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B 16

Endstation Sehnsucht – vier Menschen auf der Flucht

picture alliance/AP Photo

Tausende Flüchtlinge ertrinken im Mittelmeer auf ihrem

Weg nach Europa. Das Foto zeigt einen völlig überfüllten

Kahn mit Flüchtlingen vor der sizilianischen Küste.

Tsige (25, Kindermädchen) und Nigussea (28, Soldat

und Mechaniker) aus Asmara in Eritrea. Sie sind verheiratet.

Tsige erzählt:

»Geboren bin ich in Äthiopien, aber dann kamen Bürgerkrieg

und Teilung, bevor ich die Schule beenden konnte.

Meine Mutter stammt aus Addis Abeba, doch mein Vater

aus Asmara, deshalb sind wir damals in Eritrea gelandet.

Meine Familie lebt nun auf beide Länder verteilt. In

Eritrea müssen alle jungen Menschen zum Militärdienst,

Männer wie Frauen. Sie sagen dir hier nicht, wann er

endet, er geht einfach immer weiter, über Jahre, und er

ist völlig sinnlos. Nigussea war schon beim Militär, aber

ich wollte diesen Dienst absolut nicht machen. Deshalb

beschlossen wir, in den Sudan auszureisen.

Das war 2004. Wir haben dann vier Jahre in Khartum

gelebt. Als Illegale. Ich habe als Kinderfrau gearbeitet,

Nigussea als Mechaniker. Man lebt bei den Leuten, für die

man schwarz arbeitet. Als Ausländer wirst du dort ständig

angebettelt, auch wenn du selbst nichts hast. Als Eritreer

sind wir leicht zu erkennen. Und die Polizei kontrolliert

dich auf der Straße, wann immer sie dich sieht. Wenn

du keine Papiere hast, musst du zahlen; wenn du nicht

zahlen kannst, wirst du verhaftet; wenn du verhaftet

wirst, wirst du geschlagen. Wir beschlossen irgendwann,

nach Libyen weiterzufliehen, weil man von dort leichter

nach Europa kommt.

Die Tour nach Kufra, einer Oase im Süden Libyens, kostet

1.500 Dollar pro Person. Man reist 15 Tage durch die

Sahara, eingepfercht zwischen vielen anderen Flüchtlingen,

auf der Ladefläche eines Lasters. Es gibt kein Wort,

das diese Reise treffend beschreiben könnte. Zwei Tage

vor Ankunft war unser Wasservorrat aufgebraucht. Bei

50 Grad Hitze oder so. Einige Passagiere sind einfach

tot von der Ladefläche gekippt, auch wir selbst wären

fast verdurstet. Soldaten haben uns überfallen und beraubt.

Sie greifen sich einfach irgendwelche Mädchen vom

Laster und vergewaltigen sie. Ich hatte Glück, ich konnte

mich hinter Nigussea verstecken. In Kufra wurden wir

auf kleinere Laster verteilt und unter Planen versteckt.

Irgendwann erreichten wir Tripolis. Dort haben wir drei

weitere Jahre illegal gelebt. Ich habe meistens geputzt,

Nigussea hat irgendwas für Leute repariert.

Aber im Grunde war Libyen schlimmer als der Sudan. Als

schwarze, illegale Christen waren wir der letzte Dreck.

Vogelfrei. Der Rassismus der Araber ist entsetzlich. Deine

Arbeitgeber bezahlen dich oft nicht, ich bin kaum in die

Kirche gekommen, es ist fast unmöglich, sich frei zu bewegen,

auch, weil ich nicht verschleiert war. Und immer

wieder Polizei. Ich habe gesehen, wie schwangere Frauen

dort so geschlagen wurden, dass sie ihr Baby verloren.

Andere waren verkrüppelt danach.

2008 versuchten wir das erste Mal, mit dem Schiff nach

Italien zu kommen, was extrem schwer war, weil Gaddafi

die Grenzen fast dicht gehalten hat. Wir sind von Tripolis

aus gestartet, nachts. Aber der Kahn war so überfüllt,

dass er schon nach wenigen Metern auseinanderbrach.

Ein Mann ist ertrunken, die anderen sind zurück an Land.

Unser Geld, 1.000 Dollar pro Kopf, war natürlich weg. Also

weitere zwei Jahre sparen in Libyen. Das war unglaublich

enttäuschend! Erst durch den Bürgerkrieg ergab sich

wieder eine Chance. Der Preis war wieder 1.000 Dollar pro

Kopf, aber wir hatten wohl Glück damit, andere Passagiere

haben 3.000 bezahlt. Die Preise werden frei verhandelt

und sind natürlich unfair. Jeder verdient mit. Von der

Polizei bis zum Schlepper. Wir sind abends los. Aber nach

zwei Tagen waren wir orientierungslos, und das Benzin

war alle. Eine Frau hat ihr Baby auf dem Boot zur Welt

gebracht. Zum Glück hat die italienische Marine uns herausgefischt,

bevor jemand starb. Fünf Freunden von uns

erging es schlimmer, sie sind vor knapp zwei Wochen mit

ihrem Boot untergegangen. Alle sind ertrunken.

Wir sind mit der Marine am 27. März in Lampedusa gelandet

und nach Mineo gebracht worden. Nun haben wir Asyl

beantragt. Wo wir leben wollen Uns ist jeder Ort recht,

solange es ein freier Ort ist. Wir würden gern von unseren

Familien hören. Und ich wünsche mir endlich ein Baby.«

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Politik & Unterricht • 3/4-2014

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