Maxvorstadt - Zeitreise ins alte München

volkagentur

Eine Fotoband-Reihe hrsg. vom Stadtarchiv München
Mithilfe einmaliger Aufnahmen aus den Fotosammlungen des Münchner Stadtarchivs wird die Vergangenheit der Maxvorstadt wieder lebendig.

Eine Vorstadt als „Neumünchen“

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1808 wurde ein städtebaulicher Wettbewerb ausgeschrieben, dessen Ziel es war, das gesamte

Areal zwischen Hofgarten und Karlsplatz gestalterisch aufzubereiten, um dadurch der Hauptstadt

des neuen Königreichs Bayern eine würdige und angemessene Entwicklungsmöglichkeit

nach dem Muster anderer europäischer Großstädte zu erschließen. Hauptauf gabe war es, das

neue Maxtor, und damit die innerstädtische Prannerstraße, über eine geradlinige Stichstraße

(heute Max-Joseph-Straße) mit dem von der Residenz nach Nymphenburg führenden „Fürstenweg“

(heute Brienner Straße) in Verbindung zu setzen, ferner letzteren zu einer regulierten,

repräsentativen Straße auszubauen. Gleichzeitig sollte das gesamte Gelände zwischen dem

einstigen Kapuzinerkloster und dem Schwabinger Tor (heute Maximilianplatz) durch ein System

von quadratischen Gestaltungsflächen an den begradigten „Fürstenweg“ herangeführt

werden. Diese Vorgabe war zum einen orientiert am Kommu nikationsbedürfnis der Residenzstadt

mit dem Lustschloss Nymphenburg, beinhaltete daneben aber auch Überlegungen hinsichtlich

der gerade in diesem Segment der Münchner Außenbezirke festgestellten „Machbarkeit“

einer systematischen Stadterweiterung. So informiert ein Schreiben des

Generallandeskommissariats von 1808 darüber, dass kein anderes Areal derart günstige

Voraus setzungen für die notwendige Vorstadt abgeben könne als gerade das Gelände zwischen

Karlstor und Hofgarten: „Da außer dem Schwabinger Tor der Eng lische Garten mit mehreren

Gebäudeanlagen rechts bis zum Dorfe Schwabing bereits seine Ausdehnung erhalten

hat, der Raum außer dem Isartor an den bestehenden Brücken gleich in Verbindung mit der Au

und Haidhausen keine Aufnahme von Gebäuden und Gartenanlagen mehr gestattet – da auch

der Raum zwischen der Isar und dem Sendlinger Tor größtenteils dem Kommerz mit Mühlen

und Holzvorräten aller Art bestimmt ist und endlich der Raum zwischen dem Sendlinger Tor

und dem Karlstor allschon mit einer Umgebung mit Gärten eingeschlossen ist, so ist noch

allein der Raum zwischen dem Karls- und dem Maxtor bis zum Schwabinger Tor übrig, welcher

das Bedürfnis mit Herstellung neuer Gebäude decken und zugleich den Fürstenweg nach

Nymphenburg beleben kann.“ 53

Es würde zu weit führen, in unserem Zusammenhang die Details aller die gestellte Aufgabe

lösenden Vor- und Umplanungen zu diskutieren; darüber informiert eine mustergültige


Spezialuntersuchung, deren programmatischer Titel „Ein neues München“ den hohen Anspruch

aller damaligen Erschließungs- und Verschönerungsaktivitäten zum Ausdruck bringt. 54

Durch die gemeinsame Entwurfstätigkeit des Hofgärtners Friedrich Ludwig von Sckell und des

Architekten Karl von Fischer konnte ein 1810 vom Ministerium eingeforderter „Generalplan“

konzipiert werden, der in den Folgejahren zur Richtschnur aller Aktivitäten wurde. Seine

Grundgedanken basierten auf der abstrakten Idee eines zweckmäßig in geräumige Quadrate

unterteilten Siedlungsgebiets, das auf die Aussparung großer Plätze Rücksicht nehmen und

bei den einzelnen Bauführungen stets die Anlage von Gärten vorsehen sollte. Dementsprechend

hat bereits der Münchner Stadtplan von 1812 das dem Maxtor vorgelagerte Gelände

einer strengen, die historischen Flurverläufe total negierenden Rasterung unterworfen, wobei

die Achse der heutigen Brienner Straße durch zwei Rundplätze (Karolinenplatz und Stiglmaierplatz)

und einen quadratischen Platz (Königsplatz) aufgeweitet war. 55

Die auf Weiträumigkeit und Durchgrünung angelegte Ausgangskonzeption sollte allerdings

mit der 1816 erfolgten Berufung Leo von Klenzes zum allmächtigen Bauintendanten eine erhebliche

Veränderung erfahren: Nicht mehr das für Gartengrün offene Pavillonsystem dominierte in

den Folgejahren, sondern die geschlossene, das heißt, unmittelbar aneinander gerückte Bebauung.

Damit begannen sich in der Vorstadt städtische Akzentuierungen durch zusetzen, welche

aus der Vorstadt eine faktische Neustadt machten und die von Karl von Fischer beabsichtigte

Leichtigkeit und Auflockerung der Architektur durch die Geschlossenheit und Strenge der Baukörper

alterierten. Ausgenommen von der rasch um sich greifenden Verdichtung der Maxvorstadt

blieben die bereits von Karl von Fischer baulich akzentuierten Bereiche um den Karolinenplatz

und natürlich das Umfeld der auf freie Sicht angelegten ludovizianischen Kunsttempel, der

Glyptothek und der beiden Pinakotheken. Unter Klenzes Federführung entstand die gesamte

urbane Anlage vor dem 1808 beseitigten Schwabinger Tor mit dem Odeonsplatz, ferner die

hellenistische „Herzkammer“ Neumünchens, der prächtige Königsplatz, dann die zwischen

Maxvorstadt und Schönfeldvorstadt gelegte imperiale Ludwigstraße, die zum Schauplatz eines

bislang in Deutschland unbekannten architektonischen Monumentalismus und gleichzeitig zum

Anlass einer unerhörten kommunalen Tributpflicht wurde. 56 Der seit 1825 als König regierende

Ludwig I., der bereits als Kronprinz lebhaft am Entwicklungs- und Wachstumsprozess der Maxvorstadt

Anteil genommen hatte, sah es als seine Lebensaufgabe an, seiner Residenzstadt hier

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Blick vom Königsplatz (mit Glyptothek)

in Richtung Stadtzentrum. Um den Karolinenplatz

dominiert die locker bebaute

und stark begrünte Vorstadt gemäß der

Planung Karl von Fischers. Aquarell von

Joseph Anton Mayer, um 1830.

(Münchner Stadtmuseum G P 1107)

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eine beeindruckende Fassade vorzublenden, deren hohes künstlerisches Niveau die Schwächen

und Unzulänglichkeiten seiner nur im europäischen Mittelmaß angesiedelten Monarchie

überdecken sollte. Das aus der Maxvorstadt herausentwickelte „Neue München“ wurde konsequenterweise

als das eigentliche München wahrgenommen, was außer dem bereits zitierten

dänischen Dichter Hans Christian Andersen auch der österreichische Literat Franz Grillparzer

in Rückschau auf einen Besuch in Bayerns Hauptstadt 1828 kurz und treffend ausdrückte:

München war damals im Entstehen.“ 57

Einen wahrhaft faszinierenden Spannungsbogen zwischen der in den Baumassen aufgelockerten

und dabei stets dezent formulierten frühklassizistischen Architektur Fischers

und der maximal verdichteten, hochklassizistischen Monumentalität Klenze’scher Prägung

bildete vor den Eingriffen des „Dritten Reiches“ und den Zerstörungen des Zweiten Welt-


Blick durch die Ludwigstraße in Richtung

Altstadt; die geschlossenen

Gebäudefronten der in ihrem vorderen

Teil von Leo von Klenze gestalteten

Straße betonen deren imposante Wirkung.

Aquarell von Johann Baptist Kuhn,

1840. (Münchner Stadtmuseum GR 38-

1484)

kriegs die heutige Brienner Straße, die man mit mehr Recht als die Ludwigstraße als die

eigent liche Ordnungsachse der Maxvorstadt ansprechen darf. Die Ludwigstraße hingegen,

die ausgehend von der Feldherrnhalle als „via triumphalis“ zum Siegestor zieht, offenbart

ihrer seits den nicht minder dramatischen Übergang von der hochklassizistischen Architektur

Klenzes (z. B. Odeon 1826/28) zu dem im nördlichen Straßenteil dominierenden italo-romanischen

Baustil Friedrich von Gärtners (z. B. Staatsbibliothek 1832/43, Universität 1835/39).

So erstreckt sich zwischen den beiden Prunktoren des ludovizianischen Neumünchens, nämlich

dem 1848/50 entstandenen Siegestor (Architekt: Gärtner) und den 1846/60 geschaffenen

Propyläen (Architekt: Klenze) der Kampfplatz hoch motivierter Architekten, deren zermürbende

Konkurrenz um die wankelmütige Gunst des Königs die Maxvorstadt einzigartige

Palais- und Staatsbauten verdankt. Eine eher symbolische als architektonische Steigerung

erfuhr die junge Maxvorstadt durch das von Friedrich von Gärtner 1843/48 dem gotischen

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Stil angenäherte Wittelsbacher Palais an der Ecke Brienner-/Türkenstraße. 58 Ursprünglich als

Residenz für den Kronprinzen Maximilian (nachmals König Maximilian II. 1848–1864) errichtet,

wurde das quadratische Gebäude unmittelbar nach seiner Fertigstellung Wohnsitz des

1848 abgedankten Königs Ludwig I.

Pointierung durch Kunst,

Wissenschaft und Religion

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Man würde das Wesen König Ludwigs I. gänzlich verkennen, wollte man annehmen, dass

seine Bauaktivitäten durchgehend auf Effekthascherei ausgelegt waren. Dennoch stand in

vielen Fällen nicht die Architektur als adäquate Problemlösung im Vordergrund, sondern die

Erzeugung von imposanten Baudenkmalen zur Dokumentation und Legitimation seiner Herrschaft.

59 Daneben war es dem königlichen „Kunstdespoten“ wichtig, große und kostspielige

Baukörper mit attraktiven Inhalten zu füllen. So hatte ihn beispielsweise seine Begeisterung

für die klassische Antike schon in seiner Kronprinzenzeit zu einem kenntnisreichen Sammler

griechischer und römischer Plastiken gemacht, eine Leidenschaft, der er nicht in der Abgeschlossenheit

seiner Privatgemächer frönen wollte. Deshalb hatte Ludwig schon 1816

Klenze beauftragt, an einer der in Aussicht genommenen Platzanlagen entlang der heutigen

Brienner Straße ein Antikenmuseum im griechischen Stil zu errichten, das einen würdigen

Tempel und zugleich einen kongenialen Schauraum dieser inspirierenden Kunstwerke abgeben

würde. Die zwischen 1816 und 1830 entstandene Glyptothek am Königsplatz war das

erste öffentliche Museum, das nicht aus der Adaption älterer Baukörper hervorgegangen war,

sondern von vorneherein als museale Neuschöpfung in Erscheinung trat und sowohl durch

seine Objekte als auch durch deren architektonische Einbindung eine vollkommene Illusion

antiker Würde und Größe erzeugte. 60 Der viel bewunderte ionische Kunsttempel Klenzes an

der Nordseite des Königsplatzes wurde 1838/48 durch eine im korinthischen Stil von Georg

Friedrich Ziebland erbaute zweite Tempelanlage ergänzt, die zunächst als Kunstausstellungsgebäude

fungierte, und damit die Schöpfungen der Gegenwart mit dem „genius loci“ des

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