Bericht - Freundeskreis des Edith-Stein-Gymnasiums in Bretten

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Bericht - Freundeskreis des Edith-Stein-Gymnasiums in Bretten

„Wo gibt es eine derart passive Justizbehörde“

- Auch bei Kafka darf gelacht werden

Vortrag von Reiner Stach am Edith Stein Gymnasium in Bretten

Für Schüler ist er zunächst einmal nur Pflichtlektüre für das Abitur

2013, für literarisch Interessierte vorwiegend rätselhaft und für Marcel

Reich – Ranicki neben Thomas Mann der größte Erzähler des 20.

Jahrhunderts: Die Rede ist von Franz Kafka, jenem deutschsprachigen

Autor, der mit der Stadt Prag untrennbar verbunden ist und dessen

Werk in düstere, fremde, zuweilen bedrohliche Welten führt. Dabei

soll er selbst überaus freundlich, charmant und hilfsbereit gewesen

sein – so der Literaturwissenschaftler und Publizist Reiner Stach in

seinem Band „Ist das Kafka“.

Dem Deutschlehrer Thomas

Merklinger gelang es, Reiner

Stach am 27. Februar für einen

Vortrag ans Edith-Stein-

Gymnasium (ESG) zu holen und

so konnten die Schülerinnen und

Schüler des Abiturjahrgangs sich

noch kurz vor dem schriftlichen

Abi bei einem ausgewiesenen

Kafkaexperten – Reiner Stach hat zwei Bände seiner auf drei Bände

angelegten Kafkabiografie vorgelegt - über den Autor und das

Romanfragment „Der Process“ informieren.

In einem sehr kurzweiligen Vortrag eröffnete der Publizist Stach

durchaus neue Zugänge zu Kafkas Werk. Sehe man Literatur als

Erfahrung und nicht als Forschungsprojekt, würde sich dem Leser

auch das fremd anmutende Werk Kafkas erschließen. Dann nämlich,

wenn man Literatur als Landschaft, in diesem Falle als durchaus

befremdliche Landschaft, begreife. Und wie ein Reisender auch nicht

mit dem aufgeschlagenen Reiseführer durch eine neue Gegend

stolpere, sondern diese erst auf sich wirken lasse, so solle auch der

Leser Kafkas Romane und Parabeln zunächst auf sich wirken lassen.

„Der Process“ sei – trotz seines Umfangs und seiner großen

Bedeutung – nicht ungeeignet als Einstieg in Kafkas Welt. Und zwar,

so Stach, fordere dieses Romanfragment überhaupt kein


Hintergrundwissen: Weder über historische Hintergründe noch das

Judentum müsse ein Leser Bescheid wissen um das Geschehen um

Josef K., der „ohne daß er etwas Böses getan hätte, eines Morgens

verhaftet (wird)“ zu verstehen. Auch auf Anspielungen auf große

Werke der Weltliteratur verzichte Kafka völlig, zudem sei die Sprache

einfach, der Wortschatz „unauffällig“.

Im zweiten Teil des Vortrags erläuterte Stach viele Aspekte zur

Erzählweise Kafkas und erklärte diese am Text. Auch dies war

ausgesprochen aufschlussreich und kurzweilig. Stach hat es sich nicht

nehmen lassen, auch auf die ironischen und komischen Textstellen

hinzuweisen: Welch eine Situation, wenn Josef K. bei seiner

Verhaftung völlig naiv die Radfahrerpapiere vorzeigt! Wo gibt es ein

Gericht, das so passiv ist, dem es egal zu sein scheint, ob der

Angeklagte erscheint oder

nicht

Reiner Stach gelang es, eine

abschließende Bemerkung zu

machen, die das Wesen des

Gerichts im „Process“ zu

umschreiben vermag: Das

Gericht folge den Wünschen

Josef K.s, es sei der Spiegel, in

dem der Protagonist zu

erkennen sei.

Ein aufschlussreicher Vortrag,

bei dem auch gelacht wurde

und der doch die tiefe

Bewunderung des Publizisten

Reiner Stach für Kafka und sein

Werk offenbarte. Es wäre

wünschenswert, wenn die

Schülerinnen und Schüler über die Abiturprüfung hinaus etwas von

Franz Kafka mitnehmen würden.

Text: Christine Kutzner-Apostel

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