Comeback der Lage - Land & Genuss

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Comeback der Lage - Land & Genuss

Comeback der Lage

In keinem Land der Welt hat man geeignetere

Lagen für den Weinanbau

mit einer ähnlichen Präzision ausgewählt,

wie in Deutschland. Der Grund

liegt auf der Hand: Etwas weniger Sonne,

eine nördliche Ausrichtung oder

eine frostgefährdete Ecke können den

Traum von einem großen Weinjahrgang

zu Nichte machen, lange bevor

die Ernte eingefahren ist. Deutschland

liegt an der nördlichsten Grenze

des Weinanbaus, das war zumindest

bislang so. Aber: Die sensiblen klimatischen

Bedingungen prägen deutsche

Weine mit einem weltweit einzigartigen

Charakter.

Die Weinlagen Deutschlands sind das

Spiegelbild einer langen Weinbautradition.

Hinter ihren oftmals skurrilen

Namen, die es nirgendwo sonst gibt,

stecken Anekdoten, Legenden und

Lebensweisheiten von einst. Sie sind

ein Teil deutscher Kulturgeschichte.

Info

Der Rebstock wurzelt tief im

Boden und nimmt Mineralien und

Nährstoffe auf. Das Naturprodukt

Wein spiegelt die Lage und den

Boden wider, auf dem es gewachsen

ist. Lage umfasst die Wirkung des

vorherrschenden Klimas und der

Exposition des Weinbergs zur Sonne

(Hanglage) und den Einfluss der

Bodenart auf den Wein.

Nicht zuletzt sind sie das Ergebnis

eines feinsinnigen Wissens um den

viel beschworenen Begriff Terroir mit

all seinen Facetten aus Klima, Boden

und Lage.

Der Mega-Trend um regionale Produkte

und Authentizität gilt auch dem

Wein. Zum Comeback der Lagen haben

wir einige der schönsten Weinlagengeschichten

für Sie ausgewählt.

Info

„Dürkheimer Spielberg“, „Monzinger Frühlingsplätzchen“ oder „Deidesheimer

Paradiesgarten“ sind nur einige der klangvollen Lagennamen in Deutschland.

Mit dem Begriff Lage bezeichnet man einen Bereich von Weinbergen, die zu einer

bestimmten Gemeinde gehören. Manchmal beschreibt der Name die Bodenart

(Kallstadter Kreidekeller), eine Legende (Forster Ungeheurer), einen früheren

Eigentümer (Dürkheimer Nonnengarten) oder das Klima (Siebeldinger im Sonnenschein).

Oft wird einfach nur spekuliert, woher der Name stammt: „Kallstadter

Saumagen“ könnte der Spitzname eines ehemaligen Besitzers sein, die Form der

Parzelle, die einem Saumagen ähnelt oder ganz einfach der Tatsache gewidmet

sein, dass diese Weine gut zu dem Pfälzer Nationalgericht passen.


Heilkräfte – Bernkasteler Doctor

Blick vom Bernkasteler Doctor auf

Bernkastel-Kues und die Mosel.

Die Weine von hier gehörten einst

zu den teuersten Tropfen der Welt.

Bis heute sind sie von herausragender

Güte und weit über die Grenzen

Deutschlands hinaus bekannt. Die

Weine des Bernkasteler Doctors sollen

vor langer Zeit einmal einen Erzbischof

kuriert haben. Das brachte der Lage

den Doktortitel ein.

Heute ist die Steillage an der Mittelmosel

eine deutsche Einzellage,

die zur Großlage Badstube gehört.

Sie ist nur 3,25 Hektar groß und liegt

unweit des historischen Stadtkerns

von Bernkastel-Kues. Auf den Tonschieferböden,

die sich in Richtung

Südwesten neigen, pflanzt man nur

Riesling. Der Bernkasteler Doctor wird

häufig als Monument deutscher Weinkultur

bezeichnet, denn die Weine

prägen seit Jahrhunderten den Ruf

der Moselrieslinge auch im Ausland.

Berühmte Weingüter wie Geheimrat J.

Wegeler, Wwe. Dr. H. Thanisch – Erben

Thanisch und Erben Müller-Burggraef

oder Reichsgraf von Kesselstatt bewirtschaften

Teile des Doctorbergs.

Die Legende führt zurück ins 17. Jahrhundert.

Der damalige Erzbischof

Bohemund von Trier hielt sich an der

Mittelmosel auf, als er schwer erkrankte.

Alle Heilmethoden sollen versagt

haben. Er stellte schließlich eine hohe

Belohnung in Aussicht, falls ihm jemand

ein wirksames Mittel gegen

das Fieber bringe. Im darauffolgenden

Herbst brachte ein Reiter ein Fass Wein.

Bohemund genoss die köstliche Medizin

und schon nach wenigen Tagen

ging es ihm besser. Als Lohn wünschte

sich der Reiter einen Doktortitel für den

Weinberg, aus dem der Wein stammte.

Diese Ankedote wird in vielen Varianten

erzählt. Seither sind die Weine aus

dem Doctorberg ein beliebtes Mitbringsel

für Rekonvaleszenten.

Dreimal Sonne – Wehlener

Sonnenuhr, Brauneberger Juffer-

Sonnenuhr, Zeltinger Sonnenuhr

Die drei Sonnenuhren an der Mittelmosel

zeigen beispielhaft, wie genau

man in mitteleuropäischen Breitengraden

auf die Sonnenausrichtung

eines Weinberges achtet, denn mit

ihr steht und fällt die Traubenreife.

Hinzu kommen hier natürlich wärmespeichernde

Tonschiefer-Böden und

viele weitere kleinklimatische Faktoren.

Die riesigen Sonnenuhren, die den

Lagen ihre Namen gaben, wurden in

den sonnigsten Teilen der Weinberge

angebracht. Den Winzern zeigen sie

an, wann Vesperzeit oder Feierabend

ist. Die Sonnenuhr-Weinberge zählen

heute zu den besten Lagen an der

Mosel. Infolge der Realteilung sind sie

in kleinste Parzellen aufgeteilt. Alleine

die Juffer-Sonnenuhr wird von beinahe

100 verschiedenen Weingütern bewirtschaftet.

Auf diesen wertvollen Lagen

bleibt kein Quadratmeter ungenutzt.

Fromme Weinliebhaber –

Maulbronner Eilfingerberg

Im württembergischen Kloster Maulbronn

betrieben Zisterziensermönche

seit dem 12. Jahrhundert Weinbau.

Ungefähr ebenso alt ist die Legende,

die sich um den Eilfingerberg dreht.

Hier im Refektorium des Klosters gibt

es eine Säule, um die eine Rinne führt.

Aus dieser Rinne floss Wein, so besagt

es die Legende, der aus dem nahe

Wehlener Sonnenuhr (oben),

Brauneberger Juffer-Sonnenuhr (Mitte)

und Zeltinger Sonnenuhr (rechts)

gelegenen Weinberg stammte. In der

Fastenzeit war der Weingenuss jedoch

untersagt. Die Mönche behalfen sich,

indem sie jeweils im Vorbeigehen die

Finger in das köstliche Nass eintauchten

und den Wein schleckten. Einer der

Mönche soll dabei bemerkt haben: „Eilf

Finger müsste man haben“. Eilf war

die Schreibweise für elf. So kam der

Weinberg zu seinem Namen.

Heute ist der rund 15 Hektar große

Weinberg, der auf Gipskeuperboden


fußt, mit der regionaltypischen Sorte

Lemberger und mit Riesling, Traminer,

Silvaner und Weißburgunder bestockt.

Die günstige Ausrichtung der Lage

mit Winden aus dem Rheintal hält die

Trauben bis in den späten Herbst trocken

und gesund, so dass sie optimal

ausreifen können.

Die Weine vom Eilfingerberg haben

ein eigenständiges Profil, sie sind ausladend

und sehr nachhaltig.

Reif von der Insel – Rheinhell

auf der Mariannenaue

Ihren Namen verdankt die Insel Prinzessin

Marianne von Preußen, die im

Jahr 1855 das Schloss Reinhartshausen

erwarb und damit auch in den Besitz

der zum Schlosspark gehörenden Insel

gelangte. Schon Kaiser Karl der Große

schätzte das Klima der Insel, das

Luftbild der Mariannenaue

Info

In den 13 deutschen Anbaugebieten

gibt es 165 Großlagen und 2.405

Einzellagen, von denen viele eine

lange Weinbautradition haben.

Hinter mancher Lage verbirgt sich

eine erzählenswerte Legende.

durch die Lage im Fluss noch milder

ist, als an den gegenüberliegenden

Ufern. Von der rund 84 Hektar großen

Fläche werden 23 für den Anbau von

Wein genutzt. Zudem gibt es Obsthaine,

Stillwasserflächen, Sandbänke

und einen Waldsaum entlang des

Ufers. Seit dem 9. Jahrhundert pflanzt

man hier Weinreben. Der Weinbau

wurde jedoch im Zweiten Weltkrieg

vernachlässigt, weil die Produktion

von Lebensmitteln wichtiger war. Erst

in den 1970er Jahren besann man

sich, hier wieder Weine anzubauen.

Man versuchte sich mit verschiedenen

Rebsorten, die sich aber aufgrund der

hohen Luftfeuchtigkeit schwer taten.

Interessanterweise entdeckte man,

dass sich die Chardonnay-Rebe besonders

gut entwickelt. Die Rebe soll

deutschlandweit zum ersten Mal hier

angepflanzt worden sein. Neben Chardonnay

wachsen heute auch Riesling,

Weißburgunder und Sauvignon blanc

auf der Mariannenaue.

Seit dem Jahr 1974 gehört die Insel

zum Europäischen Naturschutzreservat,

insbesondere mit ihrem teils über

400 Jahre alten Baumbestand, aber

auch weil sie Brutstätte für Kormoran,

Graureiher und Schwarzmilan ist und

zahlreiche Zugvögel überwintern. Naturschutzgebiet

versus Weinanbau,

das ist eine nicht immer konfliktfreie

Mischung.

Seltene Pflanzen & erlesene

Weine – Homberger Kallmuth

Der Homburger Kallmuth ist ein

außergewöhnlicher Weinberg: Hier

treffen die für Franken typischen Bodenformationen

aus Buntsandstein

und Muschelkalk aufeinander. Hinzu

kommt ein spezielles, fast submediterranes

Klima, das ziemlich trocken ist

und mit einer westlichen Ausrichtung

die wärmenden Strahlen der Nachmittags-

und Abendsonne aufnimmt.

Dann steigt das Thermometer manches

Mal auf 60 Grad Celsius. Deshalb

Homberger Kallmuth

gibt es hier beste Bedingungen für die

Silvanerrebe, aber auch für viele sehr

seltene Pflanzen- und Tierarten. Dazu

gehören die Asphodill-Graslilie, die

Bergkronwicke und viele Orchideenarten.

Außerdem stehen die zum Teil

bis zu vier Meter hohen Trockenmauern

zwischen den Weinterrassen seit

dem Jahr 1981 unter Denkmalschutz.

Viele Interessen kommen also zusammen,

wenn Botaniker, Geologen,

Denkmalschützer und Önologen hier

ein besonderes Refugium sehen. Die

Bewirtschaftung der Weinberge ist

aufwändig und teuer, denn die Mauern

müssen als Kulturdenkmal erhalten

und gepflegt werden. Heute gehört

der Weinberg fast ausschließlich zum

Weingut Fürst Löwenstein, das seit beinahe

400 Jahren in dieser historischen

Lage Wein anbaut. Die Rebstöcke sind

nicht selten über 40 Jahre alt.

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