Die Temperierung

volkagentur

Beiträge zum aktuellen Forschungsstand. Schriftenreihe des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege, Nr. 8

Susanne Raffler – Auswirkungen von Klimaeinflüssen auf Sammlungen am Beispiel des Oberammergau Museums

und die tatsächlichen Raumklimaauswirkungen auf die

Sammlungen einer weiteren Untersuchung bedürfen.

Klimatische Empfehlungen

in der Denkmalpflege

Im Allgemeinen sind die Anforderungen an das Raumklima

in der Denkmalpflege wesentlich weiter gefasst als im

musealen Bereich. So ist nach einer Empfehlung des Bayerischen

Landesamts für Denkmalpflege die relative Luftfeuchte

zwischen 50 und 65 % mit möglichst hoher Konstanz

bei einer Grundtemperatur von 6–8 °C anzustreben.

Das Bayerische Landesamt empfiehlt für das Raumklima

in Baudenkmälern: „Ein bestehendes Raumklima, gleich

welcher Werte, das an der Ausstattung keine Schäden hervorruft,

bedarf keiner Veränderung“. 15 Diese Empfehlung

berücksichtigt nicht, dass durch ungünstige klimatische Bedingungen

Schadensprozesse so langsam und schleichend

voranschreiten können, dass sie über einen längeren Zeitraum

unerkannt bleiben. Durch die Nutzung denkmalgeschützter

Gebäude als Aufbewahrungs- und Präsentationsort

für Sammlungen könnten hier sowohl die klimatischen

Anforderungen der Denkmalpflege wie die Klimaempfehlungen

für Museen zur Anwendung kommen.

Materialien

Als besonders sensibel auf Schwankungen der Temperatur

und relativen Feuchtigkeit gelten organische hygroskopische

Materialien. Dazu zählen hölzerne Gegenstände und

Bauteile, Gemälde, Bücher, Orgeln, Textilien, Bein und Elfenbein

sowie Leder. 16 Für die Bewertung des Klimas, dem

das jeweilige Exponat ausgesetzt ist, sind die spezifischen

Umgebungsbedingungen über einen längeren Zeitraum zu

betrachten. Auf diese Weise kann ein Überblick über das

„historische Klima“, das auf das jeweilige Objekt einwirkt,

gewonnen werden.

Mit „historischem Klima“ werden nach der DIN EN

15757 die „klimatische[n] Bedingungen in der Mikroumgebung,

unter denen ein Gegenstand des kulturellen Erbes stets

oder für eine lange Zeitdauer gehalten wurde (mindestens

ein Jahr) und an die er sich akklimatisiert hat“, 17 bezeichnet.

Die DIN EN 15757 empfiehlt die Untersuchung von Kulturgut

aus organischen hygroskopischen Materialien, wenn

das Klima durch technische oder bauliche Maßnahmen gegenüber

dem historischen Klima verändert werden soll, um

die Reaktionen des Gegenstandes auf die Änderungen von

Temperatur und relativer Feuchte zu bewerten. Die Klimaveränderung

sollte möglichst langsam erfolgen, um „eine

schrittweise Anpassung zuzulassen“ 18 . Die Materialien sollten

während der Änderung kontinuierlich überprüft und bewertet

werden. Da dies bis heute meist nicht geleistet werden

kann, soll diese Bewertung mit den konservierungswissenschaftlichen

Untersuchungen im aktuellen Forschungsprojekt

für die beteiligten Museen nachgeholt werden.

Das Verhalten von Malschichten auf hölzernen oder textilen

Trägermaterialien bei Klimaschwankungen wurde v. a.

durch Mecklenburg 19 und Bratasz 20 unter Laborbedingungen

dargestellt. Ungeklärt ist, wie die Forschungen im Labor an

nicht gealterten Materialien auf komplexe, vielschichtige

und gealterte Materialsysteme mit Vorschädigungen und

früheren Restaurierungen übertragbar sind. Die Gültigkeit

der bisherigen Ansicht, dass Risse als Entlastungszonen

betrachtet werden, ist wohl in Frage zu stellen. Vielmehr

können sich Schäden an Rissgrenzen durch ein vermehrtes

Eindiffundieren von Feuchtigkeit ausdehnen. 21

Zustandserfassung und zeitliche

Einordnung von Schadensprozessen

Bei der Zustandsbewertung von Kunstgegenständen ist die

Objektivität, Wiederholbarkeit und personenunabhängige

Quantifizierung und Qualifizierung von Schäden grundlegend,

aber bisher nicht allgemeingültig methodisch definiert.

Wie viel ist „viele Schäden“ und wie viel „wenig“

Wann ist ein Stück „gut erhalten“

Die Zustandserfassung als Grundlage für die Bewertung

eines Raumklimakonzeptes ist zudem sehr ungenau,

da jedes einzelne Stück eine individuelle Klima- und Lebensgeschichte

besitzt, die wiederum den Erhaltungszustand

maßgeblich beeinflusst. Kaum ein Exponat wurde je

als Museumsstück konzipiert und war vor der Zeit im Museum

in privater, sakraler oder wirtschaftlicher Nutzung.

Durch die individuelle Vorgeschichte jedes einzelnen Stückes

einer Sammlung entstanden Schäden – sei es durch die

Nutzung, die klimatischen Bedingungen zum Zeitpunkt der

Nutzung bzw. danach oder noch vor der eigentlichen Zeit im

Museum (Abb. 2). Diese früheren Schäden können nicht für

eine Bewertung der Aufbewahrungsbedingungen im Museum

herangezogen werden.

Die meisten im Projekt beteiligten Museen waren nicht

von Beginn an mit einer Temperieranlage ausgestattet. Solche

Anlagen wurden häufig nachträglich eingebaut, um

ungünstige klimatische Bedingungen zu beheben. Das heißt,

in der Zeit vor dem Einbau entstanden an vielen Sammlungsstücken

Klimaschäden. Nach Änderung des „historischen“

Raumklimas durch den Einbau einer Temperieranlage ist

eine Häufung von Schäden durch eine vermehrte Austrocknung

der Materialien in der Anfangszeit wahrscheinlich,

kann aber in den meisten Fällen nicht belegt werden. Jedes

Teil einer Sammlung war vor der musealen Präsentation

oder Aufbewahrung an ein anderes „historisches“ Klima

akklimatisiert. Daraus leitet sich das Proofed Fluctuation

Concept nach Michalski ab: Kunstwerke erfahren im Laufe

ihrer „Lebens- und Klimageschichte“ zahlreiche Beanspruchungen.

Alle Ereignisse, die „geringer“ sind als ein

Ereignis, das einen Schaden hervorruft, richten nach dieser

Theorie keinen weiteren Schaden an. 22 Diese Aussage ist im

Rahmen des Projektes kritisch zu hinterfragen und durch

sammlungsbezogene Forschung zu überprüfen. Daher werden

während des Projektes insbesondere neu aufgetretene

Schäden erfasst. Als Ausgangspunkt wird der Zeitraum seit

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Susanne Raffler – Auswirkungen von Klimaeinflüssen auf Sammlungen am Beispiel des Oberammergau Museums

wertung der Untersuchung werden in Zusammenarbeit mit

Statistikern erarbeitet.

Temperierung in Museumsgebäuden

2. Schema der Klima- und Nutzungsgeschichte von individuellen

Sammlungsstücken (Zeichnung: Susanne Raffler, TU München)

dem Einbau der Temperieranlage in das Gebäude bzw. die

Überführung des jeweiligen Artefakts in die mit Temperierung

klimatisierten Sammlungsbereiche angesetzt.

Für eine vergleichende Zustandsbewertung können beispielsweise

frühere Fotografien herangezogen werden, um

die Entwicklung von Veränderungen darzustellen. 23 Bilddokumente

von hoher Qualität aus der Zeit vor und nach

dem Einbau der Temperierung sind hilfreich. Zum Nachweis

jüngerer Schäden und Schadensprozesse dient fotografisches

Material, das innerhalb des gewählten Zeitraums

angefertigt wurde. Mit vergleichenden Aufnahmen soll ein

möglicher Stillstand oder ein Fortgang von Schäden nachvollzogen

werden. Als weitere bildgebende Untersuchungen

zur Qualifizierung und Quantifizierung von Schäden

können zudem aktive Thermografie, UV- und IR-Fotografie

eingesetzt werden. Neben ausschließlich optischen Nachweisverfahren

für Klimaschäden bieten sich oft situationsbedingt

weitere Indizien an. So bleiben etwa abgefallene

Malschichtpartikel häufig in den Hohlkehlen von Bilderrahmen

oder auf dem Boden der Vitrine liegen.

Die Ergebnisse der jeweiligen Untersuchungen und

allgemeinen Informationen werden im Projekt in einer Datenbank

zentral erfasst und können statistisch ausgewertet

werden. Die Methoden für die Datenerhebung und Aus-

Ziel beim Einbau von Temperieranlagen in bereits bestehenden

Gebäuden mit musealer Nutzung ist die Schaffung

verbesserter Raumklimabedingungen für den Erhalt von

Sammlung und Gebäude. In der Literatur wird die Temperierung

meist aus technischer Sicht – der Umsetzung und Betriebsweise

im Museumsbau – betrachtet. Schadensprozesse

an bestimmten Materialien werden hingegen in der Regel

unabhängig von der Klimatisierungsstrategie bewertet. Bei

der Temperierung im Sinne von Großeschmidt ist das Ziel

die Schaffung eines jahreszeitlich gleitenden Raumklimas

mit minimalem Befeuchtungsaufwand. 24 Zu hohe relative

Luftfeuchte der Raumluft wird, ähnlich dem in Großbritannien

weit verbreiteten System des Conservation Heating,

durch das Anheben der Temperatur reguliert. In diesem Zusammenhang

kann auch von feuchteregulierendem Heizen

gesprochen werden. Für viele Museen waren Probleme in

unbeheizten Gebäuden mit hoher Feuchtigkeit ausschlaggebend

für den Einbau einer Temperieranlage. Bei hoher

Feuchte – insbesondere über 70–75 % erhöht sich das Risiko

mikrobiellen Wachstums signifikant. 25 Ebenso verläuft die

Alterung und Zersetzung von organischen Bindemitteln im

Hochfeuchtebereich beschleunigt, während Bindemittelfilme

eine geringere mechanische Stabilität aufweisen. 26

Auch in Gebäuden, die mit Klimaanlagen bzw. konventioneller

Heiztechnik klimatisiert werden, sind solche Probleme

bekannt. Bei konventioneller Beheizung von Gebäuden

stellt sich häufig an kälteren Außenwänden oder Wärmebrücken

ein Mikroklima ein, das für die Aufbewahrung

von Kulturgut bzw. die historische Ausstattung ungünstig

ist. Dieses Problem wurde u. a. durch Ranacher in den

1990er Jahren als die Kalte-Wand-Problematik erkannt und

beschrieben. 27

Abgleich von bauphysikalischer und

restauratorischer Untersuchung

Ziel der Zusammenarbeit von Bauphysikern und Restauratoren

ist es, die Auswirkung des von der Temperierung

erzeugten Raumklimas auf die Erhaltung der Sammlung

darzustellen. Fragen im Forschungsprojekt sind:

• Gibt es ein oder mehrere charakteristische „Temperierungsklimata“

Wenn ja, kann die Qualität des Klimas

an Hand des Erhaltungszustands des Sammlungsgutes

bestimmt werden

• Ist der Einfluss der klimatischen Bedingungen auf den

Erhalt des Sammlungsgutes mit statistischen und restauratorischen

Untersuchungen nachweisbar

• Wie groß ist der Einfluss weiterer Faktoren auf den Erhalt

der Sammlung

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