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Baustein B

Was ist Kinderarbeit

Ein Junge arbeitet als Träger auf einem Markt in der

peruanischen Stadt Ayacucho.

Die Definition von Kinderarbeit ist schwierig. Was ist

Arbeit Kindheit bedeutet im westlichen Verständnis, vor

Arbeit geschützt zu sein und mit dem Recht auf Fürsorge

und Bildung durch die Erwachsenen ausgestattet zu sein.

Kindheit endet mit dem Eintritt in das Ausbildungs- und

Berufsleben. Kindheit ist nach diesem Verständnis eine

Schonzeit, die dem Lernen und der Vorbereitung auf das

Erwachsenenleben dient. Dieses Verständnis von Kindheit

teilen nicht alle Kulturen. Weltweit üben Kinder Tätigkeiten

mit unterschiedlichen zeitlichen, physischen, psychischen

und moralischen Belastungen aus. Kinder können

gefährliche und ausbeuterische Arbeit verrichten, aber

auch familiäre und gesellschaftlich notwendige, um traditionelle

Fertigkeiten und soziale Kompetenzen zu erlernen.

Differenzierung bei der Definition ist notwendig, um eine

sachliche Diskussion über Kinderarbeit zu führen und Problemlösungsstrategien

zu entwickeln.

Eine Unterscheidung bietet die Internationale Arbeitsorganisation

(ILO) mit den Begriffen normale »child work« und

ausbeuterische Kinderarbeit »child labour« an. Grundsätzlich

umfasst der Begriff Kinderarbeit der ILO jede wirtschaftliche

Tätigkeit einer Person unter 15 Jahren, unabhängig von

ihrer Stellung im Beruf, d. h. unselbstständig, selbstständig,

unbezahlt oder unbezahlt mithelfende Familienmitglieder.

Unter »normaler« Kinderarbeit seien Tätigkeiten wie die

Mithilfe von Kindern im Haushalt oder die unbezahlte Arbeit

in einem Familienbetrieb zu verstehen. Diese Arbeiten seien

für die psychosoziale Integration der Kinder in die Familie

und die Gesellschaft förderlich. Unter anderem dienten sie

der Weitergabe nützlicher Fähigkeiten von einer Generation

zur anderen. Darüber hinaus lernten die Jugendlichen Verantwortung

zu übernehmen und könnten stolz sein auf das,

was sie tun. Kinder werden als sozial Handelnde begriffen,

sie sind aktiv in der Gesellschaft. Die ausgeübten Tätigkeiten

dürften nicht gefährlich sein und Raum und Zeit für

Schule und Freizeit geben. Auch leichte Arbeiten außerhalb

des familiären Rahmens fielen noch darunter.

picture alliance/Westend61

Als »child labour« können Beschäftigungen bezeichnet

werden, bei denen Kinder lohnabhängige Tätigkeiten verrichten

und diese zur täglichen Notwendigkeit werden, so

dass nachteilige Auswirkungen auf die Entwicklungs- und

Schulsituation unvermeidlich sind. »Child labour« steht für

gefährliche und ausbeuterische Beschäftigungsverhältnisse,

wie z. B. das Arbeiten in Kohlebergwerken in Kolumbien oder

in Gerbereien in Kairo, wo die Kinder giftige Dämpfe einatmen,

aber auch Arbeiten, bei denen die Kinder zwangsläufig

in ihrer psychosozialen Entwicklung geschädigt werden, wie

bei der Prostitution und der Schuldknechtschaft.

Nach vielen staatlichen und internationalen Interventionen

ist die Zahl der Kinderarbeiterinnen und Kinderarbeiter

von geschätzten 246 Millionen im Jahr 2000 auf

168 im Jahr 2012 gesunken. Davon sind noch immer 85 Millionen

Kinder in besonders gefährlichen Arbeitsfeldern

(»hazardous work«).

Gemessen an den absoluten Zahlen sind in Asien und im

Pazifikraum nach wie vor die meisten Kinder beschäftigt:

78 Millionen Kinder, das sind 9,3 Prozent aller Kinder dort.

Doch relativ gesehen ist vor allem die Sub-Sahara trauriger

Spitzenreiter. 59 Millionen Kinder arbeiten dort, das sind

21 Prozent aller dort lebenden Kinder. Ungefähr 13 Millionen

Kinder (8,8 %) arbeiten in Lateinamerika und den

Karibischen Staaten. Im Nahen Osten und Nordafrika sind

es 9,2 Millionen (8,4 %). Die meisten Kinder sind in der

Landwirtschaft, in privaten Haushalten und im informellen

Dienstleistungs- und Industriesektor tätig.

Für die westlichen Industrieländer gibt es immer (noch)

keine ILO-Statistiken. Innerhalb der Europäischen Union

arbeiten Kinder jedoch in einzelnen Branchen wie der

Textilindustrie in Portugal oder der Lederwarenindustrie in

Süditalien. In den Vereinigten Staaten arbeiten Kinder von

Einwandererfamilien in der Landwirtschaft oder in Fast-

Food-Ketten (ca. 5,5 Mio. Kinder). Nach Schätzungen des

Deutschen Kinderschutzbundes arbeiten 700.000 Kinder

in Deutschland.

In vielen Regionen Lateinamerikas und Afrikas ist die Beschäftigung

von Kindern außerhalb des familiären Rahmens

alltäglich. Immer häufiger wird Kinderarbeit als ein Mittel

zum Erwerb eines zusätzlichen (Familien-)Einkommens betrachtet.

In Kolumbien z. B. arbeiten 60 Prozent aller Kinder

in der Altersgruppe zwischen zwölf und 14 Jahren. Der

zahlenmäßige Anstieg der Kinderarbeiter in Afrika und Lateinamerika

wird von einigen Wissenschaftlern auf die lang

anhaltende Wirtschaftskrise in verschiedenen Regionen,

die Auflagen des Internationalen Währungsfonds zur Konsolidierung

des Staatshaushaltes oder die fehlenden staatlichen

Investitionen im Bildungsbereich zurückgeführt.

Gertrud Gandenberger

Politik & Unterricht • 3/4-2014

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