Entdeckungsreise Vergangenheit

volkagentur

Die Anfänge der Denkmalpflege in Bayern

malschutzes. Beispielhaft gezeigt werden kann dies an einer

Initiative des Pfälzer Verschönerungsvereins, der sich im Jahr

1901 beim Finanzministerium für den Erhalt landschaftlicher

Schönheiten stark machte. Ziel der Eingabe war es nicht zuletzt,

die staatliche Forstverwaltung auf eine stärkere Beachtung

des Landschaftsschutzes zu verpflichten. Dass das Staatsministerium

der Finanzen die Regierung der Pfalz daraufhin

anwies, den Vorstellungen des Vereinsvorstandes „jede mit

waldwirtschaftlichen Interessen vereinbare Berücksichtigung“

entgegenzubringen, muss als Erfolg gewertet werden,

bedeutete dies doch, dass bei der Bewirtschaftung der Staatswaldungen

einzelne merkwürdige und besonders ausgezeichnete

Bäume von dem Hiebe und schöne Felspartien von der

Steingewinnung verschont werden sollten. Zwar wurde das

Ansinnen, die Forstverwaltung solle die betreffenden Objekte

selbst feststellen, wegen des damit verbundenen Aufwandes

abgelehnt, im Gegenzug wurde jedoch die Würdigung der

vom Verein mitgeteilten Waldteile, Bäume, Ruinen und Felsen

und gegebenenfalls deren Eintragung in die Forstkarten

zugesagt. 26 Generelle Wirkung erlangte dieser Erlass dadurch,

dass er auf Drängen des Generalkonservatoriums der Kunstdenkmale

und Altertümer 1902 auf alle Bezirksregierungen

in Bayern ausgedehnt wurde. 27

Aufs Ganze gesehen, war die Zahl der Regelungen, die

sich dem Schutz von Naturdenkmälern widmeten, gering.

Dies soll nicht heißen, dass es daneben nicht noch weitere

Bestimmungen gegeben hätte, die sich im Einzelfall zum Vorteil

des Naturdenkmalschutzes auswirken konnten. Zu denken

wäre etwa an die Bestimmungen, die das Sammeln seltener

Pflanzen unterbinden sollte, um diese vor dem

Aussterben zu bewahren. 28 Einen Fortschritt bedeutete es

auch, dass 1908 das Polizeistrafgesetzbuch geändert, Naturfrevel

zum strafbaren Delikt gemacht und mit konkreten

Sanktionen belegt wurde. 150 Mark Geldstrafe oder Haft

drohten fortan demjenigen, der gegen ober-, distrikts- und

ortspolizeiliche Vorschriften zum Schutze der einheimischen

Tier- und Pflanzenarten oder zum Schutze von Orts- und

Landschaftsbildern gegen verunstaltende Reklame verstieß. 29

Für die Naturdenkmalpflege waren Vorschriften wie diese

aber allenfalls am Rande von Bedeutung. Am bruchstückhaften

Charakter der staatlichen Regelwerke änderten sie

wenig.

Der Schutz von Naturdenkmalen als herrscherliches

Anliegen

Der an den normativen Bestimmungen ablesbare Befund,

dass Naturdenkmalpflege im 19. Jahrhundert primär an isolierten

Naturerscheinungen orientiert war, lässt sich mit

Blick auf einzelne Schutzmaßnahmen erhärten. Zu beachten

ist dabei allerdings, dass diesen Aktivitäten nicht selten ein

komplexes Bündel an Motiven zugrunde lag. So ist nicht immer

leicht zu entscheiden, ob die Anliegen der Naturdenkmalpflege

tatsächlich im Vordergrund standen. Immerhin

wird deutlich, dass die handelnden Personen und Instanzen

keine schlüssige Philosophie verfolgten und damit auch noch

zu keinem systematischen Vorgehen fanden.

Als erstes Naturschutzgebiet auf bayerischem Boden gilt

einigen Autoren der Bamberger Hain, der 1803 vom bayerischen

Staate angekauft worden sei, um ihn in seiner landschaftlichen

Schönheit zu erhalten. 30 Richtig ist, dass das

Auenwäldchen am Mühlwörth, das bis dahin von ortsansässigen

Gerbern für ihre wirtschaftlichen Zwecke genutzt

worden war, 1803/1804 auf Kosten des bayerischen Staates

zu einem englischen Garten umfunktioniert wurde. Dabei

spielte es in der Tat eine nicht geringe Rolle, dass das stadtnahe

Gehölz „schon von Natur so reitzend, so mahlerisch geschaffen“

war. 31 Ob es sich bei diesem Vorgang bereits um einen

Akt der Naturdenkmalpflege gehandelt hat, kann man

jedoch mit guten Gründen in Zweifel ziehen. So fällt auf,

dass die Umwidmung des Mühlwörth zur Parkanlage in engem

Zusammenhang mit den Planungen zur baulichen Umgestaltung

der Stadt Bamberg stand, zu deren Verschönerung

er dienen sollte. So war keineswegs daran gedacht, das Wäld-

48 Naturdenkmalpflege – Die Anfänge des Naturschutzes in Bayern im 19. Jahrhundert


Statistisch-topographische

Karte für das

Landgericht Laufen

(BayHStA, PLS

1147)


chen in seiner ganzen Ursprünglichkeit zu erhalten. Durch

die Anlage von Spazierwegen und die Errichtung einer ganzen

Reihe von Gebäuden wurde der Hain vielmehr systematisch

zu einem Volksgarten umgestaltet. Unterm Strich

wird man sagen müssen, dass das Projekt nicht zuletzt dem

Zweck diente, die Identifikation mit dem Hause Wittelsbach

und damit das gesamtbayerische Staatsbewusstsein zu stärken.

Hierzu passte, dass die Anlage im Jahr 1816 zu Ehren der

bayerischen Kronprinzessin Therese, die auf ihrer Brautreise

Bamberg besuchte, in Theresienhain umbenannt wurde. 32

Ab welchem Zeitpunkt der Hain tatsächlich als Naturdenkmal

angesehen wurde, ist schwer zu entscheiden. Bemerkenswert

erscheint in diesem Zusammenhang ein Vorgang

aus dem Jahr 1840, in dem König Ludwig I. mit

Planungen konfrontiert wurde, die die Anlage eines Ziehbzw.

Leinpfads auf dem rechtsseitigen Ufer der Regnitz vorsahen,

wozu etwa 75 Bäume gefällt werden sollten. Der Monarch,

der den Theresien- und Luisenhain dadurch gefährdet

sah, zumindest aber eine merkliche Beeinträchtigung

fürchtete, reagierte wenig erbaut. 33 Sein Einschreiten bewirkte,

dass die ursprüngliche Lösung verworfen und der geplante

Ziehpfad auf das gegenüberliegende Ufer verlegt

wurde. 34 Die formale Einstufung als schutzwürdiges Naturgebilde

erfuhr der Bamberger Hain allerdings erst 1908. 35

Heute wird er sowohl in der Liste der Natur- als auch in der

der Kunstdenkmäler geführt. 36

Die Maßnahmen zum Schutz des Bamberger Hains wurden

dadurch erleichtert, dass er sich im Besitz des Staates befand.

Wesentlich komplizierter gestalteten sich die Verhältnisse,

wenn Objekte im Privatbesitz vor der Zerstörung

geschützt werden sollten. Dies belegen etwa die Bemühungen

König Ludwigs I. um den Erhalt des Donauhochufers bei

Weltenburg. Mitte Mai 1840 berichtete die „Regensburger

Zeitung“ darüber, dass die Felspartien an der Donau bei Kloster

Weltenburg durch die Anlage von Steinbrüchen verunstaltet

würden und die Gegend dadurch „einer der schönsten

im In- und Auslande bekannten Zierden allmählig beraubt zu

werden in Gefahr stünde“. Nachdem die „Münchner politische

Zeitung“ den Bericht nachgedruckt hatte, wurde auch

das Staatsministerium des Innern auf diesen Vorgang aufmerksam

und forderte die Regierung von Niederbayern umgehend

zur Berichterstattung auf. 37 Kaum war dieses Schreiben

abgegangen, lief beim Innenminister auch ein Signat

König Ludwigs I. ein, der von dem Sachverhalt ebenfalls

Kenntnis erlangt hatte und Gegenmaßnahmen forderte, um

zu verhindern, „dass diese herrliche Naturschönheit Verminderung

erleide“. 38

Tatsächlich hatte das Einschreiten der Behörden ungeahnt

raschen Erfolg. Schon am 1. August konnte die Regierung

von Niederbayern mitteilen, dass die Steinbrüche stillgelegt

und die sichtbaren Spuren rückgängig gemacht

würden. Dieser prompte Erfolg beruhte allerdings in erster

Linie darauf, dass sich die Besitzer der Steinbrüche von sich

aus bereit erklärten, den Betrieb wieder einzustellen. Zwar

konstruierte die Regierung aus der unmittelbaren Nähe der

Steinbrüche zum Donauufer eine Gefährdung für den Schiffsverkehr

und leitete daraus das Recht ab, einen weiteren

Abbau zu untersagen, gleichzeitig prüfte sie allerdings Möglichkeiten

für den Ankauf des fraglichen Geländes. Dies

machte deutlich, dass sie ihrer eigenen Argumentation nicht

recht traute, weil ein solches Verbot in die Eigentumsrechte

der Besitzer eingegriffen hätte. Sie musste deshalb damit

rechnen, dass spätestens bei einem Eigentumswechsel erneut

Probleme auftreten konnten. 39

Der Fall Weltenburg weist damit in mehrfacher Hinsicht

grundsätzlichen Charakter auf. So zeigte er, dass die öffentliche

Meinung, hier in Gestalt der Presse, schon Mitte des 19. Jahrhunderts

für die Frage des Erhalts der Naturschönheiten sensibilisiert

war. Erneut wird aber auch die bestimmende Rolle

erkennbar, die der Monarch für die Erhaltung von Naturdenkmälern

spielte. Dabei wurde freilich zugleich deutlich, dass

seinem Einfluss Grenzen gesetzt waren, wenn sich das fragliche

Objekt in Privatbesitz befand. Im Grunde war allen Beteiligten

klar, dass nur der Ankauf der Realitäten durch den Staat

bleibende Gewähr für einen Erhalt des Donauhochufers

geboten hätte. Dass es dazu nicht kam, hatte mit dem Ein-

50 Naturdenkmalpflege – Die Anfänge des Naturschutzes in Bayern im 19. Jahrhundert


Erratischer Block bei Haarkirchen, Bildquelle: Ludwig Ammon, Die Gegend von München geologisch geschildert, München 1894,

Tafel V

lenken der Eigentümer, aber sicher auch mit den beträchtlichen

Kosten eines solchen Vorhabens zu tun.

Dies änderte nichts daran, dass der Erwerb durch König

oder Staat oft die einzige Möglichkeit war, Naturschönheiten

dauerhaft vor der Zerstörung zu bewahren. Beispiele hierfür

finden sich in großer Zahl. So erwarb Ludwig I. 1846 eine

mächtige Eiche nahe dem Ort Buch bei Kirchseeon, um ihren

Erhalt zu sichern. Im öffentlichen Bewusstsein war sie später

als „König-Max-Eiche“ (Abb. Seite 54) präsent. 40 Eine

ganz andere Dimension hatte es, als Ludwig II. im September

1873 die Insel Herrenwörth im Chiemsee erwarb, um eine

Abholzung der landschaftsprägenden Wälder zu verhindern. 41

Dass ein solcher Ankauf alles andere als selbstverständlich

war, belegt ein anderer Fall. Als 1899 wieder einmal ein besonders

markanter Abschnitt des sogenannten „Pfahles“ im

Bayerischen Wald, westlich von Viechtach, Gefahr lief, zum

Steinbruch umfunktioniert zu werden, prüften das Innen-, das

Finanz- und das Kultusministerium, zuletzt auch die Bayeri-

Naturdenkmalpflege – Die Anfänge des Naturschutzes in Bayern im 19. Jahrhundert

51


sche Akademie der Wissenschaften und das Generalkonservatorium

der Kunstdenkmale und Altertümer ihre jeweiligen

Möglichkeiten, um die Gemeinde Viechtach, die sich im

Besitz der Realien befand, für den Verlust zu entschädigen, den

der Verzicht auf den Abbau bedeutet hätte. Dass alle beteiligten

Instanzen zu dem Ergebnis kamen, aus dem eigenen

Haushalt keine Mittel zur Verfügung stellen zu können,

machte deutlich, dass es im Staatshaushalt keinen Ankaufstitel

für Naturdenkmäler gab. 42 Zu diesem Zeitpunkt war es

allerdings schon nicht mehr ungewöhnlich, dass private Geldgeber,

insbesondere die in der Naturpflege engagierten Vereine,

als Finanziers einsprangen. Ein Beispiel, das für viele Fälle

vergleichbarer Art steht, ist der Botanische Verein Landshut,

der 1877 die „Ödung in Untertaxa“ erwarb, um so den letzten

damals noch vorhandenen Rest der Sempter Heide zu erhalten.

43

Die Entdeckung der Naturdenkmalpflege durch

die Bürgergesellschaft

An den vorstehend genannten Beispielen ist bereits deutlich

geworden, dass die bayerischen Könige im 19. Jahrhundert einen

starken Einfluss auf den Schutz von Naturschönheiten

ausübten. Dies lag nicht nur daran, dass Ludwig I., Maximilian

II. und in gewissem Maße auch noch Ludwig II. ein ausgeprägtes

Naturempfinden hegten und den Erhalt der Naturschönheiten

auch als Faktoren einer gesamtbayerischen

Identitäts- und Legitimationsbildung verstanden. Vielmehr

hatte die Leitfunktion der Könige auch strukturelle Ursachen.

So ist nicht zu übersehen, dass die staatliche Verwaltung

von sich aus nur sehr eingeschränkt in der Lage war, auf diesem

Gebiet eigene Akzente zu setzen. Als Hemmnis erwies

sich dabei nicht allein das Fehlen einer gesetzlichen Regelung,

sondern auch die unklare Zuständigkeitsverteilung. So

war das Innenministerium ohne Zweifel am ehesten in der

Lage, ordnungspolitische Maßnahmen zu ergreifen; die kulturpolitische

Verantwortung ging allerdings 1848 auf das neu

errichtete Staatsministerium des Innern für Kirchen- und

Schulangelegenheiten, also das Kultusministerium, über. Da

der Schutz des Eigentums Eingriffe in Privatbesitz kaum zuließ,

war zur Einleitung konkreter Schritte vielfach eine Mitwirkung

des Staatsministeriums der Finanzen erforderlich, unterstand

den diesem doch die Forstverwaltung und damit die

Masse der schützenswerten Naturschönheiten im Staatsbesitz.

44 Für Naturschutzbelange war das Finanzministerium

allerdings kaum der ideale Ansprechpartner, da dieses qua

Amt immer auch den wirtschaftlichen Ertrag des ihm unterstellten

Staatsvermögens im Auge behalten musste.

Solange die Pflege der Naturdenkmäler rechtlich nicht geregelt

war und auch keine feste institutionelle Verankerung

erfahren hatte, sondern lediglich als Randzuständigkeit der

davon betroffenen Behördenzweige mitbesorgt wurde, war der

Herrscher die einzige Instanz, die bei Bedarf rasch und zielgerichtet

handeln konnte und der dafür auch der nötige Einfluss

und gegebenenfalls auch die erforderlichen finanziellen

Möglichkeiten zu Gebote standen. Dies sollte sich ab Mitte

des 19. Jahrhunderts allerdings merklich ändern. Von da an

trat das sich seiner gesellschaftlichen Verantwortung bewusst

werdende Bürgertum als neuer Protagonist der Naturdenkmalpflege

mit zunehmendem Nachdruck in Erscheinung.

Seinen Ausdruck fand dieses Engagement politisch in entsprechenden

Vorstößen der Bürgermeister und Magistrate,

publizistisch in der Berichterstattung der Presse und organisatorisch

in einem breiten und stark differenzierten Vereinswesen.

Vor allem die Aktivitäten der Vereine erwiesen sich nun

mehr und mehr als der eigentliche Motor des Naturdenkmalpflegegedankens.

45 Dies war kein Zufall und beschränkte

sich auch keineswegs auf den Bereich der Naturdenkmalpflege.

Beginnend im 18. Jahrhundert hatten kulturelle Anliegen

aller Art im Vereinswesen ihre adäquate Organisationsform

gefunden. Ende des 19. Jahrhunderts waren diese

Vereine längst nicht mehr nur Ausdruck eines spezifisch

bürgerlichen Geselligkeitsbedürfnisses. Vielmehr dienten sie

52 Naturdenkmalpflege – Die Anfänge des Naturschutzes in Bayern im 19. Jahrhundert


König-Max-Eiche bei Kirchseeon, Bildquelle: Friedrich Stützer, Die größten, ältesten und sonst merkwürdigen Bäume Bayerns in

Wort und Bild, München 1900

Naturdenkmalpflege – Die Anfänge des Naturschutzes in Bayern im 19. Jahrhundert

53


in zunehmendem Maße zur Organisation gesellschaftlicher,

sprich bürgerlicher Interessen, verliehen diesen im besten Fall

sogar sozialen und politischen Nachdruck und – dies darf

nicht unterschätzt werden – sammelten finanzielle Mittel, die

eine Umsetzung der Ziele gegebenenfalls auch aus eigener

Kraft ermöglichten.

Idealtypisch zeigen dies die Bemühungen um den Erhalt der

für Naherholungszwecke bedeutsamen Teile des Nürnberger

Reichswaldes. Als 1893 neu aufgestellte Wirtschaftsvorgaben

zu größeren Durchhieben im Reichswald führten, war die

Aufregung in Nürnberg groß, da sich die Schläge nahe der von

Mögeldorf nach dem Schmausenbuck verlaufenden Wege erstreckten,

die wegen der „herrlichen Wald- und Felsenpartien“,

der „prachtvollen Spaziergänge“, aber natürlich auch wegen

der auf der Anhöhe errichteten Gastwirtschaft traditionell ein

beliebtes Naherholungsziel der Stadtbevölkerung waren. 46

Protest kam nicht nur von dem 1881 gegründeten „Verschönerungsverein

für den Schmausenbuck“, sondern auch vom

„Fränkischen Kurier“. Durch das öffentliche Echo bestärkt

forderte zuletzt auch der Nürnberger Stadtmagistrat, die Abholzungen

in dieser Gegend zu unterlassen. Zwar wurde dieses

Gesuch unter Hinweis auf die Vorschriften des Fällungsplanes

abgelehnt, tatsächlich wurde dem öffentlichen Druck aber

nachgegeben und bis 1904 auf eine Fortsetzung der wirtschaftlich

gebotenen Einschläge verzichtet. Als die Forstverwaltung

für das Jahr 1905 neuerliche Saumhiebe vorbereitete,

wiederholten sich die Proteste der „Schmausenbuckschwärmer“.

Der „Fränkische Kurier“ zieh die Forstbehörden des

Wortbruchs und der sachwidrigen Behandlung der Waldverhältnisse

und auch der Stadtmagistrat wurde erneut vorstellig,

um die den Schmausenbuck umgebenden Waldungen von jedem

Holzeinschlag auszunehmen. Wegen des beträchtlichen

öffentlichen Aufsehens musste sich das Finanzministerium

zuletzt sogar selbst mit der Sache befassen. 47

Bei diesem Fall handelte es sich alles andere als um einen

Einzelfall. Die Verknüpfung des Landschaftsschutzes mit dem

Naherholungsbedürfnis der städtischen Bevölkerung war für

diese Zeit geradezu typisch. Weitere Motive konnten allerdings

hinzutreten. Als sich 1904 der Verein der Spessartfreunde

aus Aschaffenburg an das Staatsministerium der

Finanzen wandte, um den Erhalt des Waldbezirks „Metzgergraben“

unterhalb von Unterweibersbrunn als „Urwald“ zu

beantragen, wurde das Gesuch auf dreifache Weise begründet:

erstens wissenschaftlich, da mit den alten Eichen und Buchenbeständen

auch die diesen eigene Blumenflora und niedere

Fauna erhalten werden sollte; zweitens ästhetisch, da

durch den Schutz der Hochwaldbestände der landschaftliche

Reiz erhöht und die Schönheit der ganzen Umgebung vermehrt

werde; drittens volkswirtschaftlich, weil der Fremdenverkehr

„gerade durch Erhaltung der alten, noch aus Kurmainzer

Zeit stammenden Holzstämme mit ihren malerischen

Ästen und Zweigen als Natursehenswürdigkeiten“ gesteigert

werden könne. So hoffte man, Geld unter die arme Spessartbevölkerung

zu bringen. 48

Das Finanzministerium mochte sich auf diese idealen Beweggründe

allerdings nur sehr bedingt einlassen. Dem Verein

wurde ohne nähere Begründung mitgeteilt, dass dem Ansuchen

nicht stattgegeben werden könne, dass aber keine Einwendungen

dagegen bestünden, an Wegen, Abteilungslinien

und besonders an Wegkreuzungen und sonst bemerkenswerten

Orten einzelne Alteichen und Altbuchen, denen ein

hoher technischer Gebrauchswert nicht zukomme, sowie

auch geeignete Alt-Eichengruppen bei Lichtenau und Rohrbrunn

tunlichst lange über die Abtriebszeit des Restbestandes

vom Hiebe zu verschonen. Aus einer geheim zu haltenden

Zusatzbemerkung des Sachbearbeiters ist zu entnehmen,

dass es vor allem wirtschaftliche Gründe waren, die zu dieser

Ablehnung geführt hatten, wurde der Ertrag dieser Bestände

doch als besonders hoch eingeschätzt. 49

Die beiden soeben vorgestellten Beispiele zeigen, dass die

Forstverwaltung primär wirtschaftliche Interessen verfolgte,

gleichwohl aber zu begrenzten Zugeständnissen bereit war. Im

Einzelfall konnte massiver öffentlicher Druck sogar bewirken,

dass sich die forstfachlichen Anliegen nicht durchsetzen

ließen, die Bemühungen um den Erhalt landschaftlicher

Schönheiten also zumindest zeitweise das Übergewicht über

54 Naturdenkmalpflege – Die Anfänge des Naturschutzes in Bayern im 19. Jahrhundert


Die Dorflinde zu Effeltrich, Bildquelle: Friedrich Stützer, Die größten, ältesten und sonst merkwürdigen Bäume Bayerns in Wort und

Bild, München 1900

die Verwertungsinteressen gewannen. Diese Erfolge blieben

aber prekär, da es sich um bloße Zugeständnisse handelte, die

rechtlich nicht abgesichert waren.

Als markante Schwäche des Naturdenkmalschutzes erwies

es sich in diesem Zusammenhang, dass eine systematische Inventarisierung,

wie sie im Bereich der Kunstdenkmalpflege

längst im Gange war, nach wie vor ausstand – sicher auch,

weil sich kein Verwaltungszweig so recht dafür zuständig

fühlte. Auch auf diesem Gebiet bedurfte es privater Initiativen,

um zu ersten Ergebnissen zu gelangen. Besonders hervorgehoben

werden muss dabei das von Friedrich Stützer herausgegebene

Sammelwerk über die „größten, ältesten oder

sonst merkwürdigen Bäume Bayerns“, das zwischen 1900 und

1905 in vier Teillieferungen erschien und 120 bedeutsame

Bäume nachwies, abbildete und ausführlich beschrieb. Es

wirkte auch außerhalb Bayerns beispielgebend und ist bis

heute als Quelle und Nachweis unverzichtbar geblieben. 50 Daneben

muss vor allem auf die Vielzahl geologischer Landesbeschreibungen

hingewiesen werden, die oft Einzelerscheinungen

darstellten, sie teilweise sogar systematisch zu erfassen

suchten. Ein gutes Beispiel hierfür stellt die geologische Beschreibung

der Münchner Gegend durch Ludwig von Ammon

dar. Sie enthält unter anderem eine Aufstellung der von ihm

festgestellten erratischen Blöcke, zugleich aber auch ein Kartenblatt,

in dem nicht nur diese, sondern zugleich eine Reihe

weiterer geologischer Erscheinungen vermerkt sind. 51

Eine größere Dynamik gewann die Entwicklung um die

Jahrhundertwende aber auch deshalb, weil es nun allmählich

Naturdenkmalpflege – Die Anfänge des Naturschutzes in Bayern im 19. Jahrhundert

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