Oberbayern

volkagentur

Vielfalt zwischen Donau und Alpen - Jenseits des Klischees
Renommierte Autoren werfen einen neuen, ganz anderen Blick auf Oberbayern.

Hermann und Johanna Rumschöttel

Auf dem Weg zur Metropolregion.

die groSSe Stadt und das Land

Im Odeon, dem überdachten Innenhof des bayerischen

Innenministeriums, wurde im Juni 2012 mit einer Festveranstaltung

an die 150 Jahre zurückliegende Geburtsstunde

der bayerischen Landratsämter, also an die zum

1. Juli 1862 erfolgte Errichtung der „Königlichen Bezirksämter“

erinnert. Das war nur vordergründig ein Jubiläum

der bayerischen Verwaltungsgeschichte, denn die damals

erfolgte Trennung von Administration und Rechtsprechung

auf der unteren Ebene setzte einen Meilenstein auf

dem Weg Bayerns zum modernen Rechts- und Verfassungsstaat

und zur Staatsbürgergesellschaft unserer Zeit.

Als einen weiteren Meilenstein kann man die Gebiets-

und Funktionalreform in den Jahren 1972 bis

1978 bezeichnen. Die Gebietsreform in der Regierungszeit

von Ministerpräsident Alfons Goppel war ein wichtiger,

ein unverzichtbarer, aber trotzdem nur ein Schritt

im Modernisierungsprozess Bayerns. Die Entwicklung

wird weitergehen müssen und trotz der bleibenden Bedeutung

der Landkreise und Regierungsbezirke: Die Zukunft

gehört den Regionen.

Das „Wachsen der Räume“ und eine intensivere

überregionale Vernetzung resultieren in erster Linie aus

der Ökonomisierung und Globalisierung als Megatrends

unserer Zeit. Gleichsam als Widerlager und zur gesellschaftlichen,

kulturellen und mentalen Stabilisierung

müssen aber kleinere, überschaubare, geschichtlich verankerte

Einheiten und Identitätsräume erhalten bleiben.

Zudem erwächst die Stärke von Regionen nicht aus nivellierender

Zentralisierung, sondern aus der Kombination

von Einheit und Vielfalt.

Die bayerische Verwaltungsgeschichte seit den

Refor men der Montgelaszeit am Anfang des 19. Jahrhunderts

bietet viele Beispiele für die administrativökonomische

Effektivität und zugleich kulturelle Angemessenheit

dieser Doppelstruktur. Identität in Bayern

war und ist janusköpfig: Einerseits richtet sich der Blick

nach München und auf Staatsbayern als Königreich

oder als Freistaat, andererseits sucht und findet man ein

reichhaltiges Identifikationsangebot in überschaubaren

geschichtlichen Lebensräumen mittlerer Reichweite. Metropolregionen

ergänzen diese Struktur, nicht um sie zu

gefährden, sondern um sie auch unter den Bedingungen

des 21. Jahrhunderts zu erhalten.

Gerade die Symbiose der Kompetenzen und Stärken

der Landeshauptstadt, des Umlands und des ländlichen

Raums ergibt die Attraktivität und zugleich das unverwechselbare

Profil der Europäischen Metropolregion

München. Sie ist damit ein gutes Beispiel für das, was

die Idee „Metropolregion“ von verdichteten Ballungsräumen

des Typs „Großstadt und Speckgürtel“ unterscheidet,

nämlich die politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche,

kulturelle und wissenschaftliche Vernetzung

von Vielfalt und Eigenständigkeit sowie die Kombination

von urbanen, suburbanen und ländlichen Gebieten.

Weltweit gesehen hat diese Grundidee zur Folge, dass die

Metropolregionen jeweils einen sehr individuellen Charakter

tragen und vielfach nur schwer miteinander verglichen

werden können.

In Deutschland fing die Geschichte der Metropolregionen

recht eigentlich in den 1990er Jahren an. Die

Auf dem Weg zur Metropolregion. die groSSe Stadt und das Land / Hermann und Johanna Rumschöttel

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oben

Europäische Metro polregion

München

Die Metropolregion München umfasst

23.000 Quadratkilometern

und 5,6 Millionen Einwohnern.

Ministerkonferenz für Raumordnung hob 1995 vor

allem ihre europäische Bedeutung hervor („europäische

Metropolregionen“) und formulierte: „Als Motoren der

gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen

Entwicklung sollen sie die Leistungs- und Konkurrenzfähigkeit

Deutschlands und Europas erhalten und

dazu beitragen, den europäischen Integrationsprozess zu

beschleunigen.“

In Südbayern begannen 1992 im Rahmen kommunaler

Kontakte Gespräche über eine intensivere Zusammenarbeit

einzelner Städte, unabhängig von den Grenzen

der Planungsregionen und der Regierungsbezirke.

Die Oberbürgermeister von München, Augsburg und

Ingolstadt vereinbarten in einer „MAI-Erklärung“ eine

freiwillige Kooperation als Nukleus eines Netzwerkes,

aus dem sich im Juli 1995 der Verein „Wirtschaftsraum

Südbayern. München Augsburg Ingolstadt e.V.“ entwickelte.

Gründungsmitglieder waren neben den genannten

Städten auch Landsberg am Lech, die Industrie- und

Handelskammern und die Handwerkskammern von

München und Oberbayern und von Schwaben sowie

der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB). Weitere Gebietskörperschaften

(Rosenheim, Landkreise Neuburg-

Schrobenhausen, Dachau) folgten ebenso wie erste

Wirtschaftsunternehmen (Audi, BMW, Messe München,

MAN, Münchner Verkehrsverbund). Die ökonomische

und internationale Ausrichtung des Vereins wurde 2005

durch eine Umbenennung verdeutlicht: „Wirtschaftsraum

Südbayern. Greater Munich Area e.V.“ (GMA).

Parallel zu dieser Organisation entstand 2007 eine

Initiative „Europäische Metropolregion München“, der

es einerseits auch um eine kooperative Förderung der

Wirtschafts- und Innovationskraft des südbayerischen

Raumes ging, die andererseits aber die nicht unmittelbar

ökonomischen Standortfaktoren wie Lebens- und

Wohnqualität, Umwelt und Kultur stärker in den Blick

nahm. 2009 mündeten diese Aktivitäten in einem eigenen

Verein „Europäische Metropolregion München“

(EMM e.V.), der sich als „offenes Netzwerk und fachübergreifende

Kooperationsplattform“ verstand und

in dem durch Fusionierung auch der „Wirtschaftsraum

Südbayern. Greater Munich Area“ aufging. Mitglieder

der EMM waren Ende 2013 26 südbayerische Landkreise

aus drei Regierungsbezirken, 36 kreisangehörige

Kommunen, die kreisfreien Städte Augsburg, Ingolstadt,

Kaufbeuren, Landshut, München und Rosenheim, sechs

Kammern, fast 90 wichtige lokale und internationale

Wirtschaftsunternehmen sowie 40 sonstige Vertreter aus

Wissenschaft und Gesellschaft, insbesondere Bildungsund

Forschungseinrichtungen.

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Die Metropolregion München mit ihren 23.000 Quadratkilometern

und 5,6 Millionen Einwohnern umfasst

das Gebiet der Landeshauptstadt und ihres heutigen

„Umlands“ in einem sehr weiten Sinne: Sie reicht von

Eichstätt im Norden bis Garmisch-Partenkirchen im Süden

und von Dillingen an der Donau und dem Ostallgäu

im Westen bis Altötting im Osten. Die von dem Leitsatz

„Gemeinsam für eine Spitzenposition in Europa“ getragene

Zusammenarbeit vollzieht sich konkret in sechs

Arbeitsgruppen (Wissen, Wirtschaft, Umwelt, Mobilität,

Kultur und Sport, Ländlicher Raum), in einem permanenten

internen Dialog und in gemeinsamen öffentlichen

Auftritten auf Messen und Ausstellungen oder durch

Publikationen und Netzpräsenz. Das Selbstverständnis

als bundesweit erfolgreichster Wirtschaftsraum unterstreicht

einmal mehr die ökonomische Ausrichtung der

Netzwerk-Organisation und damit zugleich die Tatsache,

dass die EMM eine Ergänzung und nicht ein Ersatz der

überkommenen kommunalen Körperschaften aller Ebenen,

der Regierungsbezirke, gesellschaftlicher Selbstverwaltungseinrichtungen

oder staatlicher Behörden ist.

Blicken wir jetzt zurück auf die Anfänge einer „Region

München“ und beschränken wir uns dabei im Wesentlichen

auf das unmittelbare Umland, weil hier die landesgeschichtliche

Forschung bereits viele Erkenntnisse

erarbeitet hat. Das Wachsen des Landes um München in

unserem Sinne beginnt erst vor etwas mehr als 200 Jahren.

Wenn man sagt, dass im 19. Jahrhundert das Verhältnis

zwischen Stadt und Umland in Bewegung gerät,

dann ist damit ein zentraler Faktor der neuen Dynamik

angesprochen: die Bewegung. Mobilität und Verkehr werden

zu einem Signum der Zeit – und das gilt nicht nur

für Straßen, dann Eisenbahnen und später für technische

Kommunikation oder Kraftfahrzeuge, sondern auch für

die Bewegung der Ideen, des Denkens, der Mentalität der

Menschen. Verkürzt könnte man sagen: Das Land um

München ist ein Kind der neuen Mobilität, die dann spätestens

an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert alle

Lebensbereiche der Menschen beeinflusst und in deren

Gefolge zu Beginn des 21. Jahrhunderts die Metropolregion

München entsteht. Dass auch für sie Bewegung

und Verkehr von größter Bedeutung sind, kommt in den

aktuellen Überlegungen zum Ausdruck, wie man den als

zu eng angesehenen Bereich des Münchner Verkehrs- und

Tarifverbundes (MVV) großzügig, letztlich metropolregionsweit,

ausdehnen könnte.

links

Messe München

Das Messegelände im Münchner

Osten mit seinen 16 Messehallen

kann jährlich über zwei Millionen

Besucher aus aller Welt verzeichnen.

Auf dem Weg zur Metropolregion. die groSSe Stadt und das Land / Hermann und Johanna Rumschöttel

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echts

S-Bahn-Depot Berg am Laim,

München

An Werktagen sind auf den sieben

Stammlinien an die 800.000 Menschen

unterwegs.

Jahrhundertelang lebte die Residenzstadt München

„eingemauert“ in den Wallanlagen des 13. und 14. Jahrhunderts,

deutlich abgesetzt von einem ganz landwirtschaftlich

geprägten Umland. Die Entfernungen waren

weit, die Wege lang, Distanz und Abstand kennzeichneten

das Verhältnis der Dörfer zur großen Stadt, in der nach

dem Dreißigjährigen Krieg und dem mit ihm verbundenen

Bevölkerungsschwund um 1650 nur mehr etwa

15.000 Menschen lebten. Trotz der deutlichen Bevölkerungsvermehrung

im 18. Jahrhundert blieb das Stadtgebiet

auch anschließend im Wesentlichen unverändert.

Die wachsende Bevölkerung musste durch eine Erhöhung

der Baudichte innerhalb der Umwallung und durch eine

intensivere Nutzung des vorhandenen Wohnraums bewältigt

werden.

Aber schon nach dem Dreißigjährigen Krieg und den

dann anbrechenden friedlicheren Zeiten hatte man begonnen,

die Stadtwälle zu überschreiten. Die Kurfürs ten

errichteten sich Landsitze im Münchner Umland, aus der

Schwaige Kemnathen wurde die Sommerresidenz Nymphenburg,

aus der Schwaige Schleißheim wurde allmählich

ein grandioser Schlosskomplex. Die Schlossanlagen waren

eng mit der Residenzstadt verbunden, vor allem auch

durch ein verzweigtes und beeindruckendes schiffbares

Kanalsystem. Der Adel folgte dem kurfürst lichen Vorbild

und baute sich Schlösser und Landsitze, so in Schwabing,

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