Genuss mit Geschichte im alten Hessen

volkagentur

Die 50 schönsten historischen Wirtshäuser und Weinstuben
Der Nachfolgeband zum bayerischen Bestseller Genuss mit Geschichte führt zu den historischen, urtümlichen Gaststätten in Hessen.

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Der Ratskeller

in Wiesbaden

War Wiesbaden 1744 noch die Hauptstadt

des Teilfürstentums Nassau-Usingen, so

änderte sich dessen Stellenwert maßgeblich

durch die Gründung des Herzogtums

Nassau im Jahr 1806 – der Ruhm

der neuen Kapitale wuchs sofort enorm.

Ja, die Stadt ist im 19. Jahrhundert mit

der Nobilitierung von Grund auf neu gebaut

worden. Städtebaulich gewann sie

zunächst eine neue Struktur durch die

erste Stadterweiterung. Das große, von

Straßen gerahmte Fünfeck, legte Christian

Zais um die Altstadt. Von 1837 bis 1841

erhielt das herzogliche Residenzschloss

Gestalt. Ein schlichtes, klassizistisches

Gebäude im Stadtkern, bürgernah, das

von dieser Staatsgesinnung zeugte.

Für den Bau des neuen Rathauses, das

dem alten Rathaus von 1610 gegenüberliegt,

ließ man die letzten alten Bauten im

Schlossviertel verschwinden. Schließlich

verlangten das Wachstum der Stadt und

die Ausweitung der Verwaltungsaufgaben

gänzlich andere Dimensionen.

1882 wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben,

aus dem der Münchner Architekt

Georg von Hauberrisser als Sieger

hervorging. Dieser hatte schon das spektakuläre

Rathaus der bayerischen Hauptstadt

entworfen.

56 Der Ratskeller in Wiesbaden


Jetzt sollte der Neubau den Vertretungsanspruch

der kommunalen Selbstverwaltung

widerspiegeln. In diesem Sinne

wurde nun die mächtige um einen

dreieckigen Binnenhof gebaute fünfeckige

Anlage mit der Hauptfassade unmittelbar

zum Schloss hin orientiert. Mit abwechslungsreichen,

architektonischen

Motiven und üppigem, plastischen Dekor

veranschaulicht der polygonale Komplex

ein malerisches, altstädtisches Bild im

Stil der deutschen Renaissance.

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude

in Teilen zerstört und auch die

Hauptfassade konnte nur in einer stark

vereinfachten Formensprache wieder

errichtet werden. Die ehemalige reiche

Ausstattung des Inneren ist zu einem guten

Anteil erhalten. 1885 sah das Neue

Rathaus tatsächlich dem Münchner wesentlich

ähnlicher, schon wegen des üppigen

Bauzierrats.

Bei den beträchtlich dimensionierten

Rathausbauten des 19. Jahrhunderts gehörte

der Ratskeller grundsätzlich mit zur

Raumplanung. Lokalitäten für bürgerliche

Geselligkeit und Zusammenkünfte waren

konstituierender Bestandteil. Im Allgemeinen

sind sie, wie es der Name sagt,

in dem riesigen Gebäudekeller untergebracht.

Man sitzt unter gewaltigen Kreuzgratgewölben,

getragen von kolossalen

Die Wirtshausmalerei

des Andreas Köpke in

einem Seitenkabinett

Säulen, die gekrönt sind von kräftigen Kapitellen,

die hier mit plastischen Akanthusblättern

geziert sind. Die Ausstattung

wird in der Regel im altdeutschen Stil ausgeführt.

In diesem Ratskeller wurde lange

Zeit in einem angrenzendem Raum ureigenes

Bier gebraut.

Ratskeller haben fraglos ihren ganz eigenen

Charakter und ihren eigenen Reiz.

Sie bieten eine großzügige Wirtsstube,

hier mit insgesamt zehn umlaufenden Ni-

Linke Seite: Das nach

dem Krieg vereinfacht

wieder hergestellte

Rathaus. 1882 wurde

der Münchner Architekt

Georg von Hauberrisser

Sieger des ausgeschriebenen

Wettbewerbs.

Der große Ratskeller

mit den gewaltigen Säulen

und Akanthus-Kapitellen,

die das Gewölbe

tragen; von 1884.

Der Ratskeller in Wiesbaden

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schen. Niederlassen kann man sich ebenso

in einsehbaren Nebenstuben, will man

sich lieber der Geräuschkulisse entziehen.

Die Holztäfelung und der Parkettboden,

die umlaufenden Sitzbänke und die

blanken, hellen Lindenholz-Tischplatten

vermitteln freundliche Ungezwungenheit.

Leider wurden bei der letzten Auffrischung

des Lokals die herrlichen, drastischen

Wirtshausmalereien überputzt.

Der Wiesbadener Maler Andreas Köpke

beherrschte diesbezüglich sein Handwerk.

Freilich wurden sie dokumentiert

und drei der Bilder dieser volkstümlichen

Kunst zur Besichtigung in ein Seitenkabinett

transloziert. Offensichtlich sind diese

Stimmungsträger aus der Mode geraten.

Immerhin besteht die Möglichkeit, die

für einen Ratskeller so kennzeichnenden

Malereien wieder freizulegen.

Zu dem bierseligen Milieu passt naturgemäß

die typische deftige Brauhausküche.

Es wird gern auch mit Bier gekocht,

da kann bei weniger kleinlichem Biergenuss

nichts schiefgehen.

Oben: Die Rathausfront

mit dem üppigen

Entree zum Stadtschlaf

gewandt

Unten: Die Wirtshausmalerei

des Andreas

Köpke

Der Andechser im Ratskeller

Schloßplatz 6

65183 Wiesbaden

Tel. 0611 /300023

www.derandechser-wiesbaden.de

Mo – So: ab 11 Uhr

Der Wiesbadener Ratskeller ist ein

Stückchen Bayern in Hessen – und

das nicht nur, weil er vom Architekten

des Münchner Rathauses errichtet wurde.

Hier gibt es auch bayerisches Bier, genauer gesagt:

Bier vom heiligen Berg in Andechs. Und

obendrein eine Speisekarte, die auch einem

Wirtshaus auf bayerischem Boden gut stehen

würde: Es gibt Obatzda mit Brezn, Leberknödelsuppe

und Rahmschwammerl mit

Semmelknödel, Fleischpflanzerl und als besondere

Spezialität „eine ganze ofenfrische

knusprige Schweinshaxe“. Auch die 140 Sitzplätze

im Freien auf dem Schlossplatz können

bei schönem Wetter mit einem bayerischen

Biergarten konkurrieren. Dass sich zwischen

den bayerischen „Schmankerln“ auch einige

hessische Besonderheiten wie Rindfleischsalat

und Grüne Soße auf der Karte eingeschlichen

haben, das ist wohl der Lage des Ratskellers

direkt gegenüber dem hessischen Landtag geschuldet.

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