Handwerk und Denkmalpflege

volkagentur

Die Zukunft des baulichen Erbes im Alpenraum. Schriftenreihe des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege, Nr. 1

Ausstellung im Kloster Thierhaupten

Bernd Vollmar

Zur Restaurierung des ehemaligen Klosters Thierhaupten

Das ehemalige Benediktinerkloster und mit ihm das frühere

Klosterdorf, der heutige Markt Thierhaupten, blicken auf

eine wechselvolle Geschichte zurück. Nach der Auflösung

des Klosters in der Säkularisation wurde die Klosterkirche

zur Pfarre, die Konvent- und Ökonomiegebäude gingen in

privaten Besitz über und dienten fortan für rund 180 Jahre

als Gutshof. Als 1983 die Marktgemeinde die Denkmalgebäude

erwarb, begann für den Klosterberg einmal mehr so

etwas wie eine Blütezeit, nicht allein weil es gelungen ist,

ein weiteres Objekt der schwäbischen Klosterlandschaft vor

dem Untergang zu bewahren. Wenn man das Ganze etwas

pathetisch formulieren will, gehört das Ergebnis – in dem

heute die Tagung stattfindet – zumindest zu den kleinen

Wundern der bayerischen Denkmalpflege. Zum einen war

hier eine Instandsetzung nach allen Regeln denkmalpflegerischer,

handwerklicher und restauratorischer Kunst möglich.

Die Klostergebäude erstrahlen eben nicht in der fast schon

sprichwörtlichen Formulierung des neuen Glanzes, in dem

man allenthalben so gerne die Baudenkmäler wiederfinden

möchte. Zum anderen gelang es, das Kloster mit einem regelrechten

Nutzungsgeflecht zu überziehen und somit zu

gewährleisten, was auf Neuhochdeutsch Nachhaltigkeit

genannt wird. Neben der seelsorgerischen Nutzung in der

vormaligen Klosterkirche umfasst die Nutzungsvielfalt eine

Gastronomie mit Biergarten im Klosterhof, womit Leib und

Seele bedient wären, und für den Geist und hoffentlich auch

für die Sinne gibt es hier in den Gebäuden Veranstaltungssäle,

Vereinsräume, Tagungsräume und diverse Fortbildungseinrichtungen,

darunter eine Handwerkerakademie und eine

Schule für Dorf- und Landentwicklung. Bescheidenheit ist

bekanntlich eine Tugend, die nicht nur dieses Kloster für sich

in Anspruch nimmt, sondern auch die Denkmalpflege und so

nenne ich die Nutzung dieses Klosters durch das Landesamt

für Denkmalpflege am Schluss. Hier im Kloster Thierhaup-

ten ist eine Dienststelle der praktischen Bodendenkmalpflege

und aus dem Bereich der Bau- und Kunstdenkmalpflege, das

Bauarchiv und ein Teil der Amtswerkstätten untergebracht.

Flächenmäßig betrachtet, gehört die Denkmalfachbehörde

sogar zu den Hauptnutzern des Klosters.

Wenn zu den Betreibern und Nutzern heute nicht nur

die Marktgemeinde, sondern der auch der Bezirk Schwaben

oder der Freistaat gehören, so spiegelt dies ein Netzwerk

denkmalpflegerischen Handelns wider. Ein Netzwerk

hat man früher als Seilschaft bezeichnet, heute hat dieses

Wort einen etwas negativen Zungenschlag. Da es aber auch

beim Festbeitrag von Reinhold Messner im positiven Sinn

um „Seilschaften“ geht, kann man den Begriff heute aber

doch gebrauchen. Also, diese Seilschaft bestand zunächst

aus den unterschiedlichsten Fördergebern, die die Marktgemeinde

als Eigentümer des Klosters unterstützten, das

Spektrum reichte vom Landkreis über den Bezirk, über die

Regierung von Schwaben und von freistaatlicher Förderung

über diverse Stiftungen bis hin zur Bundesförderung. Gesichert

durch die geregelte Finanzierung konnte die nächste

Seilschaft antreten, die für die praktische Umsetzung der

Instandsetzung verantwortlich war. Wichtigster Partner

für die Vertreter der Eigentümer, für die Planer und für die

Denkmalpflege war selbstredend das Handwerk. Und diese

Seilschaft, getragen vom respektvollem Umgang mit der

historisch-baulichen und dem künstlerischen Erbe, existiert

mit den Thierhauptener Fortbildungsinitiativen, mit den Archiven

hier im Haus und mit den Schausammlungen noch

heute. Und somit hätte die europäische Konferenz „Handwerk

und Denkmalpflege“kaum einen geeigneteren Veranstaltungsort

finden können. Ich wünsche mir und uns allen,

dass von den kommenden beiden Tagen ebensolche Langzeitimpulse

ausgehen, wie vor 24 Jahren vom gleichnamigen

Würzburger Kongress.

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Ausstellung im Kloster Thierhaupten

Bauarchiv, Dachwerkmodelle in der Bauteilesammlung (Foto: BLfD, Karlheinz Hemmeter), unten Fenster der Bauteilesammlung (Foto: BLfD,

Johann Rauch)

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Ausstellung im Kloster Thierhaupten

Dr. Bernd Vollmar (rechts) führt Besucher durch die Bauteilesammlung, unten Rolf Moennich (links) in der Werkstatt für Holz (Fotos: BLfD, Karlheinz

Hemmeter)

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Ausstellung im Kloster Thierhaupten

Dr. Bernd Vollmar

Das Mögliche aufzeigen, um das Unmögliche zu erreichen

Hatten Sie schon mal einen tropfenden Wasserhahn zu

Hause und haben versucht, selbst die Dichtung zu reparieren

Eigentlich ist das ganz einfach, man braucht nur

eine Ersatzdichtung. Der Klempner, der das passende Teil

sofort parat hätte, macht seinen Laden – im Vorort von

München zumindest – pünktlich um 18 Uhr zu und hat

samstags geschlossen. Aber es gibt ja die berühmten Baumärkte

zuhauf und die haben – für die werktätige Bevölkerung

– fast rund um die Uhr geöffnet. Hat man dann die

richtige Abteilung gefunden, braucht man nur noch einen

freundlichen Kundenberater, der einem dann allenfalls ein

größeres Sortiment an solchen Dichtungen anbietet – natürlich

ohne Garantie, dass die richtige Dichtung dabei ist.

Außerdem verweist er auf den Preis, auf den hohen Preis

des Dichtungssortimentes und empfiehlt deshalb gleich

einen neuen Wasserhahn, den aus der Palette der Sonderangebote,

die es gerade gibt. Moral von dieser Geschichte:

Wir leben nicht in einer Reparatur-, sondern in einer Wegwerfgesellschaft.

An diesem Phänomen, an diesen Dichtungen, leidet auch

die Denkmalpflege. In der alltäglichen Praxis ist die Bereitschaft

zu erneuern weitaus höher als die zu reparieren. Der

zeitliche Anteil diesbezüglicher Beratungs- und Überzeugungsarbeit

seitens der Denkmalpflege ist relativ hoch und

beginnt bei den Denkmaleigentümern und endet bei manchem

Handwerker. Das alte Fenster ist undicht, sieht grausig

aus – so seine Argumentation –, entspricht nicht den aktuellen

Normen und muss überhaupt mal neu gestrichen werden.

Dagegen ist das neue Fenster viel dichter, ist pflegeleichter

und es hält länger. Fragt man nach, wie lange so ein neues

Fenster denn halten solle, dann heißt es: Auf jeden Fall eine

Generation, also mindestens zwei bis drei Jahrzehnte. Weist

man darauf hin, dass das historische Fenster vielleicht schon

zwei oder drei Jahrhunderte hinter sich habe, dann erweckt

man zumindest Neugier. Und dass Reparatur möglich ist,

soll Ihnen eben unsere Begleitausstellung demonstrieren,

deren Ausstellungstafeln im Anhang dieser Publikation abgedruckt

sind. Dabei sind wir uns im Klaren, dass wir auch

im Bereich der Denkmalpflege – erstens – weit weg von

der Rückkehr zu einer Reparaturgesellschaft sind und dass

wir – zweitens – mit dem Niveau der hier gezeigten Reparaturmethoden

exemplarisch sind. Es werden hier also Ideallösungen

aufgezeigt, von denen wir wissen, dass sie nicht

flächendeckend und bei jedem Objekt umgesetzt werden

können – obwohl man sie gerne überall verwirklicht sehen

möchte. Mit anderen Worten: Wir wollen hier das Mögliche

aufzeigen und dazu anregen, hie und da, das Unmögliche zu

erreichen.

Entstanden sind diese exemplarischen Reparaturen im

Rahmen von Fortbildungsveranstaltungen der Handwerkerakademie

hier in Thierhaupten, oder es handelt sich um

mustergültige Lösungen, die vom Bauarchiv des Bayerischen

Landesamtes für Denkmalpflege erarbeitet wurden.

Es ist dabei ein enges Zusammenwirken mit interessierten

Handwerkern vorauszusetzen, die zum Teil die Qualifikation

des Restaurators im Handwerk mitbringen. Initiiert

und realisiert werden solche Fortbildungsangebote nicht

nur vom Handwerk, sondern in erster Linie von den Mitarbeitern

und Kollegen des Amtes, von einer relativ kleinen,

aber umso engagierteren Crew, die hier in Thierhaupten

und darüber hinaus auch in ganz Bayern, bei den Denkmälern

vor Ort, eine Menge leistet und dort als Berater tätig

sind. Ich möchte mich an dieser Stelle bei diesen Kollegen

bedanken, ohne die diese Repräsentation nicht möglich

wäre. Sie sehen dort Methoden der Dokumentation während

einer Restaurierung. Sie sehen etwas über historische

Mörtel, über Mauerkronensicherungen. Sie sehen etwas

über Estriche und vor allem über Holzreparaturen, Reparaturen

von Treppen, von Fenstern, von Dachwerken und den

dazugehörigen Materialien wie beispielsweise das Fensterglas.

Sie sehen weiterhin exemplarische Reparaturmaßnahmen

zu Anstrichen und auch zu Fassungen und Sie sehen,

dass man sogar Metalle und Bleche erhalten und reparieren

kann.

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