Das Wohnhaus von Johannes Kepler in Regensburg

volkagentur

Rettung – Sanierung – Erforschung Schriftenreihe des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege, Nr. 3

Walter u. Wolfgang Kirchner – Zur Baugeschichte

Walter und Wolfgang Kirchner

Ein Handwerkerhaus in der Donauwacht

Bauforschung aus zweiter Hand – Annäherung an seine frühe Baugeschichte

Über dreißig Jahre liegt die erste beispielhaft geglückte Instandsetzung

eines Regensburger Bürgerhauses – Keplerstraße

2 – zurück und das mit dem erklärten Ziel, die historische

Bausubstanz weitgehend zu bewahren. 1 Verständlicherweise

beanspruchte damals – 1976/77 – vor allem die

aufgedeckte und sensationelle mittelalterliche Fassadenmalerei

am Wohnteil 2 die besondere Aufmerksamkeit der

Fachwelt, während das Gefüge des Baukörpers, der damaligen

Praxis entsprechend, nicht in gleicher Tiefe bearbeitet

und dokumentiert wurde.

Nun soll der späte Versuch unternommen werden, durch

die Zusammenschau vieler baubegleitender Detailbeobachtungen,

seien es Pläne, Skizzen, Beschreibungen oder Photos

3 , gepaart mit wenigen eigenen Beobachtungen während

der Instandsetzung und einer kursorischen Bauforschung

am bewohnten Objekt, vor allem Antworten zum Gefüge

des hölzernen Wohnteils zu geben. Erst nach weitgehender

Klärung konstruktiver Detailfragen zu den verschiedenen

Knotenpunkten des Ständerbohlengefüges wie auch der

Ausstattung, gelang es, gestützt durch zusätzliche Holzdatierungen

4 , schlüssige Bestandspläne zum Holzbau von

Keplerstraße 2 zu erarbeiten. Ein anschauliches Beispiel

gibt die komplexe Ausführung der Gefügeknoten an beiden

nordöstlichen Stubeneckständern (Plan 4).

Durch die grundlegende Erfassung der historischen Architektur

Regensburgs seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts

5 und einer immer eingehenderen Befunduntersuchung

und Bestandserfassung 6 , sind heute einigermaßen gesicherte

Antworten zur Architekturentwicklung des mittelalterlichen

Regensburger Bürgerhauses zu treffen. 7 Dabei stellen

sich schon im späten 13. Jahrhundert die Wohnumstände

kleinerer Kaufleute und Handwerker erstaunlich differenziert

dar. Dies darf angesichts des ab dem 12. Jahrhundert

aufblühenden Stadtpatriziats und der Fernhandelskaufmannschaft

mit ihren ambitionierten und beispielgebenden

Bauvorhaben in Stein nicht verwundern.

Trotz der zunehmenden Dominanz des Steinbaus im ausgehenden

Hochmittelalter 8 gegenüber dem althergebrachten

Holzbau 9 , gab auch die Oberschicht das in mancherlei

Hinsicht vorteilhaftere Wohnen in hölzernen Behausungen

noch lange nicht auf 10 . Andererseits schützte der Steinbau,

und hier besonders das Steinwerk mit Gewölbe, vor Feuer-

1. Regensburg, Keplerstraße 2 von Südosten; das unbewohnte Anwesen mit Halbgiebel vor Beginn der Instandsetzungsarbeiten 1975

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Walter u. Wolfgang Kirchner – Zur Baugeschichte

schäden an Leib, Leben und Gut. Diese Bauform, der Wohnbau

größtenteils aus Holz mit einem rückwärtigen, turmartigen

Steinwerk, trifft im mittleren 13. Jahrhundert auch für

dieses Anwesen eines Hausbesitzers als Handwerker oder

Gewerbetreibender zu.

Hier, außerhalb der Kastellmauer nahe der Donau, entstand

schon im frühen Mittelalter ein bedeutendes Gewerbeund

Kaufmannsquartier, von dem heute die ehemaligen Großhandelshäuser

an der Südseite der Keplerstraße zeugen. 11

Keplerstraße 2, auf der der Donau näheren Straßenseite

gelegen, nimmt das Eckgrundstück zur Gasse „Am Schallern“

ein. Das Anwesen zeigt die in Regensburg vielfach

belegte Zweiteilung des mittelalterlichen Hausgrundrisses in

einen straßenseitigen Wohnbau aus Holz und ein rückwärtiges

Steinwerk. Über einem massiven Erdgeschoss erhebt

sich ein zweigeschossiger Holzbau mit mittelsteilem Pultdach

und Halbgiebel in Richtung Süden (Abb. 1). Zum westlichen

Nachbarhaus hin verhindert eine Brandschutzmauer

mit Überschusskonsolen einen möglichen Feuerüberschlag 12 .

Im Norden schließt direkt an den Holzbau das fünfgeschossige

und im Erdgeschoss gewölbte Steinwerk an, mit steilem

Satteldach in West-Ost Richtung. Die durchwegs niedrigen

Geschosshöhen verhindern hier eine turmartige Wirkung.

Übersicht zur Bauabfolge

Im mittelalterlichen Baugeschehen Regensburgs zeigen

Steinwerk und der dazugehörige hölzerne Wohnteil oft unterschiedliche

Bauzeiten an. Einer der Gründe sind die vielen

Stadtbrände, die besonders in den Holzbauten Nahrung fanden

13 . Ganz in diesem Sinn verweist bei Keplerstraße 2 das

brandgeschädigte Mauerwerk an der Steinwerk-Südseite auf

einen Altersunterschied zwischen den beiden Baukörpern.

Bestätigt wird dieser durch das regelmäßige und schichtige

Bruchsteinmauerwerk des Steinwerks um 1250 14 (Abb.

6) – Hauptbauphase 1 – und der Holzaltersbestimmung des

südlich angefügten Obergeschosses, ca. 1325 d 15 – Hauptbauphase

2. Wenn auch stark verändert, ist dem massiven

Erdgeschoss des Wohnbaus die gleiche Entstehungszeit zuzusprechen.

Das ebenfalls hölzerne 2. Obergeschoss kommt

dann 1338 d 16 – Hauptbauphase 3 – und zeitgleich mit ihm

das einfache Pfettendachwerk hinzu. Zu dieser Bauperiode

– 1338 – gehört auch die auf der untersten Putzlage der Fassade

beider Holzgeschosse nachgewiesene Fassung mit einer

erstaunlichen, ja singulären fassadengliedernden Malerei,

deren Kopie heute wieder die Hausfassade schmückt.

Neben den kurz vorgestellten drei Hauptbauphasen um

1250, ca. 1325 d und 1338 d, sind eine größere Anzahl weiterer

baulicher Veränderungen nachzuweisen, die aber nur allgemein

dem 15., 16. und 18. Jahrhundert zuzuordnen sind.

Die hier vorgestellten Pläne geben den Zustand vor der

Instandsetzung wieder, mit Blick auf den Bauzustand zur

Zeit der Hauptbauphasen 2 und 3. Entsprechend der o. g.

Ausgangslage kann dies in Teilen nur ein Rekonstruktionsvorschlag

sein. Im Text finden, soweit fassbar, auch andere

bauliche Veränderungen Berücksichtigung.

Baubeschreibung

Keller (Plan 5 und 6)

Für die Kelleranlage gilt vermutlich die gleiche zeitliche Abfolge

wie für das aufgehende Bauwerk. Demnach gehören der

Kellerraum unter dem Steinkern mit seinem Tonnengewölbe

zum Ursprungsbau um 1250 und der Kellerraum unter dem

Wohnteil zur Bauperiode 2, wohl aber ohne die heutige Gewölbetonne.

Denn das sehr genaue Architektenaufmaß lässt

im Längsschnitt B – B einen deutlichen konstruktiven Unterschied

in der Ausführung der benachbarten Gewölbetonnen

erkennen. Während die Einwölbung unter dem Steinkern ihr

Auflager in der Umfassungsmauer hat, ruht die Kellertonne

unter dem Wohnteil auf den beiden eigens innen vorgestellten

Mauern. 17 So könnte hier die Kellertonne als Ersatz für eine

bauzeitliche Deckenbalkenlage gewertet werden. 18

Von besonderem Interesse ist der an der Keplerstraße

gelegene Zugang zur Kelleranlage. Es spricht vieles dafür,

dass der außen liegende Kellerhals, heute vor dem Haus mit

bodengleicher Einstiegsklappe abgedeckt, eine früher innen

liegende, erst mit der Fassade beginnende Kellertreppe ablöste.

Wichtiger Hinweis sind die beiden Bogensteine über

dem Kellerhals, Reste eines relativ tief sitzenden gedrückt

spitzbogigen Türgewändes, das außen offenbar einen Falz

und ganz sicher die Lasche für einen kräftigen Schubriegel

zeigt. 19

2. Regensburg, Keplerstraße 2, Südfassade des hölzernen Wohnbaus mit

Gerüst 1977; alle Putzlagen einschließlich der Tonplatten als Putzträger

sind abgenommen

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Walter u. Wolfgang Kirchner – Zur Baugeschichte

3. Regensburg, Keplerstraße 2, Südfassade 1. OG 1977; der deutlich vor

die Wand springende Zwischenständer Kammer/Stube überdeckt mit seinem

Ständerblatt den untersten Balken, die Schwelle; darunter sind die

Deckenbalkenköpfe und der Bogenscheitel des bauzeitlichen Eingangsportals

sichtbar

Eine indirekte Bestätigung findet der bauzeitliche

Kellerzugang auch durch die offensichtlich nachträgliche

und einheitliche Bauausführung von Kellerhals, Türgewände

mit zugehöriger Stichtonne und dem eigentlichen Kellergewölbe,

die wohl insgesamt von ihrer Bauart her dem 15.

Jahrhundert entstammen könnten.

Erdgeschoss (Plan 1)

womöglich noch gab. 23 Das dort nicht vermerkte Sattelholz

zwischen Säule und Unterzug ist eigentlich obligatorisch.

Noch heute lässt sich der ursprüngliche Standort der Treppenanlage

im Hauseck nördlich des Unterzuges und westlich

des dritten Deckenbalkens nachvollziehen. So endet der

Deckenbalken zwei in Richtung Norden mit dem Unterzug

und Deckenbalken drei ist an seiner Westseite, wegen der

nötigen Kopffreiheit, original abgenommen. Der Antritt des

vermutlich zweifach gewendelten Treppenlaufs mit Zwischenpodest

lag wahrscheinlich am Unterzug. Dagegen ist

die heutige barocke Treppe gerade mit ihrem Antritt auf den

jetzigen Flur ausgerichtet, der durch eine Ziegel/Fachwerkwand

vom übrigen Raum getrennt ist.

Nur wenige Angaben sind zur Mauerstruktur der beiden

Erdgeschossaußenwände des südlichen Hausteils möglich.

Das Mauerwerk an der Osttraufe besteht partiell aus relativ

großen, lagerhaft gesetzten Steinen und ist innenseitig

schräg anlaufend. 24 Der an der Nordostecke gelegene Standerker

zeigte an Putzfehlstellen seine Ziegelbauweise. Auch

die Bauabfolge der drei übereinander liegenden Erkerteile

war am deutlich wechselnden Ziegelformat ablesbar. Im 16.

Jahrhundert erhielt das 1. Obergeschoss statt der hölzernen

Fluraußenwand einen auf Steinkonsolen auskragenden

4. Regensburg, Keplerstraße 2, Ostfassade 1. OG, Nordostecke des

Wohnbaus 1976; der Stubeneckständer, benachbart dem abgebrochenen

Erker, lässt die 4 cm Nut für die ehem. Flurbretterwand erkennen. Rechts,

direkt daneben, zeigt sich die originale Wandöffnung zum Heizen des Stubenofens,

zuletzt mit Bohlen geschlossen

Zum westlich gelegenen Nachbarhaus hin erfüllt eine zu

Keplerstraße 2 gehörige ca. 40 cm dicke Brandmauer die

Vorkehrung gegenüber Feuerüberschlag. Im Unterschied

zur einfachen Vorkragung des Holzbaus, gilt hier ein von

Steinkonsolen getragener zweifacher Überschuss. Ist dies

vielleicht ein baulicher Hinweis auf den älteren, zum Steinwerk

gehörigen hölzernen Wohnbau

Ganz unstrittig liegt die Hauptfront des Anwesens an

der Keplerstraße. Daher darf der gleich östlich der jetzigen

Haustüre aufgedeckte Rest eines portalartigen Einganges als

urspr. Hauszugang gelten (Abb. 11 Beitrag Strobel). Wenn

auch kleiner dimensioniert als die repräsentativen Portale

mancher Regensburger Bürgerhäuser, zeigt das ca. 2,00 m

breite Portal einen deutlich geschrägten Segmentbogen, gut

vergleichbar mit den Portalformen der Zeit nach 1300. 20 Inwieweit

die obligatorischen Kämpfersteine unterhalb des Bogenansatzes

dazugehörten, ist fraglich. 21 Ein ebenfalls nachgewiesener

Portal-Innenbogen ergänzt die Portalanlage derart,

dass die Laibungen beider Gewändesteine in einer Flucht

liegen. 22 Da an der Bogeninnenseite kein Türfalz erkennbar

ist, schlug die zweiflügelige Türe wohl stumpf an.

Dem nachgewiesenen Eingangsportal entspricht die

großzügige bauzeitliche Erdgeschosshalle. Originaler Bauteil

des Eingangraumes ist die Nord – Süd gespannte Deckenbalkenlage,

die am Steinwerk auf einem von Steinkonsolen

getragenen Streichbalken liegt. Die Deckenbalkenlage

schließt nach oben mit Brettern ab. Was heute fehlt, ist der

originale Unterzug im nördlichen Drittelpunkt mit außermittiger

Säule, die es nach den Altplänen des Stadtbaumeisters

Hugo Wagner – u. a. auch von Keplerstraße 2 – um 1910

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Walter u. Wolfgang Kirchner – Zur Baugeschichte

Erker. Die spätere Erkeraufstockung im 2. Obergeschoss

brachte wohl statische Probleme, die nur ein untergeschobener

Standerker lösen konnte. Vor allem diese zuletzt sehr

ruinöse „Erkerkaskade“, die grundlegend ausgewechselt

wurde, verschaffte als spätere Zutat dem Objekt hitzige Debatten

um seinen Erhalt.

Zurück zum Erdgeschoss. Ein weitgehend feuersicherer

Lagerraum stand mit dem ebenerdigen Raum des Steinwerks

zur Verfügung. Die in dieser Hinsicht sehr vorteilhafte

und oft nachgewiesene Einwölbung mit Bruchsteinen

kommt hier als Ziegeltonne frühestens im 16. Jahrhundert

dazu. Erschlossen wird dieser Raum durch eine rundbogige

Steingewändetüre mit abgefaster Kante, genaue Zeitstellung

unbekannt. Westlich davon liegt eine später eingebrochene

Türe, die erst durch die Raumunterteilung des Steinwerk-

Erdgeschosses notwendig wurde.

Wie zu erwarten ist, definiert die Lage des Unterzuges im

Erdgeschoss die Grundrissordnung in den beiden hölzernen

Obergeschossen. In erster Linie betrifft dies die

Flurbildung in Richtung West – Ost zwischen

dem Steinkern im Norden und dem südlichen

Wohnbereich. Gerade dieser hölzerne Wohnbereich,

der im 1. Obergeschoss aus Stube und

Stubenkammer besteht, nahm der kalten Jahreszeit

ihren Schrecken. Nur das Wohnen im

ofenbeheizten Holzgehäuse ermöglichte mit

einem vertretbaren Heizungsaufwand auch im

Winter annehmbare Raumtemperaturen.

Erstes Obergeschoss (Plan 2)

Im 1. Obergeschoss bilden Eckstube und Stubenkammer

eine Gefügeeinheit. Dazu gehörte bis zum Bau des Erkers

im 16. Jahrhundert auch die Ständerbretterkonstruktion der

Fluraußenwand (Abb. 4). Zwei Schwellbalken mit hochrechteckigem

Querschnitt und über Eck bündig an die Außenkante

der Deckenbalkenlage Erdgeschoss gesetzt, nehmen die

vier Bundständer auf, die an der Außenfassade hervortreten

und so deutlich die Raumaufteilung erkennen lassen. Dieses

zweiräumige Gerüstsystem schließt am Giebel mit einem ankerartigen

Rähm ab, das die vorschießenden Deckenbalken

übergreift, die auf der obersten Wandbohle liegen (Farbtafel

VIII.3); während die Schwelle des vorkragenden 2. Obergeschosses

die Position vor dem Ankerbalken einnimmt. Die

Stubengröße beträgt ca. 22 qm, die Kammergröße knapp

5 qm. Wie schon in Regensburg öfters nachgewiesen, geschieht

die Wandbildung im Bereich des Fensterbandes durch

5. Regensburg, Keplerstraße 2, 1. OG Südost Eckstube 1977, Blick zur Eingangstüre und

Nordostecke der Stube; der mächtige Türsturz wurde später wegen der notwendigen Kopffreiheit

in der Breite des Türdurchgangs entfernt. Die zur Ecke hin gerückte originale Heizöffnung

ist von der Wandtäfelung verdeckt

Holzbau (Plan 7 und 8)

Die Zimmerungsart dieses hölzernen Wohnbereichs

ist der Ständer-Bohlenbau (Abb. 2). Den

spätmittelalterlichen Holzbau in Regensburg

zeichnet als Alleinstellungsmerkmal ein sehr

kräftiges Ständergerüst aus, indem der Ständerfuß

die Schwelle übergreift und der Ständerkopf

in gleicher Weise das wandabschließende

Rähm in einer Ständerschale aufnimmt. Die

Form des Ständerfußes, ein fast bis zur Schwellenunterkante

heruntergezogenes Blatt (Abb.

3) – am Eckständer an beiden Außenseiten –

verhindert so das Eindringen von Feuchtigkeit

in den Gefügeknoten. 25 Die Wandausfachung

mit liegenden, 10 cm dicken und untereinander

verdübelten Bohlen, die so als Scheibe wirken,

macht hier zusammen mit dem holzumgreifenden

breiten Ständerfuß und -kopf eine

Winkelaussteifung mit Kopf- und Fußstreben

entbehrlich. So ist ohne ein durchgängiges

und weitgespanntes Gerüstsystem ein additiver

Holzbau möglich, der dem Regensburger

Baugeschehen im späten Mittelalter mit seinen

vielfältigen Kombinationen von Massiv- und

Holzbau entgegenkommt. Bezeichnend ist,

dass nach unserem derzeitigen Wissen mehr als

zweiteilige Gerüstsysteme nicht nachgewiesen

werden können. 26

6. Regensburg, Keplerstraße 2, 1. OG Steinwerk, Innenraum 1977; an der nördlichen

Längswand und an der Westwand fallen die durchgehenden Lagerfugen des kleinteiligen

Mauerwerks auf, Bauzeit um 1250

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Walter u. Wolfgang Kirchner – Zur Baugeschichte

7. Regensburg, Keplerstraße 2, 2. OG Südost Eckstube 1976; Blick

auf die Giebelwand bis hinein ins Dachgeschoss; ein Teilbereich der

Bohlenbalkendecke musste wegen massiver Schäden entfernt werden,

ebenso der im Vordergrund liegende Nordosteckständer der Stube

8. Regensburg, Keplerstraße 2, 2. OG Südost Eckstube 1977; nach der Ergänzung

der Bohlenbalkendecke zeigt sich kaum ein Unterschied zum originalen

Deckenbereich rechts

9. Regensburg, Keplerstraße 2, 2. OG Kammer 1977; die Giebelwand ist

gegliedert durch wandhohe Stiele mit dazwischen sitzender Verbretterung;

der Ständer rechts wurde als statische Sicherung eingebaut

eine Reihung senkrechter mit Stufenfalz versehener Wandbohlen,

die wiederum in die Sturz- und Brüstungsbohle eingenutet

sind (Farbtafel VIII.5). 27 Den senkrechten Fensterfalz

innen bildet eine mit Ziernägeln befestigte Bretter-Aufdoppelung,

die zum Wandaufbau gehört und nicht zur späteren

Vertäfelung. Eine kleine Fensteröffnung von 10 x 15 cm

in der Sturzbohle Süd, außen als Vierpass gestaltet 28 , erleichterte

den Abzug von Rauchgasen, die in der Wohnstube gewöhnlich

durch Beleuchtungsmittel entstanden. An der Stubenostseite

war während der Instandsetzung der Restbestand

einer älteren Fensterbildung erkennbar. Von den ursprünglich

drei kleinen, rundbogigen Fensteröffnungen, die hier in eine

liegende Bohle eingeschnitten waren, hat sich die mittlere

erhalten (Farbtafel VIII.1). 29 Offensichtlich wurde knapp 15

Jahre später, verbunden mit dem Bau des neuen 2. Obergeschosses,

die kleinteilige Befensterung zu größeren Öffnungen

erweitert. Restabschnitte der liegenden Wandbohlen beiderseits

der Fenster bestätigen die spätere Modernisierung

dieser Fensteranlage, während die großzügige Fensterausstattung

am südlichen Schaugiebel von Anfang an galt.

Ausdruck der gehobenen Wohnqualität spätmittelalterlicher

Stuben ist hier u. a. die wandmittig platzierte Stuben-

türe; eine Tradition, die wohl weiter zurückreicht. 30 Das

Türgerüst mit einem kräftigen Sturzholz, ursprünglich vermutlich

in Form eines Korbbogens ausgebildet, ist heute im

Durchgangsbereich entfernt (Abb. 5). Diese späteren Eingriffe

zeigen aufgrund der geringen Durchgangshöhe von

max. 1,70 m auch alle übrigen bauzeitlichen Türen des Holzbaus.

Die Stubenkammer, in der Wohnnutzung eng mit der

Stube verknüpft, kennt in der Regel nur den Zugang von der

Stube her. Vergleichsbeispiele sprechen für den angenommen

Standort. 31 Darüber hinaus verhindert der nördlich der

Stubenkammer gelegene Treppenlauf einen eigenständigen

Zugang.

Der gesamte Wohnbereich des 1. Obergeschosses wird

von einer einheitlichen Bohlenbalkendecke überspannt, die

vom Gefüge her zur 2. Bauphase gehört.

Offensichtlich besaß das abgegangene 2. Obergeschoss

der Bauphase 2 den gleichen Überschuss nach Süden, denn

dafür sind die im Wechsel ca. 25 cm vorspringenden Deckenbalkenköpfe

angelegt. Der Verzicht auf Stichbalken

erlaubt an der Ostseite nur eine geringere Vorkragung von

knapp 15 cm. Denn dort durchstoßen die relativ schmalen

obersten Wandhölzer der beiden Längsbundachsen die

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