CSR & Compliance - Themenschwerpunkt im Jahrbuch Global Compact Deutschland 2014

macondogroup

Das Jahrbuch „Global Compact Deutschland“ erscheint seit 2004 in Kooperation mit dem Deutschen Global Compact Netzwerk (DGCN). Darin werden anschauliche Beispiele von Unternehmen präsentiert, die die zehn Prinzipien des Global Compact erfolgreich in ihre Praxis integriert haben. Daneben bietet das Jahrbuch einen umfangreichen Mantelteil, der aktuelle, lokale sowie globale Entwicklungen und Ereignisse behandelt. Beiträge und Interviews von führenden Experten der Nachhaltigkeitsbranche bereichern zudem Qualität und Informationsgehalt der Bücher. Herausgeber ist die macondo publishing GmbH.

Schwerpunkthemen 2014:
- CSR & Compliance
- Wie geht es mit der internatioanlen Klimapolitik weiter?
- Zehn Jahre Deutsches Global Compact Netzwerk

Der Global Compact der Vereinten Nationen ist eine strategische Initiative für Unternehmen, die sich verpflichten, ihre Geschäftstätigkeiten und Strategien an Global Compact 10 universell anerkannten Prinzipien aus den Bereichen Menschenrechte, Arbeitsnormen, Umweltschutz und Korruptionsbekämpfung auszurichten. Heute ist der Global Compact mit rund 8.000 teilnehmenden Unternehmen das weltweit wohl bedeutendste Business-Netzwerk für eine nachhaltige Globalisierung.

WE SUPPORT

global

Deutschland

compact

CSR & Compliance

Quo vadis, Klima

10 Jahre Deutsches

Global Compact Netzwerk

2014


Herausgegeben mit freundlicher Unterstüzung durch:


Grußnote

Ban Ki-moon, UN-Generalsekretär

The world is activated – from the streets to national capitals, from business

headquarters to grassroots community centres.

But the planet is also still warming – so we have to turn up the heat on our

response.

I count on you to lead by example. Set a meaningful internal carbon price. Advocate

for responsible policies. Acknowledge where you need to do more – and

publicly report on your progress.

Putting a price on carbon has the potential to unleash large investment flows

and stimulate green growth and innovation. It will help ensure that low-carbon

technologies spread quickly around the world.

I will support you by pushing governments to do their part. I am calling for

frameworks that set a level playing field. I am asking for clear signals that will

encourage the private sector to integrate climate activities into their long-term

strategies.

We are now working towards concluding a universal and meaningful global

climate agreement next year in Paris.

I count on your support.

Dezember 2014


Inhalt

3

Grußnote

UN-Generalsekretär Ban Ki-moon

8

12

13

14

Compliance

Compliance von Unternehmen – eine Einführung

Dr. Rainer Markfort

Info: Was umfasst Compliance

Kommt eine Gesetzespflicht für Compliance

Aus dem Arbeitsalltag eines Chief Compliance Officers

Torsten Krumbach

6Compliance

18

22

24

27

Compliance durch Audits und Zertifikate

Christina Panzenböck

Alles richtig gemacht und dennoch ein großes Problem!

Kai M. Beckmann

Beispiele: Faire Textilien, Konflikt-Rohstoffe,

Korruptionsvermeidung

Info: Publikationen

28

Klimawandel

30

34

35

36

40

Klimawandel

Quo vadis, Klima

Im Gespräch mit Prof. Dr. Mojib Latif

Kohlenstoff braucht einen Preis!

Georg Kell

Info: Der UN-Klimaprozess

Klimacheck für Unternehmen

Jonas Savelsberg und Christian Kind

Beispiele:

Forschung / Effizienz / Innovation / Naturkapital /

Gesellschaft

108

114

116

10 Jahre Deutsches Netzwerk

2004 – 2014: Eine Dekade

Deutsches Global Compact Netzwerk

Dr. Jürgen Janssen

Info: Der UN Global Compact

An den Kernproblemen arbeiten

Angelika Pohlenz

106

10 Jahre Deutsches Netzwerk


118

Neutralität als Prinzip

125

Kontrovers, aber immer konstruktiv

Jörg Hartmann

Dr. Wolfram Heger

120

Peters Prinzip

126

Standards als Basis für fairen Wettbewerb

Prof. Dr. Peter Eigen

Sabine Baun

122

Resonanzboden für Stakeholder

128

Stiftung Deutsches Global Compact Netzwerk

Prof. Dr. Josef Wieland

Good Practice

Finanzmärkte

54

Arbeitsnormen

ABB

Hinsehen, nicht wegschauen

82

HypoVereinsbank

Finanzwissen fördern

CSR Management

56

58

60

62

Audi

Taktgeber für Arbeitsplatzergonomie

Hochtief

Verantwortung für mehr Sicherheit

Weidmüller

Weiterbildung im Fokus

Umweltschutz

Armacell

Dämmstoffe mit glänzender Ökobilanz

84

86

88

90

BASF

Steuerung des Produktportfolios in Richtung

Nachhaltigkeit

Bayer

Lieferantenmanagement bei Bayer

DAW

Neue Wege für mehr Nachhaltigkeit

Deutsche Post DHL

Werte schaffen durch intensivere Stakeholder-

Beziehungen

64

CEWE

Wo Qualität auf Verantwortung trifft

92

TÜV Rheinland

Ein weltweit einzigartiger Preis

66

68

70

E.ON

SmartRegion Pellworm

MAN

MAN kann Zukunft

Miele

Effizienz und Energiebedarf im Fokus

94

96

Compliance & Reporting

EY

Globales Integritätsmanagent in der Praxis

macondo publishing

CSRmanager – Nachhaltigkeitsberichte einfach und

effizient

72

RWE

Smart Operator

98

Mazars

Compliance, Governance und Nachhaltigkeit

74

Tchibo

Kinder lernen spielerisch Klimaschutz

Korruptionsbekämpfung

100

Datability

BSH Bosch und Siemens Hausgeräte

Mein Backofen – meine Daten

76

Bosch

Grundsätze rechtmäßigen Verhaltens

102

Daimler

Vernetztes Fahren und Datenschutz

78

Merck

Prozess für die Auswahl von Geschäftspartnern

104

Deutsche Telekom

Datensicherheit und digitale Bildung


Agenda

Compliance

6 globalcompact Deutschland 2014


Compliance

Compliance ist aktuell eines der meistdiskutierten Themen innerhalb der CSR-Szene. Doch was haben die

Einhaltung von Regeln – das bedeutet nämlich Compliance – mit Nachhaltigkeit zu tun Sehr viel, denn

in einem nachhaltig ausgerichteten Unternehmenskontext umfasst Regelkonformität Gesetze wie auch

(freiwillige) Verhaltenskodices zu Korruptionsvermeidung, Umweltverpflichtungen und Sozialstandards.

In unserem Special beleuchten wir Instrumente, Methoden und Beispiele für nachhaltige Integration von

Compliance in Managementprozesse.

globalcompact Deutschland 2014

7


Agenda

Compliance

von Unternehmen

– eine Einführung

Von Dr. Rainer Markfort

Im Jahre acht nach dem Siemens-Korruptions-Skandal (2006)

hat wohl jeder, der in Deutschland am Wirtschaftsleben teilnimmt,

den Begriff Compliance schon einmal gehört. Und

nicht wenige verbinden damit Bürokratie und Gängelung,

Ausflüsse einer angelsächsischen Modeerscheinung – und

hoffen insgeheim, das möge vorbeigehen. Gerade im Mittelstand

ist die Sorge verbreitet, Compliance erschwere das Geschäft

in einem ohnehin immer schwierigeren Umfeld.

Was ist Compliance

Compliance“ meint „Regeltreue“. Der Begriff kommt aus dem

Englischen (to comply = befolgen) und ist durch ein Urteil des

Bundesgerichtshofs im Jahr 2009 in die deutsche Rechtssprache

eingeführt worden. Damals ging es um Wirtschaftsdelikte.

Dabei sollte es selbstverständlich sein, dass Unternehmen und

ihre Mitarbeiter nicht gegen Strafgesetze verstoßen – und ist es

doch nicht, wie die Ermittlungsverfahren gegen Unternehmen

aller Branchen und Größen immer wieder zeigen.

Doch Strafgesetze bilden nur die untere Grenze dessen, was

in einem Gemeinwesen als so verwerflich angesehen wird,

dass es mit Kriminalstrafen und Bußgeldern sanktioniert wird.

In einem entwickelten Wirtschaftssystem zählen Vertrauen,

Zuverlässigkeit, Ansehen und Integrität zu den wichtigen

Grundlagen von Geschäftsbeziehungen. Unternehmen investieren

daher große Summen in die Qualität ihrer Produkte und

Dienstleistungen, die Ausbildung ihrer Mitarbeiter, die Stabilität

interner Prozesse und damit in ihren guten Ruf. Diesen

zu schützen bedarf es einer starken, auf Werten basierenden

Führungskultur und interner Regeln. Daran müssen sich alle

Mitarbeiter halten. Das ist Compliance.

8

globalcompact Deutschland 2014


Compliance

Warum ist Compliance wichtig

In unserer heutigen hochspezialisierten Welt kaufen Unternehmen

Produkte und Dienstleistungen weltweit ein und

vertreiben sie weltweit. Das gilt in besonderem Maße für

unsere exportorientierten deutschen Unternehmen. Nicht

wenige deutsche Mittelständler sind zu Recht stolz darauf,

Weltmarktführer in ihrem speziellen Produktbereich zu sein.

Das aber bringt nicht nur Ehre und Umsatz. Sich in fremden

Märkten zu behaupten, birgt auch besondere Risiken. Und die

liegen nicht nur im operativen Bereich, in Währungsschwankungen

oder politischer Instabilität; sie lauern auch in allen

Bereichen der Wirtschaftskriminalität: Korruption, Kartell- und

Wettbewerbsrecht, Exportkontrolle, um nur einige zu nennen.

Strafverfolgung, Unternehmensbußen und der Ausschluss

von öffentlichen und zunehmend auch privaten Aufträgen

sind nur eine mögliche Folge von Compliance-Verstößen.

Viel schwerer wiegt häufig der Verlust des über Jahrzehnte

erarbeiteten guten Rufes. Nachhaltiger Geschäftserfolg, Reputation,

Rechtstreue und Haftungsvermeidung sind daher

gute Gründe, sich um die Integrität der eigenen Mitarbeiter

und derjenigen Menschen und Unternehmen zu sorgen, die

mit dem Unternehmen in geschäftlicher Verbindung stehen.

Für welche Unternehmen ist Compliance relevant

Vom Handwerksbetrieb bis zum Großkonzern ist es gleichermaßen

wichtig, Recht und Gesetz zu achten und selbstgesetzte

Regeln zu befolgen. Unterschiede gibt es in der Ausformung:

Der Handwerksmeister ist seinen Gesellen und Lehrlingen

unmittelbar Vorbild und vermittelt seine Unternehmenswerte

ebenso wie Gesetzestreue in der täglichen Zusammenarbeit.

Verstöße erkennt er mit wachem Blick und wird sie im Interesse

seiner Autorität und seines Unternehmens angemessen

sanktionieren. Um dasselbe zu erreichen, braucht der Konzernvorstand

eine Unternehmensfunktion, welche die für das

Unternehmen relevanten Gesetzesbestimmungen ebenso wie

unternehmensinterne Grundsätze in den Unternehmensalltag

übersetzt und für die Mitarbeiter greif bar und verständlich

macht. Dies geschieht in Form von Richtlinien und Schulungen.

Und natürlich braucht es auch hier jemanden, der überwacht,

ob die Vorgaben auch eingehalten werden. Die Umsetzung von

Compliance, das Compliance Management, ist also abhängig

von der Größe und Struktur eines Unternehmens.

Darüber hinaus sind die Anforderungen an ein Compliance-

Management natürlich größer, wenn das Unternehmen in

riskanten Branchen oder Märkten tätig ist. Ein Infrastrukturprojekt

für staatliche Auftraggeber auf der arabischen Halbinsel

birgt naturgemäß größere Risiken als die Produktion von

Konsumgütern in Deutschland. Wie in anderen Bereichen

des Risikomanagements geht es auch hier darum, mögliche

Compliance-Risiken zu identifizieren und zu gewichten.

Dabei helfen bestimmte Kriterien wie Nähe zum Unternehmen

(räumlich wie auch organisatorisch), Branche und Wettbewerbsumfeld,

Geschäftsmodell und Vergütungssystem etc.

Es geht darum, den Großteil der Anstrengungen auf die Bereiche

zu konzentrieren, von denen wirklich Gefahr ausgeht.

Compliance und UNGC: Das 10. Prinzip

Der United Nations Global Compact (UNGC) hat den Kampf gegen

Korruption als Prinzip 10 in seinen Kanon der Grundregeln

für eine nachhaltige und verantwortungsvolle Unternehmensführung

aufgenommen. Korruption gehört zu den zentralen

Themen jedes Compliance-Programms in Unternehmen. Und

das nicht nur, weil Unternehmen die nachteiligen Folgen eines

Korruptionsskandals fürchten.

Die gesellschaftliche Debatte um Wirtschaftskriminalität und

„Abzocke“ hat mehr und mehr Unternehmern und Managern

bewusst gemacht, dass sie mit ihren Unternehmen gesellschaftliche

Verantwortung tragen. Die Zeiten, in denen Shareholder

Value alles und alles andere nichts war, sind vorbei. Das

wachsende Bewusstsein für einen über die Eigentümer und

die Unternehmensgrenzen hinausreichenden Stakeholder

Value hat auch die Augen dafür geöffnet, dass Unternehmen

Verantwortung für die Folgen ihres Handelns tragen.

Dies gilt in besonderem Maße für die nachteiligen Folgen von

Korruption, wie sie im 10. Prinzip des UNGC formuliert werden:

Korruption ist ein zentrales Hemmnis für die nachhaltige

Entwicklung von Gesellschaften und mit enormen Kosten und

Risiken für Unternehmen verbunden. Korruption verzerrt den

Wettbewerb und mindert das Wirtschaftswachstum. Korruption

erhöht die direkten Geschäftskosten, mindert den Produktwert

und die Servicequalität und erhöht die Transaktionskosten in

der Wertschöpfungskette. Dadurch können Leistungen und

Produkte insbesondere für die ärmsten Bevölkerungsschichten

häufig nicht mehr bereitgestellt werden.

Waren Gesetze gegen Korruption früher, wie beispielsweise

der US-amerikanische Foreign Corrupt Practices Act 1977

(FCPA), vor allem zum Schutz der heimischen Wirtschaft vor

unlauterem, nämlich korruptem Wettbewerb auf ausländischen

Märkten konzipiert, so haben Anti-Korruptionsgesetze

spätestens seit der OECD-Konvention von 1998 einen weit >>

globalcompact Deutschland 2014

9


Agenda

darüber hinausgehenden, gesamtgesellschaftlichen Zweck.

Von Korruption in Schwellenländern profitieren nämlich auf

der Nehmerseite vor allem die Vertreter von diktatorischen,

menschverachtenden Regimen. Dadurch stabilisiert Korruption

politische und gesellschaftliche Verhältnisse, in den Menschen

ausgebeutet und erniedrigt werden. Korruption ist daher mehr

als nur ein Wirtschaftsdelikt. Und der Kampf gegen Korruption

ist ein Kampf für mehr Gerechtigkeit in der Welt.

Compliance und Corporate Social Responsibility

Hier liegt auch die Bedeutung von Compliance für nachhaltiges

unternehmerisches Handeln. Unter diesem Gesichtspunkt ist

Korruptionsprävention ein Teil von Compliance im Unternehmen,

und Compliance – neben seiner Bedeutung als Element

des Risiko-Managements – ist ein Teil des gesellschaftlich

verantwortlichen Handelns des Unternehmens, der Corporate

Social Responsibility (CSR). Die EU-Kommission definierte CSR

in ihrer Mitteilung vom 25.11.2011 als „Verantwortung von

Unternehmen für ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft“. Für

europäische Unternehmen ab einer gewissen Größenordnung

erwartet die Kommission, dass diese in ihrem Handeln internationale

Leitlinien wie z. B. die des UNGC berücksichtigen

und umsetzen.

Die Zivilgesellschaft und die Medien sollen auf die Unternehmen

Einfluss nehmen, indem sie als Verbraucher oder

Investoren bei ihren Konsum- und Anlageentscheidungen

das Verhalten der Unternehmen berücksichtigen. Dadurch

sind diese gezwungen, nicht nur ihre unternehmerischen

Grundsätze, sondern auch deren konkrete Umsetzung in Produktion,

Handel und Dienstleistung transparent zu machen.

Nachhaltigkeitsberichte dokumentieren diese Bemühungen.

Gerade institutionelle Investoren wie Pensionsfonds und Versicherungen

haben in ihren Anlagerichtlinien entsprechende

Anforderungen formuliert. Und auch bei den Kunden spielen

diese Aspekte bei der Bewertung einer Marke eine immer größere

Rolle und haben damit Einfluss auf die Kaufentscheidung.

Compliance und insbesondere Korruptionsprävention werden

dadurch zu wesentlichen Elementen eines CSR-Reportings.

Und sie tragen damit zum positiven Image eines Unternehmens

bei. Compliance wird dadurch zum Wettbewerbsvorteil.

Dieser Wettbewerbsvorteil stärkt die Marke und damit den

Unternehmenswert und kommt am Ende allen Stakeholdern

zugute, auch den Shareholdern.

Berufsbild Compliance-Beauftragter

Ab einer gewissen Größe sollte ein Unternehmen einen Compliance-Beauftragten

haben, der die Geschäftsleitung in ihren

Compliance-Anstrengungen unterstützt. Während Vorstand

bzw. Geschäftsführung für Compliance unmittelbar verantwortlich

sind, können sie dennoch die operative Ausführung

an qualifizierte Mitarbeiter übertragen. Diese empfehlen auf

Grundlage einer Risikoanalyse geeignete Maßnahmen, um

spezifischen Compliance-Risiken zu begegnen. Dazu gehört

die Ausarbeitung von Richtlinien und die Sensibilisierung

der Mitarbeiter durch Schulungen, ferner Rat und Hilfe

bei konkreten Fragestellungen. Schließlich muss sich die

10

globalcompact Deutschland 2014


Compliance

Die Zeiten, in denen

Shareholder Value alles

und alles andere nichts

war, sind vorbei.

Compliance-Abteilung auch vergewissern, ob die Regeln eingehalten

werden und konkreten Verdachtsmomenten nachgehen.

Eines allerdings kann der Compliance-Beauftragte der

Geschäftsleitung nicht abnehmen. Das ist eine wertebasierte

und auf Integrität ausgerichtete Unternehmensführung.

DICO – Deutsches Institut

für Compliance e.V.

Das DICO – Deutsches Institut für Compliance e.V.

wurde im November 2012 in Berlin auf Betreiben

führender Compliance-Praktiker und -Experten gegründet

und hat als gemeinnütziger Verein Vertreter

aus allen Branchen in Deutschland, darunter namhafte

DAX-Unternehmen, Beratungsgesellschaften

und Vertreter der Wissenschaft. DICO versteht sich

als unabhängiges interdisziplinäres Netzwerk für den

Austausch zwischen Wirtschaft, Wissenschaft, Politik

und Verwaltung und sieht sich als zentrales Forum für

die konsequente und praxisbezogene Förderung und

Weiterentwicklung von Compliance in Deutschland.

DICO definiert in diesem Bereich Mindeststandards,

begleitet Gesetzgebungsvorhaben und unterstützt

zugleich die praktische Compliance-Arbeit in privaten

und öffentlichen Unternehmen durch Leitlinien und

Arbeitspapiere, fördert Aus- und Weiterbildung und

entwickelt Qualitäts- sowie Verfahrensstandards.

Das Netzwerk Compliance e.V. hat in Abstimmung mit DICO

(Deutsches Institut für Compliance e.V.) und anderen Verbänden

kürzlich „Leitlinien für die Tätigkeit in der Compliance-

Funktion im Unternehmen“ veröffentlicht (www.netzwerkcompliance.de;

www.dico-ev.de). Darin ist die Stellung der

Compliance-Funktion in der Unternehmenshierarchie, das

Aufgabenspektrum und die Compliance-Organisation beschrieben,

ferner Informationsrechte und Berichterstattung sowie

Befugnisse im Rahmen interner Untersuchungen und die Zusammenarbeit

mit Behörden und Ombudsleuten, schließlich

auch Regelungen zum Schutz der Compliance-Beauftragten.

Im Unterschied zum CSR-Manager trägt der Compliance-

Beauftragte persönlich Verantwortung für die ihm übertragenen

Aufgaben. In einem viel beachteten Urteil aus dem

Jahre 2009 hat der 5. Strafsenat des Bundesgerichtshofes einen

Compliance-Beauftragten (Leiter Recht und Revision) zu einer

Haftstrafe verurteilt, weil dieser es unterlassen hatte, einen

Abrechnungsbetrug zu Lasten der Kunden des Unternehmens zu

verhindern. Typischerweise ist daher Compliance eine eigene

Funktion im Unternehmen, idealerweise dem Vorstand bzw.

der Geschäftsführung unmittelbar unterstellt, mit eigenen

Berichtslinien. Zugleich arbeitet Compliance mit den wesentlichen

Stabsfunktionen wie Recht, Revision, Controlling und

Personal zusammen, ferner mit der Unternehmensstrategie,

Kommunikation und schließlich CSR. In kleineren und mittleren

Unternehmen mit einer schlanken Managementstruktur

sind bestimmte Bereiche auch zusammengefasst oder werden

direkt durch die Geschäftsleitung wahrgenommen und nicht

delegiert.

2014 fand eine eine enge Zusammenarbeit zwischen

dem Deutschen Global Compact Netzwerk und dem

DICO statt. Ergebnisse waren Workshops während

der Arbeitstreffen, die gemeinsame Herausgabe des

Praxisleitfadens „Korruptionsprävention“ sowie das

Compliace-Schwerpunktthema in diesem Jahrbuch.

ÜBer DeN aUtor

Dr. Rainer Markfort ist Rechtsanwalt und Partner bei Dentons Europe LLP

und Mitglied im Vorstand von DICO – Deutsches Institut für Compliance e.V.

globalcompact Deutschland 2014

11


Agenda

Was umfasst

Compliance

Gesetzliche

Verpflichtungen

(hard laws)

Branchen- und

Selbstverpflichtungen

(soft laws)

Geltungsbereiche

Menschenrechte

Arbeitsnormen

Umweltschutz

Anti-Korruption

Durchführung

Regeln

Umsetzung

Überprüfung

Beispiel Global Compact

COMMIT

ASSESS

CoP

COMMUNICATE

DEFINE

MEASURE

IMPLEMENT

Global Compact

Freiwillige

Selbstverpflichtung

Global Compact

Management Modell

Fortschrittsbericht

(CoP)

Zusammenstellung: Dr. Elmer Lenzen, © macondo publishing

12

globalcompact Deutschland 2014


Compliance

Kommt eine

Gesetzespflicht

für Compliance

Ein reines Unternehmensstrafrecht existiert seit Langem in den

USA und mittlerweile auch in vielen europäischen Ländern.

Seit einiger Zeit wird nun auch in Deutschland über die Einführung

eines Unternehmensstrafrechts diskutiert. Auslöser

für diese Diskussion war der Gesetzesentwurf zur Einführung

der strafrechtlichen Verantwortlichkeit von Unternehmen

und Verbänden des nordrhein-westfälischen Justizministers

Thomas Kutschaty.

Der Gesetzentwurf sieht Verbandsstrafen und Verbandsmaßregeln

als Konsequenzen vor. Verbandsstrafen sind dabei im

Wesentlichen die Geldstrafe gegen das jeweilige Unternehmen

sowie die öffentliche Bekanntmachung der Verurteilung.

Als Verbandsmaßregeln nennt der Gesetzentwurf den Ausschluss

von Subventionen, den Ausschluss von der Vergabe

öffentlicher Aufträge sowie die Auflösung des Verbandes.

Dabei geht der Gesetzesentwurf allerdings in weiten Teilen

über diese bestehenden Regelungen hinaus: Ein ganz

entscheidender Unterschied im Vergleich zu dem System

des Ordnungswidrigkeitenrechts ist die Einführung des sogenannten

Legalitätsprinzips. Nach diesem Prinzip ist die

Staatsanwaltschaft verpflichtet, bereits bei Anhaltspunkten

für das Vorliegen einer Straftat zu ermitteln. Im Ordnungswidrigkeitenrecht

hingegen gilt das Opportunitätsprinzip,

wonach die Aufnahme von Ermittlungen in das Ermessen

der Verfolgungsbehörde gestellt wird. Dies ermöglicht daher

einen flexiblen und prozessökonomischen Umgang mit in

Unternehmen begangenen Verfehlungen.

DICO hat seinerseits einen Gesetzesvorschlag im Sommer 2014

vorgelegt, mit dem Anreize für Compliance-Maßnahmen in

Betrieben und Unternehmen geschaffen werden sollen. Der

Gesetzesentwurf umfasst ein dreistufiges Sanktionssystem und

enthält Ergänzungen der Vorschriften der §§ 30, 130 OWiG.

Für den Fall, dass zum Zeitpunkt einer Zuwiderhandlung im

Unternehmen bereits geeignete Compliance-Maßnahmen

ergriffen worden waren, kann ein Bußgeld wegen einer

Aufsichtspflichtverletzung nach § 130 OWiG nicht mehr verhängt

werden. Werden aus Anlass des Verstoßes nachträglich

Compliance-Maßnahmen ergriffen, kann das Bußgeld gegen

das Unternehmen oder die verantwortlichen Personen nach

gerichtlichem Ermessen gemindert oder es kann sogar ganz

darauf verzichtet werden.

Im Einzelnen umfasst das Gesetz zur Schaffung von Anreizen

für Compliance-Maßnahmen in Betrieben und Unternehmen

(CompAG) ein dreistufiges Sanktionssystem:

1. Stufe: Volle Haftung bei fehlenden oder unzureichenden

Compliance-Maßnahmen

2. Stufe: Tatbestandsausschluss im Rahmen des § 130 OWiG

bei ausreichenden Compliance-Maßnahmen

3. Stufe: Sanktionsmilderung bei ernsthaftem und nachhaltigem

Bemühen um ausreichende Compliance-Maßnahmen

Risiken und Nebenwirkungen der Unternehmensstrafe

Als Argumente gegen ein solches Gesetz wird z. B. seitens des

Deutschen Anwaltvereins angeführt, dass es weder ein rechtliches

noch kriminalpolitisches Bedürfnis dafür gibt. Darüber

hinaus sei der Entwurf von Behauptungen geprägt, die jeglicher

empirischer Grundlage entbehrten. So wird die Erforderlichkeit

einer Unternehmensstrafe durch das nordrhein-westfälische

Justizministerium namentlich mit Blick auf die moderne

Organisationsgesellschaft, dem Gesamtschaden durch Wirtschaftsstraftaten

sowie eine „Verbandsattitüde“ begründet, in

Folge derer die individuelle Schuld von Einzelpersonen häufig

gering sei, wohingegen die Verantwortung der Organisation

selbst durch Mechanismen der Freizeichnung verschleiert werde.

Als Risiko der Unternehmensstrafe wird vor allem die maximale

Überlastung bis hin zum vollständigen Kollaps des ohnehin

schon überlasteten Justizapparates genannt. So führt Prof. Dr.

Alfred Dierlamm, Leiter des Arbeitskreises Unternehmensstrafrecht

bei DICO, aus: „Die uferlos weite Gesetzesfassung, die

sogar fahrlässige Aufsichtspflichtverletzungen unter Kriminalstrafe

stellt, würde dazu führen, dass nahezu jeder Störfall

– unabhängig von seiner Schwere – zum Straffall wird. Die

Flut von strafrechtlichen Ermittlungsverfahren wäre weder

von der Strafjustiz noch von den Unternehmen zu bewältigen.

Im Übrigen ist zu berücksichtigen, dass von der Verbandsstrafe

nicht nur Großunternehmen, sondern auch gemeinnützige

Vereine, angefangen vom örtlichen Fußballverein bis hin zu

politischen Parteien, Berufsverbänden, Bildungseinrichtungen

und Kirchen, ja sogar staatliche Körperschaften, sofern sie fiskalisch

handeln, betroffen wären. Der Entwurf schießt damit

weit über das Ziel hinaus, weil er nicht nur Institutionen, sondern

auch und vor allem die Solidargemeinschaft bestraft.“

Text: DICO – Deutsches Institut für Compliance

globalcompact Deutschland 2014

13


Agenda

Aus dem

Arbeitsalltag

eines Chief Compliance Officers

Von Torsten Krumbach

Seit Mitte der letzten Dekade wurden – insbesondere in den

börsennotierten Aktiengesellschaften und Großunternehmen

– eigene Compliance-Abteilungen geschaffen. Dies geschah

bei den Vorreitern nicht selten unter dem Eindruck eines

zuvor aufgedeckten Verstoßes und den daraus folgenden

staatsanwaltlichen Ermittlungen. Hieraus leitet sich auch die

Hauptaufgabe des Compliance-Bereiches ab, nämlich solche

und ähnliche Vorfälle in der Zukunft zu verhindern. Dies

geschieht über den üblicherweise anzutreffenden Dreiklang

der diversen Aktivitäten, welche sich den Themen „vorbeugen“,

„erkennen“ und „reagieren“ zuordnen lassen. In einem Satz

kann Compliance wie folgt definiert werden: „Compliance

bedeutet die Übereinstimmung des Verhaltens aller Mitarbeiter

und der Geschäftsleitung mit gesetzlichen und unternehmenseigenen

Regeln, wie sie im Verhaltenskodex und weiteren

Unternehmens-Richtlinien festgelegt sind.“

Der Weg zum Compliance Officer

Wie wird man jetzt aber als Jurist auf den Alltag eines Compliance

Officers vorbereitet und welche Aufgaben sind damit im

Einzelnen verbunden Vorab gesagt: Es gibt einerseits keinen

Königsweg zu dieser spannenden und äußerst abwechselungsreichen

Tätigkeit. Dies hängt auch damit zusammen, dass es

bisher nur wenige anerkannte Fortbildungsmöglichkeiten

gibt. In vielen Fällen wird daher das „Training on the Job“

stattfinden. Andererseits eröffnet die Vielzahl der Themen für

interessierte und motivierte Absolventen ein Betätigungsfeld

mit stetig steigender Bedeutung und einer hohen Krisensicherheit.

Reine „Nur-Juristen“, deren höchste Befriedigung darin

besteht, sich der Lösung von anspruchsvollen Rechtsfragen

zu widmen, werden sich hingegen in diesem Beruf nicht

wohlfühlen.

14

globalcompact Deutschland 2014


Compliance

Einstellungskriterien

Grundsätzlich gelten für die Einstellung die gleichen Kriterien

wie für einen Unternehmensjuristen. Großunternehmen legen

dabei bevorzugt Wert auf überdurchschnittlich abgeschlossene

Examina. Aber auch und gerade in kleinen und mittleren

Unternehmen können mittelprächtige Examensnoten durch

Zusatzqualifikationen ausgeglichen werden. Neben dem juristischen

Verständnis sind insbesondere betriebswirtschaftliche

Kenntnisse von großem Vorteil. Darüber hinaus sind hervorragende

Kommunikations- und Präsentationsfähigkeiten gefragt,

da in der Regel direkt an das Top-Management oder gar den

Aufsichtsrat berichtet wird. Stellt der Compliance Officer

eine Einzelkämpferposition im Unternehmen dar, werden

außerdem hohe Anforderungen an die Organisationsfähigkeit

gestellt. Eine zupackende „Hands on“-Mentalität ist dabei von

großem Vorteil.

Beispiele aus der Praxis

1

Folgende Beispiele aus dem Arbeitsalltag eines Compliance

Officers sollen das verdeutlichen. Um wirtschaftskriminellen

Handlungen vorzubeugen, müssen die Mitarbeiter erst einmal

wissen, welche Regeln es im Unternehmen überhaupt gibt.

Ein konsistentes und widerspruchsfreies Regelwerk an Richtlinien

ist ein elementarer Bestandteil einer jeden Compliance-

Organisation. An dieser Stelle kommt dem Compliance Officer

die Aufgabe zu, das vorhandene Regelwerk in regelmäßigen

Abständen zu analysieren und auf seine Aktualität hin zu

überprüfen bzw. einen gegebenenfalls notwendigen Anpassungsprozess

zu starten und zu überwachen.

Als Standard aller Regelungen gilt mittlerweile ein allgemeiner

Verhaltenskodex. Dieser wird üblicherweise durch

Richtlinien zu den Themen Annahme von Geschenken und

Einladungen, Regelungen zur Vergabe von Aufträgen und

zur Zeichnungsberechtigung ergänzt. Bei börsennotierten

Aktiengesellschaften ist zudem eine Regelung zum Handel

mit Aktien des eigenen Unternehmens quasi Pflicht. Aber

auch neuere Themen, wie der Umgang mit bzw. die Veröffentlichung

von Unternehmensinformationen auf sozialen

Plattformen im Intranet, gewinnen an Bedeutung. Aufgrund

dieses breiten Themenspektrums bleibt es dem Compliance

Officer nicht erspart, sich mit den verschiedenen Rechtsgebieten

auseinanderzusetzen. Dabei hilft es sehr, sich mit

Compliance-Verantwortlichen in anderen Unternehmen zu

vernetzen und auszutauschen, da fast in allen Unternehmen

gleiche oder ähnliche Regelungen existieren. Das Rad muss

also nicht jedes Mal neu erfunden werden.

Erste Compliance-Säule: Vorbeugen

In der Praxis zeigt sich dann allerdings, dass die Richtlinien nur

von wenigen Mitarbeitern gelesen und verstanden werden. Hier

kommt im Gegensatz zu früher die Compliance-Organisation

ins Spiel. Ein Schwerpunkt der Tätigkeit ist das Kommunizieren

der vorhandenen Regeln und das regelmäßige Training

der Mitarbeiter zu allen wichtigen Themen. Hier steht in der

Regel die Korruptionsprävention an erster Stelle. Dies kann

je nach Unternehmensgröße durch Präsenzschulungen, aber

auch durch neuere Lernformen, wie z. B. sogenannte „Webbased

Trainings“ (eLearning), erfolgen. Bei der Einführung

einer eLearning-Schulung ist durch den Compliance Officer

ein umfangreiches Projekt ins Leben zu rufen. An diesem

Projekt sind dann u. a. Bereiche wie die IT, der Einkauf, das

Controlling, die Personalabteilung, der Betriebsrat und die

Unternehmenskommunikation einzubeziehen. Dabei ist der

Compliance Officer zwingend auf die Unterstützung aller

Fachbereiche angewiesen. Dies verdeutlicht die Anforderungen

an die Kommunikationsfähigkeiten und die Fähigkeit

zur Projektorganisation des Compliance Officers, wenn ein

solches Vorhaben gelingen soll. Bei Präsenzschulungen sind

außerdem gute didaktische Techniken, ein sicheres Auftreten

und Präsentationsfähigkeiten von großem Vorteil.

Ebenfalls gewinnt im Alltag die beratende Tätigkeit immer

mehr an Bedeutung. Durch entsprechende Schulungen werden

die Mitarbeiter sensibilisiert. Folglich stellen sich in der täglichen

Praxis immer wieder Fragen, zu denen der Compliance

Officer kontaktiert wird. Hier sind dann keine schematischen

Schwarz-Weiß-Antworten gefragt, sondern ein sorgfältiges

Abwägen der konkreten Umstände und der möglichen Auswirkungen

auf das jeweilige Geschäft des Unternehmens. Dazu

gehört, gegebenenfalls auch zusammen mit dem Fragesteller

konstruktive Lösungen für die Lösung des Problems zu finden.

Entscheidungen müssen außerdem nachvollziehbar und plausibel

begründet werden, um von den Mitarbeitern akzeptiert

zu werden. Denn eines darf nicht vergessen werden: Ein zu

striktes Beharren auf überzogenen und nicht praxistauglichen

Grundsätzen kann schnell zu einer überängstlichen Unternehmenskultur

führen. Aus der Angst, Fehlentscheidungen

zu treffen, werden dann überhaupt keine unternehmerischen

Entscheidungen mehr getroffen. Gerade Unternehmen, die

in einem starken Fokus der Öffentlichkeit stehen und / oder

Kundenbeziehungen zu der öffentlichen Hand pflegen, müssen

hohe Maßstäbe an ein ethisch einwandfreies Handeln legen.

In einem Medienunternehmen wie Sky, welches mehrheitlich

zu der in den USA ansässigen NewsCorporation gehört, gilt

Vergleichbares. Frühere Probleme in anderen Beteiligungen

der NewsCorp haben die Anteilseigner in höchstem Maße für

die Einhaltung der Compliance-Regeln sensibilisiert. So findet

auch ein Austausch mit der zentralen Compliance-Organisation

der Muttergesellschaft statt. Hier ist Fingerspitzengefühl im

Umgang mit den verschiedenen Ansprechpartnern und eine

Fähigkeit zur interkulturellen Kommunikation gefragt. Sehr

gute Englischkenntnisse sind in diesem Fall ein Muss. >>

globalcompact Deutschland 2014

15


Agenda

Ermittler gegen einzelne Mitarbeiter zu sein

und gleichzeitig zu diesen Mitarbeitern in einem

kollegialen Verhältnis zu stehen – diesen Spagat

muss man aushalten können.

2

Zweite Compliance-Säule: Erkennen

Nach dem Motto: „Vertrauen (und Aufklärung) ist gut, Kontrolle

ist besser“, ist es mit dem Training allein nicht getan.

Denn leider kommt es gelegentlich auch vor, dass Richtlinien

weder gelesen und verstanden, sondern auch (leider zum

Teil bewusst) nicht befolgt werden. Hier setzt die zweite

Säule der Compliance-Organisation an. Sie zielt darauf ab,

Verstöße gegen die Richtlinien oder gar Strafvorschriften zu

erkennen. Unmittelbare Kontrollen bzw. Stichproben durch

den Compliance Officer sind ein Weg zur Aufdeckung eines

nicht-compliancekonformen Fehlverhaltens. Hier bestehen enge

Berührungspunkte zur Prüfungstätigkeit der Internen Revision.

Eine Erfahrung in revisions- oder prüfungsnahen Bereichen ist

daher von großem Vorteil. Dabei kann der Compliance Officer

häufig von der in der Regel personell und finanziell besser

ausgestatteten Internen Revision profitieren. Ein gutes und

vertrauensvolles Verhältnis zum Leiter der Internen Revision

kann dabei beträchtlich helfen.

Bewährt hat sich auch die Einrichtung eines internen Ombudsmanns

bzw. einer sogenannten Whistleblowing-Hotline.

Mitarbeiter bekommen hierdurch die Möglichkeit, den Verdacht

auf ein Fehlverhalten bzw. eine wirtschaftskriminelle Handlung

melden zu können. Dies hat entgegen landläufiger Meinung

nichts mit Denunziation zu tun. Vielmehr trägt die mögliche

Anonymität dieser Meldewege dazu bei, dass Mitarbeiter sich

trauen, Missstände zu berichten. Dies gilt insbesondere dann,

wenn der Verdacht besteht, dass sich dieser gegen den Vorgesetzten

des Hinweisgebers richtet.

Für alle Handlungen im Zusammenhang mit der Aufklärung

von Verdachtshinweisen und eines möglichen Fehlverhaltens

sind strenge ethische Grundsätze zu befolgen. Schließlich

gilt einerseits auch für Mitarbeiter die Unschuldsvermutung.

Andererseits ist gerade zu Beginn von internen Ermittlungen

nicht absehbar, wer in diesen Fall verwickelt ist. Dies stellt

hohe Anforderungen an die Vertraulichkeit und die Integrität

des Compliance Officers. Ermittler gegen einzelne Mitarbeiter

zu sein und gleichzeitig zu diesen Mitarbeitern in einem

kollegialen Verhältnis zu stehen – diesen Spagat muss man

aushalten können. Schließlich kommt es immer wieder einmal

vor, dass man sich im Zuge der Aufdeckung von Verstößen

von einzelnen Mitarbeitern trennen muss.

16

globalcompact Deutschland 2014


Compliance

3

Dritte Compliance-Säule: Reagieren

Dies führt nahtlos in die dritte Säule der Compliance-Prävention,

nämlich auf erkannte Verstöße zu reagieren. Natürlich steht

dabei an erster Stelle das berechtigte Bedürfnis des Unternehmens,

ein Fehlverhalten zu ahnden. Die Trennung von

einem Mitarbeiter stellt die letzte, aber gelegentlich auch

unvermeidliche Lösung dar. Genauso wichtig ist es aber

auch zu analysieren, wie es zu dem Fehlverhalten kommen

konnte. Hier helfen Kenntnisse in der Prozessorganisation, um

Schwachstellen im internen Kontrollsystem aufzudecken und

abzustellen. Hieraus lassen sich dann auch wieder erneute

Handlungsfelder für die Compliance-Organisation ableiten. So

muss z. B. in bestimmten Bereichen das Training intensiviert

oder das interne Regelwerk angepasst werden.

Berichten und Präsentieren

Über alle Aktivitäten der Compliance-Organisation in den

drei Säulen „vorbeugen “, „erkennen“ und „reagieren“ hat der

Compliance Officer in regelmäßigen Abständen zu berichten.

Üblicherweise findet ein Austausch auf Arbeitsebene mit dem

für den Compliance Officer zuständigen Mitglied des Vorstands

oder der Geschäftsführung statt. Bei einer (börsennotierten)

Aktiengesellschaft lässt sich darüber hinaus der Aufsichtsrat

bzw. der hierfür zuständige Prüfungsausschuss in der Regel

vierteljährlich über den Stand der Umsetzung der Compliance-Aktivitäten

und die aufgedeckten Verstöße informieren.

In jedem Fall ist ein sicheres Auftreten und eine empfängerorientierte

Präsentationsfähigkeit unabdingbar. Vorstände und

Aufsichtsräte haben naturgemäß wenig Zeit und wollen über

das Wesentliche umfassend aber knapp informiert werden.

Schließlich sind sie es, die im Falle einer unzureichenden

Compliance-Organisation bei aufgedeckten Verstößen für das

organschaftliche Organisationsverschulden haftbar gemacht

werden können. Zudem hat die Rechtsprechung nunmehr

auch eine Garantenhaftung des Compliance Officer bejaht,

falls dieser es schuldhaft unterlässt, ein kriminelles Handeln

in dem Unternehmen aufzudecken und zu unterbinden.

Position und Gehalt

Wer diesen Druck nicht nur aushalten, sondern in positive

Energie verwandeln kann, wird mit einer Vertrauensposition

belohnt, die wie kaum eine andere einen „Puls“ am Unternehmen

und der Geschäftsleitung hat. Sicherlich wird kein

Absolvent nach seinem zweiten Staatsexamen gleich auf die

Position eines Compliance Officers eingestellt. In größeren

Unternehmen besteht aber die Möglichkeit, sich in einer der

an das Dreisäulenmodell angelehnten Abteilungsgliederung

zu bewähren. Dort orientiert sich die Vergütung im Wesentlichen

an den Gehältern der Rechtsabteilung. Bei Positionen,

die unmittelbar an die Geschäftsleitung berichten, werden

dann außertarifliche Gehälter geboten, die sich stark an der

Größe des Unternehmens und der Anzahl der Mitarbeiter in

der Compliance-Organisation ausrichten.

Über den Autor

Torsten Krumbach ist Rechtsanwalt und seit 2011 Group Compliance Officers

bei der Sky Deutschland AG.

Aufsatz entnommen aus dem Beck’schen Referendarführer 2013/2014, S. 76-80

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Agenda

Compliance

durch Audits und Zertifikate

Für Unternehmen ist es essentiell, über funktionierende Lieferanten zu verfügen, um auf dem internationalen

Markt bestehen zu können. Auch wenn ein Unternehmen nicht die Fabriken besitzt,

in denen die jeweiligen Produkte hergestellt werden, so hat es doch die Verantwortung, dass in

der gesamten Wertschöpfungskette menschenwürdige Arbeitsbedingungen herrschen. Neben

regulären Qualitätsüberprüfungen werden Audits immer wichtiger, beispielsweise um Transparenz

im Bereich Arbeits- und Menschenrechte in der Lieferkette herzustellen. Audits müssen als

Teil der Unternehmensstrategie angesehen werden und deren Durchführung vertraglich mit den

Lieferanten geregelt sein.

Von Christina Panzenböck

Man unterscheidet zwischen internem Audit, Lieferantenaudit

und dem sogenannten Zertifizierungsaudit. Bei einem internen

Audit werden dafür geschulte Mitarbeiter desselben Unternehmens

eingesetzt, um die Erfüllung bestimmter Richtlinien

und Vorgaben zu überprüfen. Bei einem Lieferantenaudit hält

der Kunde ein Audit bei seinem Lieferanten ab. Das wirklich

unabhängige Audit geschieht im Rahmen eines Zertifizierungsaudits,

wenn von einer unabhängigen Zertifizierungsstelle

ein Unternehmen hinsichtlich der Erfüllung von Vorgaben

und Richtlinien des zu prüfenden Standards untersucht wird.

Audits zur Überprüfung des Verhaltenskodex innerhalb der

Lieferkette reichen jedoch nicht immer aus, um eine wirkliche

vertragliche Verpflichtung der einzelnen Akteure zur Gewährleistung

von Arbeits- und Menschenrechten zu erreichen. Der

Beitritt zu Verifizierungs- und Monitoring-Initiativen bzw. der

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globalcompact Deutschland 2014


Compliance

Erwerb von Zertifikaten bietet hierzu einen weiter reichenden

Schritt in Richtung soziale Unternehmensverantwortung.

Die „International Organization for Standardization“ (ISO)

beschreibt ein Zertifikat als ein Dokument, das Anforderungen,

Spezifizierungen, Richtlinien oder Kriterien darstellt und das

verwendet wird, um sicherzustellen, dass Materialien, Produkte,

Prozesse und Dienstleistungen diesen gerecht werden.

Im weiteren Sinne definieren Zertifikate bestimmte Regeln und

Abläufe in Bezug auf beispielsweise soziale und ökologische

Aspekte, die nicht gesetzlich geregelt sind. Im Gegensatz zu

Verhaltenskodizes, die meist intern vom Unternehmen erarbeitet

werden, werden Zertifikate durch Dritte wie z. B. NGOs

erstellt und auf freiwilliger Basis vom Unternehmen erworben.

Die Gründe, warum Unternehmen an Zertifikaten interessiert

sind, sind vielfältig. In Bezug auf CSR werden Zertifikate gerne

aufgenommen, um den oftmals unspezifischen Anforderungen

an das Unternehmen in diesem Bereich entgegenzutreten

und konkrete Handlungen zu setzen. Zertifikate werden

auch eingesetzt, um Kunden und Verbrauchern, aber auch

konkurrierenden Unternehmen zu signalisieren, dass man als

Unternehmen seiner gesellschaftlichen Verantwortung gerecht

werden will. Durch Konkurrenzdruck auf dem Markt sehen

sich Unternehmen auch oft gezwungen, bestimmte Zertifikate

zu erwerben, um keine Wettbewerbsnachteile zu erleiden.

Auditierungs- und Zertifizierungsprozesse

Die Gefahr bei Audits liegt darin, dass ihnen oftmals keine

anerkannten Richtlinien und Vorgaben zugrunde liegen und

diese somit nicht sachgemäß durchgeführt werden. Besonders

im Bereich Sozial- oder Menschenrechtsaudits ist darauf zu

achten, dass keine falsche Sicherheit vorgegaukelt wird, also

beispielsweise eine statistisch signifikante Anzahl von Mitarbeitern

befragt wird und auch äußere Rahmenbedingungen

wie nationale Gesetze und Marktgegebenheiten mit einbezogen

werden. Dies kann stellenweise viel Zeit in Anspruch

nehmen. Als Negativbeispiel kann das Fabrikunglück Rana

Plaza in Bangladesch im April 2013 genannt werden. Über

1.000 Menschen sind beim Einsturz dieser Textilfabrik ums

Leben gekommen, wo kurz zuvor ein Sozialaudit durchgeführt

wurde. Audits sollten als Teil der Kommunikation innerhalb

der Lieferkette angesehen werden und auch in die Lieferantenverträge

mit einbezogen werden. Es sollten Listen angelegt

werden, wo jene Betriebe aufgeführt sind, mit denen keiner

der Zulieferer zusammenarbeiten darf und diese Listen innerhalb

der Lieferkette aktualisiert und kommuniziert werden.

Kulturelle Unterschiede und soziale Gegebenheiten sind des

Weiteren wichtige Punkte, die auf zwischenmenschlicher

Ebene bei den jeweiligen Audits berücksichtigt werden müssen.

So ist es einerseits wichtig, dass Auditoren nicht aus dem

Land des zu überprüfenden Unternehmens kommen und

sich somit nicht von kulturellen Befindlichkeiten beeinflussen

lassen können und auch eine mögliche Hemmschwelle

(als Resultat sozialer Hierarchien beispielsweise) niedriger

ist. Ortsansässige Mitarbeiter sind andererseits wiederum

wichtig, um die Verbindung zu den lokalen Gegebenheiten

nicht zu verlieren.

Ein Unternehmen, das seine Zulieferbetriebe überprüfen

möchte, muss die Möglichkeit haben, Audits auch unangekündigt

durchzuführen, um sich ein wahrheitsgetreues Bild

der Situation machen zu können.

Bei der Entscheidung, ein Zertifikat bzw. Siegel erwerben zu

wollen, sollte man vor allem beachten, dass die Glaubwürdigkeit

und die Qualität eines Siegels bestimmt sind durch

folgende Kriterien:

• Unabhängige Vergabe und Kontrolle,

• Frequenz und Qualität der Kontrolle,

• Soziale und ökologische Standards, nach denen zertifiziert

wird.

Ein Zertifizierungsprozess besteht aus mehreren Teilbereichen

und Akteuren. Das Zertifikat/der Standard an sich bzw. die

Organisation dahinter definiert die einzelnen Kriterien und

Richtlinien. Ein Unternehmen, das ein solches Zertifikat erwerben

will, muss also nachweisen, dass es diese Kriterien erfüllt.

Es kommt zu einer Überprüfung / Verifizierung, sprich zu einem

Audit, ob die Anforderungen erfüllt werden – idealerweise

durch eine unabhängige Prüfstelle. Wenn dieses Audit positiv

verläuft, dann wird das Unternehmen oder das Produkt/die

Dienstleistung zertifiziert. Das Unternehmen ist berechtigt,

das Siegel des jeweiligen Standards zu verwenden. Abhängig

von den jeweiligen Zertifikaten kommt es im Folgenden zu

weiteren Überprüfungen / Audits, um die Kontinuität der

Einhaltung der Richtlinien des Standards zu gewährleisten.

Akkreditierungsorganisationen

Die Prüfstellen, die die Verifizierungs- und Zertifizierungsmaßnahmen

durchführen, sollten von unabhängiger Stelle

akkreditiert, also dafür zugelassen sein und für befähigt erklärt

werden. Somit können Käufer und Verbraucher Vertrauen in

die Ergebnisse der Prüfberichte und Zertifizierungen erlangen.

Akkreditierungen sind für Prüfstellen nicht verpflichtend,

zeugen jedoch von einer unabhängigen Bestätigung ihrer

Kompetenz.

Diese Akkreditierungsstellen auf dem Gebiet der Managementsysteme,

Produkte, Dienstleistungen und Personen werden über

das „International Accreditation Forum“ (IAF) gesteuert. Ein

Beispiel einer solchen Akkreditierungsorganisation ist SAAS

(Social Accountability Accreditation Services). Die Hauptaktivitäten

von SAAS sind, unter anderem, die Akkreditierung und

das Monitoring von Organisationen, die als Prüfstellen von

Sozialstandards zugelassen werden wollen, wie zum Beispiel

der Standard SA8000 für ethische Arbeitsbedingungen >>

globalcompact Deutschland 2014

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Agenda

oder InterAction PVO Standard und auch BSCI. Des Weiteren

stellt es verschiedenste Leistungen für diese Prüfstellen zur

Verfügung und beurteilt die Qualifikation dieser Organisationen

in Bezug auf kompetente und unparteiliche Audits,

beispielsweise durch Einsichtnahme in Dokumente und durch

Audits und direkte Beobachtung der Auditoren.

unabhängige Prüfung. Die Situation der untersuchten Zulieferer

wird sodann verglichen und evaluiert und anhand

der Ergebnisse werden sie innerhalb der Lieferkette nach

Risikofaktoren eingeordnet und gereiht. Im weiteren Schritt

wird ein Audit vor Ort durchgeführt, um mögliche Lücken

zu lokalen Gesetzgebungen oder zu Richtlinien des zu beliefernden

Unternehmens zu identifizieren. Dadurch wird

es den Zulieferern erleichtert, ihren Handlungsbedarf zu

identifizieren und auch zu priorisieren.

Der zweite Teilbereich ist der Verbesserungs-Prozess, der im

Anschluss an die Assessment-Phase stattfindet. Es werden

konkrete Handlungspläne mit den Zulieferern ausgearbeitet,

die auf ihre bestimmten Merkmale und Besonderheiten zugeschnitten

sind. Durch externe Stellen können Trainingsmodule

und Lernprogramme angeboten werden. Individuelle Betreuung

kann stattfinden durch regelmäßige Besuche der Fabriken und

durch das Angebot von Workshops. Die Erfüllung der zuvor

entdeckten Mängel wird durch Follow-Up-Kontrollen überprüft.

Laut SGS beanspruchen diese zwei Teilbereiche ungefähr zwei

bis 4 Monate, abhängig von der Bereitschaft der jeweiligen Zulieferer.

Das konkrete Service-Angebot von SGS umfasst also das

Umwelt-Assessment an sich, die Durchführung und Kontrolle

von Verbesserungs- und Erfüllungsmaßnahmen und die Unterstützung

der Zulieferer während dieser Prozesse und danach.

In Bezug auf „Social Compliance“ führt beispielsweise „OMEGA

Compliance“ Sozial-Assessments als unabhängige Stelle bei

Zulieferern durch. Der Ablauf unterscheidet sich kaum von

jenem im oben genannten Beispiel.

Auditierung durch Assessments: Praktische Beispiele

Unternehmen können diese Überprüfungen selbst durchführen

durch sogenannte „Self-Assessments“ oder interne Audits oder

sie durch unabhängige Dritte wie Prüf- und Verifizierungsinstitutionen

durchführen lassen.

Der Ablauf dieser Assessments ist, unabhängig vom Schwerpunkt,

meist sehr ähnlich. Im Nachfolgenden werden zwei

Beispiele von Organisationen angeführt, die beide eine große

Bandbreite an Assessments und Audits anbieten.

In Bezug auf Umweltthemen bietet beispielsweise „SGS Consumer

Testing Services“ Assessments von Zulieferern an,

wobei alle potenziellen ökologischen Auswirkungen und die

Einhaltung lokaler Gesetzgebungen überprüft werden.

Bevor irgendwelche Aktionen durchgeführt werden, ist es

zunächst wichtig, das Bewusstsein für ökologische Themen

bei den Zulieferern zu stärken und zu unterstützen. SGS-CTS

gliedert diesen Prozess in zwei Teilbereiche:

Der Assessment-Prozess: Zunächst führt das Unternehmen

ein Self-Assessment durch anhand spezifischer Fragebögen.

In einem weiteren Schritt unternimmt SGS eine nochmalige

Im Rahmen dieses sozialen Assessments von Zulieferern

greift OMEGA auf mehrere Quellen zu, um zu umfassenden

Informationen zu gelangen. Einerseits werden die Fabriken

vor Ort begutachtet und operationale Prozesse beobachtet

und erfasst. Verschiedene Dokumente wie Genehmigungen

und Lohnlisten werden überprüft und eine gewisse Anzahl

von Arbeitern wird vor Ort zu vertraulichen Gesprächen,

unabhängig vom Management, herangezogen. Nach Beendigung

dieser erstmaligen Überprüfung wird ein sogenannter

„Corrective Action Plan“ ausgearbeitet. In Zusammenarbeit mit

dem jeweiligen Zulieferer werden die Probleme und Mängel

aufgelistet und Lösungen dafür vorgeschlagen. Für die ausgearbeiteten

Maßnahmen werden zeitliche Vereinbarungen

getroffen, um die Bereitschaft der Zulieferer für die Erfüllung

dieser Maßnahmen zu verstärken. Im weiteren Verlauf werden

sogenannte Follow-up-Audits durchgeführt, um die Erfüllung

der Maßnahmen seitens der Zulieferer im Einklang mit lokalen

Gesetzgebungen zu überprüfen. Gleichzeitig werden die

Zulieferer in diesem Prozess durch Trainingsprogramme und

spezifische Beratung seitens OMEGA begleitet.

ÜBer Die aUtoriN

Christina Panzenböck studierte Wirtschaft in Wien und Barcelona. 2014 hat

sie bei macondo publishing am Auf bau der CSR-Academy mitgewirkt.

20 globalcompact Deutschland 2014


Compliance

Praxisbeispiel

Die „Fair Wear Foundation“ (FWF) ist eine unabhängige

Non-Profit-Organisation, die mit Unternehmen und

Fabriken zusammenarbeitet, um Arbeits- und Lebensbedingungen

von Textilarbeitern weltweit zu verbessern.

Die Forderung nach der Zahlung eines existenzsichernden

Lohns steht an vorderster Stelle des Kriterienkatalogs,

neben Gewerkschaftsfreiheit, Verbot von Kinder- und

Zwangsarbeit, Verbot von exzessiven Arbeitsstunden und

Diskriminierung, einer vertraglichen Bindung zwischen

Arbeitnehmer und -geber und sicheren und gesunden

Arbeitsbedingungen. Der Multistakeholder-Ansatz zur

Ausarbeitung und Überprüfung der Standards, Transparenz

und Verantwortung in der Lieferkette und die

Anlehnung an die ILO-Kernarbeitsnormen sowie die

UN-Deklaration der Menschenrechte sind einige der

sogenannten „guiding principles“ der FWF.

Zertifizierungsprozess

Ausarbeitung eines Arbeitsplans:

Das Unternehmen muss zunächst eine detaillierte Beschreibung

der Art und Weise abliefern, wie es an besseren

Arbeitsbedingungen in der Lieferkette arbeiten und seine

Praktiken ändern will. Dieser Arbeitsplan umfasst:

• Die Offenlegung des vollständigen Lieferantenverzeichnisses

• Einzelheiten zur Beschaffungspraxis

Wenn dieser Plan seitens der FWF bewilligt wird, wird der

„Code of Labour Practices“ der Fair Wear Foundation unterschrieben.

Damit ist das Unternehmen Mitglied der FWF.

Errichtung eines Kontroll- und Fördersystems:

Das Unternehmen muss im ersten Jahr ein Kontroll- und

Fördersystem einrichten, das 40 Prozent seiner Zulieferer

umfasst. Im zweiten Jahr müssen 60 Prozent abgedeckt sein

und im dritten Jahr 100 Prozent. Das Unternehmen muss

den Verbesserungsprozess von sich aus steuern und eigenverantwortlich

in den Arbeitsprozess mit den Zulieferern

gehen und Verbesserungen vorantreiben.

Der prozessorientierte Ansatz der FWF besagt, dass die

Unternehmen jährlich Fortschritte aufweisen müssen.

Geschieht dies nicht, wird die Mitgliedschaft beendet. Die

Kosten für die Verifizierung werden aus der Summe der

Mitgliedsbeiträge bezahlt.

Die FWF hat ein Kontrollsystem mit 3 Stufen entwickelt:

• Nach dem 1. Jahr: Brand-Performance-Check im Unternehmen:

Kontrolle des Lieferantenverzeichnisses, der implementierten

Systeme bzw. der Prozessabläufe und der Ergebnisse. Es

wird ein Prüf bericht erstellt und veröffentlicht.

• Beschwerdeverfahren:

Alle Zulieferer müssen innerhalb des 1. Jahres über die Mitgliedschaft

der Marke informiert werden und der Verhaltenskodex

der FWF muss in allen Fabriken ausgehängt werden,

mit Kontaktdaten von lokalen Beschwerdebearbeitern.

• Überprüfungsaudits bei Zulieferern:

Drei Jahre nach dem Beitritt des Unternehmens führt die

FWF Kontrollen bei der Umsetzung der Arbeitsbedingungen

bei 10 Prozent der Zulieferer durch.

globalcompact Deutschland 2014

21


Agenda

GrUNDLaGeN für ein

Compliance-Management-System

Die Notwendigkeit zur Einrichtung eines Compliance-Management-Systems

(CMS) sollte spätestens mit dem vielzitierten

und auch über die Compliance-Szene hinaus viel beachteten

Neubürger Urteils des LG München I (Az.: 5HK O 1387/10)

auf der Hand liegen. Das Gericht verurteilte im Dezember

2013 in einem zivilrechtlichen Haftungsprozess ein ehemaliges

Dax-30-Vorstands-Mitglied (CFO), 15 Millionen Euro

Schadenersatz an seinen früheren Arbeitgeber zu zahlen, da

er nicht dafür gesorgt hatte, dass ein funktionierendes CMS

eingerichtet wurde.

Zur Begründung führte das Gericht an, dass es zu der Leitungsaufgabe

und Organisationsverantwortung des Vorstandes einer

AG (gilt analog auch für die GmbH-Geschäftsführung) gehört,

nach besten Kräften dafür zu sorgen, dass das Unternehmen

und seine Mitarbeiter „sämtliche Vorschriften einhalten, die

das Unternehmen als Rechtssubjekt treffen“. Dabei betonte das

Gericht, dass die Pflicht zur Gesetzestreue keine Neuerung aus

dem anglo-amerikanischen Rechtskreis sei. Bereits aus dem

Aktiengesetz aus dem Jahr 1937 ergab sich für den Vorstand

die Pflicht, sein Unternehmen so zu organisieren, dass zwingende

gesetzliche Vorschriften eingehalten werden. Zu diesen

Vorschriften gehört auch das Verbot von Schmiergeldzahlungen

an in- und ausländische Amtsträger (Art. 2 § 1 EUBestG

und Art. 2 § 2 IntBestG) oder an Privatpersonen (§ 299 Abs. 3

Strafgesetzbuch – StGB). Grenzüberschreitende Schmiergeldzahlungen

ließen sich auch nicht damit rechtfertigen, dass

wirtschaftliche Erfolge auf korruptiven Auslandsmärkten

nicht möglich seien. Die Geschäftsleitung genügt nur dann

ihrer Leitungsaufgabe, wenn sie dafür Sorge trägt, „dass das

Unternehmen so organisiert und beaufsichtigt wird, dass keine

derartigen Gesetzesverletzungen stattfinden“, so das Gericht.

Alles richtig gemacht und dennoch

eiN GroSSeS

ProBLeM!

22

globalcompact Deutschland 2014


Compliance

Dabei ist der Vorstand nicht nur verpflichtet, ein funktionierendes

CMS zu schaffen, sondern er muss darüber hinaus

fortlaufend seine Effizienz überwachen. Die Hauptaufgabe

dieses CMS ist es sicherzustellen, dass Risiken für wesentliche

Regelverstöße frühzeitig erkannt und die Regelverstöße

verhindert werden können. Dabei muss man sich bewusst

sein, dass selbst ein angemessenes Compliance-Management-

System niemals in der Lage sein wird, Regelverstöße vollständig

und zu 100 Prozent auszuschließen und zu verhindern.

Das Compliance-Management-System muss allerdings in der

Lage sein, einen Verstoß zunächst zeitnah zu erkennen und

dann auch im Unternehmen zu kommunizieren, damit eine

angemessene Reaktion auf den Verstoß erfolgen kann.

Der Verzicht auf ein Compliance-System, die Einrichtung eines

mangelhaften Compliance-Systems und / oder dessen unzureichende

Überwachung darauf, ob das System auch tatsächlich

funktioniert, bedeuten per se eine Pflichtverletzung. Diese

Pflichtverletzung kann dann, wenn es zu Gesetzesverletzungen

kommt, zivilrechtlich zu Schadensersatzansprüchen des

Unternehmens gegen die Geschäftsleitung und strafrechtlich

zu einer Geldbuße bis zu einer Million Euro führen (§ 130

Ordnungswidrigkeitengesetz – OWiG). Welchen Umfang das

Compliance-System im Einzelnen haben muss, hängt dann

von der Art, Größe und Organisation des Unternehmens, der

geografischen Präsenz und etwaigen Verdachtsfällen aus der

Vergangenheit ab.

Text: DICO – Deutsches Institut für Compliance

Von Kai M. Beckmann

Der Geschäftsführer eines mittelständischen Lebensmittelherstellers

hatte alles richtig gemacht: Er hatte einen

Verantwortlichen für das Thema Compliance, ein funktionierendes

Risikomanagementsystem und sogar einen Verhaltenskodex,

der sich an den Prinzipien des UN Global

Compact orientiert und allen Lieferanten ausgehändigt wurde.

Als ein wichtiger Kunde – ein führender Handelskonzern

– die seit Jahren bestehende Vertragsbeziehung plötzlich

auf Eis legte, war allerdings Krisenmanagement angesagt.

Was war geschehen

In einer osteuropäischen Fabrik des Produzenten für die

Verpackungsmaterialien, „irgendwo tief in der Lieferkette“,

wurde massiv gegen Arbeitnehmerrechte verstoßen. Eine

Nichtregierungsorganisation (NGO) hatte aussagekräftiges

Fotomaterial gesammelt und dem Handelsunternehmen

übergeben. Der Produzent lieferte zwar nicht direkt an das

Unternehmen, doch die produzierten Verpackungen waren mit

eindeutig zuzuordnenden Aufdrucken versehen. Neben dem

Versuch, schnell einen alternativen Produzenten zu finden,

erfolgte nun eine ausführliche Situationsanalyse.

Das Risikomanagementsystem: Es hatte zwar ein als „hoch“

eingestuftes Reputationsrisiko in der Risk Map für die gesamte

Lieferkette gegeben – doch dies war abstrakt und

nicht mit Maßnahmen verbunden. Der Einkauf selbst hatte

die Verantwortung für Reputationsrisiken in der Lieferkette

darüber hinaus an das Qualitätsmanagement übertragen. Der

Compliance-Beauftragte versicherte, dass er nicht zuständig

sei, da es keine direkte Vertragsbeziehung zum Hersteller der

Verpackungen gäbe und man selbst keinen Rechtsverstoß

begangen habe. Und der Referent für das Thema Corporate

Responsibility Der hatte nach langen Diskussionen mit der

Einkaufsleitung dafür gesorgt, dass allen direkten und (soweit

bekannt) auch den weiteren Lieferanten der Verhaltenskodex

ausgehändigt wurde – doch das war es auch. Alle hatten

vermeintlich alles richtig gemacht und doch hatte das Unternehmen

jetzt ein massives Problem.

globalcompact Deutschland 2014

23


Agenda

Beispiele für

Compliance

Beispiel: Social Compliance

Faire Textilien

Maren Sartory von Fairtrade Deutschland im Gespräch

Hauptsache billig. Dieses Motto herrscht für viele

beim Kauf von Kleidung. Dass dabei Geiz auch tödlich

sein kann, zeigte sich jetzt wieder in Bangladesh:

Beim Einsturz einer dortigen Textilfabrik sind

mehr als 1.000 Menschen ums Leben gekommen. Als

Ursache gelten mangelhafte Kontrolle der Produktionsstandorte

und der dortigen Arbeitsbedingungen.

Warum ist es so schwer, die gesamte Lieferkette zu zertifizieren

Maren Sartory: Wir wollen nicht einfach einen neuen Standard

schaffen. Vor Kurzem waren wir in Indien unterwegs,

da waren wir in Fabriken, in denen hängen schön nebeneinander

aufgereiht 20 Zettel mit diversen Zertifizierungen und

Verhaltensnormen. Die werden aber nicht gelebt. Nach der

Zertifizierung herrscht Stillstand. Wir wollen, dass sich ein

Unternehmen auch in eine bestimmte Richtung entwickelt.

Es bringt nichts, nur eine Liste abzuhaken.

Was heißt das konkret

Sartory: Beispielsweise müssen die Fabriken nachweisen,

dass sich die Einkommen nach oben entwickeln. Wir wollen

auch, dass die Mitarbeiter geschult und qualifiziert werden.

Allgemein arbeiten wir im Fairtrade-System mit einem

Netzwerk an Beratern zusammen. Sie helfen dann den

Gremien, die darüber entscheiden, wie die Fairtrade-Gelder

investiert werden, weil die Arbeiter, die darüber entscheiden,

oft keinen höheren Schulabschluss haben. Das alles muss

sich erst etablieren.

Momentan ist bei Fairtrade-Kleidung nur die Baumwolle fair, nicht

die gesamte Lieferkette.

Sartory: Richtig, bisher gibt es tatsächlich keinen Standard,

der das von Anfang bis Ende komplett garantiert. Der GOTS,

also der Global Organic Textile Standard, bezieht sich nur

auf den Bio-Bereich, der macht aber am Markt nur einen

kleinen Anteil aus. Bei Fairtrade ist die Baumwolle fair, weil

sich die Standards nur auf den Anbau beziehen. Jetzt wollen

wir aber die gesamte Lieferkette zertifizieren. Fairtrade ist

übrigens nicht bio, auch wenn wir den entsprechenden

Anbau mit einem Bonus fördern und auch ökologische

Kriterien haben.

Warum gibt es eigentlich so wenig Fairtrade-Textilien

Sartory: Die meisten Unternehmen kaufen irgendwo fertige

Stoffe, T-Shirts oder Hosen und kennen ihre Lieferkette

nicht. Die meisten Konsumenten wiederum wollen zwar

keine Kleidung aus Kinderarbeit, aber ein Schnäppchen.

Beim Kaffee greifen sie häufiger zu Fairtrade, bei Textilien

kaufen sie aber mit einer ganz anderen Intention

ein: Sie wollen primär Kleidung, die ihnen steht. Das

Einkaufsverhalten ist ein komplett anderes. Deshalb sind

hier weniger die Konsumenten und mehr die Firmen in

der Verantwortung. Die müssen dafür sorgen, dass ihre

Lieferketten fair sind.

Quelle der Beispiele: UmweltDialog.de

24

globalcompact Deutschland 2014


Compliance

Beispiel: Menschenrechts-Compliance

Konflikt-Rohstoffe

Viele Produkte beinhalten Mineralien wie Coltan. Aber

stammen diese aus Konfliktregionen Diese Frage müssen

sich deutsche Betriebe stellen, die Teil der Lieferkette

von US-börsennotierten Unternehmen sind. Der USamerikanische

„Dodd-Frank Act“ verlangt nämlich von

Firmen, die Verwendung bestimmter aus dem Kongo

und den Nachbarregionen stammender Rohstoffe offenzulegen.

Dies musste erstmalig bis zum 31. Mai 2014

für alle Produkte erfolgen, die 2013 hergestellt worden

sind. Und ab dann jährlich für das vorangegangene Jahr.

Auch die EU hat Mitte März einen Verordnungsentwurf zu

einer europäischen Konfliktmineraliengesetzgebung vorgestellt,

der verhindern soll, dass Erträge aus dem Handel

mit Mineralien zur Finanzierung gewaltsamer Konflikte

verwendet werden. „Der Entwurf ist allerdings zu schwach

und wird den Handel mit Rohstoffen aus Konfliktgebieten

kaum eindämmen“, klagt MISEREOR-Hauptgeschäftsführer

Pirmin Spiegel. So schreibt der Text keine verbindlichen

Regeln zur Sorgfaltspflicht vor, sondern setzt auf freiwillige

Selbstzertifizierung seitens der Unternehmen, die Konfliktrohstoffe

in den EU-Binnenmarkt einführen. Zudem

soll das Gesetz nur Unternehmen betreffen, die Tantal,

Wolfram, Zinn und Gold in den europäischen Markt einführen

(Erst-Importeure), nicht aber Firmen, die andere

Rohstoffe wie z. B. Erdöl, Kupfer und Kohle importieren.

Auch die weiterverarbeitenden Industrien und Hersteller

von Endprodukten sind von diesem Gesetz ausgenommen.

Ein praktikables Tool zum Monitoring dieser Risiken bietet

das schwäbische Unternehmen iPoint-systems. Mittlerweile

haben sich mehr als 10.000 Unternehmen als Nutzer der

iPoint Conflict Minerals Platform (iPCMP) registriert. „Damit

hat sich iPoint-systems seine Position als Marktführer für

Software im Bereich Konfliktmineralien-Berichterstattung

endgültig gesichert“, erklärt Jörg Walden, CEO von iPointsystems.

Die iPCMP kam im September 2012 auf den Markt

und hat sich seitdem als die branchenübergreifende Lösung

etabliert, wenn es darum geht, Gesetzesvorgaben rund um

Konfliktrohstoffe einzuhalten.

globalcompact Deutschland 2014

25


Agenda

Beispiel: Korruptionsvermeidung

Deutsche Post DHL setzt auf lokale Verantwortung

Compliance bedeutet, dass Unternehmen die Einhaltung

von gesetzlichen oder auch ethischen Vorgaben prüfen.

Wenn dies glaubwürdig sein soll, dann müssen diese

Regeln überall auf der Welt gelten. Für global agierende

Unternehmen ist dies eine Herausforderung. Umwelt-

Dialog sprach darüber mit Oliver Oberg, Head of Global

Compliance Office Deutsche Post DHL.

Wie ist das Compliance-Management-System bei Deutsche Post DHL

organisiert

Oliver Oberg: Unser Chief Compliance Officer verantwortet

das Thema Compliance bei Deutsche Post DHL und berichtet

dazu direkt an den Vorstand. Darüber hinaus gibt es das

Global Compliance Office, das für den Konzern und alle

Unternehmensbereiche die grundsätzlichen Compliance-

Anforderungen und -Prozesse (Compliance-Management-

System) entwickelt. Die Umsetzung dieser Vorgaben erfolgt

wiederum durch die Compliance-Organisationen der jeweiligen

Geschäftsbereiche, über die sogenannten Business Unit

Compliance Officer (BUCO). Diese sind dem jeweiligen Vorstand

unterstellt und vernetzen sich in ihrem Bereich dann

eng mit Compliance-nahen Funktionen, wie etwa der Revision,

dem Rechtsbereich oder dem HR- und Finance-Bereich

sowie anderen relevanten Spezialisten in Fachabteilungen.

Welche Themenbereiche umfasst Ihr Compliance-System

Oberg: Grundsätzlich soll mit der Etablierung des Compliance-Management-Systems

bei Deutsche Post DHL die

Einhaltung aller geltenden rechtlichen Vorgaben und maßgeblichen

internen Richtlinien sowie ethischen Grundsätze

sichergestellt werden. Außerdem erarbeiten wir für jeden

Geschäftsbereich im Rahmen eines Compliance Risk Assessments

ein individuelles Risiko-Profil. Auf Basis dieser

Analyse werden dann die inhaltlichen Schwerpunkte der

Compliance-Maßnahmen gesetzt (Compliance-Programm).

Allgemein richtet sich unsere Aufmerksamkeit besonders

auf Themen wie Korruptionsbekämpfung und Kartell- und

Wettbewerbsrecht.

Die Deutsche Post DHL ist weltweit aktiv. Dadurch werden Sie mit

unterschiedlich korrupten Systemen konfrontiert. Wie funktioniert

bei Ihnen die Länder-Risikoeinschätzung und was bedeutet das

dann für die alltägliche Compliance-Arbeit vor Ort

Oberg: Durch die vielen Gesellschaftsformen und Kulturen,

in denen wir weltweit aktiv sind, müssen wir auch

Compliance-relevante Herausforderungen bewältigen. Aus

diesem Grund legen wir besonders großen Wert darauf, die

Compliance-Organisation und ein Compliance-Bewusstsein

unmittelbar in den Ländern zu verankern. Unsere

Compliance-Verantwortlichen in den Geschäftsbereichen

haben daher unter anderem die Aufgabe, dieses Bewusstsein

zu schärfen.

Aus Ihrer Erfahrung heraus: Welche Bereiche, Handlungsfelder sind

besonders korruptionsgefährdet

Oberg: Ich sehe hier vor allem zwei Handlungsfelder: Auf

der einen Seite sind es Funktionen wie Einkauf oder Vertrieb,

die in jedem Unternehmen unabhängig von der konkreten

wirtschaftlichen Ausrichtung beobachtet werden sollten. Für

den Bereich der internationalen Logistik ist es andererseits vor

allem die Zollabfertigung, auf die wir einen Fokus legen. Dort

gibt es oftmals Kontakt mit lokalen Amtsträgern, was gegebenenfalls

gesonderte Regeln und Handlungsweisen erfordert.

Welche Regelungen gibt es, damit sich Mitarbeiter bei Geschenken

oder Einladungen rechtssicher verhalten können

Oberg: Unser konzernweiter Verhaltenskodex, der „Code

of Conduct“ für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,

enthält bereits grundsätzliche Aussagen zum Umgang mit

Geschenken und Einladungen. Diese werden dann nochmals

konkretisiert in einer „Antikorruptionsrichtlinie und

Standards für Geschäftsethik“, die verbindliche Aussagen

zur Annahme und Vergabe von Geschenken und sonstigen

Vorteilen trifft. Darin sind auch bestimmte Genehmigungsvorbehalte

für Vorgesetzte und – bei Überschreiten von

gewissen Schwellenwerten – der Compliance-Organisation

festgeschrieben.

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globalcompact Deutschland 2014


Publikationen

ICC-Handbuch zur

Kartellrechts-Compliance

Um Unternehmen bei der Implementierung und Verbesserung

kartellrechtlicher Compliance-Programme zu unterstützen, hat

die Internationale Handelskammer (ICC) das „ICC Antitrust Compliance

Toolkit“ veröffentlicht, das erstmals auch auf Deutsch

vorliegt und kostenfrei erhältlich ist.

Compliance:

Praxisleitfaden für

Unternehmen

von Klaus Moosmayer

Verlag: C.H.Beck, 136 S.

ISBN-13: 978-3406628214

€ 34,90

Angesichts wachsender gesetzlicher Anforderungen haben viele Unternehmen

interne Compliance-Programme eingeführt, um Kartellrechtsverstöße zu

verhindern bzw. aufzudecken. Mit dem Toolkit will die ICC Unternehmen

dabei unterstützen, auf ihre spezifischen Unternehmensbelange ausgerichtete

Compliance-Systeme aufzubauen bzw. bereits vorhandene Systeme noch

wirksamer zu gestalten. Das Toolkit richtet sich insbesondere an kleinere

und mittlere Unternehmen (KMU) und berücksichtigt dabei die besondere

Herausforderung eingeschränkter personeller Ressourcen.

Das Toolkit besteht aus Beiträgen anerkannter Kartellrechts-Spezialisten

weltweit tätiger Unternehmen und bündelt deren Erfahrung und Knowhow.

Es kombiniert Vorschläge für unternehmensinterne Richtlinien mit

konkreten Ratschlägen sowie „best practice“-Beispielen. Das Handbuch

kann hier angefordert werden: bestellung@icc-deutschland.de

Dieses Werk gibt einen kurz und prägnant gehaltenen Abriss über die Erfordernisse

einer ordnungsgemäßen Compliance-Organisation. Dabei geht der

Autor sowohl auf die steigenden organisatorischen Anforderungen an die

Unternehmen als auch die erhöhten Risiken wie Außen- und Innenhaftung,

Aufsichtspflichtverletzungen und Straftaten im Unternehmen ein. Vorteile

auf einen Blick: kompakter Leitfaden für den ersten Zugriff ∙ Darstellung

spezifischer Lösungsvorschläge ∙ von einem erfahrenen Praktiker

Inhalt: Haftungsrisiko ComplianceCompliance-Organisation im Unternehmen

∙ Anforderungen an die Kommunikation ∙ Compliance als

integrierter Teil der Geschäfts- und Personalprozesse ∙ Auf klärung und

Ahndung von Compliance-Verstößen ∙ Zusammenarbeit mit Dritten ∙

Compliance in Lieferketten; Zielgruppe: Für Vorstände, Geschäftsführer,

Unternehmensjuristen und Rechtsanwälte, die sich mit Compliance befassen.

Praxiswissen

Compliance

Erfolgreiche Umsetzung im Unternehmen

von Tilman Eckert

Verlag: Haufe-Lexware, 190 S.

ISBN-13: 978-3648049587

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Compliance

für KMU

Praxisleitfaden für den Mittelstand

von Prof. Dr. Stefan Behringer u. a.

Verlag: Erich Schmidt Verlag, 272 S.

ISBN-13: 978-3503138968

€ 29,95

Der Autor erklärt alles Wichtige zu Themen wie dem Umgang mit Geschenken,

Einladungen und Sponsoring, Datenschutz, Risikoanalysen,

Arbeitssicherheit, Umweltschutz und den Compliance-Besonderheiten im

Vertrieb und im Einkauf.

Inhalte: ∙ Zunehmende Bedeutung von Compliance und die Erfolgsfaktoren

bei der Umsetzung ∙ Rechtsfolgen bei Verstößen ∙ Die konkrete Gestaltung

eines Compliance-Management-Systems ∙ Compliance Risk Assessments,

-Schulungen, -Maßnahmenpläne, -Audits ∙ Compliance-Richtlinien,

-Arbeitsanweisungen und -Prozesse, Geschäftspartner-Checks ∙ Korruptionsbekämpfung,

Compliance im Vertrieb und Einkauf, Datenschutz,

Arbeitsrecht, Verbandstätigkeit, Lobbying, u.v.m.

Arbeitshilfen online: ∙ Checklisten ∙ Aufgaben- und Stellenbeschreibung

Compliance Officer ∙ Mindestelemente für Compliance-Programm etc.

Compliance – auch der Mittelstand ist gefordert: Schätzungsweise 11.000

Regeln und Dokumentationspflichten muss ein Unternehmen heutzutage

einhalten. Die konsequente Verfolgung und Sanktionierung von Wirtschaftskriminalität

bringt auch den Mittelstand verstärkt unter Handlungsdruck,

ebenso wie neue Haftungsfragen für Geschäftsführer, Vorstandsmitglieder

und Prokuristen von KMU.

Wie können mittelständische Unternehmen bei der zunehmenden Regelungsdichte

den Überblick behalten Wie wird das Unternehmen vor

Risiken und Schäden durch Non-Compliance geschützt Ist man darauf

vorbereitet, im Verdachtsfall rechtssicher zu handeln

Gerade KMU, die nicht auf konzerneigene Compliance-Abteilungen zurückgreifen

können, müssen rechtzeitig ein systematisches und wirksames

Compliance-Management auf bauen. Der vorliegende Band präsentiert die

wesentlichen Elemente für erfolgreiche KMU-Compliance.

globalcompact Deutschland 2014

27


Agenda

Quo vadis, Klima

Das weltweite Wirtschaftswachstum basiert auf billiger Energie und die ist überwiegend fossiler

Natur. Das heizt das Klima immer stärker auf. Alle Beteiligten wissen, dass es mit dem Ausstoß

an Klimagasen so nicht weitergehen kann. Die Konsequenz heißt Einschränkung. Einschränkung

bedeutet aber Verzicht, und das fällt dem Menschen bekanntlich schwer. Die Konfliktlinien sind

seit Jahren festgefahren: Die Entwicklungsländer fürchten, dass Klimaschutz die Energiekosten

deutlich verteuern und so ihren Bürgern die Chance genommen wird, ihrerseits zu Wohlstand

zu kommen. Außerdem argumentieren sie, dass Industrienationen bereits seit 150 Jahren das

Klima schädigen. Sie fordern daher, dass die reichen Länder den Wandel der armen finanzieren

sollen. Wozu viele Industrieländer durchaus bereit sind, allerdings wehrt man sich dagegen, dass

beim Thema Bezahlen plötzlich große Klimasünder wie China, Indien oder Brasilien sich nicht als

Geber-, sondern weiterhin als Empfängerländer sehen. Und wenn es um Überwachung und Einhaltung

internationaler Beschlüsse geht, wollen sich viele Staaten nicht von außen reinregieren

lassen, sondern fürchten um ihre Souveränität. Diesen gordischen Knoten zu entflechten, wird

der anstehenden Klimakonferenz in Paris Ende 2015 überlassen. Ob dies gelingt, bleibt abzuwarten,

aber ein Scheitern wie in Kopenhagen 2009 ist politisch auch nicht erwünscht. Politik ist die

Kunst des Möglichen, hat Reichskanzler Bismarck gesagt. Was möglich wäre, diskutieren wir mit

dem Klimaexperten Mojib Latif. Darüber hinaus zeigen wir zahlreiche pfiffige Lösungen aus der

Wirtschaft sowie einen praktischen Klimacheck für Unternehmen.

28 globalcompact Deutschland 2014


Klimawandel

globalcompact Deutschland 2014

29


Agenda

„Wir haben so lange

nichts getan, dass dem Klima

mit Trippelschritten

nicht gedient ist“

Was können wir von den anstehenden Klimakonferenzen erwarten Wie wird

der Klimawandel hierzulande aussehen Welche Rolle spielt die Energiewende

Wir sprachen darüber mit Professor Dr. Mojib Latif.

Die Energie- und Klimapolitik der EU stößt auf geteiltes Echo.

Das zeigen auch die Ergebnisse des EU-Klimagipfels in Brüssel im

Oktober 2014. Ist Europa in der internationalen Klimapolitik noch

Motor oder eher Bremse

Prof. Dr. Mojib Latif: Europa spielt weder in der einen noch

in der anderen Richtung eine herausgehobene Rolle. Bei den

jüngsten Verhandlungen ist ziemlich deutlich geworden,

dass es starke nationale Interessen gibt. Großbritannien beispielsweise

scheint sich ganz der Atomkraft verschrieben zu

haben und torpediert deshalb alle Effizienzziele. Und dann

ist da noch Polen als das Kohleland schlechthin. Der jetzige

Kompromiss sieht mindestens 40 Prozent weniger CO 2

sowie

27 Prozent Anteil erneuerbarer Energien und genauso viel

mehr an Energieeffizienz vor. Was aber viele nicht wissen

ist, dass immer noch der Europäische Rat, das Gremium der

Regierungschefs, mit der Thematik befasst ist. Selbst, wenn

die EU-Kommission irgendetwas beschließt, kann das im

Europäischen Rat immer noch gekippt werden, weil dort das

Einstimmigkeitsgebot gilt. Dort können Länder wie Polen oder

auch Großbritannien jedes Klimaziel blockieren. Deswegen

finde ich den EU-Kompromiss etwas faul.

Vieles wird derzeit mit Blick auf die UN-Klimakonferenz Ende 2015

in Paris diskutiert. Dazu eine Frage an den Realisten Professor Latif

und an den Utopisten Professor Latif. Was glauben Sie, wird in Paris

erreicht, und was wünschen Sie sich, was Paris erreichen soll

Latif: Dort werden zwar Ziele vereinbart werden, aber ob

die am Ende dann wirklich zum Klimaschutz taugen, wage

ich zu bezweifeln. Im Prinzip ist ja die Situation ähnlich wie

2009 in Kopenhagen, und dort ist man grandios gescheitert.

Diese Blöße wird man sich jetzt nicht mehr geben. In Paris

wird es ein Abschluss-Dokument geben, aber das wird so viele

Hintertüren haben, dass es uns letzten Endes nicht groß weiterbringen

wird. Ich erinnere nur an den Weltwirtschaftsgipfel

in Heiligendamm 2007. Damals hieß es in der Erklärung „Wir

erwägen ernsthaft, den Ausstoß von Treibhausgaben bis zur

Mitte des Jahrhunderts zu halbieren.“ Wer der deutschen

Sprache mächtig ist, der weiß, dass man sich da praktisch auf

nichts verständigt hat. Ich nehme an, so wird das jetzt Ende

2015 auch in Paris laufen. Die Politik wird das als Durchbruch

feiern, aber ich bin ein Mann der Zahlen, und ich sehe nur

das, was tatsächlich passiert: Seitdem sich die Weltpolitik seit

Beginn der 1990er mit dem Thema Klimawandel beschäftigt,

30

globalcompact Deutschland 2014


Klimawandel

ist der CO 2

-Ausstoß um über 60 Prozent gestiegen. Das spricht

eine ganz eigene Sprache. Anspruch und Wirklichkeit klaffen

doch ziemlich weit auseinander. Der Utopist glaubt, dass letzten

Endes die technologische Entwicklung bei den erneuerbaren

Energien so schnell vorangehen wird, dass sich diese ganzen

Konferenzen irgendwann von alleine erledigen.

Wie beurteilen Sie die Verhandlungspositionen der USA und Chinas

Manche sagen, von dort kommt Bewegung, andere sind reservierter.

Latif: Die Frage ist, wie man Bewegung definiert. Weder

die USA noch China werden kategorisch ablehnen, ihren

Ausstoß von Treibhausgasen zu reduzieren. Die Frage ist nur,

wie stark, und ich gehe davon aus, dass das jeder selbst bestimmen

will. Das ist die Bewegung. Außerdem wird es jede

Menge Zahlenspiele geben: Die USA werden wahrscheinlich

das Basisjahr anders definieren als wir in Europa. Statt 1990

werden sie auf 2005 als Basisjahr drängen. Das macht für sie

die Reduzierungen einfacher. Ich will nicht sagen, dass der

UN-Gipfel in Paris keine Bewegung bringen wird, aber das

gegenwärtige Schneckentempo bei den Klimaverhandlungen

entspricht überhaupt nicht der Dramatik des Klimawandels.

Wir haben so lange nichts getan, dass dem Klima mit Trippelschritten

nicht mehr gedient ist.

Welchen Einfluss nehmen da eigentlich Wissenschaftler auf die politischen

Verhandlungen Werden sie gehört

Latif: Ja natürlich. Dafür gibt es ja die Berichte des Weltklimarates

IPCC. Da steht alles drin und das wird auch nicht bestritten.

Aber Politik ist, wie man so schön sagt, die Kunst des

Machbaren. Leider hat das, was bisher ausgehandelt wurde,

in keinster Weise ausgereicht, den Herausforderungen des

Klimawandels gerecht zu werden.

Wird es so etwas wie einen Kyoto-Folgeprozess geben

Latif: Ja, ich glaube schon. Es wird irgendein Nachfolgeabkommen

in Paris geben, aber, wie gesagt, mit vielen Ausnahmen,

was einfach der Tatsache geschuldet ist, dass man unbedingt

ein Abkommen braucht, denn noch einen Flop kann sich die

Weltpolitik nicht leisten. Das Abkommen soll dann 2020 in

Kraft treten, aber es wird vermutlich löchrig wie ein Schweizer

Käse sein. >>

globalcompact Deutschland 2014

31


Agenda

Klimawandel scheint Konsens und doch gibt es immer wieder Streit

unter Wissenschaftlern. Ist das nur ein Medienhype oder gibt es hier

wirklich noch grundlegende Debatten

Latif: Das ist eine reine Mediengeschichte. In der Wissenschaft

gibt es diesen Disput in keiner Weise.

Aber nicht nur außenstehende Klimaskeptiker sorgen für Misstöne.

Auch innerhalb der eigentlich überzeugten UN-Organisation IPCC

gibt es rund um den UN-Klimabericht immer wieder Streit. Können

Sie uns das erklären

Latif: Es gibt drei Berichte des IPCC. Der erste Teil sind die wissenschaftlichen

Grundlagen. Dort arbeite ich mit. Hier gibt es

keinen Disput. Im zweiten Teil geht es um die Auswirkungen.

Gerade die biologischen Folgen sind höchst umstritten, weil

es dazu auch nicht viele Daten gibt. Der dritte Teil behandelt

Anpassungs- und Vermeidungsstrategien. Das ist sehr politisch

und kontrovers, wie Sie sich vorstellen können.

Was ist die beste Strategie Da gibt es viele Möglichkeiten. Die

einen sagen: Wir brauchen „Carbon Capture Storage“, also die

CO 2

-Abscheidung und -Lagerung. Die anderen sagen: Es geht

auch ausschließlich über die erneuerbaren Energien. Da gibt

es Disput. Das will ich gerne einräumen. Aber dabei handelt

es sich um eine ökonomische Diskussion. Im Prinzip ist heute

der Weg ausschließlich über die erneuerbaren Energien immer

noch möglich, wenn wir das Klima auf einem halbwegs

akzeptablem Niveau stabilisieren möchten.

Immer wieder warnen Klimaforscher vor sogenannten Kipppunkten,

also Situationen, wo wir irreparable Schäden in Kauf nehmen. Auf

welche Kipppunkte haben Sie persönlich ein besonderes Augenmerk

Latif: Ich weiß aus meiner täglichen Arbeit, dass es solche

Kipppunkte gibt. Aber ob und wann sie eintreten, das kann

ich nicht sagen. Ich stehe mehr auf dem Standpunkt, dass wir

das System eigentlich gar nicht so gut verstehen, als dass wir

jetzt diese Kipppunkte wirklich identifizieren oder gar die

Schwellenwerte formulieren können, bei denen sie eintreten.

Das System ist nämlich viel zu komplex. Deswegen führen wir

ein gigantisches Experiment mit unserem Planeten durch und

warten ab, was passiert. Unwissenheit ist aber der beste Grund,

diesen Weg nicht zu weit zu gehen. Mir macht das, was ich

nicht weiß, mehr Angst als das, was ich weiß. Übrigens: Das

Ozonloch hat kein Wissenschaftler vorhergesagt.

In jedem Fall kann man aber sagen, dass wir eine globale Erwärmung

erleben. Ob zwei, vier oder gar sechs Grad Erwärmung: Auf was

müssen wir uns in Deutschland gefasst machen

Latif: Wenn man die Entwicklung der Emissionen der letzten

Jahrzehnte hochrechnet, dann sind wir auf einem Kurs von

mindestens drei, wahrscheinlich sogar vier oder fünf Grad

Erderwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts. Was bedeutet

das Unser Wetter wird extremer werden, d.h. auf der einen

Seite lange Trockenheit, auf der anderen Seite sintflutartige

Niederschläge. Der Meeresspiegel wird steigen. An unseren

Küsten könnte das durchaus ein Meter sein. Auch danach,

also jenseits des nächsten Jahrhunderts, geht es natürlich

weiter. Vielleicht sogar noch für Jahrtausende. Das Klima ist

sehr träge. Außerdem haben wir es mit der Versauerung der

Weltmeere zu tun. CO 2

landet zum Teil immer im Meer. Das

kann man nicht vermeiden. H 2

O und CO 2

ergibt H 2

CO 3

, d.h.

Kohlensäure, und deswegen versauern die Weltmeere. Wenn

das so weiter geht, dann tickt hier eine Zeitbombe in den

Ozeanen mit katastrophalen Folgen für die Meeresökosysteme.

32

globalcompact Deutschland 2014


Klimawandel

Nur, wenn wir es hinbekommen, überall kleinere, standortangepasste

Energieeinheiten zu haben, wird die Energiewende

so gelingen, dass sie auch ökonomisch von Vorteil ist. Und

das erfordert vor allem auch den Umbau der Stromnetze und

die weitere Entwicklung von Speichern.

Weiterer wichtiger Punkt ist aber auch die Reduktion des CO 2

-Ausstoßes

in der Industrie, im privaten Haushalt oder in anderen Bereichen.

Da kursieren ja immer wieder so Begriffe wie „Low Carbon“ oder gar

„Zero Carbon Industry“. Geht das überhaupt

Latif: Nein, kurzfristig nicht. Aber langfristig! Man müsste bis

2050 den weltweiten Kohlendioxid-Ausstoß um mindestens

50 Prozent verringern. Und dann praktisch auf null kommen

bis zum Jahr 2100. Wenn wir so einen langen Zeithorizont

von noch 85 Jahren betrachten, dann würde es mich wundern,

wenn man das nicht hinbekäme.

Vor zehn Jahren haben Sie bereits in einem Gastbeitrag im Global

Compact Jahrbuch über die verrinnende Zeit beim Thema Klimawandel

geschrieben. Seitdem ist der CO 2

-Ausstoß Jahr um Jahr gestiegen.

Warum kriegen wir Menschen eigentlich keinen Kurswechsel hin

Von der Wirtschaft und der Forschung erwartet man jetzt vor allem

Innovationen. Was wird gebraucht Wo würden Sie Schwerpunkte setzen

Latif: Wir müssen zeigen, dass die erneuerbaren Energien

durchaus einsatzfähig sind und dass man dadurch in Wohlstand

leben kann, wenn man auf die konventionellen Energien verzichtet.

Wenn man das in Deutschland wirklich hinbekommt,

hätte das so eine große Signalwirkung auf den Rest der Welt,

dass man dann tatsächlich eine Dynamik erreichen könnte,

die schließlich die Klimaverhandlungen überflüssig machen

würde. Alle würden sehen: Ja, man kann mit Sonne und Wind

viel besser und zu geringeren Kosten wirtschaften. Das sind

Rohstoffe, die nichts kosten. Wo gibt es das sonst Auf diesem

Weg hat Deutschland auch schon viel erreicht. Erneuerbare

Energien werden nicht mehr belächelt, sondern haben einen

Anteil von ca. 30 Prozent an der Stromerzeugung. Das hätte

noch vor zwanzig Jahren kein Mensch geglaubt und galt als

Utopie. Die Rahmenbedingungen müssen stimmen. Nur so

stimuliert man Innovation.

Latif: Das liegt einfach daran, dass die Bedrohung nicht

empfunden wird. Wir haben es hier mit einem langfristigen

Problem zu tun, dessen Auswirkungen in der Zukunft liegen.

Es gibt eine zeitliche Entkopplung von Ursache und Wirkung.

Wir haben aber auch eine räumliche Entkopplung: Wenn

etwa der Meeresspiegel steigt, dann bauen wir in Deutschland

halt die Deiche etwas höher. Die wahren Folgen tragen hauptsächlich

die Menschen in den Tropen, darunter Bangladesch

und die Inseln im Indischen Ozean. Das ist die räumliche

Entkopplung. Es wohnt uns Menschen inne, dass wir nur auf

das reagieren, was unmittelbar vor unserer Haustür passiert.

Der Klimawandel entwickelt sich schleichend, und hier sehen

wir Menschen nicht die Notwendigkeit, schnell zu handeln.

Dennoch hoffe ich, dass sich am Ende die Sichtweise des Utopisten

Professor Latif durchsetzt.

Latif: Ja, das hoffe ich auch. Das ist aber eigentlich für mich

gar keine Utopie. Ich glaube fest daran.

Wir danken Ihnen herzlich für das Gespräch!

Sehen Sie, dass wir die Energiewende und die lokale Erzeugung in

naher Zukunft noch als echten Wettbewerbs- und Standortvorteil

erleben werden

Latif: Ja, ich denke um das Jahr 2020. Ich habe dabei auch

die weltpolitische Lage – die Ukraine-Krise, der Konflikt im

Nahen Osten – im Blick. Wir geben in Deutschland heute

schon ca. 100 Mrd. Euro für Energieimporte aus, und ich kann

mir nicht vorstellen, dass diese Kosten sinken werden. Sie

werden langfristig steigen. Erneuerbare Energien machen aber

nur Sinn, wenn sie dezentral zum Einsatz kommen. Große

Stromautobahnen von den riesigen Windparks in der Nordsee

zum Verbraucher in Bayern sind unvernünftig.

Zur Person:

Prof. Dr. Mojib Latif ist Leiter des Forschungsbereichs Ozeanzirkulation und

Klimadynamik am GEO-MAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel.

Er ist in Deutschland einer der meistgefragten Klimaexperten.

Das Gespräch führte Dr. Elmer Lenzen.

globalcompact Deutschland 2014

33


Agenda

Kohlenstoff braucht

einen Preis!

Ein Kommentar von Georg Kell

Einen Preis für Kohlenstoff festzulegen, der die Belastung

fossiler Brennstoffe für den Planeten und seiner Bewohner

widerspiegelt, ist wohl der markanteste Schritt, den wir ergreifen

können, um die Treibhausgas-Emissionen zu begrenzen

und dem Klimawandel entgegenzutreten. Ein Preis würde

ein Signal an Unternehmen und Investoren senden, dass

erneuerbare Energien und kohlendioxidarme Projekte in der

Tat sehr profitabel sein können. Zudem würde dieser Schritt

gleiche Wettbewerbsbedingungen schaffen und die Akteure,

die sich schon frühzeitig engagiert haben, nicht bestrafen.

Regierungen in aller Welt beginnen, ihre Verantwortung zu

übernehmen. Nationale und regionale Märkte, die einen fairen

Preis auf CO 2

ausschreiben, werden immer zahlreicher. Im

Jahr 2015 werden nach Ansicht von Experten Länder mit CO 2

-

Märkten mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung vertreten.

China plant für 2016 den Roll-out eines nationalen Marktes,

der die Aktivitäten des aktuellen Marktführers Europäische

Union in den Schatten stellen könnte. Kohlendioxidsteuern

– ein alternatives Mittel zur Festlegung der CO 2

-Preise – sind

ebenfalls auf dem Vormarsch.

Unternehmen spielen seit Langem eine zentrale Rolle beim

Klimawandel, sowohl als Verursacher als auch als Lösungsanbieter.

Sie arbeiten gemeinsam mit den politischen Entscheidungsträgern

auf nationaler und internationaler Ebene

an Lösungen, und eine wachsende Zahl von ihnen legt ihre

CO 2

-Bilanzen offen und investiert in kohlenstoffarme Anlagen.

Leider ist die Reduzierung der Emissionen im Vergleich zu

ihrem gesamten CO 2

-Fußabdruck eher klein.

Wer die Zeichen der Zeit zu deuten vermag und den Blick auf

die wachsende staatliche Regulierung der Kohlenstoff-Nutzung

und den großen Schaden lenkt, den ungehinderter Klimawandel

auf Produktionsanlagen und die finanziellen Planungen verursacht,

sieht Handlungsbedarf. Daher sind Großunternehmen

schon heute interessiert daran zu bestimmen, was in Zukunft

ein fairer Preis für Kohlenstoff sein könnte, und diesen in

die interne Kostenplanung einzubeziehen. Eine CDP-Studie

im Jahr 2013 ergab, dass mehr als 100 Unternehmen – die

meisten von ihnen große Energieerzeuger und / oder -nutzer

– bereits solche Schätzungen einbeziehen, um Risiken und

Chancen zu erkennen oder aber als Anreiz für die Steigerung

der eigenen Energieeffizienz.

Eine große Anzahl von multinationalen Unternehmen bereitet

sich darauf vor, Maßnahmen zur CO 2

-Preisgestaltung zu

ergreifen. Insbesondere erfolgt dies durch die Unterzeichnung

der „Business Leadership Criteria on Carbon-Pricing“, die von

der Caring for Climate-Initiative zusammengestellt wurde. Das

Versprechen beinhaltet drei Dimensionen: die Integration von

Kohlenstoff-Kosten in die langfristigen Unternehmensstrategien

und Investitionsentscheidungen, verantwortliche politische

Lobbyarbeit für die Bedeutung der Kohlenstoff-Einpreisung

und die öffentliche Kommunikation ihrer Fortschritte.

Die beiden zuletzt genannten Kriterien sind wesentlich. Die

traurige Wahrheit ist nämlich, dass einige Unternehmen sich

hinter den Kulissen dafür stark machen, jegliche regulatorischen

Änderungen – einschließlich derjenigen, die einen

Preis für Kohlenstoff lancieren würden – zu verhindern. Zu

viele reden immer noch mit zwei Zungen: Einerseits unterstützen

sie saubere Techniken in ihren Nachhaltigkeitsreden,

andererseits betreiben ihre Bevollmächtigten Lobbyarbeit für

die Freiheit zum ungezügelten Verschmutzen.

Zur Person:

Georg Kell ist Executive Director

UN Global Compact.

Auszug seines „Action Statements“

während der

UN Climate Week 2014.

34

globalcompact Deutschland 2014


Klimawandel

Der UN-Klimaprozess

Der Prozess hinter dem fünften Bewertungsbericht (AR5) der

zwischenstaatlichen Gruppe für Klimawandel der Vereinten Nationen

(IPCC)

Niederschlag

Arktisches sommerliches Meereseis

Auswirkung auf die Jahreszeiten

CO 2 -Konzentration

Erwärmung der Meere

pH-Wert der Meere

Hitzewellen

Oberflächentemperatur

Gletscherschmelze

Meeresspiegelanstieg

830 Experten

aus 85 Ländern, spezialisiert auf:

Meteorologie · Physik · Ökologie · Ingenieurtechnik · Sozialwissenschaften

· Wirtschaft · Ozeanologie · Statistik

Arbeitsgruppen

Natur-

Klimawandel-

Vermeidung des Synthese-

AG1 wissenschaften AG2 Auswirkungen AG3 Klimawandels bericht

Erste Entwürfe und Überprüfungen

Zweite Entwürfe und Überprüfungen

Finale Entwürfe

Finale Sitzungen zur Genehmigung

Banken- und Versicherungswesen

Tourismus

Industrie

Gesundheitswesen

Militär und Sicherheit

Energiewirtschaft

Fischfang

Landwirtschaft

Rohstoffwirtschaft

Stadtplanung und Transport

Quelle: IPCC, Adaption: macondo publishing

globalcompact Deutschland 2014

35


Agenda

Klimacheck für

Unternehmen

Unternehmen in Deutschland stehen aufgrund des voranschreitenden Klimawandels vor vielfältigen

neuen Herausforderungen. Der vor Kurzem veröffentlichte fünfte Sachstandsbericht

des Weltklimarates hat erneut eindringlich darauf hingewiesen, dass der Klimawandel durch

steigende Temperaturen, veränderte Niederschlagsmuster und eine Zunahme der Häufigkeit

und Intensität von Extremwetterereignissen weitreichende Auswirkungen haben wird.

Von Jonas Savelsberg und Christian Kind

Unternehmen und unternehmerische Aktivitäten werden

davon ebenso betroffen sein wie die öffentliche Versorgung

oder private Haushalte. Auch eine aktuelle Studie des Beratungsunternehmens

PWC zeigt, dass viele US-amerikanische

Investoren Folgen des Klimawandels als wichtigen Risikobereich

ansehen, sich aber bisher durch Unternehmen unzureichend

mit Informationen zu deren Betroffenheit durch Klimarisiken

versorgt sehen. Das Rating-Unternehmen Standard & Poor’s

sieht den Klimawandel weltweit als einen zentralen Faktor

für die Entwicklung ökonomischer Risiken und als starken

Einflussfaktor auf die Kreditwürdigkeit einzelner Staaten.

Neben einem weiteren Vorantreiben des Klimaschutzes ist es

insbesondere für global vernetzte Unternehmen von herausragender

Bedeutung, zu prüfen, welche Risiken entlang der

gesamten Wertschöpfungskette durch den Klimawandel für

sie entstehen und wie sie diese Risiken mindern und möglicherweise

entstehende Chancen nutzen können.

Welche Auswirkungen wird der Klimawandel auf Unternehmen

in Deutschland haben

Der Klimawandel kann vielfältige Auswirkungen auf unternehmerische

Wertschöpfungsprozesse haben. Extremwetterereignisse

wie Starkniederschläge, Hochwasser sowie Hagel

oder Stürme können zu Schäden an Lagerbeständen, Produktionsstätten

und -flächen sowie weiterer Infrastruktur führen.

Hitzewellen können sowohl Einfluss auf die Leistungsfähigkeit

von Mitarbeitern als auch auf die Wasserverfügbarkeit für

Produktionsprozesse und die Prozesskühlung haben.

Im Rahmen der Rekordsommer in den Jahren 2003 und 2006

hatte die Energiewirtschaft in Deutschland beispielsweise

aufgrund hoher Wassertemperaturen bereits mit Problemen

bei der Kühlwasserentnahme für große Kohle- und Atomkraftwerke

zu kämpfen – einige Kraftwerksblöcke mussten

zeitweise außer Betrieb genommen werden.

Aufgrund der durch den Klimawandel erwarteten Zunahme

der Häufigkeit und Intensität sommerlicher Hitzewellen ist

davon auszugehen, dass solche Probleme ohne eine Anpassung

der Kühltechnik weiter zunehmen werden. In Großbritannien

wird der Klimawandel vor allem dazu führen, dass vermehrt

Starkregenereignisse auftreten. Als Reaktion auf diese veränderten

Rahmenbedingungen hat ein britischer Wasserversorger

Maßnahmen zum Management von Klimarisiken in seine Strategie-

und Unternehmensplanung aufgenommen. Entsprechend

seines Kerngeschäfts hat er dabei insbesondere Maßnahmen

zum Schutz der Wasserqualität, zur Erweiterung der Kapazitäten

des Kanalnetzes sowie zum Hochwasserschutz entwickelt.

Diese werden nun schrittweise in allen Standorten umgesetzt.

Der Klimawandel hat jedoch nicht nur direkte Auswirkungen

auf Unternehmen. Durch extremwetterbedingte Störungen

der öffentlichen Versorgung oder der Verkehrsinfrastruktur

kann es zu Versorgungsunterbrechungen und Lieferengpässen

36

globalcompact Deutschland 2014


Klimawandel

kommen. Insbesondere Unternehmen, die auf eine Just-intime-Produktion

setzen, sind im Falle einer Unterbrechung der

Versorgung mit wichtigen Produktionsinputs in besonderem

Maße durch den Klimawandel betroffen.

Auch wenn der Klimawandel in Deutschland bereits heute

spürbar ist und klimabedingte Unternehmensrisiken innerhalb

der Bundesrepublik in den kommenden Jahrzehnten voraussichtlich

weiter zunehmen werden, kommt Auswirkungen des

Klimawandels auf Zulieferbetriebe aufgrund global vernetzter

Wertschöpfungsketten eine besondere Bedeutung zu. Gerade

Unternehmen, die ihre Produktionsinputs nur von einer kleinen

Anzahl oder regional konzentrierten Zulieferbetrieben

beziehen, sind daher zusätzlichen Risiken ausgesetzt.

So hatten etwa großflächige Überschwemmungen in Thailand

im Jahr 2011 gravierende Auswirkungen auf eine Vielzahl von

Zulieferern der Elektronikindustrie, wodurch die weltweite

Produktion von Festplatten temporär um bis zu 30 Prozent

einbrach. Einzelne Unternehmen waren daraufhin mit Umsatzeinbußen

von bis zu sieben Prozent konfrontiert. Besonders

in Unternehmen, die auf Produktionsinputs aus stark

durch den Klimawandel betroffenen Ländern oder Regionen

angewiesen sind, ist eine zunehmende Betroffenheit durch

den Klimawandel zu erwarten.

Um Risiken entlang der Wertschöpfungskette zu minimieren

hat ein britischer Lebensmittelproduzent sich zum Ziel gesetzt,

langfristige Geschäftsbeziehungen mit seinen Zulieferern zu

etablieren. Hierfür unterstützt er Landwirte aus Entwicklungsländern

mit der Bereitstellung von Informationen zu klimabedingten

Einflüssen auf die landwirtschaftliche Produktion

und zu passenden Risikomanagementmaßnahmen auf einem

firmeneigenen Onlineportal.

Welche Chancen birgt der Klimawandel

Neben den aufgeführten Risiken bringt der Klimawandel jedoch

gleichzeitig auch Chancen für solche Unternehmen mit sich,

die neue Technologien oder Strategien für den Umgang mit

klimabedingten Veränderungen entwickeln. Globale Märkte

für Umwelttechniken wie Technologien zum Wassermanagement,

zur Wertstoffrückgewinnung oder für Energieeffizienz

werden ebenso wie der Markt für Technologien zum Schutz

vor Extremwetterereignissen in Zukunft voraussichtlich weiter

wachsen. Unternehmen, die den Klimawandel und seine Folgen

bereits heute in ihren Geschäftsmodellen berücksichtigen,

werden solche Chancen nutzen und durch die rechtzeitige

Adressierung von Klimarisiken wichtige Wettbewerbsvorteile

erzielen können.

Ein großes Chemieunternehmen hat so etwa Produkte entwickelt,

die Küstensiedlungen dabei helfen, ihre Deiche zu

schützen. Dafür wird eine flexible Deckschicht aufgetragen,

welche die Kraft brechender Wellen aufnimmt und die Wassermassen

abbremst. Forscher des gleichen Unterneh- >>

globalcompact Deutschland 2014

37


Agenda

mens entwickeln außerdem stresstolerante Pflanzen, die mit

geringeren Wassermengen auskommen und so dazu beitragen,

Ernteausfälle in Dürreperioden zu reduzieren. In einem dritten

Bereich testet das Unternehmen im Rahmen eines Wiederbewaldungsprojektes

in Südamerika spezielle Baumarten, die

eine höhere Wasserhaltekapazität haben.

Welche Prozesse auf Bundesebene sind für Unternehmen

relevant

Die Anpassung an mögliche Folgen des Klimawandels hilft

dabei, klimabedingte Risiken zu mindern und die Wettbewerbsfähigkeit

von Unternehmen zu bewahren. Fehlendes

Wissen und mögliche Wahrnehmungsbarrieren und daraus

resultierende Fehleinschätzungen klimabedingter Risiken

können die Durchführung von Maßnahmen, die im besten

Interesse eines Unternehmens liegen, jedoch verhindern. Auf

Bundesebene wurde daher bereits frühzeitig ein umfangreicher

politischer Prozess zur Anpassung Deutschlands an den

Klimawandel angestoßen. Eines der primären Ziele dieses

Prozesses besteht darin, Grundlagen bereitzustellen, die es

Unternehmen und anderen Akteuren wie Kommunen und

Privatpersonen erlauben, vorsorgend zu handeln und Auswirkungen

des Klimawandels schrittweise in ihr Planen und

Handeln einzubeziehen.

Als politisches Rahmenwerk wurde im Jahr 2008 die Deutsche

Anpassungsstrategie an den Klimawandel (DAS) verabschiedet.

Ziel dieser Strategie ist es, „die Verwundbarkeit gegenüber den

Folgen des Klimawandels zu mindern bzw. die Anpassungsfähigkeit

natürlicher, gesellschaftlicher und ökonomischer

Systeme zu erhalten oder zu steigern“. Die DAS basiert auf einer

ersten Analyse der Verwundbarkeit Deutschlands gegenüber

dem Klimawandel in verschiedenen Handlungsfeldern wie

Wasserwirtschaft, Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Tourismus

oder Verkehr. Im Jahr 2011 wurden dann im Rahmen eines

auf der DAS aufbauenden Aktionsplans bereits laufende Maßnahmen

der Anpassung an die Folgen des Klimawandels

gebündelt und weitere Schritte festgelegt.

Einer dieser Schritte sieht die Aktualisierung der ersten Analyse

zur Verwundbarkeit Deutschlands gegenüber dem Klimawandel

vor. Hierfür haben sich sechzehn Bundesoberbehörden und

-institutionen im „Netzwerk Vulnerabilität“ zusammengeschlossen

und werden dabei inhaltlich und organisatorisch

von einem Konsortium verschiedener Forschungseinrichtungen

begleitet. Die Ergebnisse dieser Forschung, die auch Bereiche

wie Industrie und Gewerbe, die Energie- und Tourismuswirtschaft,

Forst- und Landwirtschaft oder auch die Finanzwirtschaft

umfassen, werden Anfang 2015 erscheinen.

Wo finden Unternehmen Unterstützung für den Umgang

mit den Folgen des Klimawandels

Wissen über das Ausmaß des Klimawandels stellt einen

zentralen Ausgangspunkt für die Abschätzung möglicher

Klimarisiken dar. Zwei umfassende Informationsangebote zu

diesem Thema werden durch den Deutschen Wetterdienst in

Form des Klimaatlas und durch die Helmholtz-Gemeinschaft

mit dem Regionalen Klimaatlas zur Verfügung gestellt. Hier

erhalten Nutzer Einblick in mögliche Entwicklungen des

Klimas in Deutschland bis zum Ende des Jahrhunderts. Angaben

zur Spannbreite dieser Entwicklungen erlauben – trotz

Unsicherheiten etwa bezüglich der in Zukunft ausgestoßenen

Klimagase – eine plausible Abschätzung des Entwicklungskorridors

des Klimas. Dargestellt werden detaillierte Informationen

zur möglichen Entwicklung der Lufttemperatur, des

Niederschlags und zahlreicher daraus abgeleiteter Parameter

wie Tage mit Frosttemperaturen, die insbesondere für die

Land- und Forstwirtschaft von Interesse sind.

Das Ausmaß von Klimarisiken ist nicht allein durch klimatische

Veränderungen sondern ebenso durch die Anfälligkeit

eines Systems, etwa eines Unternehmens gegenüber dieser

Veränderung, bedingt. Für die Bestimmung von Klimarisiken

reicht daher eine Fokussierung auf klimatische Veränderungen

allein nicht aus. Ein besonders umfangreiches Angebot

zur Abschätzung unternehmensbezogener Risiken stellt das

Bundeswirtschaftsministerium in Form des Klimachecks zur

38

globalcompact Deutschland 2014


Klimawandel

Verfügung. Diese von adelphi und der Prognos AG entwickelte

Anpassungshilfe erlaubt es, wichtige Klimarisiken entlang

der gesamten Wertschöpfungskette zu identifizieren und zu

bewerten. Sie besteht aus einem Excel-Tool und einem mit

zahlreichen Hintergrundinformationen unterlegten Leitfaden.

Der Klimacheck hilft Unternehmen dabei, Prozesse zur Identifikation

von und zum Umgang mit Klimarisiken anzustoßen.

Er leitet den Nutzer dabei durch eine Reihe von aufeinander

auf bauenden Arbeitsmodulen, welche Schritt für Schritt

dabei helfen, wichtige durch den Klimawandel bedingte Beschaffungs-,

Prozess-, Management-, und Nachfragerisiken zu

identifizieren. Ein umfangreiches Portfolio möglicher Klimarisiken

erlaubt dabei auch Nutzern, die nicht mit der Thematik

des Klimawandels vertraut sind, einen guten Überblick über

relevante Risiken zu gewinnen. Anschließend unterstützt

der Klimacheck den Nutzer bei der Bewertung von Eintrittswahrscheinlichkeit

und Schadensausmaß der identifizierten

Adaptionsstrategien

Aufgrund der Menge der in den letzten Jahrzehnten ausgestoßenen

Treibhausgase und der hohen Verweildauer

dieser Gase in der Atmosphäre kann der Klimawandel

kurz- und mittelfristig durch Anstrengungen zum Klimaschutz

nur noch in Teilen vermieden werden. Eine durch

erfolgreiche Klimaschutzbemühungen bedingte Umkehr

des Klimawandels ist erst im Zeitraum mehrerer Jahrzehnte

denkbar. Der Anpassung an die möglichen Folgen

des Klimawandels kommt daher in der nahen Zukunft eine

ähnlich wichtige Rolle wie dem Klimaschutz zu.

Risiken und ordnet jedem Risiko einen darauf basierenden

Risikoscore zu. Dieser erlaubt dann ein Ranking der Risiken.

Nach Durchlaufen aller Module des Klimachecks liegen für das

betrachtete Unternehmen Informationen darüber vor, welche

Risiken in naher Zukunft von Bedeutung sind. Abschließend

gibt der Leitfaden zum Klimacheck dem Nutzer Anregungen

für wichtige nächste Schritte an die Hand.

Weitere Informationen zu globalen Risiken des Klimawandels

finden sich beispielsweise in Form des „Globale Climate Risk

Index“ der Umweltorganisation Germanwatch oder der Karte

„Mapping the Impacts of Climate Change“ des Center for Global

Development. Zunächst mit einem Fokus auf den Klimaschutz

gegründet, stellt das Carbon Disclosure Project (CDP) basierend

auf Unternehmensbefragungen umfangreiche Informationen zu

Unternehmensstrategien zum Umgang mit den physikalischen

Risiken des Klimawandels zur Verfügung. Diese Informationen

sind ebenso wie Daten zu unternehmensspezifischen Treibhausgasemissionen

über die CDP-Datenbank abruf- und vergleichbar.

Welche Rolle spielt der UN Global Compact für den Umgang

mit Klimarisiken

Aufgrund der engen Vernetzung vieler Unternehmen in

globalen Wertschöpfungsketten und der großen Bedeutung

von Wissen zu möglichen Folgen des Klimawandels sowie zu

sinnvollen Anpassungsstrategien können CSR-Maßnahmen

einen wichtigen Hebel zur Anpassung an den Klimawandel

darstellen. Der denkbare Maßnahmenkatalog umfasst dabei

informatorische, strategische und handlungsbezogene Maßnahmen

zur Senkung des Energie-, Wasser- und Rohstoffverbrauchs

im eigenen Unternehmen sowie Maßnahmen zur

Unterstützung besonders verletzlicher Zulieferer.

Der UN Global Compact kann hierbei durch die Bereitstellung

von Wissen einen wichtigen Beitrag leisten. In Kooperation mit

adelphi hat das Deutsche Global Compact Netzwerk so bereits

Coachings zum Thema „Anpassung an den Klimawandel“ für

Wirtschaftsvertreter aus Deutschland durchgeführt. Dabei

wurde aufgezeigt, wie Unternehmen ihre Widerstandsfähigkeit

und Anpassungsfähigkeiten stärken und gleichzeitig neue

Marktchancen im Bereich der Anpassung an den Klimawandel

identifizieren können.

Aufgrund der zu erwartenden weiteren Zunahme klimabedingter

Risiken für Unternehmen kommt solchen Aktivitäten in

Zukunft eine wachsende Bedeutung zu. Auch wenn Maßnahmen

zur Anpassung an den Klimawandel bei einer kurzfristigen

Betrachtung kostspielig wirken können, kann ein Blick über

Quartals- und Jahreszahlen hinaus den langfristigen Nutzen

durch Risikoreduktion und Kosteneinsparungen offenbaren.

Das Kompetenzzentrum für Klimafolgen und Anpassung am

Umweltbundesamt (KomPass) bietet umfangreiche Beratungsleistungen

für unterschiedliche Akteure an und veranstaltet

regelmäßig branchenspezifische Workshops etwa für die Energiewirtschaft

oder die chemische Industrie. Der Internetauftritt

von KomPass auf der Webseite des Umweltbundesamtes bietet

außerdem vielfältige Hintergrundinformationen zu möglichen

Auswirkungen des Klimawandels sowie zu sinnvollen Maßnahmen

der Anpassung. Ergänzende Informationen zu der

Relevanz des Klimawandels für die deutsche Wirtschaft stellt

der vom Climate Service Center betriebene Klimanavigator in

einem umfangreichen Dossier unter dem Titel „Klimawandel

und Wirtschaft“ zur Verfügung.

Über die Autoren

Jonas Savelsberg ist Research Analyst im Themenbereich Klima und Energie bei

adelphi. Er bearbeitet vielfältige Fragestellungen aus den Themengebieten der

Umwelt-, Energie-, und Verhaltensökonomie und beschäftigt sich dabei unter

anderem mit möglichen Auswirkungen des Klimawandels auf Unternehmen

und insbesondere auf die Energiewirtschaft in Deutschland.

Christian Kind ist Senior Projektmanager bei adelphi. Sein fachlicher Fokus liegt

auf der Analyse und Gestaltung von Umwelt- und Klimapolitik mit einem Schwerpunkt

auf der Anpassung an Folgen des Klimawandels. Seine umweltökonomische

Expertise setzt er unter anderem für die Unterstützung der mittelständischen

Industrie beim Umgang mit Risiken des Klimawandels ein.

globalcompact Deutschland 2014

39


Agenda

Forschung:

CO 2

als nützlicher Rohstoff

Kohlendioxid hat einen schlechten Ruf, gilt es doch als Klimakiller schlechthin. Dabei könnte es

durchaus eines Tages in der chemischen Industrie das Erdöl ersetzen, das derzeit vor allem bei

der Kunststoffherstellung unverzichtbar ist. Auf dem Weg dorthin ist noch viel Forschung gefragt.

Der Haken ist nämlich: „CO 2

steht chemisch gesehen am Ende der Verbrennungskette und ist

deshalb besonders reaktionsträge und energiearm. Chemiker müssen daher tief in ihre Trickkiste

greifen, um das CO 2

zu mobilisieren“, so das BMBF.

Der Chemiepark Marl, nördliches Ruhrgebiet: Auf den ersten

Blick sieht das Werksgelände aus wie so viele in der Region.

Zwischen unzähligen Tankanlagen windet sich ein wahrer

Irrgarten aus metallenen Rohren, rote Backsteingebäude säumen

die Transportwege, und vereinzelt ragen riesige Kamine

in den blauen Himmel. Und doch gibt es einen signifikanten

Unterschied zu den meisten Betriebsstätten im Ruhrgebiet: hier

wird deutlich weniger Kohlendioxid in die Atmosphäre geblasen.

Der Grund: Im Chemiepark Marl wird das unerwünschte

Off-Gas wirtschaftlich genutzt – indem man hochreines CO 2

daraus gewinnt. Denn Kohlendioxid ist nicht nur ein Treibhausgas,

sondern auch ein marktfähiges Produkt. Das gilt zwar

nicht für die rund 950 Millionen Tonnen, die Deutschland

pro Jahr erzeugt. Diese Emissionen, die vorwiegend durch die

Verbrennung fossiler Energieträger entstehen, sind nur unter

erheblichem Aufwand zu verwertbarem Kohlendioxid aufzubereiten.

Anders verhält es sich allerdings mit CO 2

, welches

bei chemischen Prozessen entsteht. Wie etwa im Chemiepark

Marl, wo Vorprodukte für Shampoos, Waschmittel und andere

Reinigungsprodukte hergestellt werden. Hier gewinnt die

Linde Group CO 2

für den industriellen Gebrauch.

Doch was kann man mit Kohlendioxid anfangen Antworten

darauf gibt es ein paar Kilometer weiter bei Bayer in Leverkusen:

Eine zähe, kristallklare Flüssigkeit. Vorsichtig gießt Christoph

Gürtler sie aus, kippt eine gelbe Chemikalie dazu. Dann noch

etwas Wasser ins Laborglas, ein paar Tropfen Beschleuniger

und kräftig gerührt. Nach ein paar Sekunden steigt eine grüne

Masse nach oben. Sie quillt leicht über, wird hart – das Experiment

hat geklappt. „Das ist ein viel verwendeter Schaumstoff“,

sagt Gürtler. „Jetzt ist uns etwas Bahnbrechendes damit

geglückt – mit Hilfe dieser Zutat.“ Der Bayer-Forscher hebt

das Fläschchen mit der klaren Substanz hoch. „Hier steckt ein

ganz neuer Rohstoff drin: Kohlendioxid.“ Bislang wird solcher

Polyurethan-Schaumstoff – wie das meiste in der Chemie –

anders hergestellt, mit fossilen Ressourcen: Erdöl, Erdgas, Kohle,

Biomasse. Vier Lieferanten für rund 40 Basis-Chemikalien und

mehr als 40.000 chemische Produkte. Ihr Nachteil: Die Vorräte

sind begrenzt, sie werden immer teurer, und sie verschlingen

viel Energie bei der Auf bereitung in den Raffinerien. Anders

CO 2

: Es ist überall vorhanden und unbegrenzt verfügbar. Und

es besitzt wie Öl das wichtige Element Kohlenstoff, auf das es in

der Chemie ankommt. Der Klimakiller hat also das Zeug, sich

nützlich zu machen – daran arbeitet Bayer MaterialScience

mit Partnern aus Industrie und Wissenschaft in einer Reihe

von Projekten. „Möglich wurde das neue Verfahren aber erst

durch einen wissenschaftlichen Durchbruch“, erläutert Projektleiter

Gürtler. „Wir haben nämlich den passenden Katalysator

gefunden, nach dem die Fachwelt jahrzehntelang gesucht hat.“

Er ist nötig, um die Reaktion in Gang zu bringen. Dafür muss

man dem CO 2

einen Schubs geben, denn es ist chemisch träge

und geht von allein nur ungern Verbindungen ein.

Das weiß man auch beim Bundesministerium für Bildung

und Forschung (BMBF) in Berlin. Dort hat man einen mutigen

Vorschlag: „In einigen Fällen werden große Mengen Energie

benötigt. Sie müssen aus regenerativen Quellen kommen,

damit die Verfahren nachhaltig sind. Dabei lassen sich zwei

Fliegen mit einer Klappe schlagen. Denn es fehlt derzeit noch

an Speichern für Wind- oder Solarenergie, die künftig in Zeiten

eines Überangebotes in größerem Umfang ungenutzt bleiben

würden. Diese Energie könnte genutzt werden, um aus Wasser

per Elektrolyse Wasserstoff zu gewinnen und daraus mit CO 2

Methan herzustellen. Methan kann einerseits als chemischer

Grundstoff vielfältig weiterverarbeitet werden, zum Beispiel

zu Kunststoffen oder Kraftstoffen. Methan ist darüber hinaus

Hauptbestandteil von Erdgas und lässt sich deshalb unbegrenzt

in das Erdgasnetz einspeisen. Dieser Ansatz wird als

‚Strom-zu-Gas‘-Technologie bezeichnet. Auf diese Weise wird

elektrische Energie chemisch gespeichert.“

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globalcompact Deutschland 2014


Klimawandel

Beispiele

Reinigung

Kunststoff

Im Projekt „CO 2

als Polymerbaustein“ unter Federführung

von BASF gelang es, CO 2

als Baustein für die Herstellung

des Kunststoffs Polycarbonat zu nutzen. Die Forscher

entwickelten hierfür Katalysatoren, die frei von Edelmetallen

und nicht toxisch sind. Sie können im Kunststoff

verbleiben, ohne seine Eigenschaften zu beeinträchtigen.

Dadurch spart man zusätzliche energie- und ressourcenaufwendige

Aufarbeitungsschritte. Das CO 2

-haltige

Polymer Polypropylencarbonat (PPC) kann hervorragend

mit Biopolymeren verarbeitet werden, um die Eigenschaften

dieser aus Biomasse hergestellten Kunststoffe

zu verbessern. Außerdem ist es biologisch abbaubar.

Anwendungsbereiche für diese Materialien liegen unter

anderem bei Verpackungen und Spritzgussteilen, zum

Beispiel für Gehäuse von elektrischen Geräten.

Schaumstoff

Im Rahmen des Projekts „Dream Production“ erforscht

Bayer die Nutzung von CO 2

zur Produktion von Schaumstoff.

Aus nachhaltiger Sicht könnte so doppelter Nutzen

erzielt werden: In dem neuen Verfahren wird Kohlendioxid

doppelt genutzt. Zum einen wird das Treibhausgas

direkt in ein neuartiges Vorprodukt (Polyoxymethylen-

Polycarbonat-Polyol) eingebaut. Dadurch werden hier

20 Prozent Erdöl ersetzt. Zum anderen kommt das CO 2

indirekt ins Spiel: Damit lässt sich eine Chemikalie

herstellen, die dann wiederum in das Vorprodukt einfließt

und für die Einsparung von weiteren 20 Prozent

Erdöl sorgt. „Damit liegt der Anteil an alternativen

Rohstoffen bereits bei 40 Prozent“, betont Projektleiter

Dr. Christoph Gürtler.

Immer mehr Branchen entdecken die vorteilhaften

Eigenschaften des Gases. Etwa die Reinigungsbranche:

So hat zum Beispiel die Firma Cleaning Enterprises, eine

Tochtergesellschaft der Linde Group, ein Textilreinigungsverfahren

auf CO 2

-Basis entwickelt, das sie in Europa

unter dem Franchise-Label Fred Butler vermarktet. Der

Vorteil beim Einsatz von Kohlendioxid ist, dass auch bei

stark verschmutzter Wäsche auf schädliche Chemikalien

verzichtet werden kann. Denn aufgrund ihrer natürlichen

chemischen Eigenschaften binden die CO 2

-Teilchen die

Schmutzpartikel aus der Kleidung an sich und filtern

sie so aus den Textilien heraus. Anschließend werden

98 Prozent des „verschmutzten“ Gases wieder auf bereitet

und kommen dann bei der nächsten Wäsche erneut

zum Einsatz. Für diese gleichsam textilschonende wie

umweltfreundliche Innovation wurde Fred Butler mit

dem „Blauen Engel“ ausgezeichnet.

Lebensmittelindustrie

Die Reinigungsbranche ist nicht das einzige Geschäftsfeld,

in dem Kohlendioxid verwendet wird. Vor allem

in der Lebensmittelindustrie hat sich das Gas zu einem

unverzichtbaren Rohstoff entwickelt. So nutzen es Getränkeproduzenten

zum Beispiel, um Mineralwasser

und Limonade zu karbonisieren. Das wirkt nicht nur

erfrischend, sondern erhöht zudem die Haltbarkeit

des Getränks, da Kohlendioxid die Bildung schädlicher

Keime hemmt. Diesen Effekt machen sich auch die Verpackungshersteller

zunutze: Durch den Einsatz von CO 2

als Bestandteil von speziellen Lebensmittel-Gasgemischen

und luftdichten Schutzhüllen kann die Entstehung von

Bakterien und Schimmelpilze bei Obst- und Gemüse-

Frischwaren wirkungsvoll gemindert werden. Vor allem

aber als Kühlungsmittel hat sich das Treibhausgas bewährt.

Vom Frosten von Backwaren über das Einfrieren

von Fleischprodukten bis hin zur Transportkühlung wird

Kohlendioxid verwendet. Und in Form von Trockeneis ist

es heutzutage beim Catering von Sportveranstaltungen

und in Flugzeugen kaum noch wegzudenken.

Quellen: Dr. Elmer Lenzen, Umweltdialog.de, Bayer Material Science, BMBF

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Agenda

Effizienz:

Eisenmann Anlagenbau GmbH & Co. KG:

Biogas zu

Erdgas

Celiment GmbH:

Neuartiger Zement

schont Klima

IKU Preisträger 2013 IKU Preisträger 2011

Eisenmann hat eine kompakte, modulare Anlage bis

zur Marktreife entwickelt, die durch Membranfiltration

Biogas zu Biomethan in Erdgasqualität aufbereitet. Biogas

enthält etwa 55 Prozent Methan, der Rest besteht überwiegend

aus CO 2

. Für die Abtrennung von Methan wird

eine hochselektive Hohlfasermembran eingesetzt, die

von Evonik geliefert wird. Nach der Vorbehandlung des

Rohbiogases wird in einer dreistufigen Membranfiltration

der Methangehalt auf über 98 Prozent angereichert. Die

unerwünschten Begleitgase werden an die Umgebung

abgegeben. Das Aufbereitungsverfahren arbeitet abwasserund

abfallfrei. Die Anlage wird vormontiert und nach

Werksinbetriebnahme im Container geliefert.

Die Biogasaufbereitung bietet die Möglichkeit, das Gas in

das Erdgasnetz einzuspeisen und an einer anderen Stelle

über eine hocheffiziente Kraft-Wärmekopplung mit hoher

Wärmenutzung noch effektiver zu verwerten, als es bei

mehr als der Hälfte der deutschen Biogasanlagen – die

ohne Wärmenutzung betrieben werden – der Fall ist.

Eine weitere Einsatzmöglichkeit bietet die Nutzung von

Biomethan als Treibstoff.

Die erste Anlage dieser Art ging im Jahr 2012 an die Biopower

Nordwestschweiz AG in Pratteln. Jährlich vergären

dort in den Fermentern rund 15.000 Tonnen Biomüll zu rund

1,8 Millionen Normkubikmetern Rohbiogas. Auf bereitet

entsteht daraus Biomethan in Erdgasqualität, das von

regionalen Erdgastankstellen als regenerativer Kraftstoff

genutzt wird.

Klimakiller Bauwirtschaft Der CO 2

-Fußabdruck der Zementfabriken

ist viermal so groß wie der der Luftfahrt. Ein

Forscherteam in Karlsruhe hat ein Verfahren entwickelt,

das diesen Ausstoß halbiert. Dr. Peter Stemmermann,

Abteilungsleiter Mineralogie bei Celiment, erklärt das

Prinzip: „Das besondere ist: Wir kochen Zement in einer

Art Dampfkochtopf bei etwa 200 Grad. Bisher wird er bei

1.400 Grad gebrannt.“

Bei der herkömmlichen Zementproduktion entsteht aus

etwa der Hälfte des eingesetzten Materials Füllstoff und

nur aus der anderen Hälfte der wertvolle Kleber. Beim

Einsatz von Celiment entsteht tatsächlich nur der Kleber.

Folglich braucht man auch nur die Hälfte an Rohstoffen,

die man bei konventionellen Umständen einsetzt und

dank der Niedrigtemperaturerzeugung auch wesentlich

weniger Energie bei der Herstellung. Für die Produktion

mit Celiment wird nur halb so viel Energie verbraucht,

halb so viel CO 2

ausgestoßen und bis zu zwei Drittel

weniger Kalkstein verbraucht. Stemmermann: „Keiner

hat es geglaubt, aber es funktioniert.“

Das Klimapotenzial ist gewaltig: Zement hält sämtliche

Bauwerke aus Beton zusammen. Jedes Jahr stellen die

Zementwerke fast drei Milliarden Tonnen des Bindemittels

her. Dabei emittieren sie jährlich etwa ebenso drei Milliarden

Tonnen des Treibhausgases Kohlendioxid – dies

sind drei- bis viermal so viel wie der gesamte Flugverkehr

und damit etwa fünf bis sieben Prozent der weltweiten

Kohlendioxid-Emissionen.

„Die Anlage ermöglicht, den vollen Energiegehalt des

Biogases zu nutzen. Der auf bereitete Energieträger Biomethan

ist flexibel, speicherbar und CO 2

-neutral“, erklärt

Anke Schäffer, Biogasspezialistin, Eisenmann Anlagenbau

GmbH & Co. KG. „Mit einer auf das Biogas bezogenen Methanausbeute

von über 99 Prozent gibt es kaum Verluste.“

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globalcompact Deutschland 2014


Klimawandel

Aluminium Norf GmbH

Clever Aluminium

herstellen

Preisträger 2014

Im Rahmen einer feierlichen Preisverleihung auf dem dena-

Energieeffizienzkongress 2014 hat die Deutsche Energie-

Agentur (dena) die Aluminium Norf GmbH mit dem „Energy

Efficiency Award 2014“ ausgezeichnet. Das Unternehmen

mit Sitz in Neuss stellt in seinem Aluminiumschmelz- und

Walzwerk Vorprodukte für die Verpackungs-, Druck- und

Automobilindustrie her. Mit dem ersten Preis prämiert die

dena das Unternehmen für den großtechnischen Einsatz

energieeffizienter Glühöfen. Die über den Stand der Technik

hinausgehende Anlagentechnik sowie die computergesteuerte

Prozessregelung jedes einzelnen Aluminiumbandes

reduzieren den Energieeinsatz um 30,8 Millionen Kilowattstunden

pro Jahr (kWh/a).

verkettete Prozesse mit eingebundenen Wärmebehandlungsprozessen

betreiben. Es soll Unternehmen der Metallverarbeitungsbranche

anregen, innovative Energieeffizienzmaßnahmen

zu prüfen und erfolgreich umzusetzen.

Stephan Kohler, Vorsitzender der dena-Geschäftsführung:

„Die Preisträger des Energy Efficiency Awards 2014 zeigen die

Dynamik der Wirtschaft und den hohen Innovationsgrad bei

der Einführung energieeffizienter Produktionsbedingungen.

Sie machen deutlich, dass sich Energieeffizienzmaßnahmen

rechnen und zum echten Faktor für die Wirtschaftlichkeit

von Unternehmen geworden sind.“

Die Jury verleiht der Aluminium Norf GmbH den 1. Preis des

Energy Efficiency Awards 2014, weil das energieintensive

Unternehmen zahlreiche neue Ansätze für einen innovativen

Glühprozess über den Stand der Technik hinaus realisiert

hat. Modernste Anlagentechnik wie die computergesteuerte

Regelung des genauen thermischen Zustands jedes einzelnen

Aluminiumbands führten nachweislich zu einer erheblichen

Reduzierung des Energieeinsatzes. Innovative Technologielösungen

wie eine umfassende Prozessmesstechnik, eine

selektive Prozessregelung und -steuerung sowie eine kontinuierliche

Datenerfassung und -auswertung wurden konzertiert

eingesetzt. Exemplarisch zeigt das Beispiel der

Aluminium Norf GmbH für eine energieintensive Branche,

welche Optimierungspotenziale in langjährig etablierten,

vermeintlich durchoptimierten großindustriellen Prozessen

gehoben werden können.

Durch die innovativen Technologielösungen erhält das Projekt

über die Aluminiumindustrie hinaus Modellcharakter

für alle metallverarbeitenden Betriebe, die mehrstufige,

Und so funktioniert die Idee: Die Aluminium Norf GmbH

verfolgte das Ziel, walzwarme Aluminiumbänder ohne

Temperaturverlust zur weiteren Verarbeitung in Öfen einzufahren.

Ein Ansatz entgegen der bisherigen Praxis, bei

der vom Walzprozess erhitzte Aluminiumbänder auf unter

60 Grad Celsius abgekühlt und anschließend –zugunsten

prozesssicherer Bedingungen – wieder auf 480 Grad Celsius

Glühtemperatur aufgeheizt werden. Für dieses Ziel

errichtete das Unternehmen ein bisher industriell noch

nicht angewandtes Anlagenkonzept und realisierte den

großtechnischen Einsatz einer energieeffizienten Glühofenanlage

mit Schutzgasvorwärmung und einem übergeordneten

Steuerungskonzept. Der thermische Zustand

jedes Aluminiumbands und der energetisch ideale Betrieb

der Öfen sowie einzelner Brennerzonen werden computergesteuert.

Ein Temperaturmesskonzept nutzt die Regelung

der Einzelbrenner bei einer gleichzeitig verringerten Anzahl

von Brennern.

globalcompact Deutschland 2014

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Agenda

Innovation:

CO 2

-arme

Gewächshäuser

Deutscher Nachhaltigkeitspreis 2014

Hochleistungsbatterien

für

den Privathaushalt

Deutscher Nachhaltigkeitspreis 2014

Bei der Produktion von Pflanzen in Gewächshäusern

erfordert die Klimatisierung besonders viel Energie. Vor

dem Hintergrund steigender Energiekosten und des Klimawandels

suchen die Gartenbaubetriebe dringend nach

neuen Lösungen, mit denen sie den Verbraucherwunsch

nach bezahlbaren, aber zunehmend auch nachhaltig

produzierten Erzeugnissen bedienen können. Mit der

Zukunftsinitiative Niedrigenergiegewächshaus zeigt das

Forscherteam eines Konsortiums u. a. aus drei Universitäten

(HU Berlin, LU Hannover, TU München), wie regionale

Kreisläufe im Gartenbau- und Gewächshaussektor

etabliert werden können.

Das Forscherteam hat Lösungen entwickelt, um energieeffiziente

Gewächshäuser mit niedrigem CO 2

-Ausstoß zu

etablieren. Dazu werden technische und kulturtechnische

Maßnahmen an vier Standorten mit unterschiedlichen

Gewächshäusern kombiniert. Die optimierte CO 2

-Versorgung

der Pflanzen steigert den Ertrag um 20 % und

reichert gesundheitsfördernde Inhaltsstoffe an. Diese

können chronische Erkrankungen, wie z. B. koronare

Herzkrankheiten oder einige Krebsarten, unterdrücken.

Langfristiges Ziel ist es, bei der Pflanzenproduktion keine

fossilen Energien für die Beheizung von Gewächshäusern

mehr einzusetzen und so die fossilen CO 2

-Emissionen

auf null zu reduzieren. Dafür erhielt ZINEG 2014 den

Deutschen Nachhaltigkeitspreis. „Die Forscherinnen

und Forscher rund um ZINEG wollen weg von fossilen

Brennstoffen und liefern einen kreativen Lösungsansatz

für den Umgang mit der Ressource Energie. Wir hoffen,

dass die Auszeichnung weitere Forscherinnen und Forscher

zu Spitzenleistungen motiviert, die den Wandel zur

Green Economy so praxisnah vorantreiben“, so Stefan

Schulze-Hausmann, Initiator des Deutschen Nachhaltigkeitspreises.

Quellen / Autoren S. 40 – 49: Dr. Elmer Lenzen, Milena Strunz, eigene Recherchen,

IKU, dena, Deutscher Nachhaltigkeitspreis, BMBF, BAUM, Umweltdialog.de,

Firmenangaben.

Behagliche Wärme im Privathaushalt freut jeden. Allerdings

sind die Energiekosten sowohl finanziell als auch

für das Klima hoch. Etwa zwei Drittel der verbrauchten

Energie in Deutschland und anderen Ländern mit ähnlichem

Klima werden nur zur Wärmeerzeugung verbraucht.

Gleichzeitig werden im Schnitt zwei Mal so viel

Energie als Abwärme bei der Stromerzeugung (z. B. bei

Blockheizkraftwerken) und bei industriellen Prozessen

ungenutzt an die Umgebung abgegeben. Könnte man diese

Abwärmemengen zur Deckung des Wärmebedarfs nutzen,

wären enorme Einsparungen möglich. Eine Batterie zur

Wärmespeicherung ist gefragt!

Forscher der Leuphana Universität Lüneburg haben mit

der Thermischen Batterie einen kompakten Hochleistungswärmespeicher

für Ein- und Mehrfamilienhaushalte entwickelt,

der verlustarm etwa 80 Kilowattstunden Energie

über praktisch beliebig lange Zeiträume speichert. Dafür

wurden sie für den Deutschen Nachhaltigkeitspreis 2014

nominiert. Die Jury begründete: „Damit kann ein Niedrigenergiehaus

je nach Wetterlage über mehrere Tage bis

Wochen mit Heizwärme und warmem Trinkwasser versorgt

werden. Die Thermische Batterie unterscheidet sich von

herkömmlichen Wärmespeichern dadurch, dass sie nicht

Wasser, sondern chemische Reaktionen zur Wärmespeicherung

verwendet; als Trägermaterial wird Salz genutzt.

Das spart Platz und beugt Abwärmeverlusten vor, denn

die gespeicherte Energie kann bedarfsgerecht abgerufen

werden. Die Batterie eignet sich für die Hausanwendung

zur Speicherung der Abwärme aus einem Blockheizkraftwerk

oder Sonnenenergie aus Solaranlagen und lässt sich

auch nachträglich in bestehende Systeme integrieren.

Außerdem ist der Speicher kompakt gebaut. Er ist in etwa

so groß wie ein herkömmlicher Kühl- / Gefrierschrank. Im

Energiemix durch kommunale Energieversorger lassen

sich Thermische Batterien ebenfalls berücksichtigen;

durch zentral gesteuertes Lastmanagement lassen sich

(privat oder gewerblich) aufgestellte Thermische Batterien

optimal in ein bestehendes Stromnetz einfügen – ein

signifikantes Standbein der zukünftigen erneuerbaren

Energieversorgung in Deutschland.“

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globalcompact Deutschland 2014


Klimawandel

Visionäre

Solartechnik

Von Milena Strunz

Eine Photovoltaikanlage auf dem Nachbarhaus oder dekorative

Solarleuchten im eigenen Garten – die Nutzung

des Sonnenlichts als erneuerbare Energiequelle begegnet

den Menschen im Alltag immer öfter. Ein Vorreiter der

Solartechnik ist der deutsche Architekt André Brößel. Mit

seinem 2010 gegründeten Unternehmen Rawlemon Solar

Architecture hat er eine spektakuläre Solaranlage in Form

einer riesigen Glaskugel entwickelt, die die Energiewelt

von Morgen nicht nur optisch bereichern, sondern auch

Vorteile gegenüber konventionellen Photovoltaikanlagen

besitzen soll.

Die zehn Zentimeter große Variante des großen Kugelkraftwerks

liefert ausreichend Energie zum Aufladen kleinerer

Elektrogeräte und könnte eine dekorative Energiequelle für

zu Hause sein. Doch der deutsche Architekt und Erfinder

des Energiegewinnungssystems Beta.ray steht vor einem

größeren Vorhaben: Energie soll künftig dort in großem

Maße produziert werden, wo die Menschen tatsächlich

leben: in den Städten. Die Glaskugel-Technik soll in einigen

Jahren in Gebäude und Fensterfronten integriert werden

– das ist das langfristige Ziel. Einfach und effizient will er

so grünen Strom rund um die Uhr und unabhängig vom

Wetter produzieren und zwar ohne Einbußen bei der Optik.

Mit dieser Vision gründete Brößel das in Barcelona ansässige

Start-up-Unternehmen. Die durch Crowdfunding finanzierte,

futuristisch anmutende Anlage besteht aus einer

beinah vollständig durchsichtigen Kugel aus Plexiglas, die

524 Liter Wasser fasst, 700 Kilogramm schwer ist und bei

einem Durchmesser von 1 Meter 1 Kilowattstunde am Tag

generiert. Das größere Modell mit 1,80 Meter Durchmesser

generiert laut Angaben des Herstellers ca. 6 Kilowattstunden

an einem normalen Tag in Deutschland. Zum Vergleich: Ein

durchschnittlicher 4-Personen-Haushalt verbraucht pro Jahr

etwa 4.000 Kilowattstunden Strom. Die dekorative Glaskugel

unterscheidet sich nicht nur optisch von herkömmlichen

flachen Photovoltaikanlagen, sondern ist auch effizienter

und lässt sich besser in die Stadtarchitektur integrieren.

Die riesige Kugellinse wird von einer Fassung aus Metall

gehalten, bündelt das einfallende Licht und leitet es um

auf einen Hochleistungssonnenkollektor, der auf einem

Schwenkarm angebracht ist. Diese Technik des Mikrotracking,

durch die die Solarzellen auf einer Schiene automatisch dem

Sonnenverlauf nachgeführt werden, garantiert stets einen

optimalen Einfallswinkel des Lichts. Mithilfe dieses Systems

kann laut eigenen Angaben des Unternehmens mehr als

doppelt so viel Energie erzeugt werden als mit herkömmlichen

Photovoltaikanlagen. Da die Kugel-Solaranlage auch bei

diffusem Licht funktioniert, beispielsweise bei Mondschein

oder bewölktem Himmel, ist sie umso effizienter. Mit einem

Hybridkollektor gekoppelt kann das System zudem Strom

und warmes Wasser gleichzeitig generieren.

Konventionelle Anlagen kommen an Häuserfassaden kaum

zum Einsatz, während die Kugel hier den Vorteil bietet, dass

sie lichtdurchlässig ist und die Fenster nicht verdunkelt.

Dadurch, dass sie das einfallende Licht abfängt, entsteht

ein zusätzlicher Kühlungseffekt für das Gebäude. Das Kugelsystem

ist anders als die meisten Anlagen nicht fest

montiert, sondern mobil einsetzbar und soll künftig auch

für die Elektromobilität genutzt werden, zum Beispiel als

Ladestation für Autos. Bei seinem Vorhaben verfolgt Rawlemon

das Ziel, den ökologischen Fußabdruck, den auch

Erneuerbare Energien in der Umwelt hinterlassen, möglichst

gering zu halten. Das Unternehmen schätzt die Energiebilanz

der Anlagen sehr positiv ein. So werden beispielsweise

weniger Solarzellen benötigt, deren Herstellung mit einem

großen Energieaufwand verbunden ist. Von seiner Innovation

konnte Brößel bereits RWE als einen der führenden

Konzerne der Energiebranche überzeugen, der auf seiner

Homepage über das Start-up-Unternehmen berichtete. Ob

sich die neue Technologie durchsetzen wird, ist jedoch noch

nicht abzusehen.

globalcompact Deutschland 2014

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Agenda

Naturkapital:

Die Speick-Pflanze:

Naturkapital der Nockberge

Deutscher Nachhaltigkeitspreis 2014

Wer den Speick sucht, muss zunächst viele Höhenmeter

zurücklegen und die Baumgrenze der Kärntner Alpen hinter

sich lassen. Ab 1.800 m wird man fündig. Im Naturschutzgebiet

des Biosphärenparks Nockberge sammelt der Speick

seine harmonisierend wirkenden Kräfte. Bereits seit Jahrtausenden

wird das wertvolle Speick-Öl durch schonende

Extraktion aus der ganzen Pflanze gewonnen. Der Speick

wird heute noch wie seit Jahrhunderten von Hand geerntet.

Für die Kärntner Almbauernfamilien mit einer Erntelizenz

ist die Speick-Ernte ein wichtiger Zusatzverdienst.

Speick Naturkosmetik enthält – weltweit exklusiv – den

einzigartigen Speick-Extrakt, der seit 2003 als kontrolliert

biologische Wildsammlung (kbW) zertifiziert ist. Die Kosten

und Arbeit der Zertifizierung übernimmt das Leinfeldener

Unternehmen und es engagiert sich fair: „Wir leben den

Regionalgedanken und die Wertschätzung der Menschen,

die Speick ernten. Die Bauern dort haben ein karges Leben.

Für sie ist die Speick-Ernte eine wichtige Absicherung“,

erläutert Gudrun Leibbrand, die das Thema Nachhaltigkeit

bei Speick Naturkosmetik koordiniert.

Speick gehört zu jenen Marken, mit denen jeder von uns

hierzulande – und sei es nur vom Hören – aufwächst. Seit

fast 87 Jahren produziert das schwäbische Traditionsunternehmen

Naturkosmetika. Der Name Speick beschreibt zugleich

auch die wichtigste Zutat bei allen Produkten. Er steht

für die Wiederentdeckung einer ganz alten Heilpflanze, um

deren Wirkung schon die Menschen in der Antike wussten.

„Speick entspannt, ohne müde zu machen und belebt Seele,

Körper und Geist“, heißt es dazu auf der Firmen-Webseite.

Zwar gibt es verschiedene Gattungen von Speick, aber nur

in einem begrenzten Gebiet in Österreich im Schatten der

Alpen wächst jene Sorte „Valeriana Celtica“, die besondere

Wirkungen hat.

Ist der Klimawandel dort angekommen „Bisher spüren die

Bauern den Klimawandel noch nicht. Das liegt vielleicht

auch daran, dass die Speick-Pflanze sehr robust ist, um die

wenigen Monate, die schneefrei sind, zur Entwicklung ihrer

Wirkung zu nutzen“, so Leibbrand weiter. Doch bei Speick

beobachtet man die Entwicklung genau. Das Wissen um

die Natur als Kapital der Firma ist nicht neu. Bereits 1958

bemerkte Firmengründer Walter Rau: „Die Zeitschäden

wachsen. Die ungesunde, nervöse Arbeitsweise, das verunreinigte

Wasser, die durch Staub, Gase, Säuren verpestete

Luft, ganz zu schweigen von dem Problem der Radioaktivität,

die in der Zukunft vielleicht brennend wird – das

alles zusammen sind Schäden äußerer Art, die mehr oder

weniger auf die Haut einwirken. Dazu kommen aber noch

die Nahrungsschäden, die durch Pflanzenschutzmittel,

mineralogische Düngeverfahren, Konservierungsmittel usw.

hervorgerufen werden.“

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globalcompact Deutschland 2014


Klimawandel

Kluge Landwirtschaft

ist mehr als nur „bio“

Der Diepholzer Bio-Pionier „Lebensbaum“ ist seit

mehr als 35 Jahren Kaffee-, Tee- und Gewürzhersteller.

Wir sprachen mit dem Nachhaltigkeitsbeauftragten

Henning Osmers über die Auswirkungen

des Klimawandels und wie man Ökobetriebe gegen

die Folgen fit machen kann.

Ist Klimawandel ein Thema bei Lebensbaum

Henning Osmers: Es ist definitiv ein Thema, mit dem wir

uns befassen. Zum Beispiel diesen Sommer im Rahmen eines

Strategieworkshops mit allen Führungskräften. Die größten

Risiken bestehen bei uns langfristig für den Einkauf von

Rohwaren, also von Tee, Kaffee, Kräutern, Gewürzen. Wir

sehen bereits jetzt, dass bestimmte Wetterereignisse wie Trockenheit,

Überschwemmungen oder extreme Temperaturen

in bestimmten Regionen zunehmen. Derzeit ist es aber noch

nicht so, dass wir bereits gravierende Auswirkungen merken.

Ein Beispiel ist der Kaffeerost in Süd- und Mittelamerika, der

sich dort in den letzten Jahren massiv ausgebreitet hat und

Ernten gefährdet. Es wird vermutet, dass der Klimawandel

erheblich zu der rasanten Ausbreitung des Pilzes beiträgt,

der den Kaffeerost verursacht. Das führt auch zu erheblichen

sozialen Problemen, weil Kaffeeplantagen in ihrer Existenz

bedroht sind und massiv Arbeitsplätze vernichtet werden.

Bei ökologischen und gut geführten landwirtschaftlichen

Betrieben sind die Pflanzenkulturen robuster und weniger

anfällig für solche Krankheiten. Die Art der landwirtschaftlichen

Praxis, der Bodenbearbeitung und des Artenreichtums

auf der Plantage spielen eine entscheidende Rolle für die

Robustheit der Kulturen.

Was zeichnet einen gut geführten Betrieb aus

Osmers: Ein gut geführter Betrieb verbindet die Grundsätze

guter landwirtschaftlicher Praxis mit der Herangehensweise

und den Prinzipien des ökologischen Landbaus. Er setzt

außerdem auf ergänzende Maßnahmen. Je nach Betrieb können

dazu z. B. Schattenbäume und Hecken, Kompostierung,

effiziente Bewässerungstechnologien, regenerative Energien

und vieles Weitere gehören. Auch Arbeitsbedingungen für

Beschäftigte, Aus- und Weiterbildung etc. spielen eine Rolle.

Osmers: Es geht zunächst darum, dass wir eine hohe Rohwarenqualität

brauchen, weil das die Grundlage für eine gute

Produktqualität ist. Der Qualitätsaspekt spielt immer eine

zentrale Rolle. Ein zweiter wichtiger Aspekt ist die Verfügbarkeit

der Rohwaren. Wir brauchen natürlich regelmäßig

bestimmte Mengen von Rohwaren, damit wir produktionsund

lieferfähig bleiben. Diese beiden Parameter sind letztlich

nicht verhandelbar. Die enge und langfristige Zusammenarbeit

mit Lieferanten ist zugleich auch die beste Grundlage,

um zukunftsfähige ökologische und soziale Standards in

der Lieferkette umzusetzen, auch als Vorsorge mit Blick auf

den Klimawandel, und um unsere Rohstoffverfügbarkeit

langfristig sicherzustellen. Wenn man mit einem Partner

seit 20 Jahren zusammenarbeitet, Mitarbeiter von uns vor

Ort waren und umgekehrt, dann entwickeln sich daraus

Partnerschaften, die systematisch neben dem Qualitäts- und

Verlässlichkeitsaspekt auch Umwelt- und Sozialaspekte

berücksichtigen und sehr entwicklungsorientiert sind. Wir

arbeiten dabei möglichst wenig mit Zwischenhändlern, denn

man sollte die eigenen Lieferanten, also diejenigen, die die

Rohstoffe anbauen, auch kennen.

Können Sie uns Beispiele dafür nennen

Osmers: Gerade mit Blick auf Klimawandel und Anpassung

von Kulturen und deren Widerstandsfähigkeit ist es wichtig,

dass man über die Einhaltung der reinen Bioverordnung

hinaus zusätzlich Umweltmanagementelemente im Betrieb

integriert. Beispielsweise ist in der Bioverordnung nicht

vorgeschrieben, dass ich ein effizientes Bewässerungssystem

wie etwa eine Tröpfchenbewässerung habe. Gerade in

Regionen, wo ich aber dann mit Wasserknappheit vielleicht

jetzt schon zu kämpfen habe, kann das aber einen erheblichen

Fortschritt bringen. Die Grundwasserstände werden

weniger gefährdet und langfristig kann konstanter bewässert

werden. Das sind Vorteile, die ökologisch spürbar sind und

die sich auch über einen gewissen Amortisationszeitraum

betriebswirtschaftlich rechnen und sich nicht zuletzt auch

positiv auf die Qualität der Ernte auswirken.

Wir danken für das Gespräch!

Welche Rolle spielt die direkte Zusammenarbeit mit den Lieferanten

globalcompact Deutschland 2014

47


Agenda

Gesellschaft:

Regionale Energieeffizienz-Genossenschaften

Energieeffizienz ist neben dem Ausbau der erneuerbaren

Energien die zweite tragende Säule der Energiewende.

Die Energieeinsparpotenziale in Deutschland

sind in allen Sektoren groß. Noch ist die Energieeffizienz

jedoch ein schlafender Riese.

In einem vom Bundesumweltministerium im Rahmen der

Nationalen Klimaschutzinitiative geförderten Pilotprojekt

wird B.A.U.M. in drei Pilotkommunen – Aachen, Landkreis

Berchtesgadener Land und Norderstedt – Regionale

EnergieEffizienz-Genossenschaften (REEG) etablieren. Deren

Geschäftszweck ist vor allem die Umsetzung von Energieeffizienzmaßnahmen

in kommunalen Einrichtungen,

Unternehmen und Privathaushalten im Wege eines genossenschaftlichen

Energie-Spar-Contractings (ESC).

10 Prozent, während 90 Prozent der Einsparung zunächst an

die Genossenschaft fließen, bis die Investition zurückbezahlt

ist. Danach verbleibt die volle Einsparung beim Kunden.

Die REEG ist eine Wertegemeinschaft und arbeitet nicht

gewinnorientiert. Aus den erwirtschafteten Leistungen

werden nur die Kosten gedeckt. Die geldgebenden Mitglieder

erhalten eine angemessene Dividende bzw. Zinsen.

Als innovatives Aktivierungs-, Technologietransfer- und

Finanzierungsmodell bietet die REEG den Kommunen und

Unternehmen, Bürgern, Vereinen und anderen Institutionen

attraktive Vorteile: Sie alle können Geld in der REEG anlegen

und die Dienstleistungen der Genossenschaft in Anspruch

nehmen. So wird gemeinsam und zu aller Vorteil ein Beitrag

zur Energiewende und zum Klimaschutz erbracht und die

Wertschöpfung bleibt in der Region, nach dem Motto: „Aus

der Region – für die Region“.

Die Genossenschaft sammelt Privatkapital von Bürgern

gegen eine Dividende bzw. Verzinsung ein, um damit

Energieeffizienzmaßnahmen in Unternehmen, in öffentlichen

Einrichtungen und ggf. auch in Privathaushalten zu

finanzieren, ohne dass die Nutzer eigene Mittel auf bringen

müssen. Hauptleistung der REEG ist die operative Durchführung

und Finanzierung von Energieeffizienzmaßnahmen

bei Dritten auf eigene Rechnung. Betriebe oder Kommunen,

die das Angebot der REEG wahrnehmen, erhalten nicht nur

die Finanzierung der Energieeffizienzmaßnahme, sondern

ein Rundum-Paket, das auch Beratung, Planung und Umsetzung

einschließt. Seit Ende Oktober 2014 ist mit der

VR Energiegenossenschaft Oberbayern Südost eG die erste

Regionale EnergieEffizienzGenossenschaft in Deutschland

nach der Idee des B.A.U.M. Zukunftsfonds handlungsfähig.

Wie funktioniert die REEG

Die Genossenschaft informiert Unternehmen, kommunale

Einrichtungen und Privathaushalte über mögliche

Maßnahmen, den Energieverbrauch und die Kosten zu

senken. Sie berät die Kunden herstellerneutral bezüglich

der besten technischen Lösungen und zeigt die Einsparpotenziale

auf. Sie übernimmt auf eigene Rechnung

und, falls gewünscht, ohne einen Euro vonseiten des

Nutzers die operative Durchführung der Investition vor

Ort. Dabei wird eine prozentuale Energieeinsparung garantiert,

z. B. 50 Prozent. Der Kunde erhält davon sofort

48

globalcompact Deutschland 2014


Klimawandel

Erneuerbare Energien aus Bürgerhand

Photovoltaik, Windkraft und Biomasse: Der Energiemarkt ist in einem Wandel begriffen und Erneuerbare Energien

gewinnen immer mehr an Bedeutung. Ihr Anteil betrug im Jahr 2013 beinah ein Viertel der Bruttostromerzeugung.

Gleichzeitig spielt Bürgerbeteiligung eine immer wichtigere Rolle.

Photovoltaikanlagen auf Hausdächern, Biogasanlagen auf

Höfen oder als Gemeinschaftsprojekt entstandene Windparks

– Erneuerbare Energien stammen zu einem Großteil

aus Bürgerhand. Insgesamt zählten im Jahr 2012 knapp die

Hälfte (47 Prozent) der insgesamt 73 Gigawatt installierten

Erneuerbare-Energien-Leistungen zur Bürgerenergie. Statt

weniger großer Stromversorger sind heute viele regionale

Energiebetriebe, Investoren wie Industrieunternehmen und

Banken und vor allem immer mehr Bürger aktiv an der

Energieversorgung und am Ausbau Erneuerbarer Energien

beteiligt. Zu diesem Ergebnis kommt eine von der Agentur

für Erneuerbare Energien (AEE) in Auftrag gegebene Studie.

Diese definiert Bürgerenergie als Energie, die „zumindest

unter teilweiser finanzieller Eigenkapitalbeteiligung von

Privatpersonen bereitgestellt wird.“

Bürger als Antreiber der Energiewende

Bürger engagieren sich auf vielfältige Art und Weise: als

Einzeleigentümer, in Bürgerenergiegesellschaften und in

Form von Bürgerbeteiligung. Einzeleigentümer wie Privat-

personen oder Einzelunternehmen tätigten laut AEE mit 4,4

Milliarden Euro die größten Investitionen in Erneuerbare

Energien. Dies sei auf große Investitionen in Photovoltaikanlagen

zurückzuführen, die sich finanziell und rechtlich

einfach umsetzen lassen. Bürgerenergiegesellschaften, zu

denen beispielsweise Energiegenossenschaften gehören,

ermöglichen gemeinschaftliche Energieprojekte mit größerem

finanziellen und planungsmäßigem Umfang. Laut

einer Umfrage des Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverbandes

e.V. (DGRV) verzeichnen Energiegenossenschaften

einen deutlichen Zulauf. Während Bürgerenergiegesellschaften

die Möglichkeit bieten, sich vor Ort an

der Gestaltung der Geschäfte zu beteiligen, sind mit dem

Begriff Bürgerbeteiligung überregionale Investitionen und

Beteiligungen von Bürgern an Betreibergesellschaften von

Erneuerbare-Energien-Anlagen gemeint, bei denen die

finanzielle Beteiligung im Vordergrund steht.

Viele Gründe sprechen für die Bürgerenergie

Nicht nur finanzielle Aspekte, sondern auch der Umweltschutz

und das Vorantreiben und Mitgestalten der Energiewende

sind für die Investoren entscheidend. Dies geht aus

einer Studie der Leuphana Universität Lüneburg hervor.

Die Zukunft der Bürgerenergie hängt jedoch stark von den

politischen Rahmenbedingungen ab. So könnte infolge

der Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) das

Engagement der Bürger eingedämmt werden. Zwar sollen

laut reformiertem EEG beim Ausbau der Erneuerbaren

Energien die „bestehende Vielfalt der Akteure erhalten“ und

eine „breite Bürgerbeteiligung möglich“ bleiben. Heinrich

Degenhart, Professor für Finanzierung und Finanzwirtschaft

in Lüneburg zufolge wird es die Bürgerenergie künftig jedoch

schwer haben, „sich weiter auf dem Markt zu behaupten.“

Nach wie vor erachten die meisten Deutschen den Ausbau

Erneuerbarer Energien aber als „wichtig“ bzw. „außerordentlich

wichtig“, wie eine von der AEE beauftragte

repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts

TNS Emnid ergab. Die Akzeptanz und das Verständnis für

Erneuerbare Energien steigen sogar noch an, wenn Bürger

frühzeitig an Diskussionen beteiligt sind und mit Solarparks,

Biomasse- oder Windkraftanlagen in der eigenen

Nachbarschaft in Berührung kommen. Festigen kann sich

diese Akzeptanz in der Bevölkerung folglich nur durch eine

Demokratisierung der Energieversorgung und eine damit

einhergehende größere finanzielle und konzeptionelle

Beteiligung am Großprojekt Energiewende.

globalcompact Deutschland 2014

49


Good Practice

Arbeitsnormen

54

Umweltschutz

62

ABB

Armacell

Audi

CEWE

HOCHTIEF

E.ON

Weidmüller

MAN

Miele

RWE

Tchibo

Korruptionsbekämpfung

76

Finanzmärkte

82

Bosch

HypoVereinsbank

Merck

Für die redaktionellen Beiträge dieser Rubrik sind ausschließlich die Unternehmen und ihre Autoren selbst verantwortlich.

50 globalcompact Deutschland 2014


Good Practice

54

ABB

62

Armacell

56

Audi

84

BASF

86

Bayer

CSR Management

84

76

100

64

Bosch

BSH Bosch und Siemens Hausgeräte

CEWE

BASF

102

Daimler

Bayer

88

DAW

DAW

90

Deutsche Post DHL

Deutsche Post DHL

104

Deutsche Telekom

TÜV Rheinland

Compliance & Reporting

94

66

94

58

E.ON

EY

HOCHTIEF

EY

macondo publishing

Mazars

Datability

100

BSH Bosch und Siemens Hausgeräte

Daimler

Deutsche Telekom

82

96

68

98

78

70

72

74

92

60

HypoVereinsbank

macondo publishing

MAN

Mazars

Merck

Miele

RWE

Tchibo

TÜV Rheinland

Weidmüller

globalcompact Deutschland 2014 51


Good Practice

MENSCHENRECHTE

ARBEITSNORMEN

Prinzip 1: Unternehmen sollen den Schutz der internatio nalen

Menschenrechte unterstützen und achten.

Prinzip 2: Unternehmen sollen sicherstellen, dass sie sich

nicht an Menschenrechtsverletzungen mitschuldig machen.

Prinzip 3: Unternehmen sollen die Vereinigungsfreiheit

und die wirksame Anerkennung des Rechts auf Kollektivverhandlungen

wahren sowie ferner für

Prinzip 4: die Beseitigung aller Formen der Zwangsarbeit,

Prinzip 5: die Abschaffung der Kinderarbeit und

Prinzip 6: die Beseitigung von Diskriminierung bei

Anstellung und Beschäftigung eintreten.

52 globalcompact Deutschland 2014


Good Practice

Arbeitsnormen

54

56

58

60

ABB

Audi

HOCHTIEF

Weidmüller

Umweltschutz

62

64

66

68

70

72

74

Armacell

CEWE

E.ON

MAN

Miele

RWE

Tchibo

Korruptionsbekämpfung

76

78

Bosch

Merck

UMWELTSCHUTZ

Korruptionsbekämpfung

Prinzip 7: Unternehmen sollen im Umgang mit Umweltproblemen

einen vorsorgenden Ansatz unterstützen,

Prinzip 10: Unternehmen sollen gegen alle Arten der Korruption

eintreten, einschließlich Erpressung und Bestechung.

Prinzip 8: Initiativen ergreifen, um ein größeres

Verantwortungs bewusstsein für die Umwelt zu erzeugen

und

Prinzip 9: die Entwicklung und Verbreitung

umweltfreundlicher Technologien fördern.

globalcompact Deutschland 2014

53


ABB

Hinsehen, nicht wegschauen

„Hinsehen, nicht wegschauen“ – unter dieser Überschrift hat der ABB-Konzern in diesem Jahr weltweit

die Kampagne „Don’t look the other way“ für mehr Arbeitssicherheit und Integrität gestartet.

Konzernchef Ulrich Spießhofer betont, wie entscheidend ein integres, sicherheits- und gesundheitsbewusstes

Verhalten aller Mitarbeiter für den Erfolg von ABB ist: „Bei ABB wird Leistung nicht nur

an den erzielten Ergebnissen gemessen, sondern auch daran, wie diese Resultate erreicht wurden.

Eine Kultur der Integrität ist eine Voraussetzung für ein Weltklasseunternehmen.“

Von Stephanie Sonneck

Wir alle erleben jeden Tag gefährliche

Situationen, bei der Arbeit, auf dem

Weg zur Arbeit, zu Hause. Aber wie

häufig halten wir denn an, um eine sich

gefährdende Person zu stoppen oder das

Risiko zu beseitigen ABB ruft mit dem

neuen Programm zu mehr Achtsamkeit

gegenüber der eigenen Person aber vor

allem auch gegenüber Kollegen auf. Alle

Mitarbeiter, auf jeder Ebene des Unternehmens,

sind dafür verantwortlich,

die eigene Sicherheit und Gesundheit

zu schützen und auch auf die Kollegen

zu achten. Das Unternehmen geht sogar

noch einen Schritt weiter: auch Beschäftigte

von Fremdfirmen, die für ABB tätig

sind, müssen sich künftig verpflichten,

die ABB-Arbeitssicherheitsstandards einzuhalten.

Bis es aber soweit ist, ist noch

viel Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit

erforderlich.

Erste konzernweite

Arbeitssicherheitswoche

Im November 2014 startete die erste

konzernweite Arbeitssicherheitswoche.

Nie zuvor waren die Themen Arbeitssicherheit

und Gesundheitsschutz bei

ABB weltweit so präsent. Zu viel Aufmerksamkeit

für eine scheinbare Selbstverständlichkeit

Keineswegs, denn in

Sachen Arbeitssicherheit ist ABB zwar

gut aufgestellt, lebt aber nicht auf einer

Insel der Glückseligen. Insgesamt sind die

Unfallzahlen für ABB in Deutschland zum

Beispiel zurückgegangen. Die statistische

Erfassung der Unfälle ist aber nur ein

Schritt. Wichtiger ist die systematische Erfassung

der eigentlichen Unfallursachen.

„Null Unfälle“ anstreben

Bei ABB in Deutschland waren die häufigsten

Unfallursachen in den vergangenen

Monaten: Stolpern, Quetschungen von

Fingern und Verletzungen durch Materialtransport.

Die wichtige Frage ist nun:

Wie kam es dazu, dass der Mitarbeiter

ins Stolpern geraten ist Was können

die Mitarbeiter daraus lernen Und vor

allem, wie kann ein solcher Unfall künftig

vermieden werden Erst wenn sich die

Mitarbeiter mit diesen Fragen auseinandersetzen,

wird es dem Unternehmen

gelingen, die Aufmerksamkeit und damit

auch das Verhalten der Belegschaft nachhaltig

zu ändern. „Der Anspruch an uns

selbst muss es sein, einen Geschäftserfolg

54 globalcompact Deutschland 2014


Good Practice

Arbeitsnormen

Links: Beim Thema Telefonieren im Auto hat

ABB kürzlich die gesetzlichen Regelungen für

die Mitarbeiter verbindlich um zwei Punkte

erweitert: Telefonate sind auf das Nötigste zu

begrenzen und Telefonate mit „entscheidungsbildendem

Charakter“ sowie die aktive Teilnahme

an Telefonkonferenzen sind untersagt.

Rechts: Werksausfahrten bergen Gefahren.

Wie hier in Mannheim hat ABB auch an anderen

Standorten Maßnahmen für mehr Sicherheit

umgesetzt.

mit „null Unfällen“ anzustreben“, mahnt

Peter Terwiesch, Vorstandsvorsitzender

ABB Deutschland und Leiter der Region

Zentraleuropa. Mit anderen Worten: Jeder

Unfall ist einer zu viel.

Führungskräfte haben besondere

Verantwortung

Das Führungsteam ist mit gutem Beispiel

vorangegangen: Auf dem Group Leadership

Forum im März, dem jährlichen

Treffen von rund 200 ABB-Führungskräften

aus allen Teilen der Welt, haben

sämtliche Teilnehmer eine Selbstverpflichtung

unterschrieben.

Regeln und Vorschriften sind ohne Frage

wichtig und alle Beschäftigten müssen

sich ohne Ausnahme daran halten. Vorgaben

allein sind allerdings nicht alles.

Vielmehr geht es darum, das sich alle

Mitarbeiter im Alltag achtsam gegenüber

sich selbst und ihren Kollegen zeigen. Die

Führungskräfte haben dabei eine besondere

Verantwortung: Sie sind Vorbilder,

Motivatoren und Wegbereiter, wenn es

darum geht, sicheres, gesundes und integres

Arbeiten zu gewährleisten. Sie

sollen dabei helfen, dass jeder Einzelne

Verantwortung übernimmt: indem er

eben nicht wegschaut, sondern handelt.

In die jährlichen Personalgespräche zur

Zielvereinbarung und Weiterentwicklung

wird daher auch das Thema Arbeitssicherheit

für alle Mitarbeiter weltweit verbindlich

aufgenommen: Eines der leistungsbezogenen

Verhaltensziele fokussiert

auf den persönlichen Beitrag des jeweiligen

Mitarbeiters zum sicheren Arbeiten.

Ziel ist es, den Fokus der Mitarbeiter

dauerhaft auf das Thema Arbeitssicherheit

zu lenken: In erster Linie ist Sicherheit

eine Sache der Einstellung von Menschen

gegenüber Gefahrensituationen.

Strom sieht man nicht,

hört man nicht, riecht man nicht

Passieren kann immer und überall etwas.

Allerdings sind die Gefahren auf Baustellen

größer als anderswo, etwa viermal so

groß. „Energie- und Automatisierungstechnik

hat zwangsläufig immer etwas mit

Strom zu tun. Den sieht man nicht, den

hört man nicht, den riecht man nicht –

und gerade deswegen ist er gefährlich“,

sagt Thomas Scholl, Leiter Arbeitssicherheit

bei ABB Deutschland. Die Sicherheitsfachkräfte

bei ABB warten nicht erst,

bis etwas passiert, sondern versuchen

mit ihrem Know-how, Unfälle von vornherein

zu verhindern. Sie führen vor

Beginn der Arbeiten auf den Baustellen

eine individuelle Gefahrenanalyse durch.

Auf dieser Analyse baut ein detailliertes

Sicherheitskonzept auf. „Welche Schutzkleidung

brauchen die Mitarbeiter Reicht

ein normaler Helm Wer darf überhaupt

Anlagen in Betrieb nehmen, auf den Schalter

drücken und sie unter Strom setzen

Besitzen beauftragte Subunternehmer die

jeweils notwendigen Zertifikate“ sind nur

ein paar der vielen Fragen beim Prüfen

und Auditieren von Baustellen.

Form von Achtsamkeit

Aber auch die Sicherheitsfachkräfte können

nicht ganz verhindern, dass etwas

passiert. Die meisten Unfälle geschehen

bei Routinearbeiten und liegen an

menschlichem Fehlverhalten. Und das

nicht nur auf Baustellen. Auch in den

Werkshallen und Büros heißt es oft: „Ich

mach das mal schnell, da ist noch nie was

passiert.“ Und schon ist es passiert. „Es

kann unangenehm sein, einem Kollegen

zu sagen, dass er vorsichtiger sein soll.

Aber die Kollegen können damit seine

Gesundheit oder gar sein Leben retten“,

mahnt Terwiesch. „Sprechen Sie diesen

Kollegen an“, appelliert er, „denn diese

Form von Achtsamkeit gehört zu einem

verantwortlichen Handeln dazu.“

Keinerlei Kompromisse

Wie bei der Arbeitssicherheit gilt auch

beim Thema Integrität: hinsehen, nicht

wegschauen. Und sich rühren, wenn das

Verhalten von Kollegen oder auch von

Vorgesetzten unethisch erscheint. Bei

ABB in Deutschland gibt es dafür zwei

Ombudspersonen. Über sie können Mitarbeiter

Regelverstöße melden sowie Rat

bei Fragen der Integrität suchen.

Im März 2014 wurde ABB zum zweiten

Mal in Folge vom Forschungsinstitut

Ethisphere für seine ethische Unternehmensführung

ausgezeichnet. „Dieser Titel

ist uns nicht in den Schoß gefallen, sondern

hart erarbeitet“, betont Terwiesch.

„Nicht nur bei der Arbeitssicherheit, auch

beim Thema Integrität dulden wir keinerlei

Kompromisse“, fügt er hinzu. „Auf

beiden Gebieten hat Fehlverhalten dramatische

Konsequenzen. Es ist deswegen

inakzeptabel und wird nicht toleriert.“

globalcompact Deutschland 2014

55


Audi

Taktgeber für Arbeitsplatzergonomie

in der Industrie

Die Gesellschaft in Deutschland befindet sich in einem rapiden demografischen Wandel, der

Anteil der älteren Menschen steigt immer weiter. Derzeit bilden die 40- bis 49-Jährigen bei der

AUDI AG mit zirka 32 Prozent die größte Gruppe in der Belegschaft. Schon in wenigen Jahren

jedoch werden die 50- bis 59-Jährigen dominieren, und der Anteil der über 60-Jährigen wird

auf etwa 13 Prozent steigen.

Von Dr. Peter F. Tropschuh und Birgit Horn

Audi hat sich das Ziel gesteckt, bis 2020

das Unternehmen mit den attraktivsten

und produktivsten Arbeitsplätzen zu

sein. Vor dem Hintergrund des demografischen

Wandels und der weitgreifenden

Veränderungen in der Arbeitswelt kann

dieses Ziel nur erreicht werden, wenn

die Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit

Auf der Ergonomie-Messe demonstrieren Mitarbeiterinnen von Audi Hungaria in Györ eine dort

entwickelte Rollenbahn, mit der schwere Werkstücke wie das Zylinderkurbelgehäuse (ca. 30 kg)

ganz leicht aufgestellt und gedreht werden können, ohne das Teil anheben zu müssen.

unserer Mitarbeiter über das gesamte

Erwerbsleben erhalten bleibt. Hierfür

hat Audi die Ergonomie-Strategie „Wir

für uns. Aktiv in die Zukunft.“ mit fünf

Handlungsfeldern entwickelt: ganzheitliche

Ergonomie-Methoden, intelligente

Arbeitsorganisation, Ergonomie im Produktprozess,

Internationalisierung und

begleitende Kommunikation.

Ganzheitlichkeit Ergonomie-

Methoden

In einer ganzheitlichen Betrachtungsweise

sollen sowohl der Erhalt der körperlichen

Gesundheit als auch das psychische

Wohlbefinden der Mitarbeiter gleichrangig

nebeneinander stehen. Dazu müssen

viele Umfeldfaktoren von Arbeit

betrachtet werden. Da die Bedeutung

psychischer Erkrankungen in der Gesellschaft

zunimmt, müssen Unternehmen

in Zukunft Wege finden, psychischen

Erkrankungen entgegenzuwirken und

das Augenmerk auch auf das Wohlbefinden

des Beschäftigten bei seiner Arbeit

zu legen. Denn wer seinen Aufgaben

mit Freude und Begeisterung nachgeht

und sich bei seiner Arbeit wohlfühlt, ist

seltener psychisch krank.

Neben eher abstrakt klingenden Faktoren

wie Komplexität der Arbeit und

Kommunikationsverhalten sind auch

ganz praktische Themen in einer ganzheitlichen

Bewertung wichtig: Für das

Wohlbefinden der Mitarbeiter spielen

auch die Lichtverhältnisse eine Rolle.

Um optimale Lichtverhältnisse zu gewährleisten,

wurde beispielsweise die

Nordwand des neuen Karosseriebaus

für den Audi A3 am Standort Ingolstadt

größtenteils verglast. Zusätzlich tauchen

3.000 tageslichtgesteuerte Leuchten die

Halle, in der etwa 800 Beschäftigte arbeiten,

in angenehmes Licht. Ein kleiner

Dachgarten lädt zur Entspannung bei

Tageslicht ein. Auch das Abluft- und

Belüftungssystem setzt Maßstäbe: Alle

Arbeitsschritte, bei denen Gase entstehen,

werden von Robotern in geschlossenen

56 globalcompact Deutschland 2014


Good Practice

Arbeitsnormen

Zellen ausgeführt. Zudem tauscht die

Belüftungsanlage pro Stunde 1,6 Millionen

Kubikmeter Luft aus.

Intelligente Arbeitsorganisation

In der Fertigung bei Audi ist vor über 20

Jahren das Prinzip der Gruppenarbeit

etabliert worden. Zentraler Bestandteil

der Gruppenarbeit ist dabei das Rotationsprinzip,

d.h. alle zwei Stunden wechseln

die Mitarbeiter ihre Tätigkeiten.

Um bei der Gruppenarbeit in Zukunft

das Thema Ergonomie noch stärker zu

berücksichtigen, werden zur Zeit mehrere

Ansätze verfolgt. Ein Ziel ist, eine

belastungsoptimale Rotation, die sich an

arbeitsmedizinischen Kriterien orientiert,

zu ermöglichen. Denn Rotation macht

ergonomisch nur dann Sinn, wenn die

Belastung auf wechselnde Körperregionen

wirkt. Das Konzept wird qualifikatorische

und soziodemografische Faktoren

berücksichtigen, etwa Tätigkeiten für

leistungsgewandelte Kollegen.

Ergonomie im Produktprozess

Bei Audi findet die Ergonomie schon bei

der Konzept- und Bauteilentwicklung

im Produktprozess Berücksichtigung.

Bereits nach der Konstruktion der ersten

Bauteile nutzen die Ingenieure vielfach

Hightech-Tools wie die sogenannte Cave,

ein Virtual-Reality-System, mit dem sich

Einbau- und Montageprozesse im dreidimensionalen

Raum simulieren lassen.

Die ständig wachsende Komplexität der

Modelle führt jedoch dazu, dass es immer

wieder neue Herausforderungen

zu lösen gibt. Beispielsweise die Frage,

wie hoch die Kräfte sein dürfen, die der

Mitarbeiter beim Einbau des Clips für

die Sonnenblende am A3-Montageband

auf bringen muss, ohne dass ein Risiko

einer Erkrankung entsteht. Um diesen

Prozess noch nachhaltiger zu gestalten,

wird Audi bereits im Rahmen der Bauteilkonstruktion

ergonomische Kriterien

Eine neue Generation des ergonomischen Montagesitzes macht in Ingolstadt Schule. Mit dem

Sitz fährt der Mitarbeiter noch müheloser in den Innenraum des Autos, um so in entspannter

Haltung Montagearbeiten durchzuführen. Hier eine Demonstration am Ausstellungsstand.

bewertbar machen. Derzeit wird hierfür

ein Kennzahlensystem entwickelt,

das zu einer weiteren kontinuierlichen

Verbesserung des Audi-Standards beitragen

wird.

Internationalisierung

Um das hohe Qualitätsniveau in der

Produktion global sicherzustellen, müssen

auch in Sachen Ergonomie weltweit

die gleichen Standards etabliert werden.

Hierfür ist der Aufbau eines weltweiten

Ergonomie-Netzwerks erforderlich. Konkret

geht es darum, an den ausländischen

Standorten Fachleute auszuwählen und

zu schulen, die das Thema Ergonomie

etablieren und leben. Die Aufgaben sind

vielfältig: Beispielsweise haben Menschen

in Mexiko, wo Audi derzeit eine

neue Fertigungsstätte auf baut, eine andere

durchschnittliche Körpergröße als

in Mitteleuropa. Das macht es notwendig,

die für Europa gesetzten Standards,

beispielsweise für die Höhe von Regalen,

entsprechend anzupassen.

Weltweit Audi Premium-Qualität sicherzustellen,

gelingt nur mit Arbeitsbedingungen

auf hohem Standard. Ein niedrigeres

Lohnniveau und die Verfügbarkeit junger

Arbeitskräfte bedeuten nicht, dass mit

der Ressource Mensch weniger sorgsam

umgegangen werden darf. Der Mensch

steht im Mittelpunkt, egal ob in Ingolstadt,

Neckarsulm, im mexikanischen

San José Chiapa oder im ungarischen

Györ. Beim Auf bau des weltweiten Ergonomie-Netzwerks

müssen auch die unterschiedlichen

Rechtssysteme der Länder

beachtet werden. So soll in Györ nun ein

Analyseinstrument installiert werden,

dass in Deutschland unter dem Namen

Arbeitsplatz-Strukturanalyse (APSA) etabliert

und bewährt ist. Mit deren Hilfe

werden die körperlichen Belastungen an

den Arbeitsplätzen in der Produktion analysiert

und bewertet. Das sind zum einen

Aspekte der Lastenhandhabung, der Körperkräfte

und der Zwangshaltungen. Zum

anderen werden bei der Analyse aber auch

sogenannte ‚Allgemeine Kriterien‘ wie

Taktbindung, Steh- oder Sitzarbeitsplatz

erfasst, um das Anforderungsprofil eines

Arbeitsplatzes vollständig zu beschreiben.

Diese Kriterien sind so abgestimmt, dass

Audi-Werkärzte sie mit ihren Kriterien

der arbeitsmedizinischen Beurteilung

abgleichen und so direkt prüfen können,

an welchen Arbeitsplätzen ein Mitarbeiter

mit einer bestimmten Diagnose noch

einsetzbar ist oder nicht.

Das Gesundheitswesen am ungarischen

Audi-Standort in Györ und die Kollegen

aus Ingolstadt sind derzeit dabei, die in

Ungarn üblichen Einstufungen der arbeitsmedizinischen

Untersuchungen, auf

der Grundlage der dortigen gesetzlichen

Regelungen, den Kriterien der Arbeitsplatzbewertung

der APSA zuzuordnen.

Sobald alle Kategorien zugeordnet sind,

können die Kollegen in Ungarn ebenfalls

direkt prüfen, welche Arbeitsplätze für

einen Mitarbeiter mit einer bestimmten

Diagnose nach ungarischem Standard

geeignet sind und welche nicht.

globalcompact Deutschland 2014

57


HOCHTIEF

In gemeinsamer

Verantwortung zu

mehr Sicherheit

Eine Arbeitswelt zu schaffen, in der die Mitarbeiter gesund

sind und bleiben sowie arbeitsplatzbedingte Erkrankungen und

Arbeitsunfälle möglichst ausgeschlossen sind, zählt zu den

wichtigsten Aufgaben eines Unternehmens. Für den internationalen

Baukonzern HOCHTIEF hat das Thema höchste

Priorität und wird in gemeinsamer Verantwortung aller Beteiligten

konsequent verfolgt und gemanagt.

Von Dirk Grosche

Verschiedene Richtlinien und Vorgaben

bilden die Basis einer effizienten Arbeitssicherheits-

und Gesundheitsschutzorganisation

innerhalb des Konzerns und

stellen eine praxisgerechte Umsetzung

sicher. Der Anspruch, größtmögliche

Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz

zu bieten, gehört zu unseren Leitlinien

und ist im Verhaltenskodex, dem

HOCHTIEF Code of Conduct, als Verpflichtung

für alle Mitarbeiter festgehalten.

Darüber hinaus sind definierte

Mindeststandards in einer Konzernrichtlinie

beschrieben. Die Mitarbeiter sind

zudem angehalten, alle gesetzlichen und

behördlichen Vorgaben einzuhalten sowie

die über Gefährdungsbeurteilungen

identifizierten Maßnahmen zur Risikominimierung

zu befolgen.

Arbeitssicherheits- und Gesundheitsschutzorganisation

bei HOCHTIEF

Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz

sind Themen, für die jeder gleichermaßen

Verantwortung trägt. Unterstützung

erfährt der Einzelne durch die Arbeitssicherheits-,

Gesundheits- und Umweltschutzorganisation

im HOCHTIEF-

Konzern. Das AGUS Center ist hier das

zentrale Kompetenzzentrum, dessen Leiter

direkt an den Vorstand berichtet. Es

erarbeitet zentrale Arbeitsschutzanforderungen,

unterstützt die Führungskräfte

bei deren Umsetzung in der Praxis und

kontrolliert die Einhaltung. Mitarbeiter

dieser Stabsstelle sind in alle Phasen

von nationalen und internationalen

Projekten eingebunden.

Die HOCHTIEF-Divisions, in denen das

operative Geschäft organisiert ist, haben

im Sinne einer Auf bau- und Ablauforganisation

den Standards entsprechende

Strukturen und Prozesse aufgesetzt.

Managementbeauftragte und Fachexperten

in den Divisions beraten und

unterstützen die Geschäftsleitungen und

Projektverantwortlichen ebenfalls. Das

AGUS Center hält als übergeordnetes Bindeglied

den Kontakt zu ihnen und stellt

das Berichtswesen sicher. Um Arbeitssicherheit

und Gesundheitsschutz in den

gesamten Projektprozess zu integrieren,

wurden in den Divisions Managementsysteme

etabliert, die sich an internationalen

Standards wie BS OHSAS 18001

und Safety Certificate Contractors SCC

orientieren. Im Geschäftsjahr 2013 haben

76,8 Prozent der HOCHTIEF-Mitarbeiter

weltweit in entsprechend zertifizierten

Einheiten gearbeitet.

Risiken frühzeitig erkennen

Grundvoraussetzung für ein effektives

Sicherheitsmanagement ist es, Risiken

frühzeitig zu erkennen und zu beurteilen.

Daher bringen unsere Sicherheitsexperten

bereits in der Angebotsphase der

Projekte ihre Expertise ein. Daraufhin

werden Sicherheitskonzepte entwickelt,

die im Projektverlauf kontinuierlich

fortgeschrieben und angepasst werden.

Dabei ist es wichtig, dass auch alle Vertragspartner

unser Arbeitssicherheitsund

Gesundheitsschutzverständnis mittragen.

Sie müssen daher den HOCHTIEF

Code of Conduct akzeptieren. Zudem

berücksichtigen wir bei der Auswahl von

Partnern und Nachunternehmern deren

Leistung im Arbeitsschutz. Genügt ein

Unternehmen den hohen Anforderungen

nicht, behält sich HOCHTIEF vor, es von

künftigen Aufträgen auszuschließen.

58 globalcompact Deutschland 2014


Good Practice

Arbeitsnormen

In der Vergangenheit konnten trotz einer

überdurchschnittlichen Präventionsorganisation

Unfälle – zum Teil auch mit

schweren oder tödlichen Folgen – leider

nicht völlig ausgeschlossen werden. Die

Unfallhäufigkeit im Gesamtkonzern lag

2013 bei 1,53 Unfällen pro eine Million

geleistete Arbeitsstunden. Bei HOCHTIEF

werden Unfälle über ein abgestuftes

Berichtswesen erfasst und analysiert,

um die Ursachen zu verstehen und neue

Vorsorgemaßnahmen zu entwickeln

sowie die Prozesse zu optimieren.

Arbeitsschutzkultur durch

Weiterbildung fördern

In den HOCHTIEF-Gesellschaften ist die Arbeitsschutzkultur

aufgrund verschiedener

Sozialsysteme in den Ländern unterschiedlich

ausgeprägt. Um eine einheitliche

Kultur zu entwickeln, in der sich jeder

mitverantwortlich fühlt, legen wir großen

Wert auf die kontinuierliche Fortbildung.

Die Mitarbeiter werden regelmäßig intern

wie extern geschult: Arbeitssicherheit und

Gesundheitsschutz sind fester Bestandteil

der Lernangebote an den internen

Weiterbildungseinrichtungen, in den

Unternehmensmedien wird regelmäßig

darüber berichtet und an zahlreichen Aktionstagen

und in Initiativen werden die

Mitarbeiter für das Thema sensibilisiert.

Eine wichtige Rolle spielen dabei die

Führungskräfte: Sie müssen sich ihrer

Verantwortung bewusst sein und eine

entsprechende Arbeits- und Gesundheitsschutzkultur

in ihrem Zuständigkeitsbereich

fördern. Mit speziellen

Programmen werden sie auf diese Aufgabe

vorbereitet. Auch auf die Aus- und

Weiterbildung der Sicherheitsexperten

legen wir großen Wert, damit sie die

Projektverantwortlichen bei ihren Arbeits-

und Gesundheitsschutzaktivitäten

kompetent beraten und unterstützen

können. Über interne und externe Arbeitskreise

tauschen sich die Experten

über ihre Erfahrungen aus.

Arbeitssicherheit bei HOCHTIEF:

Beispiele aus der Praxis

Bei unserer US-Tochter Turner ist der Name des Arbeitssicherheitskonzepts

– „Building L.I.F.E.“ (Living Injury Free Everyday) – Programm. Dazu gehört der

jährliche „Safety Stand-Down“, bei dem 2013 gut 40.000 Turner-Arbeiter an

den Standorten und Baustellen für kurze Zeit ihre Arbeit niederlegten, um

gemeinsam das Thema Sicherheit in den Fokus zu rücken.

Dass erfolgreiche Arbeitssicherheitsmaßnahmen nicht teuer sein müssen,

bewies unsere Beteiligungsgesellschaft Thiess in Australien: Sie stattete die

Auszubildenden ihrer Minenprojekte mit Helmen in blauer Farbe aus. Somit

sind die Berufsanfänger schnell von erfahrenen Kollegen, die üblicherweise

weiße Helme tragen, zu unterscheiden und können auf gefährliches Fehlverhalten

direkt aufmerksam gemacht werden.

Bei der europäischen Gesellschaft HOCHTIEF Solutions werden die Mitarbeiter

auf ihre spezifische Arbeitssituation auch sicherheitstechnisch bestens

vorbereitet. Beispiele sind Schulungen in Brandbekämpfung und Ersthilfe sowie

Höhen- und Abseiltrainings.

globalcompact Deutschland 2014

59


WEIDMÜLLER

Weidmüller Academy:

Weiterbildung im Fokus

Den Unterschied zwischen einem guten und einem sehr guten Unternehmen machen die Mitarbeiter

aus. Deshalb wurde die Weidmüller Akademie gegründet. Im Fokus stehen dort interdisziplinäre

sowie system- und praxisorientierte Weiterbildung.

Von Klaus Hübscher

Das Leben wird immer komplexer: Technologie

und Gesellschaft entwickeln sich

rasant, die Globalisierung nimmt weiter

zu, der Wettbewerbsdruck für Unternehmen

steigt. Diese Herausforderungen stellen

an jeden Einzelnen ganz besondere

Aufgaben, Aufgaben die sich ebenfalls

in permanentem Wandel befinden. Es

liegt in der Verantwortung eines jeden

Einzelnen, durch ständige Weiterbildung

und durch lebenslanges Lernen mit der

täglichen Anforderung der immer kürzer

werdenden Technologie- und der sich

permanent beschleunigenden Innovationszyklen

Schritt halten zu können. „Nur

so wird es in Zukunft möglich sein, im

globalisierten Wettbewerb zu bestehen

und gleichzeitig im Rahmen eines ganzheitlich

nachhaltigen Handelns das Unternehmen

und die Umwelt erfolgreich

und gesund an die nächste Generation

zu übergeben“, erläutert Dr. Eberhard

Niggemann, Leiter der Weidmüller Akademie

und Nachhaltigkeitsbeauftragter

der Weidmüller Gruppe.

Institutionalisierte Qualifizierung

„Den Unterschied zwischen einem guten

und einem sehr guten Unternehmen machen

die Mitarbeiter aus“, so Niggemann.

Vor diesem Hintergrund hat die Weidmüller

Gruppe bereits 2003 die Weidmüller

Akademie gegründet. Hier bündelt der

Elektrotechnikspezialist alle Aktivitäten

zur Qualifizierung im Unternehmen.

„Bei der Arbeit in der Akademie haben

wir die Herausforderungen der Zukunft

und die Veränderungen in den globalen

Märkten immer im Blick“, so Niggemann.

„Lebenslange Aus- und Weiterbildung und

kontinuierlicher Wissensauf bau gehören

dabei zu den wichtigsten Anliegen.“

Gleichzeitig sichern die Aktivitäten der

Akademie auch den qualifizierten Nachwuchs:

interessante Projekte für Schüler,

attraktive Ausbildungsangebote sowohl

im technischen wie im kaufmännischen

Bereich und die enge Zusammenarbeit

60 globalcompact Deutschland 2014


Good Practice

Arbeitsnormen

mit Hochschulen sichern das Fortkommen

des Unternehmens.

Ein aktuelles Beispiel für die Notwendigkeit

der Anpassung von Lerninhalten

ist in diesem Zusammenhang das Trendthema

Industrie 4.0. Automatisierungstechnik,

Software und IT-Kommunikation

bilden die Basis für Industrie 4.0. Nach

Dampfmaschine, Fließbandproduktion

und Einführung der SPS-Steuerungen

zur Automatisierung der Produktion

beschreibt Industrie 4.0 die nächste Stufe

der industriellen Produktion, in der sich

intelligente Systeme über das Internet

miteinander vernetzen. Am Ende steht

die Vision der Smart Factory, die sich weitestgehend

selbst steuert und damit eine

hoch flexible und effiziente Produktion

ermöglicht. „Die Aus- und Weiterbildung

muss vor diesem Hintergrund systemtechnisch

und praxisorientiert angepasst

werden“, so Eberhard Niggemann.

Im Fokus steht dieser interdisziplinäre sowie

system- und praxisorientierte Ansatz,

der den Mitarbeitern auch die nötigen

sozialen wie persönlichen Kompetenzen

an die Hand gibt, um mit den neuen

fachlichen wie arbeitsorganisatorischen

Anforderungen zurechtzukommen. Während

früher die simple Abfolge ‚Klemme

plus Schraubendreher ergibt Verbindung‘

für die Anwendungen der Kunden von

Weidmüller ausreichte, präsentiert sich

die Lösungsfindung heute weitaus komplexer:

„Hardware, die aus mehreren Untersystemen

besteht, muss mit Software nicht

nur kombiniert werden, sondern es ist ein

grundlegendes Verständnis notwendig,

wie die Kombination als System Probleme

lösen kann“, so Niggemann. „Vor diesem

Hintergrund überführen wir derzeit z. B.

Produktschulungen in Systemschulungen.“

Ein Thema, dass nicht erst bei der Fortund

Weiterbildung oder in Kunden-

Trainings Anwendung findet: schon in

der Ausbildung wird auf eine engere

Kooperation der Auszubildenden der

unterschiedlichen Berufsrichtungen

höchster Wert gelegt: „Schon im ersten

Lehrjahr bringen wir z. B. Mechatroniker

und Elektroniker mit Werkzeug- und

Industriemechanikern und Produktdesignern

zusammen“, erklärt Niggemann.

„Hierdurch bilden sich frühzeitig Netzwerke

und jeder kann seine eigene Fachexpertise

zur Problemlösung einbringen.“

Internationalisierter

Wissenstransfer

Zum Fortkommen des Unternehmens

zählt ebenso der faire Umgang mit Kunden

und Partnern. Speziell entwickelten

Trainings fortlaufend über die neuesten

Technologien sowie über unsere Produkte

und ihre Anwendungen, die Schaffung

von Lösungen und die Schulung in speziellen

Anwendungen für externe Partner

ist ein weiteres großes Betätigungsfeld

der Weidmüller Akademie. Institutionalisiert

im „Industrial Training Center“ (ITC)

werden die Inhalte zielgenau aufbereitet

und von Weidmüller Mitarbeiterinnen

und Mitarbeitern aus der ganzen Welt

in der ganzen Welt geschult.

Neben stationären Trainings in Detmold

oder vor Ort bei Partnern und Kunden

besteht im Trainingscenter ebenso die

Möglichkeit, Inhalte über Webinare oder

Web-based Trainings abzuhalten. Ein

weiteres Ziel der Weidmüller Akademie

ist der Wissenstransfer. „Die Akademie ist

ein Ort der intelligenten Vernetzung zwischen

Unternehmen, Kunden, Partnern,

Schulen, Hochschulen, Forschungseinrichtungen,

der Region und der Gesellschaft“,

erklärt der Akademieleiter, der

damit auch den Begriff der Verbindung

über den Horizont der Weidmüller Produktwelt

gegeben sieht. Um die Innovationsfähigkeit

unseres Unternehmens zu

erhalten und auszubauen, wurde hierfür

ein umfassendes Netzwerk aufgebaut:

„Neben der Wissensvermittlung und der

Nachwuchsförderung, der Innovationsfreude

des Unternehmens und nicht zuletzt

der Beantwortung der drängenden

Fragen unserer Zeit geht es ebenso um

die Vermittlung von sozialen Werten.“

Einen besonderen Stellenwert für die

Branche im Allgemeinen und Weidmüller

im Speziellen nimmt der asiatische Wirtschaftsraum

ein. Aus diesem Grunde

wurde 2011 die Weidmüller Academy

Asia gegründet, um die beschriebenen

Kompetenz auch in China und der Asien-

Pazifik-Region auszubauen. Konzept und

Umsetzung der Asia Academy sind eng

angelehnt an die „Mutter“ in Detmold:

„Auch in Shanghai konzentrieren wir uns

auf die interne und externe Wissensvermittlung,

die Netzwerkarbeit zu Kunden

und Partnern sowie die Ausbildung von

Sozialkompetenzen speziell bei jüngeren

Kolleginnen und Kollegen“, erklärt

Niggemann.

Dass Weidmüller mit der Umsetzung

des Akademie-Konzepts das Thema Aus-,

Weiter- und Fortbildung sowie die Netzwerkarbeit

erfolgreich professionalisiert

hat, bestätigen auch unabhängige Instanzen:

in den letzten Jahren wurden

gleich mehrere renommierte Preise und

Auszeichnungen gewonnen, darunter die

Auszeichnung als „Ort des Fortschritts“

durch die Landesregierung. „Wichtiger

noch als die Auszeichnung von außen

ist für uns die Anerkennung im Unternehmen

und in unserem Netzwerk“, gibt

Eberhard Niggemann zu bedenken. „Die

spüren wir vor allem dadurch, dass unsere

Angebote immer stärker nachgefragt

werden und aus dem ursprünglichen

Projekt Akademie in den vergangenen

nunmehr elf Jahren des Bestehens eine

Institution mit international hervorragendem

Ruf geworden ist.“

globalcompact Deutschland 2014

61


Armacell

Technische Dämmstoffe mit

glänzender Ökobilanz

Die Dämmung technischer Anlagen ist der Schlüssel zur Steigerung der Energieeffizienz – in

gewerblichen und Wohngebäuden, bei Industrieanwendungen und in der Öl- und Gasbranche.

Denn wo Energie erzeugt, transportiert oder gespeichert wird, kann ein Teil der wertvollen Ressource

verloren gehen, wenn die Anlagen nicht oder unzureichend gedämmt sind. Angesichts

weiter steigender Energiekosten und strengerer Energiespargesetze amortisiert sich der Einsatz

technischer Dämmmaterialien immer schneller und die Anlagenisolierung ist schon heute die

Energiesparmaßnahme mit dem höchsten Return on Investment (ROI). Außerdem ist sie der

kostengünstigste Weg zu einem geringeren CO 2

-Ausstoß.

Von Nina Laumann

Als ein weltweit führender Hersteller

von flexiblen technischen Dämmstoffen,

die in Millionen von Installationen

auf der ganzen Welt eingesetzt wurden,

leistet Armacell einen erheblichen Beitrag

zur Reduktion von Treibhausgasen.

Mit der Jahresproduktion von Armacell

Dämmstoffen wird so viel Energie eingespart,

wie die 200.000 Haushalte von

Las Vegas in einem Jahr benötigen. Heute

beschäftigt das Unternehmen mehr als

2.200 Mitarbeiter auf der ganzen Welt

62 globalcompact Deutschland 2014


Good Practice

Umweltschutz

und betreibt 20 Produktionsstandorte

in 13 Ländern auf vier Kontinenten.

Mit Werken in China, Thailand, Indien,

Brasilien, Saudi-Arabien und jüngst in

Südkorea hat Armacell früh neue geografische

Märkte erschlossen und wird in

aufstrebenden Märkten weiter wachsen.

Armacell Produkte werden in 88 Ländern

rund um den Globus vertrieben und

installiert.

Dämmstoffe von Armacell sparen

140 Mal mehr Energie ein

Dämmstoffe von Armacell zählen zu

den wenigen industriell gefertigten

Erzeugnissen, die im Laufe ihres Produktlebens

mehr Energie einsparen

als zu ihrer Herstellung benötigt wird.

Bereits im Jahr 2007 hat Armacell erstmals

eine umfassende Ökobilanz für

seine Produkte aufgestellt. Die Ökobilanz

(englisch: Life Cycle Assessment, LCA)

dient der systematischen Untersuchung

der Umweltauswirkungen von industriellen

Erzeugnissen. Dabei wird der

komplette Lebensweg eines Produkts

„von der Wiege bis zur Bahre“ nachgezeichnet.

Einbezogen werden dabei alle

Prozesse, wie etwa die Ressourcengewinnung,

Energiebereitstellung, Herstellung,

Transportleistungen sowie die Nutzung

und Entsorgung der Produkte. Schwerpunkt

der Armacell LCA-Analyse ist eine

Gegenüberstellung des Energieaufwands

bei der Herstellung der Produkte zur

Energieeinsparung während ihrer Lebensdauer.

Das Ergebnis ist eine spezifische

„Energie- und CO 2

-Bilanz“.

Energetische Amortisation nach nur

50 Tagen

Zur Produktion von Armaflex werden

durchschnittlich 0,4 l Öl pro laufenden

Meter Armaflex benötigt. Durch den

Einsatz einer Armaflex Dämmung in

einer Kälte / Klima- bzw. Heizungsanlage

werden dagegen jährlich rund

3 l Öl eingespart. Bei einer Lebensdauer

von 20 Jahren können durchschnittlich

65 l Öl – also das 140-Fache des Energieeinsatzes

– eingespart werden. Der zur

Herstellung von Armaflex notwendige

Energieaufwand hat sich bereits nach

nur 50 Tagen amortisiert.

Auch die Klimabilanz überzeugt: Während

bei der Produktion des Elastomermaterials

rund 0,5 kg CO 2

pro laufenden

Meter Armaflex emittieren, verhindert

das Produkt durchschnittlich den Ausstoß

von 80 kg CO 2

bei einer Nutzungsdauer

von 20 Jahren. Das bedeutet, dass

Armaflex 150 Mal mehr Treibhausgas-

Emissionen einspart, als während der

Herstellung emittiert werden.

Armaflex, die weltweit bekannteste Marke

für flexible technische Dämmungen,

spart 140 Mal mehr Energie ein, als für

seine Produktion erforderlich ist. Fachmännisch

installiert, reduziert es den

Einsatz wertvoller Energieressourcen

und vermindert so den Ausstoß von

Treibhausgasen.

Betrachtet man ausschließlich den Bereich

der Heizungsapplikationen, ist

die Bilanz sogar noch positiver: Auf diesen

Anlagen installiert, spart Armaflex

270 Mal mehr Energie und rund 500

Mal mehr CO 2

ein, als zur Herstellung

benötigt wurde.

Optimale Dämmung ist der

Schlüssel zur Energieeffizienz

Das Baugewerbe ist eine der rohstoffund

energieintensivsten Industrien. Der

Gebäudesektor ist die größte Einzelquelle

des weltweiten Rohstoffeinsatzes und

größter Verursacher von Treibhausgas-

Emissionen. Rund 30 % aller Rohstoffe

werden für die Errichtung und Instandhaltung

von Gebäuden eingesetzt.

30 bis 40 % der Treibhausgase resultieren

aus dem Bau, der Nutzung oder

der Entsorgung von Gebäuden. In den

Industrieländern fließt viel Energie in

das Verkehrswesen und die Industrie,

doch der größte Teil – rund 40 % des

europäischen Energieverbrauchs – entfällt

auf die Gebäude. Der Großteil dieser

Energie dient der Beheizung und

Kühlung. In Europa entfallen derzeit

rund 70 % auf die Beheizung, wobei die

Klimatisierung auf dem Vormarsch ist. Es

wird prognostiziert, dass sich der Einsatz

der Klimatechnik bis 2030 verdreifacht.

Energieeffizienz ist die wichtigste Energiequelle,

um in Zukunft den wachsenden

Energiebedarf zu decken und

das Klima zu schützen. Der Schlüssel

zur Energieeffizienz ist die Dämmung.

Optimale technische Dämmungen sind

eine der einfachsten, kostengünstigsten

und am schnellsten umzusetzenden

Maßnahmen, die Energieeffizienz zu

steigern.

Links: Die Dämmung technischer Anlagen

mit Armacell Produkten steigert die

Energieeffizienz und vermindert so den

Ausstoß schädlicher Treibhausgase.

Rechts: Armacell Dämmstoffe werden seit

nunmehr 60 Jahren weltweit eingesetzt;

sie schützen z. B. auch die Luftkanäle im

Empire State Building vor Energieverlusten.

globalcompact Deutschland 2014

63


CEWE

CEWE: Wo Qualität auf

Verantwortung trifft

Unternehmerisches Denken und Handeln sind bei CEWE von Innovationskraft und Langfristigkeit

geprägt. Seit der Firmengründung vor über 50 Jahren gehen Qualitätsanspruch und Verantwortung

gegenüber der Umwelt, den Mitarbeitern, den Kunden, Lieferanten und Aktionären

Hand in Hand. Wir wägen sorgsam ab, was mit welchen Mitteln zu wessen Wohl geschieht und

welche Auswirkungen dies auf morgen hat.

Von Dr. Christine Hawighorst

Im Jahr 2005 haben wir das CEWE FOTO-

BUCH auf den Markt gebracht. Schnell

entwickelte es sich zu Europas beliebtestem

Fotobuch und dient vielen Menschen

dazu, schöne Momente – wie Hochzeiten,

Reisen und Geburtstage – über

Generationen hinweg festzuhalten. Bei

der Produktion eines CEWE FOTOBUCHs

spielen Aspekte nachhaltigen Handelns

eine große Rolle. Jedes Buch beginnt damit,

dass unsere Kunden an Computern,

Tablets oder Handys ihre Lieblingsfotos

zusammenstellen und daraus ein individuelles

Buch gestalten. Die Daten werden

bei Handelspartnern im Geschäft oder

online an uns weitergeleitetet und in

unseren Rechenzentren erfasst.

Bereits hier startet für uns der Umweltschutz:

2011 realisierten wir unter modernsten

ökologischen Aspekten der

Green IT den Neubau unseres Rechenzentrums

am Standort Oldenburg. 2013

erhielten wir hierfür – als eines der ersten

vier Rechenzentren in Deutschland

– den Blauen Engel. Jährlich sparen wir

nun 150 t CO 2

-Emissionen ein.

Klimaschutz hat bei CEWE eine hohe

Relevanz: Wir beteiligen uns am ertemis-

Projekt (European Research and Transfer

Network for Environmental Management

Information Systems). Das Forschungsnetzwerk

wurde ins Leben gerufen, um

eine umweltgerechte Ausrichtung der IT-

Infrastruktur (Green IT) in Unternehmen

zu forcieren. Beteiligte Hochschulen

bringen den jeweils aktuellen wissenschaftlichen

Stand in das Netzwerk ein,

so dass neue Erkenntnisse und klimaschonende

Ansätze frühzeitig einen Weg

in die Wirtschaft finden.

Papier aus nachhaltiger

Forstwirtschaft

Nachdem der Server die Fotobuchdaten

geordnet hat, schickt er diese weiter zu

unseren Druckmaschinen. Wir verwenden

ausschließlich FSC®-zertifiziertes

Papier. Die Regeln des Forest Stewardship

Council® verlangen, dass die gesamte

Verarbeitungs- und Handelskette vom

Wald bis zum Großhändler lückenlos

zertifiziert sein muss. Nur solche Betriebe,

die den Anforderungen entsprechen,

können FSC®-Produkte mit dem FSC®-

Label kennzeichnen. Unsere deutschen

Betriebe sind bereits seit 2010 zertifiziert,

die europaweiten Standorte folgten 2011.

Sicherheit am Arbeitsplatz

Arbeitssicherheit gilt für uns als wichtige

Verpflichtung gegenüber den Mitarbeitern

und der Gesellschaft. Alle neu

installierten Anlagen und Verfahren

entsprechen den geltenden nationalen

und internationalen Normen und Gesetzen

und unterschreiten vorgegebene

64 globalcompact Deutschland 2014


Good Practice

Umweltschutz

verwenden müssen. Außerdem konnten

wir den Wasserverbrauch insgesamt von

5,5 Liter pro qm im Jahr 2004 auf heute

2,2 Liter weit mehr als halbieren. Auch

das für die Fotoentwicklung benötigte

Silber gewinnen wir zu 95 Prozent zurück

und leisten so einen Beitrag zur

Schonung wertvoller Ressourcen.

uns auferlegt haben, schriftlich informiert

und tragen diese in vollem Umfang mit.

In den Jahren 2012 und 2014 haben wir

in China umfangreiche Lieferantenaudits

durchgeführt, und vor Ort insbesondere

auf die Aspekte Menschenrechte, Arbeitsnormen,

Umweltschutz und Korruptionsbekämpfung

geachtet.

Umweltschutz beim Versand

Umfassender Umweltschutz

Unten: Der Nachhaltigkeitskreis um

Vorstand Andreas F. L. Heydemann sorgt

für Verbindlichkeit und Umsetzung des

nachhaltigen Engagements.

Damit die Bücher vor und während des

Versandes geschützt sind, umhüllen

wir sie mit einer Folie und mit einem

Karton. Die Versandtasche ist ebenfalls

aus Pappe. In der gesamten Verpackung

An den Produktionsstandorten Oldenburg,

Mönchengladbach, München und

Eschbach haben wir ein Umweltmanagementsystem

gemäß DIN EN ISO 14001

aufgebaut, in die Praxis umgesetzt und

zertifiziert. Das System beschreibt den

kontinuierlichen Verbesserungsprozess

in Bezug auf alle Umweltleistungen. Wir

erarbeiten stetige Fortschritte sowohl bei

der Reduzierung der CO 2

-Emissionen

als auch bei der Verbesserung der Energiebilanz.

Insgesamt konnten wir im

letzten Jahr durch Green IT, Logistik

und durch Energieeinsparungen 1.300 t

CO 2

einsparen.

Grenzwerte möglichst zum Wohl der

Gesundheit von Mitarbeitern und der

Umwelt. So werden beispielsweise Dämpfe

verwendeter Klebstoffe (zum Fertigen

des Buchinnenteils) sorgfältig abgesaugt

und gereinigt. Alle bei der Herstellung

des CEWE FOTOBUCHs eingesetzten

Druckerfarben sind lebensmittelecht

und frei von schädlichen Stoffen.

Recyclingkreisläufe

stecken nur 3 Prozent Plastik. Seit April

2010 versendet CEWE deutschlandweit

alle Sendungen im Bereich Mailorder

mit GoGreen der Deutschen Post oder

UPS Carbon Neutral. So werden unsere

transportbezogenen Emissionen durch

externe Klimaschutzprojekte ausgeglichen.

Verantwortung fängt bei unseren

Zulieferern an

Im Jahr 2013 haben über 5,8 Millionen

CEWE FOTOBUCH Exemplare unsere

Produktionsanlagen verlassen. Bei jedem

einzelnen haben wir unsere professionelle

Leidenschaft für das Thema

Nachhaltigkeit an den Tag gelegt. Alle

Mitarbeiter und insbesondere der Nachhaltigkeitskreis

unter der Führung von

Vorstand Andreas F. L. Heydemann

tragen dafür Sorge, dass dies auch in

Zukunft so bleibt.

Wenn unsere Kunden ihr CEWE FOTO-

BUCH auf echtem Fotopapier bestellen,

werden die Fotos im Silberhalogenid-Verfahren

entwickelt. Die hierfür benötigten

Verarbeitungsbäder nutzen wir in einem

ständigen Kreislauf und recyceln sie zu 89

Prozent. Dadurch haben wir – gerechnet

auf die Menge des eingesetzten Wassers

pro Jahr – in der gesamten CEWE Gruppe

weniger als drei Prozent Chemikalien

Wir stellen hohe Ansprüche an unsere

Lieferanten. Dort, wo es möglich ist, arbeiten

wir mit lokalen Anbietern. Für die

Produktion und das benötigte Material

bedeutet dies, dass wir zu über 70 Prozent

in Deutschland und im europäischen

Wirtschaftsraum und zu unter 30 Prozent

im außereuropäischen Ausland einkaufen.

Sämtliche relevanten Lieferanten sind

über die Compliance-Richtlinien, die wir

Dr. Christine Hawighorst ist Leiterin

Corporate Social Responsibility und

Public Relations bei CEWE.

globalcompact Deutschland 2014

65


E.ON

SmartRegion Pellworm –

Saubere Energie aus

regionaler Erzeugung

Wie die Energieversorgung der Zukunft aussehen kann, lässt sich seit September 2013 auf der

Nordseeinsel Pellworm beobachten. Der Düsseldorfer Energiekonzern E.ON hat dort gemeinsam

mit der Schleswig-Holstein Netz AG das erste intelligente Stromnetz in Norddeutschland

in Betrieb genommen. Mit dem Projekt „SmartRegion Pellworm“ zeigen sie im Kleinen, wie die

Energiewende im Großen gelingen kann.

Von Ulrich Spaetling

Die kleine Nordseeinsel Pellworm ist aktuell

ganz weit vorn. Denn derzeit wird

auf Pellworm im Kleinen erprobt, was

künftig in größerem Maßstab andernorts

zur Beschleunigung der Energiewende beitragen

kann: Auf Pellworm läuft das erste

intelligente Stromnetz Norddeutschlands.

Ein Netz, mit dem getestet wird, wie man

die vor Ort regenerativ erzeugte Energie

auch vor Ort verwerten kann, um so

die Abhängigkeiten vom überregionalen

Stromtransport und den dafür notwendigen

Netzausbau reduzieren zu können.

Die drittgrößte der nordfriesischen Inseln

birgt dafür optimale Voraussetzungen:

HanseWerk, eine E.ON-Tochter, betreibt

dort seit Mitte der 1980er Jahre ein leistungsfähiges

Hybridkraftwerk. Es wurde

2004 modernisiert und produziert heute

in Spitzenzeiten etwas mehr als ein Megawatt

Leistung aus Wind- und Sonnenkraft.

Bei optimalen Verhältnissen produzieren

alle regenerativen Erzeugungsanlagen

auf der Insel etwa drei Mal so viel Strom,

wie die rund 600 Haushalte der Insel

verbrauchen.

66 globalcompact Deutschland 2014


Good Practice

Umweltschutz

In Zeiten hohen Energieverbrauchs

mussten die Insulaner dennoch weiter

Strom über zwei Seekabel vom Festland

importieren. Denn Stromproduktion und

-verbrauch erfolgen nicht zeitgleich, und

effektive Speichermöglichkeiten für den

überschüssigen Strom fehlten bislang.

War der Stromverbrauch auf der Insel

dagegen gering, wurde die überschüssige

Energie auf dem umgekehrten Weg

ins schleswig-holsteinische Stromnetz

eingespeist.

Ziel: hohe Eigennutzung des

erzeugten Stroms

Sowohl beim Import als auch beim

Export von Energie über die Seekabel

treten jedoch Verluste und damit Kosten

auf. Mit dem Projekt „SmartRegion

Pellworm“ wollen E.ON und die Schleswig-Holstein

Netz AG das ändern. Unter

anderem gilt es herauszufinden, wie

weit sich die Abhängigkeit der Insel

vom Festlandstrom senken lässt. Und

zwar zu bezahlbaren Preisen und ohne

Abstriche bei der Versorgungssicherheit.

Die Bundesregierung hat daher die

„SmartRegion Pellworm“ zu einem von

sechs Leuchtturmprojekten ihrer „Förderinitiative

Energiespeicher“ erkoren.

Das Bundesministerium für Wirtschaft

und Energie fördert die Modellregion.

Das Investitionsvolumen liegt bei knapp

zehn Millionen Euro. Geld, das zukunftsträchtig

angelegt ist – und nicht nur den

Einwohnern von Pellworm den Weg in

eine nachhaltige Energieversorgung auf

regionaler Basis ebnet.

Gelingen soll das über ein sogenanntes

„Smart Grid“ – ein intelligentes Stromnetz

–, über das die Energieflüsse gesteuert

werden. Zu dem Konzept gehören

auch Möglichkeiten, Strom direkt zu

speichern und zu einem späteren Zeitpunkt

bedarfsgerecht wieder bereitzustellen

oder ihn beispielsweise in später

benötigte Wärme umzuwandeln und

diese zu speichern. Das Prinzip dahinter

ist schlüssig: Wird auf Pellworm viel

Strom erzeugt, wird der „grüne“ Strom

in leistungsstarken Batterien, Haushaltsspeichern,

in Elektroautos oder über

Elektrospeicherheizungen gespeichert.

Gibt es kaum Wind oder Sonne, speisen

die Batterien den Strom wieder ins Netz

der Insel – so wird die vor Ort erzeugte

Energie auch vor Ort genutzt.

In der Praxis ist dies leichter gesagt als

getan. Denn soll die Spannung im Stromnetz

stabil bleiben, müssen Stromerzeugung

und -verbrauch gleich groß

sein. Gleichzeitig sollen Sonnen- und

Windenergie aber einen möglichst hohen

Ertrag liefern – wodurch das Stromnetz

wiederum an die Grenzen seiner

Belastbarkeit zu gelangen droht. Um

Stromausfälle zu vermeiden, muss der

regenerativ erzeugte Strom also möglichst

optimal verwertet werden.

Intelligent vernetzt: Energieerzeuger,

-verbraucher und -speicher

Auf Pellworm geschieht dies über ein

integriertes System, das Energieerzeuger,

-verbraucher und -speicher auf der Insel

über Datenleitungen miteinander vernetzt

und die Energieflüsse intelligent

steuert. Die vorhandene Strominfrastruktur

auf der Insel wurde dafür durch

mehrere hochmoderne Komponenten

ergänzt.

Namhafte Partner aus Wissenschaft

und Industrie bringen sich dabei mit

ihrer Expertise ein, darunter die RWTH

Aachen, die FH Westküste, das Fraunhofer-Anwendungszentrum

Systemtechnik

und der Nürnberger Batteriespezialist

Saft Batterien.

Letzterer produziert die Lithium-Ionen-

Batterien, die mit einer Speicherkapazität

von 560 Kilowattstunden ein zentraler

Baustein des Projekts sind. Die

Hochleistungsspeicher lassen sich binnen

kürzester Zeit laden und entladen

und taugen dadurch als Kurzzeitspeicher

für die auf Pellworm erzeugte Energie.

Sie ergänzen die sogenannte Redox-

Flow-Batterie, die als Langzeitspeicher

fungiert.

Wind- und Sonnenstrom, der nicht direkt

verbraucht wird, kann durch Kombination

dieser innovativen Energietechnologien

für wind- und sonnenarme Zeiten

gespeichert werden, was in dieser Form

neu ist. Auch mit dem Einsatz von zwei

regelbaren Ortsnetz-Transformatoren

betreten die Projektbeteiligten Neuland.

Die Trafos zählen zu den ersten dieser

Art in Schleswig-Holstein und regeln

die Spannung im Netz automatisch,

gewährleisten so eine stabile und sichere

Stromversorgung der Insel mit grüner

Energie.

Smarte Region, smarte Technik

Für Stabilität sorgt zudem die Leistungselektronik

des bayerischen Spezialausrüsters

Gustav Klein. Sie bildet die

Schnittstelle zwischen den Lithium-

Ionen-Batterien und dem Netz und

wandelt den Wechselstrom aus dem

Netz in Gleichstrom um, damit dieser

in Batterien gespeichert werden kann.

Beim Entladen stellt das System sicher,

dass der Gleichstrom aus der Batterie in

Wechselstrom gewandelt wird.

Optimiert wird das Zusammenspiel der

einzelnen Bausteine durch ein von Fraunhofer-Forschern

entwickeltes Energiemanagementsystem.

Das sammelt permanent

Daten wie Sonneneinstrahlung,

Windgeschwindigkeit, Temperatur und

weiß um die aktuellen Verbrauchsund

Erzeugungswerte auf der Insel.

Auf dieser Grundlage sorgt es für eine

ständige Balance zwischen Energieerzeugung

und -verbrauch. Selbst Feiertage

oder Veranstaltungen und die damit

einhergehenden Änderungen im Stromverbrauch

fließen in die Prognose ein.

2014 startete das Projekt in den Testbetrieb.

Diese Demonstrationsphase wird

zeigen, wie die einzelnen Bausteine

zusammenspielen, wie die Energiespeicher

optimal mit den Erzeugungsanlagen

verknüpft werden können und wo

eventuell nachgesteuert werden muss.

Außerdem wird sich im Testbetrieb

zeigen, inwieweit die schwankende

Einspeisung erneuerbarer Energien

auf Pellworm abgefedert und deren

Verwertung vor Ort verbessert werden

kann – und inwieweit dies auch in

anderen Regionen Deutschlands oder

Europas möglich sein wird.

globalcompact Deutschland 2014

67


MAN

Diese Entwicklungen stellen nicht nur

eine politische Herausforderung dar –

auch die Transport- und Logistikbranche

ist gefragt: Lkw und Busse sollen

möglichst wenig CO 2

-Emissionen ausstoßen

und hohe Sicherheitsstandards

erfüllen. Und auch von Schiffen wird

zunehmend gefordert, dass sie Güter

möglichst schadstofffrei von A nach B

bringen. Neue Anforderungen, die uns

bei MAN zu Höchstleistungen antreiben.

Effizienz in der Nutzungsphase

Eigenschaften wie Effizienz, Klimafreundlichkeit

und Sicherheit spielen

eine zentrale Rolle in der Produktentwicklung

von MAN. Dabei konzentrieren

wir uns auf den Bereich, in dem wir das

größte Optimierungspotenzial sehen –

die Nutzungsphase. Unsere Produkte

sind oftmals mehrere Jahrzehnte im

Einsatz, womit bis zu über 90 Prozent der

entstehenden Treibhausgasemissionen

auf ihre Nutzung entfallen.

MAN kann Zukunft

Wie erfolgreich die Teilkonzerne MAN

Truck & Bus und MAN Diesel & Turbo

darin sind, effiziente und nachhaltige

Produkte für Fernverkehr und Schifffahrt

zu entwickeln, konnten wir jüngst

auf den wichtigsten Leitmessen unserer

beiden Geschäftsbereiche beweisen: der

IAA Nutzfahrzeuge und der SMM für die

maritime Industrie.

IAA: Bus überzeugt Jury

Nutzfahrzeuge und Schiffsantriebe müssen nicht mehr nur

leistungsfähig und sicher sein, sondern auch strengen

Umweltanforderungen entsprechen: spätestens damit sind

Megatrends wie Klimawandel und Urbanisierung in der

Nutzfahrzeug- und Maschinenbau-Branche angekommen.

Effizienz und umweltfreundlichere Antriebe stehen damit

zunehmend im Vordergrund bei der Produktentwicklung.

Auf den zwei wichtigsten Leitmessen für Nutzfahrzeuge und

Schifffahrt präsentierte MAN zukunftsweisende Transportund

Energielösungen.

Mit einem breiten Spektrum effizienter

Lkw und Busse konnte MAN auf der

IAA Nutzfahrzeuge 2014 in Hannover

überzeugen: Einen Blick in die Zukunft

des Fernverkehrs gewährte das MAN

Konzeptfahrzeug TGX Hybrid (siehe Foto

links), das auf der Messe Publikumspremiere

feierte. Der Hybridantrieb ermöglicht

es, Bremsenergie zurückzugewin-

IAA

Nutzfahrzeuge

Von Yvonne Benkert

Die Mobilität von morgen erfordert neue

Ideen: Bis 2030 rechnet das Bundesministerium

für Verkehr und digitale

Infrastruktur mit einer Zunahme des

Transportaufkommens im Straßengüterverkehr

in Deutschland um 17 Prozent

gegenüber 2010 – in der Binnenschifffahrt

sogar um 20 Prozent. Auch der

Personenverkehr wird mit der Urbanisierung

weiter steigen.

Die IAA Nutzfahrzeuge ist die

Weltleitmesse für Mobilität,

Transport und Logistik. Unter

dem Motto „Zukunft bewegen“

präsentierten Ende September

2014 2066 Aussteller aus 45

Ländern. MAN Truck & Bus war

mit einem breiten Spektrum effizienter

Lkw und Busse auf rund

10.000 Quadratmetern vertreten.

68 globalcompact Deutschland 2014


Good Practice

Umweltschutz

nen, zu speichern und wieder zu nutzen.

Das spart rund acht Prozent Kraftstoff

und damit auch ebenso viel CO 2

ein.

Besonders punkten konnten wir mit

unserem Lion’s City GL CNG, der auf der

IAA Nutzfahrzeuge zum „Bus of the Year

2015“ gekürt wurde. Der 18,75 Meter lange

Gelenkbus wird mit Erdgas betrieben

und liefert eine extrem schadstoffarme

Lösung für die zunehmend verstopften

Straßen großer Städte: Mit Biogas oder

E-Gas betankt, fährt er annähernd CO 2

-

neutral. Die Auszeichnung signalisiert

uns, dass MAN bei der Entwicklung nachhaltiger

Fahrzeuge ganz vorne dabei ist.

Dabei ist Nachhaltigkeit in unserem

Unternehmen nicht nur zentral bei der

Entwicklung neuer Produkte, sondern

auch bei Fahrzeugen, die bereits im

Einsatz sind – wie die Produktlinie

„MAN Originalteile ecoline“ zeigt. Mit

ihr werden Altteile nach strengen Qualitätskriterien

auf bereitet und erhalten

so die Qualität eines Neuteils. Durch

die Wiederverwendung schonen wir

Ressourcen und sparen Energie. Und

weil weniger Neuteile produziert werden

müssen, wird auch der Emissionsausstoß

gesenkt. Zugleich profitieren unsere

Kunden: Die Kosten eines wieder auf bereiteten

Altteils liegen durchschnittlich

30 Prozent unter denen eines Neuteils.

SMM: Lösungen für die Schifffahrt

Auch in der Schifffahrt ist es das erklärte

Ziel von MAN Diesel & Turbo, umweltschonende

und kundengerechte Produkte

zu entwickeln, die den Anforderungen

der Zukunft gerecht werden. So bieten

wir mit dem neuen High-Speed-Aggregat

MAN 175D (siehe Foto rechts) den über

den gesamten Lebenszyklus bislang effizientesten

Motor auf dem Markt an.

Die auf der SMM erstmals vorgestellte

12-Zylinder-Version ist für den Antrieb

von Fähren, Offshore-Versorgungsschiffen,

Schleppern und Arbeitsbooten

optimiert und wird bereits 2015 an erste

Pilotkunden geliefert.

SMM

Die SMM ist die weltweit führende

Branchenveranstaltung der maritimen

Wirtschaft. Im September

2014 fand sie mit mehr als 2100

Ausstellern aus 67 Ländern unter

dem Motto „Innovationen“ statt.

Darunter fielen Themen wie maritimer

Umweltschutz und maritime

Sicherheit. Auf 450 Quadratmetern

präsentierte MAN Diesel & Turbo

moderne Motoren für die Seefahrt

und lud Besucher in die Eco Technology

Lounge ein.

Ein weiteres Highlight des MAN Messeauftritts

war die Eco Technology Lounge,

in der interessierten Besuchern MAN Dual-

Fuel-Motoren und Abgasnachbehandlungstechnologien

vorgestellt wurden:

Der Einsatz von Erdgas als Brennstoff

in den Mehrstoffmotoren hält CO 2

- und

Stickstoffemissionen von vorneherein

niedrig. Durch die Abgasnachbehandlungstechnologien

erreichen alle MAN

Motoren die Abgasnormen der Internationalen

Maritime Organisation.

Zwei Bereiche, ein Ansatz

Ob im Fernverkehr oder in der Schifffahrt:

Nicht nur die Leistungs-, sondern

auch die Umweltanforderungen an die

Produkte steigen. MAN antwortet mit

effizienten Antrieben, die weniger CO 2

-

und Schadstoffemissionen freisetzen

und damit auch Kosten einsparen. Dafür

ist ein umfassendes Verständnis von

Produktverantwortung zentral: MAN

betrachtet den gesamten Produktlebenszyklus

und berücksichtigt neben

Umweltauswirkungen auch Faktoren

wie Sicherheit, Gesundheit und gesellschaftspolitische

Aspekte.

In Zukunft wollen wir noch einen entscheidenden

Schritt weitergehen und die

Betrachtung unserer Produkte um zusätzliche

Umweltauswirkungen ergänzen. So

nehmen wir beispielsweise Versauerung,

Sommersmog, Überdüngung und Ozonabbau

in unsere Analysen auf. Denn wir

sind überzeugt: Nur mit einem wirklich

umfassenden Produktverständnis werden

wir unserem Anspruch gerecht, auch

weiterhin die Zukunft einer nachhaltigen

Mobilität mitzugestalten.

globalcompact Deutschland 2014

69


Miele

Betrieblicher Umweltschutz bei Miele:

Effizienz und Energiebedarf

im Fokus

Nicht nur bei den Geräten selbst, sondern auch in der Produktion der langlebigen Haus- und Gewerbegeräte

von Miele spielen Energieeffizienz und Ressourcenschonung wichtige Rollen. Dies

gilt im Unternehmen seit Jahrzehnten. Für die hohe Kontinuität seiner Nachhaltigkeitsstrategie

erhielt Miele Ende vergangenen Jahres den Deutschen Nachhaltigkeitspreis.

Energieeffizienz in der

Infrastruktur

Seit dem Geschäftsjahr 2012 / 2013 bis

zum Geschäftsjahr 2013 / 2014 gelang eine

Reduzierung des absoluten Energiebedarfs

in Produktion und Infrastruktur um 8,1

Prozent. Insgesamt um 18,4 Prozent wurde

der Energieverbrauch im Unternehmen

seit dem Jahr 2000 gemindert. Auch der

spezifische Energiebedarf (Energieverbrauch

pro Tonne Produkt) konnte im

Geschäftsjahr 2013 / 2014 von 1.368 Kilowattstunden

(kWh) pro Tonne Produkt

(2012 / 2013) um 6,8 Prozent auf 1.275

kWh / Tonne Produkt reduziert werden.

Sanierungsmaßnahmen in den Miele-

Werken bildeten einen wichtigen Schwerpunkt

im Jahr 2014 – einige Beispiele:

Von Ursula Wilms

Der konzernweite Umweltschutz ist ein

zentrales Handlungsfeld der Miele Nachhaltigkeitsstrategie.

Ein gut aufgestelltes

Umweltmanagement trägt zur Erreichung

der Ziele bei. Alle Produktionsstandorte

weltweit sind nach dem Umweltmanagementsystem

ISO 14001 zertifiziert, alle

europäischen Werkstandorte nach der

Energiemanagementnorm ISO 50001.

Die konsequente Effizienzsteigerung und

Energieeinsparung in der Produktion und

in der Gebäudeinfrastruktur sind erklärte

Ziele. Dazu erfolgte im Geschäftsjahr

2012 / 2013 an allen Werkstandorten eine

Potenzialanalyse der Infrastrukturanlagen

wie etwa der Heizungen und Lüftungen.

Ziel dabei war es, mögliche Effizienzsteigerungen

und Einsparmöglichkeiten zu

identifizieren. Resultat der Analyse: ein

Einsparpotenzial von rund 10 Million

Kilowattstunden. Daraufhin analysierte

das etwa 18-köpfige, werkübergreifende

Energiemanagementteam sukzessive, welche

Maßnahmen sich zur Ausnutzung

dieses Potenzials eignen und begann mit

der Arbeit. Seitdem sind bereits zahlreiche

Projekte erfolgreich durchgeführt worden,

sodass Miele seinen Energiebedarf weiter

senken konnte.

Im Gütersloher Stammwerk, in dem Geräte

zur Wäschepflege entwickelt und

hergestellt werden, realisierte Miele im

ersten von vier Bauabschnitten einen

neuen Bürokomplex mit ca. 3.500 m²

Nutzfläche. Die neuen Gebäude sind

mit modernster, energieeffizienter und

vernetzter Gebäudetechnik ausgestattet.

Wesentliches Merkmal ist eine Betonkernaktivierung

für das Heizungs- und

Kühlsystem, die mit Strahlungswärme die

konventionellen Heizkörper ersetzt. Das

System steuert Heizung, Beleuchtung und

die Jalousien zentral und automatisch

– in Abhängigkeit von der Wetterlage.

Wie in Gütersloh geht auch an den anderen

Werkstandorten der größte Teil

70 globalcompact Deutschland 2014


Good Practice

Umweltschutz

der Wärmeenergie auf das Konto der

Raumwärme. In den Werken Bielefeld,

Euskirchen, Lehrte und Warendorf lag

daher der Schwerpunkt auf Verbesserungen

der Gebäudesubstanz und Wärmedämmung.

Die Energieeinsparung dieser

Maßnahmen beträgt 2.860.000 kWh pro

Jahr. Das führt zu einer CO 2

-Reduzierung

von 535.000 Kilogramm jährlich (kg/a).

Die Energiekonzepte in den Werken Bünde

und Oelde sind heute komplett neu

aufgestellt. So wurde im Bünder Kompetenzwerk

für Dampfgarer, Kochfelder und

Wärmeschubladen ein Blockheizkraftwerk

mit modularer Kraft-Wärme-Kälte-

Kopplung eingerichtet, dessen Abwärme

für die Beheizung der Gebäude und zum

Betrieb der Adsorptionskälteanlagen genutzt

wird.

Im Werk Oelde wurden die Kälteanlagen

gegen eine moderne und effizientere

Anlage ausgetauscht. Dabei kam ein

neues Antriebs- und Regelungskonzept

zum Einsatz, das es nun ermöglicht, die

Abwärme vollständig zu nutzen. Die umgesetzten

Maßnahmen führen zu einer

Energieeinsparung von über einer Million

kWh/a sowie zu einer CO 2

-Reduzierung

von 221.000 kg/a.

Das sanierte Werk im österreichischen

Bürmoos (Salzburger Land) kann nach

Abschluss der Arbeiten eine durchschnittliche

Senkung des Heizbedarfs um

40 Prozent verzeichnen, obgleich sich

die beheizte Fläche im Zuge der Standorterweiterung

um rund 20 Prozent vergrößert

hat.

Links: Das neue Blockheizkraftwerk zur

Kraft-Wärme-Kopplung im Werk Bünde

reduziert den Ausstoß von CO 2

erheblich.

Oben: Fachbesucher im Werk Gütersloh

lassen sich die Funktion einer Druckluftanlage

mit Abwärmenutzung erklären.

Weitere Schwerpunkte der Energieeffizienzprojekte

konzentrierten sich auf die

Modernisierung der Beleuchtung und

der Druckluftanlagen. Dies geschah im

Werk Bielefeld, Kompetenzzentrum für

Geschirrspüler und Staubsauger, und im

Dunstabzugshaubenwerk in Arnsberg. In

Bielefeld konnten knapp 862.000 kWh/a

Energie eingespart werden, die CO 2

-Reduzierung

beläuft sich dort auf 176.700 kg/a.

In Arnsberg betrug die Energieeinsparung

43.500 kWh/a, es ergab sich eine CO 2

-

Reduzierung von fast 9.000 kg/a.

Auch die Fertigungsanlagen selbst unterliegen

einer kontinuierlichen Überprüfung

im Hinblick auf Verbesserungspotenzial.

So ließ sich im Kunststoffteilewerk

am Standort Warendorf die Energieeffizienz

durch die Anschaffung neuer

Kunststoffspritzmaschinen verbessern.

Eine andere Maßnahme zur Reduzierung

des Energiebedarfes im Werk ist die

Neuanschaffung einer Kompressorenanlage,

bei der die entstehende Abwärme

genutzt wird, um das Kunststoffgranulat

zu trocknen.

Selbst in den noch recht jungen Werken

im rumänischen Braşov (Elektronik) und

im tschechischen Uničov (Trockner), die

auf dem aktuellen Stand der Technik

sind, führte eine Überarbeitung und Erneuerung

der Beleuchtung zu Energieeinsparungen.

Die Planung von Anlagen und Prozessen

bei Miele basiert auf der Strategie des

Vermeidens, Verringerns und Verwertens.

Dazu werden die besten verfügbaren Technologien

eingesetzt. Unterstützend wirkt

die in der Branche außergewöhnlich hohe

Fertigungstiefe von fast 50 Prozent. Sie

ermöglicht es Miele, den Umweltschutz

für einen Großteil der Wertschöpfung aus

eigener Kraft und mit eigenem Know-how

sicherzustellen und reduziert zudem den

Logistikaufwand.

Maßnahmen zur Abfallreduzierung und

zur Senkung des Wasserverbrauchs senken

zusätzlich die umweltrelevanten

Auswirkungen. Zudem gibt es bei Miele

regelmäßig Projekte zur Motivation der

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die

sich wiederum beim Betrieblichen Vorschlagswesen

einbringen. Im Geschäftsjahr

2013 / 2014 betrafen 7 Prozent der

über 2.000 Vorschläge in Deutschland den

Bereich Umwelt, Energie und Ressourcen.

globalcompact Deutschland 2014

71


RWE

Der Smart Operator ist ein taschenbuchgroßes

Modul, vergleichbar mit einem

kleinen Computer.

Smart Grid, aufgebaut. Neu ist die zentrale

Steuerungseinheit „Smart Operator“,

die es erlaubt, Stromproduzenten und

-verbraucher zu vernetzen. Das könnte

ein wichtiger Schlüssel zur Versorgungssicherheit

bei der Energiewende werden.

Smart Operator:

Schrittmacher für

die Energiewende

Bis zum Jahr 2050 wollen wir die Energiewende in Deutschland

geschafft haben. Dann soll die Energieversorgung primär aus erneuerbaren

Energiequellen gespeist werden. Das bedeutet einen

grundlegenden Umbau der Stromnetze. Floss früher der Strom

stets in eine Richtung vom Kraftwerk zum Verbraucher, so gibt es

künftig immer mehr „Gegenverkehr“. Private Haushalte verbrauchen

nicht nur Strom, sie produzieren ihn auch. Um die Versorgung

sicherzustellen und die Verteilung zu managen, setzt RWE

auf intelligente Netzsteuerung wie etwa den Smart Operator.

Die Gegend verfügt über ideale Voraussetzungen

für einen solchen Feldversuch:

Aktuell sind rund 60.000 EEG-Anlagen

im LEW-Netzgebiet angeschlossen, davon

überwiegend Photovoltaikanlagen.

Damit ist heute an fast jedem fünften

LEW-Netzanschluss eine Erneuerbare-

Energien-Anlage angeschlossen.

Das stellt die Energieversorger vor tägliche

Herausforderungen. Das weiß

auch Stefan Willing, der für RWE das

Projekt leitet: „Mehr als 90 Prozent allen

Stroms aus erneuerbarer Energie

wird dezentral erzeugt und fließt von

dort ins Verteilnetz. Doch wir können

nicht exakt kalkulieren, wann wie viel

Strom aus diesen Quellen zur Verfügung

steht und wie viel gebraucht wird. All

das führt zu stärkeren Schwankungen

zwischen Stromangebot und Stromverbrauch

– eine Herausforderung für

die Spannungsqualität vor allem im

ländlichen Verteilnetz.“

Netzinfrastruktur mit intelligenter

Steuerung

Von Dr. Matthias Kussin

Alleine an das 343.000 Kilometer lange

Verteilnetz von RWE sind aktuell über

320.000 dezentrale Erzeugungsanlagen

angeschlossen, die vor allem Wind- und

Solarenergie erzeugen. All diese Anlagen

sind naturbedingt wetterabhängig,

und damit fängt das Problem der

Planbarkeit und Versorgungssicherheit

an. Um jederzeit Stromversorgung zu

gewährleisten, ist eine Option der bundesweite

Ausbau der Verteilnetze. Das

stößt in der Praxis häufig auf massive

Widerstände. Eine Alternative ist die

bessere Nutzung bestehender Netze

mithilfe intelligenter Hausgeräte und

Netzkomponenten.

In Schwabmünchen bei Augsburg wird

derzeit eine solche Zukunft der Energieversorgung

getestet. Der örtliche Versorger

Lechwerke und RWE haben dazu ein

intelligentes Stromnetz, ein sogenanntes

Der in den Ortsnetz-Trafo eingebaute

Smart Operator nimmt diese Herausforderung

an. Der Smart Operator ist ein

taschenbuchgroßes Modul, vergleichbar

mit einem kleinen Computer. Im Kern

sorgt er für den Ausgleich von auftretenden

Stromschwankungen in einer dezentralen

Stromversorgung. Dazu erfasst

er Einspeisungen, Aufnahmefähigkeit,

Lasten und Speichermöglichkeiten im

Stromnetz und bestimmt daraus das

Verhältnis von Angebot und Nachfrage

im Netz. Zudem verarbeitet er Wetterdaten

und Lastprognosen.

72 globalcompact Deutschland 2014


Good Practice

Umweltschutz

Photovoltaik

Haushaltsgeräte

Smart

Operator

Home Energy

Controller

Warmwasser

Batterie

Intelligenter

Stromzähler

Stromnetz

Informationsnetz

Grundlage ist ein Steuerungsalgorithmus,

der gemeinsam mit Wissenschaftlern

der RWTH Aachen entwickelt wurde.

Claas Matrose, Teamleiter bei der Uni

Aachen, erklärt: „Dieser Minicomputer

muss lernen, das Netz zu verstehen. Der

Algorithmus hilft, um unter den Millionen

von Optionen, die angezeigt werden,

die optimale auszuwählen.“ Der Smart

Operator nutzt damit das Potenzial von

erneuerbaren Energien effizient: Er sorgt

dafür, dass möglichst viel des in der

Siedlung erzeugten Stroms auch vor Ort

genutzt wird.

„Wir untersuchen in den Smart-Operator-

Projekten, wie der Betrieb der Ortsnetze

durch den Einsatz künstlicher Intelligenz

optimiert werden kann. Ziel ist,

die lokale Netzinfrastruktur durch eine

intelligente Steuerung mit neuartigen

Komponenten effizienter zu nutzen.

Damit gehen wir einen großen Schritt

in Richtung Energiezukunft“, sagt

Dr. Joachim Schneider, der im Vorstand

der RWE Deutschland das Ressort Technik

verantwortet.

Smarte Haushalte sind die

Voraussetzung

Das Smart-Operator-Projekt in Schwabmünchen

und in zwei weiteren Modellregionen

in Rheinland-Pfalz ist im Juni 2012

gestartet. Voraussetzung vor Ort ist dabei

u.a. auch eine hochmoderne Internet-

Infrastruktur. In Schwabmünchen hat das

LEW-Tochterunternehmen LEW TelNet

daher die Breitbandanbindung neu aufgebaut.

An das Netz sind alle teilnehmenden

Haushalte direkt angeschlossen und die

intelligenten Bausteine kommunizieren

darüber. Die Teilnehmer profitieren außerdem

von leistungsfähigen Breitbandinternetanschlüssen,

die ihnen über das

Glasfasernetz zur Verfügung stehen.

Roland Dölzer, bei den Lechwerken zuständig

für das Smart-Operator-Projekt,

sagt dazu: „Bei dem Projekt handelt es

sich um eine der umfassendsten Smart-

Grid-Installationen überhaupt. Die Entwicklung

und technische Abstimmung

der Bausteine, ihre Einbindung ins Netz

und der laufende Betrieb des komplexen

Gesamtsystems sind echte Herausforderungen.“

In der zweiten Projektphase wurde das

Netz daher um intelligente Bausteine

wie Energiespeicher, Wärmepumpen und

intelligente Haushaltsgeräte wie Waschmaschinen,

Geschirrspüler oder Wäschetrockner

erweitert. Neben dem zentralen

Batteriespeicher wurde auch eine Ladesäule

für Elektroautos in Betrieb genommen.

Den Projektteilnehmern werden Elektroautos

zum Testen zur Verfügung gestellt.

Das ist insofern eine wichtige Komponente,

weil die Batterie der Fahrzeuge auch als

Zwischenspeicher für überschüssige Energie

genutzt werden kann.

Stefan Willing erläutert: „Damit der

Smart Operator seine volle Wirkung

entfalten kann, installieren wir im Haushalt

intelligente Stromzähler, also „Smart

Meter“. Diese erfassen minutengenau,

wie viel Strom im Haushalt verbraucht

oder selbst erzeugt wird. Mit einem weiteren

Gerät, dem „Home Energy Controller“,

können wir den Energieverbrauch

eines Haushaltes optimieren und nicht

benötigte Strommengen an den Smart

Operator übermitteln.“

Die Projektleitung für das Smart-Operator-Gesamtprogramm

liegt bei RWE

Deutschland, die Lechwerke verantworten

die Umsetzung des Projekts in

Schwabmünchen. Weitere Modellregion

sind die Ortsgemeinde Kisselbach im

Hunsrück und Wincheringen in der

Pfalz. In das Projekt mit einer Laufzeit bis

Ende 2015 fließen rund 8 Millionen Euro

an Entwicklungskosten. Projektpartner

sind die RWTH Aachen, die Universität

Twente (Niederlande) und mehrere Unternehmen:

PSI, Hoppecke, Maschinenfabrik

Reinhausen, Horlemann sowie

Stiebel Eltron.

globalcompact Deutschland 2014

73


Tchibo

Weizenkörner aus echten Ähren, mahlen

das Mehl in einer Getreidemühle und

kneten gemeinsam den Teig. Die Kinder

erleben, woraus eine Pizza besteht und

dass viele Zutaten im eigenen Garten

angebaut werden können. So entwickeln

sie ganz nebenbei eine Wertschätzung

für Lebensmittel.

Kitas als Lernorte für nachhaltige

Entwicklung

Kinder lernen

spielerisch

Klimaschutz

Tchibo ist auf dem Weg zu einer 100 Prozent nachhaltigen

Geschäftstätigkeit. Ein zentrales Anliegen ist der kontinuierliche

Ausbau des Klimaschutzes. Seit 2010 bietet Tchibo

daher seinen Kunden Ökostrom und klimaschonendes Gas an.

Daraus entstehen für den Kunden nicht nur ökologische Vorteile.

Sie sind damit auch Teil der KINDERGIEWENDE, die von

Tchibo und der S.O.F. Save Our Future - Umweltstiftung ins

Leben gerufen wurde. So unterstützen sie Bildungsprojekte

zu Nachhaltigkeit, Energie und Klimaschutz in Kitas. Bei diesen

können die Kinder zeigen, wie einfach Energiesparen und

Klimaschutz sein können und dass die Großen viel von den

Kleinen lernen können.

Von Karina Schneider

Auf dem Speiseplan der Kindertagesstätte

Heidberg steht heute ein Leibgericht der

Kinder: knusprige Pizza aus dem eigenen

Feldbackofen. Statt auf ein Fertigprodukt

aus dem Supermarkt zurückzugreifen,

helfen die Kinder tatkräftig mit. Sie ernten

Tomaten und Kräuter, die sie im Kita-

Garten selbst angebaut haben, gewinnen

Kinder sind neugierig, wissbegierig und

entdeckungsfreudig. In Bildungsprojekten

zu zukunftsrelevanten Themen,

wie Ernährung, Energie, Klimaschutz

oder Abfallvermeidung erschließen sie

sich Zusammenhänge und entwickeln

viele tolle Ideen für einen bewussteren

Umgang mit unseren Ressourcen. Ziel

der KINDERGIEWENDE ist es, dieses Umweltbewusstsein

bereits im frühen Alter

auf spielerische Art und Weise zu fördern

und die zahlreichen kreativen Einfälle

der Kinder sichtbar zu machen. Hierzu

unterstützt Tchibo Energie den Ausbau

der Bildungsinitiative „KITA21“ der S.O.F.

Save Our Future - Umweltstiftung und

trägt so dazu bei, dass immer mehr Kindertageseinrichtungen

zu einem Lernort

für nachhaltige Entwicklung werden

und Kinder erleben, dass sie mit ihrem

Handeln die Umwelt beeinflussen und

etwas bewirken können.

Im Rahmen der mehrfach ausgezeichneten

Bildungsinitiative werden pädagogische

Fachkräfte mit dem Angebot

von Fortbildung, Beratung und Materialien

bei der Gestaltung lebendiger

Bildungsprojekte unterstützt und für

ihr Engagement in der Bildung für eine

nachhaltige Entwicklung als „KITA21“

ausgezeichnet. Bildungsträger wie die

Kita Heidberg beteiligen sich daher an

der KINDERGIEWENDE. Die Unterstützung

beinhaltet die Fortbildung und

Beratung der pädagogischen Fachkräfte

und die Bereitstellung von Materialien.

Der Ablauf des Auszeichnungsverfahrens

zu einer „KITA21“ dauert ca. ein

Jahr: von der Anmeldung der Kita mit

einem Projekt zum Thema Nachhaltigkeit

über die Schulungen der Fachkräfte

und die Dokumentation der Entwicklung

bis zur Auszeichnung. „Mit der

Hilfe von Tchibo Energie und seinen

Kunden wollen wir unsere Bildungsinitiative

nach Möglichkeit über die ganze

Bundesrepublik ausweiten – bisher

74 globalcompact Deutschland 2014


Good Practice

Umweltschutz

hatten wir den Schwerpunkt in Norddeutschland“,

erklärt Geschäftsführer

der Stiftung Ralf Thielebein.

Kleine Zukunftsgestalter

Bislang konnten bereits 30 Kitas aus ganz

Deutschland im Rahmen der KINDERGIE-

WENDE gefördert werden. Sie alle haben

sich das Ziel gesetzt, Bildungsarbeit zu

zukunftsrelevanten Themen zu gestalten

und zu einem Lernort nachhaltiger Entwicklung

zu werden. Die Kita Heidberg

mit ihrem Ernährungsprojekt ist eine

davon. Andere haben Themen, wie Abfallvermeidung,

bewusster Umgang mit

der Ressource Wasser oder den eigenen

Stromverbrauch in den Mittelpunkt ihrer

Bildungsarbeit gestellt.

So erforschten die „Kleinen Energiesparfüchse“

der Hamburger Kita Eddelbüttelstraße

ganz konkret, wo in ihrer

Kita Energie genutzt wird und wie der

Verbrauch reduziert werden kann. Heizungen

und Lichtschalter wurden mit

Sparfuchs-Aufklebern versehen, damit

jeder an das Ausschalten erinnert wird.

Die Kinder des Kindergartens „Die kleinen

Strolche“ aus Hamburg Barmbek

wiederum liehen sich ein Energie-Erlebnis-Fahrrad

aus und erfuhren so am

eigenen Leib, wie viel Kraft und Ausdauer

nötig ist, um Energie für Licht oder warmes

Wasser selbst zu erzeugen.

Die vielen unterschiedlichen Projektbeispiele

zeigen, dass die Auseinandersetzung

mit Nachhaltigkeit, Energie und

Klimaschutz Spaß machen kann. Und oft

genug bleibt die Wirkung auch nicht nur

auf die Kita beschränkt. Denn die Kinder

tragen die Themen in die Familien und

sorgen so dafür, dass sich auch die Eltern

mit Fragestellungen einer nachhaltigen

Entwicklung auseinandersetzen und für

die zukunftsrelevante Themen sensibilisiert

werden. Auf diese Weise unterstützt

die KINDERGIEWENDE der Kleinen auch

die Energiewende der Großen.

Mit der KINDERGIEWENDE wollen

Tchibo und die S.O.F. - Umweltstiftung

aber nicht nur Kindertagesstätten erreichen.

Um auch Vorschulen und Schulen

für die Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit,

Energie und Klimaschutz zu

motivieren, haben Tchibo und S.O.F.

im September 2014 einen bundesweiten

Kindergie-Wettbewerb ausgerufen.

Gesucht werden die Energiespar-Tipps

als Hits. Die besten Energiesparsongs

werden in einem Publikums-Voting

ausgewählt und mit einem Preisgeld

von insgesamt 30.000,- Euro prämiert.

100 Prozent nachhaltig

„Tchibo ist auf dem Weg zu einer 100

Prozent nachhaltigen Geschäftstätigkeit.

Daher unterstützen wir die Bildungsarbeit

von S.O.F. zu zukunftsrelevanten

Themen in Kitas im Rahmen der

KINDERGIEWENDE gern“, sagt Achim

Lohrie, Leiter Unternehmensverantwortung

bei Tchibo. Für seinen Beitrag

zur Verankerung von Umweltschutz

und Sozialverantwortung als zentrale

Bestandteile in der Geschäftsstrategie

des Unternehmens wurden Tchibo und

Achim Lohrie 2014 mit dem B.A.U.M.

Umweltpreis ausgezeichnet.

Tchibo hat sich zum Ziel gesetzt, in

allen Geschäftsprozessen das Klima zu

schützen und Ressourcen zu schonen.

Seit vielen Jahren setzt das Unternehmen

Ökostrom aus erneuerbaren Energiequellen

an allen Tchibo Standorten in

Deutschland ein. Der Strom aus norwegischer

Wasserkraft ist vom ok-power

Label und dem TÜV NORD zertifiziert

worden.

Im gemeinsamen Engagement mit seinen

Kunden will Tchibo immer mehr

Kindern die Möglichkeit bieten, von

dem Bildungsangebot in Schulen und

Kitas zu profitieren. Daher spendet das

Unternehmen seit April 2014 für jeden

Neukunden, der zum Tchibo Tarif mit

Ökostrom und klimaschonendem Gas

wechselt, zehn Euro an die S.O.F. - Umweltstiftung.

So wird die KINDERGIE-

WENDE ermöglicht.

Die Ideen der „Kleinen“ für die

Energiewende der „Großen“

globalcompact Deutschland 2014

75


BoscH

Grundsätze rechtmäßigen

Verhaltens

Unternehmen engagieren sich sehr stark dafür, dass aus geschriebenen Leitsätzen und Wertesystemen

gelebte Praxis wird. Dabei geht es beispielsweise um Kundenorientierung, Offenheit,

Respekt und Ehrlichkeit. Sie werden nur dann zu Orientierungen in der Alltagspraxis, wenn sie

über Leitlinien, Verfahren, Anreizsysteme und andere organisatorische Maßnahmen implementiert

und routinisiert werden. Aber das ist nur der erste Schritt. Entscheidend ist das Führungsverhalten,

das Vorbild des Top Managements und klare Kommunikation der Wertekultur.

Von Bernhard Schwager und Remigiusz Skiba

Die Bosch-Gruppe hat sich von seinen

bescheidenen Anfängen als „Werkstätte

für Feinmechanik und Elektrotechnik“,

die 1886 von Robert Bosch gegründet

wurde, zu einem international führenden

Technologie- und Dienstleistungsunternehmen

entwickelt. Während seiner

gesamten Entwicklung folgte das Unternehmen

den Werten und ethischen

Prinzipien seines Gründers. Zu diesen

Grundsätzen gehört insbesondere auch

das Legalitätsprinzip. Robert Bosch selbst

schrieb 1921: „Eine anständige Art der

Geschäftsführung ist auf die Dauer das

Einträglichste, und die Geschäftswelt

schätzt eine solche viel höher ein, als

man glauben sollte.“ In diesen Worten

zeigt sich unsere noch heute gültige

Überzeugung, dass Zuverlässigkeit,

Glaubwürdigkeit und Legalität wesentliche

Bausteine unseres geschäftlichen

Erfolgs sind.

Dieses klare Bekenntnis verbindet alle

Mitarbeiter von Bosch weltweit über

Ländergrenzen und Kulturen hinweg.

Legalität ist dabei eines der tragenden

Werte des Unternehmens und für die

Geschäftsführung von herausragender

Bedeutung. Von allen Mitarbeitern wird

erwartet, dass sie die gesetzlichen Anforderungen

jederzeit strikt einhalten.

Verstöße gegen geltendes Recht werden

bei Bosch nicht geduldet, hierzu gibt es

keine Ausnahmen.

Um die Bedeutung dieses Grundsatzes zu

unterstreichen, ist im „Code of Business

Conduct“ die Haltung des Unternehmens

hinsichtlich gesetzlicher Anforderungen

und ethischer Fragen formuliert.

Der „Code of Business Conduct“ steht

76 globalcompact Deutschland 2014


Good Practice

Anti-Korruption

allen Mitarbeitern als Leitfaden für ihr

Verhalten zur Verfügung und skizziert

grundlegende Standards, an die wir uns

als Bosch halten wollen. Der Kodex und

die Bosch-Werte bieten ein hervorragendes

Fundament, um das Vertrauen zu

schaffen, das für den Geschäftserfolg

so wichtig ist.

Compliance bei Bosch

Bosch hat sich den Prinzipien des UN

Global Compact und damit ebenfalls

der Korruptionsvermeidung und -bekämpfung

verpflichtet. Compliance bei

Bosch bedeutet, dass alle geschäftlichen

Aktivitäten der Bosch-Gruppe und ihrer

Mitarbeiter im Einklang mit den gesetzlichen

Regelungen, dem Code of Business

Conduct sowie den weitergehenden

internen Regelungen stehen müssen

(„Compliance-Gebot“). Jeder Mitarbeiter

ist verantwortlich dafür, dass er das

Compliance-Gebot einhält. Die Führungskräfte

sind verpflichtet, Maßnahmen

zur organisatorischen Absicherung des

Compliance-Gebots innerhalb ihres Verantwortungsbereiches

zu ergreifen. Sie

haben insbesondere sicherzustellen, dass

ihre Mitarbeiter die Regelungen kennen

und einhalten. Gesetzesverstöße werden

missbilligt und führen ungeachtet der

hierarchischen Stellung im Unternehmen

zu disziplinarischen Konsequenzen.

Neben der Einhaltung des Legalitätsgrundsatzes

hat es Bosch sich ebenfalls

zur Aufgabe gemacht, Gefährdungen für

Menschen und Umwelt zu vermeiden,

Einwirkungen auf die Umwelt gering zu

halten und mit Ressourcen sparsam umzugehen.

Prozesse, Betriebsstätten und

Betriebsmittel müssen den anwendbaren

gesetzlichen und internen Vorgaben zu

Arbeitssicherheit sowie Gesundheits-,

Brand- und Umweltschutz entsprechen.

Darüber hinaus nimmt der Schutz unserer

eigenen Mitarbeiter eine sehr wichtige

Rolle ein. Wir respektieren und schützen

die persönliche Würde jedes Einzelnen

und tolerieren keine unzulässige Diskriminierung.

Wir lehnen Kinderarbeit

innerhalb der Bosch-Organisation und

bei unseren Geschäftspartnern strikt ab.

Meldung von Compliance-Vorgängen

Neben den Vorgesetzten ist jeder Mitarbeiter

genauso wie jeder Geschäftspartner

von Bosch aufgerufen, mögliche Verstöße

gegen das Compliance-Gebot zu melden

und auf diese Weise dazu beizutragen,

dass die Folgen solcher Verstöße begrenzt

werden und ein vergleichbares Fehlverhalten

in der Zukunft vermieden wird.

Meldungen sind dabei insbesondere an

• den Vorgesetzten,

• den lokalen Compliance Officer,

• die Bosch Compliance-Hotline

• oder direkt an die Compliance-

Abteilung möglich.

Meldungen an den Compliance Officer

bzw. die Bosch Compliance Hotline können

insbesondere abgegeben werden,

wenn der Hinweisgeber seinen Vorgesetzten

nicht einbinden möchte. Die

Compliance Officer stehen hierzu in den

Regionen bzw. Ländern als neutrale Ansprechpartner

zur Verfügung. Hinweisgeber,

die mögliche Compliance-Fälle nach

bestem Wissen und in gutem Glauben

melden, haben keine für sie nachteiligen

Maßnahmen seitens des Unternehmens

infolge der Meldung zu befürchten. Will

der Hinweisgeber dennoch unerkannt

bleiben, weil er durch die Meldung persönliche

Nachteile fürchtet, kann er einen

möglichen Verstoß gegen das Compliance-Gebot

auch anonym, z. B. über die

Bosch Compliance Hotline melden.

Die eingegangen Meldungen werden unverzüglich

an den zuständigen Compliance

Officer in der betroffenen Region bzw.

dem Land zur Bearbeitung weitergeleitet.

Im Rahmen der Untersuchungen kann der

Compliance Officer dabei weitere Fachabteilungen

von Bosch einbinden. Nach

Abschluss der Untersuchungen werden

bei Bedarf entsprechende Maßnahmen

eingeleitet, um den Verstoß abzustellen.

Training

Den Mitarbeitern steht ein breites Portfolio

an internen Trainingsmaßnahmen

in Form von Web-basierten Schulungen

sowie Präsenzschulungen zur Verfügung.

Die angebotenen Trainings sind dabei für

bestimmte Mitarbeitergruppen verpflichtend

und regelmäßig zu wiederholen.

Zu den Web-basierten Pflichtschulungen

im Rahmen des Trainingskonzepts

Compliance zählen beispielsweise die

Themenbereiche:

• Kartellrecht

• Produkthaftung

• Exportkontrolle

• Code of Business Conduct

Überprüfung und

Kontrollmechanismen

Ein Kernbestandteil des Bosch Risiko Management

Systems ist ebenfalls die Interne

Revision. Sie fördert das Risikobewusstsein

sowie die Minimierung von Risiken. Sie

unterstützt die Geschäftsführung weltweit

als unabhängiger Auditor bei der

Wahrnehmung ihrer Leitungs- und Überwachungsfunktion

mit dem Schwerpunkt

auf Legalität, Ordnungsmäßigkeit und

Wirtschaftlichkeit von Geschäftsprozessen.

Hierbei werden weltweit gültige Standards

unter Berücksichtigung regionaler rechtlicher

und kultureller sowie Bosch-spezifischer

Bedarfe für interne Auditprozesse

genutzt und ständig verbessert.

Im operativen Geschäftsbetrieb sind unter

anderem folgende Kontrollmechanismen

implementiert:

• Vier-Augen-Prinzip

• Personalrotation in sensiblen

Bereichen

• Trennung von Handlungs- und

Überprüfungsfunktionen

Bosch Werte

• Zukunfts- und

Ertragsorientierung

• Verantwortung und

Nachhaltigkeit

• Initiative und Konsequenz

• Offenheit und Vertrauen

• Fairness

• Zuverlässigkeit,

Glaubwürdigkeit, Legalität

• Vielfalt

globalcompact Deutschland 2014

77


MERCK

Prozess für die Auswahl

von Geschäftspartnern

Mit der Einführung der neuen Business Partner Risk Management Policy hat Merck seit 2013

große Fortschritte bei der Auswahl und Bewertung von Geschäftspartnern gemacht. Bis jetzt

haben über 1.000 Unternehmen den Compliance-Prozess durchlaufen. Ziel des neuen Instruments

ist es, die Gefahr von Rechts-, Reputations- oder finanziellen Risiken für das Unternehmen weiter

zu minimieren.

Von Maria Schaad

Verantwortungsvolles unternehmerisches

Handeln heißt für Merck, weltweit

nach gültigem Recht und im Einklang

mit den Unternehmenswerten zu arbeiten.

Verstöße gegen geltende Gesetze

können nicht nur Strafverfolgung nach

sich ziehen, sondern das Ansehen des

Unternehmens als Geschäftspartner oder

Arbeitgeber beschädigen. Als Mitglied

des UN Global Compact verpflichtet

sich Merck unter anderem, Bestechung

und Korruption weltweit zu bekämpfen.

Dieser Anspruch bezieht sich auch auf

die Geschäftspartner von Merck, welche

Dritte zugunsten von Merck beeinflussen

könnten. Während das Lieferantenmanagement

das regelkonforme Handeln

der Zulieferer sicherstellt, organisiert

das Business Partner Risk Management

die Beziehungen zu vertriebsnahen Geschäftspartnern

wie Distributoren oder

Großhändlern.

Dabei folgt das Compliance-Instrument

dem Prinzip: „Je größer das Risiko in

Bezug auf ein bestimmtes Land, eine

Region oder die Art der Dienstleistung

eingeschätzt wird, desto umfangreicher

und sorgfältiger ist die Prüfung des Geschäftspartners

vor der Aufnahme einer

Geschäftsbeziehung“, erklärt Jan-Ulrich

Lange, Leiter Compliance-Kontrollen

bei Merck. „Mit diesem systematischen

Prozess minimieren wir einerseits unser

Risiko und tragen andererseits auch

veränderten Anforderungen Rechnung,

die sich aus der neuen Gesetzgebung wie

dem UK Bribery Act von 2010 ergeben.“

So führt die Umsetzung der Business

Partner Risk Management Policy zu einem

überprüf baren Auswahlprozess

der neuen Geschäftspartner, inklusive

einer systematischen Dokumentation

relevanter Informationen, der Genehmigung

und Bewertung.

78 globalcompact Deutschland 2014


Good Practice

Anti-Korruption

Überprüfung mittels

„Extended Selection Process“

Die Richtlinie ist konzernweit verbindlich

und umfasst acht Prinzipien. Diese müssen

zwingend bei der Auswahl neuer Geschäftspartner

berücksichtigt werden und

gelten auch für bestehende Geschäftsverbindungen.

So dürfen Geschäftsbeziehungen

nur mit Partnern eingegangen werden,

die rechtskonform handeln, Bestechung

und Diskriminierung ablehnen sowie

Umwelt-, Gesundheits- und Sicherheitsrichtlinien

befolgen. Außerdem fordert

Merck das Bekenntnis zu international

anerkannten Menschenrechts- und Arbeitsstandards.

Geschäftspartner müssen

diese Prinzipien akzeptieren und befolgen,

wenn sie eine Geschäftsbeziehung mit

Merck eingehen möchten.

Eine systematische Compliance-Prüfung

gewährleistet dabei die Durchsetzung der

Richtlinie: „Bestimmte Geschäftspartner

müssen dazu eine erweiterte Prüfung

durchlaufen, bevor wir einen Vertrag

mit ihnen abschließen“, führt Lange weiter

aus. Bei dieser Prüfung beantwortet

der Geschäftspartner einen Fragebogen,

außerdem werden weitere Hintergrundinformationen

eingeholt und es werden

internationale Sanktions-, Embargo- und

Terrorlisten geprüft. Diese Informationen

werden durch den zuständigen Compliance

Officer sowie den Merck-Mitarbeiter,

der in Verhandlung mit dem Partner steht,

bewertet. Der Prozess schließt mit einer

quantitativen Risikobewertung des potenziellen

Geschäftspartners ab. Befindet sich

das Ergebnis unterhalb einer bestimmten

Stufe oder wurden äußerst kritische Punkte

ermittelt, wird der Partner abgelehnt.

Ausschlaggebende Kriterien

für die Eignungsprüfung

Merck hat Geschäftspartner, die diese

erweiterte Compliance-Prüfung durchlaufen

müssen, abhängig von verschiedenen

Risikofaktoren in Gruppen unterteilt. In

die erste Gruppe fallen Geschäftspartner,

die vertriebsnahe Leistungen in Ländern

anbieten, in denen Merck keine eigene

Vertriebsniederlassung hat. Dazu zählen

etwa Distributoren, die Produkte von

Merck importieren und im eigenen Namen

weiter vertreiben. Diese Partner

durchlaufen den erweiterten Prüfungsprozess

in jedem Fall. Zur zweiten Gruppe

zählen Geschäftspartner, die vertriebsnahe

Leistungen in Ländern anbieten, in

denen Merck durch eine eigene Niederlassung

vertreten ist. Sie absolvieren den

Prozess, wenn folgende Punkte zutreffen:

• der von Transparency International

erhobene Korruptionswahrnehmungsindex

für dieses Land bei 70 Punkten

oder niedriger liegt und

• der veranschlagte Nettoumsatz der

Geschäftsbeziehungen eine bestimmte

Schwelle überschreitet

• unabhängig von dem monetären Wert

der Geschäftsbeziehungen der Partner

als Berater für vertriebsnahe Leistungen

fungiert und dadurch Dritte zugunsten

von Merck beeinflussen könnte. Das betrifft

alle Berater, die auf Veranlassung

des Unternehmens mit Behörden und

deren Vertretern verhandeln und Leistungen,

die mit Produktregistrierung,

Marketingforschung, Marketing und

Verkauf zusammenhängen.

Zu einer dritten Gruppe werden Geschäftspartner

aufgrund einer aktuellen Risikobewertung

zugeordnet. Hierzu zählen

Geschäftspartner, die keine vertriebsnahen

Aufgaben erfüllen, wie beispielsweise

Reiseagenturen, Kommunikationsagenturen

oder Beratungsfirmen, die dann

der erweiterten Compliance-Prüfung

unterzogen werden.

Auch wenn das Augenmerk auf der Überprüfung

neuer Geschäftspartner liegt, gilt

generell der Grundsatz, „dass jederzeit alle

Geschäftspartner diesen Prozess durchlaufen

müssen, sollte dies im Ermessen

des zuständigen Managements oder des

Compliance Officers liegen“, sagt Lange.

Auch bei bereits bestehenden Geschäftsbeziehungen

wird die Prüfung durchgeführt,

meist wenn eine Vertragsverlängerung ansteht.

Nur in seltenen Fällen kommt es bei

identifizierten Problemen (sogenannten

„Red Flags“) wirklich zu einer Auflösung

der Geschäftsbeziehung, weil die Partner

im Fall von Problemen die eigenen Strukturen

meist bereitwillig ändern und den

gestiegenen Compliance-Anforderungen

anpassen. Seit Einführung des Prozesses

haben bereits mehr als 1.000 Geschäftspartner

eine Prüfung durchlaufen.

Grundsätze für

Geschäftsbeziehungen

zu Geschäftspartnern

Merck strebt die Zusammenarbeit

mit Geschäftspartnern an,

1. die dort, wo sie tätig sind, sämtliche

geltenden Gesetze und

Vorschriften einhalten;

2. die sich in keiner Weise auf Bestechung

einlassen;

3. die sich nicht an illegalen Aktivitäten

oder Vorgängen beteiligen

oder diese dulden;

4. die verantwortungsbewusste

Richtlinien und Vorgehensweisen

in den Bereichen Umweltschutz,

Gesundheit und Sicherheit anwenden;

5. die sich nicht auf rechtswidrige

Diskriminierung oder Belästigung

einlassen oder rechtswidrige

Diskriminierung oder Belästigung

am Arbeitsplatz zulassen;

6. die sich den universell anerkannten

Menschenrechten und

Freiheiten verpflichtet haben

und keine Kinder, Zwangsarbeiter

oder illegale Immigranten

im Sinne der Internationalen

Arbeitsorganisation (ILO) beschäftigen

oder seelischen bzw.

physischen Zwang ausüben;

7. die die Grundsätze akzeptieren,

die Merck in seinem Verhaltenskodex

für Beziehungen zu

anderen Geschäftspartnern, zu

Behörden und Amtsträgern

festgehalten hat, oder die über

eigene Verhaltensrichtlinien mit

vergleichbaren Compliance-

Standards verfügen;

8. die darüber hinaus diese oder

vergleichbare Compliance-

Prinzipien bei ihren Geschäftspartnern

einfordern.

globalcompact Deutschland 2014

79


Good Practice

Darüber hinaus verfolgt der Global Compact

zwei sich ergänzende Ziele:

80 globalcompact Deutschland 2014


Good Practice

Finanzmärkte

82

HypoVereinsbank

CSR Management

84

86

88

90

92

BASF

Bayer

DAW

Deutsche Post DHL

TÜV Rheinland

Compliance & Reporting

94

96

98

EY

macondo publishing

Mazars

Datability

100

102

104

BSH Bosch und Siemens Hausgeräte

Daimler

Deutsche Telekom

1) Die zehn Prinzipien sollen zu einer Selbstverständlichkeit

innerhalb von Geschäftstätigkeiten auf der ganzen Welt

werden.

2) Entwicklung von Maßnahmen zur Unterstützung darüber

hinausgehender UN-Ziele wie etwa die Millenniums-

Entwicklungsziele (MDGs)

globalcompact Deutschland 2014

81


HypoVereinsbank

HypoVereinsbank fördert

Finanzwissen

Seine eigenen finanziellen Angelegenheiten verstehen und souveräne Entscheidungen treffen

– das fällt vielen Menschen schwer. Wer selbstbestimmt lebt, sollte jedoch die Folgen persönlicher

Finanzentscheidungen abschätzen und mögliche Risiken erkennen können. In seinem

eigenen Interesse, aber auch, weil kundenseitiges Finanzwissen einen Beitrag zur Stabilität der

Finanzmärkte leistet. Die HypoVereinsbank – seit 12 Jahren die nachhaltigste Geschäftsbank

Deutschlands – hat deshalb die HVB Finanzwissensinitiative ins Leben gerufen. Die Bank nutzt

so ihre Kernkompetenz als Finanzdienstleister, um die finanzielle Allgemeinbildung in der

Öffentlichkeit zu verbessern.

Von Stefan Löbbert

Der richtige Umgang mit Geld und Finanzdienstleistungen

ist unerlässlich,

doch vielen Menschen fehlen die dafür

notwendigen Grundkenntnisse. Wie liest

man eine Rechnung oder einen Kontoauszug

Worauf muss ich beim Bezahlen im

Internet achten Wie setzt sich eine gute

Altersvorsorge zusammen Oder: Wie

berechnen sich eigentlich die Kosten für

einen Kredit einschließlich der Zinsen

Das sind Fragen, die sich viele Menschen

insgeheim stellen, ohne zu wissen, wo sie

die dazugehörigen Antworten finden können.

Studien belegen, dass ein Großteil

der Deutschen beim Thema Finanzwissen

eher schlecht abschneidet. So ergab eine

Befragung des Markforschungsinstituts

Ipsos im August 2013, dass nicht einmal

jeder zweite Deutsche in Berührung mit

Finanzbildung kommt. Und selbst wenn

in der Schule das Thema auf dem Lehrplan

steht, bedeutet das nicht automatisch

eine Steigerung von Finanzkompetenzen.

Die OECD kommt in ihrer jüngsten Pisa-

Studie erneut zu ernüchternden Ergebnissen:

Nur jeder zehnte Schüler kann

komplexere Finanzaufgaben lösen.

Dabei ist der Bedarf an Finanzwissen

heute größer denn je. So verlockt beispielsweise

das Internet zu schnellen

Vertragsabschlüssen mit oftmals verheerenden

Folgen: Die Zahl junger Menschen,

die sich überschulden, ist laut Schuldenatlas

zwischen 2004 und 2014 um das

Vierfache gestiegen.

82 globalcompact Deutschland 2014


Good Practice

Finanzen

Angesichts dieser „Bildungslücke“ hat

die HypoVereinsbank die HVB Finanzwissensinitiative

gestartet. Sie will darüber

informieren, wie Wirtschaft und

vor allem Finanzprodukte funktionieren.

Das Angebot richtet sich an alle Altersgruppen,

insbesondere an Schüler ab

16 Jahren und Berufseinsteiger. Das Ziel

ist ein Dialog auf Augenhöhe, damit

die Bankkunden informierte Entscheidungen

treffen können. Dabei soll die

Verantwortung nicht abgewälzt werden –

gute, transparente und ehrliche Beratung

wird nie ersetzt werden können. Jedoch

verlangt es für nachhaltige Entscheidungen

Wissen auf beiden Seiten, wie die

Finanzkrise eindrücklich gezeigt hat. Mit

der Förderung von Finanzwissen möchte

die Bank einen Beitrag dazu leisten,

dass Menschen jeden Alters und unterschiedlicher

Vorbildung ihre Finanzangelegenheiten

besser verstehen und

damit vorausschauend steuern können.

Das Finanzwissensportal euro.de

Das HVB Finanzwissensportal euro.de

vermittelt umfangreiche Grundlagen

zum Thema Finanzwissen. Besonderes

Augenmerk wird dabei auf einen übersichtlichen

Auf bau gelegt sowie auf

anschauliche Infografiken, die komplexe

Inhalte bildhaft darstellen. „Sie stellen

die Frage, wir geben die Antwort“ –

unter diesem Motto lädt das Portal zu

einem unkomplizierten Umgang mit

Finanzfragen ein, der bis zum persönlichen

Dialog reicht. Zudem wurde die

Website „gut zugänglich“ beziehungsweise

barrierefrei gestaltet, um auch

Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen

den Zugang zu Finanzwissen

zu ermöglichen.

euro.de umfasst sechs Themenbereiche:

Finanzwelt, Bezahlen, Anlegen, Vorsorgen,

Kredite und Immobilien. Die Inhalte

sind multimedial auf bereitet. So wird

das Wissen nicht nur auf Textseiten

vermittelt, sondern auch über kurze

Lehrfilme und Infografiken. Ein Glossar

bringt die wichtigsten Begriffe auf

den Punkt. Anhand eines interaktiven

Rechners kann der User errechnen, wie

viel Geld ihm überhaupt monatlich für

Investitionen oder Anlagen jeder Art

zur Verfügung steht. Hinzu kommen

Ratschläge von Experten, etwa zum

Bezahlen im Internet oder zu Kriterien,

die beim Abschluss eines Kredits zu

beachten sind.

Das Kapitel „Kredite“ beispielsweise erklärt,

wie ein zukünftiger Kreditnehmer

eine Selbsteinschätzung durchführt,

welche Stolperfallen er berücksichtigen

muss und wie er mit dem Kreditgeber

verhandelt. Außerdem werden verschiedene

Formen von Krediten beschrieben.

Das Glossar schließlich hilft durch den

Begriffsdschungel der Finanzsprache.

Über 100 regionale

Finanzworkshops

Das Finanzwissensportal euro.de ist

eine von insgesamt drei Maßnahmen

zur Verbesserung der Finanzkompetenz.

Regelmäßige Finanzworkshops

vor Ort, angeboten von Mitarbeitern der

HypoVereinsbank, ergänzen das Online-

Angebot. Die Workshops sind wertungsfrei

und produktneutral und ermöglichen

einen direkten Dialog mit den

Finanzexperten der Bank, was ihren großen

Zuspruch erklärt: Bislang fanden

bundesweit mehr als 100 Workshops

vor Ort mit über 2.200 Teilnehmern

statt, viele Veranstaltungen sind ausgebucht.

Drittes Instrument der HVB Finanzwissensinitiative

ist schließlich die aktive

Einbeziehung der Social-Media-Kanäle

der Bank. Dazu zählt vor allem der Corporate

Blog der HypoVereinsbank, auf

dem regelmäßig Finanzthemen ansprechend

und leicht verständlich aufbereitet

werden.

Finanzkompetenz bei nachhaltigen

Geldanlagen als Ziel

Die HVB Finanzwissensinitiative setzt bewusst

bei den Grundlagen an. Doch dabei

soll es perspektivisch nicht bleiben. Für

Unternehmenskunden bietet die Bank

mit dem Format „HVB@Webinar“ bereits

sehr erfolgreich Online-Workshops zu

Spezialthemen wie z. B. die Umstellung

auf SEPA an.

Und auch für die breite Öffentlichkeit

ist im Rahmen der Finanzwissensinitiative

ein neues Modul in Arbeit, das sich

speziell mit nachhaltigen Geldanlagen

befasst. Denn gerade bei diesem Thema

gibt es viele Meinungen– oft ohne eine

verlässliche Faktenbasis. So kann die Vermittlung

von Finanzkompetenzen auch

als Hebel dienen, um die Nachfrage nach

nachhaltigen Geldanlagen zu steigern.

globalcompact Deutschland 2014

83


BASF

Aktive Steuerung des

Produktportfolios in

Richtung Nachhaltigkeit

Mit dem Unternehmenszweck „We create chemistry for a sustainable future“ setzt BASF auf

Innovationen aus der Chemie, die bei unseren Kunden und für die Gesellschaft zu einer nachhaltigen

Zukunft beitragen. Mit innovativen Produkten und Lösungen mit einem besonderen Beitrag

zur Nachhaltigkeit erzielt BASF heute bereits mehr als 20 Prozent des relevanten Umsatzes.

Um die Bedürfnisse von Kunden und Gesellschaft zukünftig noch besser erfüllen zu können und

den Unternehmenserfolg langfristig zu sichern, hat sich BASF das Ziel gesetzt, den Umsatz mit

nachhaltigen Lösungen weiter auszubauen. Dazu wurde das gesamte Produktportfolio auf Nachhaltigkeit

untersucht und bewertet.

Von Dr. Dirk Voeste und Annette Höllebrand

BASF hat sich schon früh

globale Ziele gesteckt

BASF hat sich schon früh langfristige

globale Ziele in den Bereichen Ökonomie,

Umwelt und Gesellschaft sowie Sicherheit

ihrer Mitarbeiter gesetzt. Energieversorgung

und Energieeffizienz sind

für BASF zentrale Elemente zum Schutz

des Klimas. Ein wichtiger Baustein in

unserem Energieeffizienzkonzept ist

das Verbundsystem: Die bei der Produktion

entstehende Wärme eines Betriebs

nutzen andere Betriebe als Energie.

So haben wir allein 2013 rund 17 Millionen

MWh eingespart – das entspricht

einer Umweltentlastung von 3,5 Millionen

Tonnen CO 2

.

Für BASF bedeutet nachhaltige Entwicklung,

langfristig angelegten wirtschaftlichen Erfolg

mit dem Schutz der Umwelt und gesellschaftlicher

Verantwortung zu verbinden.

Die Nachfrage der Konsumenten und

unserer Kunden nach umweltfreundlichen

und sozial verträglichen Produkten

steigt kontinuierlich und über alle Branchen

und Märkte hinweg. Gleichzeitig

werden Themen wie die immer knapper

werdenden Ressourcen oder der Wunsch

nach individueller Lebensqualität als

globale Herausforderungen der Zukunft

immer wichtiger. So ist der stark wachsende

Energiebedarf eine der wichtigsten

globalen Problemstellungen. Zudem

werden der Zugang zu sauberem Trinkwasser

und der effiziente Umgang mit

Ressourcen entscheidender. BASF sieht

auf diesen Feldern zum einen enorme

globale Herausforderungen, zum anderen

aber viele Chancen, insbesondere für

die Chemieindustrie.

84 globalcompact Deutschland 2014


Good Practice

CSR Management

Um unsere Kunden noch besser dabei

zu unterstützen, wirtschaftliche, ökologische

und gesellschaftliche Aspekte zu

verbinden, hat BASF ein Managementsystem

zur Steuerung des Portfolios anhand

von Nachhaltigkeitskriterien eingeführt

– das Sustainable Solution Steering. Die

rund 50.000 Produktanwendungen des

Portfolios werden mit dem Verfahren

systematisch auf Nachhaltigkeitsaspekte

untersucht und bewertet – ein wichtiger

Schritt, um Geschäftschancen frühzeitig

zu erkennen und Risiken zu reduzieren.

Ziel ist, die Zahl und den Umsatz der

nachhaltigen Lösungen kontinuierlich

zu erhöhen. Bereits heute machen Lösungen

mit einem besonderen Beitrag

zur Nachhaltigkeit mehr als 20 Prozent

des Umsatzes aus.

Sustainable Solution Steering –

Die Methode

Mit der Methode „Sustainable Solution Steering“ werden rund 50.000 relevante Produktanwendungen

des Portfolios der BASF systematisch auf Nachhaltigkeitsaspekte untersucht

und in vier Kategorien eingeteilt.

BASF möchte ihren Kunden Produkte

anbieten, die über den gesamten Lebenszyklus

hinweg ihren Nachhaltigkeitsbedürfnissen

entsprechen. Für die Entwicklung

entsprechender Produkte ist eine

wesentliche Voraussetzung, den Beitrag

zur Nachhaltigkeit zu kennen. Mit dem

extern validierten Verfahren „Sustainable

Solution Steering“ ist es möglich, den

Beitrag der Produkte zur Nachhaltigkeit

in den verschiedenen Märkten und Industrien

zu messen und durch gezielte

Maßnahmen zu erhöhen.

Im Rahmen der Untersuchung wird beispielsweise

betrachtet, welchen Beitrag

ein Produkt zu Kosteneffizienz, Ressourcenschonung

sowie zu Gesundheit und

Sicherheit leistet. Die konkreten Nachhaltigkeitsbedürfnisse

der verschiedenen

Kundenindustrien werden dabei ebenso

einbezogen wie regionale Unterschiede.

Die Produkte werden in der Anwendung

betrachtet und entsprechend ihres

Nachhaltigkeitsbeitrags einer von vier

Kategorien (s. Infografik) zugeordnet:

• Accelerator leisten einen besonderen

Beitrag zur Nachhaltigkeit in der Wertschöpfungskette.

• Performer sind Lösungen, die Standard-Anforderungen

des Marktes hinsichtlich

Nachhaltigkeit voll und ganz

erfüllen.

• Für Transitioner wurden spezifische

Nachhaltigkeitsherausforderungen

erkannt und konkrete Aktionspläne

definiert. Diese Handlungsempfehlungen

werden bereits umgesetzt.

• Anwendungen, die maßgebliche Nachhaltigkeitskriterien

nicht ausreichend

erfüllen, werden als Challenged bezeichnet.

Für diese Produkte entwickelt

BASF Aktionspläne, um verbesserte

Lösungen zu finden.

Branchenspezifische Lösungen

Mit Dämmstoffen, Kunststoff bauteilen

für die Automobilindustrie und Materialien

für Windräder unterstützt BASF ihre

Kunden bei einem verantwortungsvollen

Umgang mit der Umwelt. Etwa für die

Automobilindustrie bietet das Unternehmen

eine breite Palette nachhaltiger

Lösungen an:

• Leichtbaukunststoffe zur Verringerung

des Gewichts von Kraftfahrzeugen und

somit Erhöhung der Kraftstoffeffizienz

• Katalysatoren zur Reduzierung von

Abgasemissionen führen zu einer Verbesserung

der Luftqualität

• Innovative Treibstoffadditivpakete, die

die Motorventile sauber halten und

dadurch den Kraftstoffverbrauch und

die Abgasemissionen reduzieren

• Integrierte Prozesse der BASF verkürzen

die Fahrzeuglackierung, da sie Prozessschritte

reduzieren. Sie bieten somit

klare Vorteile bei Energieverbrauch sowie

Treibhausgas- und VOC-Emissionen

(Volatile Organic Compound)

Ein weiteres Beispiel sind nachhaltige

Verpackungslösungen der BASF. Dazu

gehören:

• Polyamidfolien für flexible Verpackungen,

die einen geringeren Materialeinsatz

als starre Verpackungen ermöglichen

• Wasserbasierte Harze für den flexiblen

Verpackungsdruck, die Luftemissionen

im Vergleich zu lösungsmittelbasierten

Technologien verringern

• Biobasierte oder bioabbaubare Materialien,

die bei Papier- und Kunststoffverpackungen

eine bessere Umweltleistung

ermöglichen.

Nachhaltige Lösungen für

langfristigen Geschäftserfolg

Die detaillierte Untersuchung und transparente

Klassifizierung ermöglichen es

BASF, mit innovativen Lösungen die

Nachhaltigkeitsbedürfnisse der Kunden

noch besser zu erfüllen und gleichzeitig

das gesamte Produktportfolio zu einem

verstärkten Beitrag zur Nachhaltigkeit

zu steuern. Durch die konsequente und

systematische Anwendung dieser Methode

integriert BASF Nachhaltigkeit

noch stärker in die strategischen sowie

Forschungs- und Entwicklungsprozesse.

Diese Faktoren tragen dazu bei, den

langfristigen Geschäftserfolg zu sichern

– ein wesentlicher Teil der “We create

chemistry“-Strategie.

globalcompact Deutschland 2014

85


Bayer

Standards für nachhaltige

Beziehungen:

das Lieferantenmanagement

von Bayer

Die Einhaltung von Nachhaltigkeits-Anforderungen in der Lieferkette ist ein wesentlicher

Bestandteil der Nachhaltigkeitsstrategie von Bayer. Hierfür hat sich der Konzern klare Ziele

gesetzt und verpflichtet seine Zulieferer neben ökonomischen auf soziale, ethische und

ökologische Standards.

Von Thomas Udesen

Durch sein Einkaufsvolumen übt unser

Unternehmen einen beträchtlichen

Einfluss auf Gesellschaft und Umwelt

aus. Es belief sich im Jahr 2013 auf circa

18,7 Mrd. EUR. Wir bezogen Waren

und Dienstleistungen von rund 107.000

Lieferanten aus 138 Ländern.

Dabei betrug das Einkaufsvolumen in

Deutschland, den USA und Japan 2013

knapp 67 % der Ausgaben in den OECD-

Staaten (Organisation for Economic

Cooperation and Development). Dies

entspricht ca. 54 % des weltweiten Beschaffungsvolumens

im Konzern. Die

drei Länder Brasilien, Indien und China

machten etwa 72 % der Ausgaben in

Nicht-OECD-Staaten und rund 14 % der

Gesamtausgaben aus.

Es ist unser Ziel, gemeinsam mit unseren

Lieferanten Risiken für Gesellschaft und

Umwelt zu minimieren und stabile, langfristige

Beziehungen zu etablieren. Daher

werden bei der Auswahl potenzieller

und bestehender Lieferanten neben wirtschaftlichen

auch Umwelt-, Sozial- und

Corporate-Governance (ESG)-Standards

angewendet. Diese sind in unserem Verhaltenskodex

für Lieferanten definiert,

der die Basis für unsere Zusammenarbeit

darstellt. Er ist konzernweit in die elektronischen

Bestellsysteme und Verträge

rechtsverbindlich integriert und beruht

auf den Prinzipien des UN Global Compact

und unserer Menschenrechtsposition.

Bewertung, Überprüfung und Dialog

mit Lieferanten

Die Einhaltung unseres Verhaltenskodex

verfolgen wir durch Überprüfungen der

Nachhaltigkeitsleistungen von Lieferanten.

Dies geschieht sowohl durch Online-

Lieferanten-Bewertungen als auch durch

Audits bei Lieferanten vor Ort. Bei den

Online-Bewertungen arbeiten wir mit

einem führenden Anbieter einer webbasierten

Plattform zur Nachhaltigkeitsbewertung

zusammen. Die Bewertung

erfolgt mithilfe eines vom Lieferanten

auszufüllenden, modularen Fragebogens

mit begleitenden Belegdokumenten

sowie eines 360-Grad-Screenings. Die

zu bewertenden Lieferanten wählen

wir dafür auf Basis einer Kombination

von Länder- und Materialrisiko sowie

strategischer Bedeutung aus. Die Nachhaltigkeits-Audits

führen wir zusammen

mit externen, unabhängigen Auditoren

durch. In Ergänzung dazu nehmen

Bayer-Auditoren Überprüfungen mit

Schwerpunkt auf Gesundheit, Sicherheit,

Umweltschutz und Nachhaltigkeit vor.

Um Synergien bei der Überprüfung der

Nachhaltigkeitsleistung von Lieferanten

zu nutzen, tauschen wir im Rahmen

der Industrie-Initiativen Pharmaceutical

Supply Chain Initiative (PSCI) und Together

for Sustainability (TfS) die Ergebnisse

mit anderen Unternehmen aus.

Hierbei fokussieren wir uns auf die

Standardisierung von Nachhaltigkeitsaspekten

in den relevanten Industrien.

Alle Bewertungs- und Auditergebnisse

werden ausführlich analysiert und

dokumentiert. Bei Mängeln werden

seitens der Einkaufsorganisation von

Bayer gemeinsam mit den Lieferanten

Aktionspläne entwickelt, um die zukünftige

Einhaltung der Sozial-, Ethik- und

Umweltkriterien zu gewährleisten.

Zusätzlich ist die Teilnahme an Trainings

zu Nachhaltigkeit im Einkauf und unserem

Verhaltenskodex fester Bestandteil

der Qualifikation für die Einkäufer im

Bayer-Konzern weltweit. Auch unseren

Lieferanten bieten wir Schulungen an,

86 globalcompact Deutschland 2014


Good Practice

CSR Management

Schule statt Feldarbeit: Die Schülerin Chandra

Kalar (11 Jahre) auf dem Weg zur Dorfschule

Balala Vedika in Armagidda, einem Dorf im

Bundesstaat Andhra Pradesh, Indien.

die wir in den Industrie-Initiativen mit

entwickeln. Darüber hinaus organisieren

wir regelmäßig Dialog-Veranstaltungen

mit unseren Lieferanten.

Bekämpfung der Kinderarbeit in der

Lieferkette

Unsere Position zum Thema Menschenrechte

beinhaltet unter anderem ein

striktes Verbot von Kinderarbeit, das sich

auch auf die Lieferkette erstreckt. Wir

verpflichten unsere Lieferanten, konsequent

auf Kinderarbeit zu verzichten.

Wir achten besonders auf den Verzicht

auf Kinderarbeit in solchen Entwicklungsund

Schwellenländern, wo Kinderarbeit

noch weit verbreitet ist.

So engagiert sich unser Teilkonzern

CropScience seit Jahren in Indien mit

seinem Child Care Program systematisch

gegen Kinderarbeit in der Saatgut-Zulieferkette.

Bayer-Teams besuchen die Felder

der Baumwoll-Saatgutproduktion mindestens

sechs Mal pro Anbausaison, um

das Alter der angetroffenen Arbeitskräfte

festzustellen. Dafür ist eine eigene Organisationseinheit

verantwortlich. Dank

dieses strikten Kontrollsystems haben wir

nur noch eine sehr geringe Anzahl von

Kinderarbeitsfällen bei unseren Kontraktoren

feststellen können, die wir intensiv

nachverfolgen. Systematisches Feldmonitoring

führen wir seit 2009 in Indien

auch in der Gemüse-Saatgutproduktion

und seit 2010 ebenfalls in unserer Saatgutproduktion

für Hybridreis durch.

Das Child Care Program findet in der Öffentlichkeit

breite Anerkennung und ist

eine Querschnittsaufgabe von Management,

den Spezialisten des Child Care

Program-Teams und der Unternehmenskommunikation,

die gemeinsam mit den

Saatgut-Lieferanten einen wesentlichen

Beitrag zur Schärfung des Problembewusstseins

bei eben diesen Zulieferern

und in der Öffentlichkeit leisten.

Zukunftsperspektiven

Nachhaltigkeit und Transparenz in

der Lieferkette gehören zu den großen

Themen international agierender Unternehmen.

Ihre Bedeutung wird in

den nächsten Jahren weiter zunehmen.

Strategische Kooperationen sowohl mit

anderen Unternehmen innerhalb bestimmter

Branchen als auch mit den

Schlüssellieferanten sind ein wesentlicher

Erfolgsfaktor, um die Herausforderungen

dauerhaft meistern zu können.

Im Jahr 2013 haben wir bei Bayer mit

unseren Bewertungs- und Überprüfungsmaßnahmen

34 % unseres gesamten

Einkaufsvolumens unter Nachhaltigkeits-Gesichtspunkten

evaluiert sowie

51 % aus Risikobereichen. Bis 2017 streben

wir die Bewertung aller strategisch

bedeutenden Lieferanten an und bis zum

Jahr 2020 die Bewertung aller potenziell

risikobehafteten Lieferanten mit signifikantem

Liefervolumen.

Thomas Udesen ist Einkaufsleiter von

Bayer HealthCare und Vorsitzender des

Bayer Procurement Committee.

globalcompact Deutschland 2014

87


DAW

Neue Wege für mehr

Nachhaltigkeit

Für die Zukunft sieht die DAW SE einer zunehmenden Orientierung der gesellschaftlichen Ansprüche

am Leitbild der Nachhaltigkeit mit Freude entgegen. Der Beitritt zum Global Compact

mit seinen zehn Grundwerten bekräftigt diese Unternehmenshaltung. Mit unserem Engagement

möchten wir uns aktiv für die Umsetzung dieses weltweit anerkannten Nachhaltigkeitsstandards

einsetzen und einen Beitrag für ein Plus an Lebensqualität leisten.

Von Bettina Klump-Bickert

Die DAW-Firmengruppe entwickelt, produziert

und vertreibt Farben, Lacke, Putze,

Wärmedämm-Verbundsysteme (WDVS)

und Produkte für den Bautenschutz. Als

unabhängiges Familienunternehmen in

fünfter Generation ist die DAW SE heute

der drittgrößte Hersteller von Baufarben

in Europa sowie Marktführer in Deutschland,

Österreich und der Türkei.

Mit einem Gesamtumsatz von rund 1,2

Mrd. Euro und mehr als 5.000 Mitarbeitern

im In- und Ausland ist die DAW SE in

über 40 Ländern mit 29 Produktionsstandorten

vertreten. Die bekanntesten Marken

sind Caparol und Alpina – mit Europas

meistgekaufter Innenfarbe: Alpinaweiß.

Lebensqualität – ein ganzheitlicher

Ansatz der DAW

Als Farbenhersteller ist es uns ein besonders

Anliegen, die Lebensräume von

Menschen behaglich und ästhetisch zu

gestalten. Farbe ist ein Wohlfühlfaktor,

daher prägt dieser zentrale Gedanke auch

unsere Innovationen und Produktpolitik.

Wo man hinblickt – Farben begleiten

uns durch unser Lebens- und Arbeitsumfeld

– vom Kindergarten über Büro- und

Wohngebäude bis hin zum öffentlichen

Raum in einer Stadt.

Doch nicht nur unsere Produkte sollen

dazu beitragen, den Menschen ein Plus

an Lebensqualität zu geben, vielmehr

möchten wir als gesamtes Unternehmen

unseren Kunden ein sorgenfreies

„gutes Gefühl“ bei der Verwirklichung

ihrer Vorstellungen von nachhaltigem

Bauen und Sanieren geben. Daher hat

die DAW SE eine integrierte Nachhaltigkeitsstrategie

aufgebaut, die das gesamte

Unternehmen umfasst. Denn ein Plus an

Lebensqualität für unsere Kunden fängt

bei uns im Unternehmen an.

DAW-Nachhaltigkeitsstrategie

Im Einklang mit den Prinzipien des Global

Compact stellen wir mit der DAW-

Nachhaltigkeitsstrategie sicher, dass alle

Unternehmensbereiche wirtschaftlichen,

ökologischen und sozialen Erwartungen

entsprechen.

„Die DAW möchte mit einem nachhaltig

geführten Unternehmen nachhaltige

Produkte herstellten, die es Kunden ermöglichen,

ihre Vorstellungen und Ideen

von nachhaltig gestalteten Gebäuden verwirklichen

zu können. Zugleich ist es ein

ganz besonderes Anliegen, einen Beitrag

zur Werterhaltung von Immobilien und

deren Baukultur zu leisten.“

88 globalcompact Deutschland 2014


Good Practice

CSR Management

Ein gutes Gefühl geben –

Beschichtungen für Lebens- und

Arbeitswelten

Nachhaltiges Wirtschaften hat bei der

DAW SE eine hohe Bedeutung und lange

Tradition. Seit der Unternehmensgründung

1895 konzentrieren wir uns auf die

Erforschung, Herstellung und Vermarktung

qualitativ hochwertiger, innovativer

Beschichtungssysteme, die für Themen

wie Umweltschutz, Wohngesundheit,

Energieeffizienz und Werterhaltung der

Gebäude stehen.

Integriertes Managementsystem

Zertifizierte Nachhaltigkeit an den großen DAW-Standorten in Deutschland

bestehend aus den Bausteinen:

• Qualitätsmanagement (ISO 9000)

• Umweltmanagement (ISO 14001)

• Arbeitssicherheit (OHSAS)

• Energiemanagement (ISO 50001)

Auch im eigenen Unternehmen gehen wir

neue Wege für mehr Nachhaltigkeit. So

war die DAW SE das erste Unternehmen

der Branche, das ein zertifiziertes Energiemanagementsystem

nach ISO 500001

eingeführt hat. Es umfasst die Planung

und den Betrieb unserer energietechnischen

Erzeugungs- und Verbrauchseinheiten.

Das Ziel bis 2015 lautet, 15 Prozent

Energie einzusparen (kWh auf Basis der

Daten von 2009). Im Vordergrund stehen

für uns hierbei die Schonung von

Ressourcen, der Klimaschutz und die

Möglichkeit von Kostensenkungen.

Offen und ehrlich –

„DAW Stakeholder-Dialog: Zukunft

Wärmedämmung“

Über die Senkung des Energieverbrauches

und Verringerung der Treibhausgase besteht

gesellschaftlicher Konsens – ebenso

wie das energetische Optimieren der

Gebäude unstrittig ist. Dennoch gibt es

eine zunehmend kontroverse Diskussion

über den Sinn und den Nutzen von

Wärmedämmung. Dies hat die DAW

dazu bewogen, den aktiven und offenen

Dialog mit Befürwortern und Kritikern

von Dämm-Maßnahmen zu suchen.

Ende 2013 haben wir als erstes Unternehmen

der Branche den „DAW Stakeholder-

Dialog: Zukunft Wärmedämmung“ ins

Leben gerufen, der mit sechs aufeinander

auf bauenden Workshops bis ins Jahr

2015 hineinreichen wird.

Für ein gutes Arbeitsumfeld sorgen

Als mittelständisches Unternehmen sind

wir heute mehr denn je auf kompetente

und begeisterungsfähige Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter angewiesen. Wir freuen

uns, dass sich die kulturelle Vielfalt der

Gesellschaft auch in unserem Unternehmen

widerspiegelt. Eine Unternehmenskultur,

die von gegenseitigem Respekt

und Wertschätzung jedes Einzelnen geprägt

ist, ist conditio sine qua non und in

ein entsprechendes Umfeld eingebunden.

Auch die Erweiterung und Sanierung der

DAW-Firmenzentrale in Ober-Ramstadt

ist an Nachhaltigkeit ausgerichtet. Dafür

haben wir das DGNB-Vorzertifikat in

Silber erhalten. Viele Produkte aus dem

DAW-Portfolio werden bei diesem Bauprojekt

verarbeitet. Farbe als gestalterisches

Medium spielt an den Arbeitsplätzen in

puncto Behaglichkeit und Wohlfühlen

eine große Rolle. Das Konzept hierzu

wurde von den Planern gemeinsam mit

dem firmeneigenen FarbDesignStudio

entwickelt.

Lebensfreude:

der Bauernhof Eichhof

Die auf Nachhaltigkeit ausgerichtete DAW-

Unternehmensphilosophie spiegelt sich

auch in dem kleinen landwirtschaftlichen

Betrieb Eichhof in unmittelbarer Nähe des

DAW-Firmengeländes wider. Der im Besitz

der Inhaberfamilie geführte Bauernhof

gilt als beispielhaft für nachhaltigen Umwelt-

und Naturschutz. Die Produkte des

Eichhofs werden alle auf entsprechende

Art und Weise erzeugt und können in

einem eigenen Hofladen gekauft werden.

Für die Zukunft:

Kinderkrippe „Rüsselbande“

In das Gelände des Bauernhofs ist die

betriebseigene Kinderkrippe „Rüsselbande“

für Kinder unserer Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter unter drei Jahren

integriert. Die Kinder lernen auf diese

Weise, wie Hühner Eier legen und Kühe,

Kälber, Ziegen, Schafe, Schweine und Esel

ein friedliches Leben führen. Auch der

Bauerngarten, in dem alle Sorten von

Kräutern, Obst und Gemüse wachsen,

bietet den Kindern einen Einblick in die

Natur, wie sie ihn heute nur noch selten

so erleben können.

Bettina Klump-Bickert verantwortet seit

2010 das Nachhaltigkeitsmanagement der

DAW SE.

globalcompact Deutschland 2014

89


Deutsche Post DHL

Nachhaltig Wert schaffen

durch intensivere

Stakeholder-Beziehungen

Wir erleben eine Zeit, in der sich – in nur

wenigen Jahren – die unternehmerischen

Erfolgsbedingungen markant gewandelt

haben. Die Hauptrolle hierbei spielt eine

immer tiefere gegenseitige Durchdringung

der unternehmerischen und der gesellschaftlichen

Sphäre. Die Folgen dieser

Entwicklung wirken bis in den Kernbereich

unternehmerischer Entscheidungen hinein.

In den Führungsetagen vieler Unternehmen

hat ein Umdenken stattgefunden. Anstatt

sich primär auf die Interessen der Anteilseigner

zu konzentrieren, erkennen viele

Unternehmen heute die Notwendigkeit,

auf die Bedürfnisse und Wünsche vieler

Anspruchsgruppen einzugehen. Das Konzept

des „Shareholder Value“ wird abgelöst

vom „Stakeholder Value“.

Von Prof. Dr. Christof E. Ehrhart

Die meisten Unternehmen kommunizieren

heute ganz selbstverständlich und

proaktiv mit ihren Kunden, Mitarbeitern,

Lieferanten, gesellschaftlichen Gruppen

und NGOs. Auch die Erkenntnis, dass Unternehmen

durch engere Stakeholder-Beziehungen

nicht nur ihre gesellschaftliche

Akzeptanz („licence to operate“) sichern,

sondern auch ihre Leistungsfähigkeit

dauerhaft verbessern können, setzt sich

zunehmend durch. Dennoch findet die

Auseinandersetzung der Unternehmen

mit ihren Anspruchsgruppen häufig noch

auf einer informellen und wenig strukturierten

Ebene statt. Vielfach verlassen

sich die handelnden Personen in den

Unternehmen auf ihre Intuition. Auch

die Verzahnung der eigenen Geschäftsund

Nachhaltigkeitsaktivitäten mit den

Ansprüchen der Stakeholder findet allzu

oft nur punktuell und ad hoc statt. Beim

Stakeholder-Management, bei der systematischen,

geplanten und umfassenden

Beziehungspflege mit Anspruchsgruppen,

stehen oft selbst internationale Großunternehmen

noch am Anfang.

Bedeutung von Dialog

Um sich in einer grundsätzlichen, wissenschaftlich

fundierten Weise mit der

zunehmenden Bedeutung von Stakeholdern

auseinanderzusetzen, initiierte

Deutsche Post DHL eine umfassende

Studie. Diese erschien im Rahmen der

Schriftenreihe „Delivering Tomorrow“,

die sich mit wichtigen Zukunftstrends

in Wirtschaft und Gesellschaft befasst.

Die im September 2014 veröffentlichte

Schrift mit dem Titel „Zuhören, gestalten,

Wert schaffen: Erfolgsfaktor Stakeholder-

Management“ beleuchtet und begründet

die unternehmerische Notwendigkeit

hinter intensiveren Stakeholder-Beziehungen

und geht der Frage nach, wie

alle Beteiligten von diesem Austausch

nachhaltig profitieren können. Zu den

Autoren in der Studie zählen unter an-

90 globalcompact Deutschland 2014


Good Practice

CSR Management

derem Professor R. Edward Freeman

(University of Virginia), der als einer

der Begründer des Stakeholder-Ansatzes

gilt, sowie Professor Peter Ulrich, der mit

dem Institut für Wirtschaftsethik an der

Universität St. Gallen die erste Institution

ihrer Art im deutschsprachigen Raum

gegründet und über Jahrzehnte geleitet

hat. Ebenfalls mit einem Beitrag vertreten

ist Mark Kramer, der gemeinsam mit dem

Ökonomen Michael Porter den vieldiskutierten

„Shared-Value“-Ansatz begründet

hat. Zusätzlich wurde im Rahmen der

Studie eine internationale Umfrage unter

Meinungsführern aus sechs Schlüsselmärkten

durchgeführt. Komplettiert wird

die Untersuchung durch Praxisbeispiele

der Stakeholder-Aktivitäten des Konzerns

Deutsche Post DHL, der durch seine Stellung

als weltgrößtes Logistikunternehmen

mit einer Vielzahl verschiedener

Anspruchsgruppen in Kontakt steht.

Ergebnisse der Befragung

Die bereits genannte Befragung von

Meinungsführern untermauert die Erkenntnis,

dass ein auf verschiedene Interessengruppen

und Interessenlagen

austariertes Geschäftsmodell ein wesentlicher

Erfolgsfaktor ist. So spricht sich

eine überwältigende Mehrheit von 87

Prozent der Umfrageteilnehmer dafür

aus, dass Unternehmen ihr Handeln nicht

einseitig auf ihre Anteilseigner ausrichten,

sondern unterschiedliche Interessenlagen

ihrer Stakeholder berücksichtigen sollten.

Über 70 Prozent der Befragten bevorzugen

diejenigen Unternehmen, die mit

ihren Anspruchsgruppen im offenen

Austausch stehen. Drei Viertel der Befragten

würden am liebsten für ein Unternehmen

arbeiten, das einen offenen

Umgang mit Interessengruppen pflegt

und sich auch kritischen Fragen stellt.

Allerdings stellt sich die Wirklichkeit aus

Sicht der Befragten heute noch anders

dar: Nur 44 Prozent sehen bereits jetzt,

dass neben den Interessen der Kapitalseite

auch die Anliegen von Kunden,

Mitarbeitern und anderen Stakeholdern

hinreichend einbezogen werden.

Trotz dieses Befunds erkennen fast 80

Prozent der Befragten in den vergangenen

Jahren deutliche positive Entwicklungen.

Auch mit Blick auf den Nutzen

von Stakeholder-Management herrscht

mehrheitlich erkennbar Optimismus.

Neuer Nachhaltigkeitsansatz

Die neue Studie von Deutsche Post DHL

adressiert Kernfragen des Stakeholder-

Managements und dokumentiert den

Sachstand und die künftigen Herausforderungen

mit Blick auf Stakeholder-

Beziehungen. Darüber hinaus untermauert

sie auch die Bedeutung eines

neuen, ganzheitlichen Verständnisses

unternehmerischer Verantwortung.

Gefordert ist ein Ansatz, der insbesondere

drei Dimensionen berücksichtigt.

Er ist

1. partizipativ, weil er auf kontinuierlichen

Dialog mit den eigenen Stakeholdern

setzt, eine Vielzahl von Einflüssen

aufnimmt und die eigene Wirkung am

Puls des gesellschaftlichen Umfelds

misst. Durch Offenheit für externe

Perspektiven sorgt er für Innovationsimpulse

und bewirkt eine geschärfte

Selbstwahrnehmung sowie größere

Anpassungsfähigkeit.

2. integrativ, weil er sich nicht auf ein

Agieren im eigenen fachlichen Silo begrenzen

lässt, sondern das unternehmerische

Handeln in allen Stufen der

Wertschöpfungskette in den Blick

nimmt. Damit stellt er die Weichen

für eine in jeder Dimension nachhaltigere

Geschäftstätigkeit.

3. inspirativ, weil er Unternehmen erkennen

hilft, wie sie mit ihren eigenen

Fähigkeiten nicht nur Kundenbedürfnisse

erfüllen, sondern gleichzeitig zu

sozialem und ökologischem Fortschritt

beitragen können.

Der bei Deutsche Post DHL in den vergangenen

Jahren kontinuierlich weiter-

entwickelte Nachhaltigkeitsansatz berücksichtigt

diese Dimensionen. Mit

Hilfe eines mehrstufigen Managementprozesses

stellt er unter anderem sicher,

dass wir die Impulse von Stakeholdern

systematisch aufnehmen und in unserem

Handeln berücksichtigen.

Erklärtes Ziel ist es, durch den intensiv

und systematisch gepflegten Austausch

mit den Stakeholdern die Erfahrungsbasis

permanent zu verbreitern. Auch

wenn der Dialog sicher nicht alle Interessenlagen

harmonisieren und sämtliche

Widersprüche auflösen kann, trägt er

doch dazu bei, Vertrauen und gegenseitiges

Verständnis zu schaffen. Wir

haben auf dieser Grundlage überaus

erfreuliche Erfahrungen im Austausch

mit unseren Stakeholdern gemacht.

Voraussetzung ist allerdings stets die

Bereitschaft, zuzuhören, gelegentlich

auch unbequemen Positionen Raum

zu geben – und am Ende die richtigen

Schlüsse für das eigene Handeln

zu ziehen. Ich bin überzeugt, dass es

Deutsche Post DHL auf Grundlage dieser

Ausrichtung in Zukunft noch besser

gelingen wird, die wirtschaftliche und

die gesellschaftliche Leistungsfähigkeit

des Unternehmens zu stärken.

Die Studie und Begleitmaterialien finden Sie auf

www.delivering-tomorrow.com/de

Prof. Dr. Christof E. Ehrhart leitet als

Executive Vice President den Zentralbereich

Konzernkommunikation und Unternehmensverantwortung

bei Deutsche Post DHL.

globalcompact Deutschland 2014

91


TÜV Rheinland

Von links nach rechts:

Prof. Bruno O. Braun, Prof. Edda Müller,

Dr. Manfred Hennecke, Kölner OB Jürgen

Roters; Preis: „Global Gutenberg Galaxy“

von Ákos Matzon

Ein weltweit

einzigartiger Preis

Welche Verantwortung haben Unternehmen Welche Rolle

spielen die Prinzipen des Global Compact im Alltag Wie kann

gemeinsam zu einer nachhaltigen Entwicklung beigetragen

werden Fragen, die rund um die Preisverleihung des 3. Internationalen

TÜV Rheinland Global Compact Award in zahlreichen

Gesprächen von den Teilnehmern aufgegriffen wurden. Mit dem

Internationalen TÜV Rheinland Global Compact Award unterstützt

die TÜV Rheinland Stiftung die Ziele des Global Compact

– durch Würdigung herausragender Persönlichkeiten und Verbreitung

der gemeinsamen Idee. Preisträgerin in diesem Jahr:

Professor Edda Müller, Transparency International Deutschland.

Von Katharina Riese

Unternehmen haben viele Möglichkeiten,

den Global Compact der Vereinten

Nationen zu unterstützen. Zuallererst

natürlich, indem sie dessen Prinzipien

konsequent in ihrem unternehmerischen

Handeln umsetzen. Doch es ist auch wichtig,

nach außen Zeichen zu setzen und bei

den gesellschaftlichen Interessengruppen

für diese wichtige Initiative zu werben.

Denn je bekannter der Global Compact

ist und je höher seine Akzeptanz, desto

mehr steigen die Anforderungen an die

Akteure, sich zu den zehn Prinzipien des

Global Compact zu bekennen und die

darin festgeschriebenen sozialen und

ökologischen Grundsätze einzuhalten.

Nachhaltiges Engagement ehren

Die TÜV Rheinland Stiftung hat daher

2008 mit Unterstützung der Vereinten Nationen

einen weltweit einzigartigen Preis

ins Leben gerufen: den Internationalen

TÜV Rheinland Global Compact Award.

Diesen Preis verleiht die Stiftung alle drei

Jahre an herausragende Persönlichkeiten,

die mit ihrer Arbeit die Ziele des Global

Compact unterstützen. Bei der Auswahl

der Preisträger setzt das Kuratorium der

Stiftung jeweils unterschiedliche Schwerpunkte,

um so die Bandbreite der Global

Compact-Prinzipien aufzugreifen: 2008

wurde der ehemalige Bundesforschungsminister

Volker Hauff für seine Leistung

geehrt, den Nachhaltigkeitsgedanken

voranzutreiben und das Thema in der

Politik zu verankern. 2011 dann erhielt

der Unternehmer Michael Otto die mit

25.000 Euro dotierte Auszeichnung für

sein langjähriges vorbildliches Engagement

für soziale und ökologische Themen

sowohl in seinem Unternehmen als auch

darüber hinaus.

In diesem Jahr schließlich nahm Professor

Edda Müller, Vorsitzende von

Transparency International Deutschland,

die Auszeichnung entgegen – für

ihr starkes Engagement gegen Korruption,

unethisches Verhalten und für den

Umweltschutz. Denn die Leitthemen

des Global Compact – Menschenrechte,

Arbeitsstandards, Umweltschutz und

Korruptionsbekämpfung – spiegeln

sich in ihrem Jahrzehnte währenden

Kampf für eine gerechtere Welt wider.

Hierfür setzte sie sich unter anderem

als Umweltministerin in Schleswig-

Holstein, Vizedirektorin der europäischen

Umweltagentur in Kopenhagen,

als Vorsitzende des Bundesverbandes

92 globalcompact Deutschland 2014


Good Practice

CSR Management

der Verbraucherzentrale und seit 2010

als Vorsitzende von Transparency International

Deutschland ein. Transparency

International Deutschland engagiert sich

seit mehr als 20 Jahren gegen Korruption

in Deutschland und weltweit.

Ein neuer Zeitgeist

In ihrer Dankesrede zeigte die Politikwissenschaftlerin

Professor Müller auf,

welche Rolle freiwillige Instrumente wie

der Global Compact spielen können, um

eine Welt zu schaffen, in der Gerechtigkeit,

der Respekt der Menschenrechte

und die Solidarität mit den Schwachen,

die Rücksicht auf Natur und Umwelt,

der sorgsame Umgang mit endlichen

Ressourcen und nicht zuletzt die Ächtung

der Korruption zu Maximen des Handelns

werden. So sei es zum einen entscheidend,

diese Prinzipien wirklich im Wertekanon

von Unternehmen zu verankern: „Werte

und Überzeugungen spielen in der Unternehmenswelt

zunehmend eine Rolle. So

stellen Personalmanager fest, dass wertekonformes

Handeln ihrer Führungskräfte

die Identifikation der Mitarbeiter mit dem

Unternehmen stärkt. Ein neuer Zeitgeist

scheint zu wirken“, sagte Edda Müller.

Zum anderen „sind Glaubwürdigkeit und

Vertrauen seitens der Öffentlichkeit die

Grundvoraussetzung, um freiwilligen

Vereinbarungen wie dem Global Compact

zum Erfolg zu verhelfen“, betonte Müller.

Solange es keine gesetzlichen Vorschriften

zur Kennzeichnung der „inneren

Werte“ von Produkten gibt, ist freiwilliges

gesellschaftliches Engagement von

Unternehmen jedoch darauf angewiesen,

die „guten Taten“ den Kunden durch

Labels und Zertifikate zu vermitteln, so

die Vorsitzende von Transparency International

Deutschland. Dazu müssten die

Unternehmen sich Vertrauen leihen – je

TÜV Rheinland Stiftung

unabhängiger und renommierter desto

besser. „Es ist daher nicht zuletzt für

die Wirksamkeit freiwilliger Initiativen

wie des Global Compact wichtig, das

Vertrauen in die Marke ‚TÜV-geprüft‘ zu

erhalten“, lautete der Appell von Edda

Müller bei der Preisverleihung.

TÜV Rheinland selbst ist seit 2006

Unterstützer des Global Compact und

überzeugt, dass für den langfristigen

Unternehmenserfolg ökonomische,

soziale und ökologische Faktoren eng

miteinander verbunden sind. Daher veröffentlicht

TÜV Rheinland seit 2010 das

eigene Nachhaltigkeitsengagement zusammen

mit den Finanzdaten in einem

Unternehmensbericht.

Die gemeinnützige TÜV Rheinland Stiftung engagiert sich insbesondere

auf dem Gebiet der Sicherheits- und Energietechnik, des Umweltschutzes,

der Entwicklungszusammenarbeit sowie der Verbesserung von Bildung und

Ausbildung. Neben der Verleihung des Internationalen TÜV Rheinland Global

Compact Award, welcher aus dem bereits seit 1974 verliehenen Internationalen

Rheinland-Preis für Umweltschutz hervorgegangen ist, fördert die

TÜV Rheinland Stiftung Projekte in den genannten Bereichen.

Stifter: TÜV Rheinland Berlin Brandenburg Pfalz e.V.

Vorstand: Prof. Bruno O. Braun (Vorsitz); Prof. h.c. Ralf Wilde, PhD

Kuratorium: Das Kuratorium, bestehend aus sechs Persönlichkeiten aus Wirtschaft

und Gesellschaft, begleitet die Arbeit der Stiftung und entscheidet über

den Preisträger des Internationalen TÜV Rheinland Global Compact Award.

globalcompact Deutschland 2014

93


EY

Globales Integritätsmanagement

in der Praxis

Von Dr. Stefan Heißner und Christian Muth

Der Wertewandel lässt sich auf eine einzige Formel reduzieren:

Unternehmen sollen ihre gesellschaftliche Verantwortung

ernst nehmen, ihre Manager und Mitarbeiter „integer“ sein.

Aber was bedeutet Integrität in der globalisierten Wirtschaftswelt

Wie misst man sie Und vor allem: Kann integer auch

gleichzeitig erfolgreich sein

Nur um es gleich vorweg zu sagen: Wer

heutzutage noch davon ausgeht, dass

eine Unternehmensführung vorbei an

Menschenrechten, Arbeitsnormen, Umweltschutz

und Korruptionsbekämpfung

zukunftsfähig ist, der irrt. „Business Integrity“

ist schon lange keine Kür mehr.

Sie ist allgemein eingeforderte Schuldigkeit

und Grundlage jedes geschäftlichen

Erfolges.

Nicht nur weil global gültige Gesetze es

vorschreiben, sondern vor allem weil

wirtschaftliches Handeln abseits des

Wertekanons der globalen Gesellschaft

auf lange Sicht schlichtweg nicht mehr

möglich ist. Denn die Lizenz zu agieren

– die „License to operate“ – basiert auf

gesellschaftlicher Akzeptanz des eigenen

unternehmerischen Handelns. Und das

auf der ganzen Welt. Das Wichtigste

dabei: Diese Lizenz kann nicht formal

erworben werden. Sie muss durch globales

Integritätsmanagement verdient

werden.

Wer von Integrität in der Wirtschaft

redet, redet in der Regel auch von Compliance.

Das ist auch gut und richtig. Ist

Compliance doch in den letzten Jahren

zum Sammelbegriff für all die Initiativen

geworden, die Unternehmen und ihre

handelnden Akteure vor Schäden durch

Korruption, Betrug, Untreue und sonstige

Gesetzesverstöße schützen sollen.

Ein erster großer regulatorischer Impuls

ging ganz sicher von den Korruptionsskandalen

der 1970er-Jahre aus,

der letztlich 1977 im Foreign Corrupt

Practices Act (FCPA) des amerikanischen

Justizministeriums mündete. Besonders

daran: Obwohl es sich um ein US-amerikanisches

Bundesgesetz handelt, können

Verstöße praktisch auf der ganzen Welt

geahndet werden.

Gleiches gilt für den Sarbanes-Oxley-Act

(SOX) von 2002, den Dodd Frank Act von

2007 sowie den UK Bribery Act von 2010.

Neben ihrem globalen Wirkungsbereich

haben all diese Gesetze – in gewissen

Abstufungen – eine weitere Gemeinsamkeit:

Sie schreiben eine Pflicht zu systematischem

Compliance-Management vor.

Compliance im Paradigmenwechsel

Wir wollen an dieser Stelle aber nicht

noch tiefer in die spannende Geschichte

der Compliance-Gesetzgebung abtauchen,

sondern auf eine aktuelle Entwicklung

hinweisen, die bisherige regulatorische

Innovationen in eine ganz neue

Beziehung setzt.

Sicherlich getrieben durch die Bankenund

Finanzkrise vor wenigen Jahren

setzt nun deutlich spürbar der nächste

große Paradigmenwechsel im Verständnis

von Compliance ein: der Wandel von

formaler Compliance hin zu globalem

Integritätsmanagement.

Aspekte des wirtschaftlichen Handelns,

die lange Zeit unter Freiwilligkeit, also

„Goodwill“ oder „Corporate Social Responsibility“,

subsumiert wurden, erfahren

eine zunehmende Verrechtlichung –

oder eine Quasi-Verrechtlichung mittels

gesellschaftlicher Konventionen.

Ethik ist Pflicht

So sind in den vergangenen Jahren diverse

Standards in Kraft getreten, die global

als akzeptierte Normen des verantwortungsvollen

unternehmerischen Verhaltens

immer mehr Geltung erlangen: zum

Beispiel die UN Guidelines for Business

and Human Rights, die OECD-Leitsätze

für multinationale Unternehmen oder

die ISO-Norm 26 000.

94 globalcompact Deutschland 2014


Good Practice

Compliance & Reporting

Integrity

Compliance

... among other indicators:

Compliance

Management

System

► Negative

Coverage

► Sanction Listing

► Criminal Records

► etc.

Stability

... among other indicators:

► Financial Data

► Creditworthness

► Insolvences

► Time in Market

► History

► Industry

► etc.

Sustainability

... among other indicators:

► Labor Law

Victims

► Enviromental

Law Violations

► Negative

Coverage

► Critical

Industries

► etc.

Capability

Existence

Aber auch die „harte“ gesetzliche Regulierung

treibt den Paradigmenwechsel

– zum Beispiel über die Adequate

Procedures des UK Bribery Act, den

US Sentencing Guidelines oder den

Vergabeordnungen, beispielweise der

Weltbank. Der Trend ist dabei eindeutig:

Die Schwerpunktsetzung bewegt sich

eindeutig weg von formaljuristischer

Compliance. Mehr noch: Rein formale

Compliance wird nicht als ausreichende

Schutzmaßnahme vor Korruption und

Wirtschaftskriminalität erachtet. Dahinter

steht die zunehmende Überzeugung,

dass Compliance ohne eine genuine

Werteorientierung im Unternehmen

(insbesondere im Management) nicht

voll wirksam sein kann.

Im Klartext heißt das: Ethik ist Pflicht. Sich

aktiv um Integrität, Nachhaltigkeit und

Umweltschutz zu kümmern ist Pflicht –

und zwar entlang der gesamten Lieferkette.

Das macht auch „Third Party Integrity“ zur

Schlüsselvokabel eines global funktionierenden

Integritätsmanagements.

Wie misst man Integrität

(von außen)

Was die gesetzliche und quasi-gesetzliche

Regulierung vorschreibt – nämlich das

aktive Abprüfen und Sicherstellen von

Integrität entlang der gesamten Lieferkette

– ist bei EY schon seit Jahren fester

Bestandteil des Beratungsprofils.

Um das abstrakte Thema der Integrität

– auch mit Blick von außen auf

ein Unternehmen (d.h. ohne tiefergehende

Innenansichten) – greif- und

damit messbar zu machen, haben wir

das sogenannte „CSS-Integrity Concept“

(Compliance-Stability-Sustainability Integrity

Concept) entwickelt.

Dieses System soll vorrangig die Gesetzestreue

(Compliance), wirtschaftliche

Leistungsfähigkeit (Stability) sowie

die Nachhaltigkeit (Sustainability) von

Geschäftspartnern oder Zulieferern sicherstellen,

bildet aber darüber hinaus

das methodische Fundament für ein zentrales

Management globaler Operationen

unter Gesichtspunkten der Integrität.

Eine Bewertung dieser Faktoren erfolgt

mithilfe von Indikatoren wie der Existenz

eines Compliance-Management-Systems,

der Nennung auf Sanktionslisten, der Kreditwürdigkeit,

der Historie einer Entität

und Berichten über Arbeits- oder Umweltrechtsverstöße.

Als Fundament dieser drei

Säulen der Integrität dient aber nicht nur

einerseits ihre bloße Existenz, sondern

auch ihre Leistungsfähigkeit.

CSS-Modell für globales

Integritätsmanagement

Können z. B. in öffentlichen Quellen überhaupt

keine Informationen erlangt werden,

kann dies nicht zuletzt in unserem

Internet- und Medienzeitalter zu Zweifeln

an ihrer Existenz führen. Ähnliches gilt

für die Fähigkeit einer Entität, die ihr zugedachte

Rolle in der Geschäftsbeziehung

auszufüllen. Handelt es sich beispielsweise

bei einem vorgeblich produzierenden

Unternehmen nachweislich um eine Briefkastenfirma,

ist deren Integrität infrage

zu stellen, bis weitere Informationen

vorliegen.

Alle im CSS-Integrity Konzept definierten

Integritätsfaktoren können durch Analysten

anhand von Indikatoren bewertet

werden, die in mehrstufigen Rechercheschritten

nutzbar gemacht werden.

Immer mit einem einzigen Ziel: Transparenz

da zu schaffen, wo sie benötigt

wird. Und damit zum großen Ziel beizutragen,

das EY antreibt: Nämlich dazu

beizutragen, die Arbeitswelt nachhaltig

besser und gerechter zu machen.

globalcompact Deutschland 2014

95


macondo publishing

CSRmanager –

Nachhaltigkeitsberichte

einfach und effizient

Die Erwartungen an Corporate Social Responsibility (CSR) steigen ständig. Vor zwanzig Jahren

war CSR nur eine Idee, heute ist es ein hochkomplexer Managementansatz. Das Messen, Managen

und Berichten von Kennzahlen macht dabei einen Großteil des Alltags eines CSR-Managers

aus. Diese Inhalte zu erklären und mit intuitiven Instrumenten umzusetzen, hat sich macondo

publishing verschrieben.

Von Dr. Elmer Lenzen

Die meisten Definitionen von CSR beschreiben

dies als freiwilliges unternehmerisches

Engagement jenseits der

gesetzlichen Verpflichtungen. Das ist so

heute nicht mehr korrekt. Tatsächlich

sind zahlreiche Aufgaben, die wir heutzutage

als CSR beschreiben, deutlich

innerhalb der gesetzlichen Vorgaben.

Dazu zählen beispielsweise Themen wie

Compliance, Lieferketten-Management

und zunehmend auch Reporting. Treiber

sind neben staatlichen Regulationen die

Kapitalmärkte sowie eine dank des Internets

hochgradig vernetzte und kampagnenfähige

Öffentlichkeit. Unternehmen

können darauf nur mit Transparenz und

glaubwürdigen Kennzahlen antworten.

In immer stärkerem Maße helfen hierbei

Software-basierte Lösungen. So schreibt

etwa Robert Prengel von pwc in Berlin

dazu im Internet: „Jeder Bericht gewinnt

an Glaubwürdigkeit, wenn die enthaltenen

Informationen ohne großen Aufwand

belegbar sind, sich also zum ‚Ursprungsbeleg‘

zurückverfolgen lassen. Dies wird

in aller Regel einfacher durch eine Software-Lösung,

die die Berichtsprozesse

automatisiert unterstützt.“

Ein weiterer Trend am Markt, der hier

hineinspielt, ist die Tendenz, Software

zu mieten statt zu kaufen. Dieses sogenannte

„Application Service Providing“

(ASP) verspricht den Unternehmen eine

drastische Reduzierung ihrer IT-Kosten

bei gleichzeitig maßgeschneiderten, stark

individualisierbaren Lösungen. Firmen

sparen sich auf diese Art nicht nur Anschaffungs-,

sondern auch Wartungs- und

Personalkosten und senken die Anforderungen

an die eigene Hardware, da die

Rechenzentren ausgelagert sind.

CSR-Reporting leicht gemacht

Auf diese Entwicklungen – Berichterstattungspflicht,

Software-basierte Lösungen

sowie Miet-IT – geht macondo publishing

ein: Die 2015 erstmals vorgestellte Anwendung

CSRmanager“ ist eine professionelle

96 globalcompact Deutschland 2014


Good Practice

Compliance & Reporting

Software, mit der Unternehmen ihr Nachhaltigkeitsengagement

managen, messen

und nach internationalen Standards reporten

können. Das Produkt wendet sich

insbesondere an kleinere und mittlere Unternehmen.

CSRmanager beinhaltet neben

der intuitiv bedienbaren und übersichtlich

gestalteten Software auch den Premium-

Zugang zur “CSR-Academy”, einem umfassenden,

maßgeschneiderten Aus- und

Weiterbildungsportal zu diesen Themen.

CSRmanager ist eine sogenannte Software-as-a-Service

(SaaS) Lösung, d.h. das

Programm wird nicht lokal installiert,

sondern die Nutzer haben jederzeit und

von jedem Ort bequem über das Internet

Zugriff.

Im Fokus von CSRmanager liegen Materialität

und Wesentlichkeit. Anders als bei

der bisherigen Nachhaltigkeitsberichterstattung

geht es heute bei zentralen

Standards wie G4 der Global Reporting

Initiative (GRI) und auch der Fortschrittsberichte

(CoPs) des Global Compact nicht

darum, viel zu sagen, sondern das Richtige

zu sagen. Das trägt den oftmals zeitlich

begrenzten Ressourcen der Stakeholder

Rechnung. Außerdem gewinnen Berichte

durch die Fokussierung auf wenige Aussagen

automatisch an Profil und Kanten.

Das führt unweigerlich zu Diskussionen,

und genau das ist ja letztendlich, sofern

konstruktiv geführt, auch eine der Intentionen

eines Nachhaltigkeitsberichtes.

Die Qualität einer Anwendung hängt

neben der Funktionalität ganz entscheidend

davon ab, welche Standards bei

der Entwicklung berücksichtigt wurden.

Das gilt bei CSR-Themen umso mehr.

CSRmanager berücksichtigt dazu Standards,

Guidelines und Empfehlungen von

insgesamt acht Organisationen. Damit

sind sie eine nützliche Handlungsempfehlung

– gerade für unerfahrenere

CSR-Akteure. Dennoch kann und muss

der Nutzer im Rahmen seiner persönlichen

Materialitätsbewertung selbst entscheiden,

welche er davon übernimmt.

Die Inputs stammen von der Global

Reporting Initiative, den CoP-Anforderungen

des UN Global Compact, der ISO

26.000, dem Greenhouse Gas Protocol,

den CSR-Empfehlungen der EU-Kommission,

Scope 1 der Key Performance

Indicators (ESG-KPI) der europäischen

Vereinigung für Finanzanalyse und Asset

Management EFFAS, den OECD Leitlinien

für multinationale Konzerne sowie den

Branchenrisiken nach RobecoSam, dem

Mitherausgeber der Dow Jones Sustainability

Indices (DJSI).

Produktvarianten für jeden Bedarf

CSRmanager gibt es in zwei Produktvarianten:

Ausgangspunkt ist die bereits fertige

Anwendung, die sich an alle wendet,

die kostengünstig einen standardisierten

Nachhaltigkeitsbericht erstellen wollen.

Hierzu haben sie GRI und CoP in jeweils

drei Variationen zur Auswahl, wobei

diese sich durch wachsende Komplexität

unterscheiden: GRI G4 Standard in den

Formaten Basic, Core und Comprehensive

sowie CoP-Berichterstattung in den

Formaten Learner, Active und Advanced.

Die zweite Möglichkeit ist die Entwicklung

einer individuellen, maßgeschneiderten

Plattform im Design des Kunden,

mit auf die Branche angepassten Kriterien,

mehrsprachig, revisionssicher und

mit Datenanbindung an die hauseigene

CSR-Software. Diese Lösung wendet sich

daher vor allem an die Lieferkette von

Großunternehmen. Diese erhalten automatisiert

die wichtigen KPIs ihrer Lieferanten,

und die Lieferanten wiederum

können ihrerseits automatisiert den Verpflichtungen

gegenüber verschiedenen

Abnehmern nachkommen. So entstehen

für beide Seiten Win-win-Situationen.

Beitrag zur Nachhaltigkeitsdebatte

macondo publishing versteht CSRmanager

als einen konstruktiven Beitrag zur Verbesserung

der Qualität im CSR-Management.

Aufgrund eines moderaten Preises und der

geplanten Einführung weiterer Sprachvarianten

bietet die Software-Lösung vor

allem mittelständischen Unternehmen

die Chance, Transparenz und Glaubwürdigkeit

im Nachhaltigkeitsbereich zu belegen.

Das ist nämlich oft keine Frage

des fehlenden Willens als vielmehr der

fachlichen, personellen und sprachlichen

Ressourcen. CSRmanager ist daher eine

praktische Lösung, um den Ausschluss

sogenannter „non-communicating Participants“

aus dem Global Compact auf

jene Unternehmen zu reduzieren, die

wirklich aufhören wollen.

macondo publishing begleitet darüber

hinaus das Software-Angebot mit seinem

umfangreichen Verlagsangebot zum Thema

CSR. Vor allem die für Nutzer der

Software kostenfreie CSR-Academy bietet

ein umfangreiches Weiterbildungs- und

Qualifizierungsangebot. Das ermöglicht

auch Einsteigern in die CSR-Landschaft,

für sich selbst Grundlagen zu schaffen

und das Erlernte im eigenen Unternehmen

anzuwenden. Nur so wird aus Pflichtberichterstattung

gelebte Nachhaltigkeit.

Welche Vorteile bietet Nachhaltigkeits-Software

Berücksichtigte Standards

• Kein Wirrwarr mehr zwischen unterschiedlichen

Dokumentformaten.

• Alle Nutzer sind immer auf dem

gleichen Stand. Das verbessert und

beschleunigt die Zusammenarbeit.

• Die Software wird zentral gesichert,

gewartet und ist stets auf dem

neuesten Stand.

• Die Bearbeitung ist stets nachvollziehbar

und revisionssicher.

• Software-Anwendungen können

automatisiert an weiterführende

Programme angebunden werden,

um z. B. Kennzahlen zu übermitteln.

• Programme sind in beliebig viele

Sprachen übertragbar und ermöglichen

so direkte Vergleiche.

• Das alles sorgt dafür, dass Unternehmen

deutlich interne und externe

Personal- und Beraterkosten

einsparen.

globalcompact Deutschland 2014

97


Mazars

Compliance, Governance

und Nachhaltigkeit –

Herausforderungen für den

Mittelstand

Mit der wachsenden Bedeutung von Corporate Governance steigen auch die Anforderungen an

Unternehmen. Insbesondere das Thema Corporate Responsibility (CR) wird in den kommenden

Jahren stärker in den Vordergrund rücken. Ein entscheidender Erfolgsfaktor einer ganzheitlichen

Corporate Governance wird hierbei die enge und reibungslose Verknüpfung zwischen CR und den

bestehenden Qualitäts-, Compliance- und Risikomanagementsystemen sowie deren Integration

in die Unternehmensorganisation sein.

Von Kai M. Beckmann

Spätestens seitdem Banken und zentrale

Marktakteure – zum Beispiel Konzerne,

die an der Spitze einer Lieferkette stehen

– das Thema Corporate Responsibility

für sich entdeckt haben, können sich

Unternehmen dem Thema nicht mehr

entziehen. Gleichzeitig erkennen immer

mehr Unternehmen die Chancen. CR ist

zum einen ein wirksames Instrument

zur Marktdifferenzierung. Zum anderen

ermöglicht der regelmäßige Diskurs, z. B.

mit Stakeholdern, schon früh Einblicke

in Trends oder zu erwartende Restriktionen,

die den Kurs des Unternehmens

beeinflussen.

In Diskussion mit NGO-Vertretern lernen

wir bei MAZARS immer wieder, dass

diese weniger auf Leuchtturmprojekte

achten, sondern vielmehr darauf, wie

die Geschäftsführung grundsätzlich zu

dem Thema steht. Bewertet wird, wie

systematisch CR umgesetzt wird und

welchen Effekt das Engagement auf das

Kerngeschäft des Unternehmens hat. Ist

ein Unternehmen auf dem richtigen

Weg und offensichtlich für das Thema

begeistert, dann steigt auch das Vertrauen

Externer in sein Handeln. Ein

Umstand, der im Fall einer Corporate-

Responsibility-Krise darüber entscheiden

kann, ob das Unternehmen zur medialen

Zielscheibe wird oder nicht.

Verantwortung für vorgelagerte

Lieferketten

Ob Dow Jones Sustainability Index (DJSI),

das Carbon Disclosure Project oder der

G4 Standard der Global Reporting Initiative:

Von Unternehmen wird verlangt,

dass sie Transparenz hinsichtlich ihrer

Lieferketten herstellen und die Managementinstrumente

angepasst haben. Nicht

nur das – sie sollen auch wesentliche

Kennzahlen über die Lieferkette hinweg

erfassen und möglichst aktiv steuern.

Viele Geschäftsführer, gerade mittelständischer

Unternehmen, reagieren auf

diese Entwicklung allerdings kritisch.

Wir bei MAZARS haben, durch unsere

Fokussierung auf den internationalen

Mittelstand sowie durch unsere Erfahrung

in internationalen Projekten, viele

Unternehmen im Umgang mit diesen

neuen Herausforderungen pragmatisch

und reibungslos unterstützen können.

In Gesprächen wird uns immer wieder

gesagt: „Der DJSI und ähnliche Standards

sind für uns nicht relevant – wir sind

doch als Unternehmen viel zu klein!“

Diese Haltung ist verständlich, allerdings

zu kurz gedacht. Schließlich sind gerade

die mittelständischen Unternehmen

häufig Teil globaler Lieferketten und

MAZARS ist als Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft

ein etablierter Dienstleister und Partner

für den internationalen deutschen Mittelstand.

Harald Nikutta leitet die Entwicklung der globalen

Mittelstandsaktivitäten von MAZARS aus Deutschland

heraus. Sprechen Sie ihn an!

98 globalcompact Deutschland 2014


Good Practice

Compliance & Reporting

somit genauso betroffen wie die „Köpfe“

der Lieferkette, nur eben mit zeitlicher

Verzögerung.

Die Vorfälle in der Textilindustrie nach

den Brandkatastrophen in Produktionsbetrieben

in Bangladesch haben das

anschaulich verdeutlicht. Sie hatten

sogar zu Boykottaufrufen gegen Unternehmen

in Deutschland geführt und

eine politische Debatte angestoßen, die

in letzter Konsequenz zu mehr Regulierung

führen kann. Vergleichbares ist

auch in anderen Industrien zu erwarten.

Ein weiterer, unserer Erfahrung nach

häufig unterschätzter Aspekt ist der der

Auskunftsfähigkeit im Krisenfall. Viele

Unternehmen kennen die Teilnehmer

der vorgelagerten Lieferkette überhaupt

nicht. Anfang 2014 bekamen wir von

einem Unternehmen folgende Anfrage:

„Kann MAZARS kurzfristig Vorwürfe in

Zusammenhang mit fehlenden Sicherheitsstandards

bei einem asiatischen

Zulieferbetrieb prüfen“ Wir konnten

und haben kurzfristig ein lokales Team

vor Ort in Bewegung gesetzt, das die

Anschuldigungen schnell und glaubwürdig

entkräften konnte. In diesem

Fall war eine schnelle Reaktion wichtig,

denn auch der Auftraggeber, ein

Automobilkonzern, fing bereits an, die

Geschäftsbeziehung infrage zu stellen.

Compliance und CR – oft noch

unterschiedliche Welten

Selbstverpflichtungen und freiwillige

Standards sind für viele Unternehmen

eine Grauzone, für manche eher ein

Marketinginstrument. Eine Selbstverpflichtung

ist schnell unterschrieben. An

der Umsetzung mangelt es oft, was auch

daran liegt, dass die Berücksichtigung

sozialer Standards nicht Teil der Zielvereinbarungen

der Führungskräfte ist!

Die Realität in vielen Unternehmen

sieht heute so aus, dass sich Compliance

auf gesetzliche Regelungen und

interne Richtlinien konzentriert und

die Bewertung von Situationen sowie

die Implementierung von Maßnahmen

ohne Einbezug von CR-Experten erfolgt.

Reicht das für eine wirksame Corporate

Governance aus Kaum, denn nicht alles,

was legal ist, ist auch legitim! Die

Vorfälle rund um die Meyer Werft von

2013 sind ein prominentes Beispiel. Nach

einem Brand in der Unterkunft von

Werkvertragsarbeitern standen plötzlich

die Arbeitsbedingungen sowie die

Wohn- und Lebenssituation der über

Werkverträge Beschäftigten im Fokus von

Medien und Politik. Auch hier war formal

alles korrekt, doch ist kaum davon

auszugehen, dass die Auftraggeber der

Meyer Werft, die in Papenburg luxuriöse

Passagierschiffe fertigen lassen, derartige

Vorgänge akzeptieren. Und genau

dieser Mechanismus greift auch zunehmend

in anderen Branchen wie Chemie,

Automotive oder Retail & Consumer!

Fazit

Corporate Governance generiert Mehrwert.

Damit ein CR-Ansatz hierbei wirksam

und effizient sein kann, muss er

systematisch und konsequent in allen

Unternehmensbereichen umgesetzt und

gelebt werden. Dabei sollten aus unserer

Sicht Lösungen entwickelt werden,

die zur Unternehmenskultur passen

und sowohl seitens des Unternehmens

als auch der externen Stakeholder auf

Akzeptanz stoßen.

Integration von Corporate Governance

in die Unternehmensbereiche

Transformation

Corporate

Responsibility

Compliance

Risikomanagement

I. Strategie

- Zieldefinition und Abgleich mit der Unternehmensstrategie

- Im Einklang mit Leitbild und Wertesystem

- Zieldefinition

- Anforderungen an das Management-Reporting

II. Organisation

- Governance-Modell

- Abgleich Erwartungsprofil und Schnittstellen u.a. Qualitäts-, Compliance-,

Risiko- und Corporate Responsibility-Management

- Tool-Box (Stakeholder-Management, Risk Assessment, ...)

III. Mitarbeiter

- Kompetenzaufbau und Schulungen

- Anpassung der Zielerreichungs- und Bewertungsmodelle

IV. Prozess

- Integration in Kern- sowie relevante Unterstützungsprozesse

- Standardisierung, Steuerung und Kontrolle von Prozessen

- Einführung eines Maßnahmencontrolling

V. Systeme

- Erweiterung bestehender Systeme

- Integration neuer Lösungen

(z. B. Stakeholder-Management, Assessments, ...)

Strategie

Organisation

Mitarbeiter

Prozess

Systeme

Integration

Einkauf

Personal

Entwicklung

Vertrieb

Produktion

...

globalcompact Deutschland 2014

99


BSH Bosch und Siemens Hausgeräte

Mein Backofen –

Meine Daten

Chancen und Herausforderungen

vernetzter Hausgeräte

Das Internet der Dinge eröffnet im Haushalt neue Möglichkeiten, die Lebensqualität zu erhöhen.

Ob sich auch vernetzte Kühlschränke und Geschirrspüler durchsetzen, hängt nicht zuletzt von

einem gewissenhaften Umgang mit Daten und dem Vertrauen der Verbraucher in die Lösungen der

Hersteller ab. In einer repräsentativen Umfrage hat die BSH Bosch und Siemens Hausgeräte GmbH

Verbraucher nach ihren Bedenken und Anforderungen gefragt. Die Ergebnisse sind für die BSH

ein Auftrag, bei allem Streben nach Innovation das Thema Verantwortung konsequent in den

Mittelpunkt zu rücken.

Von Dorthe Heermann

Die Rechenleistung des Bordcomputers

der Saturn-Rakete, mit der Neil Armstrong

und Buzz Aldrin auf dem Mond

landeten, tragen wir heute in der Hosentasche:

Smartphones sind leistungsstarke

mobile Computer und werden dank

eines schier grenzenlosen Angebots an

Apps zur Schaltzentrale unseres Lebens.

Besonders im Trend liegt die Vernetzung

von Alltagsgegenständen mittels

Internet.

In die heimischen vier Wände ziehen

immer mehr vernetzte Geräte ein: Lichtund

Alarmanlagen, Heizungen und Rollläden

sowie Multimedia-Geräte werden

per Fingerstreich via Smartphone und

Tablet gesteuert. So wird das Zuhause

zum Smart Home. Ein Herd, der Rezeptvorschläge

unterbreitet, und eine

Waschmaschine, die automatisch die

passenden Programme liefert, sind da

nur die logischen nächsten Schritte –

und längst keine Fiktion mehr. Um diese

Services in vollem Umfang nutzen zu

können, muss der Verbraucher jedoch

bereit sein, eigene Daten anzugeben.

Angesichts von Datenmissbrauch-

Skandalen und Überwachung reagieren

Verbraucher mit einer begründeten

Skepsis auf Big Data – der Sammlung

von großen Datenmengen. Die Sorge

besteht, durch Aktivitäten im Netz zum

gläsernen Konsumenten zu werden.

Für Hersteller von Smart Home Produkten

ist es unerlässlich, die Bedenken und

Wünsche der Verbraucher zu kennen

und ernst zu nehmen. Die BSH hat deshalb

aktuell eine repräsentative Umfrage

unter Online-Nutzern in Deutschland

und Österreich durchgeführt. Im Mittelpunkt

stand deren Einstellung zu

vernetzten Hausgeräten mit besonderem

Blick auf das Thema Datenschutz.

Individueller Nutzen

und Transparenz

Digitaler Fortschritt contra Datenschutz

Die Umfrage belegt, dass Konsumenten

dieser Problematik heute aufgeklärt

begegnen. Als mündige Verbraucher

hinterfragen sie digitale Anwendungen

100 globalcompact Deutschland 2014


Good Practice

Datability

jedes Mal aufs Neue hinsichtlich des persönlichen

Mehrwerts und der Datenabfrage.

Erkennt der Konsument beispielsweise

in den Funktionen einer App einen für

sich relevanten Nutzen, ist er auch bereit,

zusätzliche persönliche Daten anzugeben.

Praktische Tipps zur Senkung des

Energieverbrauchs oder der Hinweis,

dass der Klarspüler nachgefüllt werden

muss, findet zum Beispiel fast die Hälfte

der Befragten in Deutschland interessant,

in Österreich sind es sogar knapp

60 Prozent. Mehr als jeder vierte der Befragten

in Deutschland findet zudem die

Vorstellung interessant, dass Hausgerät

und Kundendienst bei Problemen direkt

miteinander kommunizieren können.

Welche Informationen der Konsument

aber letztlich weitergibt, hängt entscheidend

davon ab, welche Daten für welche

App-Funktionen wichtig sind. Bei der

Bestellung von Ersatzteilen oder der

Kommunikation mit dem Kundendienst

ist es für die Mehrheit der Befragten

unproblematisch, Adressdaten anzugeben.

Werden hingegen Rezeptideen

auf das Smartphone geschickt, fragen

die Konsumenten nach, warum für die

Nutzung dieser Funktion die Mitteilung

von Adressdaten relevant sein könnte.

Angaben zu etwaigen Allergien oder

Krankheiten würden sie in diesem Fall

eher machen.

Schutz von sensiblen Daten

Die Studie zeigt auch, dass die Konsumenten

im Hinblick auf den Datenschutz

unterschiedliche Maßstäbe anlegen – je

nachdem welche Funktionen die jeweiligen

Apps haben. Bei Spiele-Apps sind

die Anforderungen der Konsumenten an

den Datenschutz niedrig, aber auch die

Bereitschaft, persönliche Daten anzugeben.

Besonders hohe Sicherheitsanforderungen

stellen die Befragten hingegen

an Banking-Apps. Interessanterweise

beurteilen die Befragten in Deutschland

und Österreich Banking-Apps und Smart-

Home-Apps recht ähnlich. Das zeigt, wie

sensibel die Daten, die zur Nutzung von

Smart-Home-Apps erforderlich sind, von

den Verbrauchern eingestuft werden

und welch hohe Sicherheitsstandards sie

hier fordern. So sieht die Mehrzahl der

Befragten Qualitätssiegel von unabhängigen

Organisationen bei Banking- und

Smart-Home-Apps als wichtig an.

Datensicherheit hat

oberste Priorität

Die Entwicklung von vernetzten Hausgeräten

schreitet rasant voran. Die Entscheidung

darüber, welche Applikationen

letztlich in den Markt kommen, treffen

bei der BSH jedoch die Konsumenten.

Sie unterziehen diese Lösungen einem

Realitätscheck. Für den führenden Hausgerätehersteller

Europas bedeutet das:

Beim Streben nach Innovation und Fortschritt

muss das Thema Verantwortung

konsequent in den Mittelpunkt gerückt

werden. Und zwar im ständigen Dialog

mit den Konsumenten. Denn die Ergebnisse

sind nicht nur bloße Antworten,

sie sind vor allem ein Auftrag an die

gesamte Branche. Die BSH begreift das

Thema Datenschutz und Datensicherheit

daher als Chefsache – und arbeitet

eng mit namhaften Experten zusammen.

So hat das Unternehmen für die

offene Plattform Home Connect, die

die markenübergreifende Vernetzung

von Hausgeräten ermöglicht, vor dessen

Einführung Ende 2014 ein umfassendes

Sicherheitskonzept erstellt und umgesetzt.

Dazu gehören auch Überprüfungen

des Systems von professionellen Hackern.

Home Connect setzt auf den Status quo

der Verschlüsselungstechnik und lässt

das System auch von unabhängigen

Experten auf Herz und Nieren prüfen.

Zudem wurde die zugehörige App mit

dem TÜV IT-Siegel ausgezeichnet. Nur

so können sichere Lösungen entwickelt

werden, die perfekt auf die Bedürfnisse

der Kunden einzahlen.

Die Ergebnisse der Studie können Sie anfragen unter

corporate.communications@bshg.com.

globalcompact Deutschland 2014

101


Daimler

Vernetztes Fahren

und Datenschutz

Der Blick ins Cockpit eines Fahrzeugs zeigt, wohin die Reise

geht: auch bei Fahrzeugen sind wir längst im digitalen Zeitalter

angekommen. In der kommenden Dekade werden die

Telekommunikations- und die Fahrzeugtechnik weiter zusammenwachsen.

Diese Perspektive stellt den Datenschutz

in Automobilunternehmen vor neue Herausforderungen.

Bei Daimler sehen wir darin aber auch viele Chancen.

Von Dr. Joachim Rieß

Auf dem Weg zum unfallfreien Fahren

spielt die Vernetzung des Automobils

mit seiner Umwelt eine wichtige Rolle.

Dadurch lässt sich der Verkehr sicherer

steuern und Unfälle können reduziert

werden. Die Vernetzung im Fahrzeug

trifft aber auch den Zeitgeist. Unsere

Kunden möchten „always on“ sein und

erwarten, dass sie ihre mobilen Geräte

im Fahrzeug genauso nutzen können

wie zu Hause.

und Kunden zu schützen, trägt er heute

auch Sorge dafür, dass Daten von Produkten

und Dienstleistungen sicher sind.

Bei Daimler ist der Datenschutz deshalb

bereits bei der Entwicklung vernetzter

Fahrzeuge und neuer Fahrzeugfunktionen,

wie „Live Traffic“, bei dem Fahrzeuge untereinander

Verkehrsinformationen austauschen,

sowie bei der Konzeption von

Dienstleistungen wie „car2go“ involviert

(„Privacy by Design“). Gemeinsam mit dem

Forschungs- und Entwicklungsbereich

werden technische Lösungen entwickelt,

um Kundendaten gegen Manipulation,

vor Verlust und gegen den Zugriff unberechtigter

Personen zu schützen. Eine

entscheidende Rolle spielt dabei das Daimler

Vehicle Backend, ein Server, der eine

sichere Verbindung zwischen Fahrzeug

und Internet gewährleistet.

Unbestritten ist, das vernetzte Automobil

bietet großen Mehrwert, aber es stellt

uns auch vor ganz neue gesellschaftliche

Fragen: Welche Daten benötigen

Assistenzsysteme wie die automatische

Fußgängererkennung, Infotainmentsysteme

und Online-Dienste Wem gehören

die Fahrzeugdaten Wer darf über

sie verfügen

An erster Stelle steht für Daimler,

sichere Autos zu bauen. Dies gilt für die

Technik, aber auch für die Daten, die

das vernetzte Fahrzeug erzeugt. Deshalb

gilt unsere Prämisse stärker denn je:

Datenschutz ist Kundenschutz. Nur

durch einen verantwortungsvollen Umgang

mit personenbezogenen Daten wahren

wir die Persönlichkeitsrechte von

Fahrern, Fahrzeughaltern und Insassen.

Um diesen Anspruch erfüllen zu können,

kommt dem Datenschutz bei Daimler ein

neuer Stellenwert zu: War es früher die

klassische Aufgabe des Datenschutzbeauftragten,

die Daten von Arbeitnehmern

Sicherheit der Kundendaten

Kom-Box

Das Vehicle Backend ist ein spezieller Server, über den eine sichere Verbindung

zwischen Fahrzeug und Internet hergestellt wird. Es sorgt dafür, dass die

Kommunikationsschnittstelle im Fahrzeug gesichert ist. Dafür reglementiert

und überwacht es die Verbindungen zu allen Internet-Diensten und übernimmt

Funktionen wie Autorisierung und Authentifizierung.

Datensicherheit durch das Daimler Vehicle Backend

102 globalcompact Deutschland 2014


Good Practice

Datability

Als Maßstab für den Schutz von Daten

haben wir als drei zentrale Grundsätze

„Transparenz“, „Selbstbestimmung“ und

„Datensicherheit“ definiert. Diese Prinzipien

wenden wir bei unseren Produkten und

Dienstleistungen an – angefangen bei der

Entwicklung, über die Vertragsgestaltung

bis zum Umgang mit Kundendaten.

Die Weiterentwicklung der Kommunikationstechnologien

schafft neue Möglichkeiten

für die Kunden, aber auch neuen

Regulierungsbedarf für den Gesetzgeber.

Services, wie der zukünftig EU-weit gesetzlich

vorgeschriebene Notrufdienst

eCall, oder die Wünsche der Kunden,

über digitale Dienste permanent verfügen

zu können, werden immer wieder

Fragen zum Datenschutz aufwerfen.

Eine aktuelle Herausforderung ist zum

Beispiel die Klärung der Datenverantwortung.

Daten werden immer häufiger

– vom Fahrzeughersteller, von Plattformbetreibern

und App-Diensten – erhoben.

Mit der Vernetzung erhöhen sich auch

die Anforderungen an die Sicherheitsvorkehrungen.

Die Sicherungssysteme

müssen in der Entwicklung immer einen

Schritt weiter sein, um Daten vor Missbrauch

und Hackerangriffen zu schützen.

Solche Fragestellungen lassen sich nur

im offenen Dialog mit den Stakeholdern

beantworten. Deshalb suchen wir den

Austausch mit anderen Unternehmen,

Wissenschaftlern, Politikern, NGOs, Behörden,

Verbänden und Verbraucherschützern.

Im Verband der Deutschen Automobilindustrie

haben wir uns für ein ganzheitliches

Konzept und Standards der

Datenverarbeitung eingesetzt und gemeinsame

Prinzipien zum Datenschutz

im vernetzten Fahrzeug erarbeitet. Wichtige

Aspekte sind u. a. Transparenz der

Datenverarbeitung, Selbstbestimmung

des Kunden und Datensicherheit. In den

USA unterzeichnete Daimler zusammen

mit anderen Herstellern die „Consumer

Privacy Protection Principles for Vehicle

Technologies and Services“ der Auto

Alliance und der Global Automakers,

die Hersteller auf gemeinsame Datenschutzprinzipen

verpflichten.

Das Thema Datenschutz und Fahrzeug

ist auch eine Säule bei dem Sustainability

Dialogue von Daimler, bei dem sich

regelmäßig Vertreter aller Stakeholder-

Datenschutzgrundsätze

Transparenz

Der Kunde muss wissen, welche Daten gesammelt werden und was mit diesen

Daten passiert. In den Verkaufsinformationen, der Vehicle Homepage, der

Betriebsanleitung und in den Nutzungsbedingungen wird der Kunde über die

Datenverarbeitung umfassend informiert.

Selbstbestimmung

Der Kunde entscheidet, welche Dienste er tatsächlich nutzen und welche Daten

er weitergeben möchte – entweder per Einwilligung, per Vertrag oder per

Knopfdruck. Es werden Dienste nur aktiviert, wenn der Kunde dies wünscht und

dieser vorher den Nutzungsbedingungen zugestimmt hat.

Datensicherheit

Der Kunde erwartet, dass seine Daten auf einem hohen technischen Sicherheitsniveau

vor Missbrauch und Manipulation geschützt sind. Deshalb wird die

Sicherheit der Daten bei vernetzten Fahrzeugen ständig weiterentwickelt und

der fortschreitenden IT-technischen Entwicklung angepasst. Daimler erarbeitet

dafür Soft- und Hardwarearchitekturen sowie Standards für Remote-Zugriffe

von Telekommunikationsnetzen auf das Fahrzeug. Außerdem werden geeignete

Verschlüsselungstechnologien eingesetzt.

Mercedes-Benz Notrufsystem

Notrufzentrale

Weiterleitung

der Meldung

Gruppen treffen, um aktuelle Fragen

zur Nachhaltigkeit zu diskutieren und

gemeinsam an Lösungen zu arbeiten. Als

weitere Plattform hat Daimler 2014 zu

einer Fachtagung zum Datenschutz eingeladen.

Wir möchten damit dazu beitragen,

die gesellschaftliche Diskussion zu

dem Zukunftsthema „Vernetztes Fahren

und Datenschutz“ voranzutreiben und

gemeinsam Antworten zu wichtigen

Fragen rund um das vernetzte Fahren

zu entwickeln.

Gezielte und schnellere Hilfe

am Unfallort

Vereinfachte Darstellung des Notrufdienstes eCall, mit dem automatisch ein Notruf abgesendet

wird und so schneller Hilfe zum Unfallort gelangt.

globalcompact Deutschland 2014

103


Deutsche Telekom

Datensicherheit und Digitale

Bildung als Eckpfeiler

einer verantwortungsvollen

Mediennutzung

Datenschutz und Datensicherheit sind die Basis einer sicheren Nutzung digitaler Medien. Effiziente

Maßnahmen zur Vermeidung von Datendiebstahl und Datenmissbrauch haben für die Deutsche

Telekom daher einen ganz besonderen Stellenwert. Aber auch der versierte Umgang mit diesen

Medien wird immer mehr zu einer Schlüsselkompetenz für die aktive Teilhabe an der Informationsund

Wissensgesellschaft. Die Deutsche Telekom setzt sich hier in vielen Initiativen und Projekten

für den Ausbau der Medienkompetenz insbesondere bei Kindern und Jugendlichen ein.

Von Gabriele Kotulla und Vera Heyes

Millionen Kunden vertrauen der Deutschen

Telekom täglich ihre Daten an.

Vor diesem Hintergrund haben Datenschutz

und Datensicherheit konzernweit

Priorität. Auch bei der Neu- und Weiterentwicklung

von Produkten und Dienstleistungen

hat dies höchsten Stellenwert,

etwa bei „E-Mail made in Germany“ und

der Verbesserung des Abhörschutzes im

Mobilfunk.

„E-Mail made in Germany“

Im August 2013 wurde die Brancheninitiative

„E-Mail made in Germany“ als

Reaktion auf die NSA-Spähaffäre gegründet.

Hier konnte unter anderem ein

neuer Sicherheitsstandard implementiert

werden, der durch eine automatische

Verschlüsselung den E-Mail-Austausch

zwischen den Nutzern und den teilnehmenden

Providern sicherer macht.

Verbesserung des Abhörschutzes im Mobilfunk

Als erster Netzbetreiber setzt die Deutsche

Telekom seit 2013 den Verschlüsselungsstandard

A5/3 ein. Damit sind Gespräche

auch im GSM-Mobilfunknetz besser gegen

mögliches Abhören geschützt. Für

UMTS- und LTE-Netze wird bereits ein

ähnlich starker Verschlüsselungsstandard

eingesetzt.

Ebenfalls wird großer Wert darauf gelegt,

die Datenschutzmaßnahmen für die

Öffentlichkeit transparent zu machen.

Als erstes der DAX-30-Unternehmen veröffentlicht

die Deutsche Telekom seit

2009 einen Datenschutzbericht, seit 2011

jährlich einen integrierten Datenschutzund

Datensicherheitsbericht.

Datenschutz und Datensicherheit sind für

die Deutsche Telekom Grundvoraussetzung

für eine risikominimierte Nutzung

„Cyber Security Summit for Kids“: Telekom-

Vorstandsvorsitzender Timotheus Höttges

mit zwei der 200 jungen Gäste.

der digitalen Medien. Aber auch das richtige

Surfen, Chatten und Recherchieren will

gelernt sein. „Der sichere und kompetente

Umgang mit digitalen Medien ist notwendig,

um die virtuelle Welt zu verstehen

104 globalcompact Deutschland 2014


Good Practice

Datability

und eigenverantwortlich mitgestalten

zu können“, sagt Birgit Klesper, Senior

Vice President Group Transformational

Change and Corporate Responsibility bei

der Deutschen Telekom. Insbesondere

für Kinder und Jugendliche ist es oft

nicht einfach, in der digitalen Welt den

Überblick zu wahren und diese sicher zu

beherrschen. Hier ist Medienkompetenz

gefragt. Deren Stärkung ist bei der Deutschen

Telekom ein Kernthema. Eines der

drei zentralen Handlungsfelder der Corporate-Responsibility-Strategie

des Konzerns

lautet „Connect the Unconnected“. Ziel

ist es, durch vielfältige Initiativen allen

Kindern und Jugendlichen, unabhängig

vom Elternhaus, eine chancengleiche und

aktive Teilhabe zu eröffnen und hilfreiches

Medien-Know-how zu erwerben. Die

folgenden Beispiele stellen exemplarisch

einen Ausschnitt aus den umfangreichen

Medienkompetenzprogrammen der

Deutschen Telekom dar:

Lehren und Lernen mit digitalen

Medien – Teachtoday

Im Mai 2014 hat die Telekom die als

EU-Projekt in 2008 gestartete Initiative

„Teachtoday“ in Deutschland in ihre

Verantwortung übernommen. Ziel der

Initiative ist es, alltags- und praxisnah

die Potenziale und Herausforderungen

des kompetenzorientierten Lehrens und

Lernens mit digitalen Medien aufzuzeigen.

Zukunftsweisend gibt das Portal

teachtoday.de Lehrkäften, Eltern und

Pädagogen Hilfestellung für einen mediengestützten

Unterricht, stets mit dem

Blick auf die Förderung von Medienkompetenz

als Alltagskompetenz und eine

verantwortungsvolle Mediennutzung.

Mithilfe qualitativ hochwertiger Unterrichtsmaterialien,

Online-Lernmodulen

oder Schüler-Workshops werden Themen

wie Social Media, Schutz der Privatsphäre

oder Mobbing didaktisch auf bereitet.

Viele Lehrkräfte und Einrichtungen in

ganz Deutschland leisten bereits einen

wichtigen Beitrag zur Medienkompetenzförderung.

Was oft fehlt, ist Sichtbarkeit

und Anerkennung. Mit dem Wettbewerb

„Medien, aber sicher!“ hat die Deutsche

Telekom von Schulen umgesetzte Projekte

ausgezeichnet und ihnen eine öffentliche

Plattform gegeben. Damit können

sie anderen Interessierten als Vorbild

und Orientierung dienen. Aus allen Bundesländern

wurden vielfältige Projekte

eingereicht, deren Themenspektrum vom

Verhalten in sozialen Netzwerken über

Chancen und Risiken beim Chatten bis

hin zu Urheberrechtsfragen reichten.

Zum ersten Mal veranstaltete die Telekom

den „Cyber Security Summit for Kids“.

Das Ziel: Kinder fit machen für den

Umgang mit moderner Kommunikationstechnologie.

Der Cyber Security

Summit for Kids fand einen Tag nach

dem Cyber Security Summit statt, zu

dem die Münchner Sicherheitskonferenz

und die Telekom bereits zum dritten Mal

nach Bonn eingeladen hatten. Telekom-

Vorstandsvorsitzender Timotheus Höttges

stellte sich den Fragen der jungen

Gäste. Der Kongress für Kinder nutzte

dieselben Räumlichkeiten, in denen

am Vortag ranghohe Politiker und Unternehmenslenker

getagt hatten und

setzte auch damit ein Zeichen für die

besondere Relevanz des Themas.

Geschützter Surfraum für Kinder –

„Ein Netz für Kinder“

Die Initiative „Ein Netz für Kinder“ bietet

jungen Web-Surfern einen sicheren

Raum, um das Internet spielerisch

zu entdecken. Über die Internetseite

fragFINN.de können 8- bis 12-Jährige das

Netz nach ihren Interessen erkunden,

ohne auf Seiten mit bedenklichen Inhalten

zu gelangen. Die fragFINN-Whitelist,

die Liste altersgerechter Internetseiten,

wurde auch in die kostenlose Kinderschutzsoftware

der Deutschen Telekom

integriert. Im Rahmen dieser Initiative

arbeitet die Telekom eng mit dem Jugendmedienschutz

und Vertretern aus

Politik und Wirtschaft zusammen.

Infrastrukturprojekt

„Telekom@School“

Bereits seit dem Jahr 2000 unterstützt

die Deutsche Telekom bundesweit alle

34.000 allgemein- und berufsbildenden

Schulen mit entgeltfreien Internet-

Zugängen. Ziel des Engagements ist, die

Möglichkeit zu geben, im Unterricht

mit digitalen Medien zu arbeiten, um

so Chancen und Perspektiven neuer

Technologien zu eröffnen.

Mit Datenschutz und Datensicherheit

sowie Medienkompetenzprogrammen

fördert die Deutsche Telekom die chancengleiche

Teilhabe an der Informations-

und Wissensgesellschaft. So ist sie

zuverlässiger Begleiter auf dem Weg in

eine zukunftsorientierte Gesellschaft.

Weitere Informationen unter:

www.telekom.com/verantwortung

globalcompact Deutschland 2014

105


Agenda

10 Jahre

106 globalcompact Deutschland 2014


globalcompact Deutschland 2014

107


Agenda

2004 – 2014: Eine Dekade

Deutsches Global Compact

Netzwerk

Für das Deutsche Global Compact Netzwerk (DGCN) war 2014 das Jahr seines zehnjährigen

Bestehens als sogenanntes formales Netzwerk. Zuvor hatten sich die ersten deutschen Unterzeichner

des UN Global Compact bereits 2001, also drei Jahre vor der formellen Gründung, als

„Freunde des Global Compact“ in Deutschland zusammen-gefunden. Mit der Formalisierung

und Einrichtung eines Sekretariats, das im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaftliche

Zusammenarbeit und Entwicklung von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit

(GIZ) GmbH getragen wird, kann das DGCN seit 2004 seine Teilnehmer wesentlich effektiver bei

der Umsetzung der 10 Prinzipien unterstützen und die Ziele des UN Global Compact fördern.

Von Dr. Jürgen Janssen

In den vergangen zehn Jahren hat sich auch das Selbstverständnis

des DGCN im Zuge intensiver Diskussionen in Lenkungskreis

und Teilnehmerversammlung immer weiter konkretisiert.

Dabei ist die freiwillige Selbstverpflichtung von Unternehmen

und Stakeholdern damals wie heute die Grundlage des

UN Global Compact international und in Deutschland. Unternehmen

und Stakeholder verpflichten sich freiwillig und

explizit, universelle Grundregeln, die vielfach im nationalen

Recht verankert sind, auch dort zu achten und zu fördern, wo

diese nicht oder nicht vollständig umgesetzt werden.

Das deutsche Netzwerk versteht sich in diesem Kontext als

unabhängiges, offenes und transparentes Multi-Stakeholder-

Forum, in dem sich die deutschen Teilnehmer am UN Global

Meilensteine des UNGC und des DGCN

26.7.2000

2002

Gründung des

United Nations Global Compact (UNGC)

durch den damaligen

UN-Generalsekretär Kofi Annan

„German Friends of

the Global Compact

konstituieren sich

als Gruppe.

Der WSSD-Gipfel in Johannesburg

(Rio+10) rückt den UNGC erstmals

ins Bewusstsein einer breiten Fach-

Öffentlichkeit.

108 globalcompact Deutschland 2014


10 Jahre

Compact aus den Sektoren Wirtschaft, Staat und Zivilgesellschaft

auf Augenhöhe freiwillig für die Umsetzung und breite

Förderung der 10 Prinzipien des Global Compact und der

Ziele der Vereinten Nationen in Deutschland und weltweit

engagieren. Als umsetzungsorientierte Lern- und Dialogplattform

stellt das DGCN Informationen und Instrumente zur

Verfügung, fördert die Verbreitung guter Beispiele und bietet

einen Rahmen für vertrauensvollen Austausch zwischen den

Teilnehmern. Seit 2013 kann es auch politische Diskussionen

und Prozesse begleiten, die für die Umsetzung und Förderung

der 10 Prinzipien relevant sind.

Die Legitimation über die Anbindung an das UN-System, die

10 Prinzipien als anerkannte Grundlage nachhaltiger und

verantwortungsvoller Unternehmensführung weltweit, die

grundsätzliche Offenheit für alle Unternehmen und Stakeholder,

die sich die Selbstverpflichtung auferlegen, und der ausgeprägte

Multi-Stakeholder-Charakter sind die Alleinstellungsmerkmale

und begründen Glaubwürdigkeit und Ansehen des DGCN.

Auf dieser Basis hat sich das DGCN in den letzten Jahren auch

organisatorisch weiterentwickelt. Mittelweile besteht das Netzwerk

aus Teilnehmerversammlung, Lenkungskreis, Geschäftsstelle

(„Focal Point“) und seit 2009 der Stiftung Deutsches Global

Compact Netzwerk. Mit der Gründung der Stiftung DGCN haben

die deutschen Unternehmen im Global Compact die Voraussetzung

geschaffen, die Aktivitäten zur Umsetzung und Förderung

der 10 Prinzipien und übergeordneter Ziele der Vereinten

Nationen in Deutschland und weltweit mit Spendengeldern

zu unterstützen.

UN Global Compact und DGCN

Als Netzwerk der deutschen Unterzeichner des UN Global

Compact schließt das DGCN jährlich ein Memorandum of

Understanding mit dem Global Compact Office (GCO) in New

York. In diesem sind Anforderungen des GCO an Struktur,

In 2004 begannen die Netzwerktreffen am Reichpietschufer.

Teilnehmer des ersten Treffens waren u.a. Georg Kell, Peter Eigen,

Claudia Roth sowie die damaligen Bundesminister Walter Riester

und Heidemarie Wieczorek-Zeul.

Prozesse und Aktivitäten eines lokalen Netzwerks definiert.

Es bildet die Grundlage für die Beziehung zwischen DGCN

und GCO, die insbesondere durch die Vereinbarung zwischen

DGCN und der Foundation for the Global Compact über eine

abgestimmte Kommunikation und Spendenpolitik eine neue

Qualität erreicht hat. Dieser kooperative Ansatz wird in 2015

fortgeführt. Der Lenkungskreis des DGCN legt daher allen

deutschen Unternehmen im Global Compact nahe, mit >>

2003

Einführung des

10. Prinzips zur

Korruptionsvermeidung

2004

Gründung des Deutschen

Global Compact Netzwerkes

(DGCN)

Erstes Jahrbuch

Global Compact Deutschland

erscheint.

2005

Einführung der

CoP-Berichtserstattungspflicht

globalcompact Deutschland 2014

109


Agenda

für die Erreichung vorgesehen sind, anhand welcher Indikatoren

die Zielerreichung gemessen und wer auf welche Weise

in die Umsetzung einbezogen werden soll, kann der mögliche

Beitrag von Unternehmen zur Erreichung der Ziele konkretisiert

werden. Erst dann wird auch das DGCN die Thematik wieder

breiter aufgreifen. Der UN Global Compact liefert hier bereits

vorab in Form seiner Business Engagement Architecture sowie

den erwähnten Executive Briefs erste Anhaltspunkte.

Gemeinsames Fachgespräch von DGCN und Deutschem Global

Compact Jahrbuch in 2011 zum Thema Konfliktmineralien.

Der UN Global Compact hat mittlerweile eine ganze Reihe thematischer

Arbeitsgruppen und Plattformen ins Leben gerufen.

Hier engagiert sich das DGCN über die Geschäftsstelle weiterhin

in den Arbeitsgruppen zu Menschenrechten & Arbeitsnormen,

zum 10. Prinzip und bei „Business 4 Peace“. Unterzeichner aus

Deutschland sind darüber hinaus aktiv bei Caring for Climate,

dem CEO Water Mandate, in der Advisory Group on Supply

Chain Sustainability, im Rahmen der Women Empowerment

Principles sowie bei Global Compact LEAD.

DGCN im internationalen Umfeld

einer Spende an die Stiftung DGCN zugleich den UN Global

Compact und das deutsche Netzwerk zu fördern.

Die Diskussionen um die sogenannte Post-2015 Agenda und

die Rolle von Unternehmen bei der Formulierung und späteren

Umsetzung globaler Entwicklungs- und Nachhaltigkeitsziele,

die in 2013 breiten Raum in der Arbeit des UN Global Compact

und auch des DGCN eingenommen haben, mündeten in der

Formulierung von Empfehlungen, die das GCO Anfang 2014 in

den „Executive Briefs“ zusammengefasst hat. Diese sollen neben

einer ganzen Reihe weiterer Inputs in den nun laufenden politischen

Verhandlungsprozess einfließen, der im September 2015

voraussichtlich in einen Beschluss der UN Generalversammlung

über die künftigen Sustainable Development Goals (SDG) mündet.

Erst wenn feststeht, wie die SDGs aussehen, welche Zeiträume

Als Teil der Global Compact Familie mit Netzwerken in fast

100 Ländern will das DGCN die Umsetzung der 10 Prinzipien

und den Beitrag von Unternehmen zu einer nachhaltigen

Entwicklung in Deutschland und weltweit fördern. Gut eingespielt

ist in diesem Kontext die Zusammenarbeit mit den

Netzwerken in Österreich und der Schweiz, mit denen u. a.

die deutschsprachigen Publikationen abgestimmt werden

und gemeinsam zu Veranstaltungen – etwa den Coachings

– eingeladen wird. Auf europäischer Ebene kooperiert das

DGCN ferner mit Spanien (CoP-Berichterstattung) und UK

(Menschenrechtscoaching, Webinare zur Korruptionsprävention).

Darüber hinaus wurde die 2013 begonnene Zusammenarbeit

mit Lateinamerikanischen Netzwerken im Bereich der

Korruptionsprävention vertieft und durch die Einbeziehung

einiger deutscher Auslandshandelskammern auf eine breitere

Basis gestellt. Kern dieser Kooperationen ist die auf den jewei-

2006

Gründung der

UNGC Foundation

2007

Der UNGC Leaders Summit in Genf

unter Vorsitz des neuen UN Generalsekretärs

Ban ki-Moon bringt Anstöße

zu den Initiativen C4C, PRI und PRME.

2008

Das Deutsche Global Compact

Netzwerk etabliert eigene

Internet-Plattform unter

www.globalcompact.de.

110 globalcompact Deutschland 2014


10 Jahre

ligen Länderkontext angepasste Nutzung von in Deutschland

entwickelten und im DGCN umgesetzten Lern- und Dialogformaten,

wobei das Interesse aus dem Ausland in 2014 weit

über die Möglichkeiten des deutschen Netzwerks hinausging.

Vor dem Hintergrund dieser Aktivitäten wurde das DGCN

vom Global Compact Office in den vergangenen Jahren drei

Mal in Folge mit einem Local Network Award ausgezeichnet.

In eine ähnliche Richtung wie die Kooperationen mit anderen

Global Compact Netzwerken zielt die Zusammenarbeit

mit dem Business and Human Rights Ressource Center

(business-humanrights.org). So wurde dort u. a. mit Unterstützung

des BMZ das in der Menschenrechtslerngruppe des

DGCN entwickelte OCAI (Organizational Capacity Assessment

Instrument) in die wichtigsten Sprachen übersetzt und weltweit

zugänglich gemacht.

Auch mit dem Pendant im Bereich Korruptionsprävention, dem

Business Anti-Corruption Portal (business-anti-corruption.de),

besteht eine Kooperation. Die dort mit Förderung des BMZ

eingerichtete deutschsprachige Seite wird seit Ende 2014 um

das DGCN-Onlinetraining „Korruptionsprävention“ ergänzt.

Damit wird erreicht, dass das aktuelle, schlanke Trainingsformat

des DGCN allgemein zugänglich gemacht und in den

breiten Kontext der internationalen Anti-Korruptionsdebatte

eingebettet wird.

Wissen und Kapazitäten des neuen Vorhabens nutzen können.

Aus dem Management der AfIn wird sich das Netzwerk aber

zurückziehen.

DGCN in Deutschland

Die Aktivitäten des DGCN im Rahmen des UN Global Compact

und die Kooperationen mit anderen internationalen Akteuren

bilden nur einen kleinen Teil der täglichen Netzwerkarbeit. Hier

stehen die Organisation von Lern- und Dialogveranstaltungen,

die Entwicklung von Tools und Informationsmaterialien und

die Umsetzung von Trainingsmaßnahmen für und mit den

mittlerweile über 350 Unterzeichnern in Deutschland klar

im Vordergrund.

>>

Netzwerktreffen heute: Arbeitsgruppen und Plenum bieten Raum für

Vernetzung und Diskussion.

Neben den Kooperationsprojekten hat sich das DGCN bereits

2013 mit der Allianz für Integrität (AfIn, allianceforintegrity.org)

in den Bereich Collective Action vorgewagt. In 2014 hat sich

die Initiative mit Unterstützung des BMZ mit ihren Trainingsund

Dialogveranstaltungen sowie umfassenden Informationen

zu konkreten Integritätsaspekten zunächst in Indien

so erfolgreich entwickelt, dass sie Anfang 2015 in ein eigenständiges,

BMZ-gefördertes Vorhaben mit Multi-Stakeholder

Steuerungsstruktur überführt werden kann. Als Mitinitiator

wird das DGCN weiterhin eng mit der AfIn kooperieren und

Annual Local

Network Forum

tagt in Bonn.

Erstmals werden Unternehmen,

die keinen CoP einreichen,

vom Global Compact

ausgeschlossen.

2009

Das Global Compact

International Yearbook

erscheint.

Gründung der Stiftung

Deutsches Global

Compact Netzwerk

globalcompact Deutschland 2014

111


Agenda

Inhaltlich liegen die Schwerpunkte weiterhin auf der Umsetzung

der UN Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte

in und durch Unternehmen, der Korruptionsprävention sowie

der Nachhaltigkeitsberichterstattung. In diesem Kontext hat

das DGCN mit verschiedenen Partnern drei Praxis-Handbücher

für Unternehmen veröffentlicht. Diese sowie weitere aktuelle

Publikationen stehen auf der Webseite des DGCN frei zur

Verfügung:

• Verbindungen schaffen – Nutzung der GRI G4 Leitlinien zur

Berichterstattung über die Global Compact Prinzipien (Übersetzung

der englischen Originalfassung von GRI und UNGC)

• Ergebnisse der Untersuchung „Menschenrechtliche Sorgfaltspflicht“

von DGCN und econsense

• Untersuchungsergebnisse und Empfehlungen „Fortschrittsberichterstattung

kleiner und mittlerer Unternehmen im

DGCN 2014“ von DGCN und sneep e.V.

• Untersuchungsergebnisse „Integrating the UN Guiding

Principles – Assessing Organizational Capacity“ von DGCN

und twentyfifty Ltd.

• Outputpaper der Reporting 3.0 Transition Labs von DGCN,

GIZ und BSD Germany

Ausblick 2015

Das zehnjährige Bestehen des DGCN wird zwar in diesem

Jahrbuch, wurde aber nicht auf den Veranstaltungen des

Netzwerks in 2014 aufgegriffen. Der Grund ist das bevorstehende

15-jährige Jubiläum des UN Global Compact, das

das DGCN im Herbst 2015 im Rahmen des dann in Berlin

stattfindenden European Local Networks Forum entsprechend

würdigen wird. Hier plant das DGCN eine größere

Netzwerkkonferenz mit europäischer Ausrichtung, die u. a.

die dann vorliegenden Ergebnisse der Verhandlungen um

die Sustainable Development Goals beleuchten und einen

Ausblick auf die Ende 2015 in Paris stattfindende Klimakonferenz

geben soll.

In diesem Kontext wird das Netzwerk seine Ansprache potenzieller

Unterzeichner des Global Compact insbesondere in

der Gruppe stark international orientierter mittelständischer

Unternehmen intensivieren. Diese sollen eingeladen und Teil

des Netzwerks werden und damit signalisieren, dass auch sie

für die 10 weltweit anerkannten UN-Prinzipien stehen, die

heute und in Zukunft die Grundlage für moralisch anständiges

unternehmerisches Handeln bilden.

Thematisch wird das DGCN die laufenden Arbeitsprogramme

„Wirtschaft und Menschenrechte“ sowie „Korruptionsprävention“

weiterentwickeln. Zusätzlich greift das Netzwerk das Thema

„Management von Treibhausgasemissionen“ auf und setzt dieses

mit Kooperationspartnern um. Ein besonderer Schwerpunkt

wird bei der Themenbearbeitung generell auf das Management

der entsprechenden Auswirkungen in der Lieferkette gelegt.

Im Bereich Reporting / CoP geht Anfang 2015 ein neues cloudbasiertes

Tool inklusive eines Lernprogrammes online und

wird das bisherige CoP-Tool des DGCN ersetzen. Der angepasste

CR-Kompass richtet sich vornehmlich an kleine und mittelständische

Unternehmen und kann die Anforderungen der

wichtigsten Reportingleitsätze (Global Compact CoP, GRI G4

Core, DNK) erfüllen.

Über den Autor

Dr. Jürgen Janssen,

Geschäftsstelle Deutsches Global

Compact Netzwerk

2010

10. Jahrestag des UNGC

und bis dahin größter

Leaders Summit in

New York

2011

John Ruggie veröffentlicht „Guiding Principles

on Business and Human Rights: Implementing

the United Nations ‚Protect, Respect and Remedy‘

Framework“.

Global Compact LEAD

wird gegründet.

Global Compact

LEAD

112 globalcompact Deutschland 2014


10 Jahre

Erfolgreiche Arbeitsformate

DGCN-Arbeitstreffen

Regelmäßig kommen im GIZ Haus Berlin Unternehmensvertreter

sowie Repräsentanten staatlicher und nicht-staatlicher

Organisationen zum Thema Unternehmensverantwortung

zusammen. Diese Arbeitstreffen finden in der Regel zwei Mal

im Jahr statt und werden als aktionsorientierte Lern- und

Dialogplattform verstanden und genutzt.

Es werden konkrete Erfahrungen und Instrumente zur Umsetzung

der zehn Global Compact Prinzipien sowie verwandte

Fragestellungen vorgestellt und diskutiert.

Coachings

Neben den Arbeitstreffen bietet das DGCN seit einiger Zeit

auch Unternehmens-Coachings an. Hier haben die Teilnehmer

die Möglichkeit, in einer Gruppe von maximal 15 Teilnehmern,

ein Thema gezielt zu bearbeiten.

Gemeinsam mit anerkannten Experten in den jeweiligen Bereichen

haben die Teilnehmer so Gelegenheit, sich zu informieren,

den Bezug zur eigenen Unternehmenspraxis herzustellen sowie

Instrumente und Strategien gezielt anzuwenden.

Webinare

Sowohl das Global Compact Office als auch das Deutsche

Global Compact Netzwerk (DGCN) bieten regelmäßig Webinare

an. Die Teilnehmer haben so die Möglichkeit, über das Internet

an meist einstündigen Seminaren zu bestimmten Themen

teilzunehmen. Informationen werden kompakt vermittelt und

die Teilnehmer können sich mit den Referenten und anderen

Teilnehmern aktiv virtuell austauschen. Das DGCN bietet

regelmäßig Webinare in deutscher Sprache zu den zentralen

Themen des Netzwerks an:

• Nachhaltigkeitsberichterstattung

• Wirtschaft und Menschenrechte

• Korruptionsbekämpfung und Compliance

Jahrbücher

Das JahrbuchGlobal Compact Deutschland“ erscheint seit

2004 in Kooperation mit dem Deutschen Global Compact

Netzwerk. Darin werden anschauliche Beispiele von Unternehmen

präsentiert, die die zehn Prinzipien des Global

Compact erfolgreich in ihre Praxis integriert haben. Daneben

bietet das Jahrbuch einen umfangreichen Mantelteil, der

aktuelle, lokale sowie globale Entwicklungen und Ereignisse

behandelt. Beiträge und Interviews von führenden Experten

der Nachhaltigkeitsbranche bereichern zudem Qualität und

Informationsgehalt der Bücher. Herausgeber ist die macondo

publishing GmbH.

2012

Rio+20 Konferenz in

Rio de Janeiro endet ohne

klares Bekenntnis zu nachhaltigen

Strukturreformen.

2013

Leaders Summit

„Architects of a

better World“

in New York

2014

EU-Kommission empfiehlt

UNGC Fortschrittsbericht (CoP) als einen

möglichen Reportingstandard für die geplante

EU-weite CSR-Berichterstattungspflicht.

globalcompact Deutschland 2014

113


Agenda

Der UN Global Compact

Teilnehmer

Politik

Forschung

Verbände

2 Sitze

DGCN

Geschäftsstelle

„Focal Point“

2 Sitze

NGOs

DGCN

Lenkungskreis

DGCN

Stiftung

4 Sitze

Unternehmen

114

globalcompact Deutschland 2014


10 JaHre

Working Groups,

Initiativen, Tools,

Publikationen u.v.m.

Annual Local Network

Forum (ALNF)

Global Compact

Advisory Board

Executive

Director

Global Compact Office

New York

Foundation

for the Global

Compact

CEO Leaders

Summit

(alle 3 Jahre)

Global Compact

LEAD

Legende:

unterstützt nimmt teil berät

Quelle: macondo publishing GmbH

globalcompact Deutschland 2014

115


Agenda

An den

Kernproblemen

arbeiten

Angelika Pohlenz war Generalsekretär der Internationalen Handelskammer (ICC) Deutschland.

Heute leitet sie den Beirat der Stiftung Deutsches Global Compact Netzwerk. Bis zur Gründung

des DGCN koordinierte Pohlenz den informellen Zusammenschluss der „German Friends of the

Global Compact“.

Der Global Compact startete hierzulande im Jahr 2000 unter dem

Namen „German Friends of the Global Compact“. Das waren ja am

Anfang nur eine Handvoll Unternehmen. Vieles war dadurch auch

intimer und direkter. Rückblickend betrachtet: Welche Freiheiten

hatten die German Friends, die das Deutsche Global Compact Netzwerk

(DGCN) heute vielleicht nicht mehr so hat, und was kann das

Netzwerk heute besser

Angelika Pohlenz: Was wir eine Weile gemacht haben, bis die

Teilnehmerzahl dann einfach zu groß wurde, waren Meetings

der teilnehmenden Unternehmen, in denen man sich über

seine Erfahrungen und Probleme austauschen konnte. Da

wurde dann auch wirklich „Tacheles“ gesprochen. Da gab es

z. B. keine Fragen, wie wir uns finanzieren, sondern das war

relativ einfach: Jeder finanzierte sich selbst. Es gab aber auch

keine Meetings mit NGOs. Das haben wir zwar versucht, aber

das war in der Anfangsphase schon ein bisschen schwierig.

Inwieweit hat sich die Diskussionskultur aus Ihrer Sicht über die

Zeit verändert

Pohlenz: Zu der damaligen Zeit war das Verhältnis zwischen

NGOs und Unternehmen sehr viel problematischer als heute.

Die Unternehmen wurden von Vertretern der Zivilgesellschaft

regelmäßig „geprügelt“, selbst wenn sie bereit waren zu erklären,

zuzuhören und zu lernen. Da gab es beispielsweise

Gespräche, bei denen ausdrücklich Vertraulichkeit abgemacht

war, die trotzdem am nächsten Tag in der Zeitung nachzulesen

waren. Deshalb war das Misstrauen sehr groß und zum

Teil auch berechtigt. Das hat sich heute, glaube ich, doch

geändert. Es gibt natürlich immer noch Akteure, die können

das nicht lassen, aber die meisten pflegen eine gute Dialogkultur.

Ich denke, dass das Global Compact Netzwerk auch

dazu beigetragen hat.

Wie erleben Sie die Rolle der deutschen Unternehmen bei der Unterstützung

der UN-Ziele wie etwa den Millenniumgoals

Pohlenz: Ich bin jetzt mal ganz eingebildet und sage: So gut,

wie wir sie hier in Deutschland unterstützen, sollten sich

andere eine Scheibe davon abschneiden. Der Global Compact

ist ursprünglich entstanden, um Kofi Annan dabei zu helfen,

die Millenniumsziele zu erreichen, und das schafft man nicht

ohne Hilfe der Wirtschaft.

Politik kann wahnsinnig viel Entwicklungshilfe finanzieren,

aber das hilft auf Dauer keinem Land weiter. Man muss

schauen, dass die Wirtschaft wächst und die Leute in Lohn

und Arbeit kommen. Wenn das langfristig nicht klappt, dann

bekommt kein Land die Bekämpfung der Armut wirklich in

den Griff. Nur funktioniert das leider in etlichen Ländern

sehr, sehr schlecht. Das war natürlich der Wunsch, dass die

Wirtschaft in genau diesen Ländern mit dazu beiträgt, a) gute

Regierungsführung einzufordern und b) sich zumindest als

Unternehmen selbst anständig zu benehmen. Ich finde, hier

sind deutsche Unternehmen in vielen Bereichen Vorbild.

Wie kann man CSR-Standards weltweit voranbringen

Pohlenz: Das ist ein sehr langsamer Prozess. Aber gerade

große Unternehmen, die ja global fast überall vertreten sind,

können hier Zeichen setzen, indem sie etwa sagen: „Freunde,

wir machen das in Deutschland so und so.“ Wir setzen sogar

in der Regel bereits deutsche Standards ein, was dann in

vielen Fällen in anderen Ländern Unverständnis hervorruft.

Typisch deutsch ist, dass wir unsere Ordnungswut bei vielen

Sachen einfach übertreiben. Aber es ist andererseits gut, in

bestimmten Ländern westliche Mindeststandards einzubringen

und auch darauf zu bestehen.

116

globalcompact Deutschland 2014


10 Jahre

TESTIMONIALS

Welche Impulse kann und soll dabei die Global Compact Zentrale in

New York geben

Pohlenz: Ich würde mir wünschen, dass das Global Compact

Office in New York ein bisschen mehr Konsistenz zeigt, also

nicht jedes Jahr drei neue Themen auf bringt. Das kann kein

Mitgliedsunternehmen bewältigen. Man sollte sich auf die

wesentlichen Themen zu den zehn Prinzipien konzentrieren

und dazu Coachings, Schulungen, Tools und andere Instrumente

anbieten. Unternehmen, die sich am Global Compact

beteiligen, wissen nach einer gewissen Einarbeitungszeit,

was zu tun und vor allem, was zu lassen ist. Und das muss

man immer wieder einüben. Alles andere überfordert die

Unternehmen bei der Durchführung dessen, was sie eigentlich

machen müssen: Sie sollen nämlich die zehn Prinzipien in

ihre Unternehmen aufnehmen und umsetzen. Das ist sowieso

schon ein schwieriger und sehr umfangreicher Prozess. Da

muss ich nicht noch nebenher weitere Themen bearbeiten.

Das zu verstehen, ist für das Office in New York schwierig, weil

es natürlich immer von allen Seiten Anregungen bekommt,

um was es sich nicht alles kümmern soll.

Heute kümmern Sie sich um die Stiftungsarbeit. Warum war die

Gründung der Deutschen Global Compact Stiftung wichtig

Pohlenz: Es gab damals die klare Aufforderung der Ministerien,

dass sich die Wirtschaft an den Kosten beteiligen soll, und

zwar mit einer wesentlich größeren Regelmäßigkeit, als das

bis dahin der Fall war. Vorher hatte der Focal Point immer nur

einzelne Unternehmen angesprochen, ob sie ein Sponsoring

für dieses oder jenes machen können. Das war dann aus Sicht

der Regierung nicht ausreichend, was ich auch nachvollziehen

kann. Auf der anderen Seite wollte man aus der Wirtschaft

heraus nicht einfach eine Regierungsstelle fördern. Daraufhin

hat man sich geeinigt, dass die Personalkosten – also der

Focal Point – weiter von der Regierung finanziert wird. An

den Sachkosten wiederum beteiligt sich die Wirtschaft. Das

erfolgt über den Weg einer Stiftung, die dank einer Spende

des TÜV Rheinland gegründet wurde.

Damals wurde ich gefragt, ob ich den Vorsitz übernehmen

wolle, mit dem Stifter als einem Beiratsmitglied und dem

Focal Point als zweitem Beiratsmitglied. Derzeit besteht der

Stiftungsbeirat daher aus Carsten Schmidt-Hoffmann für

die GIZ, mir und nach wie vor einem Vertreter bzw. jetzt

einer Vertreterin vom TÜV Rheinland, nämlich Katharina

Riese, weil es schon wünschenswert ist, dass der Initiator und

Gründungsstifter dort mit vertreten ist. Das funktioniert recht

ordentlich, muss ich sagen.

Was hat sich die Stiftung für 2015 vorgenommen

Pohlenz: Was uns in 2015 finanziell vor der Brust liegt, ist das

15-jährige Jubiläum des Global Compact. Hier möchten wir

gerne die Netzwerkkonferenz und auch die Jubiläumsfeier als

solche in Deutschland ausrichten. Dafür wird die Stiftung kräftig

in die Tasche greifen, um das auch umsetzen zu können.

Dieses und die folgenden Interviews führte Dr. Elmer Lenzen.

globalcompact Deutschland 2014

117


Agenda

Neutralität als Prinzip

Jörg Hartmann war der erste Leiter des Deutschen Global Compact Netzwerks. Unter seiner

Regie entstanden Formate, die bis heute mit dem Compact assoziiert werden und für die man

die Initiative schätzt.

Die Unternehmerinitiative „German Friends of the Global Compact

hat sich vor zehn Jahren in das Deutsche Global Compact Netzwerk

(DGCN) transformiert. Wie kam es dazu Was waren die damit

verbundenen Erwartungen

Jörg Hartmann: Es gab mehrere Faktoren. Ausschlaggebend

war, dass die beteiligten Unternehmen nach einigen Jahren

der informellen Zusammenarbeit erkannten, dass sich das

Potenzial des Compacts mit einer festen nationalen Struktur

besser nutzen ließ. Außerdem gab es ein attraktives Angebot der

Bundesregierung, die über das Entwicklungshilfeministerium

(BMZ) eine Koordination des Netzwerks durch die damalige

GTZ sicherstellte und durch das Auswärtige Amt die Arbeit bei

den Vereinten Nationen unterstützte. Auch Georg Kell, der mit

ungeheurer Energie die Initiative global vorantrieb, drängte

auf eine Formalisierung der Zusammenarbeit auf Länderebene.

Die war nötig, weil sich das New Yorker Sekretariat schon bald

nicht mehr um alle Mitglieder individuell kümmern konnte

und sich gleichzeitig dem Vorwurf ausgesetzt sah, der Global

Compact sei ein formloser und unverbindlicher Papiertiger,

der Unternehmen zwar die Möglichkeit zur Selbstdarstellung

böte, aber kein echtes Engagement einfordere.

Als erster Focal Point hatten Sie keine Fußstapfen, in die Sie hineintreten

konnten. Wie haben Sie daher die Rolle definiert und interpretiert

Hartmann: Mein Ziel war, den Global Compact als „neutralen

Boden“ zwischen Wirtschaft, Staat und Zivilgesellschaft zu

etablieren – als ein Forum, das allen offen steht, das aber

von keinem Lager dominiert wird. Ich glaube, wir wären

nicht weit gekommen, wenn wir das Netzwerk als eine Art

Wirtschaftsverband, als Regierungsveranstaltung oder als Entwicklungsinitiative

gestaltet hätten. Davon gab es schon genug.

Wir haben versucht, zwischen den Akteuren zu übersetzen,

die gemeinsamen Interessen und Fragen zu betonen und allen

zu vermitteln: „Ohne euch geht hier nichts – aber ohne die

anderen auch nicht“. Wir wollten deutlich machen, dass es

für Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Staat interessanter war,

den Compact in einer annähernd neutralen Mitte zu stärken,

als ihn ins eigene Lager hinüberzuziehen.

Was macht denn ein „gutes Mitglied“ im Global Compact aus

Hartmann: Ein „gutes Mitglied“ sorgt sich nicht nur tätig um

den eigenen Erfolg, sondern auch um seinen Beitrag zu den

Rahmenbedingungen, die diesen Erfolg langfristig und global

ermöglichen – mit viel unternehmerischem Optimismus und

einer guten Portion Selbstkritik.

Inwieweit hat sich der „deutsche Weg“ von den Netzwerken in anderen

Ländern unterschieden

Hartmann: Keines der Netzwerke in den Ländern gleicht

dem anderen. In Deutschland hatten wir Glück, dass die

Bundesregierung den Compact sehr geduldig, kontinuierlich

und klug begleitet hat. Mit den Entwicklungspartnerschaften

der Bundesregierung, die seit einigen Jahren im Programm

„develoPPP.de“ zusammengefasst sind, hatten wir ein erstklassiges

Instrument, um Ansätze im Sinne des Global Compact

in konkrete Projekte umzusetzen. Und mit den Arbeitstreffen

des Netzwerks gab es ein Format, um Ergebnisse aus solchen

Projekten vorzustellen und gemeinsam zu reflektieren.

Außerdem haben wir von Anfang an weniger Wert auf die

Präsenz von Ministern, Vorstandsvorsitzenden und CEOs gelegt,

sondern versucht, den Praktikern auf der mittleren Ebene in

den Unternehmen, Initiativen und Ministerien einen Mehrwert

für ihren täglichen Job zu bieten. Uns ging es von Anfang an

um fachlich substantielle Arbeit an den richtigen Themen und

nicht um repräsentative Feierstunden mit großem Aufgebot.

Die Arbeitstreffen sind damals wie heute ein zentrales Format des

Netzwerkes. Wie wurden damals Inhalte entwickelt, diskutiert und

letztendlich auch implementiert

Hartmann: Voneinander Lernen stand im Vordergrund. Wir

hatten einen großen Wissens- und Erfahrungsfundus aus

118

globalcompact Deutschland 2014


10 Jahre

TESTIMONIALS

Auswirkungen der Geschäftstätigkeit unserer Unternehmen

auf die Nachhaltige Entwicklung von Entwicklungs- und

Schwellenländern. Und dazu ist das Deutsche Global Compact

Netzwerk nach wie vor die erste Adresse im Land.

Inwieweit beeinflusst die Entwicklung hin zu mehr Verpflichtung den

Charakter von CSR

den erwähnten Entwicklungspartnerschaften und haben viel

mit Unternehmen und zivilgesellschaftlichen Stakeholdern

gesprochen, um an den aktuellen Themen dranzubleiben.

Außerdem hat das Entwicklungshilfeministerium BMZ ein

aktives Wissensmanagement zu den Themen des Global

Compact finanziert. Und wir hatten Glück, dass Menschen

wie Paula Hildebrandt, Constanze Helmchen und Ann-Ulrike

Henning bei der GTZ; Aiko Bode, Lothar Meinzer, Wolfram

Heger und Angelika Pohlenz bei den Unternehmen; Mathias

John und Kristina Steenbrock bei den NGOs und Otto Lampe,

Nico von der Goltz und Fritz Jung aufseiten der Bundesregierung

mitgeplant und mitgedacht haben – Leute, die über den

eigenen Tellerrand hinausgedacht und nicht nur die Sprache

ihres engeren Umfeldes gesprochen haben.

Sie beobachten den Global Compact seit einigen Jahren mit mehr

Abstand. Wie erleben Sie seine Rolle, aber auch die Debatte um CSR

in Deutschland

Hartmann: Das Thema Nachhaltigkeit ist nun zum Glück

schon seit einigen Jahren „mainstream“ in den Unternehmen

– das war in der Anfangszeit der CSR-Debatte nicht so. Die

Zahl der echten und sogenannten Expertinnen und Experten

ist explodiert, es gibt enorme Fortschritte zu einzelnen Sachfragen.

Der Global Compact in Deutschland hat sich dabei

früh auf einen konkreten Themenbereich konzentriert: Die

Hartmann: Ich finde, da muss man nach wie vor genau hinschauen

und unterscheiden. Ich teile zwar einerseits eine gewisse

Skepsis gegenüber der weiter zunehmenden Regulierungsdichte

zu „klassischen“ CSR-Themen in OECD-Staaten. Aber andererseits

gilt heute noch dasselbe wie vor zehn Jahren: Wenn Unternehmen

aus OECD-Ländern in Schwellen- und Entwicklungsländern auf

ähnlich moderne und konsequent implementierte Gesetze wie in

ihren Heimatländern träfen, dann hätten sie einige der großen

Probleme weniger, an denen sie sich jetzt mühsam unter dem

Stichwort CSR abarbeiten müssen. Das bei uns übliche Unternehmenslamento

über echte oder vermeintliche Überregulierung

ist in vielen afrikanischen Staaten nicht zu hören.

Der UNGC wird in 2015 einen neuen Executive Director erhalten.

Wohin soll er oder sie die Organisation hinsteuern

Hartmann: Der oder die Neue muss eine eigene Agenda

entwickeln, kann aber viel von Georg Kell lernen. Das unermüdliche

Auf bauen von und Werben um Vertrauen etwa.

Oder den Einsatz gegen das immer noch latent drohende Blueund

Greenwashing mancher Unternehmen und die Versuche

mancher UN-Organisationen, die GC-Firmen als zusätzliche

Finanzierungsquellen ihrer Projekte einzuspannen. Vor allem

werden Nachfolger oder Nachfolgerin gut daran tun, den

ursprünglichen Grundgedanken hochzuhalten: Neben den

souveränen Staaten und der Zivilgesellschaft müssen auch

die international tätigen Unternehmen irgendwie an dem

Tisch Platz finden, an dem die Nachhaltige Entwicklung

dieses Planeten gestaltet werden soll. Nicht, weil sie etwa in

besonderem Maße dazu legitimiert wären – sondern schlicht,

weil es ohne sie nicht gehen wird.

globalcompact Deutschland 2014

119


Agenda

Peters Prinzip

Prof. Dr. Peter Eigen war Gründer und lange Jahre Vorsitzender von Transparency International,

der weltweit führenden Nichtregierungsorganisation zum Thema Korruptionsvermeidung. 2004

war Peter Eigen maßgeblich an der Einführung des 10. Prinzips des UN Global Compact beteiligt.

Sie waren Anfang Dezember 2014 in New York, um dort an den Feiern

zum 10. Geburtstag des Antikorruptionsprinzips teilzunehmen. Das

ist hier mal eine gute Gelegenheit, ein Zwischenfazit zu ziehen. Wie

zufrieden sind Sie denn mit dem Global Compact

Prof. Dr. Peter Eigen: Ich habe diese Idee von Anfang sehr

unterstützt und geglaubt, dass der Global Compact eine enorme

Kraft entwickeln kann. Eine Kraft auch in Bereichen, in

denen verbindliche Regeln, insbesondere von Staaten ausgehende

Konventionen, nicht so ohne Weiteres erreichbar sind.

Diese normative Kraft des Faktischen, die dort entsteht, habe

ich begrüßt. Nach meinem Rücktritt als Vorsitzender von

Transparency International habe ich dann allerdings etwas

den Kontakt verloren, weshalb ich das Ganze seitdem eher

aus der Entfernung beobachte. In Deutschland habe ich das

weiter verfolgt, und da hat es mir eigentlich jedes Mal sehr gut

gefallen, dass die Leute sehr ernsthaft ihre Ideen einbringen

und ich das Gefühl habe, dass das sehr gut läuft.

Ich erinnere mich an die Debatte 2003 zur Einführung des 10. Prinzips

zur Korruptionsvermeidung. Die wurde ja zum Teil recht hitzig geführt,

gerade vor dem Hintergrund, dass manche Sorge hatten, da kommt

noch ein elftes und zwölftes Prinzip dazu. Wie haben Sie das erlebt

Eigen: Am Anfang war das in der Tat so, dass verschiedene

Beteiligte, insbesondere auch John Ruggie und Georg Kell,

zunächst wenig über Korruption gesagt haben. Zunächst

ging es „nur“ um Menschenrechte, um Arbeitsbedingungen

und Umwelt. Die Begründung dafür war, dass es eben

keine entsprechende UN-Konventionen gab und deswegen

keine wirklich legitime Grundlage, die Korruptionsfragen

anzupacken. Das hat mich jedes Mal geärgert, und ich war

so ein bisschen wie Cato der Ältere früher im Senat in Rom,

der immer gesagt hat: „Ceterum censeo Carthaginem esse

delendam“. Und ich bin den Leuten immer so auf den Wecker

gefallen damit, dass Kofi Annan schließlich das zehnte

Prinzip beim Global Compact aufgenommen hat. Das hat er

zum Spaß das „Peter Principle“ genannt. Das war ja in der

Tat ziemlich komisch, weil das Peter Principle ja eine ganz

andere Bedeutung hat. Jedenfalls hat sich dieses Prinzip dann

sehr schnell durchgesetzt, und soweit ich das beobachten

konnte, haben sich viele Aktivitäten entwickelt: Im Büro in

New York, aber auch in den einzelnen Länderarbeitsgruppen.

Insofern bin ich ganz zufrieden.

Wenn Sie nach vorne schauen. Wie glauben Sie, wird sich der Global

Compact weiterentwickeln Gibt es bestimmte Trends oder Blickwinkel,

die stärker in den Vordergrund rücken werden

Eigen: Man sollte den Weg so weitergehen wie bisher. Man

sollte nicht versuchen, den Mitgliedern zu viel Verbindliches

aufzuerlegen. Aber man sollte andererseits ganz rigoros

darauf achten, dass die Regeln der Veröffentlichungen auch

eingehalten werden. Das heißt dann auch, Fälle von falschem

Verhalten deutlicher anzuprangern. Das wird die Menschen

auf der Straße interessieren: Wenn eine Firma sich zwar stolz

damit brüstet, dass sie beim Global Compact dabei ist, aber in

Wirklichkeit irgendwo in Peru die Arbeiter misshandelt oder

die Flüsse mit Quecksilber vergiftet oder ähnliche Sachen

macht, dann muss man das an die ganz große Glocke hängen.

Das Reputationsrisiko sollte aus meiner Sicht erhöht werden.

Hat der Global Compact für solche Anforderungen überhaupt die

passende Governance-Struktur

120

globalcompact Deutschland 2014


10 Jahre

TESTIMONIALS

Eignen sich so sperrige Themen wie Global Compact und Corporate

Social Responsibility, um am Ende des Tages wirklich auch in so

einen Dialog mit Verbrauchern reinzugehen, oder bleibt das eher

auf einer Fachebene

Eigen: Ich bin ja fest davon überzeugt, dass durch den Global

Compact eine bessere Welt entstehen kann, wenn auch seine

„Governance Struktur“ nicht direkt für Sanktionsentscheidungen

kunstruiert wurde. Ich erlebe in anderen Initiativen, die

ich seitdem betrieben habe, wie wichtig es ist, dass man eine

wirkliche, auch leidenschaftliche Beteiligung der verschiedenen

Stakeholder zustande bekommt. Und das scheint beim

Global Compact der Fall zu sein. Insbesondere die internationalen

Unternehmen kommen immer mehr unter Druck

und müssen immer mehr Risiken fürchten, dass sie wegen

des Fehlverhaltens ihrer Angestellten plötzlich Reputationsverluste

hinnehmen müssen. Deshalb ist die Einbindung

der Stakeholder, insbesondere der Regierungen, die das mit

unterstützen, der Gewerkschaften und der Zivilgesellschaft,

so wichtig.

Ich bin derzeit zum Beispiel dabei, eine Garment Industries

Transparency Initiative auf den Weg zu bringen. Wir wollen

versuchen, die verschiedenen Beteiligten – Fabrikeigentümer,

Einkäufer, Verbände, Gewerkschaften, Zivilgesellschaft,

die International Labour Organisation und die Regierungen

zusammenzubringen, damit sie gemeinsam Verträge und

messfähige Berichte schreiben, wie das so ähnlich auch bei

EITI der Fall ist. Wenn wir das erreichen, können wir in vielen

Ländern Südostasiens eine ganze Menge tun für tausende,

vielleicht hunderttausende von Arbeitern, die im Augenblick

da ein ziemlich miserables Leben führen.

Eigen: Das kommt natürlich ein bisschen darauf an, von

welchem Sektor man redet. Aber viele Dinge können Sie

schon kommunizieren, wenn auch nicht unbedingt durch

Reklame oder Werbung. Ich denke eher an Fälle, die aufgedeckt

werden, oder wenn Unternehmen aus dem Global

Compact ausgeschlossen werden. Um die aktive Beteiligung

aller Stakeholder am Leben zu halten, sollte der Global

Compact durchaus seine Öffentlichkeitsarbeit verstärken.

Ich finde, man hört ein bisschen wenig von dem Global

Compact. Also andere Organisationen wie Global Witness

oder Amnesty International oder Human Rights Watch sind

viel präsenter im internationalen Bewusstsein.

An was denken Sie konkret

Eigen: Mehr Öffentlichkeit könnte zum Beispiel so eine Art

Index sein, ähnlich wie der Corruption Perceptions Index von

Transparency International. Der Index könnte die Umsetzung

der 10 Prinzipien in eine Rangfolge unter den beteiligten

Unternehmen stellen. Wenn dann plötzlich Unternehmen

herausfinden, dass sie zwar Mitglied beim Global Compact

sind, aber sie in der Rangliste nur Nr. 175 und nicht Nr. 10

sind, dann hat das schon einen Effekt.

Solche Ideen sollte man sich vielleicht mehr einfallen lassen,

um der Initiative noch mehr „Traction“ zu geben, so wie die

Amerikaner sagen.

globalcompact Deutschland 2014

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Agenda

Resonanzboden

für Stakeholder

Prof. Dr. Josef Wieland ist Vorsitzender des Deutschen Netzwerks Wirtschaftsethik (DNWE)

und Mitglieds des nationalen CSR-Forums. Wie kaum ein anderer hierzulande kennt und analysiert

er die Entwicklung des CSR-Themas. Am Global Compact schätzt Wieland, dass es zu den

wenigen globalen Institutionen zählt, die notwendige Diskussions-Impulse geben können.

Die Idee von CSR hat sich von den ersten Modellen – sei es von

John Elkington oder Archie Carroll – bis heute zu einem komplexen

Management-Ansatz entwickelt. Wohin geht in Zukunft die Reise

Wo sehen Sie künftige thematische Schwerpunkte

Prof. Dr. Josef Wieland: Wir werden eine Differenzierung der

Wahrnehmung gesellschaftlicher Verantwortung sehen. Da

sind zunächst die Themen, die aktuell auf die Tagesordnung

gelangen, wie etwa das Engagement in bestimmten Fragen

auf kommunaler Ebene. Dann ist da der Bereich gesellschaftlicher

Herausforderungen, die einen direkten Einfluss auf das

Kerngeschäft haben. Ein Beispiel ist hier der demografische

Wandel und der Fachkräftemangel im Mittelstand. Schließlich

gibt es das Thema des Innovationsmanagements. Dazu

zählen etwa Fragen der Gestaltung der Wertschöpfungskette,

der Realisierung der Energiewende auf Unternehmensebene,

zum CO 2

-Fußabdruck, Urbanität als Wachstumsmotor und

so weiter. Hier sind die Unternehmen gefordert, negative

externe Effekte direkt in ihre standarisierten Kernprozesse zu

internalisieren und in Produkt- und Verfahrensinnovationen

umzusetzen. Daraus entsteht ein völlig neuartiger Typus von

Innovationsmanagement mit dem Ziel, Prozesse und Produkte

zu entwickeln, die der gesellschaftlichen Verantwortung des

Unternehmens gerecht werden.

Ist das nicht zum Teil nur alter Wein in neuen Schläuchen Innovativ

waren Unternehmen früher auch.

Wieland: Ja, der Unterschied ist der, dass die Unternehmen bei

der Definition des Problems und seiner Lösung nicht alleine

agieren und entscheiden. Vielmehr verläuft die Diskussion

dessen, was die Lösung beziehungsweise was das Problem

überhaupt ist, heute in Multi-Stakeholder Dialogen. Der zentrale

Unterschied heute ist, dass Innovationen in dem hier

angesprochenen Sektor nur noch im Dialog mit der Gesellschaft

entwickelt werden können, weil die Unternehmen weder

alleine das Wissen noch die Legitimität haben, dies zu tun.

Das Nachhaltigkeitsthema ist naturgemäß kompliziert, das merken

wir schon an den Stichworten, die Sie erwähnt haben. Aber haben wir

vielleicht auch die Anwendung zu kompliziert werden lassen, sodass

wir deshalb viele Unternehmen, vor allem mittelständische, nicht

richtig ansprechen und mitnehmen

Wieland: Ich denke schon. Das oft als Problem zitierte Thema

CSR im Mittelstand“ ist zunächst einmal sicher ein Vermittlungs-

und Kommunikationsproblem. Das längst vorhandene

Engagement wird einfach nicht angemessen und über die

Region hinaus sichtbar. Das wird allgemein zugegeben. Das

Problem besteht aber sicherlich auch darin, dass Sichtbarmachung

der Ressourcen und der Anstrengungen auf einer

Vernetzung derselben basiert, die sicherlich noch verbessert

werden kann. Wenn Großunternehmen relevante Summen in

die Hand nehmen, sich um ein bestimmtes Problem kümmern,

erfährt die Öffentlichkeit auch davon. Das ist bei nicht vernetzten

mittelständischen Unternehmen sehr viel schwieriger,

obwohl CSR dort traditionell mit viel Engagement verbunden ist.

Das CSR-Thema wird häufig als Pflicht und Ballast empfunden. Sie

forschen dezidiert auch an den Chancen, etwa beim Thema Wettbewerbsfähigkeit.

Was raten Sie Unternehmern

Wieland: Das hängt eng mit den Themen zusammen, die wir

eben besprochen haben. Das Stichwort hierzu heißt „Shared

Value“. Unternehmen müssen heute zeigen, dass sie nicht

nur Wohlstand für den Eigentümer und den Anteilseigner

herstellen, sondern für alle involivierten Stakeholder, letztlich

für die gesamte Gesellschaft. Daher kommt ja auch die

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globalcompact Deutschland 2014


10 Jahre

TESTIMONIALS

Bundesregierung geschaffen. Sie sind in diesem Gremium. Welche

Akzente hat das Forum gesetzt und welche wird es noch setzen Und

welche sollte die Bundesregierung setzen

Diskussion über das Non-Financial-Reporting. Ich glaube, dass

sich auch dieser Bereich sehr stark weiterentwickeln wird,

um die unternehmerischen Handlungen nachvollziehbar

zu machen.

Das Engagement für Shared Value, das aus meiner Sicht kein

Marketing- sondern ein Produktionskonzept ist, sollte in diesem

Sinne auf der Managementebene besser vermittelt werden.

Manager sollten in der Lage sein zu erkennen, welche Interessen,

Ziele und Wertvorstellungen ihre Stakeholder haben. Wir

nennen das an meinem Institut die Fähigkeit, intersektorales

Management zu betreiben. Das heißt, sie müssen verstehen,

was die Entscheidungs- und Wahrnehmungslogiken verschiedener

Bereiche der Gesellschaft sind, sei es Politik, Zivilgesellschaft,

Recht oder Ökonomie. Nur dann sind sie auch in der

Lage, daraus ihre Schlüsse für eine erfolgreiche private und

gesellschaftliche Wertschöpfung zu ziehen.

Diese Art von intersektoralem Management, und damit einhergehend

auch die Kommunikation darüber, ist sicherlich

eine Herausforderungen, die die Forderung nach CSR auf die

Agenda gesetzt hat.

Nach der Finanzkrise 2008 haben viele ein stärkeres Einmischen der

Politik, als eine der Anspruchsgruppen gefordert. Bis jetzt kommen

die Antworten der Politiker in fast allen Ländern eher zögerlich.

Hierzulande wurde unter anderem darauf hin das CSR-Forum der

Wieland: Was das CSR-Forum unter anderem erreicht hat, ist die

Sichtbarkeit und Bündelung des Themas als eine Art „Sounding

Board“ für alle beteiligten Stakeholdergruppen in Deutschland.

Das ist ein großes Verdienst. Der zweite wesentliche Punkt ist

die Entwicklung und Ausarbeitung der Elemente des CSR-Aktionsplans

der Bundesregierung. Drittens gibt es den CSR-Preis

der Bundesregierung, der meiner Meinung nach heute eine

anerkannte Auszeichnung ist. Die Bewerberzahlen und auch

die Qualität der Bewerbungen steigen. Viertens sind Fachgruppen

– etwa zu Menschenrechten und Wertschöpfungskettenmanagement

– gegründet worden, die eine Relevanz sowohl

für die Meinungsbildung innerhalb der Forums und auch

innerhalb der verschiedenen involvierten Ministerien haben.

Für die Zukunft erwarte ich eine Kontinuität und Vertiefung

dieser Entwicklung, etwa bei den Themen Sozialstandards

in globalen Wertschöpfungsketten und der Umsetzung von

Menschenrechtsfragen in diesen.

Sie sagten vorhin, dass Unternehmen sich auch mit CSR auseinandersetzen

müssen, weil Regeln nicht mehr alleine nur von ihnen gesetzt,

sondern zunehmend auch von Politik und Zivilgesellschaft formuliert

werden. Kommen da die Regeln der Politik klar genug rüber Nehmen

wir als Beispiel die Klimapolitik: Hier sind Regierungen ja nicht

unbedingt Treiber der Entwicklung oder gar Hilfen für langfristige

Investitionsentscheidungen.

Wieland: Diese Diskussion muss geführt werden, aber meiner

Meinung nach wird die Diskussion gelegentlich zu technisch

geführt. Es geht häufig um bestimmte Prozentzahlen und >>

globalcompact Deutschland 2014

123


Agenda

Grenzwerte, die erreicht werden sollen oder nicht überschritten

werden dürfen. Ich glaube nicht, dass diese Expertendiskussion

gesellschaftlich zu gewinnen ist, solange nicht klar ist,

welche akzeptierten Implikationen dies hat für die Frage der

Lebensführung, der Moral und dem Konzept von Wirtschaft

und Gesellschaft. Das ist aber eine Diskussion, die nicht immer

ausreichend im Zusammenhang von Grenzwerten und

Risikoszenarien geführt wird.

Reden wir in Deutschland nicht ständig über Moral und die Frage,

was richtig oder falsch ist Ich denke da an zahllose Talkshows über

Moral in der Wirtschaft oder an populärwissenschaftliche Ratgeber,

wonach der Ehrliche der Dumme ist. Wie erleben Sie die Debatte

Wieland: Die von Ihnen angesprochene Diskussion drückt

aus, dass das Ethik-Thema in der Gesellschaft eine bestimmte

Bedeutung erlangt hat: Die Menschen machen sich Sorgen,

nicht zuletzt auch über die Werteorientierung der Führungseliten.

In den entsprechenden Talkshows werden diese Sorgen

formuliert und inszeniert. Ob sie etwas beitragen können zur

weiteren Diskussion oder gar zur Lösung dieser Probleme, das

kann wohl bezweifelt werden.

Welche Aufgabe kommt einer auf Normen basierenden Initiative wie

dem Global Compact zu

Wieland: Der Global Compact kann ein „Sounding Board“

sein, das allen angesprochenen gesellschaftlichen Gruppen

dazu dient, ihre Interessen zu formulieren und miteinander

in den Dialog zu bringen. Diese Scharnierfunktion zwischen

der Umsetzung von inhaltlichen Konzepten in Politik und der

Umsetzung in den Unternehmen selbst ist wesentlich.

Was diskutieren wir dann im Global Compact: Ein letztendlich

unerreichbares Ideal von Weltgemeinschaft und Wirtschaft oder

ein Reparaturset für eine weiterhin ressourcenfressende Wirtschaftsordnung

Wieland: Ich glaube, dass solche permanenten Multistakeholder-Dialoge

dann eine Chance haben, wenn es gelingt, dass

die Akteure eine Vertrauensbasis zueinander auf bauen und

gemeinsam Interessen oder auch Zukunftsziele einer Gesellschaft

formulieren. Das ist etwas, was der Global Compact von

Anfang an – so habe ich es jedenfalls verstanden – angestrebt

hat und auch einigen Erfolg damit hatte.

Wenn der Global Compact darüber hinaus aber versuchen

sollte, ein Gesellschaftsideal zu entwickeln oder zu spiegeln,

dann würde er daran zerbrechen, weil es hier keine Konsensfähigkeit,

weder auf nationaler noch auf globaler Ebene, gibt.

Wenn er wiederum nur Reparaturbetrieb sein wollte, dann

wäre er überflüssig, denn da gibt es eine ganze Menge anderer

Einrichtungen und Institutionen, die das mindestens genauso

gut wenn nicht sogar noch besser können.

Der Global Compact ist gut beraten, Agenda Setting für das

eingangs beschriebene Aktivititätenprogramm zu betreiben

und dazu Diskussionen zuzulassen. Wir haben nicht genügend

globale Institutionen, um Impulse für diese Diskussionen zu

geben, da ist der Global Compact sehr wichtig.

Wie meinen Sie das

Wieland: Es geht darum, dass wir im Moment dabei sind,

die ökonomischen und politischen Spielregeln für das

21. Jahrhundert neu zu definieren. Das ist eine Antwort auf das

institutionelle Vakuum, das die Globalisierung geschaffen hat.

Diese Aufgabe ist extrem wichtig, weil wir zu wenige Organisationen

auf globaler Ebene haben, die dazu legimitiert und

operativ auch in der Lage wären. Wenn der Global Compact

weiterhin im Auge behält, dass er Bestandteil einer Bewegung

ist, die die Spielregeln für Wirtschaft und Gesellschaft in diesem

Jahrhundert zu definieren und zu implementieren sucht,

dann wird er seine Rolle sehr gut erfüllen können.

Wie lange müssen wir noch warten, bis wir Ergebnisse sehen

Wieland: Sie sind schon jetzt erkennbar. Zum Beispiel traut

sich niemand mehr über Shareholder Value in einem anderen

als kritischem Sinne zu reden. Heute reden wir über und

fordern stattdessen den soeben angesprochenen Shared Value.

Das kann man als reine Semantik abtun, ist es aber nicht! Da

ändert sich ein Leitbild der Gesellschaft und es hat die Macht,

sich durchzusetzen.

Ist diese Information überall angekommen In der Finanzbranche

beispielsweise hat sich doch wenig geändert.

Wieland: Nein, es ist zunächst nur der Prozess der Änderung

eines gesellschaftlichen Leitbilds. Dann aber sehen wir, dass

es in den vergangenen Jahren eine Reihe von Regulierungsbemühungen

gab und gibt, die in dieser Form vor einiger Zeit

so nicht vorstellbar gewesen wären. Ich denke zum Beispiel

an die Transparenz im Bankenwesen, die berühmte Frage der

Managergehälter oder der Bonisysteme. Da bewegt sich etwas

in eine Richtung, die vor einigen Jahren gar nicht vorstellbar

gewesen wäre. Dann gibt es zunehmend globale Standards

als Ergebnis von Stakeholderforen. Ihr Wert besteht unter

anderem darin, dass man sich hier auf eine gemeinsame Terminologie

einigt, also auf eine gemeinsame Sprache, wie man

über gesellschaftliche Probleme reden will. Andere wiederum

arbeiten am Thema Integrity Management und Compliance.

Auch da diskutieren wir mittlerweile in einer Art und Weise,

die noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wäre. Schauen

Sie sich nur Begriffe an wie „risk-based Due Dilligence“.

Der stammt ursprünglich aus den Finanzwissenschaften

und heute verwenden wir ihn wie selbstverständlich auch

bei Sozialstandards und bei Menschenrechten. Da bildet sich

also eine Art gemeinsamer Sprache und Bedeutung, was wir

etwa von Managern erwarten, nämlich dass sie die Risiken

ihres Handelns, nicht zuletzt im Hinblick auf die Gesellschaft,

kennen und sich entsprechend sorgfältig darauf vorbereiten,