PROJEKT Schüler STÄRKEN - Integration Eschweiler

eschweiler.integration.de

PROJEKT Schüler STÄRKEN - Integration Eschweiler

NETZWERK gegen Schulverweigerung Eschweiler

PROJEKT

Schüler STÄRKEN

Schulverweigerung: Jugendliche – Experten in

eigener Sache

HANDREICHUNG

1

gefördert von


IMPRESSUM

2

Herausgeber:

Koordinierungsstelle des Netzwerkes gegen Schulverweigerung Eschweiler

Waldschule Städtische Gesamtschule Eschweiler - Schulsozialarbeit -

Lothar Horndt

Friedrichstraße 12-16

52249 Eschweiler

In Kooperation mit:

low-tec gemeinnützige Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft mbH

- Abt. Gesellschaftliche Projekte -/Pädagogische Fachberatung

Südstraße 29-31 52249 Eschweiler www.low-tec.de info@low-tec.de

B-PLAN Büro für sozialwissenschaftliche Analysen und Planungen Dr. Joußen

Dr. Wolfgang Joußen – Wissenschaftliche Begleitung -

Zum Laufenburgblick 13 52379 Langerwehe www.bplanonline.de info@bplanonline.de

REDAKTION:

Dr. Wolfgang Joußen (v.i. S. d. P.)

Oktober 2010


I N H A L T

DAS NETZWERK -------------------------------------------------------------------------- 4

DAS PROJEKT ------------------------------------------------------------------------------ 6

DIE EXPERT/-INNENSICHT ----------------------------------------------------- 10

3

DIE HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN ------------------------------------ 13

DAS FAZIT-------------------------------------------------------------------- 17


DAS NETZWERK

Im Jahre 2009 wurde in Eschweiler das mit vielleicht noch 56.000 Einwohnern, 21

Netzwerk gegen Schulverweigerung. Eschweiler

Inkl .Berufskolleg. Quelle: Stadt Eschweiler: Statistischer

Jahresbericht 2008. Eschweiler o.J.; eigene

2009.

2 Stand: Oktober 2010. Berechnungen.

Netzwerk gegen Schulverweigerung gegründet.

Schulen und geschätzt ca. 8.000 Schüle-

1 Anlass für diese Initiative war rinnen und Schülern, die die Schulen in

die Erkenntnis von Schulsozialarbeit und

Jugendhilfe, dass das Thema Schulverweigerung

auch in Eschweiler zunehmend

durch eine wachsende Zahl von Schülerinnen

und Schülern, die nicht mehr regelmäßig

eine Schule besuchen, an Bedeutung

gewinnt und Handlungsbedarf

angezeigt ist. Zum Eschweiler Netzwerk

„SCHÜLER stärken – Netzwerk gegen

der Stadt nahezu täglich besuchen. 3 „Nahezu

täglich“ heißt außer an Samstagen,

Sonn- und Feiertagen, heißt inzwischen

aber auch außer an den Tagen, an denen

sich nicht wenige Schülerinnen und Schüler

auch in dieser Stadt von der Schule

„befreien“ und die Teilnahme am Unterricht

verweigern. Schulverweigerung ist

inzwischen in Deutschland zu einem

Schulverweigerung“ haben sich Mitarbeiterinnen

Schulalltagsphänomen geworden: So

und Mitarbeiter folgender Einrich-

kommen Schätzungen zum Ergebnis,

tungen zusammengeschlossen: 2

dass zwischen 300.000 und 400.00 Schülerinnen

und Schüler in Deutschland

Städt. Realschule Patternhof

Waldschule Städt. Gesamtschule Eschweiler

Schulverweigerer sind.

Schulverweigerung – ein Phänomen mit

Städt. Gymnasium Eschweiler

Bischöfliche Liebfrauenschule

vielen Motiven, Ursachen, Ausprägungen

Gemeinschaftshauptschule Dürwiß

Gemeinschaftshauptschule Stadtmitte

und Gesichtern und ist in der Regel erst

das „Endstadium“ in einem längeren Prozess

der Entwicklung von Schulaversion,

Jugendamt der Stadt Eschweiler – Mobile

Jugendarbeit

Jugendamt der Stadt Eschweiler – Allgemeiner

der nicht mit Schulverweigerung beginnt.

Sozialer Dienst

Jugendamt der Stadt Eschweiler - Jugendgerichtshilfe

münden, ist jedoch kein lineares Kontinu-

Schulaversion kann in Schulverweigerung

Sozialamt der Stadt Eschweiler

um mit einem feststehenden Endpunkt,

Integrationsabteilung der Stadt Eschweiler

kein unabänderliches „Karrieremuster“,

Ordnungsamt der Stadt Eschweiler

low-tec gemeinnützige Qualifizierungssondern

entwickelt sich in Abhängigkeit

und Beschäftigungsgesellschaft mbH

von einer Vielzahl von Faktoren und abhängig

ARGE Städteregion Aachen

von korrigierenden Interventionen.

Gesundheitsamt Eschweiler

Suchtberatung Eschweiler

Legt man die bislang aus verschiedenen

Jugendtreff der Ev. Kirchengemeinde

Untersuchungen bekannten Kenngrößen

Weisweiler-Dürwiß

und Merkmale für Eschweiler zugrunde,

KOT St. Josef Donnerberg

Haus St. Josef Eschweiler

dann ist von folgender aktueller Situation

für diese Stadt auszugehen: Ca. 600-700

Schülerinnen und Schüler von der Grundschule

Eschweiler ist auch beim Thema Schulverweigerung

keine Insel, und Schulverweigerung

bis zur Gesamtschule haben eine

Aversion gegen Schule.

ist real auch in einer Kleinstadt

Mit zunehmendem Alter und in den Klassen

1 Der Aufbau und das Management des Netzwerkes

konnten im Rahmen eines STÄRKEN vor Ort Projektes

der Sekundarschule formt sich diese

1 Aversion zur Schulunlust, zum punktuellen

im Jahre 2009 erfolgen. Siehe zu diesem

Projekt ausführlich: Projekt Schüler STÄRKEN:

4


Schulschwänzen bis hin zur offenen

Schulverweigerung. Betroffen sind sowohl

Jungen als auch Mädchen - Mädchen vielfach

eher latent, Jungen häufiger in offener

Form. Differenzierungen hinsichtlich

von Schulformen sind bislang nicht nachweisbar.

Sozial repräsentierten diese

Schülerinnen und Schüler das soziale

Spektrum der Stadt. Aussagen über dominierende

Ursachen und Bedingungskonstellationen

sind aufgrund fehlender empirischer

Analysen und Erfahrungsberichte

für Eschweiler nicht möglich. Auch für

Eschweiler ist aber davon auszugehen,

dass die in zahlreichen Analysen verifizierten

Ursachen auch hier prägend sind.

Schon die hohe Zahl, mit der Schulen

auch in dieser Stadt vom Phänomen

„Schulaversion“ betroffen sind, zeigt deutlich,

dass hier erheblicher Interventionsbedarf

existiert. Aber auch jede Schülerin

und jeder Schüler, für den zurzeit das System

Schule außerhalb der präferierten

Lebenswirklichkeit liegt, bedarf der Unterstützung

und Hilfe. Nicht zuletzt aufgrund

des immer wieder bestätigten Zusammenhangs

von Schulerfolg und Berufserfolg in

einem Wirtschaftssystem, in dem fast ausschließlich

die Formalqualifikation über

Zugangschancen zu Arbeit und Einkommen

bestimmt, muss Schulaversion in

allen ihren Ausprägungen und Entwicklungsstufen

zum Anlass genommen werden,

um über Möglichkeiten einer Reduzierung

der Zahl der davon betroffenen

Schülerinnen und Schüler zu reflektieren.

Neben der Zahl zählt aber auch jeder Einzelfall.

Was tun So sehr sich die Befunde und

Erkenntnisse in den bislang vorliegenden

Analysen und Erfahrungsberichten seit ca.

10 Jahren umfassender pädagogischer

Problematisierung des Phänomens

„Schulaversion und Schulverweigerung“

auch gleichen, so wenig handlungsleitend

erscheinen die bislang vorliegenden Präventions-

und Interventionsempfehlungen.

Auch aus diesem Grund hat sich im Jahr

2009 im Rahmen eines Projektes im Programm

STÄRKEN vor Ort in Eschweiler

ein Netzwerk gegründet, das

sich als Plattform für den fachlichen

Austausch von Schule, Jugendhilfe und

anderen Institutionen versteht, die direkt

oder indirekt mit den Problemen von

Schulaversion und Schulverweigerung

konfrontiert sind,

Präventionsstrategien und individuelle

Interventionsstrategien gegen Schulaversion

und Schulverweigerung unter

Berücksichtigung der spezifischen Rahmenbedingungen

in Eschweiler entwickelt

und

einen schulen- und institutionenübergreifenden

Handlungs- und Kooperationsverbund

bildet, der sich mit der

Lösung von konkreten Einzelfällen von

Schulverweigerung in Eschweiler beschäftigt.

Dieses Netzwerk leistet damit einen Beitrag

zur Entwicklung einer guten Praxis in

Eschweiler, die die Erfahrungen und Erkenntnisse

der verschiedenen Akteure des

Netzwerkes im Interesse der Problemlösung

aktiviert. Die Netzwerkgründung ist

Ausdruck der Erkenntnis, dass weder

Schule alleine Schulverweigerung verantwortet

noch Schule Schulverweigerung

alleine bewältigen kann.

Wo hin das Projekt wohl führt …

5


DAS PROJEKT

im Rahmen des Programms STÄRKEN

vor Ort vom Europäischen Sozialfonds der

Die fachliche Diskussion im Netzwerk im

Jahre 2009 in Eschweiler machte deutlich,

dass eine erfolgreiche Arbeit gegen

Schulverweigerung nicht nur der Mitarbeit

der Fachfrauen und –männer aus den Bereichen

Schulsozialarbeit und Jugendhilfe

bedarf, sondern dass ein wichtiger Beitrag

zum Verständnis von Schulverweigerung

und damit auch zur Entwicklung von Strategien

gegen Schulverweigerung der Mitwirkung

der Verweigerer selbst bedarf. Auf

diesem Wege sollte es möglich werden,

Informationen über individuelle Motivlagen

und Lebenssituationen zu erhalten, die zur

Schulverweigerung in den verschiedenen

Formen beitragen. Die Schulverweigerer

werden so zu Experten in eigener Sache.

Diese Expertise sollte zum einen für die

weitere fachliche Arbeit des Netzwerkes

gegen Schulverweigerung genutzt werden,

zum anderen jedoch auch als Ausgangspunkt

für erste Schritte dienen, mit denen

diese Experten selbst in Kenntnis der Ursachen

für ihr Verweigerungsverhalten

möglicherweise wieder auf den Weg zu

Schule gebracht werden könnten.

Der Europäische Sozialfonds ist das zentrale arbeitsmarktpolitische

Förderinstrument der Europäischen

Union. Er leistet einen Beitrag zur Entwicklung

der Beschäftigung durch Förderung der Beschäftigungsfähigkeit,

des Unternehmergeistes,

der Anpassungsfähigkeit sowie der Chancengleichheit

und der Investition in die Humanressourcen.

Durch die Mitglieder des Netzwerkes wurde

daher das Projekt „Schüler STÄRKEN

– Schulverweigerung: Jugendliche - Experten

in eigener Sache“ entwickelt, das

Europäischen Union kofinanziert wird, in

Eschweiler zwischen April und Oktober

2010 in der Trägerschaft der Waldschule

Städt. Gesamtschule Eschweiler in Kooperation

mit dem Netzwerk gegen Schulverweigerung

und weiteren Partnern durchgeführt

wurde.

Das schul- und institutionenübergreifende

Projekt richtete sich an Schulverweigerer/innen

(schulpflichtig und/oder schulentlassen).

Ihre Aufgabe bestand darin, nach

einer intensiven, kreativen Trainingsphase

als jugendliche Experten das Netzwerk

gegen Schulverweigerung bei seiner Arbeit

zu beraten und an den Aktivitäten des

Netzwerkes als Experten "gleichberechtigt"

teilzunehmen.

Die Umsetzung des Projektes vollzog sich

in folgenden Phasen:

TEILNEHMERGEWINNUNG

In der ersten Projektphase wurden bis Juni

2010 den Netzwerkpartnern bekannte

Schulverweigerer angesprochen und mit

Hilfe eines Flyers sowie mit weiteren Informationen

für eine Teilnahme geworben.

Nach einer entsprechenden Interessenbekundung

wurden die formalen und rechtlichen

Voraussetzungen mit den involvierten

Schulen abgestimmt, da die Teilnehmer

zunächst für eine zweiwöchige Projektphase

freigestellt werden mussten.

Nach der Erteilung einer Teilnahmegenehmigung

durch die Schulen wurden die

Eltern in einem Gespräch ausführlich über

die Ziele und den geplanten Verlauf des

Projektes informiert und um ihr Einverständnis

für eine Projektteilnahme gebeten.

6


Bis zum Start des zweiwöchigen Intensivtrainings

konnten 17 Schulverweigerer für

eine Teilnahme am Projekt angesprochen

werden. Nach Klärung der formalen Voraussetzungen

und Einholung der Zustimmung

der Eltern und Schulen wurden

schließlich 12 Schulverweigerer in das

Projekt aufgenommen. So starteten dann

5 weibliche und 7 männliche Teilnehmer

im Alter zwischen 14 und 17 Jahren in die

Intensivtrainingsphase. Ein Teilnehmer

entschied sich noch am ersten Intensivtrainingstag

für die Fortsetzung des

Schulbesuches. Von den verbliebenen 11

Teilnehmern besuchten 4 eine Gesamtschule,

4 eine Förderschule, zwei Teilnehmer

eine Hauptschule sowie ein Teilnehmer

ein Berufskolleg. Einige Teilnehmer

kannten sich bereits aus anderen Zusammenhängen.

Hinsichtlich der familiären und sozialen

Strukturen, in denen die Teilnehmerinnen

und Teilnehmer dieses Projektes leben, ist

signifikant, dass sie ein breites Spektrum

von Lebensverhältnissen abdecken: Darunter

sind sowohl Kinder von Alleinerziehenden

mit eher schwierigen Beziehungen

zum anderen Elternteil, die auch ein Ergebnis

eines elterlichen Konkurrenzkampfes

um die Gunst des Kindes sind, als

auch Kinder aus sog. Normalfamilien, in

denen beide Elternteile mit dem Kind zusammenleben.

Zwei Teilnehmer – ein

Mädchen und ein Junge – lebten in Familien

mit Migrationshintergrund. Signifikant

erscheint, dass sowohl nach den eigenen

Berichten als auch am beobachteten Elternverhalten

während des Projektes erkennbar

die meisten Teilnehmerinnen und

Teilnehmer eine besonders enge emotionale

Bindung an die Mutter besaßen, die

jedoch meist nicht mit nachhaltigen Einfluss

auf das Schulverhalten der Kinder

verbunden ist. Analysiert man die eher

geringen Informationen zum familiären

und sozialen Umfeld der Teilnehmerinnen

und Teilnehmer dieser Gruppe von Schulverweigerern

– im Vordergrund des Erkenntnisinteresses

in diesem Projekt stand

ja auch nicht die Frage nach der Rolle des

familiären und sozialen Umfeldes, sondern

die Rolle des Systems Schule und seiner

Akteure als Bedingungsfeld für Schulverweigerung

– so scheinen nicht fehlende

emotionale Bindungen zu den Eltern oder

unzureichendes Elterninteresse mit bedingende

Faktoren. Vieles deutet darauf hin,

dass vielmehr oft ein emotional bedingtes

„laisser faire“ Spielräume für „eigene“ Entscheidungen

jenseits des Elternwillens

eröffnet. Insofern werden dann auch bei

Schulverweigerung eher geringe bis keine

Sanktionen erwartet.

INTENSIVTRAININGSPHASE

Mit Hilfe eines zweiwöchigen Intensivtrainings,

das im Juni 2010 jeweils in den

Vormittagsstunden zwischen 8:30 und

13:00 h organisiert wurde, sollten folgende

drei wesentliche Ziele erreicht werden:

■ Schaffung einer Motivation, sich mit

der aktuellen Lebenssituation und den

Lebensperspektiven auseinander zu

setzen,

■ Befähigung, sich mit den Ursachen

für die eigene Schulverweigerung zu

beschäftigen und Voraussetzungen und

Chancen für eine Verhaltensänderung

zu identifizieren,

■ Befähigung, als Experte in eigener

Sache zum Thema Schulverweigerung

das Netzwerk zu beraten.

Zur Erreichung dieser Ziele wurden verschiedene

Arbeitsformen in das Intensivtraining

integriert:

► Gruppengespräche

► Einzelgespräche

► Expertengespräche

► Workshops

7


► Exkursionen.

Zum Start des Intensivtrainings besuchten

die Teilnehmer gemeinsam mit den pädagogischen

Mitarbeitern des Projektes den

Kletterwald in Aachen. Im Vordergrund der

Arbeit hier stand nicht die sportliche Ertüchtigung

der Teilnehmer, sondern

• die Überwindung und das Ablegen von

Passivität,

• das Lernen, für ein selbst gesetztes Ziel

auch Anstrengungen zu akzeptieren,

• sich nach bestimmten vorgegebenen

Regeln zu einem Ziel zu bewegen,

• Vertrauen in die eigenen Stärken zu

gewinnen und schließlich auch

• Hilfestellungen zu akzeptieren und erforderlichenfalls

auch anderen in der

Gruppe zu helfen.

Gleich zu Beginn des Besuches äußerten

einige Mitglieder der Gruppe ihren Unmut

darüber, nun an den Kletteraktivitäten teilnehmen

zu müssen, „nur weil das so vorgesehen

ist“. Nach länger dauernden Diskussionen

und Gesprächen gelang es

dem pädagogischen Team schließlich, mit

Ausnahme von drei Teilnehmern, die bereits

alkoholisiert zum Treffpunkt erschienen

waren, die übrigen Teilnehmer zur

Mitarbeit zu bewegen. Der für die erste

Trainingseinheit der Intensivphase gewählte

Zeitpunkt erscheint auch in der

Rückschau als sinnvoll gewählt, da durch

diese Aktivität bei einigen Teilnehmern ein

für die weitere Arbeit notwendiger Identifikationsprozess

mit der Gruppe und Interesse

für die Weiterarbeit geweckt werden

konnte. Zur besseren Nutzung eines solchen

Einstiegs für die anschließende

Gruppenarbeit erscheint aber eine noch

intensivere Betreuung jedes Teilnehmers

erforderlich, was jedoch eine höhere Personalkapazität

als in diesem Projekt mit

zwei Betreuern möglich voraussetzt.

In der anschließenden Gruppensitzung,

die wie auch die weiteren Treffen mit den

Schulverweigerern im Jugendtreff OASE

in Eschweiler stattfanden, wurden zunächst

die Erfahrungen mit dem Besuch

des Kletterwaldes gemeinsam ausgewertet.

Zur Verstärkung des Gruppenfindungsprozesses

erhielten die Teilnehmer

anschließend die Aufgabe, in zwei Gruppen

mit einfachen Alltagsmaterialien eine

Brücke zu basteln, deren Tragfähigkeit

ausreicht, um ein Spielzeugauto die Brücke

passieren zu lassen. Diese Aufgabenstellung,

die am Folgetag fortgesetzt wurde,

überforderte offensichtlich einige Teilnehmer,

die sich mehr und mehr aus dem

Gruppen(-bau-)prozess ausklinkten. Diesen

Teilnehmern gelang es noch nicht,

sich auf eine kontinuierliche Arbeit in der

Gruppe mit einem gemeinsamen Ziel zu

konzentrieren.

Parallel zu dieser und anderen Gruppenarbeiten

bei den Gruppentreffen stand die

Auseinandersetzung mit dem Thema

Schulverweigerung im Vordergrund. Dazu

dienten die Gruppendiskussionen über

den „idealen Schultag“ sowie über die persönlichen

Gründe für die Schulverweigerung.

Anschließend wurden Ursachen für

die Verweigerung bei Lehrern und Eltern

durch die Teilnehmer thematisiert.

Den Abschluss der ersten Arbeitswoche

des Intensivtrainings bildete der Besuch

der Zukunftswerkstatt des Museums Zinkhütter

Hof in Stolberg. Diese Zukunftswerkstatt,

in der spielerisch Aspekte der

Berufsfindung und Lebensplanung bearbeitet

werden, stieß bei den meisten Teilnehmern

auf Desinteresse. Maßgeblich

dafür dürfte zum einen die aktuell große

Distanz der meisten Teilnehmer zu den in

der Zukunftswerkstatt behandelten Themen

sein, zum anderen jedoch auch das

didaktische Konzept dieser Werkstatt, das

sich am „normalen“ Schüler bzw. Schulund

Berufsweg orientiert, der jedoch gerade

für die Teilnehmer dieses Projektes

8


kein adäquates Erfahrungs- und persönliches

Entwicklungsmuster darstellt.

In der zweiten Woche des Intensivtrainings

konzentrierte sich die Arbeit mit den

Teilnehmern auf die Darstellung der Gründe

für die Schulverweigerung und auf die

Defizite des Systems Schule aus der Sicht

der Teilnehmer. Erarbeitet werden sollte

auch, wie das System Schule aus der

Sicht der Teilnehmer verändert werden

muss, um sie attraktiver zu machen und

damit auch wieder eine Perspektive für

Schulverweigerer zu bieten. Die Ergebnisse

ihrer Analysen zum „idealen Lehrer“, zu

den präferierten Fächern und zur Gestaltung

der Räumlichkeiten in einer „idealen

Schule“ wurden von den Teilnehmern zur

späteren Nutzung in den Workshops mit

dem Netzwerk gegen Schulverweigerung

auf Plakaten dokumentiert.

Mit Hilfe von Kommunikations- und Präsentationstrainings

gelang es in dieser

zweiten Woche des Intensivtrainings ferner,

5 Teilnehmer für eine Mitwirkung als

Experten bei den Aktivitäten des Netzwerks

gegen Schulverweigerung zu motivieren

und zu qualifizieren.

Den Abschluss des Intensivtrainings bildete

ein weiterer Besuch des Kletterwaldes

in Aachen.

In der Intensivphase schwankte die Teilnehmerquote

deutlich: Während sich in

der ersten Woche noch fast alle ausgewählten

Teilnehmer an den Aktivitäten des

Projektes beteiligten, waren in der zweiten

Woche regelmäßig nur noch 5 Teilnehmer

im Projekt aktiv. Die zunächst geplanten

täglichen Arbeitsphasen zwischen 8:30

und 13:00 h mussten auf Drängen der

Teilnehmer auf einen Beginn um 9:00

verschoben werden. Ferner war es erforderlich,

im Arbeitsablauf immer wieder

kleinere Pausen einzubauen.

EXPERTENPHASE

Erstmals mit ihrer Rolle als Experten in

eigener Sache konfrontiert wurden 5 Teilnehmer

in einem Treffen mit einem Lehrer

einer Gesamtschule – drei 15-jährige

Mädchen, ein 17-jähriger und ein 14-

jähriger Junge -. Die Expertinnen und Experten

tauschten sich ausführlich über die

Themen Schulverweigerung, das System

Schule heute sowie über Möglichkeiten

zur Attraktivierung von Schule zur Vermeidung

von Schulverweigerung aus.

Die ausgewählten Experten nahmen ferner

- nach zwei weiteren Vorbereitungsterminen

im Anschluss an die Intensivtrainingsphasen

- an einem ersten Workshop

mit den Mitgliedern des Netzwerkes im Juli

2010 im Rathaus der Stadt Eschweiler teil,

bei dem sie aus der Hand des Bürgermeisters

der Stadt auch die Zertifikate

über ihre Teilnahme am Projekt erhielten.

Aufbruch im Kletterwald – wenn auch skeptisch

9


DIE EXPERTEN/-INNENSICHT

Zur Vorbereitung ihrer ersten Mitwirkung

als Experten/in im Workshop des Netzwerkes

gegen Schulverweigerung im Juli

2010 absolvierten die Teilnehmer/innen

zunächst ein Trainingsgespräch mit einem

Lehrer der Waldschule Gesamtschule

Eschweiler, der sich bereit erklärt hatte, in

einem Intensivgespräch auf der Grundlage

von den Experten/innen zum Thema

„Schulverweigerung“ entwickelten Fragen

an die „Gegenseite“ aus Lehrersicht zu

beantworten. 4

Diese Form der Vorbereitung auf den ersten

Workshop wurde gewählt, um den

Teilnehmern/Teilnehmerinnen in einem

„geschützten Raum“ Gelegenheit zu geben,

ein erstes von ihnen immer wieder

angemahntes Gespräch mit Lehrern und

Schule zu führen, ohne dabei in einem

größeren „öffentlichen“ Kreis von Netzwerkmitgliedern

ihre neue Rolle als Experten

und Expertinnen ausfüllen zu müssen.

Dieses Intensivgespräch hatte somit die

Doppelfunktion eines Schulverweigerer-

Lehrer-Gespräches und eines Trainings

für die angedachte Aufgabe als Experte

und Expertin in eigener Sache im Netzwerk

gegen Schulverweigerung.

Dieses fast zweistündige Trainingsgespräch

kreiste um folgende Aspekte, die

mit Fragen der Schulverweigerer an den

Lehrer in die Diskussion eingebracht wurden:

• Warum macht Schule keinen

Spaß (mehr)

• Welche negativen Erfahrungen

im Schul- und Schüler/innen-

Lehrer/innen-Verhältnis haben

zur Verweigerung des weiteren

Schulbesuches beigetragen

• Welche Bedeutung hat die Reaktion

der Eltern und des sozialen

Umfeldes für eine Verstärkung/Abbau

der Verweigerungshaltung

• Wie sieht die ideale Schule aus

• Welches sind die idealen Fächer

• Wie sieht der/die ideale Lehrer/

Lehrerin aus

Insgesamt ist zunächst festzuhalten,

dass sich die männlichen Experten in

dieser Gesprächsrunde vergleichsweise

passiv im Vergleich mit den Expertinnen

verhielten. Themen und Verlauf

des Gespräches machen deutlich,

dass Schulverweigerung keineswegs

eine Domäne besonders desintegrierter

männlicher Jugendlicher ist, sondern

die Motivlagen für Schulverweigerung

bei beiden Geschlechtern ähnlich

bis identisch sind. Die häufig berichtete

geringere Repräsentanz von weiblichen

Schulverweigern ist möglicherweise

auf einen geschlechtsspezifisch

anderen Umgang mit diesen Motivlagen

bedingt: Möglicherweise tendieren

Mädchen weniger oft zu einer offenen

Schulverweigerung als Jungen.

10

4

Alle Beteiligten stimmten einer filmischen und

fotografischen Dokumentation dieses Trainings zu

Auswertungszwecken zu.

Experten in eigener Sache …


Übereinstimmend werden von den Expertinnen

und Experten immer wieder

die Erfahrungen in der 6. Klasse als

entscheidend für ihre Schulverweigerung

thematisiert: Ab dieser Klasse hat

sich für sie das Schulerlebnis grundlegend

geändert: Der Unterricht hat sich

aus ihrer Sicht grundlegend gegenüber

der Vorphase verändert. Unterricht

macht keinen Spaß mehr, im Vordergrund

stehen Leistungen. „Nichts wird

mehr erklärt“, so eine Teilnehmerin am

Intensivgespräch. „Entweder du verstehst

das sofort, oder du hängst hinterher“,

fasst sie ihre Erfahrung in dieser

Schulphase zusammen. In dieser

Schule finden sich die Expertinnen und

Experten nicht mehr wie vorher aufgehoben.

Sie erleben Schule als Vermittlungssystem

von abstraktem Wissen

ohne Bezug zu ihrer Lebenswelt. Persönliche

Bezüge zu Lehrerinnen und

Lehrern gehen verloren, der vorher

durch diese Bezüge mit organisierte

Bezug zum Lernen geht für die Expertinnen

und Experten im Lernbetrieb

mehr und mehr verloren. Die Atmosphäre

in diesem Betrieb wird als unpersönlich

empfunden. Sie steht in

deutlichem Kontrast zu der im häuslichen

Umfeld offensichtlich noch vielfach

erfahrenen positiven emotionalen

Einbindung und der dort genossenen

„Individualität“. Schule entspricht somit

nicht mehr dem favorisierten und vielfach

auch weiterhin erlebten familiären

sozialen „Modell“ mit seiner als positiv

empfundenen Einbindung ohne Leistungserwartung.

5 Anders als in dieser

5 Dieses familiäre Modell ist offensichtlich aber nicht

gebunden an das Leben in einer Vater-Mutter-Kind-

Normalfamilie, sondern bezieht sich auf das Zusammenleben

und eine starke emotionale Bindung

an beide Eltern oder eben auch nur an ein Elternteil.

Offen muss hier bleiben, ob es sich dabei um ein

tatsächlich erfahrenes oder gewünschtes Modell

handelt, da eine solche Beurteilung einer intensiven

Analyse der sozialen Strukturen der Teilnehmerinnen

und Teilnehmer bedürfte, die im Rahmen diefamiliären

Lebenswelt wird Schule als

Raum erfahren, in dem persönliche

Beziehungen ausschließlich über Lernleistungen

und schulischen Erfolg

vermittelt erscheinen.

Angesichts dieser Fixierung kaum

überraschend, wird auch die ideale

Schule von den Expertinnen und Experten

entlang des präferierten Familienmodells

konstruiert:


Die ideale Schule sollte aus

Sicht der Expertinnen und

Experten über kleine Klassen

verfügen (max. 19 Schülerinnen

und Schüler).

Die Klassen werden ausschließlich

von einer Lehrerin/einem

Lehrer durchgehend

in allen Fächern unterrichtet.



Der Klassenverband bleibt in

allen Jahrgangsstufen zusammen:

In der Grundschule,

die von der 1. bis zur 6.

Klasse reicht und in einer

weiteren Stufe, die von der 7.

Klasse bis zum Abitur nach

der 13. Klasse führt.

Die ideale Schule ist keine

Ganztagsschule.

Jede Klasse behält ihren

Klassenraum bis zur 10.

Klasse. Für die Schülerinnen

und Schüler stehen zusätzlich

klassenraumnahe Chillout-Räume

zur Verfügung,

die von Jungen und Mädchen

gemeinsam genutzt werden

können.

Mit diesen Elementen wird das Bild einer

„familiären Schule“ entworfen, in der es

ses Projektes jedoch nicht möglich und beabsichtigt

war.

11


eine feste Bezugsperson gibt, die sich

auch ausschließlich und persönlich um

alle Mitglieder ihrer Klasse in einer familienähnlichen

Atmosphäre kümmert – Lernen

im Wohnzimmer.

So ist denn auch der Fächerkanon in dieser

gewünschten Schule auf wenige lebensnotwendige

Kernfächer beschränkt:

Mathematik und Deutsch sollten aus der

Sicht der Expertinnen und Experten erhalten

bleiben, Biologie, Chemie und Physik

zu einem Fach „Naturwissenschaften“ zusammengefasst

werden. Englisch als

Sprache erscheint wenig relevant, stattdessen

sollte das Lernen von Sprachen

gefördert werden, die Zuwanderergruppen

in Deutschland sprechen. Die

eigene Erfahrungs- und Lebenswelt, nicht

abstrakte Vorgaben geben die gewünschte

Fächerkombination in der idealen Schule

vor. Dazu gehören dann eben auch

„praktische“ Fächer mit einem hohen Verwertungsbezug:

Kochen, Handwerk,

Streitschlichtung, Sport. In der „familiären

Schule“ ist auch Platz für das gemeinsame

Lernen mit Tieren.

In dieses Konzept hinein passt das Bild

des idealen Lehrers und der idealen Lehrerin:

Er/sie muss jung und dynamisch

sein, möglichst sportlich und gut gekleidet.

Ganz besonders wichtig aber ist die Übernahme

einer Rolle, die aus der Sicht der

Expertinnen und Experten aktuell nicht mit

der eines Lehrers oder eine Lehrerin korrespondiert:

Es ist die Rolle des verständnisvollen

Realitätsvermittlers, der freundlich

und ruhig Lernstoff auch mehrfach

erklärt, und dem man im Unterricht anmerkt,

das er Freude am Umgang mit jungen

Menschen und dem Vermitteln von

Wissen hat und auch über sich und anderes

lachen kann.

Zweifelsohne: Würde man die Vorstellungen

von der idealen Schule und dem idealen

Lehrer/der idealen Lehrerin aus der

Sicht von Schülerinnen und Schülern aus

verschiedenen Epochen nebeneinander

stellen, so ließen sich sicherlich in allen

Projektionen Ähnlichkeiten finden. Auffällig

ist jedoch beim Bild dieser Expertinnen

und Experten der durchgängig starke Bezug

auf ein möglicherweise noch erlebtes,

in jedem Fall aber gewünschtes Familienbild,

das in das System Schule verlängert

wird: umsorgt sein, emotional gebunden

und sozial eingebunden sind die Charakteristika,

die Schule und Lehrer/innen aus

der Sicht der Teilnehmerinnen und Teilnehmer

dieses Projektes bieten müssten,

wenn sie denn für als Lernort und Lehrende

akzeptiert werden sollen. Und dieser

Lernort Schule hat im Tagesablauf seinen

begrenzten Stellenwert und lässt Zeit-

Raum für andere Dinge.

Das im Intensivgespräch gezeigte Engagement

zur Vermittlung der Vorstellung

der Expertinnen und Experten über die

ideale Schule und Lehrer/in steht in auffallendem

Kontrast zur Erwartung an die eigene

Rolle in diesem Projekt: Die Jugendlichen

weisen diese Rolle des Experten/der

Expertin eher von sich, da sie die

Welt als von Erwachsenen dominiert

wahrnehmen, in denen sie eh kein Gehör

finden. „Experte/Expertin“ ist für sie eher

negativ besetzt, da sie diesen Begriff mit

der Erwartung konfrontieren, dass ihre

Vorschläge zur Umgestaltung des Systems

Schule nicht bzw. nicht mehr in ihrer

Schulzeit umgesetzt werden.

Andererseits: Das Interesse und der

Wunsch nach intensivem Dialog mit der

„anderen Seite“ überlagerte in diesem Projekt

ihre grundsätzliche Skepsis über die

Realisierungschancen ihrer Vorstellungen

von der idealen Schule.

12

Gemeinsam oder allein …


DIE HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN

Das Projekt „Schüler STÄRKEN“ macht

deutlich, dass es mit Hilfe einer intensiven

Kooperation in einem Netzwerk von Schulen

und anderen Einrichtungen gelingen

kann, Schulverweigerer und Schulverweigerinnen

zumindest für einen begrenzten

Zeitraum für die Teilnahme an Aktivitäten

zu gewinnen, die auf eine Auseinandersetzung

mit ihrer aktuellen Lebenssituation

zielen. Wichtig ist dabei auch die Kooperationsbereitschaft

von Schule, die die formalen

Voraussetzungen für die Teilnahme

an einem derartigen Projekt schaffen

muss. Ebenso wichtig ist auch die frühzeitige

und umfassende Einbeziehung der

Eltern, deren Mitwirkung nicht nur aus

formalen und rechtlichen Gründen zwingend

ist, sondern der vor allem aufgrund

der skizzierten Fixierung von Schulverweigerern

und Schulverweigerinnen auf ein

„intaktes“ Familienmodell für die Veränderung

der Lebenssituation besondere Bedeutung

zukommt.

Der Verlauf des Projektes, der Reflexionsphasen,

Diskussionen mit der „Gegenseite“

in der Form eines konfrontativen Gespräches

mit einem Lehrer sowie Freizeitaktivitäten

zur Entwicklung und Stärkung

von sozialen Kompetenzen einschloss, hat

deutlich werden lassen, dass mit einem

solchen Ansatz ein ergebnisoffener Dialog

möglich wird, an dessen Ende durchaus

eine Entscheidung für den Wiederbesuch

von Schule stehen kann. Dieser Dialog

schließt aber auch die Möglichkeit ein,

dass an seinem Ende andere Wege gemeinsam

gefunden werden, die anders als

durch den Wiedereintritt in das System

Schule Zukunftsperspektiven eröffnen.

Das Projekt hat darüber hinaus gezeigt,

dass für die Entwicklung von Lösungsansätzen

im Problemfeld „Schulverweigerung“

die aktive Mitwirkung von betroffe-

nen Schülerinnen und Schülern unabdingbar

ist. Nur so erschließen sich Ursachen

und Motive jenseits einer einfachen Erklärung

von „Leistungsangst“ und „Leistungsverweigerung“.

Offensichtlich wird dann

ein komplexes Bedingungsgefüge für

Schulverweigerung, das Änderungsnotwendigkeit

im Verhalten von Schulverweigerinnen

und Schulverweigerern, aber

eben auch Veränderungen im System

Schule anmahnt. Veränderungen sind jedoch

auch vom familiären Umfeld zu fordern,

das zumindest nach den Erfahrungen

in diesem Projekt viel seltener als erwartet

durch eine unzureichende emotionale

und/oder soziale Einbindung der

Schülerinnen und Schüler zum Problem

beiträgt, sondern das offensichtlich oft von

den Verweigerinnen und Verweigerern in

seiner Passivität und einer gewissen

Schulferne als „Schutzraum“ vor Schule

wahrgenommen wird und dadurch das

Verweigerungsverhalten indirekt positiv

sanktioniert.

Am Ende des Projekts: Öffentlichkeit und

Aufmerksamkeit. Übergabe der Zertifikate

durch den Bürgermeister der Stadt Eschweiler

Rudi Bertram (r.)

13


Aus Verlauf und den Ergebnissen des Projektes

lassen sich folgende Handlungsempfehlungen

ableiten:

• Schulverweigerung kann nicht a

priori und primär durch Schule

gelöst werden. Dies bedeutet,

Schule sollte (nur) als eine mögliche

Zukunftsperspektive neben

anderen für die Betroffenen in

einen ergebnisoffenen Dialogprozess

Berücksichtigung finden.

• Schulverweigerung ist kein

Schul- oder Schüler/-innenproblem.

Die Analyse im Projekt

„Schüler STÄRKEN“ zeigt ein

komplexes Bedingungsgeflecht,

das zusätzlich zum/zur Verweigerer/-in

das System Schule

ebenso betrifft wie das familiäre

Umfeld. Zur Erarbeitung von individuellen

und strukturellen Lösungsansätzen

ist die Einbeziehung

einer Vielzahl von Institutionen/

Organisationen sinnvoll,

die mit ihrer unterschiedlichen

Fachkompetenz wichtige Beiträge

für die Entwicklung und Realisierung

einer tragfähigen Lösung

leisten können.

• Schulverweigerinnen und –verweigerer

können für die Auseinandersetzung

mit ihrer aktuellen

und zukünftigen Lebenssituation

dann gewonnen werden,

wenn sie in ihrer Rolle als Experte/Expertin

in eigener Sache

fungieren. Selbst wenn die Betroffenen

sich selbst – wie in

diesem Projekt – eigentlich nicht

als Experte/Expertin verstehen,

ist diese Rollenzuweisung eine

erfolgreiche Strategie zur Aktivierung

ihrer Bereitschaft zur

Mitwirkung. Schulverweigerinnen

und –verweigerer sollten

daher in ihrer Expertinnen-/ Expertenfunktion

angesprochen

werden.

• Die Bereitschaft zum Dialog über

die aktuelle Lebenssituation und

Perspektiven durch Schulverweigerer

und Schulverweigerinnen

ist gekoppelt an die Erwartung

einer zeitlich eng begrenzten

Aktivität in einem vertrauensvollen

außerschulischen Setting.

Die Projektform, die zusätzlich

zur Reflexion über die aktuelle

und zukünftige Lebenssituation

auch Raum für Aktivitäten in

anderen lebensweltlichen Bezügen

wie Freizeit, Beziehungen

etc. einschließt, und eine zeitlich

eng begrenzten freiwillige Mitwirkung

bedeutet, hat sich als

Organisationsform bewährt.

Maßnahmen und Aktivitäten zur

Führung eines Dialoges mit

Schulverweigerinnen und –verweigerern

sollten daher im Rahmen

von zeitlich eng überschaubaren

Projekten mit klar

umrissenen Mitwirkungsrollen

durchgeführt werden.

• Die frühzeitige und kontinuierliche

Einbeziehung des familiären

Umfeldes und die Schaffung von

Akzeptanz und aktive Unterstützung

für die mit dem Projekt verfolgten

Ziele ist für die Entwicklung

tragfähiger Perspektiven für

die Betroffenen Schülerinnen

und Schüler unabdingbar.

• Im System Schule sollten in der

5. und 6. Klasse besondere Vorkehrungen

getroffen werden, um

die besonders in dieser Klasse

auftretenden Probleme, die offensichtlich

Teile der Schülerschaft

zur Schulverweigerung

disponieren, zu vermeiden. An-

14


gemahnt wird von den Schulverweigerinnen

und –verweigerern

als Experten in eigener

Sache für diese Klasse die Bereitschaft

der Lehrerschaft, der

jetzt im Vordergrund des schulischen

Alltags stehenden Vermittlung

von Wissen der bisherigen

durch die Grundschule geprägten

Lerngewohnheit der

Schülerinnen und Schüler behutsam

anzupassen.

• Der Übergang von der Primar- in

die Sekundarstufe stellt offensichtlich

zahlreiche Schülerinnen

und Schüler vor Probleme,

deren Bewältigung nicht allen

ohne besondere Unterstützung

gelingt. Schulverweigerung erscheint

insoweit als eine „Extremreaktion“

einiger, während

die Probleme in dieser Übergangsphase

in der 5. und 6.

Klasse eher „normal“ zu sein

scheinen. Es erscheint daher

sinnvoll, für Schülerinnen und

Schüler in dieser Phase ein

Übergangsmanagement zu installieren,

das durch besondere

Unterstützungsangebote diesen

Prozess erleichtert. Dieses

Übergangsmanagement müsste

besonders darauf abzielen, das

als unpersönlich wahrgenommene

neue Lehr- und Lernsystem

in einer neuen räumlichen

Umgebung, mit neuen Lehrerinnen

und Lehrern und neuen Mitschülerinnen

und Mitschülern zu

„personalisieren“, so dass es

den Schülerinnen und Schülern

gelingt, tragfähige und lernfördernde

soziale Beziehungen im

neuen System Schule zu entwickeln.

• Eine wesentliche Aufgabe dieses

Übergangsmanagements muss

es nach den Erkenntnissen dieses

Projektes auch sein, die Elternarbeit

in der 5. und 6. Klasse

zu intensivieren und neue Formen

der Kooperation zu entwickeln,

die die mit dem Übergangsmanagement

angestrebte

Ausbildung von neuen sozialen

Bindungen durch die Schülerinnen

und Schüler im System

Schule besser als bislang unterstützen.

Der Übergang von der

Primar- in die Sekundarstufe ist

zeitgleich auch meist die Phase,

in der erste „Ablösungen“ vom

Elternhaus beginnen. Möglicherweise

überfordert die dann

notwendige neue soziale Orientierung

und Relationierung einen

Teil der Schülerinnen und Schüler.

Da Schule, aber eben auch

das familiäre System nach den

Ergebnissen dieses Projektes

die zentralen mit bedingenden

Faktoren sind, die über ein Gelingen

oder Misslingen des

Hineinwachsens der Schülerinnen

und Schüler in der 5. und 6.

Klasse in ein neues Lernsystem

entscheiden, kann ein Übergangsmanagement

nur erfolgreich

sein, wenn es das familiäre

Dialog mit der „Gegenseite“

15


System in die Entwicklung und

Umsetzung von neuen Unterstützungsangeboten

für die

Schülerinnen und Schüler in

dieser Phase entsprechend einbezieht.

• Die Organisation dieses Übergangsmanagements

sollte nicht

„ausgelagert“ werden, d.h. nicht

primär durch Nicht-Lehrer

durchgeführt werden. Die Berichte

der jugendlichen Experten

zeigen, dass insbesondere der

Schüler-Lehrer-Beziehung, die

von Schulverweigerern anders

als gewünscht als unpersönlich

beschrieben wird, eine wesentliche

Bedeutung für die Ausbildung

tragfähiger sozialer Beziehungen

insbesondere in der

Übergangsphase der 5. und 6.

Klasse zukommt. Dies impliziert,

dass das Übergangsmanagement

sehr wesentlich auf die

Realisierung stabiler Schüler-

Lehrer-Beziehungen ausgerichtet

sein muss.

16

• Ein solches Übergangsmanagement

sollte schulspezifisch und

dennoch eingebunden in ein lokales

Netzwerk von Schule und

Jugendhilfe sein, um vor allem

auch Ressourcen und Knowhow

der Jugendhilfe zielgerichtet

einbinden zu können.


DAS FAZIT

Die in diesem Projekt von den Experten

und Expertinnen in eigener

Sache gezeigte Bereitschaft, sich in

einen Dialogprozess über Ursachen

und individuelle als auch institutionelle

Lösungswege bei Schulverweigerung

einzubringen verweist

darauf, dass trotz der Verweigerungshaltung

gegenüber dem System

Schule ein Gesprächsbedürfnis

vorhanden ist und das Gespräch

auch möglich ist. Für einen solchen

Dialog ist jedoch ein Setting außerhalb

von Schule erforderlich. „Außerhalb“

ist dabei sowohl räumlich,

aber eben auch „inhaltlich“ zu verstehen:

Für Schulverweigerinnen

und Schulverweigerer gibt es kein

„einfaches“ Zurück in das System

Schule auf der Basis eines „einfachen“

Gespräches. Vielmehr gilt es,

den individuellen Ursachen für die

Verweigerungshaltung nachzuspüren

und anschließend zu prüfen, ob

ein Zurück in die Schule vor dem

Hintergrund der je spezifischen persönlichen

Situation und der wahrgenommenen

institutionellen Bedingungen

möglich und sinnvoll erscheint.

Dieser Dialog ist somit hier

ein zeitintensiver Prozess. Ausgangspunkt

für alle Zukunftsüberlegungen

ist dabei nicht die Sicht

von Schule auf das System Schule,

sondern ist die Sichtweise von

Schule durch die Verweigerer

selbst.

Dieses Projekt macht ferner deutlich,

dass ein solcher Dialog verschiedene

Kooperationsebenen und

Akteure umfassen muss: Zusätzlich

zur Schule ist die – aktive - Mitwirkungsbereitschaft

der Eltern von

besonderer Wichtigkeit.

Geht doch!

Die Ergebnisse des Projektes zeigen

nämlich, dass häufig ein sehr

enges Verhältnis zwischen Schulverweigerinnen

und Schulverweigerern

und ihrem primären familiären

Umfeld besteht. Veränderungen der

aktuellen Verweigerungssituation

sind deshalb auch nur dann zu erwarten,

wenn sie vom familiären

Umfeld überzeugt und überzeugend

mitgetragen werden und eine entsprechende

Unterstützung erfolgt.

Auf die Übernahme dieser Rolle

müssen die Eltern systematisch

vorbereitet werden. Erfolg i.S. der

Entwicklung eines individuell „passenden“

Weges aus der Schulverweigerung

heraus ist aber auch nur

dann möglich, wenn am Dialogprozess

ein breites Kompetenzspektrum

beteiligt wird und diese Kompetenzen

auch für die Gestaltung des

individuell „passenden“ Weges abrufbar

sind. Der Erfolg dieses Projektes

bestätigt somit die Annahme,

dass der Weg aus der Verweigerung

über ein Netzwerk von Einrichtungen

und Akteuren führt, die gemeinsam

ihre Kompetenzen und ihr

17


Know-how im Interesse der Zielgruppe

aktivieren.

18

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine