Friedensnobelpreisträger in der Frauenkirche Dresden - Dr. Mohamed ElBaradei - 18/03/2014

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Sie sind Friedensstifter und oft auch Friedenstreiber: die Träger des Friedensnobelpreises. Die Stiftung Frauenkirche Dresden, Trägerin des Lebens in der wieder aufgebauten Kirche, hat es sich zur Aufgabe gemacht, diesen Persönlichkeiten ein Podium zu bieten, um zu der Frage zu sprechen: Was müssen wir heute tun, um die Welt in zwanzig Jahren friedlicher zu gestalten? Im März 2014 war Dr. Mohamed ElBaradei zu Gast. Seine Rede sowie begleitende Veranstaltungen sind in dieser Broschüre dokumentiert.

S T I F T U N G F R A U E N K I R C H E D R E S D E N

Friedensnobelpreisträger

in der Frauenkirche Dresden

Dr. Mohamed ElBaradei

18. März 2014


Friedensnobelpreisträger

in der Frauenkirche Dresden

18. März 2014

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Inhaltsverzeichnis

05 Friedensnobelpreisträger in der Frauenkirche

Pfarrer Sebastian Feydt

06 Begrüßung

Landesbischof Jochen Bohl

07 Grußwort

Ministerpräsident Stanislaw Tillich

09 Friedensnobelpreisträgerrede »Langfristiger Frieden ist nicht einfach nur Wunschdenken«

Dr. Mohamed ElBaradei

25 Schülerwettbewerb

Pfarrer Holger Treutmann

26 Die Siegerbeiträge des Schülerwettbewerbs

29 Jugendliche erleben Frauenkirche

Dr. Anja Häse

30 Impressionen der Jugendlichen

32 Impulse zur Friedensnobelpreisträgerrede

Staatssekretär David Gill

Botschafter Wolfgang Ischinger

Prof. Dr. Volker Perthes

41 Dr. Mohamed ElBaradei – Biografie

42 Friedensnobelpreisträger 2014 – 1970

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Friedensnobelpreisträger

in der

Frauenkirche

Friedensstifter sind sie. Oft auch Friedenstreiber. Manchmal

sind sie mit ihrem Engagement für den Frieden ihrer Zeit weit

voraus und zählen erst sehr viel später zu den prägenden

Persönlichkeiten der Geschichte. Weil sie nicht nachlassen in

ihren Bemühungen, der Welt ein friedlicheres Antlitz zu geben

und Hoffnung wecken, wo Völker nicht in Frieden miteinander

leben. Dort sind zu allen Zeiten engagierte Frauen und Männer

gefragt, die sich für die Verständigung zwischen den Völkern

einsetzen. Ihnen dachte einst Alfred Nobel einen Preis

zu. Wer maßgeblich und nachhaltig auf die Völkerverständigung

hinwirkt und Friedensforen fördert, soll mit dem Friedensnobelpreis

ausgezeichnet werden. Man könnte meinen,

die Mütter und Väter des Wiederaufbaus der Frauenkirche

Dresden hatten 1994, nur wenige Jahre nach der Friedlichen

Revolution und dem Fall der Mauer diesen noblen Ansatz

vor Augen, als sie in der Satzung der Stiftung Frauenkirche

Dresden festschrieben: »Es soll mit dem Wiederaufbau der

Frauenkirche ein Wahrzeichen entstehen, das zu Toleranz

und Frieden der Völker und Religionen mahnt, (…) ein Ort

geschaffen werden zur Durchführung von Symposien, Vorträgen…«

Was liegt daher näher, als Friedensnobelpreisträger

in die Frauenkirche einzuladen, um ihre Erfahrungen

im Engagement für den Frieden in der Welt weiterzugeben

Inspiriert von der Rede des vormaligen finnischen Präsidenten

Martti Ahtisaari im Dezember 2010 in der Frauenkirche hat die

Stiftung Frauenkirche Dresden eine Veranstaltungsreihe mit

Friedensnobelpreisträgern ins Leben gerufen, in deren Rahmen

2014 der ehemalige Leiter der Internationalen Atomenergie-

behörde IAEO, Dr. Mohamed ElBaradei, zu Gast war. Neben

seiner öffentlichen Rede in der Frauenkirche und einem Abendessen

im Kreise von Ehrengästen und Experten lag das Augenmerk

insbesondere auf der Begegnung mit der nächsten

Generation. Dabei hatten die Gewinner eines gemeinsam mit

dem Freistaat Sachsen ausgelobten Schülerwettbewerbs

die Gelegenheit, ihre Ideen und Überlegungen zum Thema

Nuklearwaffen ausführlich in einem vertraulichen Gespräch

mit Dr. ElBaradei und Ministerpräsident Tillich zu diskutieren.

Es ist der Stiftung Frauenkirche Dresden eine Freude und ein

Anliegen, mit der vorliegenden Publikation zu dokumentieren,

wie der Friedensnobelpreisträger Dr. Mohamed ElBaradei und

maßgebliche Gäste sowie die beteiligten Jugendlichen die

Leitfrage der Veranstaltungsreihe beantwortet haben:

Was müssen wir heute tun,

um die Welt in zwanzig Jahren friedlicher zu gestalten

Sebastian Feydt

Pfarrer der Frauenkirche

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Begrüßung

Sehr geehrter Herr Dr. ElBaradei, sehr geehrter Herr Ministerpräsident

Tillich, sehr geehrter Herr Landtagspräsident Dr. Rößler,

sehr geehrte Frau Präsidentin Munz, sehr geehrter Herr Staatssekretär

Gill, sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin Orosz, liebe

Schülerinnen und Schüler, meine Damen und Herren,

mit dieser Kirche verbindet sich die Erinnerung an den 13. Februar

1945, als Dresden durch Fliegerbomben zerstört wurde.

Die Ruine der Frauenkirche wurde in den 1980er Jahren zu einem

Mahnmal für den Frieden. Besonders junge Menschen fanden

an diesem Ort ihre Inspiration, sich dem nuklearen Wettrüsten

der Blöcke entgegenzustellen; hier beteten sie für den Frieden.

Es war ein »konventioneller« Krieg, dem die Stadt zum Opfer

fiel. Aber im Zeitalter der atomaren Bewaffnung wissen wir,

dass weit Schlimmeres möglich geworden ist.

An dieser kurzen Erinnerung mag man ablesen, wie sehr

bedeutsam für den Frieden in der Welt Ihre Tätigkeit, sehr

geehrter Herr Dr. ElBaradei, als Generaldirektor der Internationalen

Atomenergieagentur gewesen ist. Unter anderem durch

Inspektionen soll die IAEO gemäß ihrem Auftrag verhindern,

dass nukleares Material entgegen völkerrechtlichen Verpflichtungen

für militärische Zwecke missbraucht wird. In den Jahren

Ihrer Tätigkeit an der Spitze der Organisation haben Sie so

einen entscheidenden Beitrag zur Verhinderung eines möglichen

nuklearen Krieges geleistet. Auch haben Sie in konkreten

Situationen unmittelbar versucht, den Frieden zu bewahren.

Ich erinnere daran, dass Sie im Frühjahr 2003 die Existenz von

Massenvernichtungswaffen im Irak angezweifelt haben und so

dem beabsichtigten Krieg zu Recht seine Legitimation entzogen.

In jüngster Zeit nun haben Sie mit Ihrem Eintreten für Demokratie

und Recht in Ihrem Heimatland Ägypten mit großem Einsatz

versucht, eine Versöhnung zwischen den so unterschiedlichen

Parteien und Lagern herbeizuführen. Sie sind persönlichen

Risiken nicht ausgewichen, als Sie eine Politik nicht mehr mittragen

konnten, die den Grundsatz der Versöhnung missachtete.

Es spricht für Sie, dass Sie durch Ihren Rücktritt vom Amt des

Vizepräsidenten im vergangenen Jahr ein deutliches Zeichen

gesetzt haben.

Aus all diesen Gründen bin ich als Vorsitzender des Kuratoriums

der Stiftung Frauenkirche sehr dankbar, Sie heute hier begrüßen

zu dürfen. Mit Ihrem Lebenswerk stehen Sie für den Ruf zum

Frieden, dem auch die Frauenkirche Dresden so stark verbunden

ist. Wir freuen uns außerordentlich, dass Sie gekommen

sind, um nach Martti Ahtisaari die zweite Friedensnobelpreisträgerrede

an diesem Ort zu halten.

Jochen Bohl

Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen

Landeskirche Sachsens

Vorsitzender des Kuratoriums der

Stiftung Frauenkirche Dresden

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Grußwort

»Wenn einer keine Angst hat, hat er keine Phantasie«. Der das

sagte, war ein Dresdner – Erich Kästner. In Anlehnung an Kästner

kann man vielleicht sagen, dass unser heutiger Gast die

Beherrschung des Spielraums zwischen »Angst« und »Phantasie«

zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat. Wie groß und

wie real die Gefahr gewesen ist, haben immer wieder nukleare

Krisen und Zwischenfälle gezeigt. Aus einem »kalten« hätte genauso

gut ein »heißer« Krieg werden können. Die Welt stand

während des Kalten Krieges mehrfach am Rande des atomaren

Abgrunds. Das wurde im letzten Jahr wieder deutlich, als

Stanislaw Petrow mit dem Dresden-Preis ausgezeichnet wurde.

Er war es, der 1983 als Oberstleutnant der sowjetischen Luftverteidigungsstreitkräfte

einen vom System gemeldeten

»Angriff« der USA als Fehlalarm einstufte und somit einen

Atomkrieg verhinderte.

Sie – sehr verehrter Dr. ElBaradei – haben als Direktor der Internationalen

Atomenergie-Organisation hartnäckig gemahnt

und immer wieder zum Handeln aufgefordert. Sie waren das

»Gesicht« der IAEO. Ihr Einsatz gegen den Missbrauch der

Atomkraft für militärische Zwecke wurde mit dem Friedensnobelpreis

ausgezeichnet.

Wie nah die nukleare Bedrohung war, das blieb vielfach im

Verborgenen. So erging es auch den Anwohnern rund um

den Taucherwald bei Bautzen. Erkennbar war, dass die Sowjetischen

Streitkräfte aufrüsteten: 1982 wurde der Wald bei

Uhyst am Taucher gesperrt. 1983 erfolgte der Ausbau der

Kaserne in Bischofswerda. Und ab April 1984 gab es nächtliche

Truppen- und Materialtransporte. Seither war der Taucherwald

abgeriegelt. Aber was genau im Wald verborgen war, das

zeigte sich erst vier Jahre später: Am 25. Februar 1988 erfolgte

über Bischofswerda der Abzug jener Raketeneinheit, von

deren Ankunft und Existenz kaum jemand wusste. Und erst

mit dem Abzug ließ sich erahnen, dass der Taucherwald einer

der »heißen Orte im Kalten Krieg« war. Die dort stationierten

sowjetischen Mittelstreckenraketen vom Typ SS-12 waren mit

nuklearen Sprengköpfen bewaffnet – jeder mit einer Sprengkraft

von 25 Hiroshima-Bomben.

Ich habe Ihnen diese Geschichte erzählt, weil sie die Zerstörungskraft

und die Bedrohung von Atomwaffen greifbar

macht. Weil deutlich wird, wie wichtig nukleare Abrüstung ist.

Und weil sie uns vor Augen führt, wie kostbar der Frieden in

Europa ist. Leider sind Atomwaffen weltweit noch immer eine

reale Bedrohung. Das zu ändern, bleibt unser aller Auftrag.

Aber wir alle wissen auch, dass die Notwendigkeit etwas zu

tun, noch lange nicht dazu führt, dass es auch getan wird.

Dazu braucht es Weitsicht, Mut und Unnachgiebigkeit.

Stanislaw Tillich

Ministerpräsident des Freistaates Sachsen

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»Langfristiger Frieden ist nicht

einfach nur Wunschdenken«

Friedensnobelpreisträgerrede von

Dr. Mohamed ElBaradei

Friedensnobelpreisträger 2005

ehemaliger Generaldirektor der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO)

im Rahmen der Reihe

»Friedensnobelpreisträger in der Frauenkirche Dresden«

Die Rede wurde in englischer Sprache gehalten.

Dies ist die verschriftlichte Übersetzung.

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Ministerpräsident Tillich, Bischof Bohl, meine Damen und Herren,

es ist eine große Ehre für mich, an dieser Vortragsreihe teilzunehmen

– hier in der Frauenkirche, die ein weithin anerkanntes

Symbol des Friedens und der Versöhnung ist. Die Tatsache,

dass ich hier vor Ihnen als arabischer Moslem in einer

deutschen Kathedrale stehe, um über die Möglichkeiten des

weltweiten Friedens zu sprechen, spricht Bände über unser

gemeinsames Schicksal und die geteilte Hoffnung. Vor drei

Tagen jährte sich der Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien zum

dritten Mal: ein sinnloser, zerstörender, entmenschlichender

Konflikt. Mehr als 130.000 Männer, Frauen und Kinder haben

bis heute ihr Leben verloren. Mehr als 2 Millionen Flüchtlinge

mussten ihre Heimat verlassen.

Vor drei Wochen autorisierte das russische Parlament die Entsendung

von Truppen in die Ukraine, was möglicherweise in

eine größere Konfrontation münden könnte. Und die Entsendung

ist nicht abgeschlossen. In den letzten drei Jahren hat

unser Kampf in Ägypten für echte Demokratie immer wieder

das Hindernis der gewaltsamen Unterdrückung erfahren. Und

selbst heute, während wir hier zusammenkommen, fordern

bewaffnete Konflikte Opfer in Afghanistan, Pakistan, der Zentralafrikanischen

Republik, im Südsudan und in vielen anderen

Ländern.

Unsere Entwicklung als Spezies – im Hinblick auf unsere Fähigkeit,

für unsere Mitmenschen zu sorgen und unsere Meinungsverschiedenheiten

auf friedvolle Art und Weise zu begleichen

– scheint sich wenig entwickelt zu haben seit Anbeginn der

geschichtlichen Aufzeichnung. Kriege bestimmen die menschliche

Zeitschiene: die griechischen Kriege, die römischen Kriege,

die Eroberungen durch die Mongolen, die Kreuzzüge,

Bürgerkriege, die Napoleonischen Kriege, Weltkriege mit Hunderten

von Millionen von Menschen, die ihr Leben verloren

haben. Heute kann man sich kaum der Gründe erinnern, die

zu diesen Kriegen führten. Viele der Länder, die daran teilnahmen,

gibt es heute nicht mehr.

Reiche und Dynastien stiegen auf, indem sie jeweils die vorangehenden

Regime blutig entthronten. Wir haben den

Westfälischen Frieden unterschrieben, wir haben den Wiener

Kongress organisiert, der die Souveränität des Einzelstaates

festlegte und die internationalen Regeln festlegte – aber die

Kämpfe gingen weiter. Wir haben den Völkerbund gegründet

– dieser konnte jedoch nicht den Zweiten Weltkrieg verhindern.

Wir haben die Vereinten Nationen gegründet – aber

trotzdem hängt der nukleare Holocaust wie ein Damoklesschwert

über unseren Köpfen. Regionale Kriege finden nach

wie vor überall auf der Welt statt. Wir haben das sogenannte

»Humanitäre Völkerrecht« zur Regelung des bewaffneten

Konflikts entwickelt, damit wir uns gegenseitig »menschlicher«

umbringen können, indem wir Zivilisten schonen

und die Behandlung von Gefangenen regeln. Allerdings wird

dieses humanitäre Völkerrecht inzwischen häufiger aufgrund

von Verstößen denn wegen seiner Einhaltung erwähnt.

Was ist aus unserer Menschlichkeit geworden Haben wir nach

Tausenden von Jahren der Zivilisation überhaupt nichts gelernt

über die Möglichkeit, unsere Meinungsverschiedenheiten

friedlich zu lösen Sind wir dazu verdammt, diesen Teufelskreis

der Gewalt für immer weiterzuführen Trotz der langen

Liste der gewaltsamen Konflikte, die ich gerade erwähnt habe,

ist meine Antwort ganz klar: Nein, wir sind nicht dazu verdammt.

Menschen sind keine zutiefst mangelhaften Wesen.

Das glaube ich nicht. Wir sind nicht dazu geboren zu hassen.

Die Künste des Krieges werden erlernt. Wir sind ebenso in der

Lage, die Künste des Friedens zu lernen – und unseren Kindern

weiterzugeben. Wie Albert Camus es einst gesagt hat: »Der

Frieden ist der einzige Kampf, den es zu führen lohnt.«

Auf dieser Prämisse fußend habe ich meinen Vortrag heute

unter den Titel gestellt: »Langfristiger Frieden ist nicht einfach

nur Wunschdenken.« Die Frage, die ich hier in den Raum stellen

möchte, ist: Was kann man in zehn Jahren schaffen – ich wurde

nach 20 Jahren gefragt, aber ich möchte von zehn Jahren

sprechen. Selbst wenn ein Jahrzehnt als eine kurze Zeit er-

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scheint, dann überlegen Sie sich doch einmal, was in den

letzten zehn Jahren alles passiert ist: Die Erweiterung der Europäischen

Union um weitere 13 Mitglieder, die Entstehung

von Facebook, Twitter und Youtube – das erste iPhone. Die Innovation

des Teilchenbeschleunigers am CERN [Anm.: Conseil

Européen pour la Rechereche Nucléaire; Europäisches Kernforschungszentrum,

Genf] und die Entdeckung des Higgs-Boson

Partikels vor ein paar Jahren. Oder das erste künstliche Organ,

das transplantiert wurde. Wikileaks, Occupy Wall Street, die

Welle prodemokratischer Bewegungen, die die arabischen

Länder erfasste im Nahen Osten und im Norden Afrikas.

Viele dieser Ereignisse hätte man nicht vorhersehen können.

Wenn Sie mir vor zehn Jahren gesagt hätten, dass so dramatische

Ereignisse in der arabischen Gesellschaft stattfinden würden,

wäre ich skeptisch gewesen und ich hätte nicht geglaubt,

dass das während meiner Lebenszeit noch stattfinden könne.

Die Lehre ist eindeutig: Man soll nie die Kraft des menschlichen

Geistes unterschätzen. Mit der richtigen Haltung und

der richtigen Strategie sind wir in der Lage, Großes zu leisten,

ja Beeindruckendes zu erreichen. Bei der gegenwärtigen Geschwindigkeit

der Veränderungen ist ein Jahrzehnt eine lange

Zeit. Und als ich mir deswegen überlegte, was wir uns in zehn

Jahren vornehmen könnten, war ich doch voller Hoffnung. Ich

habe diese Hoffnung in zehn Schritte übersetzt – realistische,

praktische Maßnahmen, meiner Ansicht nach, die unsere Gesellschaft

und unsere Zukunftsperspektiven verändern werden.

Die ersten fünf rufen zur Veränderung in unserem Verständnis

und in unserer Haltung auf. Die letzten fünf sind so

etwas wie ein Handlungsleitfaden.

Schritt 1:

Wir müssen die Dualität der menschlichen Natur

begreifen: gemeinsame Werte, unterschiedliche

Perspektiven.

Der britische politische Philosoph Thomas Hobbes hat diese

Dualität vor vier Jahrhunderten in seinem Werk »De Cive –

Über den Bürger« dargestellt. Hobbes beobachtete, dass Menschen

verschiedener Hintergründe – verschiedener sozialer

Klassen, politischer und religiöser Überzeugungen – es sehr

oft doch sehr schnell und sehr einfach finden, gemeinsam die

ideale Zukunft zu beschreiben. Sie alle haben die Hoffnung,

dass eine Zukunft voller Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit für

zukünftige Generationen möglich ist. Zugleich sind sie auch

sehr schnell darüber übereingekommen, was das Grundverhalten

sein müsste, was diese Zukunft erst möglich macht:

Werte wie Ehrlichkeit, Toleranz, Großzügigkeit und Respekt

für menschliche Würde.

Aber Hobbes beobachtete auch, dass die gleichen Menschen

Entschuldigungen dafür parat hatten, warum sie in der Gegenwart

zu gegensätzlichem Handeln gezwungen sind: erbitterter

Wettbewerb, Täuschung, Ausbeutung und sogar Gewalt. Diese

Verhaltensmuster, die von Gier, Angst und anderen menschlichen

Leidenschaften angefacht werden, führen zu einem

zerstörerischen Kreislauf aus Hass, Unterdrückung, zivilen

Unruhen und der Unterdrückung bzw. dem Verlust der Menschenwürde.

Diese Unterscheidungen der Menschen zwischen

positiven Werten und gegenwärtigen negativen Verhaltensmustern

haben eine direkte Relevanz für die friedliche

Lösung von Konflikten – einschließlich solch langanhaltender

Spannungen wie dem Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern.

Eine weithin geteilte Ansicht ist, dass die Lösung für

diese Konflikte in der Entdeckung gemeinsamer Werte liegt.

Ich stimme dem nicht zu. Die reiche Textur der menschlichen

Familie enthält bereits einen Grundstock an Grundwerten,

der sich über alle Religionen und Glaubenssysteme hinweg

erstreckt.

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Das Problem liegt eher in der menschlichen Subjektivität:

scharf divergierende Wahrnehmungen vergangener Ereignisse,

die zu Unzufriedenheit und unterschiedlichen Wahrnehmungen

der gegenwärtigen Wirklichkeit führen. Juden und

Araber in Palästina bekämpfen sich nicht, weil ihre Grundwerte

anders wären, sie kämpfen, weil jeder die Geschichte

der Region aus einem anderen Blickwinkel betrachtet. Jeder

glaubt, dass das Land seinem Volk gehört.

Die Lösung ist, ein Umfeld zu schaffen, in dem Dialog wieder

möglich ist. Ein Dialog, der diese subjektiven Ansichten aufnimmt

und gleichzeitig den Schwerpunkt auf die gemeinsame

Vision einer friedlichen Zukunft setzt, wodurch das Positive

und Gute in jedem Teilnehmer hervorgebracht wird. Ob dies

auf nationaler oder internationaler Ebene stattfindet – es erfordert

die Entwicklung von Institutionen und Verfahren, die auf

menschlicher Solidarität fußen und die so aufgestellt werden,

dass ausgeglichene Lösungen gefunden und gleiche Chancen

geschaffen werden: für ökonomische und politische Teilhabe

aller Parteien und Kontrollmöglichkeiten gegen Vorherrschaft

oder Manipulation durch eine einzelne Partei. Ich werde auf

diese Institutionen und Prozesse später noch genauer eingehen.

Schritt 2:

Wir müssen anerkennen, wie die Globalisierung

die Wirklichkeit verändert hat.

Und was bedeutet das im praktischen Sinne Zuerst einmal ist

die Entwicklung der Zivilisation nicht länger ein Nullsummenspiel,

bei dem ein Land oder eine Gruppe für sich Sicherheit

und Ressourcen erwerben kann, indem es ein anderes einfach

nur ausbeutet. Wenn man schlechte Konditionen und Bedingungen

für ein Land oder eine Gruppe schafft, ob getrieben

von Gier oder Ideologie, wird das unweigerlich zu einem Bumerang-Effekt

führen. Wenn man zum Beispiel einen Teil der

Gesellschaft zur Armut verdammt oder ihre Menschenrechte

beschneidet, werden diese Umstände wiederum zu Extremismus

führen oder Krankheiten hervorbringen, die unweigerlich

auch den Unterdrücker erreichen werden. Ich bitte Sie jetzt

und hier nicht an das Karma zu glauben. Was ich sage, ist,

dass wir auf irreversible Art und Weise als globale Gesellschaft

verbunden sind.

Zweitens: Wenn wir die wichtigsten globalen Herausforderungen

betrachten – Terrorismus, den Klimawandel, Armut, die

Begrenztheit der Ressourcen oder die Massenvernichtungswaffen

– dann sehen wir, dass all diese Bedrohungen keine

Grenzen kennen. Der traditionelle Begriff der nationalen Sicherheit

wird obsolet. Naturgemäß erfordern diese Risiken

und Bedrohungen multinationale und sogar oft globale Zusammenarbeit.

Nationale Entscheidungen müssen natürlich

getroffen werden, aber ein Maßstab für die Sinnfälligkeit

dieser Aktionen und Handlungen sind deren globale Auswirkungen.

Keine Regierung – und auch keine begrenzte Allianz

– kann diese Bedrohungen allein meistern.

Thomas Hobbes begründete die Wichtigkeit einer guten Regierungsführung

auf der Ebene des Stadtstaates mit seinen

eigenen Beobachtungen. Aber in den darauffolgenden Jahren

hat sich die Dimension radikal verändert. Die Globalisierung,

der schnelle Strom an Gütern, Dienstleistungen, Informationen,

Finanzen und Menschen über jegliche nationalen und

kontinentalen Grenzen hinweg haben den menschlichen Austausch

umdefiniert. Wir sind jetzt sprichwörtlich mehr verbunden

als jemals zuvor. Die Stadt ist heute der ganze Planet.

Diese Veränderung des Verständnisses muss wiederum zu

einer Veränderung der Haltung führen. Es ist unvermeidbar,

dass wir eine globale Gesellschaft werden und die Vernunft

eine Anpassung hervorbringt: Die Grundwerte, die wir teilen,

müssen in der gesamten Gesellschaft angewendet werden.

Unsere traditionelle Familie ist jetzt die menschliche Familie.

Und wie bei jeder Familie, kann man auch bei der menschlichen

Familie Meinungsunterschiede und widerstrebende Interessen

erwarten. Unsere Antwort auf diese Konflikte kann

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aber nicht länger der bewaffnete Konflikt sein oder die Beschränkung

der menschlichen Würde. Wir haben keine Wahl;

es ist die einzige logische Schlussfolgerung. Seit Jahrhunderten

haben wir die Alternativen für Konfliktlösungen als eine

Frage der Ethik behandelt. Heutzutage aber ist es eine Frage

des globalen Überlebens. Ich bin nicht sicher, solange nicht

jeder in meiner Familie sicher ist. Ich bin nicht frei, solange

nicht jeder andere auch frei ist.

Schritt 3:

Wir müssen die Auswirkungen extrem ungleicher

Verteilung des Wohlstandes begreifen.

Die ungleiche Verteilung des globalen Wohlstandes hat fast

schon obszöne Dimensionen erreicht. Im Oktober vergangenen

Jahres berichtete das Forschungsinstitut der Credit Suisse,

dass mehr als 40 Prozent des weltweiten Vermögens von weniger

als einem Prozent der Weltbevölkerung gehalten wird.

Rund 2,8 Milliarden Menschen – fast die Hälfte aller unserer

Mitmenschen – muss mit weniger als zwei Dollar pro Tag

auskommen. Ein im Januar 2014 veröffentlichter Bericht von

OXFAM International unterstrich diesen Kontrast nochmals

deutlich: Die reichsten 85 Einzelpersonen auf dem Planeten

vereinen den gleichen Reichtum wie die ärmsten 3,5 Milliarden.

Zu oft gehen diese Statistiken zum einen Ohr hinein und zum

anderen wieder heraus; aber sie sind nicht einfach nur Zahlen:

Es gibt ein menschliches Antlitz dahinter, eine Karriere, eine

Reihe von Träumen und Wünschen, die mit jedem Leben verbunden

sind, das in diesen sterilen Statistiken aufgeht. Der

Nobelpreis-gekrönte Wirtschaftswissenschaftler Armatya Sen

hat das ganz eloquent festgehalten. Er sagte, dass die Ungleichheit

die Fähigkeit des Einzelnen beschränkt, sein volles

Potenzial zu entfalten. Es betrifft die Gesundheit, die Ernährung,

die Bildung, den Lebensstil und den Selbstwert und

schließlich auch die Fähigkeit, einen sinnvollen Beitrag für die

Gemeinschaft zu leisten.

Schlussendlich ist es die Chancenungleichheit, die zu persönlichen

Herausforderungen führt, die dann wiederum auf nationaler

und globaler Ebene ihre Auswirkungen haben können.

Die jüngsten Wirtschaftskrisen begannen in den reichsten

Nationen, entwickelten ihre schwersten Auswirkungen aber in

den ärmsten Volkswirtschaften. Vor 50 Jahren war Afrika ein

Nettoexporteur von Nahrungsmitteln; heute importiert Afrika

ein Drittel seines Getreides. Heute Nacht werden rund 900

Millionen Menschen hungrig ins Bett gehen – mehr als die Bevölkerung

der Vereinigten Staaten und der Europäischen Union

zusammengenommen. Ein weiteres Beispiel ist die Abwanderung

von Fachkräften: Mehr als zwei Drittel der Ärzte, die

an den Universitäten in Ghana und Simbabwe ihr Diplom erhalten,

emigrieren innerhalb von fünf Jahren nach dem Erhalt

ihres Diploms hauptsächlich nach Großbritannien. Zu diesem

Zeitpunkt gibt es mehr äthiopische Ärzte, die in Chicago praktizieren,

als in ganz Äthiopien.

Dies sind aber nur kleine Beispiele für diese Auswirkungen.

Sie zeigen aber ganz deutlich, warum wir die Ungleichheit

in der Reichtumsverteilung nicht länger als eine Reihe steriler

volkswirtschaftlicher Zahlen sehen sollten. Die Auswirkungen

der Armut sind real und menschlich. Es braucht keinen Antikapitalismus,

um dies zu korrigieren. Wir müssen eine gut

durchdachte Strategie und Zusammenarbeit auf globaler Ebene

erreichen. Aber wir müssen dafür auch der Wahrheit ins Gesicht

sehen.

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Schritt 4:

Wir müssen erkennen, dass wir

menschlichem Leben unterschiedlichen

Wert zusprechen.

verzerrte Art und Weise, wie wir diese Werte anwenden. Die

Ergebnisse sind bereits in unseren Haushaltsplänen enthalten.

Der Wert, den wir menschlichem Leben beimessen ist verschieden,

je nachdem wessen Leben es ist.

Vor 2 Wochen kamen 15 Kinder als Flüchtlinge von der Zentralafrikanischen

Republik nach Kamerun. Sie waren so unterernährt,

dass sie bei ihrer Ankunft starben. Ich möchte jetzt

die Frage stellen: Welchen Wert können wir dem Leben von 15

afrikanischen Kindern beimessen Und wie lässt sich das vergleichen

mit dem Wert, den wir dem Leben 15 unterernährter,

vor der Brutalität flüchtender deutscher oder amerikanischer

Kindern in der gleichen Situation beimessen würden Wie

wäre die Berichterstattung dann

Millionen menschlicher Leben werden durch bewaffnete Konflikte,

Hungersnöte und Krankheiten verloren. Die globale

Antwort auf diese Todesrate aber, die emotionale Reaktion,

die Nachrichtenlage und die Möglichkeit oder die Bereitschaft

auch dem Abhilfe zu leisten, hängt davon ab, wer stirbt und

wo diese Tode stattfinden. Trotz der enorm hohen Opferzahlen

in den jüngsten Konflikten in Ruanda und Darfur hat

die internationale Gemeinschaft kaum mehr getan als ihre

Bestürzung zu äußern. Warum Weil die Orte von geringem

strategischen Wert waren. Während des Irakkrieges wussten

wir immer genau, wie viele US- und andere Koalitionssoldaten

starben. Aber es gab nur eine ungefähre Schätzung der Anzahl

irakischer Zivilisten, die ihr Leben verloren. Und um zurückzukommen

auf diese 15 Kinder aus der Zentralafrikanischen

Republik: Der Reaktionsplan der Vereinten Nationen, um in

dieser Krise zu handeln, hat bis heute nur ein Fünftel der 550

Millionen Dollar erhalten, die gebraucht werden. Auf der anderen

Seite liegt der globale Haushaltsposten für militärische

Ausgaben jährlich bei 1,7 Billionen Dollar.

Es ist also nicht eine Frage des Geldes. Wir haben das Geld,

um diese Tragödien anzugehen. Das Problem sind auch nicht

unsere gemeinsamen Werte. Das Wesen des Problems ist die

Schritt 5:

Wir müssen die menschliche

Sicherheit neu definieren und weichen

Machtfaktoren größere Bedeutung

beimessen.

Ungleichheit und Unsicherheit sind unsere beiden größten

globalen Herausforderungen. Wenn man sie richtig versteht,

dann sind sie zwei Seiten derselben Medaille. Die Armut hängt

häufig mit fehlender guter Regierungsführung zusammen.

Fehlende gute Regierungsführung hängt wiederum mit vielen

Problemen zusammen: mit Korruption, der Verweigerung

sozialer Gerechtigkeit und politischer Freiheit, mit fehlender

wirtschaftlicher Chancen und mit dem Scheitern der Rechtsstaatlichkeit.

Dieses Versagen führt zu einem Verlust an Hoffnung,

einem Gefühl der Ungerechtigkeit und Radikalisierung.

Und dies wiederum kann Bürgerkriege befeuern und interstaatliche

Konflikte herbeiführen.

Ironischerweise haben wir die Ineffektivität der militärischen

Macht im Angesicht dieser miteinander verbundenen globalen

Unsicherheiten miterlebt. Die Vereinigten Staaten, die einzige

Supermacht der Welt, hält sich ein Militär, das zu Land,

zu Luft und zu Wasser seinesgleichen sucht. Dennoch hat sich

der US-amerikanisch geführte Krieg in Afghanistan und im Irak

jahrelang hingezogen und trotz der enormen übermächtigen

Streitkraft stellte sich kein Sieg ein.

Wenn wir das Wesen dieser Unsicherheiten, vor denen unsere

Menschheitsfamilie steht, richtig verstehen, dann müssen wir

auch feststellen, dass wir den traditionellen Glauben an die

militärische Macht neu bewerten müssen. Intelligente Bomben

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können die Hungrigen nicht speisen. Panzer und Raketen können

keine Krankheiten bekämpfen und die ungleiche Verteilung

von Wohlstand bekämpfen.

Viele von uns treten jetzt dafür ein, eher weiche Machtfaktoren

zu vertreten – diese nichtmilitärischen Eigenschaften, die dazu

führen, dass ein Land ein bedeutender Akteur auf der globalen

Bühne ist. Der amerikanische Politikwissenschaftler Joseph

Nye hat gesagt: Ein Land hat mehr weiche Machtfaktoren,

wenn seine Kultur, seine Werte und seine Institutionen zu Bewunderung

und Respekt in anderen Teilen der Welt anregen.

Viele der etablierten Demokratien wie bspw. Deutschland haben

eine ganze Bandbreite dieser Eigenschaften exportbereit,

zum Beispiel die Redefreiheit, eine ökonomische und soziale

Dynamik, die Rechtsstaatlichkeit, fortschrittliche Wissenschaft

und Technologien. Um diese Eigenschaften beneiden sie die

unterdrückten und verarmten Gesellschaften auf der ganzen

Welt. Wenn die wohlhabenden Länder nur halb so viel Kreativität

und Ressourcen in diese weichen Machtfaktoren stecken

würden und diese Instrumente von Frieden und Fortschritt so

verbreiteten, wie sie Geld für Kriegsgerät ausgeben, wäre unsere

Welt sehr viel sicherer. Die Rendite wäre sofort einfahrbar.

Schritt 6:

Wir müssen unsere unzureichend

funktionierenden internationalen

Institutionen und Regierungs mechanismen

reformieren.

Auf dem New Yorker Weltgipfel von 2005 waren die Vereinten

Nationen Gastgeber für die größte Anzahl von Staats- und Regierungschefs,

die je zusammengekommen sind. Ganz oben

auf der Agenda stand die neu artikulierte Norm der Schutzverantwortung.

Diese Norm besagt, dass die Souveränität eines

Staates nicht nur das Recht, sondern auch die Verantwortung

beinhaltet, seine Bevölkerung gegen schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen,

Völkermord, Verbrechen gegen die

Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und ethnische Säuberung

zu schützen. In der Norm heißt es auch, dass die internationale

Gemeinschaft die Verantwortung trägt, angemessene humanitäre

und andere friedliche Mittel zu ergreifen, wenn ein Staat

nicht in der Lage ist, seine Bevölkerung vor diesen Gräuel taten

zu schützen. Sollten diese nicht ausreichen, kann sie stärkere

Maßnahmen bis hin zur kollektiven Gewaltanwendung ergreifen,

wenn sie vom UN-Sicherheitsrat autorisiert wird.

Verbunden mit diesen kulturellen Werten sollten wir willens

sein in einen Dialog einzutreten. Der Widerwillen vieler politischer

Führer mit anderen zu sprechen, solange nicht Bedingungen

erfüllt werden, macht mir Sorgen. Dialog und Diplomatie

sind die bedeutendsten Instrumente, um Konflikte lösen

zu können und Unterschiede zu überwinden. Das ist etwas,

was wir gerade jetzt bedenken sollten.

Aber Normen sind nur so sinnvoll wie die Institutionen, die sie

in eigentliches Handeln überführen. Mehrfach haben wir in

den vergangenen Jahren Vorfälle gesehen, bei denen man sich

auf die Schutzverantwortung berufen hat: in Darfur, Kenia,

Libyen, der Elfenbeinküste, im Jemen, in Mali, in Sudan und

Südsudan und in der Zentralafrikanischen Republik. Die Intervention

der internationalen Gemeinschaft kam jedoch häufig

sehr spät. Sie kann aber nur dann effektiv sein, wenn sie früh

eingesetzt wird und friedliche Lösungen noch möglich sind.

In den meisten Fällen wartet der Sicherheitsrat jedoch mit seiner

Intervention, bis Gewalt angewendet werden muss und

meist die einzige Option ist. Schlimmer ist, dass internationale

Interventionen in den vergangenen Jahrzehnten häufig

auch grob inkonsistent waren: fehlendes Handeln in Orten

MOHAMED ELBARADEI | 18.03.2014 | FRAUENKIRCHE DRESDEN | 17


wie Ruanda oder Syrien auf der einen Seite, wo massenhaft

Zivilisten abgeschlachtet wurden und energisches Handeln im

Irak und in Serbien auf der anderen ohne ein Sicherheitsratsmandat

bzw. ein Sicherheitsratsmandat wie zum Beispiel in

Libyen, das durch die NATO ausgeführt wurde. Um effektiv

zu sein, muss die Schutzverantwortung eine präzise Definition

und klare Modalitäten haben und darf nicht den Launen der

P5, der Ständigen Sicherheitsratsmitglieder mit Veto-Recht,

unterliegen. Sehr oft aber setzt der UN-Sicherheitsrat nur eine

Parodie seiner eigentlichen Funktion um und bietet nichts weiter

als Händeringen, Rhetorik und politischen Streit.

Dabei müssen doch stets die gleichen Standards der Rechenschaftspflicht

angewendet werden. Zwar hat der Sicherheitsrat

erfolgreich mehrere Fälle wie zum Beispiel die im Sudan

und in Libyen vor den Internationalen Strafgerichtshof verwiesen;

er schwieg jedoch vollständig zu den Gräueltaten, die im

Irak und Afghanistan begangen wurden. Das ist eine selektive

Justiz: Wenn der Täter Freunde auf den oberen Ebenen hat,

und damit meine ich die P5, dann werden diese Standards

nicht angewandt. Gegenwärtig untersucht der Internationale

Strafgerichtshof acht Fälle – alle in Afrika.

Diese widersprüchlichen Standards werden auch klar ersichtlich,

wenn man sieht, wie viel Ressourcen für eine UN-Aktion

zur Verfügung gestellt werden. Unter der UN-Charta von

1945 haben sich die Mitgliedsstaaten verpflichtet ihre Streitkräfte

unter einem Sonderabkommen mit dem Sicherheitsrat

zur Verfügung zu stellen. Dennoch hat bis heute kein einziges

Land in den vergangenen 70 Jahren je ein solches Abkommen

geschlossen. In einigen Fällen wie zum Beispiel in Afghanistan

wird die Operation durch die NATO gut ausgerüstet – sowohl

hinsichtlich der Streitkräfte als auch der Geräte – weil eine

Großmacht einen strategischen Wert wahrnimmt. In anderen

Fällen wie zum Beispiel in Darfur sind die Vereinten Nationen

gezwungen sich auf afrikanische Streitkräfte zu verlassen, die

schlecht mit Ausrüstung und Personal ausgestattet sind.

Wenn wir diese weichen Machtfaktoren und die Verwendung

von Dialog und Diplomatie zur Konfliktlösung betrachten, ist

klar, dass solche Instrumente dann am effektivsten sind, wenn

sie kollektiv eingesetzt werden – wenn die Länder durch die internationalen

Institutionen wie zum Beispiel die Vereinten Nationen

und ihre Unterorganisationen zusammenarbeiten. Aber

auch diese Behörden können nur effektiv sein, wenn die Mitgliedsstaaten

bereit sind, sie mit den notwendigen Ressourcen

und den notwendigen Befugnissen auszustatten. An der

humanitären Front betteln die Vereinten Nationen gegenwärtig

um 12,9 Milliarden Dollar, um humanitäre Katastrophen

in 52 Ländern bekämpfen zu können: 17 Millionen Menschen

sind davon betroffen. Aber sie haben Schwierigkeiten, diese

Finanzmittel zu bekommen. Dabei entsprechen diese Finanzmittel

der Hälfte eines Prozents dessen, was die Länder gleichzeitig

für Rüstung ausgeben.

Ich glaube, dass es jetzt an der Zeit ist, diese unzureichend

funktionierenden Institutionen zu reformieren. Wir können

nicht immer wieder dasselbe tun und andere Ergebnisse erwarten.

Der Sicherheitsrat muss über die Struktur, über die

Befugnisse und Ressourcen verfügen, die nötig sind, um der

Bedrohung internationalen Friedens und Sicherheit nur auf

der Grundlage von menschlicher Solidarität zu entsprechen,

ungeachtet der geopolitischen Interessen eines individuellen

Mitgliedsstaates. Die humanitären Institutionen der Vereinten

Nationen müssen sowohl die Befugnisse als auch die

Ressourcen bekommen, um die Menschenwürde eines jeden

Einzelnen sicherzustellen, indem die grundlegenden Bedürfnisse

erfüllt werden können – nahrhafte Lebensmittel, Hygiene,

sauberes Wasser, Gesundheitsversorgung und Bildung –,

wenn die Staaten dies selbst nicht schaffen.

Als Mitglieder der Menschheitsfamilie dürfen wir geringere

Standards nicht akzeptieren.

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Schritt 7:

Wir müssen die Technologie in den

Dienst von Entwicklung stellen.

Zu Beginn meiner Rede habe ich eine Reihe von Fortschritten

in Wissenschaft und Technik angesprochen. Wir leben in einer

Zeit des nie dagewesenen Fortschritts – in der Medizin, in

der Informationstechnologie, der Biotechnologie, der Nanotechnologie

und vielen anderen Bereichen. Dennoch scheinen

wir nicht in der Lage zu sein, diese Fortschritte so zu nutzen,

dass unsere Welt menschlicher und friedlicher wird. Die Innovationen,

der Erfindergeist und das Unternehmertum sind

Schlüsselworte, die ganz oben auf der Agenda eines jeden

Landes in der industrialisierten Welt stehen. Aber relativ wenig

Forschungsgelder oder Risikokapital konzentrieren sich darauf,

die Herausforderungen der Entwicklungsländer zu lösen.

Damit meine ich zum Beispiel Energieerzeugung mittels Mikronetzen

oder Kleinstanlagen zur Wasseraufbereitung oder

günstige medizinische Lösungen für Infektionskrankheiten.

Regelmäßig sehen wir Beispiele für fortschrittliche Techniken,

die missbraucht werden, um unsere Grundwerte einzuschränken

– wie zum Beispiel die Hightech-Abhörmethoden, die unser

Recht auf Privatsphäre missachten.

Betrachten Sie einmal den Medizinbereich: Erfolgreiche antiretrovirale

Behandlungsmöglichkeiten sind für HIV-AIDS

entwickelt worden. Aber sie sind größtenteils für die Armen

nicht zugänglich und taugen daher kaum als Lösung für den

tragischen Tribut, den ganz Afrika an AIDS nach wie vor zollt.

Der Direktor von UN AIDS hat Anfang letzten Jahres dem

Menschenrechtsrat gesagt: »Es ist unerhört, dass, obwohl wir

all die Instrumente haben, um diese Epidemie bekämpfen zu

können, über 1,7 Millionen Menschen dieses Jahr, 2013, sterben

werden, weil sie keinen Zugang zu diesen Behandlungsmethoden

bekommen.« In den Ländern mit niedrigem und

mittlerem Einkommen werden von 29 Millionen möglichen

Patienten nur 9 Millionen diese Behandlung erhalten.

Noch einmal komme ich zurück auf diese Ungleichheit zwischen

unseren vorwärts gerichteten Werten, die sich die gesamte

Menschheitsfamilie teilt und unserem sehr engstirnigen

Verhalten als Einzelpersonen, Unternehmen und Regierungen.

Wir wollen nicht, dass unsere Mitbürger Hunger leiden oder

im Elend leben. Es liegt vielmehr daran, dass wir so gefangen

sind in den Prioritäten des Moments, dass wir das große Bild

nicht sehen.

Schritt 8:

Wir müssen Atomwaffen abschaffen.

Wenn wir technische Innovationen breiter anwenden beim

Versuch, die Herausforderungen der Entwicklung anzugehen,

hätten wir eine sehr schnelle und offensichtliche Rendite. Das

zeigt, wie hoch die Verschwendung und die Nutzlosigkeit der

Investition in immer größere und stärkere Waffen und die Aufrechterhaltung

von Waffenarsenalen ist.

Die Beseitigung von Atomwaffen ist kein Modethema. Eines

sollte durch die Ausbreitung von fortschrittlichen Technologien

und Wissenschaften aber ganz klar sein: Solange sich Länder

auf diese Waffen verlassen, werden auch andere versuchen

in ihren Besitz zu kommen. Aber – und das möchte ich noch

einmal hervorheben – menschliche Sicherheit ist kein Nullsummenspiel.

Es ist zwingend, dass kein weiteres Land mehr versucht diese

tödlichen Waffen zu erwerben. Gleichzeitig ist es aber auch

wichtig, dass die Atomwaffenstaaten die atomaren Abrüstungsanstrengungen

beschleunigen. Dazu brauchen wir nationale

Sicherheitspolitiken, die die strategische Rolle reduzieren,

die diesen Waffen zugeschrieben wird. Atomwaffen

sollten in unserer Doktrin der kollektiven Sicherheit keine Rolle

spielen. Es ist doch Wahnsinn, dass wir fast ein viertel Jahrhundert

nach dem Ende des Kalten Krieges noch immer über

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20 | MOHAMED ELBARADEI | 18.03.2014 | FRAUENKIRCHE DRESDEN


17.000 Atomwaffen haben: über 4.000, die einsatzbereit sind

und 2.000 im Status höchster Alarmbereitschaft – also in weniger

als einer halben Stunde einsatzfähig.

Wie passt nun der Iran in diese Gleichung Das Atomprogramm

des Iran war in den vergangenen zehn Jahren ein immer

wieder besprochenes Thema. Die nuklearen Waffen im

Nahen Osten und andernorts sind lange als Garanten von

Macht, Prestige und Sicherheit gegen einen Angriff gesehen

worden.

Die iranische Entschlossenheit, die Atomtechnik zu beherrschen,

ist meiner Meinung nach der Wunsch, als wichtige Regionalmacht

anerkannt zu werden. Wie wir jedoch in jüngster

Vergangenheit gesehen haben, kann das Thema mit dem Iran

gelöst werden. Nicht durch Bedrohung und Einschüchterung,

nicht durch Schuldzuweisungen und Beleidigungen, sondern

durch Dialog und Verhandlung. Der jüngste Dialog mit direkter

Interaktion zwischen dem Iran und den Vereinigten Staaten

ist ein willkommener Schritt in die richtige Richtung. Die Missstände

und das Misstrauen zwischen diesen beiden Ländern

haben sich in den vergangenen 50 Jahren akkumuliert. Mit

Fortschritten in diesem Bereich werden sich mehr Chancen

entwickeln und wir werden versuchen müssen Unterschiede in

vielen anderen Bereichen weiter zu versöhnen.

Schritt 9:

Wir müssen die Wirtschaft in den Dienst

der gesamten Menschheit stellen.

Jahrhundertelang haben die Menschen es verstanden, Krieg

profitabel zu machen und die Armen und die weniger Mächtigen

für Profit auszunutzen. Dieses Modell kann nicht länger

aufrechterhalten werden. Es ist Zeit für einen neuen Ansatz

der globalen Wirtschaft, der darauf abzielt, Wohlstand durch

Frieden zu erreichen.

Der erste praktische Bereich für einen strategischen Wandel

erfordert eine Neuausrichtung der Forschungs- und Entwicklungshaushalte

der Regierungen. Innovation folgt Investitionen.

Wenn wohlhabende Regierungen weiterhin zehn Mal so

viel Geld für Aufrüstung und Verteidigung wie für humanitäre

Hilfe ausgeben, wird dies natürlich auch Auswirkungen darauf

haben, wo Investoren, Unternehmen und Forschungsuniversitäten

ihr Geld investieren. Wenn aber die gleichen Regierungen

Forschung und Entwicklung fördern würden, um die

größten Herausforderungen der Entwicklungsländer zu lösen,

wäre das Ergebnis die Entwicklung neuer Technologien, die

Erschließung neuer Industrien und neuer Märkte und schlussendlich

auch eine Revolution in der Bewältigung der Kosten

humanitärer Hilfe.

Ein zweiter Bereich für wirtschaftliche Innovationen liegt darin,

wie wir das brachliegende Potenzial der Menschen in den

Entwicklungsländern ausnutzen können. Wir haben hier hoch

motivierte Bevölkerungen, viele mit einem hohen Prozentsatz

junger Menschen – in Ägypten sind 50 Prozent der Bevölkerung

jünger als 25. Fernsehen und Internet haben diesen jungen

Menschen mehr als je zuvor die Möglichkeit gegeben in

die Welt zu blicken. Sie möchten Chancen nutzen, von denen

sie wissen, dass sie andernorts existieren. Intelligente unternehmerische

Investitionen in Hightech-Fähigkeiten, in eine

IKT-Infrastruktur (IKT: Informations- und Kommunikationstechnologien),

in Anschubfinanzierungen und Unterstützungen

für Unternehmer können zu einem sehr hohen Profit

und zu guten Renditemöglichkeiten führen.

Ein dritter Bereich für wirtschaftliche Innovationen ist, den neu

entstandenen Demokratien dabei zu helfen, die Institutionen

und Mechanismen für gute Regierungsführung zu schaffen.

Das ist eine sehr viel intelligentere strategische Investition als

der Verkauf von Waffen oder die Bereitstellung von Militärhilfe

für diese Länder. Durch den Beginn eines Prozesses der sozialen

und ökonomischen Entwicklung – durch den Export der

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weichen Marktfaktoren, wie ich das vorhin nannte – werden

wir stabile verlässliche Partner schaffen, die auch Märkte und

Möglichkeiten für unsere Unternehmen darstellen. Eine solche

Großzügigkeit ist alles andere als Wohltätigkeit. Es ist eine Investition

in unser eigenes Überleben.

Schritt 10:

Wir müssen uns selbst umschulen – und

vor allem die Jugend umschulen –

und ihnen die Kunst des Friedens

beibringen.

kommen und nur auf der Grundlage ihrer Leistung zugelassen

werden. Einige kommen aus der absoluten Armut; alle Kosten

werden von den Vereinigten Arabischen Emiraten getragen.

Die Idee ist, dass diese jungen Menschen zusammenkommen,

um wirklich multikulturelle und globale Sichtweisen für ihre

Rollen als spätere Führungspersönlichkeiten zu entwickeln. Der

Präsident der NYU John Sexton sagte mir, dass bereits nach

wenigen Jahren hervorragende Ergebnisse zu beobachten

waren. Solche Anstrengungen geben uns Hoffnung.

Bildung zahlt eine Multigenerationendividende aus. Wir können

uns keine weiteren verlorenen Generationen länger leisten.

Jeder der bisher beschriebenen neun Schritte erfordert gewisse

Elemente der Umschulung, die alle praktischen strategischen

Nutzen mit sich bringen. Die Bildung ist hierbei der

Schlüssel. Neugier und der Glaube an die Macht des Lernens

ist essenziell für das, was uns menschlich macht.

Mit der schnellen Geschwindigkeit des Wandels, den wir gegenwärtig

erleben, brauchen wir ein globales Umschulungsprogramm,

um unsere Unsicherheit als Menschheitsfamilie zu

überwinden. Zuerst einmal müssen wir unsere Jugendlichen

bilden. Wir müssen eine Grund- und Sekundarschulausbildung

für Mädchen und Jungen in den ärmsten Ländern sicherstellen,

wenn wir möchten, dass diese jungen Menschen

nicht in Armut leben. Die gegenwärtigen Anstrengungen im

Bildungsbereich reichen nicht aus. Der jüngste Bericht der UN-

ESCO zu globaler Bildung besagt, dass, wenn der gegenwärtige

Trend so weitergeht, es bis zum Jahr 2072 dauern wird, bis

die jüngsten armen Frauen in den Entwicklungsländern lesen

und schreiben können. Das kann so nicht akzeptiert werden.

Lassen Sie mich schlussfolgernd sagen:

Die Herausforderungen, vor denen wir stehen, sind größer als

ein einzelnes Land, ein einzelner Konflikt oder ein einzelnes

Thema. Wir kämpfen um das Herz der Menschheit. Was für

eine Welt wollen wir unseren Kindern hinterlassen Was sind

die Werte, die Institutionen, die Formen der Regierungsführung,

die Verhaltensweisen und die Einstellungen, die es uns

ermöglichen als globale Gesellschaft einen andauernden Frieden

zu erreichen

Die Lösungen liegen nahe – denn die Lösungen liegen in uns.

Egal, wie groß die Herausforderung sein mag, eine andauernde

Investition in menschliche Sicherheit ist eine Investition in

unsere gemeinsame Zukunft als eine Menschheitsfamilie.

Vielen Dank.

Auf der positiven Seite sehen wir gegenwärtig viele Anstrengungen

einen neuen Ansatz zum Thema Bildung zu entwickeln.

Meine Alma Mater, die New York University, betreibt einen

globalen Bildungscampus in Abu Dhabi. Jedes Jahr wählen

sie ungefähr 200 Studierende aus, die aus mehr als 50 Ländern

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»Friedenswettbewerb«

Sächsische Schülerinnen und Schüler wurden zu einem Ideenwettbewerb eingeladen

Der Friedensnobelpreis ist Auszeichnung für eine Lebensleistung.

Einzelpersonen oder Organisationen werden für

einen Impuls gewürdigt, der herausragend für das friedliche

Zusammenleben zwischen Menschen dieser Welt gewirkt

hat. Der Preis ist rückblickend eine Anerkennung für Geleistetes

und vorausblickend eine Verpflichtung. Schülerinnen

und Schüler suchen ihr Leben zu gestalten. Dabei spielt die

Ausbildung in der Schule eine wesentliche Rolle. Sensibilität

für Friedensfragen kann in unterschiedlichen Fächern inhaltlich

entwickelt werden. Junge Menschen denken und kommunizieren

in der Regel weltweit und stehen zugleich vor

der Herausforderung ihr persönliches Lebensumfeld sinnvoll

und friedlich zu gestalten. Die Erfahrung, dass das persönliche

Engagement Beachtung findet und Wirkungen entfalten

kann, die weit über das individuelle Umfeld hinausreichen, ist

kostbar. Nicht zuletzt sind es auch persönliche Vorbilder, an

denen sich Schülerinnen und Schüler orientieren. Inhalte vermitteln

sich nachhaltiger, wenn sie mit Emotionen verbunden

werden können. Persönliche Wertschätzung und menschliche

Begegnungen spielen dabei eine entscheidende Rolle.

Insofern liegt es nahe, Friedensnobelpreisträger unmittelbar

mit jungen Menschen in Verbindung zu bringen. Für beide

kann die Begegnung im besten Fall eine Bereicherung sein.

Im Zusammenwirken mit dem Sächsischen Staatsministerium

für Kultus konnte durch die Stiftung Frauenkirche ein Schülerwettbewerb

ausgelobt werden, der die Rede des Friedensnobelpreisträgers

Dr. Mohamed ElBaradei inhaltlich flankiert

und im Blick auf die Situationen von jungen Menschen

heute aktualisiert. Eine Welt ohne Nuklearwaffen – Illusion

oder Auftrag an die junge Generation in dieser Welt Mit

dieser Frage beschäftigten sich Schulklassen und kleine

Arbeitsgemeinschaften auf Anregung des Friedensnobelpreisträgers

im Vorfeld der Rede. Ziel ist es, Jugendliche nicht nur

in besonderer Weise zur Rede des Friedensnobelpreisträgers

in die Frauenkirche einzuladen, sondern sie am histo rischen

Ort der Verwundung und Versöhnung als Partner auf Augen -

höhe am politischen Diskurs mit namhaften Politikern teilhaben

zu lassen. Der Preis für die Siegergruppen war bewusst nicht

die Füllung der Klassenkasse, sondern ein ideeller Wert: Ein

Tag an der Dresdner Frauenkirche, der in einem gesonderten

Format die Geschichte und Botschaft dieser Kirche erleben

lässt, Möglichkeiten eröffnet, andere Schülerinnen und

Schüler mit ihren Ideen kennenzulernen, gemeinsam zu essen

und zu entdecken, und auf kreative Weise die Fragen und

Interessen zu entwickeln, die man am Abend im exklusiven

Gespräch mit dem Friedensnobelpreisträger erörtern will.

Die Gedanken und Wünsche der jungen Menschen für eine

friedvolle Zukunft fanden in einer transparenten »Wunsch-

Welt« Platz, die in den zukünftigen Jahren in der Frauen -

kirche ausgestellt sein wird, als Ansporn zur Friedensarbeit. Die

persönliche Würdigung der Schülerinnen und Schüler durch

die hochrangig besetzte Jury und den Ministerpräsidenten

bot eine gute Grundlage für ein beiderseitig wertschätzendes

und interessiertes Gespräch zwischen dem Friedensnobelpreisträger

und den ausgezeichneten Schülergruppen. Das ge -

schützte Format eines nichtöffentlichen Gesprächs für zwei

Stunden in der Unterkirche unmittelbar vor dem öffentlichen

Vortrag im Hauptraum eröffnete die exklusive Möglichkeit,

Dr. ElBaradei nicht nur als politischen Akteur vor dem Hintergrund

seiner Lebensleistung kennenzulernen, sondern auch

als Menschen wie du und ich mit Hoffnungen, Enttäuschungen

und Idealen.

Holger Treutmann, Pfarrer der Frauenkirche

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Die Siegerbeiträge

des Schülerwettbewerbs

125 Teilnehmerinnen und Teilnehmer folgten dem Aufruf

der Stiftung Frauenkirche Dresden am Friedenswettbewerb

»Schüler treffen Friedensnobelpreisträger in der Frauenkirche

Dresden« teilzunehmen. Dr. Mohamed ElBaradei fragte: »Eine

Welt ohne Nuklearwaffen – Illusion oder Auftrag an die junge

Generation in dieser Welt« und rief die Schülerinnen und

Schüler auf, sich intensiv mit diesem Thema auseinanderzusetzen

und ihre Wünsche, Ängste, Ideen und Lösungsansätze

vorzustellen. Die Stiftung Frauenkirche Dresden erreichten Beiträge

u.a. in Form von Film, Hörspiel und Schülerzeitung. Die

drei Jurymitglieder lobten das Engagement der Teilnehmenden

und die hohe Qualität der Einreichungen. Besonders wurde

die Kreativität hervorgehoben, mit der die Schülerinnen

und Schüler einerseits die Gründe für das Streben nach Atomwaffen

darstellten und zugleich die Folgen des Besitzes für die

internationale Sicherheit und einen möglichen Einsatz dabei

nicht außer Acht ließen. Anders als noch in den 1980er Jahren

nahmen die Schülerinnen und Schüler nicht nur eine europäische

Perspektive ein, sondern thematisierten die globalen Aspekte

der (Nicht-)Verbreitung und Möglichkeiten der Kontrolle

von Atomwaffen. Aus den dreizehn Gruppeneinreichungen

benannte die Jury drei gleichrangige Sieger, die das Wettbewerbsthema

in herausragender Weise bearbeitet hatten. Zur

Jury gehörten neben der Bundesbeauftragten für Fragen der

Abrüstung und Rüstungskontrolle, Ministerialdirigentin Antje

Leendertse, Herbert Wolff, Staatssekretär

des Sächsischen Staatsministeriums für Kultus

und Dr. Oliver Meier, Stiftung Wissenschaft

und Politik am Deutschen Institut für

Internationale Politik und Sicherheit.

»Frieden statt

Bekriegen«

Auf dem Weg in eine Welt ohne Nuklearwaffen

Victoria Lê, Livia Koenitz, Charlotte Bäcker, Hannes Lienig,

Silvia Dietze, Anna Dorothea Uschner, Sophia Lehne, Nora

Hartmann, Oleksiy Bezugly, Jenny Steinert, Mei Yang, Stefanie

Pusch (Lehrerin) – Gymnasium Dresden-Plauen

In einer Spezialausgabe des fiktiven politischen Jugendmagazins

„The Road“ thematisierten die Jugendlichen die Fragestellung

des Wettbewerbs. Zunächst setzten sie sich mit der

Geschichte der Atomwaffen und den gegenwärtigen weltweiten

Standorten von Atomwaffen auseinandergesetzt und

führten im Anschluss beim »Tag der Offenen Tür« ihres Gymnasiums

eine Umfrage und Aktionen durch, um auf das Thema

aufmerksam zu machen und sich eine Meinung zu bilden.

»Das Magazin fällt durch seine sachliche Kompetenz, professionelle

Gestaltung und den überaus differenzierten Umgang

mit dem Wettbewerbsthema positiv auf. Es ist ein exzellent

recherchiertes, bestens durchdachtes Heft, das Interesse für

das Thema (nicht nur) bei Jugendlichen weckt«, so die Jury in

ihrer Begründung des Siegerbeitrages.

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»zehn«

Thesenanschlag

»Die Entscheidung

liegt bei Euch!«

Für eine Zukunft ohne Atomwaffen

Adrian Laugsch, Valentin Gies, Daniel Hofmann, Pia Weigel,

Helena Kieß – Evangelisches Kreuzgymnasium Dresden

Milena Hauser, Henriette Weiß, Charlotte Pech,

Victoria Tost – Evangelisches Kreuzgymnasium Dresden

Die Einreichung umfasste eine filmische Performance und ein

begleitendes Essay und thematisierte visionär zehn grundsätzliche

Thesen. »Kühn und mutig sollen zehn Thesen künden

von einer friedlicheren Welt der Sicherheit und Freiheit von

atomaren Bedrohungen der Existenz der Menschheit«.

»Neben der sehr schlüssigen Streitschrift, die Sehnsüchte,

Appelle, Bedenken und Begehren der jungen Generation

auf- und anzeigt, haben die Schülerinnen und Schüler eine

filmische Übersetzung der Worte eingereicht, die in ihrer expressiven

Symbolhaftigkeit einem apokalyptischem Aufschrei

nahekommt«, waren sich die Jurymitglieder einig. Lobend erwähnt

wurde zudem die hervorragende Filmmusik, die vom

15-jährigen Adrian Laugsch, einem der jüngsten Komponisten

in Sachsens, stammt.

»Der Beitrag wirft vor allem die Frage auf, welche Dilemmata

sowohl eine atomwaffenfreie Welt als auch das Festhalten an

Atomwaffen mit sich bringt. Eine solch differenzierte und für

den Zuschauer manchmal überraschende Analyse, verbunden

mit der Aufforderung, selbst zu entscheiden welche Welt die

bessere ist, dürfte ein nachhaltigeres Engagement für die nukleare

Abrüstung hervorbringen als plakative Warnungen vor

dem Atomkrieg«, äußerte sich die Jury in ihrer Begründung.

Die Jugendlichen reichten einen Kurzfilm ein, der über einen

historischen Überblick zur Entwicklung von Atomwaffen einen

Entwurf alternativer Zukunftsszenarien aufzeichnete.

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28 | MOHAMED ELBARADEI | 18.03.2014 | FRAUENKIRCHE DRESDEN


Jugendliche erleben Frauenkirche

Wie haben die Schülerinnen und Schüler des Schülerwettbewerbs die Frauenkirche erfahren

»Ich höre einen Ton aus vielen Tönen: Frieden, Frieden, wo

Gott wohnt« – die letzten Worte des Gedichts, das Christian

Lehnert 2003 anlässlich der Weihe der neuen Frauenkirchenglocken

für die Friedensglocke Jesaja schrieb, verklingen. Dicht

beieinander stehen die Jugendlichen in den beiden schmalen

Glockenstuben, vor Augen die Glocken, deren Namen und

Zier auf ihre liturgische Funktion hinweisen. Warum sich ins

achtstimmige Geläut der Frauenkirche neben sieben neuen

Glocken auch die fast fünfhundert Jahre alte Gedächtnisglocke

einfügt, ist eine von vielen Entdeckungen auf dem Weg der

Schülerinnen und Schüler durch die Frauenkirche.

Der Weg beginnt in der Unterkirche, dem Raum der Stille. Ehemals

Grablege, Kirchenkeller und Schutzraum in Kriegszeiten

trägt der sparsam gestaltet Sakralraum sichtbare Spuren existenzieller

Themen wie Tod und Auferstehung, Krieg und Zerstörung,

Verletzung und Heilung. Hier in Stille anzukommen,

selbst still zu werden, die Aufmerksamkeit dem Nebeneinander

alter und neuer Steine und dessen Botschaft zuzuwenden,

Zitate laut zu lesen, wie Augenzeugen den Bombenangriff auf

Dresden erinnerten, die Bedeutung moderner Gestaltungselemente

bewusst wahrzunehmen und schließlich die eigene

Stimme aufschwingen zu lassen in einem Gesang, der den

schlichten, steinsichtigen Raum mit lebendigem Klang erfüllt,

eröffnet die Frauenkirchenerkundung. Ihr Ziel ist die Ermöglichung

individueller Begegnung mit der Frauenkirche und ihrer

Botschaft, die aus sich selbst heraus nahelegt, warum die Rede

eines Friedensnobelpreisträgers hier ihren richtigen Platz hat.

Von der Unterkirche steigen wir auf in den Kirchenraum, wo das

Leben in der Frauenkirche hauptsächlich stattfindet: in Gottesdiensten,

Konzerten, Vorträgen und Zeiten offener Kirche.

Von der zweiten Empore schweift der Blick durch den Raum:

nach unten zu den Tagesbesuchern, die besichtigend einhergehen,

in Betrachtung versunken sitzen oder im Gespräch mit

einem gastgebenden, ehrenamtlichen Kirchenführer stehen,

nach oben zu den Bildfeldern der Innenkuppel und natürlich

nach vorn zum Altar. Nach wenigen einleitenden Worten zu

geschichtlichen Rahmendaten und warum der Kirchenraum

gebaute evangelische Theologie ist, wechseln wir eine Etage

tiefer und treten auf der Sängerempore dicht an den gebrochenen

Altar heran. Aus der Fülle des Bildprogramms fokussiert

die Wahrnehmung in der zentralen Altarszene, wo sinnfällig

Kriegszerstörtes belassen wurde, etwa an der Figur des

Judas und wo »Narben der geheilten Wunde« sich dem zweiten

Blick entbergen. Woran diese Narben erinnern und wozu

sie mahnen, wiederholt das im Kirchenraum aufgestellte alte

Turmkreuz. Bevor die Erkundungstour weiter nach oben führt,

wird die Einladung ausgesprochen, später am Tage unten am

alten Turmkreuz ein Gebetslicht anzuzünden: in Gedenken

an... Es folgen der Aufenthalt in den Glockenstuben und danach

der Aufstieg hinauf zur Aussichtsplattform.

Wie sich der Blick von hier über Dresden hinaus in die Weite

richtet, weist auch die Botschaft der Frauenkirche über räumliche

und zeitliche Grenzen hinweg in eine zukünftige Welt, für

die die Jugendlichen von heute in besonderer Weise einstehen

werden. Dass sie sich dieser Verantwortung stellen wollen,

haben die Schülerinnen und Schüler in ihren preisgekrönten

Beiträgen eindrücklich gezeigt.

Anja Häse

Dr. Anja Häse ist seit 2002 Leiterin des Besucherdienstes

der Stiftung Frauenkirche Dresden.

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»Es gibt sie also noch, die Menschen mit Vision, die Furchtlosen

und Mutigen: Das Treffen mit Mohamed ElBaradei euphorisierte

mich und stimmte mich nachdenklich zugleich.

Im alltäglichen Trott scheint man manchmal den Blick für das

Ganze zu verlieren, wenn man sich in Nichtigkeiten verrennt,

anstatt den großen Weltproblemen mit Weitsicht, Klugheit

und Zähheit zu begegnen, so wie der Friedensnobelpreisträger

es Tag für Tag zu tun pflegt. Besonders beeindruckt

hat mich seine Bodenständigkeit, die uns verriet, dass er im

Moment, als ihm der begehrte Preis verkündet wurde, einen

Schlafanzug trug, und seine Liebe zum Menschen, die er als Motiv seines Handels in vielen

Sätzen durchblicken ließ. Die Kuppel der Frauenkirche wurde für mich zum Zelt einer friedvolleren

und gerechteren Welt, als ElBaradei am Abend dieses Tages der Momente des Friedens

seine Forderungen verkündete. Der 18. März: für mich ein sich tief in mein Gedächtnis

einbrennender Tag und die Zusammenkunft mit einem Helden.« Helena Kieß

»Meiner Meinung nach war der Tag in der Frauenkirche

sehr gelungen. Neben den Veranstaltungen zum Wettbewerb

hat mir besonders die Führung durch die Frauenkirche

gefallen. Dort hat man Dinge erfahren, die man als

›normaler‹ Tourist nicht lernt. Die Rede am Abend fand ich

sehr anschaulich, da ElBaradei so viele Argumente vorbrachte.

So war meiner Meinung nach besonders überzeugend,

dass er gezeigt hat, dass nicht nur Regierungen und hohe

Institutionen Veränderungen bewirken können. Jedem Einzelnen

ist es möglich, sich gegen Atomwaffen einzusetzen.«

Sophia Lehne

»Ich bin froh, an diesem Projekt teilgenommen zu haben.

Dadurch habe ich zum ersten Mal genauer nach

Atomwaffen geforscht und mich mit diesem Thema

auseinandergesetzt. In diesem Zusammenhang stellte

die Kirche für mich einen Ort des Friedens, aber auch

der Stärke dar. Die Begegnung mit dem Friedensnobelpreisträger,

welche im Laufe des Tages stattfand, war

einer der Höhepunkte.« Livia Koenitz

»Die Ankunft im Raum der

Stille war für mich etwas sehr

besonderes. Wir durften erst

einmal zur Ruhe kommen und

haben dann die Akustik des

Raumes ausprobiert, indem

wir einen alten Kirchengesang

eingeübt und dann gesungen

haben. Das Gespräch war das

Spannendste. Wir durften mit

dem Friedensnobelpreisträger

über das Thema Atomwaffen

diskutieren. Eine große Ehre!

Ich habe durch das Gespräch

auch eine neue Ansichtsweise

erhalten. ElBaradei hat uns ermutigt,

sich gegen Atom- und

Nuklearwaffen einzusetzen. Er

hat uns klar gemacht, dass wir

endlich etwas machen müssen,

denn es ist allerhöchste

Zeit. Es hat mich beeindruckt,

dass er Hoffnung in eine

Gruppe ganz normaler Kinder

setzt und extra angereist ist,

um uns anzuspornen.«

Mei Yang

30 | MOHAMED ELBARADEI | 18.03.2014 | FRAUENKIRCHE DRESDEN


»Da ich als Dresdnerin bis zu diesem Tag noch nie auch nur

einen Fuß in die Frauenkirche gesetzt habe, sind mir persönlich

besonders die Momente im Glockenturm und – trotz des Windes

– auf der Kuppel in Erinnerung geblieben, was sicherlich

auch an den vielen interessanten, teilweise auch historischen,

Informationen lag. Das Gespräch mit dem Friedensnobelpreisträger

Mohamed ElBaradei war sicherlich für jeden Zuhörer oder

sogar Fragenden ein einmaliges Erlebnis. Vor allem die Aussage,

dass die Zukunft unserer Welt in den Händen der Jugend liegt,

hat mich in meinem Denken bestätigt.« Silvia Dietze

»Die Führung durch die Frauenkirche war schön und für mich

etwas ganz besonderes, da ich noch nie in der Frauenkirche

war. Der Friedensnobelpreisträger hat eine wunderbare Rede

gehalten, welche auch noch einmal die allerwichtigsten Aspekte

für eine friedvollere Welt aufgezeigt hat. Auch hat mir seine

Rede noch einmal gezeigt, dass alle Menschen der Gemeinschaft

etwas dafür tun müssen, damit wir unserem Ziel, in eine

atomwaffenfreie Welt zu gehen, ein Stück näher kommen. Alles

in allem war es ein unvergesslicher Tag, den ich gegen nichts

eintauschen würde.« Nora Hartmann

»Ich fand den Tag der Preisverleihung, des Gespräches und die

Rede super. Eigentlich ist das die erste Veranstaltung, in der die

Realität die Erwartungen überstieg. Das Gespräch war sogar

wichtiger als die Rede, da dort alles kürzer, verständlicher und

direkter als in der Rede war. Die Auffassung, dass ›wenn die USA

heute globale Überwachung betreiben kann, werden es morgen

viele andere auch können‹ ist eigentlich für mich das Wichtigste,

was ich aus den Gesprächen mitgenommen habe, da meine Motivation

schon zu Beginn des Projekts war, eine bekanntere Person,

die tatsächlich stark überwacht wurde, fragen zu können, wie man

eigentlich dazu steht, wie es sich anfühlt, zu erfahren, dass man überwacht wurde. ElBaradeis

Gedanke, dass unser Denken friedlicher werden müsse, damit sich etwas auf der Welt ändert, hat

mich sehr zum Nachdenken gebracht. Denn tatsächlich denken wir mehr an Krieg als an Frieden.

Und es gibt mehr Medien, die von Krieg handeln, als Medien, die von Frieden handeln. Ob sich

das ändern kann, ist ungewiss.« Aljoscha Bezugly

»Ich habe die Frauenkirche an

diesem Tag sowohl als Rückzugsort,

als auch als Raum der

Begegnung vieler verschiedener

Menschen erlebt, vor allem aber

als Ort mit einer Geschichte, die

uns ermahnt, Frieden zu stiften

und zu erhalten. ElBaradei persönlich

begegnen zu können,

ihm Fragen zu stellen und zuhören

zu können, war und ist

für mich ein unvergessliches

Erlebnis. Es fällt mir schwer, genau

zu sagen, was an diesem

Tag ganz besonders besonders

war. Jeder Ort, den wir gemeinsam

in der Frauenkirche

besucht haben, der Raum der

Stille, die Empore, die Glocken

und zuletzt die Kuppel sowie

die Zeit, die wir mit dem Friedensnobelpreisträger

verbringen

konnten, sind für mich in

ihrer eigenen Art und Stimmung

so beeindruckend gewesen.«

Anna Dorothea Uschner

MOHAMED ELBARADEI | 18.03.2014 | FRAUENKIRCHE DRESDEN | 31


Impulse zur Friedensnobelpreisträgerrede

Im Rahmen eines Abendessens im kleinen Kreis reflektierten Staatssekretär David Gill, Botschafter Wolfgang

Ischinger und Professor Dr. Volker Perthes die Friedensnobelpreisträgerrede 2014:

Staatssekretär David Gill

Exzellenzen, sehr geehrte Damen und Herren.

In den letzten 15 Jahren wurden mit dem Friedensnobelpreis

bemerkenswert oft internationale Organisationen ausgezeichnet,

zum Beispiel die Vereinten Nationen (2001), die Europäische

Union (2012) oder erst kürzlich die Organisation für das Verbot

chemischer Waffen (2013). Von den insgesamt 126 Friedensnobelpreisen,

die seit 1901 verliehen wurden, gingen 25 an

internationale staatliche oder nichtstaatliche Organisationen.

Zwei Organisationen, nämlich das Internationale Komitee des

Roten Kreuzes und das Büro des Hohen Flüchtlingskommissars

der UN, erhielten den Preis sogar mehrmals.

Preis bedachte, sondern ad personam auch die wichtigste

Einzelperson hinter der Organisation, so zum Beispiel unseren

heutigen Ehrengast, Dr. ElBaradei, der 12 Jahre lang, von 1997

bis 2009, an der Spitze der Internationalen Atomenergiebehörde

stand.

Wir können nicht leugnen, dass die Staaten heute oft vor Herausforderungen

stehen, denen sie allein nicht mehr gewachsen

sind. Multilateralität scheint daher wichtiger zu sein als je

zuvor. In einigen Fällen brauchen Staaten internationale Organisationen

als Forum für Kooperation. In anderen Fällen treten

Staaten freiwillig, als vertrauensbildende Maßnahme, internationalen

Organisationen bei. Multilaterale Zusammenarbeit ist

in Europa zum Garanten für Frieden und Stabilität geworden.

Ich finde diese Tatsachen recht interessant, zeigen sie doch,

dass jene Organisationen offenbar als die wichtigsten internationalen

Friedensstifter galten bzw. gelten – zumindest zur

Zeit der Preisverleihung. Ich finde es auch bemerkenswert,

dass der Prozentsatz der Organisationen, die den Preis erhielten,

im Gegensatz zu Einzelpersonen in letzter Zeit offenbar

gestiegen ist. Man könnte daraus schlussfolgern, dass in

jüngster Zeit kollektive Anstrengungen für Frieden und Sicherheit

erfolg reicher waren als der Einsatz Einzelner. Allerdings

ist diese Schlussfolgerung wohl nur teilweise richtig, da alle

kollektiven Maßnahmen von Einzelnen initiiert, beschlossen

und umgesetzt werden müssen.

Das ist der Grund dafür, dass das Nobelpreiskomitee in manchen

Fällen nicht nur die Organisation als solche mit dem

Der Erfolg eines multilateralen Ansatzes hängt jedoch letztendlich

von den Initiativen und der Bereitschaft der Staaten

ab. In diesem Geist forderte Präsident Gauck auch Deutschland

auf, sich international »früher, entschiedener und substanzieller

einzubringen«.

Traurige Wahrheit ist, dass einige Staaten noch immer unilaterale

Aktionen vorziehen und ihre Macht im System der

Vereinten Nationen missbrauchen. 2014 ist ein »Jahr des Gedenkens«.

Wir werden trauriger Ereignisse gedenken wie des

100. Jahrestags des Beginns des Ersten Weltkriegs oder des

75. Jahrestags des Beginns des Zweiten Weltkriegs, aber auch

freudiger Ereignisse wie des Falls der Berliner Mauer vor 25

Jahren. Die Agenda von Präsident Gauck für dieses Jahr wird

zum erheblichen Teil vom Gedenken an diese historischen

32 | MOHAMED ELBARADEI | 18.03.2014 | FRAUENKIRCHE DRESDEN


Daten bestimmt. Bei der Planung seiner Agenda für dieses

geschichtsträchtige Jahr hatten wir jedoch keine Vorstellung,

wie bedeutsam es in unseren Tagen werden würde, sich mit

unserer Geschichte zu befassen und aus ihr zu lernen, die Vergangenheit

ins Bewusstsein zu heben und damit zu Stabilität,

Sicherheit und Frieden in Europa und der Welt beizutragen.

Ich hoffe von Herzen, dass die aktuelle Ukraine-Krise auf friedliche

Weise gelöst werden kann.

damalige Präsident Köhler nannte Sie in seiner Rede einen »Visionär

für eine Menschheitsfamilie«. Die Welt braucht Visionäre

wie Sie, und wir Deutschen sind froh, an Ihnen einen Freund

und engen Partner zu haben. Ich hoffe von Herzen, dass Ihr

Land, Ägypten, seine schwierige Übergangsphase meistern

wird.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Ich glaube, dass die heute mit der Rede von Dr. ElBaradei begonnene

neue Veranstaltungsreihe »Friedensnobelpreisträger

in der Frauenkirche« helfen wird, das Bewusstsein zu stärken,

dass Frieden nicht für selbstverständlich genommen werden

kann, sondern aktiv erhalten und gepflegt werden muss. Ich

bin sicher, dass die Antworten auf die Leitfrage »Was müssen

wir heute tun, um die Welt von morgen friedlicher zu machen

voller visionärer, aber auch sehr konkreter, ergebnisorientierter

Maßnahmen und Vorschläge sein werden. Die Reden und

Diskussionen, die wir hören werden, werden so wie heute die

wichtigen Beiträge und Leistungen früherer Friedensnobelpreisträger

wieder in unser kollektives Gedächtnis holen und

uns Gelegenheit geben, über sie zu reflektieren und sie als

Quelle der Inspiration für gegenwärtiges und künftiges Handeln

zu nutzen. Die Veranstaltungen werden auch innovative

Ideen von Friedensnobelpreisträgern sichtbar machen und

– vielleicht – sogar künftige Friedensnobelpreisträger hervorbringen.

Es könnte keinen besseren Ort für Reflexion und Inspiration

geben als die Dresdner Frauenkirche, die ein Symbol

der Versöhnung ist.

Staatssekretär David Gill

Das Bundespräsidialamt wird vom Chef des

Bundespräsidalamt, Staatssekretär David Gill,

geleitet.

Eure Exzellenz, sehr geehrter Herr Dr. ElBaradei,

fast vier Jahre ist es her, dass Sie im Schloss Bellevue das Bundesverdienstkreuz

erhielten: für Ihre Rolle als Generaldirektor

der Internationalen Atomenergiebehörde und für Ihre erfolgreichen

Bemühungen, einen wirksamen Multilateralismus in

dieser Organisation und darüber hinaus zu verwirklichen. Der

MOHAMED ELBARADEI | 18.03.2014 | FRAUENKIRCHE DRESDEN | 33


Botschafter Wolfgang Ischinger

Euer Exzellenz, sehr geehrte Damen und Herren,

ich danke Ihnen für die Möglichkeit, einige weitere Gedanken

zu den wirtschaftlichen Perspektiven zu äußern. Viele Länder in

der arabischen Welt haben für ihr Streben nach Freiheit einen

hohen wirtschaftlichen Preis gezahlt. Besonders hart betroffen

sind die Länder, die nicht über Öl und andere Bodenschätze

für den Export verfügen. In den fünf Jahren vor Ausbruch des

Arabischen Frühlings wuchs das Bruttosozialprodukt in diesen

Ländern im Durchschnitt um mehr als 5 %. Seither waren es

nur noch 2 bis 3 %. Dieser Wert entspricht in etwa dem Bevölkerungswachstum,

folglich stagniert das Durchschnittseinkommen

der Bevölkerung. Aber das Durchschnittseinkommen

ist ein rein statisches Konstrukt. Extreme Unterschiede

in Einkommen und Wohlstand haben zu den Unruhen in der

arabischen Welt beigetragen. Diese Unterschiede sind seither

nicht kleiner geworden. In der Vergangenheit haben die Regierungen

der Region versucht, solchen Ungleichheiten durch

Schaffung von öffentlichen Arbeitsplätzen gegenzusteuern sowie

durch die großzügige Subventionierung von Brennstoffen

und anderen Gütern des Grundbedarfs. Und genauso haben

sie auch auf die Ereignisse des Arabischen Frühling reagiert.

Das Resultat war eine Ausweitung der Haushaltsdefizite und

Staatsschulden, die sich auf Dauer nicht durchhalten lässt. In

Zukunft wird nicht mehr die öffentliche Hand, sondern der

Privatsektor in dieser Region Wachstum und Arbeitsplätze

schaffen müssen. Das ist im Moment nicht der Fall. Die offizielle

Arbeitslosigkeit ist in Tunesien auf 17 Prozent und in

Ägypten auf über 13 Prozent gestiegen. Noch viel schlimmer

ist die Jugendarbeitslosigkeit: Mit 25 Prozent für die gesamte

Region ist sie die höchste der Welt. Obgleich der überdurchschnittlich

hohe Anteil an Jugendlichen (youth bulge) schon

seit fast 20 Jahre zurückgeht, drängen jedes Jahr Millionen auf

die rigiden und schlecht funktionierenden Arbeitsmärkte der

Region. Um diese Neuzugänge sowie die älteren Arbeitslosen

unterzubringen, müssten die nicht-ölexportierenden Länder

der Region in der nächsten Dekade über 18 Mio. Vollzeitjobs

schaffen (IWF-Schätzung 2012).

Der Einfluss Deutschlands und der Europäischen

Union ist begrenzt

Wie können wir helfen Die Europäische Union hat zeitgleich

mit dem Arabischen Frühling ihre Nachbarschaftspolitik neu

ausgerichtet. Die Idee war, den Staaten, die sich wirtschaftlich

und politisch öffnen, umfangreichere Entwicklungshilfe, Zugang

zum europäischen Binnenmarkt und mehr Arbeits- und

Studentenvisa anzubieten (»more for more«). Wenn das Ziel

dieser Politik die Unterstützung einer friedlichen Demokratisierung

und nachträgliches Wirtschaftswachstum war, dann

müssen wir sie wohl als gescheitert erklären. Vielleicht waren

aber auch unsere ursprünglichen Erwartungen zu hoch. Die

Mitgliedsländer der EU sind seit langem uneins über den richtigen

Umgang mit ihren südlichen Nachbarn; die EU hat zu

wenig Ressourcen, um auf eine so große Anzahl so heterogener

Länder Einfluss zu nehmen; und in Folge der Eurokrise

ist die EU geschwächt, zu sehr mit sich selbst beschäftigt

und auch weniger großzügig ihren Nachbarn gegenüber.

Noch größere Hindernisse bestehen auf der anderen Seite

des Mittelmeers. Die Menschen in Tunesien und Ägypten sind

nicht – wie in der Ukraine – mit EU-Flaggen auf die Straße gegangen.

Neue, selbstbewusste arabische Regierungen sehen

die Bedingungen, die die EU an ihre Unterstützung knüpft, oft

als unwillkommene Einmischung in innere Angelegenheiten.

Und sie haben Alternativen. Saudi-Arabien, die Vereinten

Arabischen Emirate und Kuwait haben Ägypten mit fast 14

Mrd. Dollar unter die Arme gegriffen. Das hat Kairo in die

Lage versetzt, das Geld des Westens und die damit verbundenen

Bedingungen abzulehnen. Auch Jordanien, Marokko

und Tunesien haben Unterstützung von ihren Öl-exportierenden

Nachbarn erhalten. Algerien und Libyen, selbst Öl- und

Gasexportländer, haben ihre eigenen öffentlichen Ausgaben

34 | MOHAMED ELBARADEI | 18.03.2014 | FRAUENKIRCHE DRESDEN


massiv ausgeweitet. In diesem Umfeld kann die EU mit ihren

beschränkten Ressourcen keine Veränderungen erkaufen. Es ist

und bleibt eine gute Idee, den Ländern des Nahen Ostens und

Nordafrikas verbesserten Zugang zum europäischen Binnenmarkt

zu geben. Allerdings genießen sie in den meisten Sektoren

bereits zollfreien Zugang. Das gilt sogar für 80 Prozent

der landwirtschaftlichen Güter. Doch der bilaterale Handel ist

asymmetrisch. Für viele Länder der Region ist die EU ein wichtiger

Handelspartner, für uns dagegen ist die Region (noch)

kein wichtiger Markt. Erfolgversprechender ist vielleicht das

direkte Engagement deutscher Firmen in der Region. In Ägypten

beschäftigen mehr als 80 deutsche Unternehmen etwa

24.000 Menschen. Rund 250 deutsche Firmen sind in Tunesien

aktiv, vorwiegend Mittelständler. Und – im Unterschied zu

vielen französischen und italienischen Firmen in der Region –

blieben sie auch während der jüngsten politischen Unruhen

vor Ort. Diese Firmen können vielleicht zum Aufbau einer

dynamischeren Privatwirtschaft beitragen, womit ich zu meinem

letzten Punkt komme.

Kleine Unternehmen schaffen Arbeitsplätze

Das arabische Modell, Arbeitsplätze durch öffentliche Ausgaben

zu schaffen, ist nicht mehr tragbar. Nur die Privatwirtschaft

kann die Krise auf dem Arbeitsmarkt überwinden. Zwar

mangelt es der Region nicht an Firmenneugründungen, doch

den allermeisten Firmen gelingt es nicht, zu wachsen und Arbeitsplätze

zu schaffen. Das Geschäftsumfeld ist ein Grund

dafür. In Libyen dauert eine Firmengründung zwei Monate,

und ein Anschluss an die Stromversorgung kostet das Dreifache

eines Jahreseinkommens. In Ägypten kann man zwar innerhalb

von ein oder zwei Wochen eine Firma gründen; doch

dann verbringt ein Unternehmer im Durchschnitt fast 400

Stunden pro Jahr mit Steuerabrechnungen und über 1.000

Stunden mit der Durchsetzung seiner Lieferanten- und anderer

Verträge (Weltbank-Datenbank »Doing Business« 2014). Regierungshandlungen

sind oft eher wachstumsschädlich als

wachstumsfreundlich. Die Korruption ist ein Riesenproblem

für kleinere Firmen. Tunesien gilt als das am wenigsten korrupte

Land der Region, doch selbst Tunesien steht auf dem Index

von Transparency International an 77. Stelle, weit hinter Kuba

oder Saudi-Arabien. Marokko und Algerien folgen auf Platz 91

bzw. 94, und Ägypten sogar erst auf Platz 114. Darüber hinaus

haben alle Regierungen auf die Unruhen von 2011 mit höheren

öffentlichen Ausgaben reagiert. Die öffentliche Kreditaufnahme

verdrängt aber die Gewährung von Privatdarlehen. In der Region

gehen nur 8 Prozent der Bankkredite an kleinere Firmen

(Umfrage der Weltbank / Union of Arab Banks, 2011). Es ist

daher ermutigend, dass die Europäische Union durch ihren

eigenen Haushalt und die Euroepan Investment Bank bis zu

800 Mio. Euro an Krediten für kleinere Unternehmen in der

Region bereitstellen will. Diese Unternehmen brauchen einen

soliden Finanzsektor, der ihnen helfen kann, zu investieren

und zu expandieren. Sie brauchen flexiblere Arbeitsmärkte,

korruptionsfreie und verlässliche öffentliche Dienstleistungen

und effiziente Steuersysteme. Auf diesen Gebieten können die

EU und Deutschland mehr Hilfe leisten – durch fachliche Beratung,

den Aufbau von Institutionen und die Stärkung des

Finanzsektors. Auch die nachbarschaftliche Hilfe in der Region

könnte von Regierungen auf die Privatwirtschaft umgelenkt

werden. So forderte z.B. Majid Jafar, der CEO von Crescent

Petroleum, dass die reichen Golfsstaaten einen Marshall-Plan

für die arabische Welt auflegen. Die Gelder sollen durch Privatunternehmen

oder Public-Private Partnerships in Infrastrukturprojekte

investiert werden.

Schlussfolgerung: Wachstum, nicht Ideologien!

In den letzten Jahren lag unser Augenmerk vor allem auf politischer

Instabilität und religiösem Extremismus. Es ist nun an

der Zeit, uns wieder mehr der sozio-ökonomischen Untermauerung

eines erfolgreichen politischen Wandels zuzuwenden.

Es ist vielleicht kein Zufall, dass Tunesien – das Land, das schon

vor 2011 die besten Wirtschaftsdaten aufzuweisen hatte –

MOHAMED ELBARADEI | 18.03.2014 | FRAUENKIRCHE DRESDEN | 35


auch in der politischen Umgestaltung bisher am erfolgreichsten

war. Der Weg zu einer nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung

wird lang und beschwerlich sein. Die Erwartungen

sind hoch. Die Regierungen stehen unter extremem Druck,

schnelle Ergebnisse zu liefern. Und natürlich sind Wirtschaftswachstum

und Arbeitsplätze keine hinreichenden, wohl aber

notwendige Bedingungen für eine erfolgreiche politische Umgestaltung.

Das Gegenteil von Mut ist die Entmutigung. Das

darf uns nicht passieren. Veranstaltungen wie diese, bei denen

Staatsmänner wie Mohamed ElBaradei ihre Visionen für

Frieden und Prosperität teilen, sind dafür unentbehrlich. Ich

hoffe, dass diese Reihe von Reden hier in der Frauenkirche

einem Symbol für den »Wiederaufbau des Friedens« aus der

Asche von Krieg und Konflikten – im Laufe der Zeit so etwas

wie Lindau für die Nobelpreisträger wird.

Wolfgang Ischinger

Botschafter Wolfgang Ischinger ist Vorsitzender

der Münchner Sicherheitskonferenz

und Generalbevollmächtigter für

Regierungsbeziehungen bei der Allianz SE.

36 | MOHAMED ELBARADEI | 18.03.2014 | FRAUENKIRCHE DRESDEN


Prof. Dr. Volker Perthes

Herr Landesbischof, Herr Mohamed ElBaradei, Herr Ministerpräsident,

Exzellenzen, meine Damen und Herren,

wie Wolfgang Ischinger wurde ich gebeten, über den Nahen

Osten zu sprechen, und ebenso wie Wolfgang Ischinger fällt

es mir schwer davon abzusehen, ein paar Worte über die aktuelle

Situation zu verlieren, die wir im viel näheren Osten als

dem Nahen Osten derzeit erleben. Ich werde über den Nahen

Osten sprechen, doch gestatten Sie mir zunächst drei kurze

Anmerkungen zur aktuellen Situation in der Ukraine:

Seit einigen Tagen habe ich das Gefühl – und das knüpft ein

wenig an das an, was Wolfgang Ischinger sagte – dass einige

politische Entscheidungsträger in Russland, aber nicht nur in

Russland, sich mit der Aussicht eines erneuten Kalten Krieges

recht wohl fühlen. Dies erscheint einfach – nicht so komplex

wie die eng miteinander verbundene, globalisierte, interdependente

Welt, in der wir leben – und manchen gefällt wohl

die Vorstellung, dass sie wissen, wie diese einfache Welt zu

handhaben wäre. Sie unterschätzen vermutlich, wie schwierig

der Kalte Krieg tatsächlich war. Und der Hauptgrund hierfür

könnte sein, dass politische Entscheidungsträger Komplexität

nicht übermäßig schätzen. Ich vermute, dass Sie, Mohamed

ElBaradei, dies in Ihren verschiedenen Funktionen als Generaldirektor

der IAEO wie auch als Politiker – wenn auch nur für

kurze Zeit – in Ägypten erfahren haben.

Meine zweite Anmerkung zielt auf den Fakt, dass die Ukraine

ein Land ist, dessen Kernwaffen abgebaut wurden, das freiwillig

seine Kernwaffen aufgegeben hat. Und mittlerweile ist das

Land diesbezüglich abgerüstet. Ich weiß nicht, was das für die

Zukunft der Nonproliferation bedeutet oder welche Lehren andere

Länder daraus ziehen. Sie könnten denken, dass sie mehr

Sicherheit und mehr Rüstung benötigen, wenn sie sehen, was

in der Ukraine passiert. Und drittens wird sich die derzeitige

Polarisierung bzw. Konfrontation zwischen Russland und dem

Westen auf den Nahen Osten auswirken, und das sicherlich

nicht positiv. Zudem wird sie sich auch auf unsere Bemühungen

auswirken, dem Nahen Osten zu etwas mehr Frieden zu verhelfen.

Dieser Gedanke bringt mich nun mitten in das Thema

hinein, über das ich gebeten wurde, zu sprechen.

Obwohl ich darauf hinwies, dass die Konfrontation zwischen

Russland und dem Westen sich auf den Nahen Osten auswirken

wird, muss uns klar sein, dass die Turbulenzen, die wir

seit mindestens 2011 im Nahen Osten erleben, nichts mit dem

Konflikt der Großmächte zu tun haben. Es geht hier nicht um

einen (Stellvertreter-)Streit der Großmächte. Es ist im Wesentlichen

und hauptsächlich ein Ringen innerhalb der Gesellschaften

oder zwischen Gesellschaft und staatlicher Autorität.

Es ist ein Kampf gegen den alten, autoritär gestalteten Gesellschaftsvertrag,

der nicht mehr funktioniert. Es ist ein Kampf

um Würde, ein Ringen um Gerechtigkeit, das Ringen einer

Generation zugunsten einer gerechten Teilhabe, von der die

Menschen meinen und erlebt haben, dass sie ihnen vorenthalten

wird. Und wenn wir darüber sprechen wollen, was getan

werden muss, um eine friedlichere Welt zu gestalten, oder zumindest

zu einer friedlicheren arabischen Region und einem

friedlicheren Nahen Osten beizutragen, dann geht es natürlich

um wirtschaftliche und soziale Entwicklung, insbesondere

für diese junge, starke Generation, die einerseits besser ausgebildet

ist als ihre Väter, jedoch andererseits weniger Chancen,

weniger Möglichkeiten hat als diese. Wenn diese neue Generation

keine gerechte Teilhabe bekommt, dann stehen wir vor

weiteren zwei Jahrzehnten voller Turbulenzen im Nahen Osten

und darüber hinaus. Nicht nur in Ägypten, in Syrien und in

Libyen – den Ländern, in denen wir bereits Unruhen oder sogar

Bürgerkriege gesehen haben –, sondern auch in Ländern,

die von diesen Turbulenzen bislang nicht betroffen waren oder

zumindest nicht betroffen schienen. Überlegen Sie nur einmal,

ob Sie sich vorstellen können, dass der Iran – oder alternativ

auch Saudi-Arabien – in zwanzig Jahren noch genau so ausse-

MOHAMED ELBARADEI | 18.03.2014 | FRAUENKIRCHE DRESDEN | 37


hen wie heute. Obwohl wir uns das nicht wirklich vorstellen

können, so wissen wir doch nicht, wie sich diese Länder verändern

werden. Wird es Reformen von oben geben Wird es

keine Reformen und Unterdrückung geben Wird es Kämpfe

geben, vielleicht sogar Bürgerkriege Wir können diese Fragen

heute nicht mit Gewissheit beantworten, aber wir wissen,

dass diese Länder anders aussehen werden als heute. Damit

ist aber auch klar, dass den Staaten ein, wahrscheinlich sogar

zwei Jahrzehnte voller Turbulenzen bevorstehen.

Ich möchte vor allem ein Land in den Fokus meiner Betrachtungen

nehmen, ein Land, das mir persönlich sehr am Herzen

liegt, und das ist Syrien: Es ist das Land im Nahen Osten, das

auch Mohamed ElBaradei in seinem Vortrag in der Frauenkirche

in der vergangenen Stunde gesondert angesprochen hat.

Ich glaube, dass wir über den Konflikt in Syrien sprechen müssen

– nicht nur, weil er eine so große humanitäre Tragödie ist,

sondern weil Syrien tatsächlich entscheidend für die weiteren

Entwicklungen in der Region geworden ist. Je länger der Krieg

in Syrien andauert, desto wahrscheinlicher wird es, dass Syrien

auseinanderbricht und es wird niemanden geben, der es wieder

zusammenbringen kann. Dies wird nicht nur geopolitische

Folgen haben, es wird auch – ich weiß noch nicht einmal, ob es

diesen Begriff eigentlich gibt – »geokulturelle« Folgen haben.

Geopolitisch wurde bereits viel zu Syrien gesagt, und es ist

ziemlich klar, dass, wenn Syrien auseinanderfällt, dies auch einen

Zerfall der nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen bzw.

post-osmanischen Staatsordnungen bedeutet, zumindest aber

des Staatssystems im arabischen Osten. Die syrischen Grenzen

sind bereits in Auflösung begriffen. Es gibt schon heute

weder klaren Grenzen zwischen Syrien und dem Irak, noch

zwischen Syrien und dem Libanon. Und so müssen wir uns

auf eine Zone voller Chaos einstellen und auf eine Situation,

die sich grundlegend von dem Staatensystem unterscheidet,

das seit dem Ende des ersten Weltkriegs vorherrschte. Diesmal

wird es allerdings keine externen Mächte geben, die eine neue

Ordnung für die Region festlegen und umsetzen. Es wird dort

keine internationale Intervention geben, die eine neue Staatsordnung

schafft und die Region wird sich selbst überlassen

bleiben. Ob das als gut oder schlecht bewertet werden muss,

bleibt Ihnen überlassen.

Doch über die Geopolitik hinaus gibt es auch noch etwas, das

ich als die »geokulturelle« Auswirkung, speziell des Bürgerkriegs

in Syrien bezeichne. Wenn Syrien zerfällt, wenn es in

Stücke zerbricht und in Herrschaftsgebiete von Kriegsherren

aufgeteilt werden sollte, dann wird, so glaube ich, das Konzept

eines multi-konfessionellen und multi-ethnischen Staates im

Nahen und Nahen und Mittleren Osten verloren sein. Syrien

war ein grundsätzlich multi-ethnischer, multi-konfessioneller

Staat. Es wurde in den letzten Jahrzehnten sehr schlecht regiert,

blieb aber multi-konfessionell. Wenn Syrien also zerfällt,

dann wird es keine multi-konfessionellen Staaten mehr im

arabischen Osten geben. Was bestenfalls bleibt, ist eine Form

eher asymmetrischer Toleranz gegenüber Minderheiten. Toleranz

ist jedoch etwas grundlegend anderes als Bürgerrecht.

Toleranz bedeutet keine Gleichberechtigung, Toleranz läuft

darauf hinaus, dass eine dominierende Glaubensrichtung oder

eine dominierende Gemeinschaft anderen gestatten würde,

bis zu einem gewissen Grad auch in ihrem Herrschaftsgebiet

zu sein und dort zu leben.

Können wir also den Krieg in Syrien beenden Natürlich kann

der Krieg enden, und er wird irgendwann enden, doch wenn

wir das in kürzerer Zeit herbeiführen wollen, dann bedarf es

zumindest eines Minimalkonsens im Hinblick auf drei zentrale

Punkte:

Erstens müssen lokale, regionale und internationale Entscheidungsträger

erkennen, dass das derzeitige Staatssystem im

arabischen Osten nur bei einer Beendigung der Kämpfe in

Syrien erhalten bleiben wird. Endet der Krieg nicht und endet

er nicht bald, dann wird auch das Staatssystem im arabischen

Osten zerfallen und zersplittern. Zweitens - und womöglich

38 | MOHAMED ELBARADEI | 18.03.2014 | FRAUENKIRCHE DRESDEN


noch problematischer - ist es, dass diejenigen, die den Kampf

von innen oder von außen fortsetzen wollen, erkennen, dass

es keiner der syrischen Konfliktparteien gelingen wird, einen

militärischen Sieg zu erreichen und zugleich den Staat Syrien

zu erhalten. Ein militärischer Sieg kann möglicherweise

in Teilen des Gebietes, des Landes errungen werden, aber es

ist unmöglich, einen militärischen Sieg zu erreichen und den

Staat, so wie er ist, zu erhalten. Zu guter Letzt: Zweifellos ist

es nützlich, die Mission von Lakhdar Brahimi als UN-Sonderbeauftragtem

weiterzuführen und die Parteien zu einer dritten

Genfer Konferenz einzuladen. Ebenso müssen wir jedoch

auch erkennen, dass dieses Konzentrieren auf die Beziehung

zwischen Regierung und Opposition feststeckt und sich keine

Fortschritte ergeben werden, wenn dies nicht durch eine Art

gesellschaftlichen Konsens unterstützt wird, wenn nicht auch

irgendwo außerhalb des Landes ein Zusammentreffen glaubwürdiger

Repräsentanten des syrischen Volkes aus allen unterschiedlichen

Regionen stattfindet. Unterschiedliche Regionen

bedeuten auch unterschiedliche Glaubensrichtungen und

unterschiedliche Ethnien, die zusammentreffen und sich in

einer Mediation zusammenfinden. Ich könnte mir vorstellen,

dass Martti Ahtisaari eine Persönlichkeit wäre, die eine solche

Gruppe zusammenbringen und die notwendigen Mediationsprozesse

leiten könnte. Er hat erhebliche Erfahrung in der Mediation

und seine professionellen Kenntnisse würden dringend

benötigt: Die diversen syrischen Interessensgruppen müssen

also zusammenkommen und miteinander besprechen, ob sie

noch in einem gemeinsamen Land leben wollen, und auf welcher

Verfassungsgrundlage dieses Land basieren sollte. Ein solcher

Prozess müsste durch parallele Abkommen sowohl zwischen

den USA und Russland als auch zwischen Saudi-Arabien

und dem Iran flankiert werden, damit er funktionieren kann.

Diese Begleitabkommen zu erreichen scheint allerdings von

Woche zu Woche schwieriger zu werden. Das heißt nun aber

nicht, dass man aufgeben sollte, und ich wäre ein schlechter

politischer Berater, wenn ich sagen würde: »Ach, macht euch

doch keine Mühe, es klappt sowieso nicht!« Meiner Meinung

nach sollten wir uns weiterhin darum bemühen, dass es funktioniert.

Und deshalb lassen Sie mich mit zwei Empfehlungen

schließen, die sich gewissermaßen an uns selber richten – wobei

mit »uns« wir in Deutschland, wir in Europa oder wir in

den Vereinten Nationen gemeint sind, je nachdem, wie Sie das

definieren möchten.

Die erste Empfehlung ist die, dass wir den Konflikt in Syrien

nicht noch weiter geopolitisieren dürfen. In diesem Konflikt

in Syrien geht es nicht um uns. Es geht nicht darum, dass wir,

Russland, der Iran oder die Saudis gewinnen. Es geht um die

Notwendigkeit der Aufteilung von Macht, darum inklusive Lösungen

zu finden und das Töten zu beenden. Und dafür – ob

uns das nun gefällt oder nicht – brauchen wir nach wie vor die

Kooperation mit unseren russischen Partnern und Kollegen;

wir brauchen nach wie vor eine Kooperation mit dem Iran. Es

wird schwieriger werden als es bereits vor einem Monat war.

Aber es ist dennoch notwendig.

Die zweite Empfehlung lautet, das fortzusetzen, woran Mohamed

ElBaradei schon seit langem arbeitet: Wir müssen uns

noch viel stärker darum bemühen, den Konflikt mit dem Iran

um sein Atomprogramm zu lösen. Ich denke, wir haben im

Laufe der vergangen zehn Jahre unter Einsatz einer sehr gewissenhaften

Politik, allen voran seitens der Europäer, die sich

bemühten, die Amerikaner und andere ins Boot zu holen, einiges

erreicht. Es wird nach wie vor kompliziert bleiben. Und

ich bin mir nicht so sicher, dass Russland daran interessiert ist,

den Iran wieder am Weltmarkt für Erdgas und Erdöl zu haben,

heute noch viel weniger als möglicherweise noch vor einiger

Zeit. Dennoch müssen wir das weiterführen: Wir müssen die

bilateralen Gespräche zwischen den westlichen Mächten und

dem Iran weiterführen. Denn wenn wir in diesem Zusammenhang

irgendeine Art der Verständigung mit dem Iran erreichen,

die uns zumindest eine gewisse Sicherheit hinsichtlich

der Beschränkungen und bezüglich der Transparenz im iranischen

Atomprogramm gewährt, dann könnte es wieder ein

MOHAMED ELBARADEI | 18.03.2014 | FRAUENKIRCHE DRESDEN | 39


kleines bisschen einfacher sein, einige der vielen Konflikte im

Nahen Osten zu lösen - einschließlich des Konflikts in Syrien.

Vielen Dank.

Prof. Dr. Volker Perthes

Direktor des Deutschen Instituts für Inter -

nationale Politik und Sicherheit und

geschäftsführender Vorsitzender der Stiftung

Wissenschaft und Politik (SWP)

40 | MOHAMED ELBARADEI | 18.03.2014 | FRAUENKIRCHE DRESDEN


Dr. Mohamed

ElBaradei

B i o g r a fi e

Dr. Mohamed ElBaradei wurde 1942 in Kairo geboren. Er

schloss das Studium der Rechtswissenschaften an der Universität

Kairo ab und wurde später im Fachbereich Internationales

Recht an der New York University School of Law promoviert.

Seinen beruflichen Werdegang hatte er 1964 im diplomatischen

Dienst Ägyptens begonnen, wo er in der Ständigen

Vertretung seines Landes bei den Vereinten Nationen in New

York und in Genf für politische, rechtliche und sicherheitspolitische

Belange zuständig war. Er arbeitete zudem u.a. für die

Generalversammlung der Vereinten Nationen, den UN-Sicherheitsrat,

die Genfer Abrüstungskonferenz, die UN-Menschenrechtskommission,

die Weltgesundheitsorganisation und die

Organisation für Afrikanische Einheit und die Arabische Liga.

Von 1974 bis 1978 war Dr. ElBaradei Rechtsberater im ägyptischen

Außenministerium. 1989 verließ er den diplomatischen

Dienst und wechselte zu den Vereinten Nationen. Er hat auf

der ganzen Welt über internationales Recht, internationale Organisationen,

Weltsicherheit, Waffenkontrolle und friedliche

Nutzung von Atomenergie doziert und ist Autor zahlreicher

Veröffentlichungen.

Dr. Mohamed ElBaradei war von 1997 bis 2009 Generaldirektor

der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO), der

er seit 1984 angehörte. Im Oktober 2005 wurde Dr. ElBaradei

gemeinsam mit der von ihm geleiteten Internationalen Atomenergie-Organisation

der Friedensnobelpreis zugesprochen.

Das Nobelpreiskomitee in Oslo würdigte damit den Einsatz der

IAEO und ihres Generaldirektors gegen die Ausbreitung von

Atomwaffen. Der Bedrohung durch Nuklearwaffen müsse mit

einer umfassenden internationalen Zusammenarbeit begegnet

werden. »Dieser Grundsatz findet heute seinen klarsten

Ausdruck in der Arbeit der IAEO und ihres Generaldirektors«,

erklärte das Preiskomitee.

In seinem Heimatland war der Ägypter die zentrale Figur der

Nationalen Bewegung für Veränderung, zu der sich 2010 zahlreiche

Oppositionspolitiker zusammengeschlossen hatten. Sie

setzte sich für demokratische Reformen ein. Im September

2010 rief ElBaradei zum Boykott der anstehenden Parlamentswahl

in Ägypten auf. Ende April 2012 gründete er eine eigene

politische Partei namens »Verfassungspartei«. Im Juli 2013

wurde ElBaradei zum Vizepräsidenten der Übergangsregierung

Ägyptens ernannt, trat jedoch schon am 14. August 2013

zurück und begründete dies mit dem Versuch der ägyptischen

Regierung, die politische Krise in Ägypten gewaltsam zu lösen.

MOHAMED ELBARADEI | 18.03.2014 | FRAUENKIRCHE DRESDEN | 41


Friedensnobelpreisträger

2014 – 1970

2014 Kailash Satyarthi und Malala Yousafzai

»für ihren Kampf gegen die Unterdrückung von Kindern

und für das Recht aller Kinder auf Bildung«

2013 Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW)

»für ihre umfangreichen Bemühungen für die Abschaffung

chemischer Waffen«

2012 Europäische Union (EU)

»für ihren gewaltlosen Kampf für die Sicherheit von

Frauen und für das Recht der Frauen zu voller Teilhabe

an der Friedensarbeit«

2011 Ellen Johnson Sirleaf, Leymah Gbowee

und Tawakkol Karman

»für ihren gewaltlosen Kampf für die Sicherheit von

Frauen und für das Recht der Frauen zu voller Teilhabe

an der Friedensarbeit«

2010 Liu Xiaobo

»für seinen langen und gewaltlosen Kampf für grundlegende

Menschenrechte in Chin

2008 Martti Ahtisaari

»für seinen bedeutenden, mehrere Kontinente und

mehr als drei Jahrzehnte umspannenden Einsatz für

die Lösung internationaler Konflikte«

2007 Zwischenstaatlicher Ausschuss über Klimaveränderung

(IPCC) und Albert Arnold (Al) Gore Jr.

»für ihre Bemühungen, das Wissen über die vom

Menschen verursachte Klimaveränderung zu erweitern

und zu verbreiten und die nötigen Grundlagen für

Maßnahmen gegen diese Veränderung zu legen«

2006 Muhammad Yunus und Grameen Bank

»für ihr Engagement für eine wirtschaftliche und

soziale Entwicklung von unten«

2005 Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) und

Mohamed ElBaradei

»für ihr Engagement, die Anwendung der Kernenergie

für militärische Zwecke zu verhindern und sicherzustellen,

dass Kernenergie für friedliche Zwecke auf

möglichst sichere Weise genutzt wird«

2004 Wangari Muta Maathai

»für ihren Einsatz für nachhaltige Entwicklung,

Demokratie und Frieden«

2003 Shirin Ebadi

»für ihren Einsatz für Demokratie und Menschenrechte.

Im Mittelpunkt steht für sie der Kampf für die Rechte

von Frauen und Kinder

2009 Barack H. Obama

»für seine außergewöhnlichen Anstrengungen zur

Stärkung der internationalen Diplomatie und der

Zusammenarbeit zwischen den Völkern«

2002 Jimmy Carter

»für seine jahrzehntelangen unermüdlichen Anstrengungen

bei der Suche nach friedlichen Lösungen für

internationale Konflikte, für die Förderung von Demokratie

und Menschenrechten und für die Förderung

wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung«

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2001 Vereinte Nationen (U.N.) und Kofi Annan

»für ihre Arbeit für eine besser organisierte und

friedlichere Welt«

2000 Kim Dae-jung

»für sein Wirken für Demokratie und Menschenrechte

in Südkorea und in Asien generell und insbesondere für

Frieden und Versöhnung mit Nordkorea«

1999 Ärzte ohne Grenzen

»in Anerkennung der medizinischen Pionierarbeit der

Organisation auf mehreren Kontinenten«

1998 John Hume und David Trimble

»für ihren Einsatz für eine friedliche Lösung des

Konflikts in Nordirland«

1997 Internationale Kampagne für das Verbot von

Landminen (ICBL) und Jody Williams

»für ihren Einsatz für das Verbot und die Beräumung

von Anti-Personen-Minen«

1996 Carlos Filipe Ximenes Belo und José Ramos-Horta

»für ihr Wirken für eine gerechte und friedliche Lösung

des Konflikts in Ost-Timor«

1995 Joseph Rotblat und die Pugwash Conferences on

Science and World Affairs

»für ihren Einsatz für eine Verringerung der Rolle der

Nuklearwaffen in der internationalen Politik und, auf

lange Sicht, für die Abschaffung dieser Waffen«

1994 Yasser Arafat, Shimon Peres und Yitzhak Rabin

»für ihre Bemühungen, Frieden im Nahen Osten zu

schaffen«

1993 Nelson Mandela und Frederik Willem de Klerk

»für ihr Wirken für die friedliche Beendigung des Apartheid-Regimes

und die Schaffung der Grundlagen für

ein neues, demokratisches Südafrika«

1992 Rigoberta Menchú Tum

»in Anerkennung ihres Wirkens für soziale Gerechtigkeit

und ethno-kulturelle Versöhnung auf der Grundlage der

Achtung der Rechte der indigenen Völker«

1991 Aung San Suu Kyi

»für ihren gewaltfreien Kampf für Demokratie und

Menschenrechte«

1990 Michail Gorbatschow

»für seine Führungsrolle im Friedensprozess, der heute

bedeutende Teile der internationalen Gemeinschaft

charakterisiert«

1989 der 14. Dalai Lama, Tenzin Gyatso

1988 die Friedenstruppen der Vereinten Nationen

1987 Oscar Arias Sánchez

1986 Elie Wiesel

1985 Internationale Physiker für die Verhinderung eines

Atomkriegs

1984 Desmond Mpilo Tutu

1983 Lech Walesa

1982 Alva Myrdal und Alfonso García Robles

1981 Büro des Hohen Flüchtlingskommissars der UN

1980 Adolfo Pérez Esquivel

1979 Mutter Teresa

1978 Mohammad Anwar Al-Sadat und Menachem Begin

1977 Amnesty International

1976 Betty Williams und Mairead Corrigan

1975 Andrei Sacharow

1974 Seán MacBride und Eisaku Sato

1973 Henry A. Kissinger und Le Duc Tho

1972 Es wurde kein Friedensnobelpreis in diesem Jahr

verliehen.

1971 Willy Brandt

1970 Norman Ernest Borlaug


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Die Stiftung Frauenkirche Dresden

dankt für die freundliche Unterstützung:

Ein besonderer Dank gilt zudem allen beteiligten Mitarbeitenden und ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern der Frauenkirche,

die diese Veranstaltung durch ihren Einsatz maßgeblich ermöglicht haben.

Stiftung Frauenkirche Dresden

Georg-Treu-Platz 3 | 01067 Dresden

Telefon 0351.65606-100 | Telefax 0351.65606-112

stiftung@frauenkirche-dresden.de

www.frauenkirche-dresden.de

Impressum

Herausgeber: Stiftung Frauenkirche Dresden | Georg-Treu-Platz 3 | 01067 Dresden | stiftung@frauenkirche-dresden.de

Geschäftsführung: Pfarrer Sebastian Feydt | Dipl. rer. pol. Christine Gräfin von Kageneck | Pfarrer Holger Treutmann

Redaktion: Mandy Dziubanek

Text: Mandy Dziubanek, Grit Jandura (sofern nicht anders ausgewiesen)

Grafisches Konzept | Umsetzung: THORN werbeagentur Leipzig

Fotos: Steffen Füssel, Grit Jandura (WunschWelt), Bundesregierung/Fotograf: Steffen Kugler (Staatssekretär David Gill)

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