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„Il suo nome è … amor!”

Startenor Neil Shicoff singt den Calaf in der Wiederaufnahme

von Puccinis „Turandot”

Bei der Wiederaufnahme von Puccinis „Turandot”

am 28. Februar 2014 gibt ein Star sein Rollen- und

Volksoperndebüt: Der amerikanische Tenor Neil Shicoff

ist als Calaf zu erleben. In der Titelpartie gibt die

koreanische Sopranistin Jee-Hye Han ebenfalls ihr

Hausdebüt. Alternierend ist Melba Ramos, die in der

letzten Wiederaufnahme die Liù gesungen hat, diesmal

als Turandot zu erleben. Die prächtige Inszenierung

von Renaud Doucet und André Barbe aus dem Jahr

2006 gehört zu den beliebtesten Regiearbeiten beim

Volksopernpublikum.

Wie die Arbeiter in einem Insektenstaat um ihre

Königin, kreist Turandots Volk um seine Prinzessin.

Jedem Mann, der um sie wirbt, gibt sie drei Rätsel

auf. Wer scheitert, muss sterben. Der fremde Prinz

Calaf löst als erster die ihm gestellten Aufgaben und

beansprucht Turandots Hand. Doch er will ihren Willen

nicht brechen und gibt ihr ebenso ein Rätsel auf: Wenn

es ihr gelänge, seinen Namen bis zum nächsten Morgen

herauszufinden, sei er bereit zu sterben. Als sie beginnt,

sich allmählich ihm und ihrer Liebe zu öffnen, nennt

er ihr selbst seinen Namen und legt damit sein Leben

in ihre Hände. Da verkündet Turandot ihrem Vater den

Namen, den sie selbst dem Fremden gegeben hat: „Il suo

nome è … amor!” – „Sein Name ist … Liebe!”

„Nur für das Theater”

Bei einem Treffen Giacomo Puccinis mit den

Textdichtern Giuseppe Adami und Renato Simoni im

Frühjahr 1920 kam die Sprache auf das Märchenstück

„Turandot” des venezianischen Dramatikers Carlo Gozzi

aus dem Jahr 1762. Gozzi, erbitterter Gegenspieler des

Realismus eines Carlo Goldoni, schrieb fantastische

Bühnenmärchen, die teils ideale Opernlibretti abgaben:

So gehen etwa Wagners „Die Feen”, Prokofjews „Die

Liebe zu den drei Orangen” oder Hans Werner Henzes

„König Hirsch” auf Theaterstücke Gozzis zurück.

Basis für Puccinis Vertonung der „Turandot” bildete

aber die Bearbeitung des Gozzi-Stücks durch Friedrich

Schiller. Mit Feuereifer stürzte sich Giacomo Puccini in

die Arbeit an dieser Oper: „Stunde für Stunde, Minute

für Minute denke ich an Turandot, und alle Musik, die

ich bisher geschrieben habe, erscheint mir wie eine

Posse und gefällt mir nicht mehr”, schrieb er an Adami.

Aber Puccinis letzte Jahre waren geprägt von trüben

Stimmungen und Todesahnungen, ja Todessehnsucht.

In einem Gedicht, das man in seinem Nachlass fand,

schrieb er: „Wenn der Tod mich zu finden kommt /

werde ich glücklich sein, mich auszuruhen. / O wie

hart ist mein Leben / obwohl es vielen glücklich

scheint / aber meine Erfolge / sie vergehen und …

es bleibt / sehr wenig.” Immer wieder drängte er die

Textdichter Adami und Simoni, ihn zu beliefern, damit

er weiterarbeiten könne: „Der liebe Gott hat mich mit

dem kleinen Finger berührt und gesagt: ‚Schreib für das

Theater; merke es dir gut: Nur für das Theater‘ – und ich

habe den Höchsten Rat befolgt. […] Sie denken nicht, wie

Sie denken sollten, an einen Mann, der spürt, daß ihm die

Erde unter den Füßen entgleitet, als würde ein Erdrutsch

ihn fortreißen!”

„Der Angelpunkt des Ganzen”

Puccinis letzte Oper kann mit einigem Recht als

sein Opus magnum bezeichnet werden: ein Werk, in

dem die Grenzen von Komödie und Tragödie, Exotik

und Märchen verschwimmen – eine Parabel über

die Liebe, deren Schlussszene Puccini nicht zu Ende

brachte. Schon im November 1920 schrieb er über das

Liebesduett, in dem Turandot langsam ihre abweisende

Hülle aufgibt: „Es ist der Angelpunkt des Ganzen, alle

Schönheit, alles Leben des Dramas liegt hier …” Aber

selbst im September 1924, zwei Monate vor seinem Tod,

war er noch zu keiner Lösung gekommen: „Diese beiden

Wesen, die sozusagen außerhalb der Welt stehen, kehren

durch die Liebe unter die Menschen zurück, und diese

Liebe muß durch einen abschließenden Orchestersatz

von allen Personen auf der Bühne Besitz ergreifen.” Die

Oper blieb unvollendet, auf einem Skizzenblatt notierte

Puccini: „Poi Tristano” – „danach Tristan!” – und fand

keine eigene musikalische Sprache für das Liebesduett.

Am 29. November 1924 starb er in einer Brüsseler Klinik

an Kehlkopfkrebs. Bei der Uraufführung der „Turandot”

an der Mailänder Scala am 25. April 1926 endete die

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Giacomo Puccini (1858–1924)

Turandot

Lyrisches Drama in drei Akten und fünf Bildern

ergänzt von Franco Alfano

Libretto von Giuseppe Adami und Renato Simoni

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Wiederaufnahme am 28. Februar 2014

Weitere Vorstellungen am 4., 8., 12., 16., 23. März 2014

Dirigent: Enrico Dovico/Guido Mancusi

Regie und Choreographie: Renaud Doucet

Bühnenbild und Kostüme: André Barbe

Licht: Guy Simard

Choreinstudierung: Thomas Böttcher

Turandot: Jee-Hye Han/Melba Ramos

Liù: Kristiane Kaiser/Anja-Nina Bahrmann

Altoum: Otoniel Gonzaga

Timur: Yasushi Hirano/Petar Naydenov

Calaf: Neil Shicoff

Mandarin: Einar Th. Gudmundsson/Yasushi Hirano

Ping: Günter Haumer/Klemens Sander

Pang: David Sitka/Karl-Michael Ebner

Pong: JunHo You/Alexander Pinderak

Aufführung unter der Leitung Arturo Toscaninis nach

der Sterbeszene der Liù. Toscanini legte den Taktstock

nieder und wandte sich an das Publikum mit den

Worten: „Hier endet die Oper, denn an diesem Punkt

ist der Maestro gestorben; der Tod war in diesem Falle

stärker als die Kunst.” Das von Franco Alfano vollendete

Finale, das auch in der aktuellen Volksopernfassung

erklingt, wurde aus Pietät gegenüber dem Komponisten

erst ab der zweiten Vorstellung am 27. April 1926

aufgeführt.

Helene Sommer

Ensemble

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