Bayern genießen: Bier

volkagentur

Vom Reinheitsgebot bis zur Kopfüberzapfung
Bayern auf neue Weise entdecken und erleben - Bayern genießen spürt den verborgenen traditionellen und kulinarischen Schätzen nach.

Joseph Berlinger

Die Kopf . u . berzapfung



Heinz Mierswa, der Akrobat 

am Bierfass

Es gibt Leute, die sind bereits überfordert, wenn sie sich

selbstständig ein Bier zapfen sollen. Übervorsichtige waschen

ihr Bierglas vorher mit Spülmittel. Das ist Unsinn. Man spült

es vielmehr mit heißem Wasser aus, bürstet es und spült es

mit kaltem Wasser nach. Wenn das Glas zu warm ist, verliert

das Bier Kohlensäure und wird schneller schal. Es gibt auch

Leute, die halten ihr Glas beim Zapfen senkrecht. Stattdessen

sollte man es schräg unter den Zapfhahn halten. Erst danach

öffnet man das Zapfventil. Und lässt das Bier nicht zu schnell

an der Glaswand entlang ins Glas laufen. Erst wenn das Glas

bis zur Markierung gefüllt ist, richtet man es wieder gerade

auf und füllt es mit einer ordentlichen Schaumkrone. Bis kurz

vor dem Überlaufen. Dann gibt es auch noch Leute, die den

Zapfhahn ins Glas eintauchen. Das ist nicht nur unhygienisch,

sondern zerstört auch wieder die Kohlensäure im Bier – durch

die Luftzufuhr.

Zum Glück gibt es auch Leute wie den Gastwirt Heinz

Mierswa. Während die einen schon Probleme beim Zapfen

haben, meistert er das viel schwierigere Anstechen des Fasses

in einer Extremposition. Er macht es zum Beispiel mit

verbundenen Augen. Oder im Rotieren. Oder im Schweben.

Oder sogar kopfüber.

Eigentlich müsste die Kopfüberzapfung Kopfunterzapfung

heißen. Denn der Kopf von Heinz Mierswa ist dabei unten.

Und auch Kopfunterzapfung wäre noch falsch. Denn der

Wirt zapft ja nicht nur, sondern er sticht das Fass an. Zapfen

wäre für ihn als geübten Wirt ein Kinderspiel. Aber beim

Fassanstich den Schlegel kopfunter zielgerecht ins nagelneue,

jungfräuliche Fass zu schlagen, das ist hohe Kunst. „Den Hahn

hineintremmeln“, nennt das Hubert Lankes, der Haus- und

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DIE KOPFÜBERZAPFUNG

Ist das jetzt eine Kopfüberzapfung oder eine Kopfunterzapfung Ganz

egal, denn wenn der „Brauchtumsrevoluzzer“ Heinz Mierswa im Auerbräu

zur Höchstform aufläuft, ist der Spaß so oder so garantiert.

Hoffotograf des Auerbräus und ehemalige Mitstreiter Mierswas

bei der bundesweit bekannt gewordenen „Liste ALZ“.

„Die Kopfüberzapfung muss ganz schnell gehen, der Wirt ist

ja schließlich keine 17 mehr, wo man den Handstand noch

locker hinkriegt“, frotzelt Lankes über seinen Freund Mierswa .

Im fortgeschrittenen Alter schießt das Blut schon heftig in

den Kopf, und der Kreislauf ist auch nicht mehr das, was er

einmal war.

Zur kultischen Handlung des Fassanstichs wird Heinz

Mierswa von kräftigen Männern in die Wirtsstube getragen.

Die Blaskapelle Josef Menzl, Haus- und Hofcombo des

Auer bräu, begleitet den Einzug mit entsprechendem Einsatz.

Dann, auf der kleinen Bühne, ziehen die kräftigen Männer

den Wirt an den Beinen in die Höhe, so dass er frei im Raum

hängt. So hat der Wirt den rechten Arm frei und kann mit

dem Schlegel kräftig und punktgenau den Hahn ins Holzfass

tremmeln. Heinz Mierswa braucht nur zwei Schläge, was für

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Rituale und Rekorde

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DIE KOPFÜBERZAPFUNG

einen Anstich im normalen Stehen schon beachtlich wäre,

und dann ist das Werk vollbracht. „Ozapft is!“ Die Menge

johlt und die Blaskapelle lässt die spannungsgeladene Musik

in einem triumphierenden Finale explodieren.

Zur Ekstase in der Wirtsstube wäre es auch dann gekommen,

wenn der Wirt nicht punktgenau getroffen hätte. Denn

auch nassgespritzte Blusen und Dirndl, Hemden und Hosen im

Umfeld des Bierfasses haben einen hohen Unterhaltungs- und

erotischen Mehrwert. Aber Heinz Mierswa zieht es vor, wenn

sich seine Gäste innen befeuchten. Mit getrunkenem Bier.

Der berühmteste Fassanstich ist freilich der, mit welchem

jedes Jahr wieder das Münchner Oktoberfest eröffnet wird.

Den ersten offiziellen Fassanstich gab es dort im Jahre 1950.

Der damalige Bürgermeister Thomas Wimmer benötigte dazu

17 Schläge. Heinz Mierswa, der nur zwei bis drei braucht – und

das kopfunter –, war früher Sicherheitsbeauftragter einer Feuerlöschfirma.

1982 gründete er in der Bayerwaldstadt Cham

die Postpunkband „CC7“, 1993 übernahm er den „Auerbräu“.

1996 zog er, 13 Jahre vor Horst Schlämmer, als Politclown Josef

Alzheimer durch das Land – und schaffte den Sprung in den

Regensburger Stadtrat. Das Motto seiner Spaßpartei „Liste

ALZ“ hieß: „Vergessen wir, was war!“ Seine Gegner sind all

jene Politiker, die dem Volk viel versprechen und nichts halten.

Der Bockbieranstich ist ein schöner Brauch, und der Anstich

im Regensburger Auerbräu ist besonders schön. Heinz

Mierswa liebt bayerische Bräuche, aber er will sie neu beleben.

Immer nur die alten Zöpfe flechten langweilt ihn. Mit

seinen Aktionen trägt er zur Rettung alter Bräuche vielleicht

mehr bei als die humorlosen Zeremonienmeister so mancher

Brauchtumsvereine. Er ist der Brauchtumsrevoluzzer der

Oberpfalz. Bei seinen Revolutionen verliert aber niemand

den Kopf. Nicht einmal bei der Kopfüberzapfung. Nur der

Hahn kriegt ein paar Schläge ab.

Eventgastronomie auf einem ganz neuen Niveau:

Wirtshausakrobatik beim Bockbieranstich im Auerbräu.

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Aufgemerkt

Rituale und Rekorde

Auerbräu Schwandorfer Straße 41 93059 Regensburg Tel:

0941 / 88597 –> Der Bockbieranstich ist immer am Samstag nach

dem ersten Donnerstag im Oktober. Am Donnerstag zuvor ist im Mutterhaus,

dem „Kneitinger“ am Arnulfspaltz, der Bockbieranstich, zwei

Tage später darf auch die Tochter. Die Veranstaltung beginnt bereits am

Nachmittag. Die Gäste trinken sich in Stimmung, damit diese am Abend

beim Anstich, dem großen Ritual, auf dem Höhepunkt ist.

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