Roman - konkursbuch Verlag Claudia Gehrke

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Roman - konkursbuch Verlag Claudia Gehrke

Udo Oskar Rabsch

lebt in Stuttgart und Rosenfeld als praktischer Arzt

und Autor von Romanen und Theaterstücken.

Er erhielt u.a. den Literaturpreis der Deutschen

Ärzteschaft und war mit seinem zuletzt erschienenen

Roman »Maria vom Schnee« Finalist beim Alfred

Döblin Preis.

»Ein Kommissar wird ausgeschickt, um eine Leiche

zu suchen, die es nicht gibt. Die vermisste Frau,

Maria, war schwanger und fast jeder Mann im Dorf

Dornstetten könnte der Vater sein …

Ein schrecklich schöner Roman für die warme Stube

an kalten Wintertagen.«

(Stuttgarter Nachrichten zu »Maria vom Schnee«)

Udo Oskar Rabsch, Der gelbe Hund

Umschlagkurztext:

Als A. D. Adams auf die Insel kommt, gerät ihre Welt aus den Fugen.

Nike Herzsieg glaubt, in ihm einen Mörder zu erkennen.

Die Natur, die Menschen, die Tiere, alles gerät in einen teuflischen

Strudel. Doch zugleich erzählt der Roman die Geschichte einer Liebe,

die den Abgrund, der von Menschen aufgerissen wurde, wieder

verschließen kann.

Klappentext:

Eine Vulkaninsel im Atlantik, San Miguel de la Palma. Flirrende

Hitze. Lange schon hat es nicht geregnet. Ein gelber Hund schaut

aufs Meer.

Der Roman spielt in den frühen fünfziger Jahren. Franco-Spanien.

Michelangelo Guerra, der Bananenbaron, sprengt riesige

Plantagen in die Insel. Er möchte Reichtum für »seine« Insel.

Fischer, Bauern, Ziegenhirten, Bananenarbeiter und viele Hunde

leben dort. Und deutsche Auswanderer. Manche davon sind

Flüchtlinge aus der Kriegszeit. Mit Ende des Kriegs kamen auch

Nazikollaborateure …

Nike Herzsieg wohnt in einer der Hütten am Meer. Sie war mit

ihrem Vater aus den „Zigeunerbaracken“ des schwäbischen Dorfs

Buttenhausen geflohen, nachdem ihre Schwestern in Grafeneck

umgebracht worden waren.

Eines Tages wird ein Mann in das Dorf gebracht, der lethargische

A. D. Adams, angeblich ist er Amerikaner. Er möchte nicht in die

abgeschlossene Siedlung zu den Nazi-Deutschen. Nike Herzsieg

glaubt, in ihm den Mörder ihrer Schwestern zu erkennen, einer,

der auf Schloss Grafeneck gearbeitet hat … Sie hat nur noch einen

Gedanken: Rache! Ihr Liebhaber Hannibal besorgt ihr ein Gewehr.

A. D. Adams erinnert sich an nichts. Doch manchmal stehen ihm

Bilder schwäbischer Landschaften vor Augen, die Gegend um den

schwäbischen Ort Buttenhausen ... taucht die Erinnerung wieder

auf?

»Rabschs Sprachmacht ist enorm. Es gelingt ihm immer wieder,

subjektive Wahrnehmungen zu beschreiben, als befänden sich

seine Protagonisten in einem Zustand hohen Fiebers …«

(Die Zeit)


Impressum

© konkursbuch Verlag Claudia Gehrke 2012

PF 1621, D – 72006 Tübingen

Telefon: 0049 (0) 7071 78779

und 0049 (0) 172 7233958

Fax: 0049 (0) 7071 763780

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www.konkursbuch.com

Gestaltung: Verlag & Freundinnen.

Bilder: Verlagsarchiv

Zitate auf S. 130 u. 287 aus dem Inanna-Mythos

(in »Der Himmel ist mein, die Erde ist mein«

von Vera Zingsem, Klöpfer & Meyer, Tübingen 1995)

ISBN: 978-3-88769-766-2

LESEPROBE

Udo Oskar Rabsch

Der gelbe Hund

Roman

konkursbuch

Verlag Claudia Gehrke


Der gelbe Hund hatte mit der Sache nichts zu tun.

A ls sie den Mann erkannte, der aus dem Polizeiboot ins

flache Wasser der Betonrampe sprang, änderte sich alles.

Die Welt brach von ihr weg. Die Hütte, die ihre Heimat

geworden war, mit den getrockneten Kräutern, dem kleinen

Backofen aus Ziegelbruchsteinen, den Gerüchen der frisch gepflückten

Zitronen und Tomaten und der duftenden Kartoffeln

von Las Manchas, die Eusebio auf seinem Maulesel jede Woche

herunterbrachte. Es war der erste Schlag eines plötzlichen

Wirbelsturms und die Stabpuppen und das Bärenkostüm, das

Kochgeschirr und die unter dem Dach hängenden Kräuter, die

Notenblätter, der altvertraute Hundegefährte, alles zersplitterte

wie durch eine Dynamitladung, die in den Dingen angebracht gewesen

war und durch den Blitz der Erinnerung gezündet wurde.

Sie schleuderte das Akkordeon auf den Boden und rannte über

die aufstaubende Piste des Charco Negro zur Anlegestelle.

Der Abend war still. Die See war still, mit ihrer hundert Kilometer

langen silbernen Leuchtspur, an deren Ende die Sonnenkugel

angehalten hatte, glutrot zuerst. Dann tropfte ihre Farbe

ins Meer. Sie wurde orange und gelb und blass.

Am anderen Ende der Lichtbahn glimmten die ärmlichen

Hütten des Charco Negro auf, Schwefelstückchen in der Flamme

eines Streichholzes. Rechts und links war das Wasser schwarz

und matt und hatte einen messerscharfen Riss vom Polizeiboot,

das vom Puerto Tazacorte herübergekommen war.

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Die Sonne verlor ihre Form. Sie war ein staubiger gelber

Sack, der noch einen Moment lang auf einer Schulter lag und

dann abgeworfen wurde und alle Farbe der Welt mit sich riss.

Die See blieb zurück. Ein kalter grauer Schimmer, der sich auf

die Ansammlung von Menschen legte, die zur Betonrampe und

über den hundert Mal reparierten Holzsteg rannten. Ihre Gesichter

wurden blass und betrübt, und auch die unverputzten

Hohlblockwände der Hütten, auch die Lavaklippen und die

vertrockneten Sträucher in den Vorgärten sahen aus, als hätten

sie gerade noch gesund dagestanden und wären jetzt von einer

schweren Krankheit befallen.

Artemio, der Gemeindepolizist von Todoque, war gegen

seine Gewohnheit höflich, fast galant, wie er den Mann, der ihm

anvertraut war, durch das Wasser führte, »passen Sie auf, da, der

Stein, der ist glitschig, bleiben Sie daneben, im Kiesbett. Jetzt

nach links. Halten Sie sich an meiner Schulter fest. Stützen Sie

sich nur fest auf.«

A. D. Adams hatte schlechte Laune. Er hatte immer schlechte

Laune. Übel gelaunt musterte er seine neue Bleibe.

Die Vulkane auf der Cumbre glühten noch, eine Kette aus

Rubinen am fürstlich bleichen Hals des Himmels. Und auch der

Horizont auf der amerikanischen Seite blieb noch eine Weile

glutrot und grün und gelb, bis er von der Nacht verschüttet

wurde.

»Kommen Sie schon«, sagte Artemio. Michelangelo Guerra

hatte ihn gewarnt, »dem Mann darf nichts passieren. Der muss

streng bewacht werden.«

»Gehört er zu den Verbannten?«

»Ach woher. Er ist Ausländer. Er hat die besten Empfehlungsschreiben.

Die sind gestempelt in Madrid und sogar in Rom.«

»Also so einer.«

»Nein. Keiner von den Deutschen. Er soll einfach unten auf

dem Charco Negro bleiben, unbedingt. Er hatte einen Schiffsunfall.

Er weiß nicht mehr genau Bescheid. Ich werde ihm

alles erklären.«

»Also Schutzhaft?«

»Ich kann dazu nichts sagen. Machen Sie Ihre Arbeit. Hauen

Sie ab.«

»Setzen Sie sich, setzen Sie sich hin.« Artemio führte den

Mann zu einem der zentnerschweren schwarzen Basaltblöcke,

die die See auf den Kamm des Strandes spülte und beim nächsten

Mal wieder mit sich nehmen würde.

»Cecilia, komm her, bring ein Handtuch, trockne dem Herrn

die Füße ab.«

Einen Steinwurf weit entfernt stand der gelbe Hund auf

seinem Stein. Er schaute aufs Meer. Seit über einem Jahr stand

er so da, mit kurzen Unterbrechungen. Er erwartete die Wiederkehr

seines Herrn. Er glaubte, wie es Abergläubische tun,

an das Licht der Sonne, das seinen Herrn genauso wieder

auftauchen lassen würde, wie es ihn verschlungen hatte samt

seinem Ruderboot. Vielleicht aber war sein ganzes fanatisch

anmutendes Stillstehen nichts Besonderes, sondern schlicht und

einfach eine durch zu langes Warten eingetretene Muskelschwäche,

die eine geistige Verblödung nach sich gezogen hatte, oder

umgekehrt.

Im Kopf des gelben Hundes war eine Ödnis, ähnlich dem

immer gleichen Daliegen des Ozeans vor seinen Pfoten, dessen

ewiges Grau mal das Grün der Insel, das Blau des Himmels

oder das Rot der Sonne spiegelte, aber niemals von der Schwärze

der Tiefsee loskam.

Der gelbe Hund schaute andauernd nach Westen. Aber er

verschwendete keinen Gedanken an Amerika, keinen an die

Entdeckung der westindischen Inseln auf der anderen Seite des

Atlantiks, wo jemand sein Glück suchte oder von wo jemand

wieder zurückkehren konnte. Es interessierte ihn nicht, was an

der Anlegestelle los war.

Er hörte auf niemanden mehr. Nicht einmal auf die Nike

Herzsieg, bei der er sich, wenn es nicht anders ging, einen Happen

zum Essen holte. Aber er war nicht so konsequent, wie er

sich gab. Das Spiel seiner Ohren verriet ihn. Jetzt hörte er, oder

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hörte nicht, er richtete zwar seine Ohren aus, aber er hörte mit

dem Herzen, wie die Nike Herzsieg, mit einer unüberhörbar

krachenden Aufregung aus ihrer Hütte gerannt kam.

Sie rannte wie eine Furie auf den Neuankömmling zu, warf

schon von Weitem Steine, die sie im Lauf aufhob. Sie schrie

und weinte und stammelte unverständliches Zeug und landete

atemlos und krächzend wie eine Möwe, die sich an den Klippen

die Flügel gebrochen hatte, bei Artemio, der ihr in den Weg trat,

sie festhalten wollte, aber nicht konnte, und die umstehenden

Männer zu Hilfe rief, José, Manolo, dessen ältesten Sohn, Pedro,

den Schwager von José, Hannibal, den jüngeren Sohn von José,

Dario, seinen Neffen, den Sohn von Capote. Die zierliche Frau

brachte eine unvorstellbare Kraft auf, wie sie bei epileptischen

Anfällen vorkam, von denen es hieß, sie seien nichts anderes als

der Auftritt von Dämonen.

»Hände weg«, sagte Hannibal zu den anderen, als er sie im

Schwitzkasten hatte. Er kannte sie, ihren Körper, in- und auswendig,

wie er dachte. Er als Einziger, dachte er, hatte das Recht,

sie festzuhalten. Schließlich war er ihr Geliebter, oder sollte man

besser sagen, ihr Liebhaber. Er dachte es jedenfalls genauso oft,

wie er daran zweifeln musste, wenn sie hinterher immer so tat,

als hätte sie ihn nie gesehen.

Ihr Atem ging pfeifend. Das Herz raste. Sie war blass wie ein

Leichentuch. Schließlich sagte sie leise, fast unhörbar, »ich töte

dich, du Schwein.«

Das Gewirr der Stimmen löste sich auf. Einige Worte fielen

noch hinunter auf die Köpfe der Kinder, die sich umschauten.

Dann gluckste nur noch das Meer an seinen Enden.

»Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen. Aber hören Sie auf,

mich anzustarren. Jeder starrt mich an. In der ganzen Welt starren

mich Leute an, als wäre ich das einzige persönliche Stück

Dreck in ihrer Erinnerung.«

»Kommen Sie, kommen Sie schon.« Artemio zog ihn weg.

»Ich zeige Ihnen Ihre Hütte. Sie steht ganz für sich allein. Da

werden Sie Ihre Ruhe haben.«

»Der Tod«, sagte A. D. Adams. Es klang spöttisch, als fiele

ihm ein alter Schulkamerad ein, den er in schlechter Erinnerung

hatte. »Kennen Sie Kiwus, Wolfgang Kiwus, nein? Ein Bekannter

von mir. Er hatte vor, ein Buch zu schreiben. Über den Tod.

Er wollte vorher bei der Behörde Titelschutz beantragen, vorsorglich,

für etwas über zweitausendeinhundert Varianten. Ich

nenne Ihnen einige. Interessiert Sie nicht, nein?«

A. D. Adams folgte dem Artemio. Er hatte Mühe, auf dem

Lavaschotter Schritt zu halten. Er fiel zurück. Er war sich sicher,

dass ihn der Polizist anstarrte, von Anfang an jeden Vorwand

benutzte, um ihn anzustarren.

»Kommen Sie, kommen Sie schon«, rief Artemio, indem er

sich umdrehte und ihn anstarrte.

Sie ließen die Ansiedlung von etwa dreißig oder vierzig

Hütten und Baracken hinter sich und kamen an eine senkrechte

Klippe, an der eine Treppe hineingeschlagen war, die auf einen

halbrunden Kiesstrand hinunterführte. Dort stand eine baufällige

Hütte aus Holz, Wellblech und unverputzten Hohlblocksteinen.

Während sie die Stufen hinunterkletterten, sagte A. D.

Adams bei jedem Tritt:

»Passen Sie auf. Der optimale Tod, der zeitlose Tod, der

bescheidene Tod, der unsterbliche Tod, der blasierte Tod, der

vorprogrammierte Tod, der gekaufte Tod, der kleinkarierte Tod.

Machen Sie weiter.«

Artemio antwortete nicht. Diese Ausländer, dachte er, sie

sind verrückt, sie sind alle nicht normal. Dabei, wenn ich ehrlich

bin, auch hier gibt es Verrückte. Als Polizist hast du nur mit

Verrückten zu tun.

»Starren Sie mich nicht an. Sie haben mich noch nie gesehen,

oder? Habe ich irgendeinen Scheißdreck mit Ihnen gemeinsam?

Außer den Tod natürlich. Aber da gibt es viele. Kommen Sie,

machen Sie mit. Es ist das beste Mittel, keine Angst vor ihm zu

haben. Sie können sich einen aussuchen. Der selbstverständliche

Tod, der glatte Tod, der eingebildete Tod, der verstorbene

Tod, der wohlverdiente Tod, der unbewiesene Tod. Sie finden

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Adjektive und dann haben Sie ihn im Sack. Er gehört Ihnen.

Wer die Adjektive hat, der hat das Sagen.«

Artemio sagte, »es gibt keinen Schlüssel. Den brauchen Sie

hier nicht. Strom ist angeschlossen. Funktioniert aber nicht immer.

Manchmal steigt die Flut höher als sonst. Aber sie stand

in all den Jahren nie höher als einen Meter im Haus. Wenn Sie

sich nicht sicher sind in der Nacht, legen Sie die Matratze aufs

Dach.«

A. D. Adams nickte. »Hören Sie auf, mich anzustarren. Starren

Sie lieber das Meer an. Da ist Platz für Adjektive. Der sich

hinziehende Tod, der außerhäusliche Tod, der bis auf die Haut

durchnässte Tod.«

Artemio hörte ihn noch die Tode aufzählen, als er schon

über die Klippe geklettert war und zur Asociación de Pescadores

ging.

Der gelbe Hund hatte es gehört. Seine Ohren flatterten, das

rechte geknickte weniger als das linke aufgestellte, vom leisen

Wind oder vom Luftdruck der Worte. Kräuselten sich seine Lippen,

zwinkerten seine Augen? Nein. Sein Herz war nicht dabei.

Seine Ohren und sein Gemüt waren wie die lose flatternden

Segel eines beigedrehten Bootes.

Er stellte die Ohren wieder zum Westen hinüber, zum Horizont,

den die Sonne zurückgelassen hatte, bunt beflaggt wie

eine Armada von Kriegsschiffen aus aller Herren Länder. Waren

Menschen fleischgewordene Worte, die ausgespuckt, aber

jederzeit wieder verschluckt wurden, wie bei einem unersättlich

wiederkäuenden Wesen, das randvoll gemästet war mit Gerede

und Gedanken und das sie auskotzte und sie wieder fraß.

Beinahe hätte ihn die Laune erfasst, darüber nachzudenken,

aber er unterließ es. Er war müde und es hätte ihn über die Maßen

angestrengt.

E s änderte sich mehr als ihr Leben.

»Verschwinde«, schrie Nike Herzsieg und trat den

gelben Hund vom abendlichen Fressnapf weg. Sie warf den

schwarzen Knecht aus dem Haus, mit dem sie alles geteilt

hatte. Sie nahm ihre bunt bemalten Stabpuppen, zerbrach sie

und warf sie die Klippe hinunter ins Meer, die Bilder, die sie

gemalt hatte, die Kostüme für die Aufführungen und Tänze, die

Terrakottaskulpturen aus dem roten Lehm von Garafía. Alles

landete unten zwischen den salzverkrusteten schwarzen Lavaklippen

und den schwarzen Schatten der seitwärts huschenden

Krabben, bis es auseinandergerissen und zermahlen war, auch

das Akkordeon, das den Anfang eines Chorals von sich gab, als

es unter einem Brecher zerbarst.

Der Tod, was er kann. Er kann alles. Alle Kräfte kommen

aus ihm. Auch die unerhörte Muskelkraft der Nike Herzsieg,

die von fünf Männern kaum gebändigt werden konnte. Einer

davon, Hannibal, war der Lucha-Canaria-Sieger der Westseite.

Er konnte einem Stier den Nacken brechen.

Wo sollte sie hin mit ihrer Wut. Sie griff nach dem nächsten,

nach allem, was ihr lieb war, warf alles weg, weg in die weißen

Zähne der Brandung.

Die Kücheneinrichtung für die Einladungen zum Essen,

Geschirr, Besteck, Pfannen, Töpfe, den Blumengarten, die

Gemüsebeete, sie riss aus, was ihre Hand fassen konnte, die

Tomatensetzlinge, die eingemachten Auberginen, Paprika,

Zwiebeln, Tomaten, die Marmeladen und Gelees aus Papaya,

Mísperos, Maulbeeren, die Avocados in der Dunkelheit der

Tücher. Atemlos und schluchzend stand sie am Gartenzaun.

Die Bewohner der kleinen Ansiedlung fanden sich ein, brachten

die Einmachgläser zurück, Bilder, Kostüme, die sie aus der

Brandung fischten, fragten, was sei, bekamen keine Antwort,

nur Schreien und Weinen. Sie waren hilflose Zeugen der Zerstörung

aller lieb gewordenen, lang angesammelten, aufbewahrten,

ans Herz gewachsenen Dinge. Sie trug sie vor zur Klippe, noch

Tage danach, schließlich müde und mit langsamen, ohnmacht-

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nahen Bewegungen, und warf sie hinunter zum malmenden,

röhrenden, großkotzigen Maul des Meeres. Einen Salzstreuer,

eine Wärmflasche, das Messer mit dem selbst geschnitzten

Griff aus Teaholz.

Die Nike Herzsieg hätte zum Schluss sich selber weggeworfen,

sie wäre selber dran gewesen, sie hätte sich selbst umbringen,

sich selbst zu Ende zerstören müssen, mit ihrer Todeskraft,

wenn nicht Hannibal mit seiner Harpune gekommen wäre.

»Komm, mach es Dir nicht schwerer als nötig«, sagte er, als er

vom Tauchen zurückkam, »nimm die Harpune, schieß sie ihm in

den Bauch wie irgendeinem Fisch. Dann hast du es hinter dir.«

»Ja«, sagte Nike Herzsieg, schlug ihren Lieblingsgecko vom

Balken, der seinen abendlichen Gang zur Glühbirne über ihrer

Eingangstür machte, um die Motten zu fangen, und zertrat ihn.

Der gelbe Hund kam zurück, schlenderte beiläufig her,

schaute auf den zertretenen Gecko, schaute hoch, beugte den

Kopf, ging Schritt vor Schritt auf sie zu, ohne noch einmal

hochzuschauen. Auch er hatte seine Peiniger gehabt, auch er

hatte sein Hundeleben satt. Aber er hatte nur das eine, würde

nie ein anderes haben. Er verschmerzte es. Es war wenig, nur

ein Hundeleben, das er verlieren konnte. Er konnte nicht so

überreich wegschmeißen, was jetzt die Nike Herzig aus ihrem

Haus, ihrem Garten, ihrem Herzen warf. Er erwartete ihren

Fußtritt und er bekam ihn auch.

Ihre Augen kreuzten sich: Ich habe dir das Leben gegeben.

Du hast mir das Leben gegeben.

Sie nahm die Harpune. Sie setzte sich hinter die Klippe an

der Treppe zum kleinen Kiesstrand.

Sie ist nicht wiederzuerkennen«, sagte José beim morgendlichen

Rapport im Herrenhaus der Hacienda in Argual. Er

hatte den quälenden Hustenreiz der Plantagenarbeiter. Er unterdrückte

ihn. Dann musste er husten. Michelangelo Guerra öff-

nete sein Hemd, trocknete sich den Nacken mit einem großen

Frotteetuch und verknotete es über der Brust. Er atmete schwer.

Er schaute durchs Fenster.

»Bei dem Wetter kannst du nicht mal das Fenster öffnen«,

sagte er. »Du sitzt fest wie eine Ratte in einer Rattenfalle.«

Draußen, auf der anderen Seite des Hofs, an der hundert Meter

langen Wand der Stallungen, brach der kochend heiße Wind

des Levante in sich zusammen. Oben, an der Cumbre Vieja, war

er noch ein kolossaler Sturm, der dann die Gebirgswand herunterstürzte

und hohe Sprünge machte über die Schanzen der

Lavasteinwüsten von Las Manchas und La Laguna und von Mal

zu Mal zersplitterte und schwächer wurde, bis er schließlich über

den grünen Teppich der Plantagen von Tazacorte arriba rutschte

und sich verlor. Übrig blieb die pure Hitze, zäh wie Sirup.

Ein Hund kam die Piste von Argual herunter, kaum, dass er

die Läufe bewegte. Er trieb in der dickflüssigen Atmosphäre,

hielt still vor dem Abzweig zur Hacienda, drehte den Kopf nach

links, schaute herüber, drehte den Kopf zurück und überließ

sich dem Sog der nach unten fallenden Piste.

Lesen Sie weiter im Buch ...

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