An der Würm

volkagentur

Augenblicke der Kultur zwischen Starnberg, Gauting, Pasing, Oberschleißheim und Dachau
Gerhard Ongyerth und Thorsten Naeser dokumentieren die Kulturlandschaft des Würmtals in ihrer Gesamtheit - vom Starnberger See bis zur Donau - in poetischen Bildern und fundierten Texten.

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Der

Starnberger See


Starnberger See / Percha

Januarmorgen nahe Berg.

Die Sage erkennt im Namen

Würm einen am Seeboden

liegenden wurmartigen

Drachen, der Wasserdrache

als mythische Verkörperung

der Überschwemmungsgefahr.

Die Würm verlässt den

Starnberger See westlich

von Percha.

See der Seelen, Gletscherzungenbecken der

Geologen, Badewanne der Münchner, deutscher

Lago Maggiore, rätselhafter Todesort König

Ludwigs II.: Mit dem Starnberger See werden

Mythen, Realitäten und Banalitäten verbunden,

die sich manchmal der Wirklichkeit entziehen.

Sie legen einen Zauber über die Voralpenlandschaft,

über das weiche grünliche Wasser des Sees,

unter die vom Föhn hingehauchten Wolken, auf

das umrahmende grüne Band der Vegetation mit

den hier und dort hervorspitzenden Kirchtürmen,

Schlosserkern und Villendächern. Am Starnberger

See finden sich uneinsehbare Spitzenimmobilien

der Spitzenverdiener Deutschlands, gehen

unübersehbar fünf Millionen Tagesbesucher im

Jahr ins Wasser und gelangen 80 Tonnen Fisch aus

dem Wasser häppchenweise auf den Teller manch

eines Tagesbesuchers. Schönheit, Reichtum und

Auszeichnung wohin man schaut.

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Osterseen / Starnberg

Der Mythos beginnt mit einem „volksetymologischen

Irrtum“. Bis 1962 war der Name Würmsee

gebräuchlich, nach der vorkeltischen Benennung

seiner Ausleitung, der Würm. Der Sage nach, die

das ruhende Seewasser nicht mit dem lebendigen

Abfluss in Verbindung bringen konnte, verweist

der Name auf einen am Boden des 127 Meter tiefen

Sees liegenden wurmartigen Drachen, der

seinen Kopf verbirgt. Nur Taucher wagen sich in

die finstere Tiefe, etwa entlang der über 80 Meter

abfallenden Steilwand, der „Kante“ bei Allmannshausen.

Wenn er ihn erhebt, wenn er erwacht –

„und wenn er aber kommt“ heißt es im Kinderlied

zur dunklen Gefahr – wird das Land überflutet

und alles Leben vernichtet: der Wasserdrache als

mythische Verkörperung der Überschwemmungsgefahr.

Inter essanterweise vertreten Geologen die

Ansicht, die Würm hat nicht am Nordende des

Sees ihren Ursprung als Abfluss, sondern bei den

Osterseen als Quellgebiet: In der eiszeitlichen Epoche

der Erdgeschichte erstreckte sich die Würm bis

zu den heutigen Orten Iffeldorf und Penzberg. Der

Starnberger See ist demnach ein in den Eiszeiten

mehrfach und erheblich erweitertes Flussbett der

Würm. Der Bodenbach bei Seeshaupt wird als die

Altwürm betrachtet. Der Wasserdrache wäre demnach

eine Verkörperung der in einer Bodenrinne

des Sees abfließenden Urwürm. Und wenn er aber

kommt, wenn die Urwürm anschwillt, wenn sich

der Wasserdrache erhebt – Dann passiert gar

nichts. Anders als der Ammersee oder der Chiemsee

hat derWürmsee“ keine alpinen Zuflüsse. Der

Wasserspiegel schwankt um maximal 1,3 Meter.

Damit ist er für Uferorte und Würmtalgemeinden

ein ungeregelter Speicher, der große Wassermassen

zurückhalten kann und sie vor Hochwasser

bewahrt: Ein zahmer Drache, mit dem gut baden

ist. Was haben wir es mythologisch und klimatisch

besser als die Anrainer des Loch Ness.

Geologen vertreten die Ansicht,

die Würm hat nicht

am Nordende des Sees

ihren Ursprung als Abfluss,

sondern bei den Osterseen

als Quellgebiet.

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Die Siedlungsursprünge

der Stadt Starnberg sind

im Umgriff des Heimatmuseums

Lochmannhaus

zu suchen, das vor dem

Eisenbahnbau unmittelbar

am See lag.

Unter dem Starenbichel

Bei Starnberg durchbrachen die erodierenden

Kräfte des Georgenbachs und des Siebenquellenbachs

die hohen, wallartigen Randmoränen um

den Starnberger See. Sie modellierten das Hügelpaar

Jacklberg und Starenbichel heraus. In der

Römerzeit durchzog eine von Epfach am Lech

kommende Römerstraße das westliche Stadtgebiet

und verlief weiter nach Gauting. Unterhalb

des nordöstlichen Ausläufers des Starenbichels, im

Bereich des heutigen Tutzinger-Hof-Platzes, trafen

weitere Straßen zusammen, die nach Weilheim,

Andechs, zum Ammersee sowie nach Wolfratshausen

an die Loisach und Tölz an die Isar weiter

führten. Die Siedlungsursprünge der Stadt sind im

Umgriff des ehemaligen Heimatmuseums Lochmannhaus,

heute Museum Starnberger See in

der Possenhofener Str. 5, zu suchen, das vor dem

Eisenbahnbau unmittelbar am See lag. Am aufgelassenen

Friedhof von St. Benedikt wurden in den

letzten Jahren Spuren eines Fischerortes namens

Achheim aus dem 9. Jahrhundert ergraben. Wohl

im 12. Jahrhundert errichteten die Grafen von

Dießen-Andechs auf dem Starenbichel eine Burg

zur Überwachung der östlichen Grenze ihres Einflussbereiches

um den Ammersee. Im 13. Jahrhundert

konnten die Wittelsbacher den Burgberg in

Starnberg erobern. Unter dem Starenbichel entwickelte

sich die Bauernsiedlung Niederstarnberg.

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Possenhofen

Der Ort nahm in etwa die Fläche des heutigen Tutzinger-Hof-Platzes

ein und dehnte sich entlang des

Georgenbachs in Richtung See aus. Als Verwalter

und Richter über das Gebiet waren die Ritter von

Starnbergk eingesetzt. Ihr Wappen zeigt einen vom

dreigipfeligen Hügel auffliegenden Star. Unklar ist,

ob sich die Ritter nach dem von Staren bewohnten

Moränenzug nannten, oder ob der Burgberg seinen

Namen von den Rittern bezog. Durch den Bau

der Pfarrkirche St. Josef erhielt der Starenbichel

1766 eine weitere, weithin sichtbare Landmarke.

Achheim und Niederstarnberg sind über den Verlauf

der ehemaligen Poststraße München – Weilheim

verbunden.

Im späten 14. Jahrhundert richteten sich die Wittelsbacher

dauerhafter auf der Burg ein und vergrößerten

den Baukomplex zu jener wuchtigen

Bastion, wie sie zahlreiche Landschaftsmaler im

19. Jahrhundert zeichnerisch festgehalten haben.

Der See wurde gern besuchter Aufenthaltsort der

Wittelsbacher Herzöge, des Gefolges und einer

in der Nachhut erschienenen Schar aus Münchner

Patriziern, Beamten und des Hofadels. Diese

erwarben am Starnberger See Haus und Grund,

erste Villen entstanden. Herzöge und Bürgerliche

wohnten aber nicht dauerhaft unter dem Starenbichel

und um den See. Erst der Bau der Eisenbahnlinie

von München im Jahre 1854 in Verbindung

mit der Dampfschifffahrt über den See, das

Aufkommen der Sommerfrische und die Errichtung

großer, luxuriöser Hotels um die Jahrhundertwende

sorgten für einen dauerhaften Bevölkerungszuzug.

Die ältesten Schlösschen in Berg

und Kempfenhausen wurde im Kern bereits 1486

und 1487 errichtet. Es folgten Schloss Possenhofen

1563, Schloss Leutstetten 1565 sowie Schloss

Garatshausen, Schloss Tutzing, Schloss Ammerland

1685 und schließlich Schloss Allmannshausen

1696. Es waren Sommersitze der Hofgesellschaft,

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Die ältesten Schlösschen in

Berg und Kempfenhausen

wurden im Kern bereits

1486 und 1487 errichtet.

Es folgten Schloss Possenhofen

1563 und viele

weitere Ansitze rund um

den Starnberger See. Die

Schlossmauern um Possenhofen

dienten mehr der Zier

als der Wehr.

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