Heinz Bude [695 kB] - Dieter Schnaas

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Politik&Weltwirtschaft

Stolzund Vorurteil

INTERVIEW | HeinzBude Der Soziologe über die bürgerliche

Sehnsucht nachGröße, das Vorbild Guttenberg und die

Verunsicherung der Mitte.

Karl-Theodor zu Guttenberg istder „Mann

des Jahres“,verehrt alsTugendrepräsentant

und bürgerlicher Held.Ist dasnicht

eineungeheureIronie der Geschichte

Einstvertrieben die Bürger dieFürsten

von ihren Schlössern–heute stehtihnen

ausgerechnet ein FreiherrModell.

Bude: Ingewisser Weise haben Sie recht.

Aber vergessen Sie nicht, dass der Bürger

immerauchein AdligerimKleinformat ist.

Allebürgerlichen Begriffevon Würde und

Ehre sind letztlich adeliger Herkunft. Im

Wunsch, ein Bürgerzusein, steckt dieVorstellung,

dass es etwas gibt, was über die

pure Selbstbewahrung und das bloße

Durchkommenhinausreicht.

Hatein Bürger also auch etwasPaternalistischesansich

Bude: Warum nicht Ich glaube, ein bisschen„liberaler

Paternalismus“ würde uns

heuteguttun. Das wäreein Paternalismus,

deruns Bürgern sagt: Ihrführteuer Leben

nach eigenen Vorstellungen, das ist wunderbar,

wir schätzendas sehr –aber trotzdem

lassen wir euch nicht allein, wenn

einmaletwas schiefgeht.

PULSFÜHLERDER DEUTSCHEN

Bude, 56,ist Professor für Makrosoziologieander

Universität Kasselund Leiter

desBereichs „Die Gesellschaftder

Bundesrepublik“amHamburger Institut

für Sozialforschung. Zuletzterschien:

„Bürgerlichkeit ohne Bürgertum“(Fink).

Tony Blairund Gerhard Schröder haben

daseinmalden „Dritten Weg“ genannt.

Bude: Es geht immer wieder darum, aus

der Falle zwischen Sozialismus und Liberalismus

herauszukommen. Der „liberale

Paternalismus“ vermeidet einerseits den

schnellen Ruf nach dem Staat, der alles

richten soll –und andererseits die Herzlosigkeiten

des Neoliberalismus, der den

Schwachen schulterzuckend bedeutet,

dass sienicht stark genugsind. Ichglaube,

dieZeit ist heute reifdafür.

UndGuttenberg wird in dieserZeit deshalbzueiner

Identifikationsfigur, weil er

es eigentlichgar nichtnötig hätte, sich

umsGanze zu kümmern

Bude: So ist es. Guttenberg führt erstens

die Bedeutung des Familienmotivs vor

Augen, er ist zweitensbereit, ständischen

Zeichen Ausdruck zu verleihen –etwa in

derArt, wie er sichanzieht –, und er setzt

FOTO: ARNE WEYCHARDT FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

sich drittens fürs Allgemeine ein. Mit dieser

Dreiheit ist er die Idealbesetzung für

einegesellschaftliche Mitte, die etwas darstellen

will. Der Bürgerwill auf keinen Fall

als Kleinbürger erscheinen.

Kleinbürger –das wärendanndie Steuerflüchtlinge,die

Faulpelze,die Gier-und

Geizhälse,die „Mastersofthe Universe“,

diesichselbst fürdie Größten hielten

Bude: Vom französischen Soziologen Luc

Boltanskistammt derGedanke: Wenn Sie

eine Gesellschaft verstehen wollen, müssen

Sie danach fragen, was für die Leute

Größe ist. Im Neoliberalismus war Größe

»Bürgerist,wer

ein Leben von

Bedeutung führt«

dieSiegessicherheitdes Erfolgs –und dieser

Erfolg war wichtiger als die Leistung.

Heute geht es in der Mitte darum, eine

neue Idee von Größe zu entwickeln. Sie

hat viel mit Reputation zutun, mit Anerkennung

–und mit der Idee eines exemplarischen

Lebens. Für den amerikanischen

Schriftsteller Philip Roth besteht

das bürgerliche Streben darin, ein Leben

von Bedeutungführen zu wollen.

EinBürger isttugendhaft...

Bude: …und redet nicht ständig von Werten.

TugendenbewährensichimHandeln

und begründen eine Alltagsmoral. Tugendhaft

sein–das heißt nicht, einen Wertehimmelaufzuspannen,

sondern sich einer

Ethikdes Handelns zu verschreiben.

EinLeben in tätiger Bewährung.

Bude: Genau. Soziale Rechte implizieren

soziale Pflichten–daraufhat RalfDahrendorf,der

große Liberale,immerhingewiesen.

Bürgerrechte waren für Dahrendorf

nicht nur Appellationsrechte im Blick auf

den Staat, sondern beinhalteten immer

auch Verkörperungspflichten im Verein

derBürgergesellschaft.

Unddieser Tugendbegriff ist uns irgendwann

in der wohlstandsverwöhnten Bundesrepublik

abhandengekommen Wie

kamesdazu

Bude: Der Erfolg der Bundesrepublik bestand

darin, dass sie aus Arbeitern ohne

Eigentum Staatsbürger mit Eigentum gemacht

hat. Esbedeutete keinen Unterschiedmehr,

Bürger zu sein. Dadurchverlor

sich der exemplarische Anspruch, der

im Bürgerbegriff steckte. Die Generalisie-

rung der Staatsbürgerrolle hing innerlich

mit dem Aufbau des Sozialstaats zusammen.

Daran hatten die Volksparteien,

Wirtschaftsverbände, Gewerkschaften jeweils

ihrenAnteil, sodass dieBundesrepublik

aufs Ganze gesehen zu einer bürgerlichenGesellschaft

wurde.

Machen Sie es an einem Beispieldeutlich.

Nehmen Sie HerbertWehner,dieses Urgestein

derSPD. Wehnerhat fürseine Partei

einen bürgerlichen Teilhabestatus reklamiert

–und er war stolz darauf, sagen zu

können: Wir Sozialdemokraten sind nicht

mehr negativ integriert, wie im Kaiserreich,

sondern ein positiver Teil der bundesrepublikanischenGesellschaft:Die

Arbeiterparteials

Staatsbürgerpartei.

Sie meinen, das„Bürgerliche“hat sich

sozusagenzuTode gesiegt

Bude:Sozusagen. DieGeneralisierung hat

paradoxerweise wieder Raum geschaffen

für einen engerenBürgerbegriff. Nicht der

politische Bürgerstatus ist dasThema der

neueren Debatte über Bürgerlichkeit,sondern

die bürgerliche Lebensform.Esgeht

dann nicht um das Recht auf Teilhabe,

sondern um den Stil der Unterscheidung.

Die „Neue Bürgerlichkeit“ist also aus

dem Wunsch zurAbgrenzunggeboren

Sie richtet sich gegen die alte Arbeitnehmergesellschaft

Bude: Sie geht zumindest mit einem

scharfen Distinktionswillen einher. Plötzlichgibt

es eineUnterschicht und einUnterschichtfernsehen,

prollige Vornamen,

prollige Tätowierungen und prollige

T-Shirts, was alles nichts mehr mit der

Idee desProletarischenzutun hat, diebei

Brecht wie bei GottfriedBenn noch voller

Geschichtsphilosophiewar.

Aber warum Als Gerhard Schröder seine

Reformendurchsetzte, hörtesichdie Umkehr

zur Bürgerlichkeit noch tugendhaft

an: Man sprachviel vonEigeninitiative,

Selbstverantwortung,Leistungsbereitschaft.

Warum istder Toninden vergangenen

Jahrensorau geworden

Bude: Weil das Abgrenzungsmotiv in der

„neuen Mitte“ sich dramatisiert und den

Aufbruchswillen verdrängthat.Man wollte

einen Sozialstaatauf Augenhöhe schaffen,

der fördert, aber auch fordert, und

sieht sich jetzt mit einer Schicht konfrontiert,

die sich vom Lebenszuschnitt der

Mehrheitsklasse verabschiedet zu haben

scheint. Da fragt sich die bürgerliche Mitte:

Wer sind die 1,5 Millionen Menschen,

von denen die Arbeitsagenturen sagen,

man könne nichts mit ihnen anfangen

Wieso soll ich denen mein Geld geben

Und: Washabeich eigentlichmit denenzu

schaffen

SinddieseFragen ungehobelt oder berechtigt

Bude:Berechtigt natürlich. Aberesmacht

einen Unterschied umsGanze,obman etwas

über dasLeben dieser Gruppe wissen

oder gerade nichts vonihr wissen will, weil

man alles schon zu wissen meint. Im ersten

Fall bin ich offen, imzweiten mache

ich zu. Beides wäre ein bürgerliches Verhalten:

Das Interesse am Allgemeinen

oder der Rückzug aufs eigene Milieu. Es ist

nicht zu leugnen,dassheutedie Tendenz

zur Abschottung, die Tendenz zur Einbeziehung

überwiegt. DasBürgerlichehat

den Ton des Bangen, des Wütenden und

des Verhärteten angenommen. Dahinter

steckt nicht nur das Gefühl, etwas verlierenzukönnen,

sondern auch derSchreck

über die Einsicht in die wachsende Heterogenität

unserer Gesellschaft.

Wasmeinen Sie denn damit

Bude: Derklassische Bürger entstammt einem

ethnisch homogenen Milieu. In ihm

bildet er seineIdentitätaus, von ihm wird

er honoriert. Plötzlich aber merkt er: Es

gibt dieses homogene Milieu nicht mehr,

sondern allerorten Konkurrenz von Leuten

ohne biodeutschen Hintergrund.

Wieso sollten Ausländer der „biodeutschen“

Mitte Angst bereiten

Bude: Weil diese Mitte nicht mehr weiß,

was es braucht, um ihre Kinder konkurrenzfähig

zu halten.Frühergalt:Man lernte

was und wurde was in Deutschland.

Jetztgibt es plötzlichviele, dievielleicht etwas

mehrDrive habenund aufden Fachkräftemarkt

drängen. Natürlich würde

niemandetwas offen gegen diese Migrationsgewinner

einwenden. Also verlegt

man sich aufdie Migrationsverlierer...

...unddas Bürgertumwirdplötzlich

unbürgerlich, stinkig,roh...

Bude:...undneigt zurEnttabuisierung von

Dingen, die bisher in der Latenz gehalten

wurden. Man kann dasals Ankunftinder

Wirklichkeit begrüßen, man muss den

MangelanTaktund den Wegfall vonAusdrucksdisziplin

zurKenntnis nehmen. Da

spielen die Bürgerinnenmit derAngstum

ihre Kindereinenicht zu unterschätzende

Rolle. Vielesagen sich: Ichweiß doch, dass

in zehn Jahren in den Großstädten mehr

als 50 Prozent der Schulkinder einen Migrationshintergrund

haben. Was bedeutet

das für meine Kinder oder für meine Enkel

–Wobleibe ich da mit meinen Kindern

Und natürlich weiß ich, dass es

Deutschenfeindlichkeit an Schulen gibt.»

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WirtschaftsWoche 24.12.2010 Nr.52

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Politik&Weltwirtschaft

» Warum tut die Politik nichts dagegen

Warum redet sienicht mal darüber

Der Ärger staut sich an –und schießt

plötzlich übers Ziel hinaus

Bude:Die Situationist schwierig. Die Politik

darf die Erfahrungen der Menschen

nicht dementieren. Aber die Konsequenzen,

die die Leute aus ihren Erfahrungen

ziehen, sindleider hilflos.

Hilflos–oder gefährlich

Bude:Hilflos. Weil ihnen jeder Begriffvon

gesellschaftlicher Zukunft fehlt. Dazu

muss man sich klarmachen, dass die gesellschaftliche

Mitte sich in einem ideologischen

Vakuum befindet. Jeder, der einigermaßen

bei Verstand ist, weiß heute,

dass man sich weder auf den Staat noch

aufden Markt verlassen kann...

Undweil man nichts mehrhat,woran man

sich halten kann, greiftman zum Lebensidealder

Bürgerlichkeit.Man wird zum

Selbsthelfer...

Bude:...genau, und zwar zumaggressiven

Selbsthelfer, der sich nur noch auf sich

selbst verlässt –und sich zugleich vondenen

abgrenzt, dieesnicht schaffen.

Sie sprechen von Thilo Sarrazin undseiner

Fangemeinde...

Bude:...aberauchvom Erfolg derGrünen,

die die ideologische Unsicherheit der

Deutschen, ihr Unvertrauen inStaat und

Markt, perfekt verkörpern. Die klassische

grünbürgerliche Klientel will weder mehr

Staat noch mehr Markt. Sieist relativ reich,

relativ gebildet, bekleidet relativ gute berufliche

Positionen. Aber sie ist zugleich

geprägt von einem tiefen Gefühl der Verwundbarkeit.

SchauenSie nur nach Hamburg.

Die Entscheidung der Hamburger

Bürger gegen die Einführung der sechsjährigen

Primarschule ist vor allem bei

denWählern derGrünengefallen, dieSorge

um die Zukunftihrer Kinderhatten.

Dasheißt, man mussden ErfolgSarrazins

undder Grünen zusammen denken

Bude: Irgendwie schon. Nur unter umgekehrten

Vorzeichen. Sarrazin öffnet die

Erfahrung der Menschen und leiht ihr seine

Stimme –und er ist zugleichein Propagandist

der sozialen Schließung. Bei den

Grünen ist es genau umgekehrt. Sie propagieren

die soziale Öffnung –und verschließen

sich im Zweifel derErfahrung.

Wiekanndie politische Klasse dieGewissensnöteder

Bürger dennadressieren–

undzugleich verhindern, dass siesichmit

fragwürdigen Argumenten bewaffnen und

entsolidarisieren

Bude:Ich glaube, daszentrale Manko beiderVolksparteienist,

dass sie im Moment

»Der Staat muss

eine Adresse fürs

Kümmern sein«

zu keiner verlässlichen Deutung der Lage

fähigsind. DieLeutewollen ihre Situation

interpretiert wissen, das ist alles, sie wollen

Deutungsangebote für eine widersprüchliche

Realität. Beide Volksparteien

sind dazu offenbar nicht in derLage.

Sie meinen,die Volksparteien wärenvor

allem als Soziologengefragt,die dem Volk

Auskunftgeben über seine Orientierungsschwäche

Bude:Ja. Abernatürlich nicht in demSinn,

dass sie die Hilflosigkeit der Bürger verstärken,

indem sie entweder dasNichtstun

oder die Alternativlosigkeit bevorzugen.

Politik muss die Kraft zur Darstellung der

Lage haben, ohne den Mut zum Blick in

dieZukunft zu verlieren. Daskannsie nur,

wenn sie über einen belastbaren Begriff

des Allgemeinen verfügt. Der Staat muss

sich als eine Adresse fürs Kümmern verstehen

–und zwar nicht nur für die, die

keine Chance haben, sondern auch für

die, die viele Chancen haben. Nur dadurch

kann er verhindern, dass die verunsicherten

Staatsbürger zu aggressiven

Selbsthelfern werden.

Dass der Staat sich kümmernsoll,wird

vonvielen, diesich„liberal“wähnen,zunehmend

in Zweifel gezogen. Stattdessen

werdendie Armenund Arbeitslosen zu

Parasiten der Rechtschaffenden herabgewürdigt.Der

Karlsruher Philosoph Peter

Sloterdijk...

Bude: ...spricht von einer „Tendenz zur

Ausbeutungsumkehrung“, ich weiß. Er

meintdamit,dassdie Reichenheutenicht

mehr unmittelbar die Armen ausbeuten,

wie früher, sondern dass die Unproduktiven

heute mittelbar auf Kosten der Produktiven

leben.

Undandieser Stellewirddas Bürgerliche

doch ziemlich hässlich, finden Sie nicht

Werden hiernicht,wie im Falle vonSarrazin,berechtigteAnliegender

Bürger aufgegriffen,

um Ressentiments zu schüren

Bude: Ich meine schon. Aber ich glaube,

dass sich derAkzeptanzraum für diese Art

von Agitationsargumenten schon wieder

geschlossenhat.Eswar ja richtigvon Sloterdijk,

den Wunsch nach Größe in der

Tendenz zur Selbstständigkeit ernst zu

nehmen. Nur hat er dabei das Bedürfnis

derMenschennachSorge vergessen.

Sloterdijkwill diese Sorge zurück ins Private

verlegen. Er plädiertfür die Abschaffung

vonSteuernund vertraut auf die Gabe-Bereitschaft

der Wohlhabenden.

Bude: Dasist einfrivolerGedanke für eine

komplexe Gesellschaft.Der englische Premier

David Cameron hateinebessereFormelgefunden

für das, worauf es ankommt:

Wir loben die, die für sich selbst sorgen

können –und wir vergessen dienicht, die

es nicht können.

Die FDP nennt es „mitfühlenden Liberalismus“.

Bude: Wohl wahr. Auch der Liberalismus

muss denken können, dass der Bürger

nicht nur ein mechanischer Steuerzahler

seinwill. Er willsichauchaufgehoben fühlen

–und Größezeigen können. Das steckt

dahinter, wenn Wohlhabende sich heute

zum Steuerzahlen bekennen. Die Vereinigten

Staaten haben am Beispiel von

Bill Gates vorgeführt, dass sogar nervige

Nerds zu guten Bürgern reifen können.

Zum Selbstverständnis des reifen Bürgers

gehört, dass er sich in seiner Größe unterscheidet.

Dasaber hieße,dassdem Bürgerlichen

die Gefahr des Ressentiments

immerinnewohnt. Warum wird aus Bill

Gates einreifer Bürger –und aus Thilo

Sarrazin ein Poltergeist

Bude: Die entscheidendeFrage ist,obsein

Distinktionsbedürfnis demBürger dienötige

Ruhe, Sicherheit und Sorgebereitschaft

verschafft,umals Norm vorbildhaft

zu erscheinen –oder obersein Distinktionsbedürfnis

gegen andere wendet und

sich nur selbst feiert. Beides ist im Spielraum

derBürgerlichkeit möglich. »

FOTO: ARNE WEYCHARDT FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

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Politik&Weltwirtschaft

»Solidarität ist

etwas, was

man sich selbst

schuldig ist«

» Der PhilosophGeorg Lukácshat bürgerliche

Lebensführungdefiniertals

„Herrschaftder Ordnung gegenüber der

Stimmung, des Dauernden überdas Momentane,

derruhigenArbeitüber dieGenialität“.Der

Bürger nimmt sich in Zucht.

Bude: Wunderbar. Ein wirklicher Bürger

hält sichzurück. Er pflegt nicht nur seinen

kulturellenNarzissmus, sondern auch seine

Dienstbereitschaft.Wolfgang Schäuble

ist dafür ein herausragendes Beispiel. Er

führt, im Rollstuhl sitzend, einschwieriges

Leben –und ist bereit, seinen Dienst fürs

Ganzezutun.

Sinddie Milieus, dieMenschen wie Wolfgang

Schäubleprägen,noch intakt

Bude: Vielleicht mehr denn je. Ein Indiz

dafür ist das frisch erwachte Interesse an

der Religion in bürgerlichen Kreisen. Offenbar

sucht man heute wieder Orientierungen,

die einem selbst etwas abverlangen.

Man ist wieder interessiert an Konzepten

derSelbstbindung.Will sichwieder

in größere Zusammenhänge eingebettet

sehen und Solidarität als etwas empfinden,

dasman sich selbst schuldig ist.

Na ja, die Kirchen sind vorallem an Weihnachten

voll. Man benimmt sich auch

gernewieder unddeckt den Tischein mit

dem Silberbesteckder Großmutter.

Bude: Natürlich gibt es diese Tischdecken-

und Messerbänkchen-Bürgerlichkeit.Aber

die wirkt ganz schnell kleinbürgerlich.

Und ichfinde auch diesen blödengenealogischenStolzsomancherjungen

Mütter und Väter in Berlin...

...diesenostentativen Elternstolz...

Bude: ...einigermaßen peinlich. Anders

Ursula von derLeyen, unsereSozialministerin.

Die hat sieben Kinder und redet

nicht ständig drüber. Von der hören Sie

kein Wort über Work-Life-Balance. Sie

praktiziert Familie und demonstriert sie

nicht. Dasist, ehrlich gesagt, bürgerlich.

Politiker können ein Beispiel vonBürgerlichkeit

geben –okay. Wasaber kanndie

Politik tun, damitBürgerlichkeit nicht

entgleist, sondern sich in Größe und

Dienstbereitschaftausdrückt

WirtschaftsWoche 24.12.2010 Nr.52

Bude: Es wäre zum Beispiel die große Aufgabe

der SPD, Lebenswege wie die eines

Franz Müntefering stark zumachen. Müntefering

kommt ja, wie Gerhard Schröder,

aus kleinen Verhältnissen. ImUnterschied

zu diesem verkörperteraber nicht ein auftrumpfendes

„Ich hab’sgeschafft”, sondern

eine stille bürgerlicheVerbindung von Leistung

mitDemut. Er ist immernochdie perfekte

sozialdemokratische Verkörperung

einer belastungsfähigen Alltagsmoral. Das

Problem ist, dass sich das politische Personal

inden Volksparteien nicht mehr die

Ruhe gönnt, älterzuwerden, andereSeiten

zu zeigen und bürgerlicher zu werden.

Wasgenau meinen Sie damit

Bude: Wenn Bürgerlichkeit nicht nur ein

ästhetischer Diskurs sein soll undmehrals

Ausdruck eines verwilderten Distinktionsbewusstseins,

dann braucht es die Volksparteien

als Temperierungs- und Sozialisierungsinstanz,

die Erfahrungen schätzen,

Bilanzen ziehen und Personen formen–ohne

bloß menschlich zu werden.

Sieselbst habenein Buch über die „Ausgeschlossenen“geschrieben,

die sich im

GraubereichzwischenArbeitslosigkeit,

subventioniertem Jobund Schwarzarbeit

aufhalten –jenseitsder bürgerlichen Gesellschaft.Sind

dienicht längstvergessen

Haben diesichnicht aufgegeben

Bude:Ich glaube, dass wir eine Kultur gerechter

Anstrengung brauchen. Natürlich

ist Teilhabe an materielle Voraussetzungen

gebunden. Aber dieist ja selbst unter

Hartz-IV-Bedingungen relativ gut gegeben.

DasProblem ist also nicht, dass es zu

wenig Geld für Arbeitslose und Antriebsschwache

gibt, sondern zu wenig Bewährungsräume.

Es gibt Hauptschüler,die nur

deshalb Bildungsverweigerer sind, weil sie

die pädagogische Lüge durchschauen,

dass auch ihnen die Weltangeblichoffensteht.

Diese Hauptschüler sind ofttotalfit.

Die wissen genau, dass sie mit ihrem Abschluss

praktisch nichts in der Hand haben.

Aber auch diese Hauptschüler wollen

ein Leben von Bedeutungführen.

Wir hatten zuletztden Eindruck,dassdie

Bürgerlichendaran kein Interesse mehr

haben könnten.

Bude: Der grobe Ton ist in der Welt –und

den kriegt man nicht soschnell wieder

weg. Ich bin dennoch guter Dinge. Und

wissen Sie, warum Weil ich weiß, dass

sich die Leute in ihrer Vergrobung und

Verrohung unglücklichfühlen.Sie wollen

ihr eigenes Leben führen, aber im Zweifelsfallnicht

allein gelassen werden. ■

dieter.schnaas@wiwo.de, christopher.schwarz@wiwo.de

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