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"ICH WILL EINFACH

NUR SINGEN"

Über sie wird viel geschrieben, aber nach eigenen Aussagen entspricht nicht alles davon der

Wahrheit. Menschen behaupten sie zu kennen, der ein oder andere gibt vor sie entdeckt zu

haben. Es wird immer viel gemunkelt. Eigentlich verwunderlich. Denn das Leben und die Karriere

der Edita Gruberova verlief mehr als geradlinig.

Text und Interview: Elke Bauer, Fotos: Vita e Voce

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EDITA GRUBEROVA

Ich wollte von Beginn an in die Praxis, in die Ausführung.

Ich wollte nie eine Hochschule besuchen. Das

war mir viel zu langweilig. Ich wollte immer schon

einfach nur singen.“ Diese Aussage spiegelt mehr

als jede andere das Leben und die Intension einer

der größten Opernsängerinnen unserer Zeit: Editha

Gruberova. Und sie singt. Zuverlässig. Beständig. Nein

mehr noch, ihre Stimme wird nach mehr als 43 Jahren

anspruchsvollstem Gesang, nach unzähligen Auftritten

auf der ganzen Welt immer noch besser. Und dann kam

diese Nachricht: „Hiermit gebe ich bekannt, dass ich

zum 27. Juli 2014 meinen Abschied von der Bayerischen

Staatsoper schweren Herzens nehmen werde.“ Doch

längst hatte Edita Gruberova bereits ein anderes As im

Ärmel und erhebt sich so über etwaiges Gemunkel, sie

hätte nicht mehr die Rollen angeboten bekommen, die

ihr besser zu Gesicht gestanden hätten als jeder anderen.

Sie singt natürlich auch in München weiter. Nur woanders.

Ein deutliches Statement. Und so ist es bereits im

Juli 2012 soweit: Edita Gruberova wird in einer Weltpremiere

in der Münchner Philharmonie ihrem umfangreichen

Repertoire eine neue Belcantopartie hinzufügen:

die Alaide in LA STRANIERA von Vincenzo Bellini. Eine

spannende, romantische Geschichte, virtuose Melodien,

glanzvolle Koloraturen, berührende Ensembles. Wir

sprachen anlässlich dieses Meisterwerks des Belcanto

mit Edita Gruberova und darüber, wie sie es schafft

nach wie vor die Meisterin der stimmlichen Leichtigkeit

und Beweglichkeit zu sein.

Gab es für Sie jemals etwas anderes als Gesang

Ich habe bereits im Alter von fünf Jahren angefangen

zu singen. Schon in der ersten Klasse wollte ich eigentlich

nichts anderes als singen. Denn das habe ich gerne gemacht.

Ich musste das richtiggehend. Eigentlich war ich

jedoch ein scheues Kind, saß in der letzten Reihe. Aber

beim Singen spürte ich diese Scheu nicht. Da ging es um

die Sache nicht um mich. Ich habe sehr gerne und ständig

vorgesungen. Eigentlich könnte man sagen ich habe

schon immer Castings gemacht. Ich gab mir selbst einen

Ton vor und dann sang ich los. Einmal wählte ich den Ausgangston

derart hoch, dass ich den folgenden Gesang

von der Höhe her selbst nicht mehr geschafft habe. Ich

im Kinderchor drei Mal die Woche, ich fuhr hier immer

alleine in die Stadt und Kinderlieder waren mein Leben.

Ich habe damals die ganze Klasse genötigt sich ständig

meinen Gesang anzuhören.

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Wenn Sie nun auf Ihr Leben zurückschauen, auf Ihre Karriere.

Ist es so gelaufen, wie Sie sich das vorgestellt hatten

Ich habe nie etwas geplant, mir etwas vorgenommen,

ich hatte nie ein Ziel vor Augen. Alles kam immer auf mich

zu. Letztendlich sogar meine Familie.

Ich habe zwei Kinder, die ich nebenbei groß ziehen musste,

das war schon anstrengend. Und jetzt kommt Herr Elsissi

zu mir und will „Rollen“ von mir. „Rollen“!

(sie sieht den Konzertmanager schelmisch lächelnd an)

Nein, das macht mich schon stolz, so gefragt zu sein. Ich

singe seit 43 Jahren und habe stimmlich nichts eingebüsst.

Das erfüllt mich mit Zufriedenheit. Und wenn ich mal eine

Grippe habe oder einen Husten, was auch bei mir nichts

ausbleibt, dann bin ich ganz unglücklich.

Haben Sie denn manchmal Angst die viel gepriesene

Stimme zu verlieren

Direkt Angst Nein. Aber es stört mich, wenn die Stimme

mal nicht da ist, oder belegt ist. Ich muss einfach immer

singen. Es gibt andere Sänger, die auch zuhause nicht

sprechen, es gibt sogar solche, die dann mit ihren Kindern

pfeiffen statt sprechen.

Weil Sprechen schlecht ist.

Ja, Sprechen ist sehr schlecht. Vor allem ins Telefon. Da

merke ich nach einiger Zeit, dass es meiner Stimme richtig

schadet. Irgendwie spricht man da anders als normal.

Aber noch einmal zu Ihrem Rückblick auf Ihre

Karriere, Ihr Leben...

Ich halte meine Stimme jung und sie hält mich jung. Aber

es ist noch etwas hinzugekommen: seit fünf Jahren besuche

ich eine neue Stimmtrainerin, Gudrun Ayasse. Sie

hat mir eine völlig neue Technik beigebracht. Und seit ich

diese beherrsche singe ich auch die dramatischen Elemente

ganz anders. Die Stimme hat eine ganz andere

Tiefe bekommen. Aber ich musste alles umstellen. Seit 35

Jahren sang ich mit völlig anderen Techniken. Durch die

neue Technik jedoch singe ich um einiges leichter und

kann mich so um einiges besser auf die Figuren konzentrieren.

Kann mich mit Fragen beschäftigen, wie: wie stirbt

Violetta stehend (Sie lacht) Wie stirbt man denn im Stehen

Es ist absurd. Nun, ich sank dann in die Arme von

Pavol... Ganz persönlich würde mich interessieren, wie

stirbt man singend.

Haben Sie sich mit Ihrem eigenen Tod

auseinander gesetzt

Ich habe nie etwas geplant, auch meinen Tod nicht, oder

wie alles enden soll. Auch plane ich nichts zu meinem 50

jährigen Bühnenjubiläum.

Das Ende ist also noch mehr als fern...

Singen hält mein Gehirn und meinen ganzen Körper fi t.

Und ich lerne jeden Tag. Ich nehme alles leicht und sportlich.

Es kommt alles so wie es kommt. Und ich danke dem

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"Ich halte meine Stimme jung

und sie hält mich jung."

lieben Gott. Es könnte auch alles nicht so gelungen sein.

Meine Stimme ist auch eine besondere Gabe, ein Geschenk..

Ich bin mit einer gesetzten Stimme geboren. Ich

habe von Anfang an gut gesungen. Sauber gesungen.

Konnte den Ton halten. Im Konservatorium wurde die

Stimme dann veredelt. Wie ein Diamant, der geschliffen

wurde. Sechs Jahre lang.

Und jetzt mussten Sie dennoch die Technik ändern

Ja, aber es ist schwierig. Es ist wie bei einem alten Haus, das

man entkernt und neu aufbaut. Das Alte bricht ständig wieder

durch. Immer noch muss ich mich auf der Bühne konzentrieren

um nicht in die alten Techniken zurück zu fallen.

Aber wie kommt man auch dazu, als erfolgreiche Opernsängerin

die Technik in Frage zu stellen

Mein HNO war irgendwann nicht mit mir zufrieden und

hat mich gefragt ob ich etwas Neues kennen lernen

möchte. Ich habe mit einigen Bedenken zugesagt. Aber

Gudrun Ayasse ist eine sehr feine Person, eine junge Frau

ich schätze Mitte Dreißig, und ich gesteh ich war auf der

anderen Seite auch sehr neugierig. Ich sang ihr vor und

sie meinte es sei alles gut, nur immer ein bisschen daneben.

Die ganze Art wie man einen Ton produziert, wie der

Atem zu sein hat. Das hat sich nun alles entwickelt bei

mir anhand der neuen Technik. Übrigens eine Technik, die

aus der Logopädie stammt. Viele bekannte Sänger haben

die Umstellung nicht geschafft. Ich färbe also meine

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Töne nicht ein, wie man das vermuten könnte oder wie

das bei anderen Sängern der Fall war und ist, ich singe

einfach dunkle Töne.

Denken Sie, sie sind in Ihrem Leben besonders von Glück

überschüttet worden, so lange, so gut singen zu können

Glück gehört zu jedem Menschen. Und zu Menschen die

auf einer Bühne stehen, wie Sängern, noch eine Extraportion.

Mein größtes Glück jedoch war, dass mich mein

Pfarrer seinerzeit entdeckt hat. Er hat mich auf die Idee

gebracht Opernsängerin zu werden. Später war es besonderes

Glück, dass mich der Dirigent Böhm entdeckt

hat. Die Entscheidung getroffen hatte, mich zu nehmen

statt Konstanze und dann natürlich das Glück Frau

Ayasse zu treffen.

War Ihr Privatleben entsprechend glücklich

und erfolgreich

Ich habe das Berufsleben so schnell nebenbei gemacht.

Ich habe den Kinderwagen geschoben und nebenbei

Schubertlieder gesungen. Wobei meine Kinder es immer

nicht leiden konnten wenn ich gesungen habe „Mama

sing nicht!“ kam dann immer. Jetzt ist es schön, jetzt habe

ich meine Enkelkinder, die sind 14 und 10 Jahre alt, die singen

übrigens auch nicht. Und ich darf auch wieder nicht

vor ihnen singen. Aber jetzt kam noch ein kleines Mädchen

dazu, und sie sieht mich immer mit großen Augen

an wenn ich singe. Vielleicht singt sie ja irgendwann.

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