Der Geschichte auf der Spur

volkagentur

Bayerns einzigartige Denkmäler

33 Der neue Leuchtturm

in Lindau

Wegen ihrer Insellage im Bodensee war

der Fern- und Speditionshandel für die

Freie Reichsstadt Lindau – darin Venedig

strukturell nicht unähnlich, wenn auch in

unendlich bescheidenerem Maßstab – immer

eine wichtige wirtschaftliche Lebensgrundlage.

Der Wein aus den benachbarten

Anbaugebieten, das Salz aus Bayern

und die Textilprodukte aus Schwaben blieben

im Laufe der Geschichte Haupthandelsgüter.

Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts

entwickelte sich der Ort zu einem

bedeutenden Umschlagplatz für Getreide.

Die Handelsrouten führten über die

Schweiz nach Italien, was unter anderem

auch darin zum Ausdruck kam, dass das

größte, seit dem Mittelalter bestehende

Lindauer Fuhrunternehmen „Mailänder

Bote“ hieß. Da der Transport über den Bodensee

per Schiff erfolgte, war der Hafen

für die Inselstadt, die von allen Anrainern

über die größte Flotte verfügte, eine lebenswichtige

Komponente.

Nach dem Verlust der Reichsfreiheit

und der Angliederung an Bayern 1805

blieb die Situation in ihren Grundzügen bestehen;

neu war die Einbindung in die

großräumlichen Verhältnisse des neuen

Königreichs: Lindau wurde Bayerns Tor

zum Süden. Dies wirkte sich zunächst dahingehend

aus, dass der Hafen 1811 bis

1813 – also in der Regierungszeit König

Max‘ I. Joseph – einen modernen Ausbau

erfuhr: Von den beiden Fixpunkten Mang-

Die Insellage der Lindauer Altstadt: rechts der Hafen mit dem neuen Leuchtturm und dem

gegenüberliegenden Mangturm

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turm und Römerschanze ausgehend, die

mit dem Ufer verklammert waren, wurden

zwei viertelkreisförmige Molen so gegeneinander

versetzt angelegt, dass sie

eine Einfahrt frei ließen. Im Rahmen der

nach 1830 einsetzenden großen bayerischen

Eisenbahnplanungen war Lindau

dann folgerichtig als südlicher Endpunkt

einer großen, das ganze Königreich in

Nord-Süd-Richtung durchmessenden

Transversale vorgesehen. Wie diese im

Norden von Hof aus den Anschluss nach

Sachsen gewährleisten sollte, so hier die

Fortsetzung über die Bodenseeschifffahrt

in die Schweiz. Unter der Bezeichnung

Ludwig-Süd-Nord-Bahn wurde diese lange

Eisenbahnlinie ab 1841 unter Ludwig I.

in staatlicher Regie realisiert und bis 1853

fertiggestellt. Die schwierigen Streckenabschnitte

durch das Allgäu südwestlich

von Kempten und die Anbindung Lindaus

waren innerhalb der Gesamtchronologie

des Unternehmens Spätlinge: Sie kamen

erst nach 1848 zur Ausführung, als Maximilian

II. den Eisenbahnbau nach der Abdankung

seines Vaters weiter forcierte

und den noch ausstehenden Anschluss

Lindaus durchsetzte.

Dabei hängt das Kuriosum, dass der

Lindauer Endbahnhof nicht auf dem Festland,

sondern nach Errichtung eines Verbindungsdamms

auf der Insel angelegt

wurde, mit der Verzahnung von Bahn und

Schiff an dieser Schnittstelle des Verkehrs

zusammen: Die Bahn musste, um einen

reibungslosen Umschlag zu ermöglichen,

an den bereits vorhandenen Hafen unmittelbar

herangeführt werden. Dort trafen

dann die Dampflokomotiven und die

Dampfschiffe der bereits seit 1837 bestehenden

Dampfschifffahrtsgesellschaft aufeinander

– ein aus heutiger Sicht nostalgisch

anmutendes, zur damaligen Zeit

hingegen hochmodernes Bild fortschrittlicher

Technik. Die klassizistische Hafenanlage

aber war den Anforderungen des

neuen Verkehrsknotens nicht gewachsen.

Deshalb verfolgte die Eisenbahnbau-Commission

seit 1851 ein Erweiterungsprojekt.

Zudem hatte Maximilian II. selbst

den Wunsch geäußert, „dass der Bahnhof

zu Lindau, an der Grenze des Königreichs,

durch ein passendes Monument, z. B.

durch zwei gegen den See gewendete Löwen

geziert werde“.

So ging man 1855/56 daran, den Hafen

zu erweitern und seiner neuen Bedeutung

entsprechend zu inszenieren. Eine der

beiden Molen wurde erneuert, ein monumentaler

Löwe und ein neuer Leuchtturm

kamen beiderseits der Hafeneinfahrt zur

Aufstellung. Außerdem errichtete man

zwischen dem Bahnhofsgebäude und

dem neuen Hotel Bayerischer Hof ein

Denkmal des Königs aus Dankbarkeit für

dessen Interesse an der Stadt und ihrer

wirtschaftlichen Entwicklung. Es beherrschte

die stadtseitige Hafenansicht.

Der Löwe und das Standbild stammten

von dem Bildhauer Johann von Halbig;

den Guss der königlichen Figur besorgte

Ferdinand von Miller d. Ä. Das Denkmal

existiert heute leider nicht mehr. Während

des Zweiten Weltkriegs erlitt es das

Schicksal sehr vieler deutscher Bronzedenkmäler

des 19. Jahrhunderts: Es wurde

eingezogen und für Kriegszwecke eingeschmolzen.

Für das Erscheinungsbild

des Hafens ist neben Halbigs Löwen der

Leuchtturm des Eisenbahnarchitekten

Eduard von Rüber von prägender Bedeutung.

Bis zu diesem Neubau hatte der

sog. Mangturm, der unmittelbar am Hafen

sich erhebende, wuchtige Turm der ehemaligen

Stadtbefestigung, die Aufgabe

erfüllt, die Hafeneinfahrt zu sichern und

den Schiffen mit seinem Feuer nachts und

bei Nebel die Orientierung zu erleichtern.

w Der südlichste Leuchtturm Deutschlands;

einer der wenigen, die auch eine Uhr an der

Fassade besitzen

128


129


Der neue Leuchtturm ist ein sprechendes

Beispiel für den in der Zeit Maximilians

II. beliebten Einsatz mittelalterlichromantischer

Formen auch bei technischen

Bauvorhaben. Zwar geben die Uhr und

der eiserne Aufsatz des Lampenraums

eindeutigen Aufschluss über die Funktion

des Bauwerks, dennoch ist es als runder

Bergfried gestaltet: Über einer zinnenbewehrten

Rundbastion erhebt sich der

schlanke, in seinem Unterbau leicht geböschte

zylindrische Turmkörper, dessen

Abschlussbalustrade von einem Rundbogenfries

unterfangen wird. In dieser Verkleidung

ver mittelt der Lotsenturm ein

Stück Wehrhaftigkeit. Für den vom See

Einfahrenden erschienen allerdings die

beiden das Hafentor flankierenden Monumente

wie rahmende Attribute für das

Maximilians-Denkmal. Auf dem weiter

entfernten Hafenkai empfing so der Landesherr

selbst den Gast, der in Lindau

bayerischen Boden betrat.


Andre Denis Chevalley

Der Leuchtturm befindet sich

heute im Besitz der Stadt Lindau.

Er ist für Besucher geöffnet, die

dort Informationen zur Flora und Fauna der

Umgebung, zum Wetter sowie zur Geschichte

der Bodenseeschifffahrt finden.

Wohl den seltsamsten Namen aller Lindauer

Türme trägt der alte Mangturm.

Wahrscheinlich ist er auf die einst hier stehenden

Tuchhallen mit ihren Wäschemangeln

und Färbereien zurückzuführen. Man

geht heute allgemein davon aus, dass der

36 m hohe Turm etwa um 1200 errichtet

wurde. Er diente nicht nur als Leuchtturm

für die heimkehrenden Schiffer. Wegen

seines Standortes am südlichsten Ende

des Inselgrabens, der die Hauptinsel von

der (heute so genannten) Hinteren Insel

trennte, übernahm er zudem Schutzfunktionen

für die Stadt. Man muss sich in Erinnerung

rufen: Färbergasse, Inselgraben

und Zeppelinstraße wurden erst im 19.

Jahrhundert aufgeschüttet, zuvor befand

sich an ihrer Stelle ein langgestreckter

Wassergraben mit Befestigungsmauer,

der vom einstigen Loserturm bis zum Hafen

reichte. Sein buntglasiertes Zeltdach

ist erst eine Zutat des vorigen Jahrhunderts,

das dann nach dem Blitzeinschlag

von 1979 freilich neu eingedeckt werden

musste. Dass man dabei auch gleich sein

Äußeres herausputzte, war zu erwarten.

Der Mangturm war ursprünglich nur über

einen erhöht gelegenen Eingang vom

Wehrgang her betretbar. Bis zur Mitte des

19. Jahrhunderts versah er über Hunderte

von Jahren hinweg treu seine Aufgabe

zum Schutze der Schiffer, aber auch der

Insulaner. Schließlich wurde 1856 der

neue Hafen und damit auch der neue

Leuchtturm seiner Bestimmung übergeben.

Der alte Mangturm hatte ausgedient.

Fortan aber diente er dazu, das Bild des

Hafens romantisch zu gestalten.

Ein besonderes Erlebnis ist die Einfahrt

des Dampfschiffes Hohentwiel in den Hafen.

Der Schaufelraddampfer war die ehemalige

Staatsyacht Wilhelms II., des letzten

Königs von Württemberg, auf dem

Bodensee. Dort ist er heute das einzige

noch betriebene Dampfschiff und zugleich

das älteste immer noch verkehrende Passagierschiff.

Der neue Leuchtturm in Lindau

Am Seehafen, Westliche Hafenmole

88131 Lindau (Schw.)

Öffnungszeiten:

Täglich 9.30–21.00 Uhr, bei schlechtem

Wetter geschlossen.

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