der Erde ansieht und beurteilt. Unser Gott ist ein

Gott, der sich zu den Menschen aufmacht, ihnen nahe ist, ihr Leben mit ihnen

teilt, der den Platz da “oben“ mit dem hier unten bei uns tauscht. Unser Gott

weiß nicht nur was Menschsein bedeutet, sondern hat es buchstäblich am

eigenen Leib erfahren, was Menschsein mit allen Höhen und Tiefen bedeutet.

Er wurde in Jesus als Mensch geboren. Er hat den Weg in der WELT zurückgelegt,

den jeder von uns zurücklegt, von der Geburt bis zum Ende. Er kam

nicht nur auf Stippvisite quasi Staatsbesuch mit besonderen Bedingungen

und entschwand dann wieder. Nein er hat am eigenen Leib gespürt und erfahren,

was wir alle spüren, in allen Details.

Das ist das Besondere an unserem christlichen Glauben, dass wir bekennen,

dass Gott einer von uns war, uns unendlich nahegekommen ist und uns wirklich

versteht.

Das ist etwas Besonderes, auch für heutige Jugendliche, etwas über das es

sich lohnt ins Gespräch zu kommen.

... und an Jesus Christus seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn!

Unser Herr! Das ist eine Bezeichnung, die auf Widerspruch stoßen muss.

Viele von denen, die vor mir sitzen haben schlecht Erfahrungen mit Autoritäten

und sogenannten Herren gemacht. Sie lassen sich nicht gern etwas sagen,

schon gar nicht, wenn es ihnen nicht verständlich klargemacht wird, warum.

Aber der Gott, der in Jesus Mensch geworden ist, will nicht so ein Herr sein,

der Befehle erteilt. Jesus hat das abgelehnt: Herr zu sein, dem alle ohne zu

denken hinterherlaufen. Sein Programm als Herr war anders! Er ließ sich

nicht die Füße waschen, sondern wusch sie seinen Jüngern. Er betrachtete

seine Jüngern nicht als seine Befehlsempfänger, die nur seien Befehlen zu

gehorchen hatten. Nein er schickte sie allein oder zu zweit los, um selbst Erfahrungen

mit dem Glauben zu machen und darin zu wachsen. Sie sollten

ihre Gaben und Persönlichkeiten entwickeln. Hier machte und macht kein

Herr abhängig von sich, sondern er befreit Menschen und fördert sie in ihrer

Entwicklung. Er hilft ihnen die Gaben zu entdecken, die in ihnen liegen.

- 21 -


Er ist davon überzeugt, dass jede und jeder von uns über Gaben verfügt, die

wertvoll sind, die man entwickeln kann und die uns helfen zu einer starken

und eigenständigen Persönlichkeit zu werden. Und er, Jesus, stellt sich in

den Dienst dieser Entwicklung. Er baut auf und kritisiert, richtet auf und stellt

in Frage, tröstet und hilft immer mit dem Ziel, dass wir unsere Gaben entfalten

und zu Persönlichkeiten werden, die fassbar und greifbar sind, Profil haben,

so wir er.

Dazu konnte jeder heranreifen nicht nur gelehrte Menschen, sondern auch

der Zöllner ebenso wie der einfache Fischer, Prostituierte und andere Menschen,

die am Rande der Gesellschaft standen. Weil dieser Herr allen Menschen

erst einmal Würde zugestanden hat und zugesteht!

Du hast Würde, bist etwas wert. Das würde vielen, die hier in der Klasse vor

mir sitzen, gut tun, wenn es bei ihnen ankäme, bei ihnen in deren Augen ich

viel Resignation lese, da sie sich selbst mehr auf der Verliererseite des Lebens

sehen!

Herr Gartmann!

Ich komme aus meinen Gedanken zurück.

War Jesus jetzt Gott, oder nicht

Ich antworte Ja und freue mich auf eine spannende Diskussion.

Amen

- 22 -


Die vierte Predigt:

Sonntag, 16. Dezember 2007

"... an Jesus Christus,

... geboren von der Jungfrau Maria ... "

Prediger: Landespfarrer Heribert Rösner

Liebe Gemeinde,

„Geboren von der Jungfrau Maria.“ Um diesen Abschnitt aus dem apostolischen

Glaubensbekenntnis soll es heute morgen gehen. Es geht, mit anderen

Worten, um die Grundaussage, dass Jesus Christus, Gottes Sohn, von

einem jungen jüdischen Mädchen zur Welt gebracht worden ist. Und zwar

ohne dass dieses Mädchen vorher irgendeinen sexuellen Kontakt zu einem

Mann gehabt hat. Einzig und allein Gott, der Heilige Geist ist die Ursache

dieses Wunders.

So nachzulesen bei den Evangelisten Matthäus und Lukas. So formuliert in

vielen Bekenntnisschriften und theologischen Abhandlungen seit den ersten

Tagen der Christenheit. Und so Bestandteil des christlichen Glaubensbekenntnisses.

Da gibt es kein Drumherumreden. Die Kernaussage ist eindeutig. Es handelt

sich nicht um einen Übersetzungsfehler oder gar ein Missverständnis. Maria

hat einen Sohn geboren ohne vorher mit einem Mann sexuellen Kontakt gehabt

zu haben.

An dieser Glaubensaussage haben sich die Menschen schon immer gestoßen,

Christen wie Nicht-Christen. Und es mangelte und mangelt noch heute

nicht an Versuchen, die biblischen Zeugnisse so zu drehen und zu wenden,

dass am Ende eine akzeptable Erklärung herauskommt, die vor unserer Vernunft

Bestand hat. Es handelt sich um einen Übersetzungsfehler lautet so ein

Erklärungsversuch: statt Jungfrau ist junge Frau zu lesen. Eine andere - übrigens

schon sehr alte - Erklärung geht in die Richtung, dass Maria von einem

unbekannten Mann geschwängert wurde und dann flugs mit dem schon alten

und nicht mehr zeugungsfähigen Joseph verheiratet wurde, dem erzählt

wurde, der Heilige Geist hätte seiner jungen Frau ein Kind beschert.

So oder ähnlich werden wir wohl unserer Vernunft, nicht aber der Wahrheit

gerecht, die in diesem Abschnitt des Glaubensbekenntnisses liegt. Jeder andere

Versuch, die Jungfrauengeburt so zu erklären, dass sie vor unserer

Vernunft bestehen kann, ist zum Scheitern verurteilt. Es gibt nur eine Methode,

diese Glaubensaussage zu verstehen. Man muss mitten hinein. Mitten

hinein in diesen Satz und mitten hinein in unseren Glauben. Denn mit dem

Nachdenken über die Jungfrauengeburt geraten wir wirklich mitten hinein ins

Zentrum des christlichen Glaubens.

- 23 -


Bei dem Nachdenken über die Jungfrauengeburt ist die Frage nach der Mutter,

bzw. nach dem Verhältnis von Mutter und Sohn sicher wichtig. Viel wichtiger

aber ist das Verhältnis von Vater und Sohn, von Gott Vater und Sohn

Gottes. Wenn in Jesus Christus Gott selbst erkennbar ist, so lautet die grundsätzliche

Frage, in welchem Verhältnis stehen Gott und Jesus zueinander

Wie muss man sich das vorstellen, wenn Jesus von sich selbst sagt: „Wer

mich sieht, sieht den Vater... Glaubt mir, dass ich im Vater bin und der Vater

in mir.“ ( Johannes 14, 9.12) Das Geheimnis, das Rätsel der Menschwerdung

Gottes bewegt sich in dieser Dimension: Wie kann Gott Mensch werden

Sie sehen, wir bewegen uns geradewegs hinein in das Zentrum des

christlichen Glaubens.

Um tiefer hinein zu gelangen, lade ich Sie ein, mit mir zusammen eine gedankliche

Zeitreise zu machen. Wir reisen in das Jahr 675 nach Christus in

die spanische Stadt Toledo.

In der Nacht des 7. November 675 sitzen dort 17 Bischöfe beisammen, um

über das Geheimnis der Menschwerdung Gottes nachzudenken. In die Kirchengeschichtsbücher

wird diese Versammlung als die 11. Synode von Toledo

eingehen, als die Synode, auf der das Dogma von der Trinität formuliert

wird, das Glaubensbekenntnis von der Dreieinigkeit Gottes.

Die Menschwerdung Gottes und die damit verbundene Jungfrauengeburt

hängen nämlich eng zusammen mit dem Bekenntnis zur Dreieinigkeit Gottes:

dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist.

Warum nur 17 Bischöfe zur 11. Synode in Toledo gekommen sind, ist nicht

überliefert. Ihre kleine Zahl steht auf jeden Fall nicht im richtigen Verhältnis

zur Frage, die dort verhandelt wird. Denn hier geht es gewissermaßen ums

Ganze.

Das Gespräch der 17 Bischöfe damals in Toledo ist uns nicht überliefert worden;

ich kenne es zumindest nicht. Ich weiß auch nicht, wer genau da damals

zusammen saß und woher die einzelnen Bischöfe kamen. Ich weiß nicht, wie

sie damals miteinander verhandelt und was sie im Einzelnen besprochen haben.

Aber ich stelle mir vor, dass sie intensiv bei der Sache waren und alle

wesentlichen Argumente noch einmal ausgetauscht haben, bevor sie sich auf

einen grundsätzlichen abschließenden Text einigen konnten.

Machen wir also einmal die gedankliche Zeitreise in das nächtliche Toledo

des Jahres 675 nach Christus. Stellen Sie sich vor: Im großen Zimmer des

bischöflichen Palais sitzen sie da zusammen, die 17 Bischöfe. Ein Feuer

brennt im Kamin, der Hausdiener legt immer wieder neue Holzscheite auf, die

Magd schenkt dann und wann roten Wein nach. Draußen geht ein nasskalter

Wind durch die blattleeren Zweige der Bäume vor dem Haus. Ansonsten ist

es still auf der Straße.

- 24 -


Bischof Athanasius aus Alexandrien eröffnet das eigentliche Gespräch:

„Lasst uns, liebe Brüder“, sagt er, „noch einmal ganz vorne beginnen. Was

wissen wir von Jesus Christus Zuerst einmal doch das, das er vor bald 700

Jahren in jenem Land lebte, dass die Römer Palästina nannten. Wie heißt es

beim Evangelisten Matthäus noch ‚Jesus zog umher in ganz Galiläa, lehrte

in den Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich (Gottes) und

heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen im Volk.’ (Mt. 4,23) Er war also

zuerst ein Mensch, ausgestattet mit der Gabe der Rede und mit der Kraft,

wunderbare Heilungen zu vollbringen.“

„Genauso ist es“, antwortet ihm Bischof Maximos, „und es gab jenen Mönch

damals in Konstantinopel, der Maria deswegen auch „anthropotokos“ genannt

hatte, „Menschengebärerin“. Jesus von Nazareth war ein Mensch aus Fleisch

und Blut, so wie du und ich.“

„Das war er sicher. Aber war er nicht auch viel mehr“ entgegnet der junge

Nestor. „Ich erinnere an meinen Namensvetter, den Patriarchen Nestor von

Konstantinopel, der eben diesem Mönch verboten hat, so über Maria zu reden.

Statt „Menschengebärerin“ müsse Maria als „Christusgebärerin“ (christotokos)

verkündigt werden. Jesus war doch mehr als ein Mensch wie du und

ich. Man denke an die Wunder, die er vollbracht hat oder die Gegenwart Gottes,

die fast mit Händen zu greifen war in seinen Predigten und ...“ Nestor holt

kurz Luft „... und nicht zu vergessen die Auferstehung.“

„Ja, die Auferstehung“, sagt Bischof Athanasius betont langsam, „sie bringt

uns Menschen die Erlösung, denn die Macht des Todes ist damit gebrochen.

Aber sie bringt uns auch immense theologische Probleme. Wenn Jesus Christus

den Tod besiegt hat, in den Himmel aufgefahren ist und zur Rechten

Gottes Platz genommen hat – dann könnte man annehmen, dass er aufgrund

seiner erfolgreichen irdischen Taten in den Stand eines Gottes erhoben worden

ist.“

„So wie bei Herakles zum Beispiel“, ergänzt Plotinus, der Bischof aus Mailand,

der damit zeigt, dass er die griechischen Göttersagen gut kennt. „Und

man weiß ja, dass diese Auslegung besonders gut bei den Germanen ankommt.

Sie mögen diese übermenschlichen Helden, die nach ihrem Tod als

Halbgötter auf ewig in Walhalla Met trinken.“

„Du sagst es“, pflichtet ihm Athanasius bei, „wenn Christus nach seinem irdischen

Leben Gott ist, muss er es auch schon vor seinem irdischen Leben

gewesen sein. Anderenfalls hätten wir neben Gott einen zweiten Gott.“

Ohne weitere Erklärungen liest Nestor, der schon einige Zeit in der Bibel blätterte

aus dem Anfang des Johannesevangeliums vor: „Im Anfang war das

Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“

„Und Christus ist das Wort, das Wort Gottes“, ergänzt Athanasius.

„Das habe ich noch nie verstanden“, wendet Dioskur aus Thessaloniki ein,

der bislang die ganze Zeit geschwiegen hat. „Wie kann ein Wort und sei es

auch Gottes Wort, Mensch werden Sind Worte denn nicht Schall und

Rauch“

- 25 -


„Wir kommen hier in der Tat an die Grenzen unserer Vorstellung“, beginnt A-

thanasius, der heimliche Leiter dieser Versammlung. „Sind Worte wirklich

nicht mehr als Schall und Rauch Können Worte denn nicht verletzen, Beziehungen

zerstören oder Kriege erklären Und können Worte auf der anderen

Seite keine heilende Wirkung haben, Liebesgefühle verursachen, Hoffnungen

wecken und ganze Welten vor unserem inneren Auge entstehen lassen Und

da reden wir nur von Menschenworten. Wie viel mehr Kraft und Wirkung

muss in Gottes Wort liegen Gottes Wort, in diese Welt gesprochen, muss

Gestalt annehmen. Und so wie unsere menschlichen Worte gehört werden

können, ohne dass man den Sprecher sieht, ebenso kann man Gottes Wort

hören und sogar sehen, ohne Gott selbst zu sehen.“

Man konnte Dioskur leise stöhnen hören. „Das ist mir viel zu abstrakt. Geht

das nicht konkreter“ „Dann musst du nicht beim Evangelisten Johannes lesen,

sondern bei Lukas“, sagt Bischof Maximos „Konkreter geht es kaum

noch: Wenn Jesus Christus Gottes Wort ist, dann kam Gott in Jesus Christus

vom Himmel herab. In der Jungfrau Maria verband sich das Göttliche mit dem

Menschlichen in wunderbarer Weise ohne irgendein menschliches Zutun.“

Jetzt meldete sich Plotin zu Wort: „Nicht, dass ich Gott etwas vorschreiben

wollte, aber warum musste es ausgerechnet eine Jungfrauengeburt sein

Hätte sich das göttliche Wort nicht auch mit dem menschlichen Samen von

Josef verbinden können Im Ergebnis wäre das doch gleich geblieben und

wir müssten nicht ständig über Maria nachdenken Und eine normale Befruchtung

wäre auch viel menschlicher.“

Die Magd, die bislang die versammelten Bischöfe schweigend bedient hatte,

setzte mit einem lauten Schlag die Kanne mit Wein auf den Tisch. „Wenn ich

das schon höre: menschlicher! Du meinst wahrscheinlich „männlicher“! Dass

ihr Männer doch immer die erste Geige spielen wollt! Es muss euch wahrscheinlich

schwer beunruhigen, dass Gott in diesem Falle ohne eure männliche

Potenz ausgekommen ist. Gottes Sohn kommt zur Welt ohne die kräftige

Mithilfe männlicher Zeugungskraft. Und setzt Gott damit nicht auch die Weltgeschichte

wieder richtig War am Anfang der Schöpfung der Mann der erste

Mensch vor der Frau, so steht jetzt die Frau vor dem Mann. Ausgleichende

Gerechtigkeit nenne ich das.“

Die Männerrunde schwieg etwas betreten. Erst langsam kam das Gespräch

wieder in Gang. Und am Ende der Nacht hatte man sich auf einen Text geeinigt,

in dem es unter anderem heißt: „Diese Jungfrauengeburt kann weder

von der Vernunft erfasst noch an einem Beispiel gezeigt werden; denn wenn

sie von der Vernunft erfasst werden könnte, wäre sie nicht wunderbar; wenn

sie an einem Beispiel gezeigt werden könnte, wäre sie nicht einzigartig.“

Verlassen wir die Bischöfe in Toledo und kehren wir zurück in unsere Zeit. Es

ist hoffentlich deutlich geworden, welch große Bedeutung die Jungfrauengeburt

hat. Es ist der nie vorher oder nachher beschrittene Weg Gottes, in diese

Welt zu kommen. Gottes Weg zu uns Menschen. Bei der Jungfrauengeburt

geht es um die verbindende Begegnung Gottes mit uns Menschen. Gott

- 26 -


kommt uns nahe, näher geht es nicht. Gott und Mensch verbinden sich in der

Jungfrauengeburt. Als Kind kommt Gott zu uns. Und dennoch ist es Gott,

muss es Gott sein, um uns Menschen willen. Denn nur Gott vermag unserem

Leben den entscheidenden Halt zu geben.

Dennoch: Der Glaube an die Jungfrauengeburt passt irgendwie nicht in unsere

Zeit. Unser Wissen, unsere Kenntnisse über biologische Vorgänge stoßen

sich daran. Und immer wieder versuchen Theologen wie Nicht-Theologen,

den Glauben an die Jungfrauengeburt an unser modernes Denken anzupassen,

ihn so zurecht zu biegen, dass er hinein passt in unser Denken und unsere

Vorstellung. Und genau das ist das Problem von uns Menschen. Von

uns Menschen untereinander und in unserer Beziehung zu Gott.

Wir tun uns so unglaublich schwer damit, einfach nur zu vertrauen, einfach zu

glauben. Natürlich soll und muss man über den Glauben nachdenken. Aber

wir Menschen wollen in Glaubensdingen so gerne mitbestimmen. Wir wollen

bestimmen, was wir zu glauben haben. Glauben aber ist ein anderes Wort für

Vertrauen. Und ohne Vertrauen geht es nicht im Leben. Wer niemals richtig

vertraut oder glaubt, der ist dazu verdammt, sein Leben in Zweifeln zu verbringen.

Und hier kommt nun Maria wieder ins Spiel. Sie kann auch für uns heutige

Menschen als Beispiel dienen, wie wir Gott begegnen können: offen und vertrauensvoll.

Als der Engel ihr sagt, dass sie ein Kind zur Welt bringen werde,

entgegnet sie, dass sie noch Jungfrau ist und fragt nach. Die Antwort des

Engels, dass der Heilige Geist über sie kommen werde und dass darum ihr

Sohn Gottes Sohn genannt werden wird, nimmt sie vertrauensvoll an. Obwohl

es an dieser Stelle doch viel mehr nachzufragen gäbe.

Wenn es uns gelingt, uns so wie Maria Gott zu öffnen und an die wunderbare

Begegnung von Gott und Mensch zu glauben, dann ist Weihnachten. Das ist

die tiefe Symbolik der Jungfrauengeburt. Nicht mehr und nicht weniger.

Amen

- 27 -


Credo in deum patrem omnipotentem,

creatorem coeli et terrae;

Et in Iesum Christum,

filium eius unicum,

dominum nostrum,

qui conceptus est de Spiritu sancto,

natus ex Maria virgine,

passus sub Pontio Pilato,

crucifixus, mortuus et sepultus,

descendit ad inferna,

tertia die resurrexit a mortuis,

ascendit ad coelos,

sedet ad dexteram dei patris omnipotentis,

inde venturus est iudicare vivos et mortuos;

Credo in Spiritum sanctum,

sanctam ecclesiam catholicam,

sanctorum communionem,

remissionem peccatorum,

carnis resurrectionem,

et vitam aeternam. Amen.

(Apostolisches Glaubensbekenntnis, lateinische Fassung)

- 28 -


Die fünfte Predigt:

"... an Jesus Christus,

... hinabgestiegen in das Reich des Todes ... "

Sonntag, 13. Januar 2008

Predigerin: Pfarrerin Karin Kaspers-Elekes

Liebe Schwestern und Brüder!

„Dieses Leben ist die Hölle!“ Ein schrecklicher, ein erschreckender Satz. Und

doch – meine Erfahrung zeigt mir, er fasst in ein mittelalterliches Wortbild,

was Menschen erleben können, wenn ihnen auch die letzte Hoffnung zwischen

den Fingern zerronnen scheint.

Der Streit nimmt kein Ende. Die Trauer hat die Tür zugeschlagen. Die Enttäuschung

ist unumkehrbar. Das Leben hat sich fortgestohlen. Kein Ausweg

in Sicht.

Vom Beginn des Weges Jesu war in der vorangegangenen Predigt in dieser

Predigtreihe die Rede: Geboren von der Jungfrau Maria.“ Inwiefern sein Weg

im Angesicht unserer Aufgabe, uns dem Abschiedlich-Leben-Lernen und dem

Tod zu stellen, für uns einen gangbaren Weg freimacht, darüber mit mir gemeinsam

nachzudenken möchte ich Sie heute morgen einladen.

Geboren von der Jungfrau Maria. Ein Kind. Wie wir alle. Angewiesen auf Mutter,

Vater und andere, die ihm beim Bewältigen des Lebens helfen.

Dann sein Erwachsenwerden. Auch im Glauben. Seine Worte. Er rief sie zu

sich. Andreas. Simon. Maria von Magdala. Und die vielen anderen. Viel, sehr

viel Hoffnung. Dann die herbe Enttäuschung. Ausweglos. Hinter den Toren

der Stadt. Das Ende. Was da geschah auf Golgatha, es war die Hölle.

Und so bekennen die Christinnen und Christen im Apostolischen Glaubensbekenntnis

viele Jahrhunderte später:

Jesus Christus. Zur Zeit des Pilatus: Gekreuzigt. Gestorben. Begraben. Hinabgestiegen

in das Reich des Todes.

Hinabgestiegen in das Reich des Todes.

Die Abwesenheit des Lebens. Die Abwesenheit Gottes. „Gott ist ein Gott der

Lebenden und nicht der Toten.“

Mit diesem Satz aus dem zweiten Artikel des Glaubensbekenntnisses klingt

ein Tabuthema an.

Über den Tod sprechen

Lieber nicht.

Und doch. Er erreicht uns alle. Nicht erst am Lebensende. Er kommt uns

spürbar nahe, wenn Menschen, die wir lieben, für immer von dieser Welt Anschied

nehmen. Der große Tod. Plötzlich oder allmählich ist alles, was so

- 29 -


selbstverständlich schien, ganz anders. Unverständlich anders. Denn wir

Menschen können den Tod nicht fassen.

Hinabgestiegen in das Reich des Todes.

Das Reich des Todes. In allen Religionen gibt es eine Vorstellung von einer

anderen Welt, die das Ziel des Lebens ist, wenn die Wegstrecke auf dieser

Erde an ihr Ende gelangt. Die Scheol, der Hades, düstere Vorstellungen in

Judentum und Hellenismus. Das Boot des Charon, der die Toten über den

Fluss Acheron bringt – aber nur dann, wenn sie die Münze im Mund tragen,

mit der sie die Überfahrt bezahlen können.

Voller mythischer Bilder sind die Vorstellungen der damaligen Zeit, die bis

heute als Hilfsmittel, als archaische Bilder in unserer Seele schlummern –

Annäherungen an die Aufgabe, die der Tod uns im Leben stellt, den wir eben

doch nicht verstehen können.

haben wir den Tod verdrängt.

Wir Menschen haben vor allem im letzten Jahrhundert vergessen, was Generationen

wussten:

Sterben, die Anerkennung der Sterblichkeit und die Auseinandersetzung damit

eine Kunst ist. Es sollte nur schnell gehen. Es wurde vergessen, das

Sterben und Tod die eine menschliche Aufgabe ist, die sich uns allen stellt.

Was vergessen wird, wird unbekannt. Was unbekannt ist, macht Angst, wenn

es plötzlich da ist. Und dabei gehört die Sterblichkeit so wesentlich zum Menschen

hinzu!

In den vergangenen zehn Jahren hat sich auch durch die Vorreiter/innen und

Mitstreiter/innen in der Hospizbewegung im Umgang mit dem Tod und den

Sterbenden vieles in Bewegung gesetzt.

Die vorgehaltene Hand ist ein wenig hinabgesunken, das Tabu ein Stückchen

aus der Ecke gerückt.

Die Palliativmedizin tut ihr Eigenes dazu. Sterben wird auf einmal Thema.

Menschen beginnen sich neu auseinander zu setzen. Aber der Tod. Wer ist

der Tod Was ist der Tod

Er bleibt das große Menschenrätsel.

Hinabgestiegen in das Reich des Todes.

Hinabgestiegen. Wer steigt schon gerne herab Der König nicht vom Thron,

kein Mensch erlebt gerne Abstiege.

Hinabgestiegen. Aber gerade darin, im Herabsteigen Gottes liegt der Schlüssel

des Geheimnisses seiner Macht.

Indem Gott hinabsteigt und das Dunkle ganz unten besucht, begeht, durchschreitet,

erleidet – indem er sich ganz hingibt an diese die Welt beherrschende

Macht, durchbricht er ihre Macht und wird als der solidarische, mit-

- 30 -


leidende Gott der Erlöser für die, die weiter an dieser Welt leiden – aber mit

einer anderen, ganz neuen, nach oben gerichteten Perspektive.

Hinabgestiegen in das Reich des Todes.

Ein altes Weltbild. Der Prophet Habakuk kennt diesen Begriff. Ein Ort, an

dem die Toten ihren Platz haben. Kein lauschiges Plätzchen. Eine Vorstellung

von Welt und Unterwelt auch, die uns in der Postmoderne zu teilen nicht

leicht fällt. „Reich“. Das hat im Neuen Testament immer die Bedeutung:

„Macht“. Das Reich des Todes ist also der Bereich, in dem der Tod Macht

hat. Und so fern uns auch ein in oben und unten aufgeteiltes Weltbild sein

mag, und so wenig es auch mit den mittelalterlichen Höllenvorstellungen ü-

bereinstimmt:

Seine Schattenmacht kennen wir alle. Schon im Leben. Die vielen kleinen

Tode, die wir sterben, die unwiederbringlichen Abschiede, die Enttäuschungen

über uns selbst, über andere, das Leiden an schmerzlichen Umständen,

Krankheiten, Schuld und Unversöhnlichkeit.

Hinabgestiegen in das Reich des Todes. Mitten im Leben sind wir vom Tod

umfangen, dichtete Martin Luther. In aller Schärfe stellt sich und stellen wir

uns die Frage nach der Perspektive mit Blick auf das Ende des Lebens: Was

wird aus mir Was wird aus denen, die ich lieb habe

Hinabgestiegen in das Reich des Todes

Und da hinein, in die von dieser Lebenserfahrung verunsicherte Menschenwelt

kommt Gott. Mitten hinein in dieses vom Tod umfangene Leben. Und so

- und nur so – wendet er für seine Menschen, für seine Schöpfung die Zeit,

die Perspektive.

In dieses endliche Leben kommt er als Kind in der Krippe, als Schwacher unter

Schwachen, als Mensch unter Menschen – und stirbt die vielen kleinen

Tode, die Enttäuschung durch die, die nicht wachen können, die nicht bleiben,

die nicht treu sind - und zuletzt stirbt er den großen Tod am Ende. Seinen

Tod am Kreuz. Mit Hader und Zweifel. Wie wohl jeder Mensch: Wenn

möglich, lass diesen Kelch an mir vorübergehen. Und: Warum, mein Gott,

warum hast du mich verlassen

Er entzieht sich nicht. Er nimmt nicht den einfachen Weg. Er ist kein verkleideter

Gott. Er wird wahrer Mensch. Ganz und gar. Er geht mitten hindurch,

um den Weg umzukehren, ihm eine neue Richtung zu geben.

Gott ist es, der Frieden* bringt. Er hat den großen Hirten der Schafe aus dem

Reich der Toten heraufgeführt, Jesus, unseren Herrn*, durch dessen Blut* er

den ewigen Bund* in Kraft gesetzt hat.

Einmal und für allemal. Einmal und für allemal stirbt Jesus diesen Tod. Einmal

und für allemal nimmt er so dem Tod seine Macht. Und erlöst so die Welt

von der Macht des Todes.

- 31 -


Wie es der Verfasser des Hebräerbriefes sagt: So bringt Gott Frieden in die

Welt. „Er hat den großen Hirten der Schafe aus dem Reich der Toten heraufgeführt,

Jesus, unseren Herrn...“ (Hebr. 13,20)

Einmal und für allemal.

Und was bedeutet das für uns, die wir angesichts der Unsicherheitserfahrungen

und der letzten Ungesichertheit, die wir spüren, wenn wir uns unserer

Endlichkeit stellen und sie nicht verdrängen und uns nach einem Anker oder

doch zumindest nach einem rettenden Strohhalm sehnen

Hilde Domin in ihrem ersten Gedicht:

Ich richte mir ein Zimmer ein in der Luft

Unter den Akrobaten und Vögeln:

Mein Bett auf dem Trapez des Gefühls

Wie ein Nest im Wind

Auf der äußersten Spitze des Zweigs.

Ich kaufe mir eine Decke aus der zartesten Wolle

Der sanftgescheitelten Schafe die

Im Mondlicht

Wie schimmernde Wolken über die feste Erde ziehen

Ich schließe die Augen und hülle mich ein

In den Vlies der verlässlichen Tiere.

Ich will den Sand unter den kleinen Hufen spüren

Und das Klicken des Riegels hören,

der die Stalltür am Abend schließt.

Aber ich liege in Vogelfedern, hoch ins Leere gewiegt.

Mir schwindelt. Ich schlafe nicht ein.

Meine Hand

Greift nach einem Halt und findet

Nur eine Rose als Stütze.

Eine Rose als Stütze. Auf schweren, oft unsicheren Erdenwegen. Die Hoffnung

als Stütze. Das Vertrauen als Stütze. Den Glauben als Stütze.

Aber er gleicht einer Rose. Martin Luther erkannte: „Glauben lernt man nicht

auf einmal und nicht ein für allemal.“

Gott hat es gewollt. In Jesus hat er den Tod besiegt. Einmal und ein für allemal.

Unsere Lebensaufgabe ist es, so denke ich, ihm zu vertrauen immer

wieder neu zu lernen, so, als lernten wir zu gehen, auf unseren wackeligen

Brücken, auf unseren unebenen Wegen – nur, aber immerhin: mit einer Rose

als Stütze. Mit der Hoffnung als Stütze. Mit der Liebe als Stütze. Denn:

- 32 -


Hinabgestiegen in das Reich des Todes – das steht für alle, die ihm nachfolgen,

unter der neuen Perspektive, die neu und immer wieder neu geglaubt

werden will: Auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel.

Für mich heißt dies:

Kein Tod, den ein Mensch seitdem stirbt, ist so perspektivlos wie gerade der

Tod Jesu selbst zunächst ist, als Gott sich selbst in den Tod gibt, um ihm so

die Macht zu nehmen. Er ist so tief hinuntergestiegen, dass auch in der Tiefe

kein Bereich bleibt, den er nicht kennt und in dem eine andere Macht regieren

könnte als seine Macht. Und das heißt: Niemand von uns kann tiefer fallen.

Wenn wir fallen, ist Gottes Macht immer schon da. Jesus, Gottes Hand, fängt

uns auf.

Denn Jesu Leiden, sein Sterben und sein Tod hat nicht das letzte Wort behalten

– sondern aus diesem Tod hat Gott das neue Leben geschaffen – er hat

Jesus auferweckt, und so trägt letztendlich jeder Tod seitdem dieses neue

Leben schon in sich.

Christinnen und Christen sterben nicht in den Tod, sie sterben durch den Tod

hindurch ins Leben.

Hinabgestiegen in das Reich des Todes – das ist darum nicht mehr meine,

nicht mehr unsere Perspektive, liebe Schwestern und Brüder.

Es ist wahr, der Tod ist auch heute noch. Und wir leiden schmerzhaft, wir fragen

wie eh und je nach dem warum und wozu, wenn er uns berührt, und laufen

mit dieser Frage vor verschlossene Türen.

Aber auch dann, wenn wir keine Antwort auf diese Frage bekommen, bleibt

die neue Perspektive: Gott hat den Tod letztendlich besiegt. Und von denen,

die ihn suchen, lässt er sich finden, und mit ihm können wir die Antworten

nicht nur auf unsere vorletzten, sondern auch auf unsere letzte Frage finden.

Darum heißt zu sterben nach Jesu Tod und Auferstehung heute nicht Abstieg,

sondern Aufstieg.

Hinabgestiegen in das Reich des Todes. Die Kondeszendenz Gottes, die Herablassung

Gottes in seine Welt ohne Wenn und Aber ist die Voraussetzung

für die Auferstehung und das Leben, für das Heil für diese Welt.

Der Tod ist. Und er ist nicht mehr. Für die Erfahrung des Todes in unserem

Leben gilt, was für unsere ganze christliche Existenz gilt: Wir sind noch nicht

und sind doch so, als seien wir schon.

Das heißt: Der Tod ist noch. Die schweren, uns lähmenden und oft leblos erstarrenden

Erfahrungen bleiben uns nicht erspart. Auch das Wissen um unsere

Endlichkeit, unser sicher irgendwann – Gott weiß wann – Abschied

nehmen müssen von dieser Welt, es bleibt uns nicht erspart. Und auch das

Sterben selbst nicht, vor dem wir, wenn der französische Philosoph Montaigne

Recht hat, mehr Angst haben als vor dem Tod selbst, nein, es bleibt uns

nicht erspart.

- 33 -


Erspart bleibt uns aber die Hoffnungslosigkeit. Das Leben ist nicht mehr die

Hölle, selbst dann nicht, wenn es uns so erscheint! Erspart bleibt uns die

Ausweglosigkeit. Erspart bleibt uns, mit der Gewissheit leben zu müssen,

dass mit dem letzten Atemzug alles aus sei.

Mitten hinein in die unsere Aufgabe, uns unserer Endlichkeit zu stellen tritt die

Hoffnung, die uns dabei helfen kann, uns unserer grundsätzlichen Lebensaufgabe

zu stellen: zu lernen, abschiedlich zu leben, wie es der Theologe

Michael Schibilsky formuliert hat.

Wir können uns dem Dunkel stellen, wir müssen nicht ausweichen, denn es

gibt eine Perspektive, die über den Tod hinausreicht. Da ist Licht am Ende

des Tunnels. Licht hinter dunklen Tiefen, durch die wir im Leben oft gehen

ebenso wie Licht am Ende des Weges, den wir antreten, wenn wir uns aus

dieser Wirklichkeit Gottes aufmachen, um hinüber zu gehen in seine andere

Wirklichkeit, in die wir jetzt noch nicht hineinsehen, in die wir aber hineinhoffen

dürfen.

Hinabgestiegen in das Reich des Todes – Aufgefahren in den Himmel.

Der Tod ist noch. Aber er ist nicht mehr unsere letzte Bestimmung. Er bleibt

uns nicht erspart, aber er ist nicht mehr unser Ziel, er ist der Weg zum Ziel.

Das Ziel aber ist das Leben, so wie es die Jahreslosung mit den Worten des

Auferstandenen sagt: Ich lebe, und ihr sollt auch leben.

Und sein Friede, der unsere menschliche Vernunft übersteigt, bewahre unsere

Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

- 34 -


Die sechste Predigt:

"... an Jesus Christus,

... kommen zu richten die Lebenden und die Toten ... "

Sonntag, 20. Januar 2008

Prediger: Pastor Stephan Kiepe-Fahrenholz

Liebe Gemeinde!

Als ich vor ein paar Monaten angefragt wurde, im Rahmen der Neumühler

Predigtreihe über das Apostolische Glaubensbekenntnis die Passage „… zu

richten die Lebenden und die Toten“ zu übernehmen, schwebten mir spontan

zwei ganz unterschiedliche Bilder vor.

Da war einmal das berühmte Fresko zum Jüngsten Gericht, mit dem Michelangelo

im 16. Jahrhundert den Altarraum der Sixtinischen Kapelle in Rom

ausgeschmückt hat. Überwölbt von Tempelsäule und Kreuz als Zeichen des

Alten und des Neuen Bundes erblicken wir im Zentrum des Gemäldes einen

ziemlich athletisch gebauten Christus, der in Gesellschaft seiner Mutter und

umgeben von Aposteln und Heiligen mit herrischer Geste die Seelen der Auferstandenen

zu seiner Rechten und seiner Linken richtet. Unterhalb des Geschehens

stoßen Engel in Posaunen, so dass sich die Gräber auftun, aus

denen auf der einen Seite einem Teil der Auferstandenen nach oben geholfen

wird, während gegenüber der andere Teil in der Unterwelt verschwindet.

Einer entscheidet. Die Welt in ihrer mindestens symbolisch zu erfassenden

Gesamtheit, eingeteilt in oben und unten, in gut und böse. Klare Verhältnisse.

Das zweite Bild, das mir in den Sinn kam, hing vor rund fünfzig Jahren im

Schlafzimmer meiner Großeltern. Dort, wo man bei anderen damaligen Zeitgenossen

den berühmten röhrenden Hirsch in dunklem Tann bewundern

konnte, war bei Oma und Opa ein Herr in wallendem Gewand zu sehen, der,

umgeben von einer Handvoll selbstverständlich weißer Schafe und beschirmt

von einem glänzenden Heiligenschein, mit leicht verschwommenem Blick zu

einem halb geöffneten Himmel aufsah. Für meine Großmutter war dies, so

sagte sie, der Heiland, dessen liebevollem Schutz sie sich ein ganzes Menschenleben

lang in fester Überzeugung anvertraut wusste.

So gewiss nun Michelangelos Fresko zu den Gipfelwerken der europäischen

Kulturgeschichte gehört, während Omas Heiland nur öliger Kitsch war, so

gewiss ist mir der hinter dem Schundwerk steckende Gedanke des liebevollen

Hirten immer schon wesentlich sympathischer gewesen als die hinter dem

Kunstwerk stehende Vorstellung von dem majestätisch fernen Weltenrichter.

Und in dieser subjektiven Vorliebe spiegelt sich durchaus das in der Verkündigung

unserer Kirche objektiv zu beobachtende Phänomen, dass im Rahmen

der zentralen christlichen Botschaft von der voraussetzungslosen, ver-

- 35 -


gebenden, uns zugewandten Liebe Gottes die Rede vom Gericht als unangenehm

störender Zaungast daherkommt.

Andererseits hat es christliche Verkündigung nie ohne diese Vorstellung gegeben.

In den Glaubensregeln der Kirchenväter, die in den ersten drei Jahrhunderten

nach Christus der Ausbildung unseres bis heute gültigen Glaubensbekenntnisses

vorausgingen, gehörte der zum Gericht über die Lebenden

und die Toten wiederkehrende Christus von Anfang an zum unverzichtbaren

Inventar. Warum das so ist und was das bedeutet, werden wir ein bisschen

besser versehen, wenn wir uns für ein paar Minuten auf einen schnellen

Sprint durch dreitausend Jahre Glaubensgeschichte einlassen.

In der hebräischen Bibel begegnet uns Gott als Richter bereits zur Zeit der

Könige im alten Israel. Die Rechtsprechung war Sache der staatlichen Obrigkeit,

aber damit war es in der damals immer deutlicher in Arm und Reich zerfallenden

Gesellschaft sehr bald nicht mehr weit her. In der Verkündigung der

Propheten spielt deshalb Gott, der Richter, eine wesentliche Rolle, nämlich

als Gott, der Gerechte, der dem Armen und Entrechteten sein Recht schafft –

allerdings nicht irgendwo und irgendwann, nicht an einem fernen Jüngsten

Tag, sondern hier, jetzt, in den konkreten politischen und gesellschaftlichen

Verhältnissen.

Als das Gottesvolk Israel später die staatliche Selbständigkeit eingebüßt hatte,

wurde es zu einer wesentlichen Voraussetzung seines Überlebens als

Volk und als religiöse Gemeinschaft, dass es lernte, seine politische Katastrophe

nicht als blindwütiges Schicksal zu erleiden, sondern als ein gerechtes

Urteil Gottes über ein kollektives Versagen, das sich als Abfall von den Prinzipien

und Forderungen des eigene Glaubens darstellte. Die Katastrophe als

Neubeginn – dieser durchaus zentrale biblische Gedanke hatte die Vorstellung

von einem urteilenden, richtenden Gott förmlich zur Voraussetzung, weil

es ansonsten überhaupt keine Kriterien für richtig und falsch und somit auch

keine dafür gegeben hätte, was man nach einem fundamentalen Scheitern

denn anders und besser machen müsse, um überhaupt wieder Zukunft zu

haben.

Die uns geläufige Vorstellung vom Jüngsten Gericht hat sich dem gegenüber

erst viel später entwickelt, nämlich in den Zeitaltern unmittelbar vor und nach

Christ Geburt. In der Kultur- und Glaubenswelt des damaligen römischen

Reiches war so ziemlich alles, was man heutzutage als die so genannten

Werte bezeichnet, ins Rutschen und ins Zwielicht des Zweifels geraten. Gemeinschaften

wie das Judentum, die dem gegenüber von festen Prinzipien

geleitet waren, im kunterbunten Markt der religiösen Möglichkeiten jedoch nur

eine Minderheit ausmachten, bildeten deshalb um so eifriger die Vorstellung

von einem umfassenden Weltgericht aus, mit dem der eine und einzige Gott

dem Spuk der teils unverbindlichen, teils Angst einjagenden Religionen ein

Ende machen und der alleinigen Wahrheit zum Durchbruch verhelfen werde.

- 36 -


Es gehört zu den bemerkenswerten Kennzeichen in der Verkündigung und

mehr noch im Handeln Jesu, dass derartige Vorstellungen bei ihm eine wesentlich

anders akzentuierte Rolle spielen. Vor allem hat Jesus sich selbst

nicht als Richter gesehen. Aber auch seine Rede von Gott ist nicht vorrangig

vom Bild eines Richters, sondern in und vor allem anderen vom Bild des Vaters

geprägt, auf den man sich vertrauensvoll verlassen kann. Was Jesus allerdings

sehr wohl und sehr klar herausstellt, ist, dass dieses Vertrauensverhältnis

nicht von beliebigen Befindlichkeiten abhängt, die heute diese und

morgen jene Option generieren, sondern von einer klaren Entscheidung für

oder gegen ein Leben mit diesem Gott geprägt ist. Entweder - oder. Ich bin

nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sagt Jesus, sondern das Schwert,

und wer mir auf dem Weg des rückhaltlosen Vertrauens in Gott den Vater

nachfolgt, wird Vater und Mutter verlassen und auch keine Zeit haben, noch

eben schnell einen Acker zu kaufen.

Dieser Ruf zur Entscheidung prägt auch nach Ostern die ersten Christen in

besonderer Weise. Für sie ist klar, dass der gekreuzigte und auferstandene

Herr noch zu ihren Lebzeiten wiederkommen und das von ihm angekündigte

Gottesreich des Friedens und der Gerechtigkeit errichten wird. Aus dem Antrieb,

möglichst viele Menschen in diese Erwartung mit hinein zu nehmen,

bezieht die erste Christenheit ihre missionarische Dynamik.

Als dann die Wiederkunft des Herrn auf sich warten lässt, geht die damit verbundene

Hoffnung erstaunlicherweise nicht verloren. Das ist der eigentliche

Grund dafür, dass sich die auf Kreuz und Auferstehung Jesu bezogene Gemeinschaft

weder auflöst, noch im Dunkel der Sektengeschichte verliert, sondern

sich zur organisierten Kirche entwickelt – zu einer Kirche allerdings, die

eben wegen der vom religiösen Larifari ihrer Umwelt unterschiedenen Klarheit

ihrer Glaubensüberzeugung neben viel Hoffnung ebenso viel Misstrauen

erzeugt und, weil sie ihren Gott nicht im römische Kaiser sucht und findet,

über drei Jahrhunderte weg immer wieder verfolgt wird. Angesichts des damit

verbundenen Leids und der zahllosen Opfer kann es für die frühe Kirche gar

nicht anders sein, als dass in die bereits vorrätige Vorstellung vom abschließenden

Gericht nunmehr der wiederkommende Herr einrückt. Jesus selbst,

so entdeckt man jetzt, wird es sein, der am Ende aller Tage das aktuell geschehende

Unrecht wieder gut macht, die unschuldig Leidenden erlöst und

als Richter über die Lebenden und die Toten die Guten belohnt und die Bösen

bestraft.

Diese Vorstellung, die in der verfolgten frühen Kirche etwas ungemein Tröstendes

hatte, wandelt sich in der Kirche des Mittelalters zu einem Zerrbild,

das Angst und Schrecken verbreitet. Das Gericht über die Lebenden und die

Toten wird jetzt, da die Kirche selbst zur Macht gelangt ist, ein Knüppel-ausdem-Sack,

mit dem das Fußvolk bei der Stange gehalten, Kritik mundtot gemacht

und das, was man die rechte Ordnung nennt, aufrecht erhalten wird.

Aus dem jenseitigen Gericht Gottes wird die Legitimation für diesseitige Blutbäder

bezogen, der verschreckte Gläubige wird schon jetzt mit höllischem

- 37 -


Fegefeuer bedroht, und vor einem ausgeklügelten Katalog letzter, vorletzter

und höchst gegenwärtiger göttlicher Strafgerichte hilft nur, sich mit schwerem

Geld davon loszukaufen.

Ich denke, wir brechen hier ab. Denn trotz allem, was geschichtlich folgt, trotz

Reformation und Aufklärung verbindet sich für glaubende Christen wie für

Gottesleugner mit der Rede von der Wiederkunft „zu richten die Lebenden

und die Toten“, wenn überhaupt noch etwas, dann bis heute eine Vorstellung

von Lohn und Strafe, die auf der einen Seite den schalen Geschmack einer

billigen Vertröstung aufs Jenseits und auf der anderen die bedrückende Idee

eines unberechenbaren Tribunals mit sich schleppt.

Fatale Folge: die Rede vom richtenden Gott wird auf diese Weise zu einer

leider nur allzu praktikablen Methode, um die nüchternen Zusammenhänge

zwischen menschlichen Taten und den Folgen dieser Taten zu verschleiern

und höchst profane Ereignisse in das vermeintliche Licht des Glaubens, tatsächlich

ins Zwielicht der Ideologien zu stellen. Als Strafgerichte Gottes haben

nicht wenige deutsche Theologen die beiden Weltkriege des letzten

Jahrhunderts bezeichnet, obwohl hier tatsächlich bloß ein Staat, der seine

Nachbarn notorisch zu überfallen pflegte, von den Angegriffenen in die Knie

gezwungen wurde. Und wenn islamische Hassprediger die Tausende von Toten,

die der Überfall auf das World Trade Center gekostet hat, als Allahs Gericht

über die Ungläubigen feiern, dann lässt sich die verzweifelte Frage, wie

ein doch angeblich gerechter Gott das zulassen kann, nicht dadurch beantwortet,

dass fundamentalistische christliche Hassprediger in Amerika das

Bombardement der irakischen Zivilbevölkerung als Gericht dieses gerechten

Gottes ausgeben.

Warum erzähle ich das Ich denke, dass die Geschichte des Glaubens, soweit

sie von den religiösen Eiferern der Antike über die mittelalterliche Inquisition

bis zu den Exzessen der Gegenwart immer auch eine Geschichte der

Gewalt gewesen ist, eines lehrt: nämlich, dass der Glaube an die Wiederkunft

Christi „zu richten die Lebenden und die Toten“ ganz und gar und überhaupt

nichts mit der Korrektur oder Reparatur unseres Tuns und Lassens zu schaffen

hat. Das gilt für die Unzulänglichkeiten und Ungerechtigkeiten des

menschlichen Lebens und Zusammenlebens ebenso wie für seine Grässlichkeiten

und Grausamkeiten.

Den Schlüssel zum richtigen Verständnis hat uns der Apostel Paulus an die

Hand gegeben. Wir müssen alle, schreibt er im zweiten Brief an die Korinther,

alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi. In diesem kurzen Satz ist

jedes einzelne Wort wichtig, weil uns jedes einzelne Wort ein entscheidendes

Licht über den Jüngsten Tag aufgehen lässt.

Zunächst: wir müssen alle offenbar werden. Alle ohne Ausnahme. Es gibt

keine Gerichteten oder Geretteten erster und zweiter Klasse. Und es gibt,

noch wichtiger, keinen einzigen Menschen, der aus eigener Vollkommenheit

oder gar gottbehüte im Namen Gottes zum Richter über auch nur einen ein-

- 38 -


zigen anderen Menschen gesetzt wäre. Wo alle auf dieselbe Inventur verwiesen

sind, machen sich Oberschlaue oder Naseweise, die schon mal vorab die

Bücher aufschlagen, bloß lächerlich.

Sodann: Wir müssen alle offenbar werden. Es gibt in dieser Welt eine Instanz,

und sei’s erst an ihrem letzten Tag, und sei’s so, dass ich nicht sagen

kann, wo genau und wann genau sie wirksam wird, eine Instanz, vor der die

Tricks, die verschleiernden Halbwahrheiten und die geschickt in ihr Gegenteil

verdrehten Tatsachen keine Chance haben. Das ist nicht nur die Hoffnung

der Opfer, die über den Tisch gezogen und untergebuttert werden. Sondern

das ist auch die Befreiung der Täter, denn es ist nicht nur erschreckend, die

eigene Fratze unverstellt zu sehen, sondern auch ungeheuer entlastend, sich

nicht mehr in die Tasche zu lügen.

Weiter: Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richtstuhl Christi. Der wiederkehrende

Christus ist eben kein anderer als der Jesus von Nazareth, der

die Menschen, ich sprach vorhin davon, vor eine grundlegende Entscheidung

gestellt hat. Es geht nicht darum, auch nicht in der Kirche, dass alle vor allem

nett zueinander sind und möglichst noch der Letzte mit durchgeschleppt wird.

So sicher keiner von uns zum Richter berufen ist, so sicher erinnert uns der

Glaube an ein letztes Gericht daran, dass in den Fragen unseres Glaubens

wie in denen unseres Tuns und Lassens keineswegs alles gleichermaßen

gültig und damit gleichgültig ist. Wenn Jesus selbst sagt, dass in meines Vaters

Haus viele Wohnungen sind, und gerade die evangelische Kirche eben

deshalb kein unfehlbares Lehramt besitzt, so entbindet uns das keineswegs

von der lebenslang und, vorbehaltlich des letzten Gerichts, vermutlich bis

zum jüngsten Tag immer wieder neu aufzunehmen Aufgabe, zwischen Gut

und Böse, Wahr und Falsch, Gerecht und Ungerecht zu unterscheiden und

die sich daraus ergebenden Konsequenzen tatsächlich zu ziehen, auch wenn

wir damit immer wieder irren und dabei niemals fertig werden.

Und schließlich: Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.

Der da kommt, zu richten die Lebenden und die Toten, ist kein anderer als

der Freund der Zöllner und Sünder. Dieser Richter richtet nicht hin, sondern

er richtet auf. Und so können wir, glaube ich, Sonntag für Sonntag unser

Glaubensbekenntnis mit dem Passus „zu richten die Lebenden und die Toten“

sprechen – ohne Angst. Und in dem Vertrauen, dass unser Leben und

Sterben mit der verwirrenden und nur zu oft richtungslosen Fülle seiner Lichtund

Schattenseiten in diesen Händen geborgen und gut aufgehoben ist. A-

men.

- 39 -


- 40 -


Die siebte Predigt:

"... an die heilige christliche Kirche... "

Sonntag, 03. Februar 2008

Prediger: Pfarrer i.R. Karl-Wolfgang Brandt

Predigttext: Eph. 4, 1-16;

Liebe Gemeinde,

heute geht es in der Predigt um den Abschnitt der Heiligen Schrift, den wir

soeben gehört haben.

Das ist schon das erste und wichtigste Kennzeichen der christlichen Kirche

nach evangelischem Verständnis: Das Fundament der Kirche ist das Wort

der Heiligen Schrift. Jede kirchliche Tradition, und alles kirchliche Redn und

Denken hat sich vor der Heiligen Schrift zu verantworten. Ist ein bestimmtes

Denken und Handeln nicht schriftgemäß, dann wird es aus der Kirche ausgeschieden.

Inhalt der Heiligen Schrift ist das Evangelium von Jesus Christus,

der „in Wort und Sakrament durch den Heiligen Geist als der Herr gegenwärtig

handelt“.

Auch wenn wir uns für heute das Thema „Kirche“ vorgenommen haben, kann

es im Gottesdienst nicht um einen Vortrag über die kirchliche Lehre von der

Kirche gehen. Nun könnte man sagen, es geht auch nicht um einen Lehrsatz,

sondern um einen Bekenntnissatz: „Ich glaube…an die heilige, christliche

Kirche…“ Das apostolische Glaubensbekenntnis, aus dem dieser Satz

stammt, gehört zu den gemeinsamen Grundlagen der Kirchen. Aber auch

hier gilt: Bekenntnisse sind aus dem Wort Gottes abgeleitet, tragendes Fundament

der Kirche ist allein das Evangelium, so wie es in der Heiligen Schrift

überliefert ist. Deshalb sind die entsprechenden Aussagen der Schrift der kritische

Maßstab für alles, was wir von der Kirche sagen und glauben.

Was also sagt unser Abschnitt aus dem Epheserbrief über die Kirche Es gibt

eine berühmte Auslegung unseres Textes, die in unserer Kirche den Rang

eines Bekenntnisses hat. Ich meine die Barmer Theologische Erklärung von

1934. Deren 3. These versteht sich als Auslegung der beiden letzten Verse

unseres Predigttextes (Eph. 4,15+16).

Sie lautet:

„Die christliche Kirche ist die Gemeinschaft von Brüdern (und Schwestern), in

der Jesus Christus in Wort und Sakrament durch den Heiligen Geist als der

Herr gegenwärtig handelt. Sie hat mit ihrem Glauben wie mit ihrem Gehorsam,

mit ihrer Botschaft wie mit ihrer Ordnung mitten in der Welt der Sünde

als die Kirche der begnadigten Sünder zu bezeugen, dass sie allein sein Ei-

- 41 -


gentum ist, allein von seinem Trost und seiner Weisung in Erwartung seiner

Erscheinung lebt und leben möchte.“

Der wichtigste Satz lautet: „Die christliche Kirche ist die Gemeinschaft von

Brüdern (und Schwestern)“. Das ist ein weiteres Kennzeichen der Kirche

nach evangelischem Verständnis.

Unser Predigttext sagt das mit dem Bild vom Leib. Die Gemeinde ist der Leib,

Christus ist das (eine!) Haupt. Es gibt also ein klares Gefälle: Kirche ist nicht

Christus, sie „hat“ nicht den Christus: er ist das Haupt, sie wächst zu ihm hin!

Christus „regiert“ seine Kirche durch sein Wort. Das macht alle eigenen Herrschaftsansprüche

der Kirche nach außen und innen unmöglich. Kirche ist

nicht Herrscherin über irgend jemanden oder irgendetwas. Sie ist Dienerin

Christi und seines Wortes. Die in der Gemeinschaft der Kirche zusammengeschlossenen

Männer und Frauen sind –unterschiedslos!- gleichberechtigte

und gleichwürdige Glieder an einem Leib. Das Bild von der Kirche als Leib

Christi begegnet häufig im Neuen Testament. Es ist die Beschreibung der

Kirche schlechthin. Zwar gibt es –wie in einem menschlichen Leib- unterschiedliche

Aufgaben und Funktionen. Unser Predigttext zählt einige auf. Da

sind unterschiedliche Begabungen und Fähigkeiten, wir würden heute sagen:

sie sind unterschiedlich spezialisiert. So ist die Gemeinde besser gegen den

Zeitgeist und gegen falsche Lehren gewappnet. Aber diese Unterschiede begründen

keine Herrschaft der einen über die anderen. Eine Unterscheidung

zwischen Priestern und Laien und eine gestufte Ordnung der Kirche sind

nach evangelischem Verständnis nicht schriftgemäß. Mit dieser Lehre steht

die Evangelische Kirche bis heute gegen die römisch-katholische Kirche. Hier

liegt auch der Grund dafür, dass die gemeinsame Teilnahme beim Heiligen

Abendmahl bisher von der römisch-katholischen Hierarchie nicht geduldet

wird.

Und unser Predigttext Er ruft scharf und tadelnd in diese Spaltung der Kirche

hinein: Ein weiteres – drittes - Kennzeichen ist die Einigkeit der Kirche

(Eph. 4,1-6) Nur indem sie einig ist, lebt die Kirche würdig ihrer Berufung.

Deshalb suchen die Kirchen auch nach Verständigung und Übereinkunft. Gerade

die Evangelische Kirche sucht immer wieder Wege zueinander, obwohl

aus Rom den Protestanten abgesprochen wird, im vollgültigen Sinne Kirche

zu sein. Wenn wir trotzdem weiterhin nach Einheit suchen, dann nicht, weil

wir so gerne von Rom anerkannt werden wollen. Man könnte sagen: was

geht uns das an! Wir suchen die Einheit, weil das Wort Gottes das von uns

erwartet. Es gehört zur Würde unserer kirchlichen Berufung, „zu wahren die

Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens: ein Leib, ein Herr, ein Glaube,

eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der ist über allen und durch alle und

in allen“ (Verse 3-6 i.A.).

Allerdings muss hier ein kritisches Wort gesagt werden darüber, dass nicht

alles, was sich „Kirche“ nennt, auch Kirche ist. Das gilt z.B. für die sich selbst

so nennende „Scientology Church“. Sie macht immer gerne von sich reden.

- 42 -


Neuerdings ist sie wieder durch den amerikanischen Schauspieler Tom Cruise

in aller Munde. Was sich hier „Kirche“ nennt, ist nicht Kirche. Kirche ist nur

da, wo das Wort Gottes rein gepredigt wird und die Sakramente recht verwaltet

werden.

Liebe Gemeinde, es gibt ein ganz einfaches Prüfverfahren, um festzustellen,

ob es sich bei einer Gemeinschaft um eine Sekte oder eine Kirche handelt:

Das ist die Frage, welche Bedeutung hat Jesus Christus in dieser Gemeinschaft

Ist er der „Herr“ seiner Gemeinde, und zwar der einzige Kommt in

Christus Gott selbst zu uns Ist Christus der Erlöser Ist Christus unser „einziger

Trost im Leben und im Sterben“

Wenn nicht, wenn es noch andere Mächte, Ereignisse oder Vorschriften gibt,

dann steht vielleicht Kirche drauf. Dann ist aber nicht Kirche drin. An dieser

Frage: wer ist Christus für dich Scheiden sich die Geister. Wenn Kirche wirklich

Kirche ist, dann ist Christus der einzige Herr.

So können wir Sekten und Etikettenschwindler schnell ausscheiden. Dann

bleibt aber immer noch eine Vielfalt der Kirchen als Herausforderung: Ev. Kirche,

Röm.-Kath. Kirche, Anglikanische Kirche, Orthodoxe Kirche, Freikirchen.

Woher diese Vielfalt, diese Zersplitterung Sie alle sind geschichtlich entstanden,

indem in bestimmter Situation bestimmte Elemente des Glaubens

große Bedeutung erlangten. So bewahren sie alle mit unterschiedlicher Betonung

das eine Evangelium. Deshalb ist das ständige Gespräch und die ständige

Auseinandersetzung notwendig. Das Ziel ist die Einheit der Kirche, weil

Christus selbst es so will: Er sagt: „ich will, dass alle eins seien“(Joh.17,20f.).

Diesem Ziel sind unsere Kirchen noch fern, wie jeder weiß und sieht. Gegen

Mutlosigkeit und Resignation auf diesem langen Weg sagt unser Predigttext:

„Ertragt einer den anderen in Liebe“ (Eph. 4,2) Ganz in dieser Spur hat die

Ev. Kirche den Begriff von der „versöhnten Verschiedenheit“ geprägt. Damit

ist gemeint, dass die Unterschiede zwischen den Kirchen nicht einfach übergangen

oder weggeredet werden können, dass aber dennoch ein Band der

Versöhnung die Kirchen zu einem Ganzen zusammenbindet. Ich denke, das

ist eine gutes Bild und ein gutes Programm, und danach leben und handeln

viele unterschiedliche Kirchengemeinden, gerade auch evangelische und römisch-katholische

Gemeinden vor Ort.

Das gemeinsame Zeugnis stärkt uns in unserem Glauben und die Gesellschaft,

die Welt braucht dieses gemeinsame Zeugnis nötiger denn je.

Damit bin ich bei der letzten Frage für heute angelangt: Wozu brauche ich,

wozu braucht die Gesellschaft die Kirche

Ich behaupte: Mit Christus sind Gnade und Barmherzigkeit in die Welt gekommen.

Nicht dass es sie nicht schon vorher gegeben hätte. Aber mit Christus

sind Gnade und Barmherzigkeit zur gestaltenden Kraft dieser und der zukünftigen

Welt geworden.

- 43 -


Das bedeutet für mich – Christus ist mein einziger Trost im Leben und im

Sterben. Aber er ist dann auch wirklich mein einziger Trost: stark genug für

das ganze Leben und das endliche Sterben.

Weil wir diesen Trost und Halt haben…

…stehen wir auf gegen Mutlosigkeit und Resignation. Wir haben Zukunft und

deshalb nehmen wir es nicht hin, wenn die Zukunft von Menschen zerstört

wird.

…haben wir Ehrfurcht vor allem Leben ohne Beachtung von Herkunft, Rasse,

Leistungsfähigkeit oder Begabung.

...weigern wir uns, mit den Wölfen zu heulen. Wir tun nichts, nur weil alle es

so tun. Wir vergöttern nicht Geld und Macht, nur weil viele es tun und sich dafür

auch noch bewundern lassen.

…freuen wir uns an dem, was ist, ohne ständig nach etwas anderem oder

nach mehr zu schielen. Wir wissen: Das Glück des Menschen ist der andere

Mensch.

„Laßt uns wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in Stücken zu dem hin,

der das Haupt ist, Christus“(Eph. 4, 15).

Die christliche Existenz richtet sich nach innen und nach außen. Christus ist

Hoffnung und Trost für mich und Hoffnung und Trost für die Welt. Der Glaube

ist mein persönlicher Fluchtpunkt, wo mich die Ungeheuer der Welt und meines

Lebens nicht fassen können. Aber zugleich hat der Glaube einen Radius,

der in die Gesellschaft hineingeht und meine Mitmenschen mitnimmt.

Wenn wir als Christen mitten im Leben stehen, sollte uns das nicht ängstigen.

Gott hat keinen Gefallen an unserer Angst, sei es die Angst um uns

selbst oder die Angst um die Kirche. Er will uns zu fröhlichen und phantasievollen

Überbringern seiner Botschaft machen.

Das klingt so schwer und scheint so viel zu sein. Aber was haben wir Menschen

doch so vielfältige Gaben und Fähigkeiten!

In wenigen Tagen beginnt die Fastenaktion „7 Wochen ohne“ mit einem ungewöhnlichen

Titel: „Verschwendung – 7 Wochen ohne Geiz!“

Die Kampagne ruft dazu auf:

„Fragen Sie sich, wem Sie der Nächste sein können. Verschwenden Sie

Menschlichkeit – IHRE Menschlichkeit! Verschwenden Sie Zeit an Ihre

Freunde, verschwenden Sie Ihr Geld für eine gute Sache, verschwenden Sie

Liebe, genießen Sie, bleiben Sie genießbar. Sich auf seinen Glauben zu be-

- 44 -


sinnen – das heißt: seinem Leben möglicherweise eine neue Wendung zu

geben oder auch nur wieder zu entdecken, worauf es ankommt.“

Liebe Gemeinde, die Fragen waren: Wozu brauchen wir die Kirche Ich

könnte noch weitermachen mit den Antworten. Aber es soll für jetzt gut sein.

Eins dürfen wir sicher glauben: Gott wird mit der Verschwendung von Gnade

und Barmherzigkeit niemals aufhören.

Amen.

- 45 -


Die achte Predigt:

"... Gemeinschaft der Heiligen ... "

Sonntag, 17. Februar 2008

Prediger: Pfarrer Hans-Peter Lauer

Liebe Gemeinde!

Seit gut drei Jahren habe ich mit Heiligen zu tun. Genauer gesagt: mit einer bestimmten

Heiligen. Sie heißt Barbara. Wer sich etwas mit Bergbau auskennt

und hier in Neumühl kann das ja durchaus noch der Fall sein, weiß wohl auch,

dass sie die Schutzheilige der Bergleute ist. Bis heute gibt es auf Zechen Barbarafeiern.

Aber die heilige Barbara ist neben dem Bergbau, übrigens auch neben

der Artillerie, zugleich für die Eisen- und Stahlproduktion zuständig.

So kommt es, dass seit drei Jahren ein ökumenischer Gottesdienst anlässlich

des Barbaratages auch in einer Werkshalle der Hüttenwerke Krupp Mannesmann

stattfindet. Über dem Altar hängt ein großes Bild, das ein ehemaliger Beschäftigter

gemalt hat. Es zeigt die heilige Barbara inmitten von Anlagen, Leitungen

und Stahlarbeitern. Natürlich erwähnt die Legende an keiner Stelle, dass

sie selbst einmal in den Arbeitsbereichen tätig gewesen war, die man ihr viele

Jahre nach ihrem Tode zugewiesen hat. Sie hat weder Kohle oder Erz abgebaut

noch Stahl gekocht. Schon gar nicht hat sie irgendwann einmal eine Kanone

abgefeuert. Die Legende erzählt von ihr als Glaubenszeugin, als mutige Bekennerin

des christlichen Glaubens unter Folter und in Todesgefahr, also als

Märtyrerin.

Aber das steht bei der Verleihung eines so genannten Patronats eher im Hintergrund.

Wie der Name „Schutzheilige“ schon sagt, liegt das vorrangige Interesse,

das man an ihnen hat, mehr darin, dass sie bei der Sicherheit und beim Gelingen

der Arbeit helfen sollen. So gibt es Heilige für alle möglichen Berufe. Oder

anders gesehen: alle mögliche Berufsgruppen haben sich ihre eigenen Schutzheiligen

gewählt. Manche wissen sogar gleich mehrere auf ihrer Seite: Die Bäcker

dreizehn, die Bauern neunundzwanzig, die Winzer dreiundzwanzig, die

Gärtner fünfzehn, selbst die Hutmacher noch zehn. Wiederum haben manche

Heilige wie Barbara gleich für mehrere Berufe und Arbeitsgebiete Sorge zu tragen.

Ein gewisser Amandus von Maastricht etwa für Bierbrauer, Weinhändler

und Branntweinbrenner – warum auch immer. Einleuchtender ist es da schon,

dass der italienische Franziskaner Joseph von Copertino, der bei seinen stundenlangen

Ekstasen Erlebnisse des Fliegens bekam, nun für Weltraumfahrer

zuständig sein soll.

- 46 -


Doch denken wir als evangelische Christen an diesen ziemlich exklusiven Kreis

von Heiligen, wenn wir die „Gemeinschaft der Heiligen“ bekennen Wohl kaum.

Ob wir die Stelle aus Luthers Großen Katechismus kennen oder nicht, wir neigen

eher dazu, diesen Teil des Glaubensbekenntnisses so zu verstehen wie der

Reformator. Martin Luther meinte nämlich, es müsse im Grunde eine „Gemeinde

der Heiligen“ oder noch besser eine „heilige Gemeinde“ heißen. Wo aber soll

dann der Unterschied zur „heiligen christlichen Kirche“ sein, von der im Glaubensbekenntnis

vorher die Rede ist

Nun ist sich Luther schon bewusst, dass es im Grunde eine Doppelung ist, und

er meint auch, „die Gemeinschaft der Heiligen“ oder nach seiner Übersetzung

die „Gemeinde der Heiligen“ sei eine Glosse, eine später zugefügte Anmerkung.

Tatsächlich ist das Glaubensbekenntnis, wie es uns jetzt vorliegt, in einem langen

Prozess entstanden. Bei dem, was wir als „Gemeinschaft der Heiligen“ bekennen,

handelt es sich auch um einen relativ späten Zusatz. Zuerst kam er

wahrscheinlich gegen Ende des 4. Jahrhunderts in Serbien auf, wurde dann

auch in Gallien, also dem heutigen Frankreich, aufgenommen und schließlich

auch in Rom dem Taufbekenntnis zugefügt.

Auf Latein heißt dieser Zusatz: „Communio sanctorum“. Unsere deutsche Übersetzung

lautet dann „Gemeinschaft der Heiligen“.Auch Martin Luther ist klar,

dass er hier eine Übersetzung aus dem Latein versucht, und er ringt förmlich mit

der Frage, was unter dieser „communio“ denn nun zu verstehen sei. So entscheidet

er sich dafür, besser nicht von einer „Gemeinschaft der Heiligen“ sprechen,

sondern lieber von einer „Gemeinde der Heiligen“ oder einer „heiligen

Gemeinde“. Das wäre nach seinem Verständnis allerdings nichts anderes als

die Gemeinde der Glaubenden, oder noch deutlicher: die Versammlung der

Glaubenden.

Aber ist das wirklich der Sinn von „communio“ Schon der Heidelberger Katechismus,

damit auch eine evangelische, allerdings reformierte Bekenntnisschrift,

sieht das anders. Auf die Frage „Was verstehst du durch die Gemeinschaft der

Heiligen“ antwortet er:

„Erstens, dass alle und jede Gläubigen als Glieder an dem Herrn Christo und

allen seinen Schätzen und Gaben Gemeinschaft haben. Zum andern, dass ein

jeder seine Gaben zu Nutz und Heil der andern Glieder willig und mit Freuden

anzulegen sich schuldig wissen soll.“

Das ist nun ein anderer Akzent. Hier geht es zunächst um Gemeinschaft mit

oder Teilhabe an etwas oder an jemanden, konkret um die Teilhabe an Christus

und seinen Schätzen und Gaben. Dann und daraufhin sollen auch die Christen

untereinander an ihren Gaben teil geben. Nach der Apostelgeschichte teilt sich

die Urgemeinde allerdings nicht nur ihre geistlichen Gaben, sondern auch ihre

materiellen Güter, haben alle alles gemeinsam und ist damit das private Eigen-

- 47 -


tum im Grunde abgeschafft. Ob ein christliches Miteinander auch materielle Gütergemeinschaft

einschließt, hat die Christenheit seither immer beschäftigt.

Wir sehen hier schon, wie dieser Teil des Glaubensbekenntnisses, der auf Latein

„communio sanctorum“ heißt, viele Interpretationsmöglichkeiten bietet. Im

Hintergrund steht allerdings immer die Kernfrage, wie Christen ihren Glauben

leben. Um das genauer zu sehen, können wir uns eine weitere und andere Auslegung

dieser „communio sanctorum“ nicht ersparen. Strittig ist dabei nicht nur

das Verständnis von „communio“. Geht es um die Gemeinschaft von Menschen

oder geht es um die Teilhabe an etwas Aber woran An Christus, aber dann

auch an seinen Schätzen und Gaben, sagt der Heidelberger Katechismus. Diese

„Schätze und Gaben“ Christi weisen nun aber darauf hin, dass auch das

zweite Wort unseres Bekenntnisteils, das „sanctorum“, unterschiedlich übersetzt

werden kann. Es muss nicht notwendig die „Heiligen“ bedeuten, wie wir es zu

verstehen gewohnt sind. Es kann auf Latein auch bedeuten: die Teilhabe am

Heiligen, konkret dann an den Sakramenten, insbesondere am Abendmahl, der

Eucharistiefeier, am Blut und Leib Christi.

Allgemeiner gesagt: im Mittelpunkt steht die Teilhabe an den Heilsgütern. Viele

Kirchenhistoriker meinen, dass ein solches Verständnis in der Alten Kirche sogar

vorherrschte. Zugespitzt gesagt geht es dann weniger darum, an Christus

teilzuhaben als an den Heilsmitteln, an den Sakramenten. Oder andersherum:

Man nimmt an Christus teil, indem man an den Sakramenten der Kirche, insbesondere

an der Eucharistiefeier teilhat. Für den Menschen, den einzelnen Christen

kommt es also darauf an, an diesen Heilsgütern teilzuhaben. Damit ist er im

wesentlichen Empfänger und Teilhaber, ja, man kann sogar moderner sagen:

ein Nachfrager und Konsument von Heilsgütern.

Im Mittelalter gab es dann die Lehre vom Schatz Christi und seiner Heiligen. Die

Kirche verstand sich als Heilsanstalt und somit als Inhaberin und Verwalterin

dieses Schatzes; und sie konnte dann auch diese Heilsgüter, etwa durch den

Ablasshandel, zu Geld machen, um zum Beispiel den Petersdom in Rom damit

zu finanzieren. Jetzt stehen wir gewissermaßen am Vorabend der Reformation.

Da wundert es nicht, dass der Reformator Martin Luther keinen Gedanken an

ein solches Verständnis von „Communio“ im Sinne von Teilhabe am Heiligen

aufkommen lassen will und stattdessen lieber „heilige Gemeinde“ übersetzt und

damit eine Gemeinschaft von Glaubenden vor Augen hat.

Aber liegt uns dieses andere Verständnis heutzutage wirklich so fern Es taucht

meines Erachtens in moderner, genauer in marktwirtschaftlicher Gestalt wieder

auf. Im Internet fand ich den Hinweis auf ein Seminar an einer Universität, das

den bezeichnenden Titel hatte: „Markt für Heilsgüter“. Konkret sollten Yoga-

Anbieter in München untersucht werden. Entsprechend hört man heute oft, dass

die Kirche kein religiöses Monopol mehr hat und sich auf dem Markt der Sinnanbieter

bewähren muss. Das klingt in einer Gesellschaft, wo wir für alles einen

- 48 -


Markt haben und möglichst alles unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten sehen,

recht plausibel. Maßgeschneiderte Angebote für verschiedene Milieus, Qualitätssicherung

bei Amtshandlungen, Kirchenmitglieder, die vorrangig als Kunden

für soziale oder religiöse Dienstleistungen gesehen werden, das alles scheint

sich auf der Höhe der Zeit zu bewegen. Diesem Selbstverständnis von Kirche

als Anbieterin von Heilsgütern entspricht es dann, wenn man seine Zugehörigkeit

zur Kirche davon abhängig macht, ob sie einem etwas bringt oder nützt. Ein

solches Verständnis ist aber bereits dort angelegt, wo sich das Interesse an der

Person Christi auf die Teilhabe an seinen „Schätzen und Gaben“ beschränkt.

Dabei gibt es aber für die evangelische Kirche eine besondere Gefährdung. Sie

hat die Tendenz, zu einer Art Discounter, ein Aldi oder Lidl unter den Anbietern

von Heilsgütern zu werden. Denn was hat sie als ihr Markenprodukt, als ihr besonderes

Warenangebot zu vermarkten, wenn es nicht Luthers reformatorische

Entdeckung ist, dass der Mensch allein aus Gnade und nicht aufgrund seiner

Werke und Leistungen lebt

Bereits vor rund siebzig Jahren warnte Dietrich Bonhoeffer vor einer solchen

Entwicklung und formulierte seine Warnung mit ökonomischen Begriffen:

„Billige Gnade ist der Todfeind unserer Kirche. Unser Kampf heute geht um die

teure Gnade.

Billige Gnade heißt Gnade als Schleuderware, verschleuderte Vergebung, verschleuderter

Trost, verschleudertes Sakrament; Gnade als unerschöpfliche Vorratskammer

der Kirche, aus der mit leichtfertigen Händen bedenkenlos und

grenzenlos ausgeschüttet wird; Gnade ohne Preis, ohne Kosten. Das sei ja das

Wesen der Gnade, dass die Rechnung im voraus für alle Zeit beglichen ist. Auf

die gezahlte Rechnung hin ist alles umsonst zu haben. Unendlich groß sind die

aufgebrachten Kosten, unendlich groß daher auch die Möglichkeiten des Gebrauchs

und der Verschwendung. Was wäre auch Gnade, die nicht billige Gnade

ist.“

„Hauptsache billig“, dieses Motto von Discountern und Verbrauchern, macht

auch vor dem Umgang mit Gottes Gnade nicht halt. Dem hält Bonhoeffer gegenüber,

dass der christliche Glaube immer auch die Nachfolge Christi einschließt

und den Christen in den Konflikt mit der Welt, wie sie ist, mit den herrschenden

Verhältnissen führt. Seine Unterscheidung zwischen „billiger“ und

„teurer Gnade“ zeigt so eine Richtung, wie das Bekenntnis zur Gemeinschaft

der Heiligen in einem biblischen Sinne verstanden werden kann.

In der Schriftlesung hörten wir, wie nach dem Hebräerbrief Abraham und Sara

ihren Glauben lebten, indem sie sich ganz der Verheißung Gottes anvertrauten.

Sie stehen da in einer ganzen Reihe von Glaubenszeugen aus dem Alten Testament.

Was sie allesamt miteinander verbindet, ist nicht nur Glaube und Hoff-

- 49 -


nung, sondern sie bilden auch eine Gemeinschaft von Bekennern, eine Gemeinschaft

des Leidens, des Kampfes und Widerstandes.

Wie sollen sich nun die Christinnen und Christen zu diesen Glaubenszeugen, zu

dieser die Zeiten umspannenden Gemeinschaft verhalten In welcher Weise

können und sollen sie daran teilhaben Der Hebräerbrief belässt es ja nicht bei

diesem Bericht, damit sich die Gemeinde daran erbauen kann. Er ermutigt die

Gemeinde, nun selbst aktiv an dieser „Gemeinschaft der Glaubenszeugen“ teilzunehmen,

indem er dazu auffordert:

„Darum auch wir: Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst

uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns ständig umstrickt,

und lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und

aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er

hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande geringachtete

und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes.“

Die Heiligen sind hier in erster Linie Zeugen Gottes, oder wie es im Griechischen

heißt: Märtyrer. Das Wort „Martyrium“ bedeutet zunächst einmal nichts

anderes als „Zeugnis“. Diese Glaubenszeugen sollen nicht angerufen werden.

Sie gewähren keinen Schutz, keinen Segen und keine Hilfe. Gott allein ist

Schutz, Segen und Hilfe. Das reicht. Aber sie sind Vorbilder für ein im Glauben

gelebtes Leben. Man muss sich ja nicht gerade einen Joseph von Copertino mit

seinen ekstatischen Flugerlebnissen zum Vorbild nehmen. Maßgebliches Kriterium

für das, was vorbildlich ist, bleibt der Anfänger und Vollender des Glaubens,

bleibt Jesus selbst. Aber dieser ist wiederum kein Einzelgänger, kein einsamer

Eigenbrödler. Sich zur Gemeinschaft der Heiligen bekennen, heißt demnach,

sich in ihre Kampfgemeinschaft einzureihen, mit seinem eigenen Leben

an dieser Gemeinschaft aktiv teilzunehmen und so selbst zu einem Mitarbeiter

und Mitstreiter Gottes, zu seinem Bündnispartner und Bundesgenossen werden.

Mit einem Satz: selbst als Akteur, als Handelnder in der Geschichte Gottes

mit den Menschen mitzumachen.

Nun sage keiner, dass ginge an den Bedürfnissen der Menschen vorbei. Oder

es sei eine Überforderung. Als ob unser ganzer Lebensinhalt im Konsum, und

sei es im Konsum von Heilsgütern, bestehen müsste. Als ob es so eine schreckliche

Vorstellung wäre, selbst tätig zu werden, sich zu engagieren, etwas zu tun,

sich einzumischen und in Konflikten Stellung zu nehmen. Als ginge es nur darum,

dass wir unterhalten und bespaßt, versorgt und andauernd bestätigt werden.

Als wollten wir nur hören, aber nicht auch selbst verkündigen, nur Objekt

und nicht auch Subjekt unseres Lebens sein.

Sicherlich wird der christlichen Gemeinde und den einzelnen Christinnen und

Christen einiges zugemutet: Leidenfähigkeit zum Beispiel, oder zeitgemäßer

gesagt, Frustrationstoleranz; Kritikfähigkeit, also die Kompetenz, die Geister zu

- 50 -


unterscheiden, sich durchaus auch selbst in Frage zu stellen und sich zu ändern,

aber auch auf Distanz gehen zu können zu den kleinen und großen Götzen

unserer Zeit; schließlich auch Konfliktfähigkeit, also auch Stellung zu beziehen

gegen Unrecht und Ungerechtigkeit und für die stumm Gemachten den

Mund aufzutun.

Es gilt dann eben nicht mehr, wovor Bonhoeffer so eindrücklich warnte, nämlich

dass wir auf Gnade hin sündigen, also mit dieser billigen Gnade rechnen und

schlicht behaupten können: „Ich bleibe daher in meiner bürgerlich-weltlichen E-

xistenz wie bisher, es bleibt alles beim alten, und ich darf sicher sein, dass mich

die Gnade Gottes bedeckt.“ Nein, es soll sich hier und jetzt schon einiges ändern

und anders werden, nicht mehr alles beim Alten bleiben. Im Discounter

gibt’s nun keine Schnäppchenjagd mehr nach billiger Gnade, nach Selbstbestätigung

zu Dumpingpreisen und nach Trostpflästerchen im Zehnerpack. Stattdessen

kommt es darauf an, in dem Kampf zu laufen, der uns bestimmt ist, und

dabei zum Anfänger und Vollender des Glaubens aufzusehen. Oder vom Heiligen

Geist her gesagt, dem im Glaubensbekenntnis die Gemeinschaft der Heiligen

ja nachgeordnet ist: an der aktivierenden, erneuernden und lebendig machenden

Wirkung des Geistes Gottes teilzuhaben.

Dies führt zu einem letzten, in gewisser Weise tatsächlich letzten Aspekt, der

auch zum Bekenntnis zur Gemeinschaft der Heiligen gehört. Diese Gemeinschaft

umfasst ja nicht nur die christliche Gemeinde hier und jetzt. Sie ist immer

auch eine Gemeinschaft der Lebenden mit den Toten und der Toten mit den

Lebenden. Wenn im Gottesdienst der lateinamerikanischen Basisgemeinden

die Namen der Toten, der Verschwundenen und der Märtyrer genannt werden,

dann ruft die ganze Gemeinde „Presente!“, „Gegenwärtig!“. Die Verschwundenen

und Umkommenen, die Ermordeten und zu Tode Gefolterten sind gegenwärtig

in der Gemeinschaft Christi. Sie leben mit Christus. Ich verstehe das aber

auch so, dass mörderische Gewalt und Repression nicht die Oberhand, Gier

und Ausbeutung nicht das letzte Wort behalten sollen. Angesichts des Todes,

seiner Macht und seiner Helfershelfern ruft die Gemeinde trotzig: „Presente!“

Die Gemeinschaft der Lebenden und der Toten hält die Geschichte offen auf ihr

letztes Ziel hin, offen auf Gottes Reich hin und offen auf den endgültigen Sieg

hin, den Triumph über den letzten Feind des Lebens, den Tod. Amen

- 51 -


Die neunte Predigt:

Sonntag, 2. März 2008

"... Auferstehung von den Toten

und das ewige Leben."

Prediger: Pastor Klaus-Wilhelm Mertes

Liebe Gemeinde!

In meiner früheren Gemeinde lebte ein Mann, der in seinem letzten Lebensjahr

einiges an Krankheit auszustehen hatte und ans Haus gefesselt war.

Einmal pro Woche brachte ich ihm die Krankenkommunion. Solange er gesund

war, hatte er regelmäßig den Gottesdienst mitgefeiert und sich in der

Gemeinde engagiert. Sein Berufsleben hatte er auf dem Waldfriedhof verbracht

als städtischer Friedhofsverwalter. Mit ihm konnte man herrlich über

religiöse Fragen disputieren. Wegen seiner Krankheit und der nähe des Todes

beschäftigten ihn naturgemäß vor allem die Letzten Dinge, also die Frage

nach dem Sinn des Lebens und nach Tod und Auferstehung. er selbst vertrat

die Ansicht, man falle im Sterben in einen tiefen, unbewussten Schlaf, um

erst am Jüngsten Tag – sozusagen von den Posaunen des Gerichts – wieder

erweckt zu werden. Das konnte er sogar mit dem Hinweis auf Daniel 12 untermauern,

wo es heißt: „In jener Zeit tritt Michael auf, der große Engelsfürst,

der für die Söhne deines Volkes eintritt. Von denen, die im Land des Staubes

schlafen, werden viele erwachen. die einen zum Ewigen Leben, die anderen

zur Schmach, zur ewigen Abscheu.“

Dem hielt ich regelmäßig entgegen die Worte Jesu zum Guten Schächer

„Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ Denn meiner Auffassung

nach tritt der Mensch im Moment seines Sterbens direkt vor seinen Herrn.

Auch die Geschichte des reichen Prassers, der aus der Unterwelt heraus Abraham

bittet, einen von den Toten seinen Brüdern zur Warnung zu schicken,

führte ich als Beleg für meine These an.

Ein weinig erinnert mich diese Sache an die Geschichte von den zwei Mönchen,

die sich in ihren Mußestunden das Leben nach dem Tode ausmalen.

Sie versprechen einander: Wer zuerst stirbt, erscheint dem Überlebenden im

Traum und erzählt, wie es im Jenseits wirklich ist. Tatsächlich kommt der

Verstorbene zu seinem Freund in der Nacht nach seinem Ableben und sagt

nur zwei Worte: GANZ ANDERS!

WIE es im Jenseits ist, scheint sich der menschlichen Vorstellungskraft zu

entziehen. WAS das Ewige Leben ist, wohl auch. Selbst Jesus, der es ja wissen

muss, ist sehr sparsam in seinen Andeutungen: Er spricht vom Haus des

Vaters mit den vielen Wohnungen. Er redet vom Gastmahl oder dem Ewigen

- 52 -


Hochzeitsmahl. Eines ist diesen Bildern gemeinsam: Das Leben der kommenden

Welt ist ein frohes Dasein und vor allem: ein Leben in Gemeinschaft.

Für den damaligen Zuhörer Jesu galten Familienhaus und Hochzeitsmahl als

Inbegriffe von LEBEN IN FÜLLE.

Diese Zurückhaltung Jesu in der Beschreibung der kommenden Wirklichkeit

weist auf eines hin:

Die Frage lautet nicht Was ist das Ewige Leben oder Wie sieht das Ewige

Leben aus. Die Frage muss lauten: Wer ist der Garant für Auferstehung und

Ewiges Leben

Jesus sagt im 14. Kapitel bei Johannes zum ungläubigen Thomas: „Ich bin

der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater, außer

durch mich.“

Der Schwester des Lazarus, die angesichts des Todes ihres Bruders ein allgemeines

Bekenntnis zum Glauben an das Ewige Leben ablegt, sagt der

Herr: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben,

auch wenn er stirbt. Und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird in E-

wigkeit nicht sterben.“

Das Festhalten und Sich-Klammern an die Person Jesu ermöglichen uns den

Zugang zum Leben, wie auch immer dieses gestaltet sein mag.

Es lohnt sich, das Wort Jesu in seinen Bestandteilen zu betrachten:

Ich bin der Weg

Aus den Evangelien wissen wir, dass Jesus immer wieder Menschen in seine

Nachfolge gerufen hat. Sie sollten im wörtlichen Sinne ihm nachfolgen, d.h.

hinter ihm her gehen. Je enger an Jesus angelehnt, desto besser. Er selber

bahnt den Weg und wird damit selbst zum Weg, der uns neue Perspektiven

öffnet und garantiert beim Vater ankommen lässt.

Damit ist das weite Feld christlicher Ethik aufgetan. Was heißt Ethik letztlich

anderes als: Leben wie Jesus gelebt hat. Sich immer fragen: Was würde Jesus

jetzt an meiner Stelle handeln, wie würde er jetzt an meiner Statt entscheiden

Ich bin die Wahrheit

Wir dürfen hier nicht den Fehler begehen und nach einem philosophischen

oder naturwissenschaftlichen Wahrheitsbegriff fragen. Wahrheit im biblischen

Sinne ist letztlich immer Gott selbst. Gott ist die Wahrheit, wie Gott auch das

Leben und die Liebe ist. Gott ist der feste Grund von allem.

Das hebräische Wort, das wir mit „Wahrheit“ übersetzen, meint das, worauf

man sich verlassen kann. Wer im Einklang mit Gott ist, der ist in der Wahrheit,

insofern er sich auf den verlässlichen Gott gründet. Wer Gottes Weisung

folgt, ist gerecht und wahrhaftig zugleich.

Wenn Jesus also sagt: Ich bin die Wahrheit! sagt er genauso genommen: „Ich

bin Gott“ oder besser: „Ich bin, der ich bin!“ also JHWH, der sich im brennen-

- 53 -


den Dornbusch offenbarte. Somit wird für den Glaubenden Jesus zum

Schlüssel aller Theologie. Rede von Gott ist nicht möglich, wenn man Jesus,

seinen Sohn draußen lässt. „Niemand kommt zum Vater, außer durch mich!“

„Ich bin das Leben“

Deshalb kommt alles im Leben darauf an, sich so fest wie möglich an Christus

zu binden. Die schönsten diesbezüglichen Aussagen finden wir bei Paulus.

Im Galaterbrief schreibt er: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in

mir.“ (2,20) und „Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus

als Gewand angelegt.“ (3,27) Der Begriff „Lebens- und Schicksalsgemeinschaft“

ist hier wohl am Platze. Durch die Taufe fühlt der Apostel sich derart

mit Christus verbunden, dass sein Leben mit dem Leben des Herrn untrennbar

verbunden ist. Jeder getaufte – auch das lehrt uns Paulus – ist mit Christus

gestorben, damit er mit ihm leben kann.

Demzufolge gibt es eigentlich gar keine Trennungslinie zwischen dem irdischen

und dem ewigen Leben. Ich, der ich jetzt auf Erden lebe, werde einst

mit Gott in der Ewigkeit sein. Der Tod scheidet zwar zwei Teile des Lebens,

aber letztlich ist es ein und dasselbe Leben, da ja auch ich ein und derselbe

bin und bleibe.

„Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt. Und wer lebt und an

mich glaubt, wird in Ewigkeit nicht sterben.“ (joh 11,25)

Der Kontinuität zwischen irdischem Jesus und dem Auferstandenen, die uns

in der Begegnung Jesu mit dem ungläubigen Thomas so begreiflich vor Augen

geführt wird, entspricht die Kontinuität zwischen irdischem und jenseitigem

Leben eines jeden Gläubigen.

Man darf deshalb wohl zurecht formulieren:

Wer jetzt mit Jesus lebt, dessen Ewiges Leben hat schon begonnen. MAN

LEBT NUR EINMAL, ABER EWIG!

Dieses Wissen haben unsere Altvorderen in das schöne Gebet gegossen:

Jesus, dir Leb ich! Jesus, dir sterb ich! Jesus, dein bin ich im Leben wie im

Tod. Amen!

- 54 -


Die zehnte Predigt:

"Amen."

Sonntag, 16. März 2008

Prediger: Pfarrer Dietmar Reumann-Claßen

Liebe Gemeinde,

lassen Sie mich der Predigt über das AMEN des Glaubensbekenntnisses einen

Text voranstellen, der erzählt, wie es denn überhaupt zu soetwas wie einem

Glaubensbekenntnis gekommen ist.

Sie erinnern sich an die große Szene, mit der das erste Evangelium schließt

Der auferstandene Jesus begegnet seinen Jüngern ein letztes Mal, und zwar

in Galiläa, da, wo alles angefangen hatte. Er begegnet ihnen, sie fallen auf

die Knie, einige voller Zweifel. Und dann richtet Jesus letzte Worte, soetwas

wie ein Testament, sein Vermächtnis an die Zurückbleibenden:

"Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum

gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie

auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen

Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen

habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt

Ende." (Matth. 28,18-20)

Sein Auftrag an die Zurückbleibenden - eingebettet in zwei unglaubliche Verheißungen:

Alle Gewalt im Himmel und auf Erden, so sagt er zum einen, hält ER in der

Hand: Die Welt in ihrer Gewalt halten nicht terroristische Selbstmordattentäter,

nicht die Präsidenten mit dem Zugangscode zu den Atomwaffen, und

auch nicht die Börsenhändler. Nein: Alle Gewalt liegt in den Händen dieses

Mannes, der gewaltlos und schutzlos die Liebe Gottes zu den Menschen gebracht

hat. Alle Gewalt dieser Erde liegt in der Hand dessen, der sich für diese

Liebe hat umbringen lassen, alleine für diese Liebe. Ihr wollte er nicht abschwören.

Dieser eine hat alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Und dieser

eine, das ist die zweite Verheißung, ist mit dieser seiner gewaltigen Macht bei

denen, die zu ihm gehören! Er ist bei seinen Jüngerinnen und Jüngern, ist bei

seiner Gemeinde: Alle Tage bis die Welt an ihr Ende kommt. Nicht sichtbar,

manchmal nicht einmal spürbar. Aber so wahr er damals vor ihnen stand, so

wahr ist er dennoch mit seiner gewaltigen Liebe bei den Seinen, so verspricht

er es hier in seinem Testament.

Und dazwischen der Auftrag: Zu diesem Leben in seinem Machtbereich der

Liebe sollen viele hinzukommen. Dieses Leben ist nicht alleine wenigen

Glücklichen vorbehalten. Nicht einige wenige, die ihr Privileg sorgsam verstecken

und schützen und so bewahren sollen, damit es bloß nicht verloren

- 55 -


geht. Im Gegenteil: Andere sollen hinzukommen, und es können gar nicht

genug sein, die zu ihm hinzustoßen: Gehet hin, machet zu Jüngern, taufet sie

im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt

sie über das, was Jesus zu Lebzeiten gesagt und getan hat. ER bleibt für alle

Völker für alle Zeiten die große Einladung zu Gott. -

Das Apostolische Glaubensbekenntnis, das uns in dem letzten halben Jahr

an zehn Sonntagen in unseren Gottesdiensten beschäftigt hat, hängt meines

Erachtens aufs engste mit diesem Testament Jesu zusammen. Die Jüngerinnen

und Jünger sind hinausgegangen in die Welt, allen voran Paulus, aber

die anderen auch, nach Afrika, nach Indien, und uns am bekanntesten: In das

Herz des römischen Reiches nach Rom. Sie sind hinausgezogen und haben

die Gute Nachricht weitererzählt. Sie haben Menschen dafür gewonnen, die

Geschichten von Jesus weitergegeben, auf neue Fragen neue Antworten gesucht.

Im Glaubensbekenntnis hatte man schließlich zusammenfassende

Worte gefunden für das, was den christlichen Glauben am besten auszudrücken

schien.

Nun ging es beim christlichen Glauben nie zuerst um das Begreifen von

komplizierten theologischen Formeln. Es ging immer und geht heute zuerst

darum, sich dem Lebensentwurf der Liebe Gottes, den Jesus uns nahegebracht

hat, zu öffnen. Lasse ich mich auf den Weg seiner Nachfolge ein

Seine gewaltlos-mächtige Liebe, ist das mein Weg Will ich's damit versuchen,

will ich anfangen, ihn zu gehen Das ist die Frage. Und dieser Glaube

ist umschrieben mit den Worten unseres Glaubensbekenntnisses, und wenn

wir anfangen zu gehen, dann werden sich uns immer mehr der Sätze des

Bekenntnisses erschließen, und wir gehen weiter und es erschließt sich wieder

neues, - und vielleicht verschließt sich zu Zeiten auch etwas.

Das AMEN am Ende hieß nie und heißt heute nicht: Ich kann das alles Wort

für Wort unterschreiben. AMEN heißt: Ich bin bereit, loszugehen. Ich lasse

mich von Jesus auf seinen Weg rufen und vertraue Gott, dass er mir für diesen

Weg seinen Heiligen Geist sendet. AMEN, ein hebräisches Wort, heißt

soviel wie: "So soll es sein!" Oder: "Das ist gewisslich wahr!" Nach vielen und

nicht immer einfachen Aussagen zu dem, was Christen glauben, am Ende die

Bekräftigung: Auf diesen Weg der Liebe Jesu lasse ich mich ein und stelle

mich in die Gemeinschaft derer, die neben mir stehen und mit mir bekennen

und ich stelle mich in die Reihe derer, die vor mir geglaubt haben und die

nach mir glauben werden. Das soll so sein. Das drücke ich, drücken wir mit

dem sonntäglichen AMEN aus.

Das AMEN auf in etwa dieses Bekenntnis haben Christinnen und Christen

schon von früher Zeit an gesprochen. Schon im alten Rom haben Menschen,

die für den Glauben an Jesus gewonnen, die gelehrt wurden, vor ihrer Taufe

dieses Bekenntnis zu diesem Weg mit ihrem AMEN bekräftigt: "Ja, so ist es!"

- Und dann wurden sie getauft und wurden nun ihrerseits mit dem Siegel des

unverbrüchlichen Gottesbundes versehen.

- 56 -


Liebe Gemeinde, ich kann es mir nicht anders vorstellen, als dass selbst in

der altehrwürdigen Gemeinde von Rom die Täuflinge Schwierigkeiten hatten,

das eine oder andere Stück des Glaubensbekenntnisses so richtig zu verstehen

und selbstverständlich, Euch Konfirmandinnen und Konfirmanden zum

Trost, auch: es auswendig zu lernen. Aber ihr Hintergrund, ob sie das AMEN

dazu sprechen wollten, war an anderer Stelle ein völlig anderer als unserer:

Während wir Erwachsenen uns zumindest fragen, ob wir das alles in Einzelheiten

verstehen und mitsprechen können, war die Frage der Täuflinge damals,

ob sie bereit wären, für diesen Lebensentwurf, für dieses Leben, das

sich an Jesus orientierte, ob sie bereit waren, dafür mit ihrem Leben einzustehen.

Wer mit diesem Bekenntnis auf den Lippen getauft war und dazu sein

Amen gesagt hatte, der mußte dafür nicht selten um Leib und Leben fürchten.

Gott sei Dank ist das heute nicht so. Aber immerhin wurde daran damals

deutlich, dass es mit dem AMEN unter dem Glaubensbekenntnis wirklich um

etwas ging. Das, worum es ging, das war damals Sprengstoff: Das war etwas

Neues, war, was andere Menschen und Mächte zutiefst beunruhigte, so dass

sie mit Macht gegen diesen Glauben vorgingen. Und das war auf der anderen

Seite etwas, was die Gläubigen so sehr erfüllte, dass sie nicht anders konnten,

als sich trotz der Gefahr dieser Weltsicht zu verschreiben.

Worin hat die Brisanz gelegen

Liebe Gemeinde, ich meine, dass die Provokation, die alle Aussagen des

Glaubensbekenntnisses miteinander verbindet, die ist, wie hier von Gott gesprochen

wird. Weil das Leben, Wirken und Sterben Jesu das Zentrale für

den neuen Weg war, der mit dem AMEN begonnen wurde, wurde es auch

nötig, neu und anders von Gott zu reden und zu denken: Wenn da im Bekenntnis

nur die typischen göttlichen Dinge auftauchten, wie Schöpfermacht,

Gesetzgeber und Allmacht, es hätte vielleicht niemand dafür je sein Leben

einsetzen müssen. Aber der größte Abschnitt im Glaubensbekenntnis handelt

von einer Figur, von der nun, um ihre Bedeutung angemessen darzustellen,

gleichermaßen Göttliches und Menschliches ausgesagt wird: Gelitten unter

Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben - heißt es einerseits.

Und andererseits: Vom Himmel wird er kommen zu richten die Lebenden und

die Toten. Einerseits: Geboren. Welcher Gott ist jemals schon geboren worden.

Andererseits: Geboren von der Jungfrau Maria. Welcher andere Mensch

ist schon ohne Zeugungsakt geboren worden

Das Geheimnis, das letztlich hinter allen Aussagen und hinter dem Glaubensbekenntnis

als Ganzem steht, ist das Geheimnis von der Dreieinigkeit

Gottes: Gott ist einer. Bei dieser Grundlage, die mit dem ersten Gebot gelegt

ist, sind die Christen immer geblieben. Aber sie haben dann in Jesus auch

erlebt: "Der ist mehr als ein Prophet". Sie haben die Vollmacht erlebt, in der

er gehandelt hat, die Vollkommenheit, in der er die Liebe Gottes gelebt und

gepredigt und in der er diesen Weg zuende gegangen ist. Sie sind in ihm Gott

begegnet und haben den göttlichen Geist gespürt, den er ihnen angekündigt

- 57 -


hatte. So sind sie dazu gekommen Gott so zu verstehen zu versuchen, dass

dieser eine Gott drei Gesichter hat. So wie es schon z.B. in dem Taufbefehl

gesagt wird: Gott zeigt sich mit dem Gesicht des Vaters und Schöpfers, dem

des Gesicht Jesu Christi und dem Gesicht des Heiligen Geistes, - und hinter

allen drei Gesichtern: Nichts anderes als der eine Gott! Aber dieser eine Gott

entfaltet, zeigt sich, wirkt auf dreierlei unterschiedliche Weisen.

Von Anfang an sind die Christen für ihr dreigliedriges Gotteslob und Bekenntnis

dem Spott der Philosophen und dem Unverständnis anderer Religionen

ausgesetzt: Ihr glaubt ja an drei Götter, sagten die einen. Die anderen fragten,

wie ein Mensch denn Gott sein könne, zumal einer, der so ohnmächtig

am Kreuz gestorben sei. Und wieder andere belächelten einen Gott, der

Hunger und Durst leidet und Ängste ausstehen muss. Aber die Christen

konnten nicht anders, weil es ihnen nicht zuerst um Logik und Denken, sondern

um Erfahrung und Anbetung geht: Ihre Erfahrung besagte, dass sie in

dem Menschen Jesus gleichzeitig unverstellt Gott begegneten. Jesus war

mehr als ein Bote, mehr als ein Sprachrohr. Zum Boten Gottes können gegebenenfalls

auch Sie und ich werden. Mit Jesus war das etwas anderes: Er

erzählte nicht anschaulich von dem fernen Gott, oder übermittelte lediglich

Botschaften von Gott. Die Erfahrung war, dass er ihnen selbst als Gott nahe

kam.

Die Provokation, die darin liegt, in dieser Weise von Gott zu reden, ist heute

schwer nachvollziehbar; Es ist Tradition geworden, von Gott als dem dreieinigen

Gott zu reden. Auch wenn es um die Frage nicht ruhig wird: Muss das

denn sein, geht es nicht auch einfacher Ich glaube aber, liebe Gemeinde,

wenn es wahr sein soll, dass dem gewaltlos liebenden Jesus alle Gewalt gegeben

ist, dann müssen wir vom dreieinigen Gott reden, auch wenn es

manchmal nicht einfach ist.

Und noch mehr: Weil Vater, Sohn und Heiliger Geist nicht nur unterschiedliche

Gesichter und Wirkweisen Gottes sein können, muss Gott auch in sich in

dieser Dreiheit bestehen. Davon singen wir in fast jedem Gottesdienst! "Ehre

sei dem Vater und dem Sohn und dem Hl. Geist, wie es war im Anfang, jetzt

und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit." Dies ist allen großen christlichen

Kirchen seit dem 4. Jahrhundert eine gemeinsame wichtige Grundaussage.

Niemand soll auf die Idee kommen, dass sich hinter Jesus und dem

Tröstergeist doch noch irgendwo ein eher ferner Gott verbindet. Nein, Gott ist

mit seiner Macht und Liebe seinen Menschen nur deshalb so unglaublich nahe,

weil er in seinem Wesen Vater, Sohn und Heiliger Geist ist.

Das bedeutet aber, dass wenn Jesus mit Gott im Garten Getsemane ringt,

dann ist das letztlich ein Ringen Gottes mit sich selbst. Und wenn es heißt,

dass der Heilige Geist in den Gläubigen seufzt und sie vor Gott vertritt, dann

ist auch hier ein Geschehen in Gott selbst im Blick. Das heißt aber, Gott ist

einer, der in dieser Welt handelt, er ist in sich Geschichte. Gott ist im Werden.

Gott, wie wir Christen ihn bekennen ist zwar von Ewigkeit zu Ewigkeit, aber er

- 58 -


ist auch noch nicht fertig. Ja, wir können sagen, dass Gott ist in sich selbst

Leben ist, weil es in ihm drin die lebendigen Beziehungen zwischen den drei

Personen gibt. Im Grunde ist Gott in sich selbst Liebe, und die Erlösung besteht

darin, dass Gott uns und diese Welt in sein lebendiges, ewiges Wesen

hineinzieht.

So zu wagen, von Gott zu reden, so zu ihm zu beten, das war damals unglaublich

und eher dumm für gelehrte und für traditionelle Ohren. Und im

Grunde genommen sucht die christliche Art, von Gott zu reden, heute noch

ihresgleichen. Religionen mit einem Schöpfergott und Propheten, die den Willen

Gottes kundtun und Gehorsam der Menschen einfordern, sie gibt es zahlreich.

Aber in diesem einen aus Galiläa zu erkennen, dass Gott selbst sich

aufgemacht hat, diese Welt mit sich zu versöhnen, das hat außer uns noch

niemand gewagt zu glauben. Aber wir Christenmenschen glauben das, spüren

auch noch heute, dass sich dieser Glaube noch lange nicht verbraucht

hat. Wir leben davon, dass der ganze Gott in der Gestalt Jesu wirklich bei uns

und mit uns ist. Den Weg der Geschichte, auch unserer ganz persönlichen

Geschichte, geht er mit uns: mit-leidend, mit-siegend. Diese unglaubliche

Nähe Gottes zu uns ist es, die diese alten und sperrigen Worte bewahren

wollen. Gott ist uns unendlich nahe - und er ist trotzdem der eine Gott. In diesem

beiden ist er für uns da: Der Vater, der Sohn und der Heilige Geist, von

Ewigkeit zu Ewigkeit.

AMEN.

- 59 -


* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *

Diese Dokumentation wurde vom Presbyterium der Ev. Kirchengemeinde Neumühl herausgegeben.

Sie kann zum Selbstkostenpreis von 4,00 € über Pfarrer Dietmar Reumann-Claßen,

Lehrerstr. 65, 47167 Duisburg (Tel. 0203.585215/ Email: dietmar.reumannclassen@ekir.de)

bestellt werden.

- 60 -

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine