Pasing - Zeitreise ins alte München

volkagentur

erschienen im Volk Verlag

Die Pasinger Ortskirche

Nicht minder wichtig als das Hofmarksschloss war in Pasing die nächst Schloss und Mühle

gelegene Kirche. In der Konradinischen Matrikel des Bistums Freising von 1315 ist die

Pasinger Ortskirche als eine Filiale der Pfarrei Aubing genannt, eine Situation, die ins Frühmittelalter

zurückreichen dürfte und ob des Dunkels der damaligen regionalen und lokalen

Herrschaftsverhältnisse keine konkreten Gründe für die Bevorzugung und Benachteiligung

von bestimmten Kirchen bei der Bildung der Pfarrsprengel erkennen lässt. Am wahrscheinlichsten

ist die Annahme, dass die Pasinger Kirche ursprünglich eine Eigenkirche war, weshalb

sie außerhalb der vom Bischof vorgenommenen Pfarrei-Einteilung blieb und deshalb in

der Folgezeit nur den Status einer Filialkirche von Aubing erreichen konnte. Die „Urpfarrei“

Aubing war mit den lokalen Kirchen zu Pasing, Allach, Unter- und Obermenzing, Pipping und

Laim eine Pfarrei von enormer Größe, nur vergleichbar mit der unmittelbar östlich benachbarten

Pfarrei Sendling, in die nach der Verselbstständigung der beiden Münchner Pfarreien

dennoch das gesamte Areal von Thalkirchen bis Schwabing inkorporiert blieb. Die Aubinger

Mutterkirche besaß in Pasing seit altersher einen eigenen großen Widdumshof 24 , dessen

Erträgnisse der Pfarrer von Aubing vereinnahmte. Pasing als zahlenmäßig nicht gerade

unbedeutende Dorfschaft verfügte seit dem 15. Jahrhundert immerhin über einen eigenen

Benefiziaten, also einen ortsansässigen Priester, der seinen Unterhalt aus einer Stiftung des

Aubinger Pfarrherrn Heinrich Haidel von 1438 bezog und der in der Pasinger Kirche Messe

las und auch anfallende kirchliche Verrichtungen wie Taufen, Hochzeiten und Begräbnisse

besorgen durfte. Das Benefizium bestand immerhin bis 1881, als eine selbstständige Pfarrei

Pasing gegründet und der neue Pasinger Pfarrsprengel (der zunächst auch Laim, Teile von

Friedenheim, Pipping und ganz Menzing mit der Blutenburg umfasste) aus dem Aubinger

Pfarrsprengel herausgelöst wurde. Die Pasinger Marienkirche 25 in unmittel barer Nähe des

Schlosses stellt sich heute als ein im Kern gotischer Bau von 1442/43 dar, der allerdings

durch Erweiterungen und innere Umgestaltungen des 19. Jahrhunderts kaum noch den

Vorstellungen von einer gotischen Kirche – wie wir sie insbesondere von Pipping oder der

Blutenburger Schlosskirche her gewohnt sind – entspricht. Im Kirchenraum erinnern das im

südlichen Chorbereich eingebaute Oratorium und zwei Epitaphien 26 an die Tatsache einer

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durch Jahrhunderte hindurch andauernden Hofmarksherrschaft, bei der auch das Patronat

über die Kirche lag – eine Schutzpflicht, die wiederum gewisse Ehrenvorrechte bedingte, wie

beispielsweise das eigene Oratorium und ein Familienbegräbnis im Kirchenraum. Der Turm

an der Südostecke des Kirchengebäudes, der 1588 aus Baufälligkeit zusammen gefallen war,

trägt seit dem späten 19. Jahrhundert eine neugotische Spitze, doch war er bis zur Pfarrei-

Erhebung 1881 mit einer barocken Haube geschmückt, die uns in vielen älteren Ansichten

Pasings begegnet. Den ersten Pfarrherrn Pasings, Engelbert Wörnzhofer, erinnerte sie allzu

sehr an eine preußische Pickelhaube, ein Umstand, welcher nach der Einverleibung Bayerns

ins Wilhelminische Kaiserreich 1871 ihr Verschwinden weniger zu einer künstle rischen als

vielmehr zu einer patriotischen Notwendigkeit machte. Wie in jedem bayerischen Dorf gab

es auch in Pasing flurbezogene Feldkreuze und Feldkapellen, von denen sich jedoch heute

nur noch die nächst der Würmbrücke an der Bodenseestraße stehende Nepomukkapelle

erhalten hat. 27

Die historische Dorfstruktur

26

Wie bereits ausgeführt, standen in Pasing zuletzt zwar alle bäuerlichen Anwesen unter der

Gerichtsherrschaft der Hofmark, jedoch nur teilweise unter deren Grundherrschaft. So

hatten hier Ende des 18. Jahrhunderts auch noch das Bistum Freising, das Kloster

Schäftlarn, die Pasinger Ortskirche, eine lokale Sebastianskapelle, das Benefizium Pasing

und die Pfarrei Aubing über eigenen Hofbesitz verfügt. Diese Situation sagt jedoch nicht

allzu viel über die historischen Besitzverhältnisse im Dorf aus, da die grundherrschaftlichen

Verhältnisse nicht immer stabil geblieben waren und jeder quellenorientierte Rückgriff auf

vorausgegangene Jahrhunderte auch wechselnde grundherrschaftliche Abhängigkeitsverhältnisse

aufscheinen lässt. 28 Die aus den Leiheverhältnissen der Anwesen resultierenden

jährlichen Abgaben der Bauernfamilien an die jeweilige Grundherrschaft waren nicht

unmäßig und konnten im Mittelalter noch durch genau fixierte Realleistungen (Getreide und

Vieh) erbracht werden, doch löste schließlich die zunehmende Geldwirtschaft diese Form

grundherrschaftlicher Abhängigkeit ab. Zu den Grundlasten traten bei persönlicher

Abhängig keit (Leibeigenschaft) der Grundholden weitere, meist dingliche Reichnisse hinzu.


Diese härteste Form der persönlichen Knechtschaft war aber in der frühen Neuzeit bereits

stark verblasst, sodass schließlich nur mehr geringe symbolische Leistungen an diese einstmals

übliche Zugehörung von Menschen an andere Menschen erinnerte. Daneben gab es

natürlich noch die Steuern, die der Landesherr seit dem 13. Jahrhundert regelmäßig und in

immer exorbitanterer Weise von allen Untertanen im Lande einforderte. Die Steuer bestand

aus direkt vereinnahmten Geldabgaben oder aus indirekten Aufschlägen, die insbesondere

auf den Konsum von Wein oder Bier erhoben wurden. Mindestens genauso drückend wie

die Grundlasten und Steuern waren die Scharwerke, die von der Bauernschaft zugunsten

der Gerichtsherrschaft zu erledigen waren. Man verstand darunter gemessene oder

ungemessene Arbeitsleistungen (Hand- und Spanndienste), die dem Wegeunterhalt oder

dem Einbringen der Ernte der Schlossherrschaft dienten. 29 Sie waren deshalb so unbeliebt,

weil man wegen dieser persönlichen Leistungspflicht häufig die eigene Landwirtschaft,

insbesondere die eigene Ernte hintansetzen musste. Zu diesen von einer mehrschichtigen

Obrigkeit (Grundherr, Hofmarksherr, Landesherr) festgelegten Abschöpfungen trat noch die

ursprünglich rein kirchlich ausgerichtete Zehntpflicht hinzu. Der Zehnt wurde als zehnter

Teil von jeder geernteten Getreidegarbe oder von sonstigen Ernteerträgnissen an Obst oder

Kraut verlangt und konnte als sogenannter Blutzehnt auch regelmäßige Abgaben von der

Vieh haltung (insbesondere vom Federvieh) betreffen. Seit dem Hochmittelalter hatte man

die Einkünfte des Zehnts zwischen den kirchlichen Instanzen und der Ortsherrschaft nach

bestimmten Proportionen aufgeteilt. Im Münchner Umland war es üblich, dass der

zuständige Pfarrer (hier eben der Pfarrherr von „St. Quirin“ in Aubing) einen 1 ⁄3-Zehnt vereinnahmte,

während der 2 ⁄3-Anteil entweder dem Bischof oder dem lokalen Gerichtsherrn zufiel.

In Pasing war der 2 ⁄3-Zehnt – ebenso wie Schlossgebäude und Maierhof – ein Lehen des

Freisinger Bischofs an den jeweiligen Inhaber der Hofmark. Dieser hatte wiederum einen

1

⁄3-Zehnt als Unterstützung an den örtlichen Benefiziaten abgetreten. Die als besonders

lästig empfundene Zehntpflicht wurde freilich von den Bauern durch die notorisch falsche

Deklarierung der Ernteerträge gehörig unterlaufen, sodass bestenfalls der „gestrenge“

Hofmarksherr zu erwähnenswerten Zehnterträgen gelangen konnte, während für den

Aubinger Pfarrherrn und den Pasinger Benefiziaten diese Einnahmequelle zu einem ewigen

Zankapfel mit den Dorfbewohnern wurde.

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