Alte Zeiten, Raue Sitten

volkagentur

Underdogs aus Bayerns Geschichte
Wissenschaftlich fundierte Texte geben einen spannenden historischen Einblick in das Leben der kleinen Leute in Bayern.

Schwindsüchtige

Alle antreten! Mit staatlich angeordneten Reihenuntersuchungen

sollte die Ausbreitung von Seuchen

wie der TBC eingedämmt werden.

Markus Schmalzl


Schwindsüchtige

Für die deutsche Bevölkerung der 1950er bis 1980er Jahre war das

regelmäßige Durchleuchten der Lunge ein gewohnter Pflichtgang.

Nachdem infolge der Kriegsjahre die Tuberkulose zu einer

der häufigsten Sterbeursachen geworden war, hatte die Politik reagiert.

Die seit 1938 nur für bestimmte Berufsgruppen vorgeschriebenen

regelmäßigen Röntgenuntersuchungen der Lunge wurden

Anfang der 1950er Jahre in allen Ländern der jungen Bundesrepublik

Deutschland auf die gesamte Bevölkerung ausgedehnt. Mit der

Reihenuntersuchung griffen die Behörden so auch in Bayern auf ein

altbewährtes Instrument medizinischer Prävention zurück.

Für bestimmte Bevölkerungs- und Berufsgruppen waren regelmäßige,

standardisierte gesundheitliche Untersuchungen zu diesem

Zeitpunkt nämlich schon lange üblich. Insbesondere wo Menschen

auf engem Raum dicht aufeinander lebten, was die Seuchengefahr

erhöhte, und wo zugleich körperliche Leistungsfähigkeit gefragt

war, griff man auf die gründliche Untersuchung aller Betroffenen

zurück. Bereits mit der Aufstellung stehender Heere Ende des

17. Jahrhunderts wurde staatlicherseits auf eine gewisse Tauglichkeit

der Matrosen und Soldaten geachtet. Mit Einführung der allgemeinen

Wehrpflicht 1813 in Preußen und 1868 nach preußischem

Muster in Bayern wurde im Rahmen der Musterung dann

regel mäßig ein ganzer Bevölkerungs jahrgang – freilich nur der

männ lichen ansässigen Bevölkerung – auf gesundheitliche

Beeinträch tigungen untersucht. Nach der Wehrordnung für das

König reich Bayern aus dem Jahr 1895 wurde jeder Militärpflichtige

einer körperlichen Untersuchung unter worfen, „bei welcher auf

Verlangen des Arztes völlige Entblößung des ganzen Körpers unter

möglichster Berücksichtigung des Schamgefühls stattfinden muss“.

Während des Ersten Weltkriegs etablierten sich weitere regelmäßige

Gesundheitsuntersuchungen der Soldaten. Bis zu zweimal wöchentlich

überprüften Militärärzte den körper lichen Zustand ihrer

Schutzbefohlenen. Zusätzliche Untersuchungen fanden etwa vor

Antritt und nach Ende eines Heimaturlaubs statt, wobei insbesondere

nach Geschlechtskrankheiten gefahndet wurde.

Einzelne Berufsgruppen am Rande der Gesellschaft, vor allem

aus den Unterschichten, galten als besonders ruchbar und standen

unter besonderer Kontrolle. Insbesondere galt dies für Prosti tuierte,

die in den Städten spätestens seit Ende des 15. Jahrhunderts häu-

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fig öffentliche Frauenhäuser bewohnen mussten. In Nürnberg und

ande ren Städten im heutigen Bayern mussten sich die Prostituierten

registrieren lassen und sich auf die Einhaltung bestimmter Regeln

verpflichten. Dazu gehörten vor allem regelmäßige Untersuchungen

auf Geschlechtskrankheiten. Mit Auftreten der Syphilis Ende des

15. Jahrhunderts wurden diese Kontrollen örtlich verschärft und –

wie etwa 1497 in Nördlingen – angehalten, erkrankte Frauen aus

den Bordellen zu weisen.

Neben anderen ansteckenden Krankheiten stand dabei seit Mitte

des 19. Jahrhunderts die auch als Schwindsucht bekannte Tuberkulose

im Fokus. Die Krankheit konnte erst Anfang des 19. Jahrhunderts

als eigenes Krankheitsbild identifiziert werden. Bereits seit den

1870er Jahren war die Tuberkulose nicht zuletzt durch die Forschungsarbeiten

des Münchner Pathologen Ludwig von Buhl als

hochansteckende und durch Rinder und Milchprodukte übertragbare

Infektionskrankheit entlarvt worden. 1879 wurden deshalb die

Fami lien von Abdeckern („Wasenmeister“), die häufig mit toten und

möglicherweise infizierten Rindern in Berührung kamen, per

Ministerial erlass unter besondere Beobachtung gestellt. 1887 erließ

das Ministerium des Innern oberpolizeiliche Vorschriften über den

Auf Herz und Lunge

untersucht zu werden,

gehört sei jeher

zur militärischen

Musterung.

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Handel mit der Milch kranker Kühe. Lehrer, Geistliche und Ärzte

wurden mit Aufklärungsmaterial versorgt, um Tuberkulosefälle

möglichst frühzeitig zu erkennen. Parallel dazu entstand in den

1890er Jahren in ganz Bayern eine Reihe von Lungenheilstätten, die

teils heute noch existieren. Mit der bei der Münchner Poliklinik nach

der Jahrhundertwende eingerichteten Fürsorgestelle für Lungenkranke

war schließlich die Behörde eingerichtet worden, die in den

folgenden Jahrzehnten den Kampf gegen die Tuberkulose in Bayern

anführen sollte.

Bei der Diagnose war man lange auf die Untersuchung äußerlicher

Krankheitssymptome sowie seit Ende des 19. Jahrhunderts des

Speichels und von Blut beschränkt. Erst die Entdeckung des Röntgenverfahrens

eröffnete ganz neue Möglichkeiten für die Tuberkulosefürsorge.

Die Durchleuchtung mit Röntgenstrahlen kam in

Deutschland erstmals 1926 als regelmäßig wiederholte Reihenuntersuchung

durch den Fabrikarzt Redecker aus Mühlheim an der Ruhr

zur Tuberkulosefürsorge zum Einsatz und erfuhr seit dieser Zeit lau-

Vor allem geschwächte

Kinder hatten es oft

„auf der Lunge”. In

speziellen Heilstätten

sollten sie sich in

gesun der Luft erholen.

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Alte Zeiten, raue Sitten

Seit den 1870er

Jahren war bekannt,

dass durch Rinder

und Milchprodukte

TBC übertragen werden

konnte. Ständige

tierärztliche Untersuchungen

wurden

üblich.

fende Verfeinerungen. Es folgten 1928/29 Untersuchungen an Studenten

und Bergarbeitern im Aachener-Stolberger Revier.

Im großen Rahmen eingesetzt wurde dieses Verfahren allerdings

erst nach dem Zweiten Weltkrieg, nachdem in den Jahren 1945 bis

1947 ein rasanter Anstieg der Tuberkuloseinfektionen vor allem bei

Kindern zu beobachten war. Betrug die Zahl der erkrankten Kinder

bis 14 Jahre Ende 1946 in Bayern noch 9.732, so stieg sie im nächsten

halben Jahr auf 15.122. Die Bedingungen für die Ausbreitung

der Lungenkrankheit waren im Nachkriegsdeutschland fast ideal.

Die Überlebenden des Weltkriegs waren durch Entbehrungen ausgezehrt

und häufig unterernährt. Wohnraum war knapp, vor allem

in den zerbombten Städten. Man lebte zusammengedrängt, sodass

eine infizierte Person viele weitere Mitbewohner gefährdete. Aber

auch in den Lagern für Flüchtlinge und Displaced Persons hatten

mehrköpfige Familien nur wenige Quadratmeter Wohnraum zur

Ver fügung. Daneben machte man vor allem den unkontrollierten

Rechte Seite: Nicht nur vor ansteckenden Geschlechtskrankheiten, sondern

seit dem 19. Jahrhundert auch vor der Infektionsgefahr mit TBC warnten die

Behörden Freier und Prostituierte, die sich ohnehin regelmäßig untersuchen

lassen mussten. Auch für das junge Medium Film wurde das ein Thema. Das

Plakat des Grafikers Josef Fenneker warb für ein „sozialhygienisches Filmwerk”

– die Macher waren der Regisseur und Produzent Richard Oswald, der

als Begründer des Sitten- oder Aufklärungsfilms gilt, und der Sexualforscher

sowie Mitbegründer der Homosexuellenbewegung Magnus Hirschfeld.

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