Kalk in der Denkmalpflege

volkagentur

Bindemittel in der Restaurierung – Erfahrungsberichte aus der Praxis
Schriftenreihe des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege, Nr. 4

Astrid Huber – Kalktechnologie in Österreich: Fassadeninstandsetzungen

Astrid Huber

Kalktechnologie in Österreich

Evaluierung von Fassadeninstandsetzungen unter besonderer Berücksichtigung der

Kartause Mauerbach

Die Industrialisierung des Bauwesens ab den 1960er Jahren

führte in Österreich zu einem Verlust der handwerklichen

Traditionen. Dies wirkte sich insbesondere im Bereich der

Denkmalpflege und im Umgang mit den historischen Architekturoberflächen

negativ aus. Anstelle der über Jahrhunderte

gepflegten Tradition der Wartung und Reparatur mit

überlieferten Materialien wurden Originalputze abgeschlagen

und durch moderne Systeme ersetzt. Abgesehen von

einem schwerwiegenden Verlust an Authentizität erfüllten

diese neuen Produkte oftmals weder ästhetische noch bauphysikalische

Ansprüche. Häufige Folge waren Schädigungen

des darunterliegenden originalen Bestandes, abgeplatzte

Zementputze und Dispersionen, die sich in Blasen von den

Putzen lösten. Das Bundesdenkmalamt reagierte Mitte der

1980er Jahre auf diese Entwicklung und gründete in der Kartause

Mauerbach die Abteilung für historische Handwerkstechniken,

heute Restaurierwerkstätten Baudenkmalpflege,

als Forschungs- und Weiterbildungszentrum, um Handwerker

zu sensibilisieren und ihnen wieder den richtigen Umgang

mit historischen Materialien und Techniken zu vermitteln.

Seit den 1980er Jahren gewinnt die Architekturoberfläche

als wesentlicher Bestandteil eines historischen Gebäudes

in der Denkmalpflege an Bedeutung. Die intensive Auseinandersetzung

mit den überlieferten Beständen, deren Materialzusammensetzung

und Ausführungstechniken, führte

schließlich seit den frühen 1990er Jahren zu Fassadeninstandsetzungen

in Kalktechnologie – eine Entwicklung,

die vom Bundesdenkmalamt initiiert und begleitet wurde.

Insbesondere im Osten Österreichs, in der Wachau und an

Fassaden der Kartause Mauerbach wurden damals einige

Restaurierungsprojekte „im System“ umgesetzt, die nun im

Rahmen eines im Herbst 2010 begonnenen Forschungsprojektes

der Abteilung für Konservierung und Restaurierung,

Restaurierwerkstätten Baudenkmalpflege, evaluiert werden.

Nach einem Zeitraum von bis zu 20 Jahren seit der Restaurierung

werden ausgewählte Fassaden vor Ort begutachtet,

Schadensbilder festgehalten, Proben entnommen und analysiert

sowie mit vorliegenden Arbeitsberichten verglichen.

Dabei sollen auch mögliche Auswirkungen von organischen

und hydraulischen Zusätzen zu Luftkalkmörteln, Hydrophobierungen

und der Einsatz von Industrieprodukten in der

Putzergänzung und -konsolidierung diskutiert werden.

Bundesdenkmalamt, Restaurierwerkstätten

Baudenkmalpflege, Kartause Mauerbach

Die Schwerpunkte der Restaurierwerkstätten Baudenkmalpflege

in der Kartause Mauerbach liegen heute in der

Erforschung historischer Baumaterialien und Techniken,

in der Entwicklung und Erprobung neuer Restaurierungsmethoden

bzw. in der Weitergabe dieses Wissens und der

Fortbildung aller am historischen Bauwerk tätigen Berufsgruppen

– Handwerker, Restauratoren, Denkmalpfleger,

Planer und Architekten.

Die überlieferte Bausubstanz der im Jahr 1314 gegründeten

Kartause Mauerbach geht großteils auf die Neukonzeption

der Anlage ab 1616 zurück. Die barocke Bauphase

dürfte in Etappen bis 1675 abgeschlossen gewesen sein.

Nach der Aufhebung der Kartause durch Joseph II. im Jahr

1782 wurde das Kloster als Armen- und Siechenhaus genutzt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg diente es bis 1961 als

Obdachlosenheim für Familien. Danach stand die Kartause

über zwanzig Jahre leer und war dem Verfall preisgegeben.

Erst in den frühen 1980er Jahren begann man, nach einer

neuen Funktion für das Objekt zu suchen, übergab es dann

dem Bundesdenkmalamt zur Nutzung und sicherte damit

die Erhaltung dieses Denkmals.

Grundlage für die Auseinandersetzung mit dem Altbestand

ist das Wissen um historische Baumaterialien und

Handwerkstechniken, das in Theorie und Praxis weitergegeben

wird. Jährlich finden in Mauerbach über 25 Veranstaltungen

für insgesamt etwa 500 Teilnehmer statt, darunter

Seminare, Kurse und Tagungen zu verschiedenen

Themen der Baudenkmalpflege: traditionelle Maler-, Maurer-

und Steinmetztechniken, Schmieden, Feuerschweißen,

Leitungsführung in historischen Gebäuden, Stuck- und

Wandmalereirestaurierung, Reparatur historischer Fenster

und Türen, Ausschreibung und Vergabe, thermische Sanierung

von Baudenkmalen und Trockenlegungsverfahren.

Fertig ausgebildete Professionisten erfahren eine Spezialisierung

in der Baudenkmalpflege, d. h. eine Weiterbildung

in historischen Handwerkstechniken und modernen Sanierungs-

bzw. Restaurierungsmethoden. Die Kurse dauern im

Schnitt ein bis zwei Wochen, pro Kurs werden zwischen 20

und 35 Teilnehmer betreut.

Der Schwerpunkt in Mauerbach liegt im Bereich Architekturoberfläche.

Die praktische Weiterbildung findet dabei

an den historischen Architekturoberflächen der Kartause

Mauerbach statt – die Handwerker werden so für die Denkmalpflege

sensibilisiert und mit allen typischen Schadensbildern

des Altbaus konfrontiert. Gleichzeitig präsentiert

sich die Kartause durch die schrittweise Restaurierung als

Beispiel für eine modellhafte Altbausanierung. Mittlerweile

ist die Anlage zu etwa 70 Prozent saniert; Teilbereiche

konnten ausschließlich im Rahmen der Kurstätigkeit restauriert

werden, größere Fassadenprojekte wurden an externe

Baufirmen unter kontinuierlicher restauratorischer Betreu-

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Astrid Huber – Kalktechnologie in Österreich: Fassadeninstandsetzungen

ung vergeben. Die Außenfassaden der Zellen im Ost- und

Westtrakt des Klosters werden bewusst als Praxisflächen

für zukünftige Kurse und Seminare vorbehalten.

Daneben widmet sich die Abteilung der Erforschung

und Erprobung von Materialien und Technologien für die

Instandhaltung, Sanierung und Restaurierung von historischen

Gebäuden. Im Zentrum der Forschungstätigkeit steht

die Kalktechnologie bzw. die traditionelle Herstellung von

Branntkalk. Seit 1999 finden zweimal jährlich naturwissenschaftlich

begleitete Kalkbrände in einem nach historischem

Vorbild gebauten Schachtofen mit Holzfeuerung statt.

Unterschiedliche Kalksteine, darunter auch Kalke aus dem

nahe gelegenen Steinbruch Dopplerhütte, werden bei 800 bis

900°C gebrannt und in der Restaurierung verwendet. Ein aktuelles

EU-Projekt namens ROCARE widmet sich der Produktion

von Romanzement, dem hydraulischen Bindemittel

der Gründerzeit- und Jugendstilfassaden, der in den 1920er

Jahren durch die wirtschaftlichere Produktion von Portlandzement

verdrängt wurde.

Instandsetzungen von Fassaden in Kalktechnologie

Die Kartause Mauerbach versteht sich als Musterobjekt

und bietet eine Diskussionsplattform für die Restaurierung

von Architekturoberfläche im Allgemeinen. Die folgenden

Beispiele widmen sich Instandsetzungsprojekten von Fassaden

in der Kartause Mauerbach, aber auch im Osten Österreichs,

bei denen die Kalktechnologie erfolgreich nicht nur

in der Ergänzung von überlieferten Putzen sondern auch in

der Konsolidierung der Bestände – Hinterfüllung von Hohlstellen

mit Kalkmilch und flüssigem Kalkmörtel, Festigung

mit Kalksinterwasser – eingesetzt wurde (Abb. 1).

Der Erhaltungszustand der Fassaden der Kartause Mauerbach

war infolge fehlender Pflege- und Wartungsmaßnahmen

über Jahrzehnte hinweg generell sehr problematisch.

Neben einer mangelnden Wasserableitung, die über einen

langen Zeitraum nicht gewährleistet war, führten raue

Witterungsbedingungen, aufsteigende Feuchtigkeit, hohe

Salzbelastungen und die bereits auf die Erbauungszeit zurückzuführende

abschnittsweise Verwendung von bindemittelarmen

Mörteln mit lehmhaltigen Zuschlag zu weiteren

Schadensbildern.

Die wesentlichen Gestaltungsphasen der Fassaden lassen

sich wie folgt skizzieren: Das barocke Erscheinungsbild

des 17. Jahrhunderts prägte ein feiner Rieselputz oder Naturputz,

der durch weiße Gliederungselemente, Gesimse,

Faschen und Eckquaderungen akzentuiert wurde. Nach der

Aufhebung der Kartause 1782 tünchte man die Fassaden

einheitlich weiß. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurden

die Fassaden mehrfach mit ockerfarbenen Kalkanstrichen

gefärbelt. Zu Beginn der Restaurierungen war man mit diesem

gewachsenen Zustand konfrontiert, bei dem alle Phasen

ablesbar, jedoch unterschiedlich stark abgewittert waren,

sodass partiell der Barockputz zum Vorschein kam. Stellenweise

fanden sich spätere Ausbesserungen und auch große

Fehlstellen, besonders in den Sockelbereichen.

Die Konzepte der einzelnen Fassadenrestaurierungen in

der Kartause zeigen die verschiedenen Möglichkeiten des

denkmalpflegerischen Zugangs auf – von der Rekonstruktion

einer bestimmten Gestaltungsphase bis zur Erhaltung

des überlieferten Erscheinungsbildes, dem Alterswert. Die

repräsentativen Außenfassaden bzw. der Eingangsbereich

des Prälatenhofs wurden auf das architektonische Erscheinungsbild

der Barockzeit rückgeführt. Bei den nach innen

orientierten Bereichen wie dem Kreuzgarten konservierte

und präsentierte man hingegen den überlieferten Bestand.

Grundsätzlich wurden bei allen Restaurierungen in der

Kartause folgende Richtlinien eingehalten:

– Detaillierte Befundung und Dokumentation des überlieferten

Bestandes,

– Erhaltung aller prägenden Bau- und Gestaltungsphasen

an den Fassaden,

– Konservierung der historischen Putze mit dem ursprünglich

verwendeten Material (Luftkalk),

– Ergänzung und Rekonstruktion von Fehlstellen in traditioneller

Kalktechnik,

– Ausführung von Oberflächenbeschichtungen (Färbelung,

Schlämmen) in Kalktechnik,

– Zusammenarbeit von Handwerkern und Restauratoren

an der Baustelle,

– kontinuierliche Pflege und Wartung nach Abschluss der

Restaurierungen.

Die erste Fassadenrestaurierung der Kartause in Kalktechnologie

wurde 1994 im Prälatenhof umgesetzt 1 . Die über-

Abb. 1: Konsolidierung des barocken Kalkputzes, Hinterfüllen von Hohlstellen

mit Kalkmilch bzw. flüssigem Kalkmörtel (Foto: BDA, Huber)

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