IMMER WIEDER GIBT ES EINEN NEUEN HORIZONT

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IMMER WIEDER GIBT ES EINEN

NEUEN HORIZONT

MEIN LEBEN RAUF UND RUNTER


Mein bester und ältester Freund Pierre, der am

29. Juli 2013 um die Mittagszeit verstirbt, als

ich gerade über unser Kennenlernen schreibe.

In nur drei Wochen hätten wir unseren

einundsechzigten „Kennenlern-Tag“.

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November 1939, zwei Monate nach Kriegsbeginn. Um nicht allein zu sein fährt

meine Mutter drei Wochen vor meiner Geburt nach Wuppertal zu Oma und Tante Lotte.

Mein Vater wird bei Kriegsbeginn als ehemaliger Berufssoldat eingezogen. Nach

meiner Geburt kehren wir sofort wieder zurück. Mein erster Wohnsitz ist Elten an der

holländischen Grenze.

Die kleine „Siedlung“ liegt ca. 4 Kilometer entfernt von dem Städtchen, mitten

im Wald, unweit der holländischen Grenze und besteht aus vier Doppelhäusern. Eine

der Doppelhaushälften bewohnen wir. Die Familie im letzten Haus hat vier Kinder,

ein Mädchen und drei Jungens – dazu unsere Nachbarn im Nebenhaus ein Mädchen.

Das sind - neben meinem Hasen - meine Spielkameraden.

Mein Vater ist nicht mehr da. „Papi kommt schon bald wieder“ meint meine

Mutter und liest aus einem Brief vor: „Es wird nicht lange dauern, wir siegen“. Ich

verstehe „sägen“ und stelle mir vor, wie mein Vater am Sägebock steht und mit der Bogensäge

Brennholz sägt.

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Es ist Sommer 1943. Flugzeuge in Formation am Himmel in Richtung Holland.

Ein Güterzug rollt auf dem nahe liegenden Gleis vorbei, beladen mit Panzern, LKW’s

und Soldaten mit Maschinengewehren im Anschlag.

Ich stehe in der Nähe der Geleise und beobachte einen Stuka - Angriff auf den

vorbeifahrenden Munitionszug. Plötzlich ist meine Mutter da und reißt mich weg von

der Böschung, schleift mich durch Brombeergebüsch. Dornen zerkratzen meine Arme

und Beine. Hinter uns ohrenbetäubende Explosionen.

Ein trüber Tag – kein Regen. Am Himmel ein qualmendes Flugzeug. Die Bewohner

der Häuser laufen zusammen und starren nach oben. Dann entfaltet sich ein Fallschirm.

„Kommt, den packen wir uns“. Die Männer laufen los, Knüppel und Spaten in

der Hand, in Richtung auf den fallenden Schirm.

(Jahre später erfahre ich, dass man den Piloten mit Knüppeln und Spaten erschlagen

hat. Die Täter wurden nach dem Krieg bestraft.)

Plötzlich ist mein Vater wieder da. Wir verreisen mit dem Zug nach Jugoslawien.

„Johannistal“ heißt der kleine Ort, von Bergen umrahmt. Es ist immer noch Sommer.

Um uns sind meist nur Soldaten, die ebenfalls Besuch ihrer Familie haben. Das

kleine Häuschen liegt mitten im Wald. Einheimische Holzarbeiter fällen Bäume. Einer

nimmt meine Hand und legt sie auf das gelbe Harz am Stamm eines gefällten Baumes.

„Das kann man essen, das schmeckt gut“ bedeutet er mir in Zeichensprache. Ich glaube

ihm nicht und laufe weg. Wir bleiben einige Wochen.

Zurück in Elten. Meine „kleine“ Oma, Tante Lotte, meine dreijährige Kusine Renate

und mein einjähriger Vetter Axel leben jetzt bei uns. Die Wohnung meiner Tante

wurde in der Nacht vom 24. zum 25. Juni 1943 Opfer des 2. Großen Luftangriffes auf

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Wuppertal-Elberfeld. Sie haben alles verloren und besitzen nur, was sie auf dem Leibe

tragen. Meine Kusine trägt meine Sachen, auch meine Lederhose, das darf sonst niemand.

Sommer 1944. Wir, meine Mutter, Tante Lotte, unsere kleine Oma, Renate, Axel

und ich, werden evakuiert. Viel können wir nicht mitnehmen. Meine Spielzeuge bleiben

zurück. „ Dein Teddy muss auf das Haus aufpassen, bis wir wiederkommen“

meint meine Mutter. Das trocknet keine Tränen.

Es geht mit dem Zug nach Vorpommern zu Freunden meiner Mutter, die ein „Rittergut“

in Papenhagen besitzen und uns ihre Stadtwohnung in Grimmen zu Verfügung

stellen. Hier ziehen wir ein. Ein grüner Kachelofen mit einer warmen Bank . In einem

Fach kann man Bratäpfel machen.

Oft gehen wir morgens ganz früh zur Molkerei. Ein von zwei Pferden gezogenen

Leiterwagen hat die vollen Milchkannen gegen leere umgetauscht und fährt zurücknach

Papenhagen. Ein riesiger Bauernhof mit vielen Pferden, Kühen, Schweinen, Hühnern,

Gänsen und zwei großen Kettenhunden, um die man besser einen Bogen macht.

Gegessen wird immer gemeinsam an einem langen Tisch mit mindestens zwanzig

Personen. Am Kopf des Tisches sitzt der Bauer. Er schneidet und verteilt das

Fleisch. Ich darf neben ihm sitzen.

Unser täglicher Spaziergang in Grimmen führt an einer Mühle vorbei. „Wenn die

Fahne weht, ist die Hexe zu Hause“ heißt es. Weht sie, machen wir lieber einen großen

Bogen um die Mühle. Beliebte Abwechslung sind die Besuche auf dem Rittergut.

Eines Tages ein lautes, rasselndes, uns unbekanntes Geräusch. Panzer fahren

durch die Stadt. Auf ihnen sitzen Soldaten mit großen Pelzmützen. Viele sitzen betrunken

auf Federbetten und grölen laut. In den Fenstern der umliegenden Häuser liegen

weiße Bettlaken. Wir Kinder müssen sofort nach hinten in die Küche.

Lautes Klopfen an der Wohnungstür. Meine Mutter geht und öffnet. Stimmen,

dann kommt sie wieder. „Alles ist gut“. Durch die halbgeöffnete Wohnzimmertüre sehe

ich einen Soldaten auf unserem Sofa liegend, seine Stiefel stehen davor.

(Später erfahre ich, dass es sich um einen russischen Offizier, der in Berlin studiert

hatte, handelte und der bei uns nur übernachten wollte. Als er geht, lässt er seinen

Offiziersmantel mit Abzeichen da. Immer, wenn danach ein Russe versucht, in

unsere Wohnung einzudringen, zeigt meine Mutter den Mantel mit den Offiziersabzei-

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chen. Im Glauben, ein Offizier wohne bei uns, verschwindet der Eindringling sofort.

Auf diese Weise entkommen meine Mutter und meine Tante den damals stattfindenden

Vergewaltigungen.)

Der Krieg ist zu Ende. Grimmen hat nichts abbekommen. Es gibt ein neues Spielzeug:

zwei verlassene Flakgeschütze am Fuße der Mühle. Ich klettere auf den erhöhten

Sitz und kann das Geschütz durch Drehen eines Rades um 180° Grad bewegen. Mein

Karussell.

Sommer 1945. Wir dürfen nicht bleiben. Alle Evakuierten werden aufgefordert,

die Stadt sofort zu verlassen. Die beiden Lenkräder der Flak befinden sich plötzlich

unter einer Kiste an der vorn eine Ziehstange montiert ist. Ein selbstgebastelter Transportwagen,

auf dem einige unserer Sachen verstaut werden. Axel sitzt mit seinen jetzt

anderthalb Jahren in einem weißen Korbwagen, der zusätzlich mit Taschen behängt

ist. Meine Oma schiebt. Meine Mutter und Tante Lotte sind mit Rücksäcken bepackt

und ziehen den Karren. Spielzeug dürfen wir nicht mitnehmen.

Lang ist der Weg über staubige Feldwege. Rechts und links üppige Kornfelder, in

die wir uns flüchten müssen, wenn eine Militärkolonne unseren Treck überholt. Es

werden immer mehr Menschen. Die ersten Nächte verbringen wir im Freien. Es ist ein

Jahrhundertsommer. Wurst, Schinken und Speck hatten uns unsere Freunde aus Papenhagen

reichlich mitgegeben. Bei in der Nähe kampierenden russischen Soldaten

erbettele ich Brot, das wir in der Dunkelheit heimlich mit unseren Vorräten verzehren.

Meine Mutter weint darüber, dass ein Offizierssohn bei den Feinden betteln muss.

Die Rucksäcke und der Karren wird schwerer je weiter wir kommen. Meine Mutter

und Tante Lotte sortieren aus und werfen Sachen weg. Renate und ich sehen ein

Paar Schuhe in das Kornfeld fliegen, holen sie zurück und verstecken sie heimlich in

Axels Kinderwagen. Erst am Abend fällt das auf. Später wird diese Geschichte immer

wieder gern erzählt.

Es wird Abend. Eine Gruppe russischer Soldaten hält den Treck an. Wir sind vor

einem großen Bauernhof. „Männer rechts – Frauen und Kinder links“ brüllt einer. Wir

werden in eine riesige Scheune gebracht, einige hundert Menschen. Auf dem Boden ist

Stroh ausgelegt. Wir müssen uns in Reihen nebeneinander legen. Ein schmaler Gang

jeweils zwischen den Reihen. Das Tor wird verschlossen. Es ist stockfinster. Plötzlich

hören wir Schreie von draußen, die sich dann in der Scheune fortsetzen. Ohrenbetäu-

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end sind diese panischen Schreie verzweifelter Frauen, die mich noch Jahre verfolgen.

Meine Mutter ergreift mich und legt mich auf ihren Bauch, schiebt mich nach unten.

Hände greifen nach meinen Beinen – lassen sie wieder los. Andere Hände kommen,

greifen und lassen los. Das panische Kreischen hört nicht auf. In der zweiten

Nacht beginnt das Schreien bereits als die Scheunentore geschlossen werden.

(Später erfahre ich, dass es Russen sind, in die Scheune kommen, nach den Beinen

greiffen und dann Frauen vergewaltigen. Kinderbeine lassen sie in Ruhe. Die

Schreie verfolgen mich in Alpträumen bis ich 23 Jahre alt bin.)

Am dritten Tag gehen wir zu einem Güterbahnhof und reihen uns neben einem

stehenden Güterzug in eine Gruppe wartender Menschen ein. Ein Waggon wird geöffnet,

Renate und ich hineingehoben. Tante Lotte, Oma und meine Mutter klettern mit

gegenseitiger Hilfe hinein. Axel sitzt in einem Karton auf dem Bahnsteig und sieht

mich mit großen Augen an. „Da ist Axel noch“. Ein Mann hebt Axel mit Karton hoch,

hinein in den vollbesetzten Waggon. Noch einmal Glück gehabt. Die große Schiebetüre

wird verschlossen und verriegelt. Der Zug fährt ruckelnd an.

(An diesem Tag werden alle Ausländer aus dem Treck ausgesondert und nach

Lübeck in ein Sammellager gefahren. Meine Tante und meine Mutter bestechen eine

Dolmetscherin mit ihrem Schmuck, uns als Holländer auszugeben. In den Jahren in

Elten hatte meine Mutter etwas holländisch gelernt – das rettet uns vielleicht das Leben.)

In Lübeck werden wir freundlich empfangen und im Holstentor einquartiert. Die

uns untersuchenden Ärzte stellen akute Unterernährung und absolute Erschöpfung

bei uns Kindern fest. Als „Holländer“ geht es weiter in den Westen.

Zunächst nach Wuppertal. Die Wohnung meiner Oma hat - außer einer Brandbombe

im Dachgeschoß - nichts mitbekommen. Nur im Wohnzimmer wölbt sich die

Decke wie ein pralles Oberbett nach unten und droht jeden Moment herabzustürzen.

(Erst Jahre später wird der Schaden behoben, ohne dass etwas passiert ist.) Meine

Verwandten bleiben zurück. Meine Mutter fährt mit mir nach Elten und besucht dort

zunächst Freunde, die sie auf das vorbereiten, was mit unserem Haus geschehen ist.

Es ist ein langer Fußmarsch, bevor wir die kleine Siedlung erreichen. Durch die

Bäume sehen die Häuser aus wie im Rohbau. Die Dächer sind abgedeckt. Überall

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Müll. Die Türen und Fenster sind fast alle ausgebaut. Auf der Treppe unseres Hauses

liegen verstreut Briefe, Fotos und die Hochzeits-Glückwunschkarten an meine Eltern.

Auf dem Dachboden sind die Dielen herausgerissen und somit auch die von meiner

Mutter vor Auszug darunter versteckten Silbersachen verschwunden. Einzig im Badezimmer,

wo selbst die Kacheln zum Teil herausgeschlagen wurden, steckt noch eine

Glühbirne in der Fassung. Meine Mutter schraubt sie raus und steckt sie ein. Alles verloren.

Wir sind nicht ausgebombt wie meine Tante sondern „ausgeklaut“.

Die ersten Tage bleiben wir bei unseren Freunden, die eine Bäckerei betreiben.

Einige Tage später findet meine Mutter ein möbliertes Mansardenzimmer zur Miete.

Das Haus liegt am Ausgang des Städtchens in Richtung holländischer Grenze. Tagelang

können wir in Richtung Holland vorbeifahrende amerikanische Soldaten beobachten.

Meine Mutter arbeitet wieder in ihrem Beruf, sie macht den Bauersfrauen der Umgebung

die Haare, meist gegen Naturalien. Dadurch müssen wir nicht mehr hungern.

Beim Durchstreifen der Stadt finden wir einige unsere Möbel wieder. Wir können

sie durch die gardinenfreien Fenster sehen. Einige werden uns freiwillig ausgehändigt.

Eine fremde Frau trägt ein Kleid meiner Mutter. Widerwillig gibt Sie unsere Nähmaschine

heraus.

Ostern 1946. Erster Schultag. Wir lernen mit Holzstäbchen Buchstaben und Zahlen

zu legen. Ein Stück Schiefer und ein Nagel bilden das erste Schreibgerät. Die Schule

macht mir Spass.

Mit mehreren meist älteren Kindern spiele ich in den nahgelegenen Wäldern mit

von Soldaten zurückgelassenen Gewehren. Gott sei Dank passiert kein Unglück. Die

am Rand der zur holländischen Grenze führenden Straße ausgehobenen Schützenlöcher

, an deren Ausheben auch meine Mutter am Anfang des Krieges beteiligt war, werden

für uns zu Bunkern, in denen wir uns verstecken.

Sommerferien. Meine Mutter traut sich nicht, Elten zu verlassen, um meinen Vater,

von dem wir seit Jahren nichts gehört hatten, bei seiner eventuellen Rückkehr

nicht zu verpassen. Dann, eines Tages ist er da. Braungebrannt, wohlgenährt mit einem

großen Koffer voller Lebensmittel und Geschenke. Zwei Jahre war er in Kriegsgefangenschaft,

über ein Jahr davon in Trinidad, Colorado, USA.

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Die Sommerferien sind zu Ende. Die Schule beginnt wieder. Für mich kommen

einige Wochen, in denen ich irgendwie eifersüchtig auf die Mitschüler bin, die aus

dem Unterricht herausgerufen werden, wweil ihr Vater aus Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt

ist. Mein Vater ist ja schon – allerdings unspektakulär - während der Ferien

zurückgekommen.

Es wird Herbst. Unser Spielplatz verlagert sich auf die nahe gelegenen Gleise auf

denen Kohlenzüge nach Holland fahren. Wir sammeln die herabgefallenen Kohlenbrocken

auf. An einem Tag ist die Ausbeute besonders gering. Nur ölige Steine. Da

kommt einer der größeren Jungen auf eine Idee. Als ein Zug von Ferne zu hören ist,

müssen wir Kleinen uns auf die Geleise legen. Die Älteren schleichen sich hinter das

nahegelegene Bahnwärterhäuschen.

Der Bahnwärter sieht uns und rennt wild gestikulierend auf uns zu, um uns zu

warnen. Inzwischen bedienen sich die Großen an den neben dem Herd im Häuschen

liegenden Kohlen. Keine Bruchstücke, sondern echte Eierkohlen. Ich habe ein Spahnkörbchen

zum Transport von meinem Vater erhalten. Fast gefüllt und voller Stolz bringe

ich es heim. Entsetzt sehe ich, wie mein Vater den Kanonenofen öffnet und alles

mit einmal hineinschüttet. Hatte ich mir doch vorgestellt, genug für den Winter gesammelt

zu haben.

Wir ziehen um nach Klein-Netterden (Emmerich) in einen „Wohnblock“, wie das

Haus von den Bauern der Umgebung genannt wurde, ein Haus mit vier Wohnungen,

von den nur drei bewohnt sind. Unten links ist unsere. In dem Anbau direkt am Hinterausgang

unserer Wohnung befinden sich ein großer Waschtrog, unter dem ein Feuer

das Waschwasser oder auch samstags das Badewasser erhitzt und der Zugang zu einem

kleinen Stall. Da lebt eines Tages Jolante, unser Schwein. Lustig zum Spielen.

Man kann darauf sogar reiten. Am liebsten frisst sie Eicheln, die wir in einem nahen

Wäldchen sammeln.

Ich bekomme ein Fahrrad mit Vollgummireifen. Da passiert es schon mal, wenn

ich auf dem Weg über fast ausschließlich Feldwege in die ca. 7 Kilometer entfernte

Schule fahre, dass ein Reifen auseinander bricht. Für eine Reparatur habe ich immer

ein Stück Draht dabei.

Im Umfeld gibt es einige Bauerhöfe, Kinder nur auf dem uns am nächsten liegenden

- sechs Mädchen – keine Jungen zum Spielen. Ich lerne Kränze aus Blumen zu

flechten.

Der Winter 1946/47 ist ein sogenannter Hungerwinter und gehört zu den kältesten

des 20. Jahrhunderts. Eisblumen schmücken die Fenster. Meine Oma strickt mir

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aus Schafwolle dicke Socken. Beim „Klompenmacher“ werden mir Holzschuhe angpasst.

Ein Anzug aus einer Pferdedecke soll mich auf dem Schulweg vor der bitteren

Kälte schützen.

(Heute noch empfinde ich das „Kratzgefühl“ an Füßen und an den Schultern,

wenn ich daran denke.)

Der Wind bläst mir so stark entgegen, dass das Fahrradfahren auf dem unbefestigten,

von Karrenrädern verfurchten und festgefrorenen Feldweg unmöglich wird. Ich

drehe um. Den Wind im Rücken erreiche ich eine enorme Geschwindigkeit. Ich darf

ich zu Hause bleiben.

Der Rhein bei Emmerich ist zugefroren. Über einen schmalen, gestreuten Weg

kann man ihn zu Fuß überqueren. Zwei Männer, dick vermummt, kassieren zehn Pfennig

- ein Papierschein - pro Person. Wir machen einen Bogen um die Männer, stolpern

mit anderen Menschen über hochgeschobene Schollen, nutzen den mittleren Teil des

Weges und kommen dann auf gleiche Weise, ohne Bezahlung ans andere Ufer. Zurück

geht es genau so. Wir haben wenig Geld.

Die Kälte will nicht aufhören. Es fällt schwer, Heizmaterial zu bekommen. Meine

Mutter fährt mit mir nach Gelsenkirchen-Buer zu Tante Mimi, eine von Omas fünf

Schwestern. Onkel Heinrich ist Steiger und arbeitet auf der Zeche. Ein Sohn ist verheiratet,

arbeitet als Küster und wohnt über dem Gemeindesaal. Der Eingang ist über eine

Empore, neben der Orgel. Der zweite Sohn, Onkel Freddy ist mit einem U-Boot untergegangen.

So leben beide allein in dem von der Zeche zur Verfügung gestellten Reihenhaus.

Ein Schrebergarten gehört dazu und ein Taubenschlag. Der Schuppen hinter

dem Haus birgt den eigentlichen Schatz in dieser Zeit: Steinkohle, dicke fette Brocken,

die oft noch zerkleinert werden müssen, um anzubrennen.

Hier haben wir es warm. Endlich. Essen gibt‘s auch genug. Tante Mimi hat viele

gefüllte Einmachgläser. Dazu werde ich oftmals gegen Mittag mit einem Kochgeschirr

zur Zeche in die Kantine geschickt. „Ich soll einen schönen Gruß von Steiger Heinrich

ausrichten“ muss ich der Kantinenwirtin sagen. Dann füllt sie mein Geschirr mit wohlriechender

Suppe und einer dicken Wurst bis zum Rand voll. Das reicht für alle.

Es wird Sommer. Jolanthe ist schlachtreif. Ich gehe ins Bett und halte mir die Ohren

zu. Trotzdem höre ich das verzweifelnde Quieken, als der angeblich „gelernte

Metzger“ das Tier erschlägt. Beim „Schwarzschlachten“ erhält der Schlachter die eine

Hälfte, der Besitzer die andere. Sonst muss man alles abgeben. Zwei Tage wird Blut gekocht,

Speck ausgelassen, gewurstet und gepökelt. Erst beim zweiten Mal als es „Jolan-

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the“ zum Essen gibt, kann ich einige Bissen auf Drängen meiner Eltern hinunterwürgen.

Im Garten wachsen neben Kartoffeln, Möhren und Salat auch Zuckerrüben. Es

ist Erntezeit. Die Rüben werden ausgemacht, mit einer Wurzelbürste gereinigt und

kleingeschnitten, die Stücke im Waschbottich lange gekocht. Eine harte und mühselige

Arbeit. Dann das Malheur. Der Kessel brennt durch, die Rübenschnitzel fallen ins

Feuer und sind nicht mehr zu gebrauchen.

Mein Vater baut den Kupferkessel aus, lädt ihn auf sein Fahrrad und lässt ihn in

Emmerich reparieren. Nach Stunden ist er zurück. Ein Bauer aus der Nachbarschaft,

dessen Frau meine Mutter regelmäßig die Haare macht, hat Mitleid und ersetzt uns

die Rüben. Alles aufs Neue. Dieses Mal klappt es. Die Schnitzel werden in einer geliehenen

Presse ausgepresst. Der Saft aufgefangen und in Töpfen auf dem Herdfeuer eingekocht.

Meine erste Erfahrung mit Rübensirup. Die Versuche, den Saft bis zur Zuckerbildung

einzukochen, misslingen.

Die Felder sind abgeerntet. Weizen und Roggen stehen zum Trocknen in Garben

gegeneinander aufgestellt. Reste darf man jetzt aufsammeln, dreschen und in der Mühle

zu Mehl mahlen lassen. Da der Bauer und auch der Müller großzügig sind, ist der

Mehlvorrat für ein halbes Jahr gesichert. Das Auflesen der Kartoffeln auf abgeernteten

Flächen nennt man hier zu Ort „sömern“ . Das bringt uns auch reiche Ernte. Hunger

brauchen wir nicht zu leiden.

Ein ereignisreicher Tag. Meine Oma kommt zu Besuch. Mein Vater steht am

Fenster und „schüttelt Butter“. Dazu wird die am Abend vorher am Fenster aufgestellte,

frisch gemolkene Milch entrahmt. Der Rahm kommt in eine Milchflasche mit großer

Öffnung. Diese wird mit einem Korken verschlossen und dann so lange geschüttelt,

bis sich sichtbar gelbliche Bröckchen absetzen. Durch ein Tuch geschüttet trennt

sich Butter von der Restflüssigkeit, die dann noch für Suppe eingesetzt wird. Purer, unerreichbarer

Luxus aus der Sicht von Menschen aus der Stadt.

Ich kann endlich mein gegebenes Versprechen einlösen, meine Oma vom Bahnhof

mit einer Pferdekutsche abzuholen. Unser Nachbar, der Bauer mit den sechs Mädchen

spannt ein Pferd vor die offene Kutsche und los geht es. Meine Oma kann es

kaum glauben, dass ich allein mit der Kutsche auf sie warte. In meiner Erinnerung

bin ich allein gefahren. Sicherlich war jedoch mein Vater im Hintergrund.

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In einem verlassenen Gewächshaus baut mein Vater mit unserem Nachbar, ebenfalls

ein Zöllner, Tabakpflanzen an. Die klebrigen Blätter werden auf Kordeln aufgezogen

und auf dem Dachboden getrocknet, später kleingeschnitten, gekocht, wieder getrocknet

und dann mangels Zigarettenpapier in Zeitungspapier geraucht. Das stinkt

fürchterlich, scheint aber beiden zu schmecken.

Unserem Haus gegenüber ist ein Stück des sonst offenen Feldes schier undurchdringlich

Schlehensträuchern bewachsen. Eines Tages fliegt beim Spielen mein Stoffball

hinein. Ich zwänge mich durch die dornigen Zweige und entdecke neben meinem

Ball Kisten - zum Teil offen - mit Granaten. Mein Vater verständigt die Besatzungsbehörde.

Zwei LKW’s sind notwendig um die während des Krieges zurückgelassene Munition

abzutransportieren. In sichtbarer Entfernung wird diese dann eingegraben und

gesprengt. Vorher müssen wir alle Fenster öffnen, damit die Glasscheiben nicht zerstört

werden können.

Aus dem Küchenfenster sieht man bis zur holländischen Grenze. Ein Mann mit

einem Sack auf dem Rücken rennt über das gerade umgepflügte Feld, stolpert, fällt

hin. Ein uniformierter Zöllner verfolgt und ergreift ihn. Mein Vater hatte einen

Schmuggler erwischt, der versuchte Solinger Stahlwaren nach Holland zu bringen. Am

Abend erhalte ich mein erstes kleines Taschenmesser. Es ist üblich, Beute in dieser

Größenordnung zunächst sicher zu stellen und später zu verteilen oder auf sogenannten

„Vergnügen“ (Party) zu verlosen. So gewinnen auf einer von diesen meine Eltern

eine Banane. Zurück mitten in der Nacht wecken sie mich und stopfen mir ein Stück

in meinen vom Schlaf trockenen Mund. Seitdem mag ich - bis heute - keine Bananen.

Ein neuer Umzug. Dieses Mal nach Kaldenkirchen. Die Schule ist ein rotes Backsteingebäude

mit zwei Eingängen, der Schulhof trennt durch einen Maschendrahtzaun

die Katholischen von den Evangelischen.

Ich bin evangelisch und komme in eine Gemeinschaftsklasse erstes bis neuntes

Schuljahr in einer Klasse. Wenn der Lehrer sich einem Jahrgang widmet, machen die

anderen schriftliche Aufgaben.

Unsere winzige Wohnung liegt im 2ten Stock eines 3 Familienhauses. Toilette

auf dem Trockenboden nebenan, ohne Bad mit vielen Schrägen.

Immer samstags wird die Zinkbadewanne aufgestellt, Wasser auf dem Kohleherd

heißgemacht, eingefüllt und kaltes hinzugefügt. Ich bin der Erste. Danach meine Mut-

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ter, dann mein Vater, der vorher, da das Wasser inzwischen fast kalt ist, einen Schuss

heißes hinzu schüttet.

Unter uns eine Familie mit zwei Jungen in meinem Alter, Hansi und Paul. Meine

ersten, rauen Erfahrungen nach den „Mädchenjahren“ in Klein-Netterden. Zu dieser

Wohnung gehört ein auf der halben Treppe liegendes Badezimmer. Oft auch werden

wir Kinder Freitag abends von unseren Müttern in der komfortablen Badewanne mit

Wurzelbürste und Seife wieder menschlich gemacht. Samstag Morgen müssen Hansi

und Paul sauber zum Beichten. Alle Sünden sind vergeben. An diesem Tag gibt‘s keine

Streiche.

Die Stadt ist überwiegend katholisch. So gibt es neben einer großen katholischen

Backsteinkirche mitten in der Stadt in deren unmittelbarer Nähe, hinter einem Torbogen

versteckt, eine klitzekleine evangelische Kirche. Sonntags gehen Hansi und Paul

zur Messe und ich in den Kindergottesdienst, anschließend wieder gemeinsam nach

Hause.

In der Bande, die sich täglich auf dem niedrigen Mäuerchen vor Gause‘s Eckhaus

trifft, bin ich zunächst der einzige Evangelische, werde aber toleriert. Richtig aufgenommen

werde ich aber erst, als ich von einem Besuch in Düsseldorf mit zwei gebrauchten

Tennisbällen zurückkomme. Eine Sensation, Bälle die springen. Wir hatten

bisher nur Stoffbälle, zusammengeknotete Stoffreste, mit denen wir Fußball spielen.

Gegenüber unseres Hauses gibt es einen großen Obstgarten voller Kirsch- Apfelund

Birnenbäume. Er heißt für uns nach seinem schon älteren Besitzer nur „Schuffels“.

In einem Jahr helfen wir zur Erntezeit ein paar Tage tatkräftig mit, in der Hoffnung

auf eine übliche Bezahlung. Beim Bauern erhalten wir 10 Pfennig pro Stunde.

Am Mittag des letzten Tages sollen wir uns soviel Speckkirschen wie wir wollen pflücken

und kostenlos mitnehmen. Auch eine Art Bezahlung. Stolz bringe ich ein volles

Spahnkörbchen nach Hause. Der Ärger ist groß, als wir feststellen müssen, dass in jeder

Kirsche ein fetter Wurm sitzt. Das muss „Schuffels“ gewusst haben.

Den Garten schützt ein Maschendrahtzaun. Die Pfosten sind ehemalige, immer

noch ölige Bahnschwellen mit den alten Befestigungslöchern. Als es dunkel wird

stopft unsere ganze Bande heimlich Stroh in diese und zündet es an. Die Erwachsenen

sehen weg. Es dauert Tage, bis der Schwelbrand gelöscht ist. Verletzt oder geschädigt

wird kein Aussenstehender. „Schuffels“ findet keine Erntehelfer mehr.

Onkel Paul ist zurück. Die Freude ist groß, als ein knatterndes Auto, ein Opel P4

vor unserem Haus hält und die ganze Familie natürlich mit Oma aussteigt. Erstaunlich,

dass alle Platz finden. Renate zieht sofort meine Lederhose an. So wie früher wird

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das jetzt bei jedem Besuch zur Gewohnheit. Es wird „gebuttert“ und Muckefuck aufgesetzt.

Wir Kinder bekommen kalten erfrischenden Tee. Nachts schlafen wir Kinder auf

dem Trockenboden nebenan. Die Wohnung ist so klein.

Weihnachten wird mit Oma, Tante Lotte, Renate und Axel in Wuppertal gefeiert.

Die kleine 3 Zimmerwohnung in der zweiten Etage ohne Bad, WC eine Treppe tiefer,

gehört bis Kriegsende meiner Oma. Jetzt wohnen hier 3 Erwachsene und 2 Kinder.

Wenn wir zu Besuch kommen, schlafen auch wir drei dort. Wie das geht Eine Familie

kann alles und hält immer zusammen, heißt es immer.

Knarrende Treppen, eine braune, zum Teil verglaste Eingangstüre öffnet sich zu

einem schmalen Flur. Es ist schwer, mit zwei Personen aneinander vorbei zu kommen.

Ein Regal mit Vorhang. Links eine kleine Küche mit Fenster zum Hinterhof. Außen

ist ein Regal angebracht um im Winter verderbliche Lebensmittel kühl zu halten.

Wenn 6 Personen an dem kleinen Tisch sitzen, muss man zum Husten aufstehen. Ein

Kohleherd und ein Keramikwaschbecken. Darüber ein abgeschrägt hängender Spiegel

in dem Renate und ich, wenn wir an der Wand nebeneinander gegenüber sitzen dürfen,

uns Grimassen schneiden und vor Lachen ausschütten müssen. Das gibt immer

Ärger.

Vom Flur rechts liegt das ehemalige Wohnzimmer, jetzt Omas Zimmer. Ein großes

Bett, ein Esstisch mit Stühlen, eine Couch, ein Perserteppich. Couch und Teppich

müssen manchmal leiden. Erkennen Renate und ich doch, das das Flechten der an beiden

vorhandenen Fransen Spaß macht. Später auch Ärger, wenn die Erwachsenen es

entdecken.

Am Ende des „Flürchens“ geht es in ein Durchgangszimmer, das Büro von Onkel

Paul und Kinderzimmer in Einem. Rechts geht es dann ins Schlafzimmer. Schrank

und Doppelbett füllen den Raum fast aus.

Unter dem kleinen mit Lametta geschmückten Weihnachtsbaum in Oma‘s Zimmer

finde ich die Schlittschuhe (mit Hohlschliff) von meinem verstorbenen Großvater,

Renate einen kleinen Herd mit Töpfen, Grundstein für eine Puppenstube.

(Die Schlittschuhe kann ich wegen fehlendem Schuhwerk leider nicht ausprobieren.

Erst Jahre später (in Wuppertal), als mir die Skischuhe meiner Mutter passen,

kommen sie kurz auf gefrorenen Bürgersteigen zum Einsatz.)

Ein neues Schulgebäude wird gebaut. Kaldenkirchen erhält ein eigenes Gymnasium.

Ich werde mit ca. zwanzig Kindern, Jungen und Mädchen, und, oh Wunder, katholischen

und evangelischen in die Sexta eingeschult. Unser Klassenlehrer ist gleichzei-

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tig Rektor der Schule und ein Kölner Urgestein. Er lebte lange im Kloster und im Zölibat.

Von ihm erlerne ich mit einigen ausgewählten Schülern das Schachspielen. Wir

lesen seine Karl May Sammlung und singen zur Karnevalszeit mit Hilfe seines alten,

mit einer Handkurbel betriebenen Grammophon’s Willi Ostermann Lieder. „

Ach wat wor dat fröher schön, in Colonia

Eine halbe Stunde über Felder hinweg entfernt ist eine alte Ziegelei. Mit den

Kipploren die man auf Geleisen bis an eine Kiesgrube schieben kann, lässt sich herrlich

spielen. Mit dem Urschrei von Jonny Weißmüller, unserem Tarzanhelden springen

wir mutig in die zwei bis drei Meter tiefe Grube, unsere Sandberge.

Einmal machen wir am Abend ein Feuer in einem herumliegenden Nachttopf, in

den wir vorher einige Gewehrkugeln gelegt hatten. Achtung, volle Deckung. Wir verstecken

uns hinter einem kleinen Hügel, ducken uns tief in das Heidekraut und warten

auf das Knallen. Danach zählen wir die Löcher in dem Blechtopf: Drei Stück.

Noch einige Jahre lang finden wir beim Durchstreifen des Waldes Waffen und-

Munition. Die benachrichtigte Polizei lobt uns jedes Mal und ermahnt uns, vorsichtig

zu sein.

Eine Siedlung wird auf unserem Bolzplatz gebaut. Häuser für Flüchtlinge. „Denen

wird’s hinten reingeschoben. Uns gibt keiner was“ unter den Einheimischen. Für

uns heißt es, dagegen kämpfen. Wir werfen die Scheiben ein, schneiden die Elektrodrähte

in den Steckdosen ab und bringen das Kupfer zum Altwarenhändler, der uns

dafür einige Groschen gibt. Eintrittsgeld für’s Kino am Sonntag um 14:00 Uhr. Stehplatz

kostet 50 Pfennig. Toll die Filme mit Tom Mix , Dick & Doof und Charlie Chaplin.

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Die Gleise der Kleinbahn, von der Ziegelei zum nächsten Ort überquert ein etwas

breiterer Feldweg. Heute nennt man so etwas „Piste“. An dieser Kreuzung stehen zwei

dicke, fette Bäume. Unsere Kletterbäume, auf denen jeder von uns seinen festen Platz

hat. Stunden verbringen wir dort, üben klettern, rutschen an den Zweigen herunter,

bauen Fallgruben um die Bäume herum, um unseren heiligen Platz zu schützen.

Einmal verschleppen wir drei Jungen der neu zugezogenen Flüchtlinge hierhin

und fesseln sie an unsere „Marterpfähle“. Tanzend und johlend, wie in den Indianerfilmen,

versuchen wir ihnen Angst einzujagen. Erst spät lassen wir sie wieder frei.

Einige Monate später stehen wir wieder an unserer Ecke. Sieben oder acht sind

wir, als plötzlich eine Gruppe von mindestens zehn Jugendlichen auftaucht. Die

Flüchtlinge haben Zuwachs bekommen. Die Häuser sind jetzt alle belegt. Es bleibt uns

nichts anderes über, als Fersengeld zu geben. Es dauert lange, bis Frieden geschlossen

wird und die ersten beiden Fußballmannschaften entstehen. Einheimische gegen

Flüchtlinge, sogar mit echten Bällen.

In den Schulferien machen wir regelmäßig Tagestouren. Bewaffnet mit Butterbrot

und „Schmunkelwasser“ geht es morgens schon los. Wie man Schmunkelwasser

herstellt Man nehme eine Flasche und ein echtes Stück Lakritz aus der Apotheke, fülle

sie zu zwei drittel mit Wasser auf und schüttele so lange, bis das letzte Drittel mit

bräunlichem Schaum gefüllt ist. Den kann man dann absaugen. Wir fanden das herrlich

erfrischend. Besonders, wenn wir dazu noch auf dem Weg eine Weiherzigarre

„rauchen“ (d.h. durch ständiges Pusten abglimmen) konnten.

An so einem Tag laufen wir schon mal bis Burg Brüggen , immerhin fast zehn Kilometer,

und spielten in dem Geheimgang durch den Wall Überfall auf die Burg. Angst

kennen wir nicht. Verkehr gibt es fast nicht. Wir gehen ohnehin meist über Felder.

Der Vater der Familie, die unter uns wohnt besitzt einen LKW mit Holzvergaser.

Wenn die Apfelernte ist, dürfen wir mitfahren. Früh morgens schon wird in dem Kessel

wie in einem Ofen mit Papier und Kleinholz ein Feuer entzündet. Danach der Zylinder

mit Koks aufgefüllt. Nach ungefähr zwei Stunden, wenn die Anzeige genügend

Druck anzeigt, geht es los, hin zu den Bauern, die schon am Rand ihrer Apfelwiesen

auf uns warten. Mit Schaufeln und Forken laden wir Berge von Fallobst auf. Ist die Ladefläche

voll geht es in gemäßigter Geschwindigkeit – wir Kinder sitzen auf den Äpfeln

– zur sogenannten „Kruutpoorsch“ (Krautpresse in Elmpt) , einer Fabrik, die Apfelsaft

und Apfelkraut herstellt.

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Ohne Ladung geht es in rasanter Fahrt nach Hause. Wir erreichen ein irres Tempo,

mindestens 70 kmh, bei dem wir ordentlich durchgerüttelt werden. Wenn mein Vater

mitfährt kehren wir meist noch in einem Tierpark * in der Nähe ein. Die Väter trinken

Bier und Korn, wir Kinder standesgemäß Apfelsaft.

(*Damals eine kleine Gaststätte, im hinteren Garten einige Käfige mit Affen, Vögeln,

Enten, Gänsen und Pfauen, die zu unserer Freude auch mal ein Rad schlagen.)

Wuppertal – Elberfeld. Mein Vater wird wieder einmal versetzt. Er erhält einen

Posten am Steinbecker Bahnhof. Jetzt wohnen wir in einer Großstadt. Die Schwebebahn

in hörbarer Entfernung.

Vier Stockwerke hat der Neubau. Zwei Parteien auf einer Etage. Wir wohnen in

der dritten. Viele Häuser haben den Krieg überstanden. Das liegt daran, dass das Ferdinand-Sauerbruch-Klinikum

Wuppertal- Elberfeld in unmittelbarer Nähe nicht bombardiert

wurde.

Ein Wunsch geht in Erfüllung: Endlich ein eigenes Zimmer. In Kaldenkirchen

hatte ich in der Küche auf einer selbst gemachten Pritsche geschlafen. Da Kinder spätestens

um 9:00 Uhr ins Bett gehören, fand mein Einschlafen im Elternbett statt. Jede

Nacht wurde ich dann von meinem Vater „umgebettet“. Das hat jetzt ein Ende.

Zwölf Jahre bin ich alt und als Quartaner auf der Suche nach einer neuen Schule.

Die Sommerferien sind bald zu Ende. Ohne Wissen meiner Eltern erkundige ich mich

in dem kleinen Kolonialwarengeschäft auf der anderen Straßenseite, nach einem Gymnasium

in der Nähe. Vater und Sohn, beide mehr als rundlich, die Mutter lebt nicht

mehr, betreiben das Geschäft. „Ich war auf der Aue. Das ist ein neusprachliches Gym-

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nasium und nur 15 Minuten von hier“ meinte der ungefähr dreißig jährige Sohn.

Nichts wie hin.

Ein gelbes Backsteingebäude unmittelbar an der Wupper, in der Nähe einer

Schwebebahnstation. Das große Eisentor zum vorgelegen Schulhof ist nur angelehnt.

„Der Direktor ist zufällig oben“ meint der Hausmeister, als ich ihm erkläre, dass ich eine

Schule suche. In der ersten Etage finde ich ihn in seinem Büro.

Ausführlich erkläre ich, dass ich, da wir gerade nach Wuppertal umgezogen sind,

gern auf diese Schule möchte, wie meine letztes Zeugnis ausgefallen ist, dass mir seine

Schule von unseren Nachbar von gegenüber empfohlen wurde und ich ohne Wissen

meiner Eltern da sei.

Der Direktor hört sich alles geduldig an und meint zum Schluss: „Komm morgen

noch mal mit deinen Eltern vorbei. Die müssen ja auch einverstanden sein.“ Stolz gehe

ich nach Hause und berichte. Meine Mutter fällt aus allen Wolken. Am nächsten

Tag ist alles klar. Ich kann auf diese Schule. Später erfahre ich, dass ich über Jahre der

erste Schüler bin, der ohne Aufnahmeprüfung angenommen wurde. Meine forsche Art

hatte gefallen

Erster Schultag auf der Aue. Ein reines Jungengymnasium. Der Klassenlehrer begrüßt

uns und stellt mich kurz der Klasse vor. Und dann geht’s los. Englisch im dritten

Jahr! Ich hatte Latein im dritten und Englisch gerade erst angefangen.

„Das hier ist ein neusprachliches Gymnasium. Am Besten nimmst Du Nachhilfeunterricht“.

Das Gleiche passierte in Mathematik, ich hatte mit Algebra die Klasse

hier mit Geometrie angefangen. „Am Besten nimmst Du Nachhilfeunterricht“...

Die erste große Pause ist vorbei. Ich komme zurück in die Klasse und sehe eine

Gruppe von Mitschülern auf einen in eine Ecke gedrängten einschlagen. Das erinnert

mich an meine ersten Erfahrungen in Kaldenkirchen. Ich musste es erst lernen, mich

zu wehren. Hier soll, in einer neuen Stadt, ein neuer Anfang gemacht werden. Mutig

stürze ich mich in die Gruppe. Der Anführer, ein kräftiger, rothaariger Junge kommt

auf mich zu. „Na, was willst Du denn“ Ich fackele nicht lange und schlage zu. Mit aller

Kraft, direkt ins Gesicht. Er fällt zurück, kommt aber noch einmal. Ich schlage wieder

mit den Worten: “Wenn du mehr willst, komm in der Pause“.

Das war’s. Es kommt keine Wiederholung. Ich habe mir meinen Rang erobert.

Die Klasse suchte sich ein anderes Opfer. Der Junge den ich gerettet hatte heißt Peter

wie ich und wohnt zufällig ganz in meiner Nähe. Nach Schulschluss gehen wir gemeinsam

nach Hause. Vom nächsten Tag an holt er mich immer zum gemeinsamen Schulweg

ab und wird mein bester Freund. Motiviert durch den beginnenden Französisch-

Unterricht heißt er von da an zu Unterscheidung „Pierre“.

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Pierre, im Gegensatz zu mir, 1,72 m hoch geschossen und dünn, ist bei 1,54 m

Körpergröße klein und dick. Nebeneinander wirken wir wie Pat und Patachon. Das tut

unserer Freundschaft keinen Abbruch. Von nun an sind wir unzertrennlich. Nur einmal,

bei der Konfirmation trennen wir uns und erscheinen vor dem Altar in unterschiedlichen

Gruppen. Auf eigenen Wunsch, denn nebeneinander und auch noch von

hinten gesehen .... wir möchten wir nicht lächerlich erscheinen.

Pierre lebt mit Eltern, seiner Großmutter und seiner kleinerer Schwester in einem

von Bomben in einer kleinen Wohnung in einem von Bomben nahezu verschonten

Altbau, nur zwei Ecken von unserem vierstöckigen Neubau entfernt. Am Ende der

Straße, nur ungefähr 100 Meter entfernt ist ein Kino. Immer freitags ist bei meinem

Freund Badetag. Da wird die Wanne aus dem Keller geholt und Pierre muss mit seinem

Vater aus dem Haus. Die Wohnung ist zu klein. Großmutter, Mutter und Schwester

baden. Pierre und sein Vater gehen in der Zeit ins Kino.

Von nun an bin ich immer dabei, bei dem sogenannten “Herrenabend“, der mit

einem Absacker (anfangs Limonade – später Radler) in der Eckkneipe endet. Dieser

Herrenabend findet auch nach dem Tod von Pierre’s Vater noch viele Jahre an jedem

Freitag statt.

Endlich in Wuppertal heißt aber auch, endlich in der Nähe von Axel und Renate,

Tante Lotte und Onkel Paul, und der kleinen Oma, die immer noch gemeinsam in der

kleinen Wohnung in Wuppertal-Barmen wohnen. Die Familie geht über alles wurde

uns beigebracht. Jeder steht für jeden, jeder hilft jedem.

So wird als Erstes eine Familien-Jahreskarte für den Zoo gekauft. Sonntag Mittag,

wenn das Wetter es zulässt, kommen die Barmer mit der Schwebebahn zu uns

und wir gehen zu Fuß über den „Schwarzen Weg“ zum 4 km entfernten Zoo. Bergauf,

bergab.

Im Zoo geht es weiter bergauf und bergab. Zur Erfrischung gibt es manchmal eine

Flasche Limonade, die wir drei Kinder uns teilen müssen. Dann geht’s nach Hause

zum Kaffeetrinken, machmal sogar mit der Schwebebahn. Langeweile kommt nie auf,

wir freuen uns immer, wenn wir zusammen sind. Allein mit mir gehen meine Eltern

natürlich auch mal, denn eine Jahreskarte muss ausgenutzt werden.

Natürlich besuchen auch wir mal unsere Verwandten in Barmen. Dann müssen

wir Kinder für 60 Pfennig zwei „Schuhsohlen“ in der nahe liegenden Bäckerei holen.

Eine Schuhsohle ist ein ca. 35 cm langes und 12 cm breites, mit Streusel bestreutes

Teilchen. Dazu gibt es Kaffee und Kakao. Das reicht für alle. Manchmal müssen wir

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später in der kleinen Kneipe Asbeck gegenüber eine Kanne Bier holen oder mein Vater

und Onkel Paul gehen selbst. Letzteres endet meist damit, dass beide mit sanfter Gewalt

von unseren Müttern wieder abgeholt werden müssen. Richtige Streitereien gibt

es dabei nie. Höchstens Seufzer wie „ Ach Walter“ oder „Ach Paul, ist das nötig“

Aus dem Küchenfenster der Wohnung in Barmen blickt man auf einen kleinen

Innenhof vor dem Hinterhaus. Manchmal erscheinen dort Straßensänger, die laut ihre

Kunst vorstellen. Dann wird ein 10 Pfennigschein hinuntergeworfen, eingewickelt in

ein Stück Zeitungspapier damit er nicht wegfliegt.

Wuppertal ist die Stadt im Tal an der Wupper. Das bedeutet, es gibt nicht nur viele

Treppen sondern auch viele steil ansteigende Straßen. Das Haus in dem meine Verwandten

wohnen liegt an einer solchen. Ungefähr 50 Meter aufwärts befindet sich ein

Platz mit einem Spielplatz umrahmt von einigen Bäumen. In einem Eckhaus ist eine

Art Kiosk beheimatet. Den Namen „Stuckmann“ werde ich nie vergessen. Er steht für

Nappablock, Brausepulver, Lakritz und unzählige Sorten farbiger Bonbons. Hier kann

man schon für 5 Pfennig ein Paradies erwerben. Renate und ich hatten unser Geld

schnell verprasst. Axel, jetzt auch schon 8 Jahre alt, ist immer etwas „kniepig“ und hat

meist noch eine kleine Reserve. Um Bonbons für seine letzten 5 Pfennige auszusuchen

brauchte er manchmal eine gefühlte halbe Stunde.

Um unseren Verwandten näher zu sein, sind wir extra nach Wuppertal gezogen

und was passiert Sie wandern aus. Mein Onkel hat durch einen Großvetter aus USA

die Möglichkeit bekommen, mit seiner Familie auszuwandern und ein neues Leben anzufangen.

Er schlägt zu. Das bedeutet: Meine Kusine wird, ein Jahr früher als üblich,

schon mit 13 Jahren konfirmiert und dann sind alle weg. Meine Oma bleibt allein in

ihrer Wohnung zurück. Sie untervermietet später den verlassenen Teil, um ihr zu Hause

nicht zu verlieren.

Jede Woche wird ein Luftpostbrief nach Chikago geschrieben. Ein Telefon haben

wir nicht. Bilder werden hin- und hergeschickt. „Mensch. kuck mal, so ein riesiger A-

mi-Schlitten“ Meinem Vater bleibt die Luft weg. Neid kennen wir nicht. Wir freuen

uns wie Bolle.

Ich bin 14 Jahre alt, verdiene mein eigenes Geld durch Illustrierten-austragen,

von Dienstag bis Samstag, jeden Nachmittag mindestens 2 Stunden mit dem Fahrrad

unterwegs, bei Wind und Wetter. Montags, wenn die neuen Illustrierten kommen

gibt’s Geld. Im Schnitt 12,50 DM inklusive Trinkgeld für 9-10 Stunden Arbeit in der

Woche. Ich spare und kaufe mir meine erste lange Hose, einen Anorak und spendiere

meiner Mutter eine Bahnfahrt nach Elten. Auf den Spuren der Vergangenheit besu-

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chen wir unsere Freunde, meine erste Schule und unser Mansardenzimmer. Ein toller

Tag, nur meine Mutter und ich. Fast ein Jahr halte ich das Austragen durch, dann höre

ich auf. Die Arbeit geht zu Lasten meiner schulischen Leistungen. Es bleibt nicht genug

Zeit zum Lernen.

Ein Versuch zusammen mit Pierre im Judoverein scheitert für mich. Bodenturnen

ist nicht mein Fall. Pierre bleibt. Ich kaufe mir ein Paar gebrauchte Spikes und trete

bei Rot Weiß Wuppertal in der Leichtathletikabteilung ein. Mittelstrecken liegen

mir. Training ist vier Mal pro Woche. Hart nimmt der Trainer uns ran. Wuppertal ist

die Stadt der Treppen Eine Treppe mit über 400 Stufen rennen wir im Dribbling, jede

einzelne Stufe nutzend mehrere Male hintereinander rauf und runter.

Waldlauf so an die 3 Stunden, im Stadion um den Platz, in der Halle hinter dem

Stadion Dehnen, Warmmachen, Liegestütz. Ein reichhaltiges, abwechslungsreiches

Trainingsprogramm 3 bis 4 Mal pro Woche. Meine Mutter kommt mit dem Waschen

der Trainingssachen kaum nach.

Ein internationaler Wettkampf. Ein Verein aus Norwegen ist zu Besuch. Die Mitglieder

werden als Gäste in unseren Familien aufgenommen und bleiben 3 Nächte. Bei

uns bleibt Henrik, Spezialist auf 100 m. Meine Disziplin sind 1.000 m. So bleiben wir

Freunde. Zum Abschied schenkt er mir ein schwedisches Pferd. Das habe ich heute

noch.

Waldlauf in Mettmann - über 50 Teilnehmer, ich werde Dritter. Staffellauf um

den Benrather Schlossteich. Unsere Mannschaft - ich bin dabei - macht den 2. Platz.

Der röhrende Hirsch im Goldrahmen kommt in unser Vereinsheim. Viele Veranstaltungen

und nicht nur Siege. Trainingslager in Duisburg-Wedau. Der Verein zahlt die

Kosten. Ich darf hin.

Auf meiner Schule hat sich herumgesprochen, dass ich in der Leichtathletik gar

nicht so schlecht bin. Ein Wettkampf unter den Gymnasien und Realschulen Wuppertals

steht bevor. Ich soll die 1.000 m laufen. Meine Chancen sind sicher, da die Zeiten

der Konkurrenten bekannt sind. Doch es kommt anders.

0815, der Film ist in. Fast jeder hat ihn gesehen. Zu dritt haben Pierre, Ulli und

ich beschlossen, unsere Namen zu ändern. Pierre ist Kowalsky, Ulli Vierbein und ich

Asch, der Hauptdarsteller. Von sofort an unterzeichnen wir nur noch mit diesen Namen.

Unser Musiklehrer ist ein mehr in Wolken Schwebender. So schreibe ich in das

Liederbuch eine Ode „An den Jünger der Musik“ in dem griechischen Versmass, das

wir gerade gelernt haben. Lustig, nicht bösartig. Ich unterzeichne kurz mit „Asch“

(nicht Aasch!)

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Ich werde aus dem Unterricht geholt und in das Konferenzzimmer gebracht. Um

den großen Tisch herum sitzen die Oberlehrer und Studienräte, dahinter stehen die

Referendare - (wir nennen sie damals Hilfskomiker)-, vor Kopf sitzt der Direktor, der

meine Aufnahme ohne Prüfung beschlossen hatte. Man reicht mir das Liederbuch. Ich

werde aufgefordert, das Gedicht vorzulesen. Ich tue das, in griechischem Rhythmus.

Die Unterschrift lese ich nicht mit. Absolute Stille. Dann die Aufforderung des Direktors

„ Und Lies weiter!“ In die Stille hinein fällt das Wort „Asch“ - (nicht Aasch!)

Empörung macht sich breit. Nur unser Deutschlehrer grinst heimlich. Ich werde

aufgefordert, sofort nach Hause zu gehen und meine Eltern für den nächsten Tag zur

Vorsprache zu bestellen. Mein Vater muss arbeiten. So geht meine Mutter, vorgewarnt

von mir und nicht fröhlich ob der Dinge., die da kommen sollen, zur Schule. Nach einer

Stunde ist sie zurück mit einem Schreiben, in dem mein ungehöriges Verhalten gerügt

wird. Mir wird vorgeworfen, Schuleigentum (das Liederbuch) in frevelhafter Weise

verunstaltet zu haben. „und wir legen Ihnen aus diesem Grunde nahe, Ihren Sohn

von de Schule zu nehmen“ Zitat Ende.

Wir überlegen lange, nehmen das Wörterbuch zur Hilfe und finden: Nahelegen

bedeutet: „antragen, auffordern“ und auch „freistellen“. Die Antwort meiner Eltern ist

kurz. „Wir möchten Ihr Angebot nicht annehmen, sondern unseren Sohn auf der

Schule belassen. Wir garantieren, dass so ein Vorfall sich nicht wiederholen wird“.

Ich, mir keiner Schuld bewusst, komme zu dem Schluss, dass ich nicht unbedingt

für eine Schule kämpfen muss, die mich rausschmeißen will. Am Tages des Wettbewerbes

der Schulen bin ich krank. Besonderen Spass macht mir, als ich die Siegerzeit

in meiner Disziplin erfahre: Das Rennen hätte ich 100% sicher gewonnen.

Mit der Obersekunda-Reife (das entspricht der Mittleren Reife) verlassen Pierre

und ich das Gymnasium. Meinen Eltern fällt das Schulgeld zu schwer. Ein Jahr später

wird es abgeschafft. Pierre hat keine Lust, alleine weiterzumachen. Während ich darüber

nachdenke, Bühnenbildner zu werden, sieht Pierre seine Zukunft im kaufmännischen

Bereich, soll er doch mal den väterlichen Betrieb übernehmen.

„Es ist immer gut, eine abgeschlossene Lehre zu haben.“ Diesem Rat meinen Vaters

folge ich und wähle statt eines Praktikums die Ausbildung zum Schaufensterdekorateur

im Kaufhaus DEFAKA in Elberfeld. In diesem Beruf lernt man Alles: vom Tapezieren

und Anstreichen über Stoffe Nähen, Malen, Schreinern, Basteln bis zur Elektrik.

Im Grunde genommen viele Berufe in Einem. Ideal für meine geplante Zukunft.

Statt zwei Jahre Praktikum jetzt zweieinhalb (bei Noten nicht unter Zwei) mit Abschlusszeugnis.

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Pierre geht zur Handelsschule, zwei Jahre lang. Bereits bei Beginn bringt er einen

neuen Freund aus seiner Klasse mit. Bernd macht unser Duo zum Trio. Unser wöchentlicher

Herrenabend wird vielfältiger. Nicht nur Kino. Jetzt wird es musikalisch.

Bernd spielt Trompete, ich etwas Gitarre, Pierre hatte Klavierunterricht. Da in unserem

Übungsraum, dem Betrieb des Vaters kein Klavier steht und wir mehr einen

Schlagzeuger brauchen, übernimmt Pierre diese Funktion. Er kauft sich Schlagstöcke,

ein professionelles Schlagzeug soll erst dann angeschafft werden, wenn es sich lohnt.

Dazu kommt es jedoch nie.

Von jetzt an wird freitags Abend geübt. Das Becken wird durch einen Kotschützer,

der beim Galvanisieren übrig geblieben ist. Fest in einen Schraubstock eingespannt

wird er mit dem Schlagstock zu wohlklingenden Rhythmen gezwungen. Aus einem

Eimer, mit einem Stück Plastikdecke fachmännisch (ich bin Dekorateur) bespannt

wird eine Trommel. Meine neu angeschaffte halbelektrische Gitarre wird an

das alte Radio, das tagsüber die Arbeiter unterhält, angeschlossen. Toller Sound.

Bernd hat eine C Trompete, glaubt er. Also üben wir in C-Dur.

„Summertime“ und „Oh when the saints go marching in“ sind unsere Favoriten.

Manchmal laden wir Bekannte oder um Teil auch Unbekannte ein, unserer Kunst am

Telefon zu folgen. Warum nach dem jeweiligen Song bei der Nachfrage „Na, wie war‘s“

meist keiner mehr am Apparat ist, können wir nicht erklären. Wir beenden unsere Karriere,

als Bernd feststellt, das er eine B Trompete gekauft hat. War das der Grund, das

alles so ein wenig schief geklungen hat und die Zahl unserer Fans sich in Grenzen

hielt

Wir werden bald 18 Jahre und sind somit im richtigen Alter, das Tanzen zu erlernen.

Pierre‘s über 80 jährige Großmutter ist begeistert und tanzt uns vor:

„Hacke, Spitze, Hacke Spitze - eins-zwei-drei“ Ganz leicht. Na, nicht ganz so.

HH Koch - nicht DP Koch. Wir sind doch die Elite, das hatte uns während der

Schulzeit unser Direktor oft genug eingebleut. „Dem, der von der Aue kommt, steht

die Welt offen.“ Im Anfang ist es beim Chachacha, Rumba und Walzer nicht ganz so

einfach. Klammerblues ist gut, aber das kommt auf die Partnerin an. Boogie-Boogie ü-

ben wir nach dem Schlager „Mäcki war ein Seemann“. Rock‘n Roll und Elvis kommen

erst nach unserem Tanzkurs in Mode.

Roswitha tritt in mein Leben. Meine Mutter ist die Vermittlerin. Sie arbeitet zu

dieser Zeit wieder als Friseuse in einem kleinen Salon neben der Schwebebahn-Haltestelle

Varresbeck nur zwei Stationen von unserer Wohnung in Elberfeld und erzählt

immer begeistert von ihrem Lehrling. Aber auch, dass diese bereits einen Freund hat.

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Das reizt mich. Ich biete der Inhaberin meine Dienste als Dekorateur an, erhalte den

Auftrag und lerne so meine spätere erste Frau kennen. Alles läuft positiv. Allerdings

vernachlässige ich mein Leichtathletiktraining und gebe es nach eine halben Jahr ganz

auf. Im Training bleibe ich noch solange wie wir in Wuppertal wohnen. Roswitha

wohnt mit ihrer Mutter auf dem Nützenberg - ich im Tal an der Wupper. Die Treppe

hat gefühlte 500 Stufen.

Meine Prüfung zum Schaufensterdekorateur bestehe ich mit Bestnoten in Theorie

und Praxis. Das spart sechs Monate Lehre. Statt 70 DM Lehrgeld gibt es jetzt unglaubliche

185 DM im Monat. Ich muss 70 DM zu Hause abgeben. Den Rest darf ich

behalten. Angestachelt durch einen Kollegen fordere ich bereits nach sechs Wochen

mehr und schaffe eine Steigerung auf 230 DM. Unser Substitut verdient zu der Zeit

nach mehreren Praxisjahren eben mal 260 DM. Ich darf nicht darüber sprechen.

Jetzt kann ich den Führerschein machen. Mit zwei Monaten Theorie und drei

Fahrstunden bestehe ich die Prüfung auf Anhieb. Da hat „Fahren“ auf dem Betriebsgelände

von Pierre‘s Vater doch etwas gebracht. Aus der Garage raus musste sofort nach

rechts gelenkt werden, durch das Tor und sofort wieder rechts, um nicht in den Zaun

des gegenüberliegenden Gartens zu fahren. Die Strecke von mindestens 15 Metern

wurde eifrig genutzt. Raus vorwärts - rein rückwärts. Das übt.

Dass meine beruflichen Leistungen sich herumsprechen (ich dekoriere doppelt

so viele Fenster wie meine Kollegen) erfahre ich nach fünf Monaten Gesellenzeit. Der

Chefdekorateur des Kaufhofs, der an der nächsten Ecke liegt, wirbt mich ab. 275 DM

ist sein Angebot. Gereizt hat mich das nur bedingt - 45 DM mehr - aber die Möglichkeit,

mehr zu lernen lässt mich zustimmen.

Wußte ich doch, dass beim Kaufhof derzeit ein Bildhauer und ein Kunstmaler arbeiteten.

In den folgenden Monaten gelingt es mir nicht nur, mein Gehalt auf 400 DM

zu steigern, sondern ich lerne tatsächlich viel Neues kennen. Wir fertigen Figuren wie

antike Speer- und Diskuswerfer aus Stereopur an. Formen Vasen aus Ton, machen Abgüsse

und stellen mit den Formen mit Draht und Papier zig Exemplare her. Weiß gestrichen

und mit Kunstblüten geschmückt werden sie dann in den Verkaufsetagen verkaufsfördernd

aufgehängt.

Mein erstes Gehalt macht mich zum stolzen Besitzer einer damals sehr modernen

Wildlederjacke im James Dean Stil. Bar bezahlt in der Herrenabteilung ziehe ich

sie sofort an und gehe damit in den Keller des Hauses, wo sich die Dekorationsabteilung

befindet. In dem Arbeitsraum steht neben einer Kreissäge der riesige Arbeitstisch.

Um ihn herum bereiten einige meiner Kollegen Schaustücke für die nächste

Schaufensterdekoration vor. Da wird nicht nur fleißig gearbeitet sonder auch mal derb

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geneckt. In dem Augenblick, als ich den Raum betrete um stolz meine Neuerwerbung

zu präsentieren, wirft einer ein Stück Dachlatte nach seinem Gegenüber in meine Richtung.

Das Holz trifft einen Eimer mit Plakatfarbe, wirft ihn um und die weißen Spritzer

treffen meine neue, gerade erst erworbene Jacke. Ersatz gibt es nicht. Bei der Arbeit

werden weiße Kittel getragen. Die Privatkleidung gehört in den Spind. Wieder etwas

gelernt.

Erster eigener Urlaub. Bisher kenne ich nur den Möhnesee. Hier hatte ich mit

meinen Eltern auf einem Bauerhof einmal eine Woche Urlaub gemacht. Mehr ist finanziell

nicht möglich. Weitere Urlaube finden nur im Familienkreis statt. Jetzt aber geht

es mit Elba Busreise nach Spanien an die Costa Brava. Roswitha und ich, gerade 18

Jahre alt, müssen Einzelzimmer nachweisen. Unsere Mütter bringen uns mit gemischten

Gefühlen zur Busstation am Elberfelder Hauptbahnhof. Sechs Tage frei! Der Bus

ist vollbesetzt. Die mitgenommenen Brote sind bereits in Vohwinkel aufgegessen. Wir

sind überhaupt nicht nervös.

Die Fahrt geht zunächst nach Trier, dann, nicht enden wollend, die ganze Nacht

quer durch Frankreich Richtung Pyrenäen. Ab und zu wird Halt gemacht. Frauen

rechts - Männer links. Öffentliche Toiletten und Raststätten gibt es auf dieser Strecke

nicht. Am nächsten Morgen halten wir an einem Hotel. Zwei Suiten sind für uns reserviert.

Eine für die Frauen, eine für die Männer , zum „Frischmachen“. Einer nach dem

Anderen verschwindet in dem Badezimmer. Nach zwei Stunden geht es weiter. Gegen

10 Uhr abends kommen wir im „Paraiso“ in Llafranch an. Wir beziehen unsere beiden

Zimmer und treffen uns dann mit unseren neuen, auf der Fahrt kennengelernten

Freunden, Ludwig und Rita. Enttäuscht stellen wir fest, dass das Hotel nicht am Meer

liegt. Trotz tiefer Dunkelheit tappsen wir einen ausgewaschenen Feldweg hinab. „Da

wo‘s runter geht muss das Meer sein“ meint Ludwig. Tatsächlich. Wir sehen zum ersten

Mal das Meer live. Bisher kennen wir noch nicht einmal die Nordsee. Mit uns ist

ein weiterer Mitreisender, stilgerecht mit Tropenhelm, mit seinem etwa 10 jährigen

Sohn gekommen. Er deutet auf die Lichter, die in der Ferne auf dem Meer zu erkennen

sind und sagt ihm mit seltsam lispelnder Stimme: „ Kuck mal, kann man Afrika

sehen. Siehst du die Autos am Strand“ Die Lichter kamen von Sardinen-fangenden

Booten.

Ausflug nach Barcelona mit Übernachtung, Stadtrundfahrt, Abendfeuerwerk am

Magischen Brunnen und Besuch einer Nachtbar mit Flamenco und Getränk. Der Besichtigungstag

ist anstrengend aber toll. Zurück ins Hotel. Feuerwerk und Nachtclub

warten noch. Da muss Abendgarderobe her. Roswitha trägt ihr rotes Brokatkleid, ich

meinen grauen Flanellanzug. Beides vor der Reise zu diesem Anlass angeschafft. Fest-

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lich gekleidet fragen wir an der Rezeption nach dem Speisesaal. Dort ist der Treffpunkt

mit den anderen Teilnehmern. Ein Kellner führt uns höflich an einen festlich gedeckten

Tisch, hält Roswitha den Stuhl beim Setzen und erkundigt sich auf Englisch

nach unserem Aperitifwunsch. „Wir warten auf die Anderen“ Der Kellner: „Erwarten

Sie noch mehr Gäste“ Ich: „Ja, die ganze Reisegruppe ist noch nicht da.“ Kellner:

„Reisegruppe Da sind Sie falsch. Da müssen Sie dahinten rein“ Dreht sich wortlos

um und rauscht von dannen. Wieder was gelernt. Kleider machen Leute.

Das Abendessen ist mäßig, das Feuerwerk dauert zwei Stunden, ohne Getränk

bei 30°C im Flanellanzug. Dann die Nachtbar. Busse über Busse halten an und spucken

feierbereite Touristen aus. In der hintersten Ecke trinken wir ein Glas lauwarmen

Sekt. Weitere Getränke kosten extra. Die Flamencogruppe ist zwar durch die Entfernung

nicht genau zu sehen, aber durch den Lärm der teils betrunkenen Gäste auch

nicht gut zu hören.

Sieben Tage dauert die Reise. Zwei Tage Anfahrt, zwei Tage Ausflug nach Barcelona,

zwei Tage Strandurlaub, zwei Tage Rückfahrt, diesmal mit einer Übernachtung in

der Schweiz. Alles Geld ausgegeben. Bei der letzten Rast, wo alle noch eben zum Essen

gehen, reicht es gerade noch für eine Rosinenschnecke aus einer Bäckerei. Das Taxi

vom Bahnhof nach Hause zahlt meine Mutter. Für die Schwebebahn war nichts mehr

da. Erste Reiseerfahrungen. Auch das übt für‘s Leben.

Kurz, nachdem ich im Kaufhof angefangen habe, ziehen meine Eltern wieder

um. Dieses Mal nach Düsseldorf. Mein Vater ist in den Zollamt Hafen versetzt worden.

Das geht einher mit einer Beförderung und fällt meinen Eltern nicht schwer, da

unsere Verwandten weit weg in Chicago sind. Kein Grund mehr zu bleiben. Mir gefällt

es auch. Die Altstadt und die Kö kenne ich von zwei voran gegangenen Besuchen. Toll

die Stadt. Das ist meine. Die ersten Tennisbälle, die ich als Geschenk erhalten hatte,

stammen von Freunden meiner Eltern, die aber leider nicht mehr in Düsseldorf wohnen.

Unsere neue Wohnung befindet sich in der zweiten Etage eines Neubaus. Eine

Bombe hatte die älteren Häuser zerstört. Ein kleiner Balkon zu einem großem Innenhof.

„Man kann sich als Dekorateur selbstständig machen“ erzählt mir ein Kollege.

„Und was kann man da verdienen“ „Na so 30 - 40 DM pro Fenster in einer Boutique.“

Ich rechne hoch: Verglichen mit dem, was ich im Kaufhof leiste wären das ohne

Problem drei bis vier Fenster pro Tag, also mindestens 100 DM pro Tag, über

2.000 DM pro Monat.Das ist mehr als die 400 DM brutto im Kaufhof. Ich kündige.

Man bietet mir zwar noch eine Substitutenstelle an und 600 DM, aber was soll‘s. Die

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Entscheidung steht. Ich werde Unternehmer. Was das heißt Ein Unternehmer unternimmt

etwas, er zögert und zaudert nicht, auch wenn nicht jede Idee erfolgreich wird.

Dann muss eben die nächste alles rausreißen.

Ein Auto muss her und ein Telefon. Auto Becker bietet einen mausgrauen VW

Käfer Baujahr 1952 an Die Winker gab es noch, aber die zugerüsteten Blinkleuchten

übernahmen deren Aufgabe. Das Fenster war noch klein, aber nicht mehr geteilt. Ein

Zündschloß und ein Anlasser erforderten zwei Schlüssel. 600 DM Anzahlung und 12

Wechsel à 100 DM. Der Vertrag besagte, dass der Wagen an den Verkäufer ging, sollte

ein Wechsel nicht bezahlt werden. Diese Erfahrung hat mich gelehrt, nie im Leben

mehr mit Wechseln zu bezahlen, war es doch manchmal schwer, die 100 DM rechtzeitig

zusammen zu sparen.

Am 1. Oktober 1959 melde ich mein Gewerbe an. Vorher muss ich noch mit meinem

Vater zum Amtsgericht und mich mit seiner Zustimmung volljährig und damit uneingeschränkt

geschäftsfähig erklären lassen. Meine erste Anzeige in der Rheinischen

Post unter Chiffre (das Telefon kommt erst später) lautet:

„Dekorateur sucht noch Arbeit. Angebote unter...“

Oh Wunder, ein Brief kommt an. Eine Modeboutique am Breidenbacher Hof eines

der zwei besten Hotels in Düsseldorf. Ich fahre sofort hin und bin enttäuscht. Ein

kleines Fenster mit drei Kleidern und ein kleiner Kasten mit einer Bluse. Für mich keine

20 Minuten Arbeit. Die Inhaberin fragt nach meinem Preis und willigt auf mein

spontanes Angebot: „25 DM“ sofort ein. Später erfahre ich, dass mein Vorgänger 50

DM dafür bekommen hatte. Eine Erfahrung aus der ich lerne.

Mein 12 qm großes Kinderzimmer wird zum Atelier. Ich lege den weißen, abgeschabten

Kleiderschrank (100x180cm) auf die Seite, befestige die nun nach unten aufgehende

Türe mit einer Kette. Die obere säge ich in zwei Teile, sodass sie wie normale

Türen geöffnet werden können und baue massgerechte Regale ein. Hinter der unteren

Klapptüre verschwindet tagsüber mein Bettzeug, der obere Stauraum reicht für meine

Kleidung. Das Bett wird, tiefer gelegt und mit einer groben Decke bespannt zur Tagescouch.

Unterhalb des Bettes baue ich einen massgerechten Arbeitsplatz mit Beleuchtung..

Einen Meter Breite habe ich zur Verfügung. Ein komplettes Büro mit Reiseschreibmaschine.

Hier arbeite ich bis tief in die Nacht und das bis ich mit 25 Jahren

heirate und ausziehe.

Mein Geschäft läuft. Werbung in eigener Sache brauche ich nicht zu machen. Alles

geht über Empfehlungen. Mein Kundenkreis wächst stetig. Meine Mutter arbeitet

in der Registratur bei der ARAG. Eine Kollegin hat einen Sohn, der auch als selbstständiger

Dekorateur arbeitet. Mein erster Partner. Zunächst vertreten wir uns während

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der Urlaubszeit, dann übernehmen wir gemeinsam größere Kunden wie zum Beispiel

ein Sporthaus in Aachen mit zehn großen Schaufenstern. An zwei Tagen dekorieren

wir dort gemeinsam. Zur kostenfreien Übernachtung fahren wir zu Verwandten von

Karl-Josef nach Stollberg.

Mein heiß geliebter VW Käfer hat ausgedient. Für noch immerhin 800 DM verkaufe

ich ihn an ein sympathisches, junges Pärchen. Es ist mir wichtig, dass er in gute

Hände kommt. Der neue ist ein schneeweißer Fiat 1500. Das neuste Modell. Mit Weißwandreifen.

Als ich ihn abhole, schneit es. Das passt. Karl-Josef fährt den gleichen,

nur in rot. Leider habe ich mit meinem Pech. Ein Montagsauto, dass oft auf der Hinfahrt

zum Sporthaus in Aachen in einer Fiat Werkstatt in Jülich abgegeben und bei

der Rückfahrt am nächsten Tag wieder abgeholt wird. Gott-sei-Dank Garantiearbeiten.

Mit fünfundzwanzig Jahren noch bei den Eltern wohnen ist nicht unüblich. Unverheiratete

Paare haben es schwer, eine Wohnung zu finden. Der Paragraf der Kuppelei

wird erst 1969 abgeschafft. Aber jetzt ist es genug. Am Hochzeitstag ziehen Roswitha

und ich in die Wohnung am Rande von Neuss, nur 100 m von der Düsseldorfer

Stadtgrenze ein. Die dazu gemietete kleine Souterrain Wohnung wird mein erstes, eigenes

Büro mit einem separaten Arbeitsraum. Eine Doppelgarage dient als Lager für meine

meist selbst gemachten Schaufenster-Dekorationsmotive. Die Büroarbeit erledige

ich nach Feierabend. Ein erster Angestellter hilft mir bei der Bewältigung der immer

mehr werdenden Aufträge.

Die IDEGO ist eine bekannte internationale Modemesse. „Die suchen immer Dekorateure

für letzte Dekorationsarbeiten“ erfahre ich. 30 DM kostet eine Berechtigungskarte.

An nur einem Tag, der jedoch bis nach Mitternacht geht verdiene ich fast

soviel wie sonst in einem Monat. Alles wird bar bezahlt. Messen, das ist es.

Auf der Düsseldorfer und Kölner Messe lasse ich mich registrieren. Aufträge kommen.

Ich beschäftige freie Mitarbeiter. Messen in Frankfurt kommen dazu, dann in

Hamburg, München, dann einige Aufträge im Ausland. Mein kleines Unternehmen

breitet sich aus. Meine Schaufensterkunden werden ausgedünnt. Ich bilde mich weiter

und belege einen Fernkurs für Grafik und Design. Auf persönlichen Wunsch erhalte

ich die kompletten Unterlagen bei Vertragsabschluss. Da kann ich mir sofort heraussuchen,

was ich dringend brauche. Ideal für mich, lernen und sofort in die Praxis umsetzen.

Ein Nachbar aus der Siedlung stellt sich bei einem gemeinsamen Spaziergang als

Inhaber einer Komputerfirma vor. Er importiert Schreibautomaten aus der Schweiz,

stellt Lochstreifen und Lochkarten her, beliefert ganz Deutschland. Ich soll ihm mal

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einen Werbeplan für das nächste Jahr aufstellen. Wie macht man das Nein sagen kenne

ich nicht. Meine Mutter sagte schon immer: „Kann-ich-nicht ist tot“. Dass ich sehr

beschäftigt bin, versteht min neuer Kunde, auch, dass es ungefähr zwei bis drei Monate

dauern kann. Es eilt ja nicht so.

Fernkurs ist gut habe ich gelernt. Also jetzt einer zum Werbeberater. Die 1.800

DM Kursgebühr müssen mit einmal bezahlt werden, um die kompletten Unterlagen zu

erhalten. „Aufstellung eines Werbeplanes“ finde ich im zweiten Semester. Nach notwendigen

Recherchen in der Komputerfirma überreiche ich meinen Plan nach zwei

Monaten.

Die dreißig-seitige Broschüre „Schreibkomputer im täglichen Einsatz“ soll für

den Laien lehrreich und für den Fachmann aufschlussreich werden. Die Sensation für

automatisierte Serienbriefe. Ich schreibe den Text, mein Freund Rudi, der zu meiner

Zeit im Kaufhof als Maler und Grafiker gearbeitet hatte und perfekt im figürlichen

Zeichnen ist, hilft mir bei der Gestaltung. Eine tolle Idee hat der Firmeninhaber: wir

sollen das werk selbst verlegen und an Interessenten (seine Kunden) und den Produzenten

in der Schweiz verkaufen. Er selbst bestellt sofort 800 Exemplare. Wir lassen

2.000 Stück drucken. In die Schweiz gehen 200 Stück. Die Kunden unseres Kunden

bestellen nie etwas bei uns, erhalten sie doch ihre Exemplare von der Komputerfirma.

Unter dem Strich heben Einnahmen und Ausgaben sich gegeneinander auf, der Gewinn

sind die 1.000 unverkäufliche Broschüren. Wieder etwas gelernt.

St. Etienne ist die Patenstadt von Wuppertal. Es soll eine Ausstellung zur Präsentation

der Wuppertaler Wirtschaft durchgeführt werden. Rudi hatte schon mal für die

Werbeabteilung der Stadt gearbeitet. Wir erhalten den Auftrag. In sechs Monaten bauen

wir einen halben Schwebebahn-Waggon mit Originalteilen wie Fenster, Führerstand

und Sitzen nach. Dazu mieten wir einen großen Kellerraum in Düsseldorf an.

Der fertige Wagen wird zum Transport, in drei schwere Teile zerlegt, auf Bleistiften

durch die niedrige Ausgangstüre nach draußen gerollt.

Eine Woche Aufbauzeit in St. Etienne. Ein fürstliches Honorar, ein Festessen

beim Bürgermeister der Stadt und eine französische Presse, die unter Anderem

schrieb: „Ein Architektenteam aus Wuppertal bietet mit dieser Ausstellung ein Meisterwerk

des guten Geschmacks“. Das stand später auch im Wuppertaler Stadtanzeiger,

sogar mit Foto. Ein Erfolg, der auch viele neue Aufträge brachte.

Rudi. Er stammt aus Sachsen und spricht auch so. Seine runde Brille und die

Warze links oberhalb der Lippen sind sein Markenzeichen. Immer ein Pechpilz. Durch

seine Ausbildung und bei seinem Können ist er eigentlich überqualifiziert für seine

Kaufhof-Tätigkeit. Ich lerne viel von ihm.

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Rudi-typische Vorfälle. Wir bauen einen Messestand. Das Deckengerüst, bestehend

aus gestrichenen, zusammengezimmerten Dachlatten, muss farblich ausgebessert

werden. Rudi steigt auf die wacklige Holzleiter, den vorher eingetauchten Farbpinsel

in der Hand und bessert in fünf Meter Höhe die schadhafte Stelle aus. Beim Heruntersteigen

tritt er in den neben der Leiter abgestellten Farbeimer. Der fällt um, Rudi

mit ihm. Weiße Plakatfarbe auf dem neuen, grauen Sisalboden. Wir mischen graue

Farbe an, überstreichen die Farbkleckse, die nach auswaschen des Bodens und verrücken

der Podeste noch sichtbar sind. Gott-sei-Dank fällt es bei der Standübergabe

nicht auf.

Rudi ruft mich stolz an. „Ich baue einen Karnevalswagen für die Stadt Wuppertal“.

Eine nicht gerade gut beleuchtete Halle steht zum Bau zur Verfügung. Der Basiswagen

wird über eine Grube gerollt. Rudi baut mit Dachlatten, Maschendraht, Papier,

Leim und Farben eine riesige Figur. Durch andere Arbeiten abgehalten kann ich ihm

dieses Mal leider nicht helfen. Im Gegenteil, er soll für mich noch eine wichtige Anzeige

fertig machen. Ein Anruf kommt spät abends. Rudi kann nicht mehr. Tagsüber ist

er, nachdem bei der Abnahme der Karnevalswagen etwas verschoben wird, in die freigewordene

Grube gestürzt und hat sich den Oberschenkel aufgerissen. Trotzdem setzt

er sich zu Hause an den Schreibtisch und will die Anzeige fertig machen, als ihm sein

Lineal vom Tisch fällt. Er bückt sich und bekommt einen Hexenschuss. Ich fahre sofort

hin. Am nächsten Tag muss doch geliefert werde. Wir machen die Anzeige gemeinsam

fertig.

In St. Etienne ist Flohmarkt. Vor unserer Rückreise besuchen wir ihn. In einem

Korb liegen braune Halbschuhe mit weißer Kreppsohle. Paar umgerechnet nur 5 DM.

„Toll zum Arbeiten“ meint Rudi und kauft ein Paar, ohne anzuprobieren. „Die Größe

45 passt immer.“ Zu Hause rufe ich ihn an. „Na, passen die Schuhe“ Mürrische Antwort:

„Grundsätzlich ja, aber es sind zwei Linke.“

Ebenfalls in St. Etienne. Im Gegensatz zu mir sprich Rudi keine Fremdsprachen.

Bei dem abendlichen Dinner, der Einladung des Bürgermeisters liegt eine Speisekarte,

aus der man individuell sein Menue zusammenstellen kann. Grafisch schön geordnet

findet man darauf, als besondere Aufmerksamkeit für die Deutschen, eine Suppenauswahl.

Rudi will sich nicht helfen lassen. Er bestellt selbst. Als Vorspeise kommt eine

Erbsensuppe. Als zweiter Gang eine Linsensuppe und als Hauptgang eine Bohnensuppe.

Zur Nachspeise wird ein riesiger Teller mit verschiedensten Käsesorten herumgereicht.

„Das krieschen mir doch garnischt auf“ meint Rudi in seinem sächsischen Dialekt

und beginnt seinen Teller zu füllen. Ich muss ihn stoppen, damit es nicht zu peinlich

wird.

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Messe Frankfurt. Die Stände sind fertig. Gegen 23:00 Uhr schicke ich die Mitarbeiter

nach Hause. Rudi will trotz Übermüdung durch die letzten langen Arbeitstage

noch fahren und lieber die Übernachtung ausgezahlt haben. Ein Kollege, auch aus

Wuppertal fährt mit ihm. Ich stelle fest, das die Reklamationen noch nicht alle abgearbeitet

wurden und muss das jetzt alleine machen. Nach zwei Stunden steht Rudi plötzlich

neben mir, einen dicken Verband um den Kopf. Beim Wegfahren hat er die einzige

Laterne vor der Halle übersehen. Sein Kollege ist noch im Krankenhaus. Der Schaden

am Auto ist höher als sein Verdienst in dieser Woche.

Ja, das ist Rudi. Jahr später treffe ich ihn wieder. Er hat als Restaurateur und

Bildhauer endlich seine Bestimmung gefunden. Er übernimmt den Figurenpark im

Freizeitgelände von „Fort Fun“ und spricht den Namen so aus wie er geschrieben

wird, nur auf sächsisch.

„Wenn ein Mann dreißig Jahre alt wird, sollte er ein Hausgebaut, einen Baum

gepflanzt und eine Sohn gezeugt haben!“ Das habe ich mit 14 Jahren gehört und seitdem

immer vor Augen. Einen Sohn habe ich bereits. Was fehlt sind Haus und Baum.

Durch einen Geschäftsfreund komme ich in einen Langenfelder Kegelklub. Alle 14 Tage

Herrenkegeln bei Lohmann am Bahnhof. Danach, manchmal leicht bierfröhlich

geht‘s immer mit dem Auto nach Neuss zurück. Einmal stehe ich an einer roten Ampel,

direkt an der Waschhalle in Düsseldorf. Ein Wagen fährt auf mein Auto auf. Kleiner

Blechschaden. Der Taxifahrer neben mir ruft die Polizei, obwohl ich dagegenspreche

mit dem Argument „Kuck mal. Das sind Ausländer. Nachher stehst‘e mit dem

Schaden da“. Die Polizei lässt blasen, der Unfallverursacher hat über 1 pro Mille und

muss mit zur Wache. Ich komme als letzter dran. Der Polizist entschuldigt sich vorher

„Sie müssen auch, sonst heisst es wieder, wir hätten was gegen Ausländer“. Sieht

kurz auf das Röhrchen und wirft es weg. Glück gehabt.

Am nächsten Kegelabend wird beschlossen: „Du ziehst nach Langenfeld“. Gert,

ist Statiker, Dieter ist Architekt. Beide besorgen mir ein Grundstück Kölner Ecke

Grenzstrasse. Das Grundstück ist klein, reicht jedoch für ein Drei-Familienhaus mit

einem zusätzlichen Souterrain-Büro. Meine Pläne werden wunschgemäß bestens umgesetzt.

Wohnen und Arbeiten in einem Haus - so wie in Neuss. Um Geld zu sparen arbeite

ich regelmäßig neben meinem Beruf als Hilfsarbeiter mit. Da das Grundstück so

klein ist und ich den Bürgersteig nicht mitbenutzen darf, besteht meine hauptsächliche

Tätigkeit darin, gelieferte Kalksandsteine von rechts nach links und umgekehrt zu

stapeln. Die Maurer brauchen Platz.

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Meine Mahlzeiten bestehen aus einem Brötchen, einer Gurke und einer Flasche

Bier aus dem nahen Büdchen. Ab und zu besucht mich Roswitha mit Tanja und Marc,

die dann eine Weile auf dem von mir gerade aufgeschüppten Sandhaufen spielen, bevor

sie nach Neuss zurückfahren. Später habe ich immer Komplexe, wenn Freunde

von ihrem Hausbau berichten, so wie alle mitgeholfen haben, wie man als Paar nebeneinander

gearbeitet hat. Ich erkläre immer, dass das leider bei uns wegen der beiden

kleinen Kindern nicht möglich gewesen ist. Kein tolles Gefühl.

Beim Bauen lerne ich Einschalen, Mauern, Betonieren. Schreinern und Hämmern

kenne ich reichlich aus meinem Berufsleben. Den Dachstuhl baue ich mit Hilfe

von Freunden aus, so wie wir es gemeinsam vorher bei deren Häusern gehalten hatten.

Teppichboden gibt‘s günstig aus dem Versuchslabor eine Kunden. Mit meinem

VW Bus hole ich eine Rolle mit 80 qm ab und transportiere sie mit Hilfe von Rollschuhen,

die ich unter das Ende der Rolle lege, ziehend und zerrend allein in das Haus.

Mein Vater, der mir so oft er neben seinem Beruf konnte, beim Bau geholfen hat, hilft

mir auch beim Verlegen des Teppichs.

Trotz aller Bemühungen schaffe ich den Einzug vor meinem 30. Geburtstag

nicht. Erst drei Tage danach kommt der Möbelwagen. Der Baum wird in nächsten

Frühjahr gepflanzt. Nur noch 66 kg wiegen bei einer Größe von 186 cm ist nicht viel,

irgendwie bin ich nicht ganz glücklich. Den Hit dieses Winters „Oh happy day, Oh

happy day“ kann ich nicht ungehemmt mitsingen.

Samstag den 29. November ist Einzugstag und auch die Endabnahme durch den

Installateur. Er schickt mich in das Dachgeschoss. Auf sein Kommando soll ich die

Spülung der Toilette betätigen. Voll im Ruhrgebietsslang ruft er: „Jez könnense ein Ei

legen“. Ich betätige den Hebel. Einen Moment später: „Halt, halt, zurück“. Das Wasser

läuft nicht ab sondern schießt aus dem geöffneten Rohr in den Keller.

Meine Nerven sind am Ende. Dieter, der Architekt kommt auf meinen Anruf hin

sofort und stemmt im dunklen Anzug (er war auf dem Weg zu einer Veranstaltung)

den Boden neben dem Rohr auf. Was war Die Arbeiter hatten das Kanalabflussrohr

seitlich weggedreht und das Anschlussrohr in den Boden gesteckt. Dieter meint dass

das ein üblicher Scherz sei, wenn es nicht genug Bier beim Errichten des Fundamentes

gäbe. So baue man auch gern eine Bierflasche am Giebel ein, in der der Wind später

ein nicht gerade melodisches Geräusch erzeugt.

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