VIER LEBEN

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VIER LEBEN

VIER LEBEN

präsentiert

VIER LEBEN

(LE QUATTRO VOLTE)

Regie

Michelangelo Frammartino

Drehbuch

Michelangelo Frammartino

Darsteller

Giuseppe Fuda, Bruno Timpano, Nazareno Timpano

Eine Koproduktion von

Vivo Film, Essential Filmproduktion, Invisibile Film, ventura film

Mit Unterstützung von

Medienboard Berlin-Brandenburg, Ministero per i Beni e per le Attività Culturali – Direzione Generale

Cinema, TorinoFilmLab, Eurimages, Fondazione Calabria Film Commission – Regione Calabria

In Zusammenarbeit mit

ZDF / arte, Cinecittà Luce, RSI Televisione svizzera

Produzenten

Marta Donzelli, Gregorio Paonessa, Susanne Marian, Philippe Bober,

Gabriella Manfrè, Elda Guidinetti, Andres Pfaeffli

Kinostart: 30. Juni 2011

im Verleih von NFP marketing und distribution*

im Vertrieb von Filmwelt Verleihagentur


VIER LEBEN

Festivals:

Berlinale 2011 – Kulinarisches Kino

Festival de Cannes 2010 – La Quinzaine

Filmfest München 2010

Karlovy Vary International Film Festival 2010

Era New Horizons International Film Festival, Wroclaw 2010 – International Competition

Sarajewo Film Festival 2010

Motovun Film Festival (Kroatien) 2010

Festival du film de Lama (Korsika) 2010

Auszeichnungen:

European Cinemas Label – Quinzaine des Réalisateurs, Cannes 2010

CineVision Award – Filmfest München 2010

Nastro d’argento speciale – Nastri d’argento 2010

Audience Award, International Film Guide Award – Era New Horizons

International Film Festival, Wroclaw 2010

Special Jury Award, FIPRESCI Preis – Motovun Film Festival (Kroatien) 2010

CICAE Award – Filmfest in Annecy 2010

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VIER LEBEN

VERLEIH

NFP marketing & distribution*

Kantstraße 54

10627 Berlin

Tel.: 030 32909 413

Fax: 030 32909 419

www.NFP.de

VERTRIEB

Filmwelt Verleihagentur

Rheinstr. 24

80803 München

Tel: 089 27775217

PRESSEBETREUUNG

boxfish films

Stubbenkammerstraße 4

10437 Berlin

Tel.: 030 44044 751 / -753

Fax: 030 44044 691

info@boxfish-films.de

Weitere Presseinformationen und Bildmaterial

stehen online für Sie bereit unter

www.filmpresskit.de

Die offizielle Website zum Film finden Sie unter

www.vier-leben-derfilm.de

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VIER LEBEN

„In Kalabrien ist die Natur nicht hierarchisch; alle Lebewesen haben eine Seele.

Man sieht es, wenn man in die Augen eines Tieres blickt. Man spürt es beim

Rauschen einer großen Tanne im Wind. Man hört es, wenn die Holzkohle singt,

als hätte sie eine eigene Stimme.“

Michelangelo Frammartino – Regisseur

KURZINHALT

Ein alter Ziegenhirt verbringt die letzten Tage seines Lebens in einem ruhigen mittelalterlichen Dorf.

Im tiefsten Süden Italiens hütet er seine Ziegen, an einem Ort, den die meisten Dorfbewohner seit

langem verlassen haben. Er ist krank. Seine Medizin ist der Staub vom Kirchenboden, den er jeden

Tag mit etwas Wasser trinkt. Als er eines Nachts stirbt, halten seine Ziegen Wache am Sterbebett.

Ein Zicklein wird geboren. Wir folgen seinen ersten zaghaften Schritten, sehen, wie es heranwächst

bis es kräftig genug ist, um zu weiden. Doch in den Bergen verliert es den Anschluss an die Herde.

Das Junge sucht Schutz unter einer majestätischen Tanne, die sich im Bergwind wiegt. Deren Leben

wird bestimmt von den Jahreszeiten. Kurze Zeit später liegt die Tanne auf dem Waldboden und ist

nur noch das Skelett ihrer selbst. Die Köhler verwandeln sie nach alter Tradition in Holzkohle. Unser

Blick verliert sich im Rauch der Asche.

VIER LEBEN ist die poetische Sicht auf den sich immer wiederholenden Kreislauf des Lebens und der

Natur. Angesiedelt in der unvergleichlichen Landschaft Kalabriens, zeichnet Regisseur Michelangelo

Frammartino das Porträt einer archaischen Welt und offenbart dabei Einblicke in einen zeitlosen Ort

und seine ungebrochenen Traditionen.

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VIER LEBEN

INHALT

Im Hinterland der süditalienischen Bergregion Kalabrien führt ein alter Ziegenhirt seine Herde entlang

längst vergessener Pfade zum Weiden in die Hügel. Jeden Morgen tauscht die Hauswirtschafterin der

Kirche eine Handvoll Staub vom Kirchenboden gegen etwas frische Milch des Ziegenhirten. Jeden

Abend löst der alte Mann das „magische“ Pulver in Wasser auf und trinkt die Mixtur, um seine

Schmer zen zu lindern. Eines Tages verliert er den morgens gegen Ziegenmilch eingetauschten Um -

schl ag im Wald. In dieser Nacht stirbt er, während seine Ziegen Wache an seinem Sterbebett halten.

Ein Zicklein wird geboren, wächst heran, wagt seine ersten Schritte in der Natur. Aber es ist lang -

samer als der Rest der Herde und bleibt zurück. Mitten im Wald fällt es in einen Graben. Unfähig

hinaus zu klettern, schreit es nach Hilfe, aber weder der Hirte noch sein Hund hören es. Als es endlich

dem Graben entfliehen kann, findet es sich verlassen und allein. Ziellos wandert es herum, bis die

Nacht herein bricht. Es stolpert auf einen majestätischen Baum zu, unter dem es Schutz für die Nacht

sucht. Im folgenden Frühling fällen die Dorfbewohner diese herausragende Tanne für die jährlich

statt findende „Festa della Pita“, ein jahrhundertealtes traditionelles Fest. Sie sägen ihre Zweige ab

und tragen den Stamm zum Dorfplatz, wo er aufgestellt wird. Nachdem die Feierlichkeiten im Dorf

beendet sind, wird der Stamm an die örtlichen Köhler verkauft. Von ihnen wird er in Stücke zersägt

und für den Bau eines Kohlenmeilers genutzt. Der Meiler, der mit Gras, Moos und Lehm bedeckt ist,

wird angezündet und beginnt zu rauchen. Nachdem das Feuer erloschen ist, hat sich die pflanzliche

Materie in eine mineralische Materie verwandelt, die spröde und leicht zerbrechlich ist: in Holzkohle.

MICHELANGELO FRAMMARTINO ÜBER DEN FILM

Kalabrien ist ein Land, das eine besondere Faszination ausübt, weil hier archaische Traditionen bis

in die heutige Zeit gelebt werden. Die Köhler nutzen seit eh und je die gleichen Methoden für die

Ver ar bei tung der gleichen Materialien. Dieses Land hat mich gelehrt, die Rolle des Menschen aus

einer anderen Perspektive zu betrachten, meinen Blick von ihm abzuwenden. Daher stellt sich für

mich die Frage: Kann sich das Kino von dem Dogma befreien, dass der Mensch die führende Rolle

einnimmt VIER LEBEN soll uns ermutigen, die Perspektive zu wechseln. Der Film ermöglicht dem

Zuschauer, nach der unsichtbaren Verbindung zu suchen, die zwischen seinem eigenen Leben und

seiner Umgebung besteht. Zunächst beginnt die Erzählung im traditionellen Sinn, in der der Mensch

im Fokus steht. Dann wird die Aufmerksamkeit auf das Umfeld des Menschen gelenkt – auf diejenigen

Objekte, die normalerweise Teil der Kulisse sind. Der Mensch rückt in den Hintergrund und das, was

zuvor außerhalb des Fokus war, rückt in den Vordergrund. Dadurch wird der Weg frei für eine erfreuliche

Ent deckung: Die Tiere, die Pflanzen und das Reich der Mineralien sind mit der gleichen

Würde geseg net wie der Mensch. Ich glaube daran, dass das Kino mehr als jede andere Kunstform

die Wechsel wirkung dieser Bereiche herausstellen kann. Diese Wechselseitigkeit zu finden, war ein

cineastisches und persönliches Abenteuer.

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VIER LEBEN

INTERVIEW MIT MICHELANGELO FRAMMARTINO

Ahnenforschung

Ich habe meinen ersten Film Il Dono 2003 in Kalabrien gedreht. Ursprünglich stammt meine Familie

von dort, und dank meiner vielen Reisen in den vergangenen Jahren habe ich eine tiefe Verbundenheit

mit dieser Region im Süden Italiens entwickelt. Meine Freunde empfahlen mir, das kalabrische Hin -

ter land zu besuchen, über das ich nur wenige Erinnerungen von den Reisen in meiner Kindheit hatte.

Einer dieser Orte liegt in der Serre, einem bergigen Gebiet in der Provinz Vibo Valentina, der Heimat

der Hirten und Köhler. Die Holzkohle wird dort seit Jahrhunderten in der gleichen Art hergestellt, die

Handwerkstradition von Generation zu Generation weitergegeben. Was ich sah, faszinierte mich. Und

schnell wurde mir klar, ich wollte einen Film darüber zu machen, ohne zu wissen, was das für ein

Film sein würde.

Die Zeit, die ich mit den kalabrischen Hirten verbrachte, gab mir die Gelegenheit, Tiere aus der Nähe

zu beobachten. Ich bin von der Welt der Tiere fasziniert. Ihre Unwissenheit über die Anwesenheit

einer Kamera ließ mich ganz selbstverständlich etwas tun, was ich in meiner Arbeit als Filmemacher

schon immer angestrebt hatte: die Grenzen zwischen Dokumentation und Spielfilm zu überschreiten.

Ein Freund von mir, Gigi Briglia, der später als Standfotograf am Set arbeitete, hat mir von der „Festa

della Pita“ erzählt. Dieses Fest, dessen Ursprung auf die Zeiten der Langobarden in dieser Region

zurückgeht, findet jährlich im Dorf Alessandria del Carretto statt. Die Einwohner verlassen das Dorf

und gehen in den Wald, wo sie nach einer großen Tanne suchen, diese fällen und zurück ins Dorf tragen.

So sind mir ohne bewusstes Zutun meinerseits die vier Bereiche in den Schoss gefallen, die später

den Film ausmachen sollten: der Hirte, der den menschlichen Bereich repräsentiert; die Ziegen

als tierischer Bereich, die Tanne als pflanzlicher Bereich und die Holzkohle, die, obwohl pflanz lichen

Ur sprun ges, von den Köhlern in mineralische Materie transformiert wird.

Das hat mich an einen Satz erinnert, der Pythagoras zugeschrieben wird, und den ich hier so umschreibe:

„Jeder von uns trägt vier Leben in sich, die sich ineinander fügen. Menschen sind Mineralien,

weil ihr Skelett aus Salz besteht; der Mensch ist auch pflanzlich, da sein Blut wie Saft fließt; er ist

tierisch in dem Maße, wie er mit selbständigem Bewegungsvermögen und Wissen über die Außenwelt

ausgestattet ist. Und schließlich ist der Mensch menschlich, weil er die Gaben des Willens und der

Vernunft besitzt. Deshalb müssen wir uns viermal selbst erkennen.“ Pythagoras lebte während des

6. Jahrhunderts v. Chr. in Crotone, dem heutigen Kalabrien. Seine Schule verbreitete die Lehre über

die Metempsychose oder auch Seelenwanderung. Die Legende sagt, dass Pythagoras seine Studenten

hinter einem Vorhang stehend unterrichtete. Vor diesem Vorhang sitzend, vergleichbar mit dem heutigen

Kino, lernten seine Schüler fünf Jahre lang, seiner Stimme zu folgen und dabei die versteckte

Bedeutung der Dinge zu entdecken, die Bedeutung, die hinter dem Schleier liegt, der sie kaschiert.

Dieser Schleier mag unsere Sicht trüben, aber er hilft uns auch zu verstehen, dass Bedeutung nicht

durch das Sehen erfasst wird. Bedeutung besteht vielmehr aus Ziffern, Seele und Idee. Im Grunde

genommen besteht sie aus Staub und Lichtpartikeln, ähnlich der, die wir im Projektorstrahl ent -

decken, wenn wir uns im Kino nach hinten drehen. Der tiefsitzende animistische Glaube, der sich in

diesem Land bis heute behauptet hat, hat sich in seinem Denken verankert.

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VIER LEBEN

Pythagoras Einfluss findet sich überall wieder, in Platos Lehren über die „Idee“, in Keplers Himmels -

physik und Galileos geometrischer Theologie bis hin zu Nietzsches Lehren der „ewigen Wiederkunft“

und Einsteins Physik. Pythagoras’ Wissen über die östliche Philosophie führte zu seinem Glauben an

die Reinkarnation von Seelen. Er glaubte, bereits verschiedene Leben als Tier und Pflanze gelebt zu

haben und behauptete, dass die Bedeutung seiner Existenz und der Anderer in der ewigen Wiederkehr

eines natürlichen Kreislaufs besteht. Kalabrien ist von der Empfindung dieses Kreislaufs durchdrungen.

Jeder, der dort hingeht, kann es aus erster Hand erfahren, ob er Nietzsche gelesen hat oder

nicht. In Kalabrien ist die Natur nicht hierarchisch. Alle Lebewesen haben eine Seele. Man sieht es,

wenn man in die Augen eines Tieres blickt. Man hört es im Geräusch der Holzkohle, die singt, als

hätte sie eine eigene Stimme. Man erlebt es, wenn sich eine große Tanne auf dem Mount Pollino im

Wind wiegt.

Ich hätte nie gedacht, dass ich mich jemals mit diesem Thema beschäftigen würde. Es hat einfach

ganz langsam Besitz von mir ergriffen. Ich habe mich der Kraft dieses Films ergeben, so wie man

sich ergeben würde, wenn man mit dem Beweis eines Mysteriums konfrontiert würde. Der Film wurde

mir als ein Geschenk gegeben; ich wollte ihn nicht aufgrund einer zuvor existierenden Idee. Somit

bin ich nicht der Schöpfer dieses Films im üblichen Sinne. Ich war einfach der Vermittler zwischen

Materie und Form in einem Prozess, ähnlich wie ihn der Arte Povera-Künstler Giuseppe Penone anwendet:

ein Bildhauer, der einen Baum in einen Baum meißelt und damit Leben und Form tief aus

der inneren Materie heraus durch seine Skulpturen entstehen lässt. Das geschieht durch den Verzicht

von Kontrolle.

Der menschliche Aspekt

Ich habe die Bewohner des Ortes wie selbstverständlich in diesen Film integriert. Die Hauptfigur des

ersten Kapitels ist ein Ziegenhirte. Danach wird der Mensch in den Hintergrund verbannt, so sehr,

dass er letztlich in der Kulisse verschwindet. Deshalb entschied ich auch, die Kleidung der Köhler,

die im letzten Kapitel zu sehen sind, in der gleichen Farbe zu halten wie die Kohlenmeiler. Somit ist

das einzige menschliche Wesen, das wirklich im Film sichtbar ist, der alte Hirte. Und selbst er gleicht

sich optisch seiner Umgebung an. Hirten sind oft Gegenstand von Mutmaßungen der Dorfbewohner.

In früheren Zeiten hatten sie nicht das Recht, als Zeuge zu fungieren, da sie zu nah an der tierischen

Welt waren, um glaubhaft zu sein. Der Hirte in meinem Film ist eine einsame Figur, die ihren Weg

geht und immer wieder die Schwelle des Dorftores überquert, um in die Natur einzutauchen. Sein

einziger Kontakt mit der Gemeinschaft findet aufgrund eines ehemals geläufigen aber inzwischen

fast vollständig verschwundenen Glaubens im kalabrischen Hinterland statt: der Glaube, dass der

Staub des Kirchenbodens therapeutische Eigenschaften hat. Er wurde nicht nur kranken Menschen

und Tieren verabreicht, sondern auch zum Düngen der Erde genutzt. Dieser alte Hirte glaubt an die

magische Kraft des Staubes. Er bekommt ihn von der Hauswirtschafterin der Kirche im Tausch gegen

eine Flasche Milch. Am Abend löst er den Staub in Wasser auf und trinkt ihn wie Medizin. Das Interessante

an diesem Tausch ist, dass über diesem Handel der Hauch von Geheimnis und Verschwiegenheit

liegt. Beide, der Hirte und die Hauswirtschafterin wissen, dass dieser heidnische Glaube in ihrem

christlichen Umfeld nicht gern gesehen wird.

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VIER LEBEN

Seelenwanderung

Eines Abends hat der alte Ziegenhirte kein „magisches“ Pulver mehr und versucht vergeblich, wel ches

zu beschaffen. Hilflos und entmutigt kehrt er zurück nach Hause und geht schlafen. Am nächsten

Morgen erfahren wir, dass er im Schlaf gestorben ist. Der Tod des alten Mannes markiert das Ende

der ersten Episode und den Beginn der zweiten. Seine Herde hat sich an seinem Bett versammelt,

um Nachtwache während seines Sterbens zu halten. Das Letzte, was der Hirte sieht, bevor er die

Welt der Lebenden verlässt, ist eine seiner Ziegen. Somit beginnt das zweite Kapitel mit seiner Seelen -

wanderung. Und zwar mit der Geburt eines jungen Zickleins, einem ergreifenden Moment, den ich

glücklicherweise selbst einmal miterleben konnte. Die Geschichte setzt sich fort, als dieses Junge,

das gerade lernt auf seinen eigenen Füssen zu stehen, von der Herde verlassen wird. Es verläuft sich

im Wald und sucht Schutz unter einem Baum. Die zweite Episode endet genauso wie die erste, mit

einer Seelenwanderung. Die große Tanne (eine seltene Art in Kalabrien), unter dem das Junge Schutz

gefunden hat, wird die zentrale Figur des dritten Kapitels, in der die „Festa della Pita“ stattfindet.

Der Kult um den Baum ist eine weitere heidnische Tradition, die in dieser christlichen Gemeinschaft

überlebt hat. Jedes Jahr versucht der Gemeindepriester von Alessandria del Carretto diese Tradition

in das christliche Ritual zu integrieren, ohne Erfolg. In früheren Zeiten wurden Ziegen hoch in den

Baum gebunden und dann wurde von unten auf sie geschossen, um sie zu töten. Blut spritzte überall

hin und verteilte sich auf die Anwesenden in diesem intensiven und farbenfrohen Fruchtbarkeitsritual.

Am Ende der Feierlichkeiten wurde der Baum an die Köhler aus dem Gebirgsgebiet der Serre ver kauft,

auf die wir schon einen Blick im Prolog werfen konnten. Das vierte und letzte Kapitel beginnt hier.

Der Stamm ist in große Stücke zerlegt worden, welche die Köhler zu ihren Arbeitsplätzen tragen. Ihre

Auf gabe ist, die Verwandlung dieses lebenden pflanzlichen Materials in mineralische Materie. Der

lang same Prozess, wie sich Form und Materie verändern, ist meiner Meinung nach einer der in ten -

siv sten Momente des Films. Es ist der Triumph der Materie über das Objekt, das nicht stirbt, son dern

kontinuierlich transformiert wird. Diese vier Episoden sind nicht mit Überschriften versehen, in der

Hoffnung, dass die Gesamtheit des Films lauter spricht als seine Bestandteile. Seine Ge samt heit basiert

auf der Präsenz eines unsichtbaren Protagonisten: einem Geist, der alle vier dieser Mate rie-

Körper bewohnt und durch das Passieren eines Zustandes in den anderen, von einem Bereich in den

anderen, den ganzen Film zusammenhält.

Inszenierung

Eines der grundlegenden Themen des Films ist die Beziehung zwischen Figur und Umfeld. In unserer

Kultur steht der Mensch im Mittelpunkt des Universums und alle anderen Lebewesen sind in den

Hintergrund gedrängt. Diese Tatsache lässt sich am Film eindrücklicher als an irgendeiner anderen

Kunstform beweisen. Tatsächlich ist die technische Sprache vollkommen um die menschliche Figur

im Bild strukturiert. Ein Close-up ist ein Gesicht in Nahaufnahme. Ein extremes Close-up zeigt nur

Augen, Nase und Mund. Eine amerikanische Einstellung zeigt den Körper von den Knien aufwärts.

Sogar eine lange Einstellung wird durch die winzige Präsenz eines Menschen in der Landschaft de -

fi niert. Mich interessierte ein ausgewogenes Verhältnis zwischen menschlicher Figur, Vegetation und

anderer Objekte. Am Anfang der ersten Episode steht der Ziegenhirt im Mittelpunkt, während die

Tiere den Hintergrund besetzen. An einer Stelle verbindet sich der Vordergrund mit dem Hintergrund

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VIER LEBEN

und die Tiere werden zu Hauptfiguren. Den Übergängen von einer Episode zur nächsten sind Momente

vorangestellt, in denen Menschen, die bis dahin mit dem Hintergrund verschmolzen waren, beginnen,

sich von der Kulisse zu lösen und sich in den Vordergrund bewegen, klanglich oder visuell. Ich habe

ver sucht zu vermeiden, dass Figuren seitlich des Bildausschnitts ein- oder austreten. Ich wollte, dass

sie direkt aus dem Zentrum der Aufnahme erscheinen: Menschen kommen und gehen durch Türrahmen,

das junge Zicklein taucht aus dem Mutterleib auf, der alte Hirte und seine Herde verschwin -

den hinter einem Hügel aus dem Bild. Ich mag die Idee, dass aus Bildern Figuren werden, ähnlich

wie in dem 45-Sekunden Film der Brüder Lumière Arbeiter, die Fabrik Lumière verlassend. Dies

reduziert die Trennung zwischen Innen und Außen, zwischen dem, was im und außerhalb des Blickfeldes

liegt. Dadurch ergibt sich die Möglichkeit, mitten ins Geschehen einzutauchen ohne dass eine

Bildbegrenzung die Sichtweise definiert. Das wiederholt sich ständig und bietet die Bühne für die

komplexesten Momente des Films.

Es gibt z.B. eine Aufnahme des Tores von S. Antonio, dem zweiten Eingang des Dorfes von Caulonia,

der sich zur ländlichen Gegend öffnet und eigentlich nur von den Dorfbewohnern genutzt wird. Ich

habe es in einer einzigen langen Einstellung gefilmt, mit einer sehr kurzen Brennweite, einer 16 mm

Linse. In dieser Szene erkennt man ein Haus. Bevor es verputzt wurde, bestand es aus dem gleichen

grob gehauenen Stein, aus dem der Torbogen gebaut ist. Erst später fanden wir heraus, dass dies

das Haus des Hirten ist. Aber diese Tatsache war nicht annähernd so bedeutend wie die Position des

Hauses: es steht auf der Grenzlinie zwischen dem Dorf und der ländlichen Umgebung. Wie der Hirte

gehört es zur Gemeinde und ist doch von ihr ausgeschlossen. Es ist zu dicht am Dorf, als dass es die

Tiere mögen könnten und zu sehr von der Anwesenheit der Tiere geprägt, als dass es ins Dorf integriert

werden könnte.

Musik

Meine Absicht war, mit der Filmmusik die Zusammenhänge und Übergänge dieser vier Leben zu verstärken.

Während der Tonmischung habe ich Elemente hinzugefügt, die wie Echos die verschiedenen

Momente des Filmes verbinden. Ich wollte dem Zuschauer den Eindruck vermitteln, dass der Ton im

Hintergrund der Bilder entsteht, ähnlich wie beim pythagoreischen Unterricht, wo der Lehrer hinter

einem Vorhang stand und lehrte. Der Ton gibt dem Bild seine tiefgründige Bedeutung, aber sein Geheimnis

bleibt hinter der Leinwand verborgen.

Interview zusammengestellt durch Eugenio Renzi

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VIER LEBEN

KALABRIEN AM SCHEIDEWEG

Im antiken Zeitalter als Bruttium gegründet, ist die Region im Süden Italiens – auf der Spitze der ita -

lie nischen Halbinsel unterhalb Neapels gelegen – ein Ort voller Widersprüche. Kalabrien ist die ärmste

Region Italiens und eine der am meisten Not leidenden in Europa, aber auch eine Gegend, in der Land

und Leute Tradition und Großzügigkeit ausstrahlen. Während des 5. und 6. Jahrhunderts v. Chr. gehörten

die jetzigen kalabrischen Städte der Region Sybaris, Crotone und Locri zu den wichtigsten

Städten der Magna Graecia (Anm. lateinisch für „großes Griechenland“), jenen Siedlungen, die durch

die Griechen erschaffen wurden und die hellenistische Kultur nach Süditalien brachten. Eine Wiege

der Zivilisation, die heute in Zeit, Raum und Erinnerung verloren scheint. Als die Römer im 3. Jahr -

hun dert v. Chr. die Region eroberten, wurde Kalabrien zur fruchtbaren Kornkammer des römischen

Imperiums. Die Auswirkungen der römischen Herrschaft waren verheerend, der Verfall setzte sich

über viele Jahrhunderte, vom Byzantinismus bis zur napoleonischen Ära und anschließenden Zweiten

Restauration unter den Bourbonen fort. Mit der Schaffung der italienischen Einheit im Jahre 1861

be gann ein langer und schwieriger Prozess der Integration Kalabriens in den Rest des Landes, der

heute noch fortdauert. Auf der Suche nach fruchtbarerem Land verließen viele Kalabrier die Region.

Von 1880 bis 1925 verließ jedes Jahr ein Prozent der Bevölkerung die Region und kehrte niemals zu -

rück. Eine weitere Auswanderungswelle begann nach dem Zweiten Weltkrieg, als geschätzte 2,3 Mil -

lionen Menschen Kalabrien verließen. Im 20. Jahrhundert bildete sich weltweit eine große kalabrische

Diaspora, die sich über Europa, Australien und den amerikanischen Kontinent verbreitete. Kalabrien

kämpft heute noch gegen anhaltende Probleme wie wirtschaftliche Rückständigkeit, Arbeitslosigkeit

und den großen Einfluss der ‘Ndrangheta’, eine der gewalttätigsten und mächtigsten kriminellen

Or ga nisationen der Welt. Doch die Region sollte nicht auf die klassischen Klischees zu Süditalien

redu ziert werden. Während die größeren Städte über angesehene Universitäten und Museen verfügen

und ein intensives kulturelles Leben pflegen, bieten Kalabriens Kleinstädte ein seltenes Fenster in

die Vergangenheit. In diesen Orten gibt es jedoch die starke Identität der Menschen, die mit den obengenannten

Problemen tagein tagaus leben. Menschen, für die Gemeinschaft und Stolz ein Ersatz für

fehlenden materiellen Wohlstand bedeutet.

VIER LEBEN wäre ohne die Hilfe der vielen Kalabrier, die Michelangelo Frammartino und sein Film -

team unterstützt haben, nie zustande gekommen. Obwohl die Globalisierung in vielen Teilen der Welt

zu einer Vereinheitlichung und zum Massenkonsum führt, bewahrt sich Kalabrien eine tiefe Verbun -

den heit zu seinen Wurzeln und beschützt sein Erbe aus Traditionen, Kultur und Identität als Teil des

täglichen Lebens. Kalabrien ist unvergleichlich, ein Land von extremer Härte und unberührter natür -

licher Schönheit, die nebeneinander existieren.

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VIER LEBEN

STAB

MICHELANGELO FRAMMARTINO – Drehbuch und Regie

Michelangelo Frammartino wurde 1968 in Mailand geboren. Im Jahr 1991 beginnt er seine Ausbildung

im Bereich Architektur an der Politecnico di Milano und entwickelt dort seine Leidenschaft für die

Beziehung zwischen physikalischem Raum und Bildsprache sowohl in der Fotografie, im Video als

auch im Film. Er erstellt verschiedene Videoinstallationen (The Eye and the spirit, The house of the

sleeping beauties, Film) und nimmt an Projekten des „Studio Azzurro“ teil. Während seines Studiums

produziert er eine Reihe von Kurzfilmen und verschiedene Kunstprojekte. Er wird regelmäßig zu Vor -

trägen an Universitäten eingeladen und doziert im Rahmen von Lehraufträgen über die Beziehung

von jungem Publikum zu Fernsehbildern. Diese Arbeit inspiriert seine Videoinstallationen, die 1997

wäh rend der ersten Veranstaltung der „Generazione Media“ in Mailand gezeigt werden. Er nimmt

regel mäßig an Konferenzen über die technologischen Möglichkeiten im Bereich der Kunst teil und

leitet Workshops am Europäischen Institut für Design, Mailand. Michelangelo Frammartino unterrichtet

Bildsprache und -technik an der ENFAP Lombardia sowie Filmsprache und Grundlagen des Drehbuchschreibens

am CINELIFE. Seit 2005 unterrichtet er an der Universität von Bergamo. Sein Regie -

debüt gibt er 2003 mit seinem ersten Spielfilm Il Dono, der verschiedene Preise auf internatio na len

Filmfestivals erhält. VIER LEBEN ist sein zweiter Spielfilm. VIER LEBEN wurde beim Festival de

Cannes 2010 in der Reihe La Quinzaine präsentiert sowie auf der Berlinale 2011 in der Reihe Kulinarisches

Kino.

Filmografie

2010 VIER LEBEN (Le quattro volte) Regie, Buch

2003 Il Dono Regie, Buch

PRODUKTION

Vivo Film

Vivo Film ist eine unabhängige Produktionsfirma für Dokumentar- und Arthouse-Filme, die 2004

durch Gregorio Paonessa und Marta Donzelli gegründet wurde. Seit ihrem Bestehen wurden Filme

von Vivo Film regelmäßig zu wichtigen Festivals eingeladen, so u.a. erhielt 2007 Il mio paese von

Daniele Vicar den David di Donatello-Preis als Bester Dokumentarfilm. Ebenfalls in 2007 wurde der

Film Imatra von Corso Salani mit dem Spezialpreis der Jury im Wettbewerb „Cineasti del presente“ in

Locarno ausgezeichnet. Zu den neueren Produktionen gehören Mirna von Corso Salani, uraufgeführt

beim Locarno Film Festival 2009. Im gleichen Jahr wurde The mirror des kanadischen Regisseurs

David Christensen in Locarno und danach auf der IDFA in Amsterdam und in Toronto vorgestellt. Eine

erste Version des Dokumentarfilms L’aquila bella me über das Erdbeben von L’Aquila der jungen

Regisseure Pietro Pelliccione und Mauro Rubeo wurde 2009 auf dem Filmfestival in Rom gezeigt.

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VIER LEBEN

Essential Filmproduktion

Essential Filmproduktion wurde 1997 in Berlin durch Philippe Bober als Produktionsbereich des Welt -

ver triebs Coproduction Office mit dem Ziel gegründet, Regietalente zu entdecken, zu produzieren und

zu vermarkten. Essential Filmproduktion, geleitet durch Susanne Marian, hat Filme von Jessica Hausner

(Lovely Rita, Hotel, Lourdes), Roy Andersson (Songs from the second floor, You, The Living) und Shirin

Neshat (Women Without Men) co-produziert.

Invisibile Film

Invisibile Film wurde 2006 in Mailand mit der Zielsetzung gegründet, Independent Filme zu produzieren.

Das erste Projekt war Giovanni Madernas dritter Spielfilm Schopenhauer. Während der vier

Jahre ihres Bestehens hat die Produktionsfirma Invisibile Film fünf Kurz-, zehn Dokumentar- und

zwei Spielfilme produziert, immer mit dem Bestreben, die Vorstellungen des Regisseurs angemessen

umzusetzen und dabei gleichzeitig eine Balance zwischen Kunst und Filmindustrie herzustellen. Mit

Mitteln neuer Finanzierungsmodelle und marketingstarker Netzwerke strebt Invisibile Film die Produktion

von qualitativ hochwertigen und intelligenten Filmen für ein lebendiges und weit gefächertes

Publikum an.

ventura film

Seit ihrer Gründung 1991 produziert die ventura film hauptsächlich in Zusammenarbeit mit europäi -

schen Partnern Filme, die neue Wege gehen und Grenzen in Form und Inhalt überschreiten. Neueste

Produktionen sind unter anderem Gatekeepers of war von Zijad Ibrahimovic (IDFA 2009), Juventude

em march von Pedro Costa (Wettbewerbsfilm in Cannes 2006), Volevo solo vivere von Mimmo Calopresti

(Wettbewerb – außer Konkurrenz, Cannes 2006), und Into great silence von Philip Groening (Spezialpreis

der Jury, Sundance 2005).

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VIER LEBEN

STAB

Regie

Drehbuch

Kamera

Produktionsdesign

Sound Design

Musik

Sound Mix

Schnitt

Kostüme

Michelangelo Frammartino

Michelangelo Frammartino

Andrea Locatelli

Matthew Broussard

Daniel Iribarren

Paolo Benvenutti

Ansgar Frerich / DIE BASIS Berlin

Benni Atria, Maurizio Grillo

Gabriella Maiolo

Eine Koproduktion von Vivo Film, Essential Filmproduktion, Invisibile Film, ventura film.

Gefördert durch Ministero per i Beni e per le Attività Culturali – Direzione Generale Cinema,

TorinoFilmLab 2008, Eurimages, Medienboard Berlin-Brandenburg,

Fondazione Calabria Film Commission – Regione Calabria

In Zusammenarbeit mit: ZDF / arte, Cinecittà Luce, RSI Televisione svizzera

TECHNISCHE ANGABEN

Länge: 88 Minuten

Format Breitwand 1:1.85

Ton: Dolby SRD

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