Aufbruch ins 21. Jahrhundert

volkagentur

Münchner Architektur und Städtebau seit 1990

16 Rindermarkt

Rindermarkt

Mai bis November 2002 Realisierung des

Bauprojekts

Landschaftsarchitekt: Johannes Mahl-Gebhard,

München

Bauherr: Landeshauptstadt München, Baureferat

(Tiefbau)

Der Rindermarkt in der Nähe des Marienplatzes ist

einer der ältesten Plätze Münchens. Schon im 13. Jahrhundert

befand sich an dieser Stelle ein Viehmarkt. Nach

und nach bauten reiche Patrizier dort ihre vornehmen

Wohnhäuser. Ein Wiederaufleben Altmünchner Bürgerhäuser

im historistischen Stil gelang 1903–1905 Gabriel

von Seidl mit dem Ruffiniblock am Rindermarkt 10. Er ist

ein Hauptwerk der sogenannten Reformarchitektur dieser

Zeit. Mit seinen farbig hinterlegten und verfremdeten

Renaissance- und Barockornamenten ist das Haus Ecke

Fürstenfelder/Pettenbeckstraße besonders reich dekoriert.

Nach schweren Beschädigungen des Zweiten

Weltkriegs wurde der Block 1954 restauriert. Die ehemals

kleinteilige Bebauung am gleichnamigen Straßenzug

Rindermarkt errichtete man nicht mehr, sondern legte

stattdessen eine begradigte Verkehrsader in Richtung

Oberanger an.

Der heutige Platz verläuft trapezartig zwischen der

Fürstenfelder Straße im Norden, der Pettenbeckstraße im

Westen, dem Rindermarkt im Osten und dem Rosental im

Süden. 1964 schuf der Bildhauer Josef Henselmann,

Professor an der Akademie der Bildenden Künste München,

die Brunnenanlage am Rindermarkt mit einer

schlichten, bodenständigen Skulpturengruppe aus

dunklem Granit: Ein Hirte mit Hirtenstab sitzt ruhend auf

einer Mauer und beobachtet aus einiger Entfernung eine

Gruppe von drei Rindern. Zu deren Füßen fließt das

Brunnenwasser in flachen Kaskaden in ein weites

Becken. Der natürliche Höhenunterschied des Areals

wurde in die Gestaltung einbezogen, denn vom Petersbergl

im Norden bis zum Rosental im Süden senkt sich

das Gelände um 2,50 m ab. Umgeben war die Anlage von

Blumenbeeten, Hecken, niedrigen Mauern und Bänken,

auf denen oftmals Obdachlose den Tag verbrachten.

Lange Jahre lag die Anlage isoliert inmitten der vier

angrenzenden Straßen.

Im Herbst 2001 war die Renovierung des Modehauses

Konen abgeschlossen. Das Architekturbüro Blocher

Blocher Partners aus Stuttgart hatte die Gebäudeecke mit

dem Eingang am Rindermarkt attraktiv und großflächig

mit einer vorschwingenden Glasfassade gestaltet. Diese

Baumaßnahme wertete das Viertel städtebaulich auf.

Einen weiteren Impuls setzte der Neubau des Geschäftshauses

Ecke Rindermarkt/Rosental. Anstelle des Flachbaus

aus der Nachkriegszeit errichtete der Architekt Peter

von Seidlein 2001 mit dem Wohn-, Büro- und Geschäftshaus

Leomax ( 19) einen sechsgeschossigen Stahl-

Glas-Bau, mit dem die umfassende Platzbebauung geschlossen

wurde. Damit war die Voraussetzung gegeben,

die vorhandene Platzanlage in einen qualitativ hochwertigen

Stadtraum umzugestalten. Von Mai bis November

2002 wurde der Platz umgebaut. Der Verkehr in der Pettenbeckstraße

wich einer Fußgängerzone. Um Gehbehinderten

und Rollstuhlfahrern entgegenzukommen, behielt

man die Gehsteigpflasterung vor den Geschäften auf

einem breiten Streifen bei und verlegte zwischen den

Betonplatten mehrere Natursteinbänder aus Granit, die

optisch zum Pflaster der übrigen Anlage überleiten. Am

Übergang wurden zusätzlich nostalgisch anmutende

Straßenlampen platziert. Die sogenannte Leuchte

„Alt-München“ wurde vom Baureferat entworfen und ist

historischen Vorbildern nachempfunden. Die seitlichen

Niveauunterschiede konnten durch den Pflasterbelag aus

Granit-Kleinstein harmonisch ausgeglichen werden, der

als Passepflaster verlegt wurde. Es hat den Vorteil, dass

es wenig Aufmerksamkeit auf sich zieht und dadurch die

Umgebung zur Geltung kommen lässt. Mit seiner ungeordnet

erscheinenden Musterung geht es außerdem auf

alle Richtungen ein. Darüber hinaus korrespondiert es mit

dem unregelmäßigen Mauerwerk des Löwenturms. Dieser

wurde mit dem Neubau des Leomax freigestellt. Der

23 m hohe, mit Zinnen bekrönte Backsteinbau aus dem

15. Jahrhundert wurde 2006/2007 aufwendig saniert und

bietet als eines der ältesten Münchner Profanbauwerke

einen Blickfang auf der Ostseite des Rindermarkts.

In die neue Platzgestaltung integrierte man die

bestehende Brunnenanlage mit Sitzmauern, Geländestufen

und Treppen. Überflüssiges Buschwerk, Bänke und

Beete sowie einige Treppen und Mauern wurden aller-

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dings entfernt. Stattdessen stellte man neue Sitzmauern

und einfache Metallstühle auf, die gerne von Klein und

Groß benützt werden. Schattenspendende Laubbäume

säumen die westliche und nördliche Kante. Dort befinden

sich auch etliche Fahrradständer. An der Häuserzeile im

Osten wurden weitere Bäume gepflanzt, die mit zartem

Grün die Platzanlage rahmen. Eine große Platane begrenzt

die Südspitze des Rindermarkts. Von hier aus ist es

ein Katzensprung zum Viktualienmarkt, Jakobsplatz und

Oberanger. An Sonnentagen kann man im Schatten der

Platane Kaffee trinken und den unverstellten Blick über

den geräumigen Platz auf Münchens älteste Stadtpfarrkirche,

den Alten Peter, genießen.

Mit der Neugestaltung des Rindermarkts wurde eine

klar gegliederte, großstädtische Platzanlage geschaffen

mit vielfältig anregenden Blickbeziehungen zu historischen

Münchner Bauten. Sie strahlt eine angenehme

Atmosphäre aus und ist eine gelungene Bereicherung der

Münchner Innenstadt. CK

17 Jüdisches Gemeindezentrum am Jakobsplatz

St.-Jakobs-Platz

Juli 2001 Realisierungswettbewerb; 09.11.2003

Grundsteinlegung; 09.11.2006 Einweihung der

Synagoge; März 2007 Eröffnung des Jüdischen

Museums

Architekten: Wandel Hoefer Lorch Architekten,

Saarbrücken

Platzgestaltung: Regina Poly, Garten- und

Landschaftsarchitektin, Berlin

Auszeichnung: Deutscher Städtepreis 2008

Sowohl das Datum für die Grundsteinlegung des

Jüdischen Gemeindezentrums als auch der Tag der

Einweihung der Synagoge am 9. November 2003 bzw.

2006 verdeutlichen den hohen Symbolgehalt dieses

Bauprojekts. Am 9. November 1938 war während der

sogenannten „Reichskristallnacht“ die Münchner Synagoge

„Ohel Jakob“ in der Herzog-Rudolf-Straße zerstört

worden. Auf den Tag genau 68 Jahre nach diesem

Pogrom wurde die neue Hauptsynagoge Münchens auf

dem Jakobsplatz eingeweiht und erhielt zudem denselben

Namen wie die zerstörte, alte Synagoge. Damit ist

die Konzeption des Jüdischen Gemeindezentrums auch

Bestandteil der kommunalen Erinnerungskultur an die

Terrorherrschaft des NS-Regimes.

Eine weitere geschichtliche Dimension kommt durch

die Wahl des Bauplatzes hinzu. Schon seit dem Mittelalter

war der Jakobsplatz ein bedeutender Marktplatz,

dessen historische Gebäudetextur sich zumindest teilweise

erhalten hat: das Stadtmuseum mit Baubestand aus

dem 15. Jahrhundert an der Nordseite und gegenüberliegend

das Ignaz-Günther-Haus mit seinem Kern aus dem

frühen 14. Jahrhundert. Im Zweiten Weltkrieg wurden

große Teile der Randbebauung zerstört, darunter auch die

Klosterkirche St. Jakob aus dem frühen 15. Jahrhundert

an der Süd seite des Platzes, die durch einen Neubau in

den 1950er Jahren ersetzt wurde. Folglich war das Bebauungsareal

eine innerstädtische Freifläche, die durch

ihr planlos gewachsenes Architekturgewebe an den Rändern

die urbanen Folgeerscheinungen der Kriegszerstörungen

dokumentierte.

Für das Architektenteam Wandel Hoefer Lorch war es

demnach keine leichte Aufgabe, das Bauprojekt für den

vorgesehenen Standort zu konzipieren, zumal der Wettbewerb

die architektonische Gestaltung unterschiedlicher

Baufunktionen verlangte: eine Synagoge, ein Museum

und ein Gemeindehaus mit Verwaltungs- und Versammlungsräumen,

Rabbinat, Kindergarten, Ganztagsschule,

Jugend- und Kulturzentrum sowie ein Restaurant. Anstelle

einer architektonischen Großform zergliederte das

Architektenteam das multifunktionale Bauprogramm und

integrierte es in drei verschiedene Baukörper, die auf dem

Areal locker disponiert wurden. Dadurch konnte eine

Angleichung an den Maßstab der benachbarten Bautextur

erreicht werden. Durch die besondere Verteilung

der Baukörper entstanden mehrere begrenzte Außenräume

mit unterschiedlichen Erlebnisqualitäten, wodurch die

traditionelle Funktion des Areals als historisch bedeutsame

Platzanlage neu definiert wurde. Überdies hat man

darauf geachtet, die bereits bestehenden Straßenverläufe

durch die Ausrichtung der Baukörper zu akzentuieren.

Damit ist das Jüdische Gemeindezentrum ein Musterbeispiel

für das sogenannte „kontextuelles Bauen“, bilden

doch gerade die besonderen Merkmale des urbanen

Umfelds die Voraussetzungen für das Planungskonzept.

Dass dieser Entwurf mit dem Deutschen Städtepreis 2008

ausgezeichnet wurde, war deshalb ebenso sinnvoll wie

konsequent.

Die Außenerscheinung aller drei Baukörper wird

durch die Primärform des Quaders bestimmt, wobei sich

Synagoge und Gemeindehaus aus mehreren verschieden


großen Kuben zusammensetzen. Um diese Kubatur als

Gebäudeensemble zu vereinheitlichen, wurde eine

Wandverkleidung aus Travertinplatten gewählt, die sich

von den Putz- oder Ziegelfassaden der umgebenden

Randbebauung deutlich abhebt. Bei allen drei Baukörpern

ist das Wechselverhältnis von Fenster- und Steinflächen

das baukünstlerische Thema der Außengestaltung. Das

Gemeindehaus weist einfache, ungegliederte Lochfassaden

auf, die dem Gebäude einen eher neutralen Charakter

verleihen. Dadurch kann es sich in den Fassadenverband

der anschließenden Randbebauung harmonisch

einfügen. Der freistehende Museumsbau ist demgegenüber

ein allseits geschlossener Quader, und lediglich das

Erdgeschoss wird durch ein umlaufendes Fensterband

geöffnet. Es entsteht der Eindruck, als schwebe der

steinerne Primärkörper über einem gläsernen Unterbau.

Transparenz und Geschlossenheit stehen bei der Wandgliederung

des Museumsbaus somit in ausgewogener

Balance.

Ähnlich strukturiert ist auch die Außengestalt der

Synagoge, nur wird das Verhältnis von offenen und

geschlossenen Wandflächen nunmehr dramatisch

überhöht. Der weit ausladende Sockel ist mit schmal

geschnittenen Steinplatten verkleidet, die, kaum bearbeitet,

eine fast ungeschlacht wirkende Oberflächenstruktur

aufweisen. Das Steinmaterial erscheint dadurch wie

verwittert oder ruinös. Über diese Suggestion eines

bereits stark patinierten und deshalb altertümlich anmutenden

Sockelbaus versuchten die Architekten, an die

berühmte Klagemauer – den einzig erhaltenen Teil des

Jerusalemer Tempels – zu erinnern. Ein kaum mehr zu

steigernder Kontrast wird durch den oberen Glasaufbau

artikuliert. Dünne Metallstäbe gliedern die transparenten

Außenflächen und ergeben ein geometrisches Dreiecksornament

in Form von Davidsternen, die sich wechselseitig

überlagern. Ein bronzefarbenes Metallnetz umhüllt

als lichtdurchlässige Außenmembran den gläsernen

Kubus. Mit dieser filigranen Formensprache sollte nicht

nur ein Gegensatz zum tempelartigen Unterbau formuliert

werden. Die Architekten wollten mit dem oberen Glasaufbau

auch auf die Gestalt eines Zeltes verweisen, das

durch moderne Formgebung abstrahiert wurde. Dadurch

entsteht zunächst ein Bezug auf den Namen der Synagoge,

denn die hebräischen Worte „Ohel Jakob“ bedeuten

„Zelt Jakobs“. Darüber hinaus sind Zelt und Tempel

Archetypen der architekturhistorischen Überlieferung, die

vor allem im jüdischen Glauben einen hohen religiösen

Bedeutungsgehalt besitzen und aus diesem Grunde im

Entwurf der Synagoge metaphorisch verarbeitet wurden.

Was erstaunt und gleichermaßen überzeugt, ist die

Vielfalt an Konnotationen, mit denen dieser Bau symbolisch

überhöht wurde. Und gerade bei Nacht erstrahlt die

Synagoge in archaisch anmutendem Glanz und verleiht

dem Ort eine beinahe schon numinose Atmosphäre, die

man im Münchner Stadtbild in dieser Intensität nur selten

antrifft. Zugleich aber übermittelt der massive steinerne

Unterbau auch den Eindruck, als sei die Synagoge von der

Außenwelt hermetisch abgeriegelt. Lediglich an der

Westseite kann sie vom Platz aus durch ein 6 m hohes

Portal betreten werden, das mit riesigen metallenen

Türflügeln in der Regel geschlossen ist. Hier zeigt sich ein

Zug zum Rigiden, der mit dem offenen Habitus, den das

Gebäudeensemble ansonsten ausstrahlt, nicht so recht in

Einklang zu bringen ist.

Bei der Innenraumgestaltung wurden die religiösen

und liturgischen Anforderungen, die sich durch die

Bauaufgabe einer Synagoge ergeben, berücksichtigt. Die

Verkleidung mit Zedernholz aus dem Libanon und hellem

Jerusalem-Stein erzeugt eine warme und lichte Raumatmosphäre,

die durch das von oben einfallende Tageslicht

noch gesteigert wird. Der zusätzliche Einsatz von

Punkt- und Oberlichtern ergibt eine perfekt inszenierte

Lichtführung im Inneren, die sich aufgrund des oberen

Glasaufbaus auch auf die äußere Umgebung nachhaltig

auswirkt.

Das Jüdische Gemeindezentrum am Jakobsplatz ist

das bislang größte jüdische Neubauprojekt in Europa, das

sich durch seine städtebaulichen wie architektonischen

Qualitäten schon nach kurzer Zeit zu einem integralen

Bestandteil des Münchner Stadtzentrums entwickelt hat.

SK

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