SZ-Archiv: A48854083 - Casoria Contemporary Art Museum

casoriacontemporaryartmuseum.com

SZ-Archiv: A48854083 - Casoria Contemporary Art Museum

Süddeutsche Zeitung PANORAMA Montag, 7. Februar 2011

Die Kunst, die Camorra und die Ignoranz

Warum ein neapolitanischer Museumsdirektor Angela Merkel in einem Brief um Asyl für seine Sammlung bittet

Von Andrea Bachstein

Wie bitte Asyl für ein ganzes

Museum mit tausend Kunstwerken

und Videosammlung

Genau darum hat Antonio

Manfredi in einem Brief an Bundeskanzlerin

Angela Merkel gebeten. Das

klingt verrückt. Aber das ist Manfredi

keineswegs.

Der quirlige Mann mit dem kurzgeschorenen

Bart ist Direktor des „Casoria

Temporary Art Museum“, kurz Cam, das

er vor sechs Jahren gegründet hat. Nebenbei

ist der fast 50-Jährige selbst Künstler,

mit einer ganzen Reihe von Auszeichnungen.

Seine Skulpturen, Bilder und Fotografien

sind nicht nur in Italien in Ausstellungen

zu gesehen gewesen, sondern

auch international. Er lehrt Kunstmanagement,

etwa in China und Afrika,

und wäre es in Ägypten ruhiger, würde er

jetzt für einen Lehrauftrag an der Uni

von Assuan aufbrechen. Sein Brief an die

Kanzlerin ist ein Hilferuf, ein Akt des

Protestes. Antonio Manfredi will die

Kunstwerke retten und sein Projekt, das

außergewöhnlich ist. Nicht nur, weil es einer

Oase in einer Kulturwüste gleicht.

Bei einer Ausstellung

über die Camorra hagelte

es Drohungen.

Bayern, Deutschland, München Seite 9

„Wir können sofort packen“: Antonio Manfredi in seinem Museum.

Die wenig attraktive 80 000-Einwohner

Stadt Casoria liegt keine 20 Zugminuten

von Neapel entfernt. „Hinterland“,

nennt man auch auf Italienisch solche Gebiete

im Schatten von Großstädten. Das

von Neapel ist bekannt als Territorium,

wo die Camorra vieles bestimmt. Und damit

haben Manfredis Sorgen auch zu tun.

Als sie eine Ausstellung zum Thema

Camorra machten, rieten Anonyme am

Telefon: Ihr solltet doch besser einen

Wachdienst engagieren. Immer wieder,

sagt Manfredi, „lässt man uns wissen,

dass wir unter Beobachtung stehen“. Vergangenes

Jahr, bei einer Ausstellung afrikanischer

Künstler, fanden sie die Figur

eines gekreuzigten Schwarzen am Museumseingang.

Auch dieses Thema passt

Kampaniens Mafia nicht, sie verdient an

afrikanischen, oft illegalen Hilfsarbeitern.

Das Massaker, das Camorristi 2008

an sechs Afrikanern in Castelvolturno

verübten, passt in dieses Bild.

Manfredi sitzt rauchend in seinem kleinen

Büro und erklärt, es sei Teil seines

Konzepts, gesellschaftliche Themen aufzugreifen.

Das Museum bietet auch Kurse

für Kinder und Schüler an. Mit den

Mitteln der Kunst will Manfredi Horizonte

eröffnen in einer Region, in der sich viele

in die tristen Zustände ergeben. Die

Mafia aber fühle sich gestört von Leuten,

die selber denken, sagt Manfredi.

Das Museum ist ein Meisterwerk an

Selbstausbeutung. Es arbeitet ohne öffentliches

Geld, nur für die Räume erlässt

die Stadt die Miete. Von ein paar Unternehmern

aus der Gegend gibt es ab

und zu Sponsorengelder, die Künstler

verzichten meist auf ihr Honorar. Das ist

Manfredis weltweiten Beziehungen zu

verdanken. Was er mit seiner Kunst verdient,

steckt er zur Hälfte ins Cam. Das

sei manchmal schwierig, er hat drei Kinder.

Die anderen aus dem siebenköpfigen

Team arbeiten gratis. Graziella Melania

Geraci, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit,

verdient ihr Geld beim Kellnern.

Dabei hat sie Kunstmanagement studiert.

Genau wie der Kurator Domenico

Mocerino. Er kommt gerade von seinem

Brotjob als Nachtportier ins Museum.

Alle bringen sie Opfer für dieses Museum,

das von ihrem Enthusiasmus getragen

wird. Sie haben das Souterrain einer

Schule in eine 3000 Quadratmeter große

Kunstgalerie verwandelt, der man nicht

ansieht, mit wie wenig Geld sie auskommen

muss. Es kommen Besucher aus dem

Hinterland, aus Neapel und dem Ausland,

das Videofestival des Cam erhält

immer mehr Aufmerksamkeit. Was Manfredi

unter anderem zu seinem Brief getrieben

hat, ist die Ignoranz, auf die das

Cam in Casoria stößt. Es gibt kein Geld

von der Gemeinde, der Provinz oder der

Region – obwohl dorthin EU-Kulturmittel

fließen. Obwohl Casoria sich „Kunststadt“

nennen darf, was Privilegien wie

die Sonntagsöffnung von Läden mit sich

bringt.

„Es geht mir gar nicht zuerst ums

Geld“, sagt Manfredi. Er findet viel

schlimmer, dass es keine moralische Unterstützung

gibt. Zu Ausstellungen lässt

sich von der Stadtregierung niemand blicken

. Sie lässt auch den Skulpturenpark

verkommen, den das Cam der Stadt gestiftet

hat. Bürgermeister Stefano Ferrara

trifft man samstagmittags vor dem

Rathaus. „Wir sind stolz auf das Cam“,

sagt er. Es gebe Pläne für neue Räume

und eine halb städtische, halb private

Leitung. Letzteres ist fast eine Drohung,

wenn man sieht, wie schlecht vor allem

im Süden Italiens öffentliche Verwaltungen

oft funktionieren.

Foto: Ropi

Manfredi sagt, was der Bürgermeister

sage, stimme leider nicht. Seit drei Jahren

halte ihn die Stadt nur hin mit Ankündigungen

und tue nichts. Nicht nur

von der Stadt, in der er geboren ist, fühlt

Manfredi sich verlassen. Nirgendwo gibt

es so viele Kunst- und Kulturschätze wie

in Italien. Doch die Regierung Berlusconi

hat bei ihrem Sparpaket auch hier

drastisch gekürzt, der Kulturbetrieb ist

überall in Not. Viele empört das. Auch

deshalb Manfredis Asylantrag.

Und warum in Deutschland „Es ist

für mich die vertrauenswürdigste Adresse.“

Dass die Bundesrepublik trotz Sparzwang

in Kultur und Bildung investiert,

ist für viele Italiener ein leuchtendes Vorbild.

Manfredi ist klar, dass Angela Merkel

nicht einfach sein Museum aufnehmen

kann, „das wäre wohl politisch heikel“.

– „Aber wenn doch“, sagt er mit fester

Stimme, „wir packen sofort.“

Was er wirklich erhofft, ist ein Zeichen

der Solidarität. An den Museumseingang

haben sie schon mal eine

schwarz-rot-goldene Fahne gehängt.

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A48854083

abachstein


Süddeutsche Zeitung PANORAMA Montag, 7. Februar 2011

Die Kunst, die Camorra und die Ign

Warum ein neapolitanischer Museumsdirektor Angela Merkel in einem Brief um Asyl für s

Von Andrea Bachstein

Wie bitte Asyl für ein ganzes

Museum mit tausend Kunstwerken

und Videosammlung

Genau darum hat Antonio

Manfredi in einem Brief an Bundeskanzlerin

Angela Merkel gebeten. Das

klingt verrückt. Aber das ist Manfredi

keineswegs.

Der quirlige Mann mit dem kurzgeschorenen

Bart ist Direktor des „Casoria

Temporary Art Museum“, kurz Cam, das

er vor sechs Jahren gegründet hat. Nebenbei

ist der fast 50-Jährige selbst Künstler,

mit einer ganzen Reihe von Auszeichnungen.

Seine Skulpturen, Bilder und Fotografien

sind nicht nur in Italien in Ausstellungen

zu gesehen gewesen, sondern

auch international. Er lehrt Kunstmanagement,

etwa in China und Afrika,

und wäre es in Ägypten ruhiger, würde er

jetzt für einen Lehrauftrag an der Uni

von Assuan aufbrechen. Sein Brief an die

Kanzlerin ist ein Hilferuf, ein Akt des

Protestes. Antonio Manfredi will die

Kunstwerke retten und sein Projekt, das

außergewöhnlich ist. Nicht nur, weil es einer

Oase in einer Kulturwüste gleicht.

Bei einer Ausstellung

über die Camorra hagelte

es Drohungen.

Bayern, Deutschland, München Seite 9

„Wir können sofort packen“: Antonio Manfredi in seinem Museum.

Die wenig attraktive 80 000-Einwohner

Stadt Casoria liegt keine 20 Zugminuten

von Neapel entfernt. „Hinterland“,

nennt man auch auf Italienisch solche Gebiete

im Schatten von Großstädten. Das

von Neapel ist bekannt als Territorium,

wo die Camorra vieles bestimmt. Und damit

haben Manfredis Sorgen auch zu tun.

Als sie eine Ausstellung zum Thema

Camorra machten, rieten Anonyme am

Telefon: Ihr solltet doch besser einen

Wachdienst engagieren. Immer wieder,

sagt Manfredi, „lässt man uns wissen,

dass wir unter Beobachtung stehen“. Vergangenes

Jahr, bei einer Ausstellung afrikanischer

Künstler, fanden sie die Figur

eines gekreuzigten Schwarzen am Museumseingang.

Auch dieses Thema passt

Kampaniens Mafia nicht, sie verdient an

afrikanischen, oft illegalen Hilfsarbeitern.

Das Massaker, das Camorristi 2008

an sechs Afrikanern in Castelvolturno

verübten, passt in dieses Bild.

Manfredi sitzt rauchend in seinem kleinen

Büro und erklärt, es sei Teil seines

Konzepts, gesellschaftliche Themen aufzugreifen.

Das Museum bietet auch Kurse

für Kinder und Schüler an. Mit den

Mitteln der Kunst will Manfredi Horizonte

eröffnen in einer Region, in der sich viele

in die tristen Zustände ergeben. Die

Mafia aber fühle sich gestört von Leuten,

die selber denken, sagt Manfredi.

Das Museum ist ein Meisterwerk an

Selbstausbeutung. Es arbeitet ohne öffentliches

Geld, nur für die Räume erlässt

die Stadt die Miete. Von ein paar Unternehmern

aus der Gegend gibt es ab

und zu Sponsorengelder, die Künstler

verzichten meist auf ihr Honorar. Das ist

Manfredis weltweiten Beziehungen zu

verdanken. Was er mit seiner Kunst verdient,

steckt er zur Hälfte ins Cam. Das

sei manchmal schwierig, er hat drei Kinder.

Die anderen aus dem siebenköpfigen

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verdient ihr Geld beim Kellnern.

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Brotjob als Nachtportier ins Museum.

Alle bringen sie Opfer für dieses Museum,

das von ihrem Enthusiasmus getragen

wird. Sie haben das Souterrain einer

Schule in eine 3000 Quadratmeter große

Kunstgalerie verwandelt, der man nicht

ansieht, mit wie wenig Geld sie auskommen

muss. Es kommen Besucher aus dem

Hinterland, aus Neapel und dem Ausland,

das Videofestival des Cam erhält

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immer mehr Aufmerksamkeit. Was Manfredi

unter anderem zu seinem Brief getrieben

hat, ist die Ignoranz, auf die das

Cam in Casoria stößt. Es gibt kein Geld

von der Gemeinde, der Provinz oder der

Region – obwohl dorthin EU-Kulturmittel

fließen. Obwohl Casoria sich „Kunststadt“

nennen darf, was Privilegien wie

die Sonntagsöffnung von Läden mit sich

bringt.

„Es geht mir gar nicht zuerst ums

Geld“, sagt Manfredi. Er findet viel

schlimmer, dass es keine moralische Unterstützung

gibt. Zu Ausstellungen lässt

sich von der Stadtregierung niemand blicken

. Sie lässt auch den Skulpturenpark

verkommen, den das Cam der Stadt gestiftet

hat. Bürgermeister Stefano Ferrara

trifft man samstagmittags vor dem

Rathaus. „Wir sind stolz auf das Cam“,

sagt er. Es gebe Pläne für neue Räume

und eine halb städtische, halb private

Leitung. Letzteres ist fast eine Drohung,

wenn man sieht, wie schlecht vor allem

im Süden Italiens öffentliche Verwaltungen

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halte ihn die Stadt nur hin mit Ankündigungen

und tue nichts. Nicht nur

von der Stadt, in der er geboren ist, fühlt

Manfredi sich verlassen. Nirgendwo gibt

es so viele Kunst- und Kulturschätze wie

in Italien. Doch die Regierung Berlusconi

hat bei ihrem Sparpaket auch hier

drastisch gekürzt, der Kulturbetrieb ist

überall in Not. Viele empört das. Auch

deshalb Manfredis Asylantrag.

Und warum in Deutschland „Es ist

für mich die vertrauenswürdigste Adresse.“

Dass die Bundesrepublik trotz Sparzwang

in Kultur und Bildung investiert,

ist für viele Italiener ein leuchtendes Vorbild.

Manfredi ist klar, dass Angela Merkel

nicht einfach sein Museum aufnehmen

kann, „das wäre wohl politisch heikel“.

– „Aber wenn doch“, sagt er mit fester

Stimme, „wir packen sofort.“

Was er wirklich erhofft, ist ein Zeichen

der Solidarität. An den Museumseingang

haben sie schon mal eine

schwarz-rot-goldene Fahne gehängt.

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