festivalzeitung nr. 07 / 22.06.2007 - 17. Internationale Schillertage

schillertage.de

festivalzeitung nr. 07 / 22.06.2007 - 17. Internationale Schillertage

FESTIVALZEITUNG

NR. 07 / 22.06.2007

Luis Ureta · Kallias. Versuche über die Schönheit, Teatro La Puerta – Chile

Foto: Frank Heller


✶2 MORALISCHE ANSTALT FESTIVALZEITUNG 22.06.2007 BESTIE MENSCH 14. INTERNATIONALE SCHILLERTAGE / NATIONALTHEATER MANNHEIM

✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶

INHALTSVERZEICHNIS

✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶

✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶

BENN-GEDICHT

✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶

02 – BENN-GEDICHT– Editorial

03 – SCHÖN SCHWIERIG – Luis Ureta · Kallias

04 – NACHTWACHE DREI – Selbstversuch

04 – SCHILLER UND ICH – Die Festivalmacher

05 – ELISABETH SPIELT FEDERBALL – Maria Stuart

06 – SUSES PUPPENSTUBE – Porträt Suse Wächter

07 – ANDERE ANSTALTEN – Presseschau

08 – WALLENSTEINS SEX – SWR2 Forum

08 – SCHILLER UND ICH – Die Festivalmacher

09 – WANN WERDEN SIE ZUR BESTIE – Mannheim live

10 – KEINE KRITIK – Peter Licht

10 – SONNENSEGEL – Party-Flaneur

11 – GEFÜHLTER ADOPTIVSOHN – Schiller in Mannheim

12 – SPIELPLAN – Freitag 22. Juni

Die 14. Internationalen Schillertage wurden ermöglicht und gefördert durch:

den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien,

dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg,

der Stadt Mannheim/Büro 2007, die Brasilianische Botschaft Berlin und

das Brasilianische Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten

sowie das Goethe Institut

Wir bedanken uns für die großzügige Unterstützung bei unseren Partnern:

Hauptsponsoren: MVV Energie AG, John Deere, Freunde und Förderer

des Nationaltheaters Mannheim e.V.

Co-Sponsoren:

Augusta Hotel Mannheim, comvos online medien GmbH, Dr. Haas GmbH,

Engelhorn Mode GmbH, Fashionlabel Schumacher, HM Interdrink, Kurpfalzsekt Sektkellerei AG,

Mercedes-Benz Niederlassung Mannheim-Heidelberg, Rhein-Neckar-Verkehr GmbH,

The Cruise Cafe Hotel Mannheim und beim SWR 2.

Foto: Lydia Dartsch

✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶

SERVICE

✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶

KARTENVORVERKAUF

THEATERKASSE AM

GOETHEPLATZ

Mo & Sa 11–13 Uhr

Di & Fr 11–18 Uhr

An allen Vorstellungstagen

außerdem von 18–20 Uhr

KARTENTELEFON

Telefon 0621/1680 150

Telefax 0621/1680 258

PER E-MAIL

Nationaltheater.kasse@

mannheim.de

✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶

HERZLICHEN DANK

✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶

AUFGEWECKT IN DEN TAG

DR. HAAS GMBH

✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶

IMPRESSUM

✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶

FESTIVALZEITUNG DER

14. INTERNATIONALEN

SCHILLERTAGE

Ein Projekt des Nationaltheater

Mannheim zur Förderung des

kulturjournalistischen Nachwuchses

HERAUSGEBER

Nationaltheater Mannheim,

Mozartstraße 9, 68161 Mannheim

GENERALINTENDANTIN

Regula Gerber

CHEFREDAKTION

Jürgen Berger

CHEFIN VOM DIENST

Sabine Demm

REDAKTION

Lydia Dartsch, Kristina Faber, Jan Fischer,

Moritz Hummrich, Jule D. Körber,

Marcel Maas, Moni Münch, Melanie

Troger, Manuel von Zelisch

KONZEPT

Jürgen Berger, Sabine Demm, Kristina

Faber, Gerhard Fontagnier, Jochen Zulauf

GESTALTUNG

fathalischoen, Frankfurt

LAYOUT

gerhard@fontagnier.de, Mannheim

DRUCK Mannheimer Morgen

Großdruckerei GmbH

ANZEIGEN Mannheimer Morgen

Die Zeitung erscheint als

Beilage im Mannheimer Morgen

und wird unterstützt von

Deere & Company

und der Dr. Haas GmbH

eu in Mannheim und dann

gleich das. Redaktionsräume

im Collini Center, direkt hinter

dem Theater, sehr gut, eigentlich.

Aber. Nach einem halben Tag

hier scheint das Collini Center als einziges

großes „Aber“. Entworfen und gebaut

als Utopie, aber leider gescheitert.

Angelegt als Stadt in der Stadt, aber

heute menschenleer. Gleich hinterm

Theater, fünf Minuten von den Schillertagen

entfernt, aber tot, unheimlich tot.

Die Mannheimer mögen sich an den

Koloss gewöhnt haben, mögen seine Geschichte

kennen und die Waben der Fassade,

die einem Bienenstock gleicht. Vielleicht

erinnern sie sich an die großen

Zeiten des Collini Centers. Gab es sie

Und an den Namen seines Baustils: Brutalismus.

Wer neu hier ist, schaut sich

um in einem Gestalt gewordenen Benn-

Gedicht, schaurig-schön, ästhetisch-hässlich.

Er fühlt dieses Gebäude mehr als

dass er es kennt.

Die Sonne scheint hier nie, dafür

pfeift ständig der Wind im ersten Stock

auf Höhe der Stadtbildstelle. Ewig leuchten

die Lampen, jede Nacht, jeden Tag.

Es gibt ein Chinarestaurant, durchgängig

geschlossen, einen Friseursalon, der

meist dunkel ist. Es gibt auch einen Kiosk

mit halbleeren Regalen, mit Mittagstisch

und sehr freundlichen Mitarbeitern. Es

gibt Wachleute, die stellen dein Rad vor

die Tür, wenn du es im Gebäude abgestellt

hast. Denn das ist verboten. Keiner

sagt dir Bescheid. Wenn du nachfragst,

wird dir die freundliche Dame im Kiosk

sagen, dass es wohl geklaut ist. Der

Mann, der sich seit zehn Minuten bei ihr

eine Bild-Zeitung kauft, sagt das auch.

Auch das Team um Tom Kühnel und

Jürgen Kuttner arbeitet hier an seiner Inszenierung

„Helden Mannheims – eine

Mannheimverbesserung“. Direkt neben

den Redaktionsräumen, in der Kurpfalztherme

– ein großes Wort für ein gespenstisches

Bad – proben sie. Rotzige

Rockklänge reißen in guten Momenten

die Leere auseinander. In der Kurpfalztherme

hat niemand hinter sich aufgeräumt,

als das Wasser zum letzten Mal

abgelassen wurde. Jetzt stehen Verstärker

auf Kunstrasen, leere Planschbecken

künden von Grusel. Das ist wie: Auf

einem fremden Planeten landen, wo kein

Leben mehr ist. Nur eine grinsende Plastiksonne,

die mal Wasser gespuckt hat,

auf spielende Kinder, die längst nicht

mehr hier sind.

✶ MORITZ HUMMRICH

✶ MONI MÜNCH


BESTIE MENSCH 14. INTERNATIONALE SCHILLERTAGE / NATIONALTHEATER MANNHEIM MORALISCHE ANSTALT FESTIVALZEITUNG 22.06.2007

✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶

SCHÖN SCHWIERIG

✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶

✶3

Das Stück „Kallias. Versuche über die Schönheit“ des chilenischen

Regisseurs Luis Ureta fordert das Publikum im Studio

Werkhaus. Ansonsten inszeniert er in Santiago de Chile. Für

Mannheim beschäftigt sich Ureta mit Schillers Ästhetik.

Die Bezugspunkte liegen überall

und nirgends. Interpretationen

treiben im Gedankenstrom. Mienen

sind verwirrt und begeistert. Eine

halbe Auflösung liefert die Frauenstimme

auf Tonband. Sie allerdings kommt erst

am Ende und nachdem der Abend mit

einer Explosion von Verweisen die Sinne

verwirrte. Das Tonband erklärt: „Die

Handlung geht scheinbar so, dass vier Figuren

an einem Flughafen darauf warten,

dass der Strom wieder angestellt wird.

Eine Wissenschaftlerin, ein Ex-Model,

ein Räuber, der sich als Flughafenangestellter

vorstellt und einer, der schreibt

und Schillers Double sein könnte. Der

Räuber tötet scheinbar das Ex-Model und

zündet den Flughafen an.“

Dem Zuschauer gehen Glühbirnen

auf. Immerhin ging es in den letzten anderthalb

Stunden inhaltlich nur um

„Geschichten erzählen“, während Ureta

formal auf ständige Brechungen setzte.

Auch das erklärt das Tonband: „Die

Worte lösen sich in Rauch auf, diese

Geschichte ist falsch. Die wirkliche

Geschichte befindet sich hinter dem

Vorhang.“

Rekapitulation: Am Anfang ist zunächst

vieles unklar. Handlungsfetzten

mischen sich mit multimedialen Einstreuungen,

mächtige Bilder verwüsten

Luis Ureta · Kallias.

Versuche über die Schönheit,

Teatro La Puerta – Chile

Foto: Frank Heller

die Bühne. Maria Paz Granjean und Roxana

Naranjo werfen sich Schlagworte

der Schillerschen Ästhetik zu, während

Andres Valesco und Sergio Piña im

Hintergrund auf Englisch über die Entstehungsgeschichte

des Stückes sprechen

oder eine Gips-Madonna auf dem Boden

zerschlagen. Zu diesem Zeitpunkt hinkt

das Verständnis noch hinterher. Die

Augen fliegen zur Übertitelung des spanischen

Textes, in der Hoffnung, die Bilder

entschlüsselt zu finden, kehren resigniert

zur Bühne zurück.

Erwartungen scheinen bestätigt.

Beim Lesen der Textvorlage, dem Briefwechsel

Friedrich Schillers mit seinem

langjährigen Freund Christian Gottfried

Körner über die Schönheit, dachte man,

viel mehr als eine fragmentarische Performance

sei da sowieso nicht zu machen.

Doch je weiter der Abend fortschreitet,

desto mehr inszeniert Luis

Ureta eine Erzählung, deren Spannung

gerade in zahlreichen Andeutungen und

Schleifen besteht. Eine Erzählung, die

Schillers komplexe Auseinandersetzung

mit dem Schönen so feingliedrig und subtil

präsentiert, dass ein sofortiges Verstehen

im Nachhinein geradezu absurd erscheinen

würde.

Es geht um Protagonisten, die

Schönheit auf ganz unterschiedliche Weisen

auszudrücken suchen. Da wäre die

Wissenschaftlerin, die eine Substanz erfunden

hat, mit der körperliche Perfektion

herstellbar wird: Kallias. Dann das

Ex-Model, das ihren Job wegen einer

Hautkrankheit aufgeben musste und sich

nun ständig selbst fotografiert. Der Attentäter,

der maskiert und bewaffnet

durch ein leeres Gebäude streift. Und

schließlich ein Schriftsteller, der an einem

Theaterstück arbeitet, seine gebrochene

Persönlichkeit aber nicht überwinden

kann. Figuren mit mangelhaften Biographien

auf der Suche nach Vervollkommnung

und Schönheit. „Alles ist falsch, der

Wein ist gepantscht.“

Es sind extrem gezeichnete Figuren

auf unendlichen Reisen durch die Kulturgeschichte,

obwohl der Flughafen

dunkel und tot ist. Von der Antike, dem

Gastmahl Platons, verfolgen sie die Frage

nach dem ästhetischen Ideal weiter über

Parmigianinos „Die Madonna mit dem

langen Hals“ aus dem sechzehnten Jahrhundert

bis zum „Elephant“ des amerikanischen

Filmregisseurs Gus Van Sant,

der sich mit dem Amoklauf von Littleton

auseinandersetzt.

Luis Ureta will allerdings mehr mit

seiner Inszenierung: Kohärenz von Inhalt

und Form. Und die erreicht er insofern

schon in seiner Transformation der Textvorlage,

als Schiller irgendwo schreibt:

„Körner, mich interessiert, was sich hinter

dem Theater abspielt.“ Körner antwortet

nicht, auch er hat Fieber. Die Figuren

springen ein: „Es gibt keinen

Flughafen, kein Model, keine Schauspieler.

Wir irren durch die Elemente des

Schönen.“ Verstrickt in seine extremen

Bühnen-Charaktere argumentiert Ureta

aus ihnen heraus.

Spricht Schiller davon, Schönheit sei

die Freiheit in der Erscheinung, übersetzt

der Stücktext: „Die Sprache versucht, die

Überreste der Schönheit zu rekonstruieren.

Ich werde dich dafür bezahlen, dass

du sagst: Kallias, du bist die hübscheste

Frau der Welt.“ Leichtfüßig tanzen die verschiedenen

Ebenen miteinander zu lateinamerikanischer

Musik. Luis Ureta steht im

Hintergrund und dirigiert. Sein ambitionierter

Plan hat die Schwierigkeit des theoretischen

Textes in der Poesie überwunden.

Das heißt: Eine Geschichte erzählen.

✶MARCEL MAAS


✶4 MORALISCHE ANSTALT FESTIVALZEITUNG 22.06.2007 BESTIE MENSCH 14. INTERNATIONALE SCHILLERTAGE / NATIONALTHEATER MANNHEIM

✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶

NACHTWACHE DREI

✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶

Kiosk am Wasserturm

Die langen, dunklen Stunden der

Nacht. Vier Uhr, oder so. Um

die Zeit schaut man nicht mehr

auf die Uhr. Vielleicht, wenn man zufällig

aufwacht und aufs Klo muss. In allen

anderen vorstellbaren Vier-Uhr-Morgens-Szenarien

kommt keine Uhr mehr

vor.

Jule liegt auf dem Bett. Noch ein

Stück Pizza Texas, Pepperoni. Die

Würstchen sind alle. Ich denke über Bier

nach. Marcel starrt hypnotisiert auf den

gelb-roten Bildschirmschoner: „Pension

Schiller – Täglich 15 Uhr – Lesung im

Kiosk am Wasserturm“. Immer wieder

läuft das durch. Immer wieder. Ich stelle

mir ein endloses Textband vor, das

immer nur durch den Computerbildschirm

läuft, der größte Teil unsichtbar,

vor dem Bildschirm freut sich die Schrift

auf ihren kurzen Bildschirmauftritt, dahinter

versinkt der Text in eine tiefe

Traurigkeit. Uhrzeit: 4:33. Was man halt

so denkt.

Wir müssen das morgen auch machen.

Diese 15-Uhr-Lesung. Wir werden

uns lächerlich machen. Der Text ist nicht

gut, einfach nur in übermüdeter Hysterie

entstanden, zu einem Zeitpunkt, an dem

man alles lustig findet. Wir haben einfach

alles rausgerotzt, was nicht in der Zeitung

stehen darf. Oder: Wie es nicht in der

Zeitung stehen darf. Ohne Sinn, ohne

Verstand, ohne Nachdenken und der

Witz erschließt sich nur uns, nur jetzt.

Jules Mund steht offen, vielleicht fängt

Foto: Jule D. Körber

sie gleich an zu schnarchen. Wir werden

uns lächerlich machen.

Meine schlimmste Lesung ever ging

so: Zwei Stammgäste in einer verrauchten

Kneipe tranken Bier, und waren absolut

nicht an meinem Text interessiert.

Sie redeten. Ich hatte die Wahl, entweder

nicht zu lesen oder ihnen zu sagen,

sie sollten mir gefälligst zuhören. Ich

wollte weiterlesen, also sagte ich, dass

mich ihr Gelaber störe. Sie standen auf

und gingen. Das ist also die Geschichte,

wie ich einmal meine einzigen zwei Zuhörer

verscheucht habe. Morgen wird

schlimmer. Die ganze Stadt wird sich vor

dem Kiosk versammeln, unseren Text

hören, sie werden uns auslachen, wir

werden nie wieder Mannheim betreten

können. Zweifel ignorieren. Nacht protokollieren:

Jule ist aufgewacht und verabschiedet

sich mit einem süffisanten

„Viel Spaß noch“. Marcel winkt ihr,

trinkt Bier und raucht. Ich setze mich in

den Sessel vorm Fenster. Folgendes passiert

zwischen 4:56 und 5:27: Zwei

Menschen gehen vorbei, einer von

rechts nach links, der andere von links

nach rechts. Einer hat einen ratternden

Rollkoffer mit quietschenden Rollen. Ein

roter Fiat Cinquecento, ein weißer

irgendwas Kombi, ein Golf III in silbermetallic.

Die Sonne geht auch noch auf.

Denke an „Il est cinq heures, Paris

s’eveille“ von Werwardasnochmal, Jaques

Brel vielleicht. Man bräuchte Internet

in diesem Kiosk. Mannheim s’eveille.

Ab vier ist der Bäcker beleuchtet. Ab fünf

Rollen Lastwagenkolonnen über den

Ring, von rechts nach links. Ab halb

sechs rollen Autos von links nach rechts.

Dann Pendler, ebenfalls von links nach

rechts. Die erkennt man an ihrer sehr

speziellen Gangart und ihren Hemden,

alles irgendwie schlabberig. Eigentlich

passiert um diese Uhrzeit ganz schön

viel, nur leider langweilig.

Jetzt, wo die Sonne hinter dem Wasserturm

steht, plane ich meinen Tag:

Hotel, Duschen, Frühstück, Redaktion,

Schlafen, Lesung, Redaktion, Theater,

Redaktion, Party, Schlafen. Ich durchsuche

noch einmal die endlosen Vorräte des

Kiosk. Zwischen halb sechs und sechs

esse ich Gummibärchen. Und im Schein

der frisch geschlüpften Morgensonne

mache ich mich auf den Weg zum Hotel.

Nicht, um zu schlafen.

✶ JAN FISCHER

Foto: Hans Jörg Michel

✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶

SCHILLER UND ICH

✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶

Wann hat Schiller Sie

zum ersten Mal berührt

Auf schwankender Leiter der Gefühle.

Über was würden Sie

mit Schiller sprechen wollen

Über Anmuth und Würde.

Mit welchem Schiller-Text

können Sie tatsächlich

was anfangen

Don Carlos.

Was nervt Sie an Schiller

Das weibliche Ideal.

Wann werden Sie zur Bestie

In der Bataille.

Ingoh Brux ist Schillertage-Macher,

stellvertretender Schauspieldirektor

und Chefdramaturg am

Nationaltheater.


BESTIE MENSCH 14. INTERNATIONALE SCHILLERTAGE / NATIONALTHEATER MANNHEIM MORALISCHE ANSTALT FESTIVALZEITUNG 22.06.2007

✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶

ELISABETH SPIELT FEDERBALL

✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶

Sie läuft in hohen, spitzen Schuhen, der schmale Träger des

dünnen Kleides rutscht und legt ihre kleine Brust frei. Sie läuft,

sie schlägt, sie schnauft und stöhnt, „höher – ja – und noch

mal“, und die ganze Tonspur dieses kurzen Matches zwischen

Elisabeth, Königin von England und Graf von Leicester klingt

nach einem erregten Liebesakt.

✶5

Doch die Verführung ist eine doppelte:

Während sie sich ganz der

erschöpfenden Bewegung hingibt,

legt Leicester seine Netze aus und

überredet sie zu einer Begegnung mit

Maria Stuart, ihrer zum Tode verurteilten

Feindin. Es ist der erste Augenblick, in

dem Elisabeth, die sich sonst so steif wie

das Schwert in ihrer Hand bewegt, die

Kontrolle verliert. Die Szene ist zugleich

atemberaubend, spannend, witzig und

aufschlussreich: Man spürt körperlich,

was auch der Geist erfasst. Ein Stein

wurde ins Rollen gebracht, der bis zum

Ende alle aus ihrer Bahn geworfen haben

wird.

Das Federballspiel ist bezeichnend für

die wunderbare Inszenierung der „Maria

Stuart“ von Luk Perceval an der Berliner

Schaubühne. Selten lauert man so gespannt

auf jeden neuen Satz; selten bewundert

man so die taktische Intelligenz

in der geschliffenen Sprache der Lords

und der beiden Königinnen. Friedrich

Schiller glänzt plötzlich, als hätte er sich

für sein englisches Königsdrama tatsächlich

angelsächsischen Witz einverleibt:

Man fühlt und genießt, wie in den Figuren

persönliche Gefühle und politisches

Kalkül ständig umeinander schleichen,

wie sie mit jedem Satz schon dessen

Wirkung vorauszuberechnen scheinen,

wie ironische Bissigkeit die Rede schärft.

Dabei ist es nicht viel, was Perceval

am Text oder in der Szenenfolge geändert

hat: Der Wiedererkennungsfaktor bleibt

bei diesem Klassiker sehr hoch. Dennoch

erhalten die Figuren, besonders die Königinnen,

eine Plastizität aus Fleisch und

Blut, die ganz aus heutiger Erfahrung

schöpft. Aus konstruierten Figuren, die

mit Thesen gepanzert schienen, werden

aufreizend widerspenstige und anrührend

widersprüchliche Personen. Mitleid

hat man mit beiden Königinnen, sie wirken

beide wie Gefangene. Perceval spielt

ihre Einsamkeit als Frauen in einer Männergesellschaft

aus, die für das Mitspielen

einen hohen Preis zahlen.

Maria und Elisabeth sind kompliziert,

anspruchsvoll, anstrengend und können,

was sie haben wollen, nicht bekommen,

ohne zu taktieren, zu versprechen und

Maria Stuart, Schaubühne Berlin

22. Juni, 19.00 Uhr Opernhaus

Fotos: Matthias Horn

mehr in Aussicht zu stellen, als die politische

Vernunft ihnen eigentlich erlaubt.

Ihre Komplexität macht diese Figuren attraktiv;

all die vereinfachenden Antagonismen,

die sonst so gern zwischen den

Königinnen aufgesplittet werden – wie

Tugendhaftigkeit gegen das Spiel mit erotischer

Verführung, Leidenschaft gegen

Machtwillen – sind diesmal in beiden

miteinander verwoben. Doch wie sie ihre

Leidenschaften ausagieren, unterscheidet

sie sehr deutlich.

Siehe da, der Text gibt es her: Maria

Stuart ist ein quecksilbriges Bündel, voller

Trotz, Spott und Lebenslust, die in

ihren Erwiderungen ständig den patriarchalen

Gestus ihrer Berater und Mahner

karikiert. So ganz nebenbei switcht sich

Yvon Jansen in dieser Rolle dabei auch

durch die verschiedenen Stile der Deklamation

und parodiert das Gestelzte, das

Schiller so leicht ausstrahlt. Sie pöbelt ein

wenig und wird ordinär; aber dass sie

sich mit ihren sexuell provozierenden

Gesten, mit Übermut und Grimassen

auch die Angst vor dem Todesurteil vom

Leibe hält, spürt man auch. Allein im

letzten Akt, in dem der Idealismus Schillers

schon immer am schwersten zu ertragen

war, wenn Maria in ihren Tod einwilligt

und ganz die Erlösung Suchende

wird, beginnt man die Anstrengung zu

spüren, zu dieser Figur Kontakt zu halten.

Die Elisabeth der Jule Böwe dagegen

bleibt aus einem Guss. Die Zerrissenheit

zwischen persönlichen Gefühlen und politischer

Klugheit hat sie längst in Gerissenheit

verwandelt. Ihr Unverheiratet-

Bleiben dient dem Machterhalt und der

persönlichen Freiheit, auch wenn der

Druck der Lords zur Ehe groß ist. Liebesverhältnisse

müssen heimlich bleiben.

Das alles ließe sich regeln, wäre nicht die

Angst groß, dass sich die Trennung in inszenierte

Fassade und Spiel hinter den

Kulissen nicht mehr öffentlich aufrechterhalten

lässt. Sie hat, vor allem, ein

Imageproblem. Wie sie das quält, lässt

einen aber nicht kalt.

Nicht zuletzt das Bühnenbild von Annette

Kurz und der Einsatz einiger Bogenschützen

tragen dazu bei, die Gefährdung,

die von jedem Wort ausgehen,

zu transportieren. Die Aufmerksamkeit,

mit der man zwischendurch nur auf das

Sausen und Treffen der Pfeile hört,

schärft die Sinne und lädt den Raum auf.

Kein Bild gerät klein, alles füllt die ganze

Bühne, auch jedes Flüstern heimlicher

Verabredung. Luk Perceval, „fester Hausregisseur“

der Schaubühne, hat ihr mit

dieser Inszenierung, ein schönes Pfund

zum Wuchern erarbeitet.

✶ KATHRIN BETTINA MÜLLER

(ist Theaterredakteurin

der Berliner Tageszeitung)


✶6 MORALISCHE ANSTALT FESTIVALZEITUNG 22.06.2007 BESTIE MENSCH 14. INTERNATIONALE SCHILLERTAGE / NATIONALTHEATER MANNHEIM

✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶

SUSES PUPPENSTUBE

✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶

Suse Wächter in ihrer Puppenstube

Übermäßig mitteilungsbedürftig

scheint Suse Wächter nicht zu

sein. Das Sprechen überlässt sie

lieber ihren Puppen, die auf der Bühne

zu großer Form auflaufen. Zu ihren „Abkömmlingen“

scheint sie eine ganz spezielle

Beziehung zu haben. Wenn eines

ihrer Wesen bei den Proben einmal nicht

so gut drauf ist und gerade nicht über

Stufen torkeln will, wie der Regisseur

sich das vorstellt, springt Suse auch schon

mal persönlich ein und wankt an ihrer

statt über die Bühne. Eine so enge Bindung

und Vertrautheit entsteht vermutlich

zwangsläufig zwischen Geschöpf

und Schöpferin. Toll, so ein Leben inmitten

selbst geschaffener Gefährten.

Wer sich allerdings Puppen in praktisch-handlichem

Pocket-Format mit

freundlichen Gesichtern oder gar in

Sie erschafft neue Wesen, kreiert sie nach ihren Wünschen und

Vorstellungen. Und ganz nach ihrem Gutdünken haucht sie

ihnen Leben und Gefühle ein. Suse Wächter ist Puppenmacherin

und spielt morgen mit ihren Kreaturen in den „Helden

Mannheims“.

Plüschoptik zum Kuscheln vorstellt,

der ist gewaltig auf dem Holzweg. Einfach

gestrickte Puppen mit einfach gestrickten

Charakterzügen a la „Kasperle

und Seppl“ wären eine Verschwendung

bei Suses außergewöhnlicher Puppenbaufertigkeit.

Lebens- bis überlebensgroß,

teilweise mit wahnsinnigen Fratzen, weit

aufgerissenen Augen und unheimlichen

Gesichtszügen, die einen scheinbar direkt

anglotzen. Genauso gut könnten die

Puppen Albträumen kleiner Kinder entsprungen

sein.

Foto: Lydia Dartsch

Geboren wurde Suse Wächter 1969

in Thüringen. Nach der Schule kam sie

durch ein Praktikum ans Erfurter Theater

– als Theatermalerin. Hauptsächlich

mit Puppen beschäftigte sie sich erst später,

als sie Anfang der neunziger Jahre an

der Berliner Hochschule für Schauspielkunst

„Ernst Busch“ Puppenspiel studierte.

Schon da nimmt man Notiz von

ihrem außergewöhnlichen Geschick

beim Bauen und Spielen mit Puppen.

Mittlerweile ist Suse Wächter eine der renommierten

deutschen Puppenspielerinnen

und setzt eine Tradition fort, die speziell

in der DDR gepflegt wurde. Da gab

es Puppentheater nach sowjetischem Vorbild.

In der organisierten Kulturlandschaft

der DDR verfügten viele Theater

über ein eigenes Puppenspielensemble.

Suse Wächter bedient sich heute allerdings

nicht mehr hauptsächlich an Vorlagen

der überholten sowjetischen Puppenspielära,

sondern orientiert sich an noch

weiter entfernten Ecke der Welt: Am japanischen

„Bun Raku“-Theater des 17.

und 18. Jahrhunderts gab es auch schon

diese Spielweise, an der Suse sich anlehnt:

Es gibt keine Fäden, wie etwa bei Marionetten,

an denen gezogen wird. Die Spieler

befinden sich mit ihren Puppen mitten

auf der Bühne und mitten im Geschehen.

Diese direkte Spielweise ist zu Suse

Wächters Markenzeichen geworden.


BESTIE MENSCH 14. INTERNATIONALE SCHILLERTAGE / NATIONALTHEATER MANNHEIM MORALISCHE ANSTALT FESTIVALZEITUNG 22.06.2007

✶7

Schiller hängt rum

Und natürlich die große Lebendigkeit

und Ausdrucksstärke der Puppen, die mit

wahnsinnig viel Liebe zum Detail gefertigt

sind. Dazu Suse Wächter: „Wie lange

es dauert, eine Puppe komplett fertig zu

stellen, kann ich beim besten Willen

nicht sagen. Das gestaltet sich eigentlich

immer unterschiedlich.“ Bei Mandy

Warhol, ihrer neuesten Kreatur, ist nicht

ganz so leicht auszumachen, ob diese

mehr ein Mann oder Frau ist. Die Klamotten

und der Körper Mandys sind

klare Hinweise darauf, dass man es mit

einer Frauengestalt zu tun hat. Das Gesicht

allerdings birgt neben weiblichen

auch typisch männliche Züge. Und die

tiefe, äußerst männlich wirkende Krächzstimme

die beinahe schon die Ohren

schmerzen lässt vollendet die Gender-

Konfusion.

Nebenbei bemerkt ist diese Stimme

der Hammer. Die Überraschung ist groß,

wenn man plötzlich sieht, dass diese

furchtbare Singstimme den Stimmbändern

Suses abgetrotzt wird. Die zierliche,

fragile-feenhafte Frau verwandelt sich in

einen schaurig-sonorigen Klangkörper.

Heiser krächzend heißt sie das Publikum

willkommen und berichtet wie eine in

die Jahre gekommene, abgehalfterte Bar-

Chansonette aus ihrem ereignisreichen

Leben. Mit einem toten Pelztier um den

Hals, schwabbeligen Oberarmen und

einem schon etwas abgetakelten Abendkostüm

erinnert Mandy unwillkürlich an

so manch ältere Lady, die mit dem Verlust

der Jugendlichkeit nicht zu Rande

kommt.

Seit Tagen dringen immer wieder

Melodiefetzen von Falcos „Vienna Calling“,

oder „One night in Bangkok“, und

„Sympathy for the devil“ aus dem

Schwimmbad des Collini Centers. Ganz

klar: Die Proben für „Helden Mannheims“

laufen auf Hochtouren. Und morgen

Abend wird es ordentlich rappeln im

Karton. Da ist die Uraufführung. Gemeinsam

mit Tom Kühnel und Jürgen

Kuttner arbeitet Wächter an der so genannten

Mannheimverbesserung.

Kühnel und Wächter kennen einander

seit Jahren, sind mittlerweile ein eingespieltes

Team und haben theatertechnisch

schon einige Schlachten miteinander

geschlagen. Und die Person Jürgen

Kuttners bedarf ohnehin keiner großen

Vorstellung. Bekannt aus dem Hörfunk

und durch sein Radioformat

„Sprechfunk“ würde der berufscoole

Kuttner das Collini Center vermutlich

auch ganz alleine rocken.

Der Ort des Geschehens ist ein absoluter

Glücksgriff. Eine verrücktere und

passendere Location als das Schwimmbad

des Collini Centers hätte man vermutlich

nicht finden können. Der Raum, den so

mancher bestimmt als Kabinett des Grauens

bezeichnen würde, besticht durch

exorbitante Geschmacklosigkeit was Design

und Einrichtung angeht. Schon am

Eingang wird man von einer überdimensionierten

Plastiksonne hämisch grinsend

empfangen. Plastikliegestühle und die

merkwürdige Palmendeko laden auch

nicht gerade zum Verweilen ein.

Doch in Kürze wird es spannend,

wenn sich hier in einer Retrospektive

30000 Jahre Menschheitsgeschichte

oder besser gesagt, Mannheimgeschichte,

abspielen. Nur so viel: Schiller wird es

sich nicht nehmen lassen, persönlich vorbeizuschauen.

Auch Xavier Naidoo, Minimi

und ein paar nackige Rheintöchter

werden mit von der Partie sein, wenn Familienmitglieder

aus Suses Puppenkabinett

sich morgen Abend ein Stelldichein

geben.

✶ MELANIE TROGER

Foto: Melanie Troger

✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶

ANDERE ANSTALTEN

✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶

Drei Zeitungen, zweimal Jelineks

„Ulrike Maria Stuart“, zweimal

„Geisterseher 3 “, einmal „Kabale

und Liebe“, die Zürcher Version, keine

wirklich unterschiedlichen Meinungen.

Der „Mannheimer Morgen“ („MaMo“)

bringt eine Kritik, die sprachlich mit

Nicolas Stemanns poppig-bunten-Flitterstil

der „Ulrike Maria Stuart“-Inszenierung

spielt. Der Text kritisiert nicht die

Aufführung, er schießt sich ein auf das

Verhältnis zwischen gesprochenem Text

und inszenatorischer Brechung: „Stemann

lässt zum Schmerz mancher Zuschauer

Texte untergehen, [...] zitiert in

einer Partitur der Redundanzen gebetsmühlenartig

und leitmotivisch, dass es

nichts zu reden gäbe.“ Zwischendrin

wird der „MaMo“ sogar politisch. Das

Ende der Kritik: „Jedwede Revolution

liegt in Trümmern, weil wir den Hals

noch lange nicht voll genug haben, das

ist bestialisch banal – aber leider wahr.“

Die „Rhein-Neckar-Zeitung“ dagegen

hält sich zum gleichen Thema bedeckt,

lobt zwar die „großartige Besetzung“,

lässt sich aber zu kaum mehr Meinungsäußerung

als „Dada-Anarcho-Kindergeburtstag“

hinreißen. Schlußendlich flüchtet

sie sich in ein: „Man kann den Abend

mögen oder auch nicht“, um schließlich

beim Publikum zu landen. Wenigstens

das „entschied sich mit großer Mehrheit

für ein Pro.“

Beim „Geisterseher 3 “ reicht zum Vergleich

ein kurzer Adjektiv- und Phrasen-

Check: „fantasie- und temperamentvoll“,

„ausdrucksvoll“, „atmosphärisch dicht“

und – Hurra! – „eine rasante dichterische

Achterbahnfahrt“, schreibt der „MaMo“.

Die „Rheinpfalz“ zum gleichen Stück:

„Atmosphäre des Rätselhaften“, „dramaturgisch

brilliant aufgebaute Show“ und:

„Slam Poetry ist ewig junge Lyrik und

effektvoll cool.“

Bleibt noch die Züricher „Kabale und

Liebe“. Davon heute eine Kritik in der

„Rhein-Neckar-Zeitung. Man kann vermuten,

dass dem Blatt die Aufführung gefallen

hat, es ist aber schwer zu sagen.

Zur Inszenierung heißt es: „Nichts soll

ablenken von den zeitlosen Charakteren“,

anschließend nimmt der Artikel

sich sämtliche Schauspieler einzeln vor

und findet sie gut. Oh, doch nicht, Verzeihung:

Wir hätten den kleinen Nebensatz

mit einer etwas generelleren Meinungsäußerung

fast übersehen. „Weder

besonders neu, noch besonders differenziert“,

würden die Charaktere gezeigt.

Wenn das mal nichts ist.

✶ JAN FISCHER


✶8 MORALISCHE ANSTALT FESTIVALZEITUNG 22.06.2007 BESTIE MENSCH 14. INTERNATIONALE SCHILLERTAGE / NATIONALTHEATER MANNHEIM

✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶

WALLENSTEINS SEX

✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶

Die Podiumsdiskussionen „Schiller

on air“, die die Schillertage

mit Themen rund um das Motto

„Bestie Mensch“ begleiten, finden

manchmal auch einen humoristischen

Zugang zu Schiller. Bei der Diskussion am

Dienstag etwa, „Gottes Ebenbild Das

unmenschlich Menschliche des Bösen“,

war es überaus interessant anzusehen,

dass Wilhelm Graf wie ein Löwe gegen

die Dominanz seines Gesprächspartners

Rüdiger Safranski kämpfte. Aus den Krallen

des aufgrund seiner Popularität wohl

jedes Podium dominierenden Safranski

konnte der evangelische Theologe sich

nur befreien, wenn er auf sein ureigenes

Thema zu sprechen kam und dabei auch

vor schnellen Vorurteilen gerade im Hinblick

auf „den“ bösen Islam warnte.

Es ging um die Grenze zwischen Tier

und Mensch. Den Platz an der Sonne besetzte

Rüdiger Safranski, der bei tropischen

Klimaverhältnissen gleich neben

der Fensterfront im oberen Foyers saß

und sichtlich Mühe hatte, die Rolle des

souverän Unterkühlten beizubehalten.

Platz genommen auf dem Podium hatte

auch die bekannte Germanistin Hannelore

Schlaffer. Sie trug mit dazu bei, dass

man sich immer mehr wunderte, warum

die Diskussionsrunde bei den vielen sich

anbietenden Punkten kaum direkte Bezüge

zu Schiller herstellen konnte.

Einen reizvollen Kontrast bot das Podium

am Mittwoch, das sich in bester Dr.

Sommer-Tradition dem Thema „Ein Platz

an der Wonne – Körper, Lust und Leidenschaft“

widmete. Hier war es insbesondere

der „Lokalmatador“ von der Uni

Mannheim, Jochen Hörisch, der das Publikum

hörig zu machen versuchte. In

Zeiten, da Sexualität in allen Medienformaten

ständig begegnet und Menschen

sich über ihre körperliche Attraktivität

definieren, wollte Hörisch die Sexualität

als moderne Form der Selbstinszenierung

verstanden wissen.

Er sprach ein interessantes Phänomen

an, das Peter Wippermann, Trendforscher

und Gründer des Trendbüros Hamburg,

statistisch untermauern konnte: Da die

Pornografisierung der Gesellschaft die

Sexualität abwerte, ließe sich die Gesellschaft

als „oversext und underfuckt“

bezeichnen. Sexuelle Triebe würden anderweitig

ausgelebt, etwa in Extremsportarten.

Mit seiner Frage „Wie stand

es denn mit Wallensteins Sex“ – schließlich

habe dieser möglicherweise in der

Flucht in Politik und Karriere ebenfalls Sexualtriebe

kompensiert – hatte Hörisch

die Lacher auf seiner Seite.

Während die Psychoanalytikerin Eva

Jaeggi eine gedankliche Brücke zu Freud

herstellte, suchte Wippermann nach einer

bewusst provokanten Verbindung zwischen

dem Schönen und dem Bösen. Das

allerdings wurde leider nicht weiter verfolgt:

Laut Wippermann agiert auch die

Medienikone Heidi Klum „wie eine KZ-

Aufseherin, wenn sie Models öffentlich

nach ihrem Äußeren selektiert.“ Es gab keinen

Aufruhr. Warum auch: „Auch an die

Hölle kann man sich gewöhnen“, wusste

schon der frühe Schillerverehrer Grabbe.

✶ MANUEL VON ZELISCH

✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶

SCHILLER UND ICH

✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶

Mit welchem Schiller-Text können

Sie tatsächlich was anfangen

Mit der „Ode an die Freude“. Mit ein

paar Abänderungen ein wunderbarer

Text für eine selbstgebastelte Drei- Akkorde-Gitarrenbegleitung.

den G8-Gipfel sprechen und fragen, ob

er nicht enttäuscht ist, dass die Mächtigen

der Welt 200 Jahre nach ihm immer

noch weit von seinen humanistischen

Idealen entfernt sind und alle zwar seine

Werke kennen, doch scheinbar niemand

daraus gelernt hat. Ansonsten würden

mich besonders Schillers Gefühle und

Gedanken auf seiner Flucht interessieren.

Mit welchem Schiller-Text können

Sie tatsächlich was anfangen

Zu Schulzeiten hat mich Don Carlos besonders

bewegt. Der Freiheitsgedanke

hat es in sich und zumindest damals

konnte ich mich gut in den jungen Infanten

hineinversetzen.

Wann hat Schiller Sie zum

ersten Mal berührt

In der Schule. Wir lasen „Wilhelm

Tell“. Ich ärgerte mich über den Tyrannenmordmonolog

und dachte, einquetscht

an einem Sommernachmittag

zwischen Stuhl und Tafel: Jetzt bring

den Kerl doch endlich um.

Über was würden Sie mit Schiller

sprechen wollen

Über Goethe. Den alten J.W. kann vermutlich

niemand anders besser vom

Sockel stürzen. Vielleicht noch über die

literarischen Gestaltungsmöglichkeiten

im Internet.

Was nervt Sie an Schiller

Das ständige Streben nach innerlicher

und äußerlicher Perfektion, das ständige

Der-Freiheit-hinterherrennen, kurz: der

zu leicht perversen Höhen getriebene

Idealismus. Da kann man auch mal Fünfe

gerade sein lassen.

Wann werden Sie zur Bestie

Menschen, die mich kennen würden

sagen: Nie. Ich würde sagen: Wenn ich

einen Tag ohne Kaffee und Zigaretten aushalten

müsste.

Jan Fischer ist Seminarist und

Mitarbeiter der Festivalzeitung

Wann hat Schiller Sie zum

ersten Mal berührt

Schmerzlich berührt hat Schiller mich, als

ich als kleiner Junge beim Fangenspielen

auf dem Oggersheimer Schillerplatz gegen

seine Büste gelaufen bin. Ab und an hat

mir meine Großmutter auch ein paar seiner

Gedichte vorgelesen, doch die erste

bewusste Erinnerung habe ich erst an

„Die Bürgschaft“, die wir relativ zu Beginn

meiner gymnasialen Laufbahn besprachen.

Über was wurden Sie

mit Schiller sprechen wollen

Aktuell wurde ich mit Schiller gerne über

Was nervt Sie an Schiller

Wenn ich daran denke, wie viel Schiller

noch hätte schreiben konnen, stört

mich sein früher Tod am meisten.

Wann werden Sie zur Bestie

Zur Bestie werde ich, wenn ich mich an

meine Schulzeit erinnere. Einmal stand

unter einem Aufsatz zu „Don Carlos“,

ich würde Schiller Gedankengänge

unterstellen, die er so nicht hatte.

Meine Lehrerin musste Schiller wohl

persönlich gekannt haben.

Moritz Hummrich ist Seminarist

und Mitarbeiter der Festivalzeitung


BESTIE MENSCH 14. INTERNATIONALE SCHILLERTAGE / NATIONALTHEATER MANNHEIM MORALISCHE ANSTALT FESTIVALZEITUNG 22.06.2007

✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶

WANN WERDEN SIE ZUR BESTIE

✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶

✶9

Text&Foto: Lydia Dartsch

HELENE HEROLD

hat junges Gemüse und wenig Platz zum Ausrasten

CLAUDIO CAPIZZI

frisst alles in sich rein bevor aus der Haut fährt

SIMONE BURKHARD

ignoriert Nervensägen und mag keine Ignoranz

»Ich raste nicht gerade schnell aus. Es fällt mir

aber schwer, mich zu beherrschen, wenn meine Kunden

an den Stand kommen, das Gemüse in die Hand nehmen

und ihre Fingernägel in meinen Spargel rammen.

Dann behaupten die noch, der wäre alt. Natürlich darf

man nicht ausrasten. Es gibt dann auch Leute, die streiten

sich mit einem und meinen, sie könnten sich die besten

Spargel raussuchen. Ich habe nur frische Ware.

Dann ist es frustrierend, wenn einem immer eingeredet

wird, dass die alt ist. Wenn ich ausraste, ist das schwer

zu beschreiben, da reicht der Marktplatz nicht aus dafür.

Aber ich muss ja ruhig bleiben.«

»Bis ich einen Wutanfall bekomme, dauert das

schon seine Zeit. Man muss mich dafür richtig wütend

machen. Das geht dann los, wenn man hinter meinem

Rücken schlecht über mich redet. Erstmal bleibe ich

ruhig, und fresse alles in mich rein. Wenn dann auch

noch über andere gelästert wird, läuft dann irgendwann

das Fass über. Ich will dann einfach nur abhauen, alles

hinschmeißen, alles stehen und liegen lassen. Mein italienisches

Blut kocht dann über. Ich schreie dann rum

und schimpfe auf das Übelste. Wenn alles raus ist, beruhige

ich mich aber schnell wieder und mache meine

Arbeit.«

»Ich bin eigentlich recht schnell auf die Palme

zu bringen. Ich mag keine Ignoranz und keine Raser.

Wenn die dann viel zu schnell fahren und drängeln,

kann ich das gar nicht haben. Unordnung mag ich auch

nicht, wenn meine Tochter und mein Mann ihre

Socken in der Wohnung rumliegen lassen. Ich schreie

dann sehr schnell. Manchmal werfe ich auch mit

Gegenständen. Das ist aber mein Temperament. Wenn

ich so ausraste, dann denkt meine Familie: „Jetzt regt sie

sich wieder auf.“ Ich bin dann schnell wieder ruhig.

Wenn mich Leute aber so richtig nerven, dann ignoriere

ich sie einfach und strafe sie mit Nichtbeachtung.«

Helene Herold steht jeden Wochentag auf dem

Marktplatz. Dass ihr frisches Gemüse alt sein soll, kann

sie gar nicht hören.

Claudio Capizzi steht Nacht für Nacht in einer italienischen

Backstube. Zwischen Focaccie und Ciabatte

entstehen oftmals Gerüchte; zum aus der Haut fahren.

Simone Burkard gehört der Kiosk Collini-Treff im

Collini Center. Ihre fünfjährige Tochter und ihr Mann

lassen gerne mal was rumliegen. Das mag sie nicht.


✶10 MORALISCHE ANSTALT FESTIVALZEITUNG 22.06.2007 BESTIE MENSCH 14. INTERNATIONALE SCHILLERTAGE / NATIONALTHEATER MANNHEIM

✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶

KEINE KRITIK

✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶

Oh, Du meine Lichtgestalt, Du

meine Freude schöner Götterfunken,

ich sende Dir Nachrichten

aus dem Funkloch meiner Einsamkeit,

aus dem runden Loch der Nacht.

Ich legte meinen Kopf heut Nacht zwischen

die Sterne, damit ich die Leute in

meinem Kopf nicht mehr rufen höre:

„Den kriegen wir hier nicht raus!“ Ich fiel

in die Nacht. Doch trotz der Bescheidenheit

meiner Handlung in jedem Augenblick

werde ich so nicht enden an dieser

Stelle. Mein Herz ist unruhig. Denn ich

weiß: Gemeinsam würden wir siegen!

Gemeinsam zögen wir immer weniger an

und würden uns überall beschriften.

Das wird unsere Zeit, lass sie leuchten!

Doch wo Du bist, da kann kein Anderer

sein, sonst würd ich wissen, wo das

ist. Ich weiß ja, wenn Du nicht hier bist,

bist Du auf dem Sonnendeck, oder am

Radar. Aber wo Du immer noch stehst,

da ist ein Loch in der Luft und Du

kommst nicht mehr zurück, weiß ich

auch schon. Das schenkt mir die treue

Realität.

Noch nicht mal ein Bild durfte ich

von Dir machen, oh Du meine Lichtgestalt,

ein Foto, was ich auf meinen Nachttisch

gestellt hätte, um Dich morgens als

Erstes und abends als Letztes zu sehen.

So bleibt mir nur Deine Stimme und ich

höre Deine Lieder zum Einschlafen wie

andere „Drei Fragezeichen“-Kassetten.

Kein kleines Stückchen darf ich von Dir

haben, als ich ein Poster mit Deinem

Namen darauf mitnehmen wollte, wurde

mir gesagt, Du willst das selbst behalten.

Du wurdest viel verkloppt in der

Schule, oder Du Mischung aus Autist

und Tollpatsch, Du Poet der reinen Seele,

Du hast mein kleines Herz berührt. Von

unten aus dem Publikum siehst Du größer

aus. Ich liebe sogar den Dodo-förmigen

Schweißfleck auf Deiner Brust. Ich

nehme Dich auch mit Tüte auf dem Kopf

oder mit vom Kissen verdeckten Antlitz,

auch wenn Du mir mit Gesicht lieber

wärst. Für Dich nehme ich jede Schrulle

in Kauf. Lass mich Dich dafür entschädigen,

dass Du wahrscheinlich ein Flaschenkind

warst, Du, mein fallender

Stern. Ich schnall Dir Deinen Gitarrengurt

wieder an. Wir bespucken gemeinsam

den Kölner Dom und reißen den Himalaja

ab! Ich werde bleiben und auf

Dich warten.

✶ JULE D. KÖRBER

✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶

SONNENSEGEL

✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶

Sonnensegel-Hängematte

Als die Nacht anfängt und die

Leute sich eigentlich zur Techno-

Musik des DJs warm tanzen sollten,

ist die Tanzfläche des Theater-Cafés

leer, nur Vereinzelte stehen nah an der

Wand und nicken im Takt, alle anderen

sitzen in kleinen Gruppen draußen im

Gras, unter Flying Tends, den Sonnensegeln.

Es ist warm und riecht nach Gewitter,

ein Kellner im weißen Hemd läuft

Schlangenlinien durch die Menschen,

sein Tablett ist voll mit leeren Gläsern.

Foto: Tim Tonndorf

Die Teilnehmer der Seminare waren in

Heidelberg, Tüten von Plattenläden liegen

neben ihnen, einer sagt: „Wer baut, der

haut.“

Ein junger Mann springt hoch und

versucht, das Abspannseil eines Flying

Tends zu erreichen, seine Freundin lacht.

Die beiden holen eine Bank, stellen sich

darauf und ziehen das Tuch herunter.

Dann klettern sie hinein wie in eine riesige

Hängematte, die Ausbeulung streift

fast den Boden. Es dauert nur wenige Minuten,

bis die Security kommt. Nachdem

die beiden verschwunden sind, bleibt der

Stoff faltig, die Ausbuchtung sichtbar.

Einen Tag später ist von der Aktion nichts

mehr zu sehen. Mit viel Aufwand und

einer Hebebühne ist das Tend wieder an

der Nationaltheaterfassade befestigt worden.

Wieder ist der Rasen voller Menschen,

die entweder auf Stühlen oder

dem Rasen, Cocktails, Bier oder Café trinken

und sich vom Tage berichten. Das

Stimmengewirr sorgt für eine große Geräuschkulisse.

Drinnen platzt das Foyer zwar nicht

aus allen Nähten, gut gefüllt ist es dennoch.

PeterLicht steht auf der Bühne.

Aber davor Sitzen die Zuschauer auf

dem Fußboden, ein Textblatt in der

Hand. Singen mit dem Künstler zu meditativen

Sitarklängen. Das polarisiert.

Einem scheint das Konzert nicht zu gefallen.

„PeterLicht, du bist Sch****“

schreit er. Eine Zuschauerin setzt sich für

ungestörten Genuss ein. Noch bevor die

Situation eskaliert, wird der Störenfried

zum Ausgang geleitet. Die Fans vollführen

weiter ihren Sitztanz, wenige bewegen

sich im Stehen. Eine gewiefte

junge Frau in gelb-grünem Kleid versucht

ein Partyplakat als Erinnerung mitzunehmen.

Dann ist das Konzert vorbei. Die

Menge strömt ins Theater-Café. Manche

bleiben unterwegs am Merchandisingstand

stehen, um Plakate, CDs, Bücher

und T-Shirts zu erstehen. Am Cocktailstand

ist das Eis ausgegangen. „Gehen

Sie jetzt bitte rüber!“, bittet die Security

letzte Gäste im Theaterfoyer. Die Party

ist noch nicht vorbei. Im Café geht sie

erst richtig los, zu dröhnenden Houseklängen.

✶ MARCEL MAAS

✶ LYDIA DARTSCH


BESTIE MENSCH 14. INTERNATIONALE SCHILLERTAGE / NATIONALTHEATER MANNHEIM MORALISCHE ANSTALT FESTIVALZEITUNG 22.06.2007

✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶

GEFÜHLTER ADOPTIVSOHN

✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶✶

Schiller und Mannheim – aus dieser Beziehung gingen

Stücke wie der „Fiesko“ oder „Kabale und

Liebe“ hervor. Doch noch immer sind Fragen

ungeklärt. Fest steht: Schillers Mannheimer Jahre

waren prägend für seine künstlerische und persönliche

Entwicklung. Umgekehrt prägen sie die Stadt.

✶11

Zum Verständnis der Werke eines

Dichters führen viele Wege. Eine

reizvolle Alternative zu staubiger

Bibliotheksarbeit besteht darin, sich direkt

auf Schillers Spuren zu begeben: Zu

sehen, was er sah; Atmosphären zu erleben,

die er erlebte. Das kann die Person,

aber auch das Werk neu beleben und eine

unerwartete Nähe zu dem nicht selten in

abstrakter Ferne Vermuteten schaffen.

Doch gerade im Falle der Rekonstruktion

von Schillers Leben ergeben

sich Schwierigkeiten. Mannheim etwa

erreichte er de facto als Deserteur am

Morgen des 24. September 1782 nach

abenteuerlicher Flucht aus Stuttgart. Da

er militärrechtliche Verfolgung aus

Baden-Württemberg und nicht weniger

als die Todesstrafe befürchten musste,

sah er sich gezwungen, unter falschen

Namen zu residieren und briefliche Angaben

über seinen Aufenthaltsort zu fingieren.

Charakteristisch für Schiller zu diesem

Zeitpunkt, kurz vor seinem 23. Geburtstag,

ist der Kontrast zwischen Lebensumständen

und Lebenseinstellung.

Die Initialzündung für seine faszinierende

Selbstsicherheit ist in Mannheim

zu verorten: Kaum ein Ereignis hat in der

deutschen Theatergeschichte derart für

Furore gesorgt wie die Uraufführung von

Schillers Dramendebüt „Die Räuber“ am

13. Januar 1782 am Nationaltheater.

Die durch eigenes Handeln erlangte

Freiheit muss er wie einen Rausch erlebt

haben. Die Welt, die ihm offen stand,

wollte er im Sturm erobern. Von einer

„besessenen“ Selbstgewissheit Schillers,

trotz oder gerade aufgrund der finanziellen

Ungewissheit seiner Situation, spricht

Liselotte Homering, Leiterin der Abteilung

Theater- und Musikgeschichte der

Reiss-Engelhorn-Museen.

Sie liefert auf der Basis neuer Funde

überraschende Neuigkeiten. So sei Schillers

finanzielle Misere in Mannheim, als

die Höhe seiner Schulden und die Zahl

seiner Schuldner stetig wuchs, nicht auf

ein zu geringes Einkommen zurückzuführen.

Vielmehr habe der junge Mann

auf atemberaubende Art und Weise nicht

mit durchaus vorhandenem

Geld umzugehen gewusst.

Den Verdacht seines

Vaters, dass es sich

hierbei um Spielschulden

handeln müsse, hat Schiller

ebenso wenig entkräftet

wie er seinen repräsentativen

Lebensstil änderte.

Auffällig ist der Ton,

mit dem Schiller seinen

Schuldnern begegnet: Fast

könnte man den Eindruck

gewinnen, als sollten sie

sich geschmeichelt fühlen,

einer kommenden

Ikone deutscher Literatur

Geld leihen zu dürfen. Bezeichnend

erscheint denn

auch der einzige bekannte

Wohnsitz Schillers in

Mannheim: Von Juli bis

Oktober 1783 wohnte er

in L 2/1, in bester und

auch damals schon teuerster

Wohnlage direkt

gegenüber dem Schloss.

Dies schien ihm anscheinend

nicht nur standesgemäß,

sondern auch

finanzierbar. Über weitere

feste Adressen Schillers,

selbst die Zahl seiner Umzüge in

der Quadratestadt, lässt sich nur mutmaßen.

Die Frage, wie Schiller heute auf

seine Mannheimer Zeit zurück blicken

und es aufnehmen würde, zu erfahren,

dass an diesem Ort in diesen Tagen die

Schillertage stattfinden, beantwortet der

Schiller-Biograf Rüdiger Safranski: „Er

wäre gerührt! Schiller hatte schon früh

ein geschichtliches Verhältnis zu seinem

Leben, und Mannheim war darin eine

schwierige, aber eben darum wichtige

Station.“ Homering stimmt zu: „Schiller

würde anerkennen, dass er an den Umständen,

die schließlich zu seiner Abreise

nach Leipzig führten, nicht ganz unschuldig

war.“

Nach seinem Tod wurde Schiller

schnell zum gefühlten Adoptivsohn

Schiller unversehrt in

den Kriegstrümmern

Mannheims

Mannheims. Bereits 1807 gab es das

erste „Schiller-Fest“. 1862, als Initiative

zu Schillers 100. Geburtstag 1859, stellte

man zentral vor dem ehemaligen Gebäude

des Nationaltheaters das Schillerdenkmal

aus Bronze auf, das heute in

einer Nische auf dem Schillerplatz steht.

Nichts verdeutlicht die Beziehung zwischen

Stadt und Dichter eindringlicher

als der Anblick, der sich den Mannheimern

am Morgen des 6. September 1943

bot.

Aus den Ruinen der in der Nacht

zuvor bombardierten Stadt ragt Schiller

unversehrt hervor, die Hand wie zur Versöhnung

ausgestreckt. Eine erhabene

Foto: Kortokrakf /

reiss-engelhorn-museen,

Theater- und Musikgeschichtliche Sammlung

Geste, die auf das gesamte Land übertragen

werden könnte. Der Geist Schillers

hat überdauert. Emblematisch ist die

mündliche Überlieferung, zur Behebung

der leichten Schäden am Schillerdenkmal

habe man das völlig zerstörte Denkmal

von Schillers Mannheimer Intimus Iffland

benutzt, das neben demjenigen

Schillers stand. Die Möglichkeit einer

Wiederverlegung des Schillerdenkmals

auf seinen einstigen Standpunkt in der

Mitte des idyllischen Platzes sollten die

Mannheimer als Chance sehen.

✶ MANUEL VON ZELISCH


✶2 ✶12 MORALISCHE ANSTALT FESTIVALZEITUNG 22.06.2007 BESTIE MENSCH 14. INTERNATIONALE SCHILLERTAGE / NATIONALTHEATER MANNHEIM

SPIELPLAN FREITAG 22.06.07

✶ AB 14.00 ✶ ✶ AB 17.00 ✶ ✶ AB 18.30 ✶

17:00 Oberes Foyer

SCHILLER ON AIR

SWR2 FORUM

€ 5,– / 2,50 / frei in Verbindung

mit Vorstellungsbesuch

18:30 Studio Werkhaus

LUIS URETA · KALLIAS –

KRANKHEIT IM BLICK (UA)

Teatro La Puerta – Chile

€ 13,– / 8,–

✶ AB 19.00 ✶ ✶ AB 22.00 ✶ ✶ AB 22.30 ✶

19:00 Opernhaus GASTSPIEL

MARIA STUART

Schaubühne Berlin

PREISE G

anschließend Publikumsgespräch

22:00

PENSION SCHILLER

FOLGE 4 (UA)

Drama Köln

€ 13,– / 8,–

22:30 Unteres Foyer/Theatercafé

SCHILL-OUT

mit KOOK & ROXXY

und PITCHTUNER

Eintritt frei!

19:30 Schauspielhaus

OS BANDIDOS

DIE RÄUBER (UA)

Teatro Oficina – Brasilien

Abo F grün, PREISE G

22:00 TiG7 Hof

SCHILLER VOR MIR

– EINE REISE (UA)

Volker Gerling

€ 13,– / 8,–

20:00 Probenzentrum Neckarau

WALLENSTEIN

Eine dokumentarische Inszenierung

Rimini Protokoll

€ 13,– / 8,–

Maria Stuart, Schaubühne Berlin

Fotos: Matthias Horn

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine