Der Hauch des Drachen - Hagia Chora Journal

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Der Hauch des Drachen - Hagia Chora Journal

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FOTONACHWEIS

Der Hauch des Drachen

Stefan Brönnle

Grundlagen der fernöstlichen

Landschaftsinterpretation

PHOTODISC

Das chinesische Geomantie-

Konzept Feng Shui erlebt zur

Zeit im Westen einen Boom.

Es wird allerdings meist mit

Architektur assoziiert – der

Gestaltung von Lebens- und

Arbeitsräumen oder allenfalls

von Plätzen innerhalb einer

Stadt. Der Aspekt der Landschaftsgestaltung

wird wenig

beachtet oder nur unmittelbar

auf das Gebäude bezogen. Die

Ursprünge des Feng Shui liegen

jedoch in der Erkenntnis,

welche Wirkung die Qualität

einer Landschaft auf den

Menschen hat. Stefan Brönnle,

Leiter der Schule für Geomantie

Hagia Chora, gibt einen

Einstieg in Grundlagen und

Geschichte der Landschaftsinterpretation

im Feng Shui.

In der antiken stoischen Philosophie

(begründet durch Cenon von Zypern,

340–260 v.Chr.) wird die Landschaft

als ein zusammenhängendes Ganzes

verstanden, verbunden durch die

alles durchdringende Kraft des

Pneuma, des „aus Feuer und Luft gewordenen

Hauchs“. Jedes Landschaftselement,

jeder Baum, jeder Stein, jeder

Wassertümpel ist auf diese Weise mit

allem verwoben und zugleich an das

Göttliche angekoppelt. Die Landschaftselemente

sind Emanationen – „Ausatmungen“

(Pneuma = Atem oder Luft) – des

Göttlichen.

Mit dieser Auffassung, die auch in späteren

Jahrhunderten in philosophischen

Theorien in Ansätzen immer wieder auftaucht

(z.B. im Pantheismus des 18. Jahrhunderts),

steht die europäische Denkweise

der chinesischen nicht so fern, wie dies

gemeinhin angenommen wird. Auch hier

durchpulst der „Atem“ (Qi) Mensch und

Natur und verbindet diese, so daß die chinesische

Medizin, Kunst und Landschaftsdeutung

auf der gleichen Wertvorstellung

beruhen. Letztere avancierte im 4. Jahrhundert

nach Christus unter der Bezeichnung

Xiang Di („die Erde interpretieren“)

zur eigenständigen Wissenschaft, die wir

heute unter der Bezeichnung Feng Shui

(„Wind und Wasser“) kennen.

Das Qi kann so auch im Feng Shui als

der zentrale philosophische Begriff der

Lehre gesehen werden. Ein chinesisches

Sprichwort sagt: „Wenn ein Geomant Qi

erkennen kann, versteht er Feng Shui“.

Wie der griechische Begriff Pneuma

bedeutet Qi zunächst einmal einfach Atem

oder Luft und steht damit wiederum anderen

Lebenskraftkonzepten nahe, wie dem

indischen Prana oder dem deutschen Od

(„Odem Gottes“).

In China nahm man nun an, daß Qi zwar

die gesamte Schöpfung erfülle, ja die Voraussetzung

dieser sei, denn es entsteht

durch den Zerfall in die

Polaritäten Yin und

Yang, andererseits

jedoch die Tendenz

hätte, sich an bestimmten

Orten zu verdichten.

Im Körper entsprächen diese

Verdichtungszonen den Dantiens (vergleichbar

den indischen Chakren), in der

Landschaft den „Drachennestern“ oder

schlicht Xue (wobei Xue sowohl Akupunkturpunkt

als auch geomantisches

Zentrum sein kann).

Das Qi in der topographischen

Interpretation

Durch das topographieabhängige

„Flußverhalten“ des Qi wurde eine gezielte

Landschaftsinterpretation möglich. Sie

war die Basis der im 9. Jahrhundert n.Chr.

durch Yang Yun-Sung entwickelten Formen-Kraft-Schule

(besser bekannt unter

dem Kürzel „Formenschule“). Ausgehend

von wenigen Grundregeln konnten „Drachennester“

in der Landschaft leicht gefunden

werden:

A Wo die Aufmerksamkeit hingeht, geht

das Qi hin.

B Das Qi folgt der Bewegung und die

Bewegung dem Qi.

C Wasser und Qi binden sich wechselseitig.

D Topographie ist der Ausdruck des

E

inneren Qi-Potentials des Erde.

Wo Yin und Yang nahe beieinanderliegen,

besteht ein starkes Spannungspotential

(= Qi).

Aufgrund dieser wenigen Grundregeln

entwickelte sich eine Fülle von Methoden

und Techniken zur Qi-lnterpretation in der

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G E O M A N T I E D E R L A N D S C H A F T Hagia Chora 1 | 1999


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T I C H W O R T F E N G S H U I

Landschaft: So zeigen Wälder und Berge

Qi-Fülle an, Wüsten und Ebenen dagegen

Qi-Mangel (Regel D); der Lauf von Wasser

wurde detailliert analysiert (Regel C) und

führte zum „Klassiker über die Wasserdrachen“;

die Geomantie-Meister (Xienshang)

interpretierten Tierfährten oder

ließen Menschen willkürlich mehrfach

Hügel hinablaufen, um zu sehen, wo sich

ihre Bahnen kreuzten (Regel B); sie ließen

ihren Blick schweifen und achteten darauf,

wo er verweilte (Regel A); schließlich

wurden unterschiedliche Landschaftsqualitäten

in Beziehung gesetzt, wie z.B.

ein höherer und ein niedrigerer Bergrükken.

Wir kennen solche Formationen heute

als „Drachen-Tiger“-Formationen. Das

Xue lag hier im Spannungsfeld zwischen

Drachen“ (Yang) und „Tiger“ (Yin) (Regel

E), dort, wo sich die Geschlechtsteile der

Tiere befinden – Ort des Schöpfungsaktes

und Tor für den im Daoismus angestrebten

„Zustand des frühen Himmels“.

Wenn ein Geomant

Qi erkennen kann,

versteht er Feng Shui.

Die erste Auffassung, Qi als eine die

ganze Welt erfassende Ursubstanz und

„Lebenskraft“ zu begreifen, wich bald einer

differenzierteren: Dem materiellen

Aspekt von Qi als feinstofflicher Materie

wurde ein letztes Prinzip Li zugrunde gelegt.

Wie bei einem Haus der Baustoff das

Qi versinnbildlicht, symbolisiert Li den

Bauplan – die platonische Ideenwelt.

Die dem Qi zugrundeliegenden Gesetze

zu erfassen und daraus den Qi-Strom zu

bestimmen, wurde zum Kern der im 10.

Jahrhundert entstandenen „Struktur-Qi-

Schule“ (besser bekannt als „Richtungschule“).

Die weitere Differenzierung des

Qi-Begriffs führte schließlich dazu, daß

die subtile Lebenskraft, die anfangs damit

gemeint war, später nur noch eine unter

vielen Qi-Arten darstellte: das sogenannte

Wai-Qi.

Grundsätzlich können im Feng Shui

zwei bedeutsame Formen des Wai-Qi unterschieden

werden: Das Di-Qi („gastgebendes

Qi“) der Erde wird in den breiten

Strömen der Lebenskraft erkannt, welche

die Landschaft durchziehen und von Geomanten

erspürt werden. Hieran orientiert

sich die erwähnte Formen-Kraft-Schule in

ihrer Landschaftsinterpretation. Die zweite

Form ist das Tien-Qi, das „Gast-Qi“ des

Himmels. Es wird zum Bewertungskriterium

der Himmelsrichtungen (Struktur-

Qi- bzw. Richtungs-Schule).

Bleiben wir bei der chinesischen

Landschaftsinterpretation. Während die

ersten Anfänge der Formenschule schlicht

das „angenommene“ Fluß- und Verdichtungsverhalten

des Qi in der Landschaft

interpretierten, wurde mit der Lehre der

Der Körper der Erde und

der Körper des Menschen

weisen im chinesischen

Naturverständnis viele

Analogien auf. So läßt sich

dieses Bild von den inneren

Kreisläufen im menschlichen

Körper unmittelbar in Feng-

Shui-Qualitäten der Landschaft

übersetzen.

WALTER VERLAG

Hagia Chora 1 | 1999 G E O M A N T I E D E R L A N D S C H A F T

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Fünf Wandlungsphasen die Interpretation

bald differenzierter. Sie ermöglichte die

Erkenntnis über die zugrundeliegenden

Beziehungssysteme der Landschaft.

Die Fünf Wandlungsphasen und ihr

Wirken in der Landschaft

Die Fünf Wandlungsphasen Erde – Metall

– Wasser – Holz – Feuer können sich zyklisch

in eine erzeugende und eine kontrollierende

Qualität wandeln: Feuer erzeugt

Asche (= Erde), in der Erde wächst

Metall, an Metall kondensiert Wasser aus,

Wasser läßt Holz wachsen und Holz nährt

Feuer. Andererseits aber zerstört Wasser

das Feuer, Feuer schmilzt Metall, Metall

zerschneidet Holz, Holz laugt Erde aus

und Erde dämmt Wasser ein. Den Wandlungsrhythmen

der fünf Aspekte des Lebens

folgend, können diesen Organe, Farben,

Geschmack, Charaktereigenschaften,

Gefühle, Wetter oder eben Landschaftsformen

zugeordnet und in ihrer jeweiligen

Beziehung interpretiert werden.

Berge z.B. wurden in China – wie wohl

überall in frühen Kulturen – als Wohnstätten

der Götter angesehen. Sie galten

als Spiegelungen des Himmels mit seinen

Sternen. So wundert es nicht, daß die

Bergformen auch in ihrer Beziehung zu

Planeten gesehen wurden, von denen im

alten China fünf bekannt waren: Jupiter,

Saturn, Mars, Venus und Merkur.

Ein hoher zylindrischer Berg, wie es

viele in der Provinz Guilin im Süden Chinas

gibt, stand für Jupiter, Saturn glaubte

man in Plateaubergen wiederzuerkennen,

Mars in spitzen, steilen Bergformen, Venus

in sanften, runden und Merkur in undefinierbaren,

gewellten Formen. Analog

der Lehre von den Wandlungsphasen

stand Jupiter für Holz, Saturn für Erde,

Mars für Feuer (rote Farbe), Venus für Metall

(weiße Farbe) und Merkur für Wasser.

Lebt nun ein Mensch mit eindeutigem

Metall-Charakter (ordentlich, rational,

materialistisch) in einer Feuer-Landschaft

(spitze Dächer und Berge, Hitze, rote Farben),

so wird sein Qi permanent durch das

Qi der Landschaft „attackiert“. Oder anders:

Zwischen beiden Qi-Arten kommt es

zur Interferenz. Fügt man nun Erde hinzu

(gelbe Farbe, rechteckige, flache Formen,

Lehm) wird das Feuer sanft gekühlt. Die

resultierende Atmosphäre entspricht dem

Metall-Menschen. Ein konstruktiver Wandelphasen-Zyklus

ist geschaffen: Feuer

erzeugt Erde erzeugt Metall.

Die Funktionsinterpretation nach den

Fünf Wandlungsphasen

Konzeptionelles

Modell

Topographisches

Modell

Drache und Tiger als Idee und Landschaftsbild.

Über diese bloße Farb- und Formenzuordnung

hinaus werden die Landschaft

und die in ihr wirkenden Elemente im

Feng Shui aber auch aufgrund ihrer Funktion

interpretiert.

Der massive Bergschild, der den „Rükken

decken“ sollte, wurde (unabhängig

von seiner Form) zur schwarzen Schildkröte

und damit dem Wasser zugeordnet.

Die fernen Hügel, die dem Blick einen

Zielpunkt in der Ferne gaben, wurden

„Roter Phoenix“ genannt und verkörperten

das Feuer; Berge und Schutzwälder

zur Linken und zur Rechten waren Drache

und Tiger mit ihren entsprechenden

Wandlungsphasen Holz und Metall. Der

Standort selbst schließlich, das Xue, wurde

als Schlange (Erde) gesehen.

Diese Funktionsinterpretation ermöglicht

in Verbindung mit der Form der

Landschaftselemente eine tiefere Interpretation:

So kann die Schildkröte, die den

Rücken deckt und dem Wasser zugeordnet

wird, spitz geformt sein, was Feuer bedeutet.

Wasser und Feuer aber liegen im Widerstreit,

was die Funktion des Berges

schwächt. Eine solche Landschaftssituation

ist daher ungünstig. Ist die Schildkröte

aber sanft geschwungen, so repräsentiert

die Form Metall und stärkt die Funktion

der Schildkröte (erzeugender Zyklus).

Der Landschaftscharakter

Im dritten Schritt innerhalb der Landschaftsinterpretation

nach den Fünf

Wandlungsphasen kann schließlich ein

Landschaftsausschnitt als Ganzes aufgrund

seiner Atmosphäre interpretiert

werden.

Die Wandlungsphase Erde ist hier nicht

mehr nur eine flache Landschaft (reine

Formeninterpretation), vielmehr kann jeder

Landschaftstyp Erde repräsentieren,

der mit folgenden Eigenschaften charakterisiert

ist: ruhend, zentrierend, sammelnd,

traditionell, bodenständig, nährend,

ertragreich usw.

Die Wandlungsphase Metall wird auf

diese Art charakterisiert: geordnet, strukturiert,

klar, eindeutig, ausgeräumt, flurbereinigt,

kommunikativ, kontrolliert,

rhythmisch usw.

Wasser würde sich zeigen durch: geheimnisvoll,

wandelnd, wertkonservativ,

formprogressiv, unheimlich, undurchschaubar

usw.

Eine Holz-Landschaft wäre: kreativ,

spontan, inspirierend, chaotisch, lebendig,

formenreich …

Feuer würde sich in Charaktereigenschaften

zeigen wie: industriell, pragmatisch,

wertprogressiv, aber auch vergeistigt,

spirituell, erhaben usw.

Wiederum sind interpretierende Rückkopplungen

mit den vorhergehenden

Interpretationsmethoden möglich und

sinnvoll. Ein erhabener, spirituell-vergeistigend

wirkender Berg (Feuer) sollte uns

nicht im Rücken liegen (Schildkröte/Wasser),

sondern wir sollten aus einiger Entfernung

auf ihn blicken können (Phoenix/

Feuer), so daß sich Charakter und Funktion

entsprechen.

Assoziation und Symbolik

Wir sind nun von der reinen Formeninterpretation

schrittweise zur Interpretation

der Charaktereigenschaften einer Landschaft

gelangt und haben damit den Weg

von der Materie zum Geist durchschritten.

Um dem zugrundeliegenden Geist eines

Baumes, Berges oder einer Landschaft näherzukommen,

ließ man im Feng Shui

dessen Assoziation und Symbolhaftigkeit

wirken: Berge können wie Löwen aussehen,

Bäume wie Menschen, Felder wirken

aus der Luft durch Hecken, Wege und

Grenzen wie mythische Tiere oder auch

Gebrauchsgegenstände. So waren und

sind im Feng Shui für die Platzwahl von

Tempeln und Klöstern Landschaftsformen

beliebt, die martialisch–göttlichen Wächter

ähneln. Gräber dagegen positionierte

man gerne an Orten, die von mehreren

Bergen hufeisenförmig umgeben waren.

Klassische Darstellungen in Feng-Shui-

Werken zeigen, worauf der Sinologe Manfred

Kubny verweist, daß es sich um Orte

handelte, die aussahen, als läge das Grab

in der Gebärmutter einer riesenhaften Gestalt.

Man führte den Toten zurück in den

pränatalen Zustand oder, wie es in der

chinesischen Denkweise heißt, in den Zustand

des frühen Himmels.

So erfährt die Landschaft in der chinesischen

Geomantie nach und nach eine

vollständige Interpretation ihrer Gestalt,

der hier wirkenden Kräfte und Energiesysteme

und dem zugrundeliegenden geistigen

Gehalt. DerHauch des Drachen“,

der kosmische Atem, der die Landschaft

durchwebt, wird zu einem Weg der Erkenntnis,

die zum göttlichen Wirken in

der Materie führt. 7

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