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Not, die Flüchtlinge, Vertreibungen, all das, was passiert ist, unbeschreiblich...

Da werden wahrscheinlich im Unterbewußtsein Kräfte freigesetzt, die unheimlich

sind. Wenn ich mir heute vorstelle, daß Japan und Deutschland, die beiden Besiegten,

die größten erfolgreichsten Wirtschaftsmächte sind, das ist doch kein

Zufall. Mit anderen Worten, diese äußerste Niederlage, diese äußerste Demütigung,

diese äußerste Katastrophe hat offenbar im Unterbewußtsein Kräfte freigesetzt,

die man nie für möglich gehalten hätte. Und Bude behauptet ja, daß

das Trauma des Untergangs eben dazu geführt hat, daß die deutsche Industrie

Weltimperien aufgebaut hat. Die besitzen überall Firmen, sind beteiligt, produzieren

und liefern überallhin. Und auf dem Kunstgebiet, daß Ludwig eben auch

eine Weltinstitution geschaffen hat. Ich weiß nicht genau, ob das stimmt, aber

es ist nicht auszuschließen.

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Also aus der Erfahrung der totalen Niederlage im ‘Vakuum’ der Nachkriegszeit...

... hatte es ungeheure Kräfte, die wir ja alle hatten. Warum sind Deutschland

und Japan so unglaublich erfolgreich Die Völker sind bis zum Äußersten mobilisiert

worden und haben ihre Kräfte wirken lassen.

Auf der menschlichen Ebene: wenn man am Boden liegt, kommt man zu den

wesentlichen Dingen, nicht, wenn man saturiert ist.

Jetzt haben Sie genau das gesagt. Ich kam als Neunzehnjähriger aus entsetzlicher

amerikanischer Kriegsgefangenschaft in meine Heimatstadt Koblenz, die

wie der Tisch platt war. Es waren, glaube ich, noch 5000 Menschen in der Stadt.

Wenn man sich auf der Straße begegnete, umarmte man sich, weil man noch

gelebt hat. Meine Mutter war umgekommen im Bombenkrieg in Koblenz in unserem

Haus. Nichts mehr war da, überhaupt nichts mehr. An Berufszukunft war

überhaupt nicht zu denken, es gab gar keine Berufe. Jeder lebte vom Schwarzhandel,

ich weiß nicht. Jedenfalls eine produktive Arbeit war nicht da, kein Material

und nichts mehr. Da habe ich mich gefragt: was ist denn überhaupt das Leben

Was ist der Sinn Was ist die Welt Mein sehr lebenserfahrener Vater, der mich

immer gerne in der Wirtschaft gesehen hätte – wir haben eine Generationen alte

Firma in Koblenz, die mit Tonwerken zu tun hat –, wollte, daß ich Jura studiere.

Ich sagte: ich kann das nicht. Mich bringt das um, ich kann nicht in dieser Zeit

Recht studieren, wo ich all das Unrecht erlebt habe und täglich neu erlebe.

Da habe ich begonnen zu studieren, Philosophie, Kunstgeschichte, Vor- und Frühgeschichte,

Archäologie und habe dann als erster promoviert an der neuen Universität

Mainz. Aber, was Sie sagen, die Suche nach dem Wesentlichen, das war

das Schöne bei meinen ganzen Mitstudenten, wir konnten nicht an Berufserfolg

denken, an all das, was später so wichtig wurde.

Das war ja gar nicht absehbar.

Nichts war absehbar. Wir studierten um des Studiums willen. Wir wollten

versuchen, uns zu orientieren: was ist der Mensch Was ist in der Geschichte

Woher kommen wir Wohin gehen wir Was ist das alles, was da passiert Das

war wunderbar an dem Studium, weil wir alle so dachten.

Also der Aspekt der Menschlichkeit, die Fragen des Menschen, die Sie interessierten.

Eindeutig.

Noch einmal zu Picasso. Das große Thema von Picasso ist ja der Mensch.

Nur.

Pablo Picasso

Das karge Mahl

1904, Radierung, 46,3 x 37,7 cm

Museum Ludwig Köln

Gerade die frühen Bilder von Picasso, die nicht selten menschliche Not zeigen,

berühren. In Ihrer Kölner Ausstellung ‘Menschenbilder Bilderwelten’ ist ‘Das

karge Mahl’ von 1904 ausgestellt.

Unvorstellbar.

Bei der Vielzahl von Bildern Ihrer Sammlung: gibt es dieses ‘eine’ Bild, das Sie

besitzen möchten.

Nein, das kann ich so nicht sagen. Aber zu dem Bild Das karge Mahl will ich

Ihnen eine Geschichte erzählen. Ich habe immer gewußt, daß es Das karge

Mahl gibt, als ich über Picasso promovierte. Es ist eine Radierung, es gibt einige

Abzüge davon. Ich wollte es immer kaufen. Eines Tages tauchte im Nachlaß von

Picasso ein Exemplar auf, da steht drauf ‘Nr. 1 Picasso’. Und jetzt kommt es:

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