Kirche und SPD

volkagentur

Von Gegnerschaft zu Gemeinsamkeiten
Einmalige Zusammenstellung von sozialdemokratischen und kirchlichen Autoren .

Markus Rinderspacher

Eine Polemik für den Sonntag als Sonntag

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Sie sind ständig unterwegs, die Lobbyisten

der Rastlosigkeit, die im vermeintlichen

Zeitgewinn des verkaufsoffenen

Sonntags Mehrwerte definieren. Sie antichambrieren

bei Kommunal- und Landespolitikern

für „mehr Ruhe beim Einkaufen

am Sonntag“ und versprechen

„entspanntes Shoppen“. Mit sorgenvoller

Miene verweisen sie auf die schlechten

Einzelhandelsumsätze des letzten Quartals, auf die zunehmende

Konkurrenz des Internethandels, die Notwendigkeit von mehr

„Binnennachfrage“ und die Stärkung der „Wettbewerbsfähigkeit“.

„Die Wirtschaft“ brauche den Sonntag. Die Ladenschlussgesetze

im benachbarten Ausland seien deutlich „moderner“,

heißt es dann – und auch in den Ländern mit liberalen, das

heißt nahezu keinen Sonntagsregeln, sei das christliche Abendland

doch auch nicht untergegangen.

Tatsächlich bieten nur wenige Gehminuten vom Vatikan

entfernt die italienischen Supermarktketten ihre Sonderangebote

feil – nahezu pausenlos, auch am Karfreitag. Der Mittelpunkt

der Weltkirche als Kristallisationspunkt des Kommerzes.

Auch im katholischen Florenz zieht die Ostersonntagsprozession

mit Tausenden Menschen vom Dom aus direkt durch die Fuß-


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gängerzone – vorbei an den geöffneten Boutiquen von „Benneton“,

„Replay“ und „Disney“. Die Touristinnen aus Russland

und Japan genießen sichtbar die christliche Folklore der bunten

Gewänder und des gut riechenden Weihrauchs, schießen im

Vorbeigehen einige „Selfies“ mit ihren neuen Smartphones und

widmen sich schnellstmöglich wieder ihren vollen Einkaufstüten.

In aller Ruhe natürlich. Verkehrte Welt. Die Kirchentradition

als verkaufsförderndes Sonntagsevent.

Verkaufsoffene Sonntage sind unbestritten verlockend und

rund um die Uhr geöffnete Geschäfte bieten jede Menge Bequemlichkeit:

Wir können dann in trügerischer Ruhe endlich

erledigen, was die Woche über liegengeblieben ist. Einkaufen,

das Auto durch die Waschanlage fahren oder die Hemden in die

Reinigung bringen. Gerne pilgern Väter und Mütter mit ihren

Kindern an den Schausonntagen in Möbelhäuser und ziehen

durch die Shopping-Malls und Fußgängerzonen. Für die Kleinen

sind sonntags besondere Betreuungszonen eingerichtet, während

Mama und Papa den neuen internettauglichen Großbildfernseher

in den Kofferraum bugsieren.

Aber wieso eigentlich nicht Wollen wir den Menschen mit

erhobenem Zeigefinger vorschreiben, was sie am Sonntag zu

tun und zu lassen haben Bedeutet die Freiheit der Selbstbestimmung

nicht auch, dass man selbst entscheiden kann, wann

und ob man einkaufen geht Oder bewusst darauf verzichtet

Kann der Sonntag nicht einfach ein Tag wie jeder andere sein

Ein „All“-Tag Ein ganz normaler Wochentag Wie die anderen

sechs Wochentage auch

Was wäre eigentlich so schlimm daran Tatsächlich sieht

das Arbeitszeitgesetz neben dem generellen Arbeitsverbot zahlreiche

Ausnahmen vor: für die Aufrechterhaltung von Sicherheit

und Ordnung, die Feuerwehr, das Bewachungsgewerbe, für

Krankenhäuser, Verkehrsbetriebe, Energie- und Wasserversor-


Eine Polemik für den Sonntag als Sonntag 187

gungsbetriebe, Gaststätten, Theater- und Musikvorführungen,

Sportveranstaltungen, Rundfunkanstalten, Landwirtschaft, Forschungsarbeiten,

Veranstaltungen von Kirchen und Parteien.

Abertausende müssen am Sonntag arbeiten. Ist es bei einer

solchen Vielzahl von „Ausnahmen“ nicht sogar eine Frage

der Gerechtigkeit, dass auch andere Berufsgruppen am Sonntag

ohne zu murren ran müssen Zumal gerade der Feiertag nicht

selten mit lukrativem Zuschlag arbeitnehmerfreundlich daherkommt

und die womöglich unzureichende Wochentagsbezahlung

ein wenig auszugleichen hilft

Sind nicht viele Familien auf ein Zubrot angewiesen, um

ihre Existenz zu sichern Wollen wir den Menschen verbieten,

auch am Sonntag aus freien Stücken ihre Arbeitskraft zur Verfügung

zu stellen

Seit jeher und zu allen Zeiten wurde um die Ruhezone

Sonntag als eine zentrale Grundlage unserer Kultur gerungen.

Hervorgegangen aus dem jüdischen Sabbat, ist die Feier des

Sonntags im Dekalog des Alten Testaments mit der Ruhepflicht

verbunden: „Gedenke des Sabbats und halte ihn heilig. Sechs

Tage darfst du schaffen und jede Arbeit tun. Der siebte Tag ist

ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott, geweiht. An ihm darfst

du keine Arbeit tun: du, dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave

und deine Sklavin, dein Vieh oder der Fremde, der in deinen

Stadtbereichen ein Wohnrecht hat“ (5. Mose 5).

Im Christentum wurde der auf den Sabbat folgende Tag zum

Gedenktag der Auferstehung Christi und damit zum ersten, also

wichtigsten Tag der Woche bestimmt: der Sonntag. Die alttestamentarische

Strenge wird in Markus 2,27 – 28 etwas abgemildert:

„Und er sprach zu ihnen (den Jüngern): Der Sabbat ist um

des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des

Sabbats willen. So ist der Menschensohn auch ein Herr über

den Sabbat.“ Mit der Erhebung des Christentums zur Staatsreli-


188 Markus Rinderspacher

gion wurde der Sonntag als „Dominica dies“ in vielen Kulturen

zunehmend verbindlich.

Schon immer standen biblische Vorschrift und menschlicher

Alltag im Widerstreit. Ja, die Kirchen haben mit dem Sonntagsgebot

auch gesellschaftlichen Druck ausgeübt und die eigene

Macht gefestigt. Für die Katholiken gehört der Besuch der Heiligen

Messe ab dem siebten Lebensjahr zum zwingenden Selbstverständnis.

Nur Krankheit, unzumutbare Belastungen wie weite

Wege, Werke der Nächstenliebe wie die Sorge für kleine Kinder

oder Kranke und schwere persönliche Nachteile, zum Beispiel

die Zerrüttung der Ehe, gelten als Entschuldigung für das

Fernbleiben. Viele Menschen verbinden mit der Verpflichtung

zum Kirchgang am Sonntag daher einen inneren Widerstand.

Martin Luther verwies wohl auch deshalb auf den weltlichen

Vorteil der Sonntagsmuße: „Wir halten Feiertage nicht

um der verständigen und gelehrten Christen willen, denn diese

bedürfen dessen zu nichts. Vielmehr tun wir es auch um leiblicher

Ursachen und Bedürfnisse willen. Denn die Natur lehrt und

fordert das für das einfache Volk, für Knechte und Mägde, die

die ganze Woche über ihrer Arbeit und ihrem Geschäfts nachgegangen

sind, dass sie sich auch einen Tag lang zurückziehen,

um sich auszuruhen und zu erquicken.“

Ist es in unseren Zeiten nicht genau das, worauf es heute

mehr denn je ankommt Glaubt man Soziologen, Medizinern

und Arbeitsforschern, so ist es die selbstverordnete Pausenlosigkeit,

die den Menschen heute mehr denn je zu schaffen macht.

Das ständige digitale und analoge Verfügbarsein produziert

Menschen unter Strom.

Die Zahl derer, die am Wochenende arbeiten, steigt in

Deutschland von Jahr zu Jahr kontinuierlich an. Nach Erhebungen

des Statistischen Bundesamtes ist der Anteil der abhängig

Beschäftigten, die regelmäßig am Samstag arbeiten, binnen

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