Sachsen-Anhalts Stromkunden zahlen höchste ... - Lausitzenergie

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Sachsen-Anhalts Stromkunden zahlen höchste ... - Lausitzenergie

Sachsen-Anhalts Stromkunden

zahlen höchste Netzpreise

Der Wettbewerb bei der Stromversorgung ist unterentwickelt. Kommunen sehen sich nicht

selten einem Anbieter in Monopolstellung gegenüber, mit dem sie einen Konzessionsvertrag

abschließen. Wenn dieser Anbieter hohe Preise für die Nutzung seines Netzes verlangt, sind

die Kunden am Ende die Leidtragenden.

Magdeburg. Was seit fünf Jahren laut Gesetz möglich ist, bleibt für viele Kunden im Norden von

Sachsen-Anhalt ein Problem: der Wechsel ihres Stromlieferanten. Der Grund: die Netzpreise zählen

zu den höchsten in Deutschland. Dabei könnten auch die Gemeindenselbst zu niedrigeren Preisen

beitragen. Doch anstatt sich tiefgreifend mit dem Thema zu beschäftigen und Netzentgelte zu

vergleichen schließen Bürgermeister nicht selten mit dem erstbesten Anbieter Konzessionsverträge.

Hier und da versuchen Energieversorger auch, Wettbewerb zurückzudrängen und Kommunen zu

langfristigen Anschlussverträgen zu überreden.

In Darlingerode (Landkreis Wernigerode) haben einige Gemeinderäte jetzt genauer hingeschaut und

sind anhand der Fakten skeptisch geworden.

Dort hatte der Versorger E.ON.-Avacon der Gemeinde angeboten, den alten, noch zwei Jahre gültigen

Vertrag vorzeitig zu kündigen und sofort einen neuen Vertrag über 20 Jahre abzuschließen. Damit

würde E.ON.-Avacon für diese Zeit das Stromnetz im Ort betreiben und hätte maßgeblichen Einfluss

auf die Netzpreise.

Ein Drittel des Endpreises

Der Strompreis setzt sich in Deutschland aus drei Teilbereichen zusammen. Die Erzeugungskosten in

den Kraftwerken machen nur ein Drittel des Endpreises aus, ein weiteres Drittel sind staatliche

Abgabe und Gebühren, das restliche Drittel entfällt auf die Kosten für die Übertragung des Stromes

vom Kraftwerk bis zur Steckdose. Diesen Preis kann festsetzen, wem die Netze gehören. Ist der

Netzbetreiber gleichzeitig Stromlieferant, wird dem Endkunden die Zusammensetzung des Preises

kaum auffallen.

Interessant wird der Netzpreis wenn der Stromkunde zu einem günstigeren Stromanbieter wechseln

will. Denn dieser Anbieter muss seinen “billigeren„ Strom durch die Leitungen des Netzbetreibers zum

Endkunden schicken. Verlangt der Netzbetreiber dafür hohe Preise, kann sich der Strom des

Billiganbieters erheblich verteuern. Nicht selten wird das Ganze so teuer, dass ein Wechsel für den

Kunden gar nicht mehr lohnt. Die Folge. Er muss weiter den hohen Strompreis zahlen und hat keine

Chance, an billigen Strom zu kommen.

So geht es einigen Darlingerödern, die gern preiswerte Stromtarife aus dem nahen Wernigerode, von

den Wernigeröder Stadtwerken, in Anspruch nähmen. Doch wer dort nachfragt , bekommt meist zur

Antwort:“ Wir würden Sie ja gern beliefern, aber die Netzpreise bei Ihnen sind so hoch.“

Fachleute bestätigen das. Mathias Köster vom Brancheninformationsdienst Verivox hat ermittelt, dass

E.ON-Avacon bei einem durchschnittlichen Jahresverbrauch (3000 KWh) Netzkosten von 270,75 Euro

plus Mehrwertsteuer vom Kunden verlangt.

Die Kunden der Stadtwerke Stendal zahlen dafür nur 240,99 Euro. Noch günstiger fahren die Kunden

der Stadtwerke Magdeburg mit 190,85 Euro, und die Wernigeröder Stadtwerke erheben laut Verivox

nur 170,22 Euro.

Und: E.ON-Avacon verlangt in Sachsen-Anhalt höhere Netzpreise als in Niedersachsen. Dort müssen

Kunden bei gleicher Strommenge nur 187,05 Euro zahlen, rund 80 Euro weniger als in Sachsen-

Anhalt.


Warum höchste Preise

Sachsen Anhalts Wirtschaftsminister Reiner Haseloff (CDU) kämpft seit Monaten für mehr

Wettbewerb auf dem Strommarkt und gegen die hohen Strompreise in in Ostdeutschland. „Sie

bedeuten einen erheblichen Wettbewerbsnachteil für den Wirtschaftsraum Sachsen-Anhalt, den wir so

nicht hinnehmen können“, sagt Haseloff. Er wurde bereits bei der Bundesnetzagentur in Bonn

vorstellig, die die unterschiedlichen Netzpreise für Sachsen-Anhalt und Niedersachsen genehmigt hat.

Doch bislang ohne Erfolg.

Doch warum müssen ausgerechnet die Bürger im Norden von Sachsen-Anhalt die teuersten

Netzentgelte der ganzen Republik zahlen E:ON-Avacon-Pressesprecherin Cornelia Junge:

“In Sachsen-Anhalt ist im Vergleich zu Niedersachsen seit der deutschen Einheit mehr Geld in die

Stromnetze investiert worden. Diese Kosten werden 20 Jahre lang bei den Netzkostenkalkulationen

eingerechnet.

Doch warum liegen die Netzkosten in allen übrigen ostdeutschen Ländern unter denen von E.ON-

Avacon in Sachsen-Anhalt Pressesprecherin Junge: „ Da müssen sie mit den anderen

Netzbetreibern sprechen.“

Noch etwas führt der Konzern ins Feld: In einer ländlichen Struktur verursachen wenige Verbraucher

und längere Leitungswege höhere Netzkosten. Doch wieso bezahlen Bürger im dünn besiedelten

Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern weniger Auch darauf weiß die Sprecherin keine

Antwort.

Einige Gemeinderäte haben die Sache mit dem neuen Konzessionsvertrag erst mal auf Eis gelegt. Sie

wollen erst genauer prüfen, was das für ihre Bürger bedeuten würde. Ohne Fachwissen können wir

doch nichts entscheiden“, sagte Ratsmitglied Michael Weber (CDU). Eine vorzeitige

Vertragsverlängerung, wie sie der Bürgermeister jüngst vorgeschlagen hatte, ist erst mal einmal vom

Tisch.

Der Bund der Energieverbraucher (BdE) rät den Kommunen dringend vor Abschluss neuer

Konzessionsverträge Vor- und Nachteile abzuwägen. Sei der neue Vertrag erst mal geschlossen,

bestimme der Netzbetreiber weitere 20 Jahre die Netzkosten und könne preiswerte Konkurrenz

abwehren.

BdE-Sprecher Aribert Peters: „Die Kommunen sollten unbedingt alle Möglichkeiten ausschöpfen und

Verträge möglichst frühzeitig ausschreiben. Wer das nicht tut und Verträge vorzeitig verlängert, setzt

sich dem Verdacht aus, dass er nicht die Interessen seiner Bürger verfolgt.“

Wilfried Obermüller (SPD) ist Bürgermeister im Harzstädtchen Ilsenburg. Auch an ihn sei E.ON-

Avacon herangetreten, den laufenden Vertrag vorzeitig zu verlängern.

Er ist nicht abgeneigt: „ Vielleicht können wir als Stadt dann etwas herausholen, etwa die Sanierung

unserer Trafostationen.“ Er habe andere Wettbewerber als Stromlieferanten gewinnen wollen, doch

die haben abgewinkt. Obermüller:“ Die meiste kleineren Versorger gehören großen Konzernen.

Echten Wettbewerb gibt es deshalb nicht.“

Doch der Bürgermeister hofft vorerst weiter:“ Noch läuft ja die Ausschreibungsfrist. Wenn ein

günstigerer Anbieter käme, würden wir nicht nein sagen.“

Volksstimme 08.12.2006

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