1 Folien- num- mern - Werkstätten:Messe

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1 Folien- num- mern - Werkstätten:Messe

Vortrag – Werkstatt Messe Nürnberg –

Foliennummern

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Einladung zur diesjährigen Werkstattmesse traf mich insofern

überraschend, als die Thematik, die ich ihnen heute vorstellen darf,

nicht direkt mit ihrem eigentlichen Strukturthema, der Arbeit und

Beschäftigung für Menschen mit Behinderungen, zu tun hat.

Auch habe ich mir erlaubt, den Blick zu weiten, weil es aus unseren

Erfahrungen bei den anstehenden und schon begonnenen strukturellen

Veränderungen nicht mehr um bestimmte Personengruppen

oder Altersgruppen behinderter Menschen mit und ohne Pflegebedarf

geht.

Sie werden am Ende meines Vortrages sehen, dass unser Wirken

darauf angelegt ist, Sonderformen zu vermeiden. Insofern hat sich

auch meine Betrachtungsweise im Verlaufe der letzten Jahre deutlich

in diese Richtung entwickelt.

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Meine Themen sind also solche mitten aus dem Strukturwandel, in

dem sich die Eingliederungshilfe seit einiger Zeit befindet und der an

Fahrt aus verschiedenen Gründen zunehmen wird.

Das ist ihnen auch auf ihrem Arbeitsfeld nicht unbekannt, stehen

doch die Werkstätten nicht nur im Fokus von berechtigter wie unberechtigter

Kritik, sondern sind Teil von strukturellen Veränderungen.

Soweit meine Vorbemerkung.

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Meine weiteren Ausführungen möchte ich gerne in drei thematische

Blöcke unterteilen.

Da ist zum ersten die Beschäftigung mit der Frage, welche Determinanten

für die Veränderungsprozesse von besonderer, herausragender

Bedeutung sind. Dieser Exkurs ist meines Erachtens notwendig,

um die Umwälzungen im Großen wie im Kleinen besser einordnen

zu können.

Im zweiten Teil möchte ich Ihnen die aus meiner Sicht möglichen

Folgen für die Assistenzleistungen vorstellen und komme dann im

dritten Block zu einzelnen konkreten Beispielen aus unserer Praxis,

wobei ich mich dabei ausschließlich auf Beispiele in der Freien Hansestadt

Hamburg beziehe.

Lassen sie mich zu den Determinanten der Veränderung kommen.

Die gerade vorgelegte erneute Con_Sens‐Studie weist – hier möchte

ich nur einen kleinen Teil der Studie aufgreifen – auch im Vergleich

der Bundesländer auf dem Tableau der verschiedenen Leistungsarten

nach, dass wir es mit einem weiteren quantitativen wie

qualitativen Anstieg im Bereich der Hilfen und Leistungen für Menschen

mit Behinderungen in unserer Republik zu tun haben. Schaut

man sich die damit verbundenen Ausgabensteigerungen an, soweit

diese Studie dazu konkrete Auskünfte gibt, dann stimmt das mit den

Veröffentlichungen der überörtlichen Träger der Sozialhilfe überein,

die natürlich aus ihrer Sicht pointiert auf den Zusammenhang der

prognostizierten Fallzahlsteigerungen und der Ausgabenvolumina in

der Eingliederungshilfe warnend aufmerksam machten.

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Vor nun schon einigen Jahren haben sich die Arbeits‐ und Sozialminister

des Bundes und der Länder in mehreren jährlichen Konferenzen

mit dieser Thematik intensiv beschäftigt, dazu diverse Arbeitsgruppen

einberufen und zuletzt mit großer Einvernehmlichkeit mit

den Spitzenverbänden der Freien Wohlfahrtspflege die abschließenden

Beschlüsse gefasst.

Dieser ASMK‐Prozess kennzeichnet ganz wesentliche Veränderungsprozesse

in der Eingliederungshilfelandschaft, die wir als Akteure

tunlichst aktiv mitzugestalten aufgerufen sind. Hier gibt es

zurzeit Stimmen, die im Sinne einer Entwarnung argumentieren,

dass der Umsetzungsprozess in die rechtsgestaltenden Gesetzesvorhaben

in dieser Legislaturperiode ins Stocken geraten sei und

daher auf Seiten der Leistungserbringer keine besonderen Anstrengungen

mehr unternommen werden sollten. Ich bin hier gegenteiliger

Auffassung.

Die wesentlichen Elemente der ASMK‐Beschlüsse stehen auch in

dem gerade stattfindenden Streit im Kontext der notwendigen Gesetzesnovellierungen

nicht zur Debatte; auch sind die Spitzenverbände

der Freien Wohlfahrtspflege mit den Sozialhilfeträgern, den

Länderministerien und dem Bundesministerium darüber einig, dass

die Aufteilung in stationäre und ambulante Leistungsstrukturen

endlich aufgegeben werden muss. Allein dies ist Triebfeder für eine

fundamentale Veränderung des Leistungssystems der Eingliederungshilfe

für Menschen mit Behinderungen.

Kommen wir zu einem weiteren rechtlich basierten Thema, das in

entscheidender Weise heute schon einen Teil der Menschen mit

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Behinderungen und ihrer Familien in herausragender Weise berührt.

Dies ist die UN‐Behindertenrechtskonvention die ihre Folgewirkungen

zurzeit im Bereich der Bildung und der Kindertageseinrichtungen

zu entfalten beginnt. Der sich durch die UN‐

Behindertenrechtskonvention ziehende rote Faden ist, um dies

einmal negativ zu formulieren, der des Verbotes exkludierender

Strukturen und Leistungen. Also könnte ich in diesem Zusammenhang

es so ausdrücken, dass, geht man vom Willen der UN‐

Behindertenrechtskonvention aus, alle Sonderformen, die sicherlich

aus guten und verständlichen Gründen in der Vergangenheit für behinderte

Menschen in ihren unterschiedlichen Lebensphasen entwickelt

wurden, aufzulösen sind.

Der Streit, der sich im Sektor der inklusiven Bildungsangebote zurzeit

abspielt, macht deutlich, mit welch erheblichen Veränderungen

und Verwerfungen wir auch in den anderen Bereichen zu rechnen

haben werden. Dabei ist mir bewusst, dass viele unter uns der Auffassung

sind, dass sich die Ziele der Konvention bei uns gar nicht im

Einzelnen umsetzen lassen werden, sei es aus fachlichen Gründen –

bestimmte Behinderungsarten benötigen immer besondere Leistungsstrukturen

–, sei es aus finanziellen Gründen – wer soll das bezahlen

–.

Ich habe dazu keine fertigen Antworten; jedoch bin ich der tiefen

und festen Überzeugung, dass sich zwar langsam, aber dann mit erheblicher

Kraft und Wirkungsmacht die Menschen mit Behinderungen,

ihre Angehörigen und gesetzlichen Betreuer sowie ihre Interessensorganisationen

dieses roten Fadens der UN‐

Behindertenrechtskonvention bemächtigen und damit deren strin‐

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gente und nachhaltige Umsetzung in unserer Gesellschaft einfordern

werden. Das Beispiel der Inklusiven Schule spricht meines Erachtens

genau für diese Vision, sodass ich aus heutiger Sicht eines

im Feld der Eingliederungshilfe tätigen Leistungserbringers nur fordern

kann, dass wir uns schon vorausschauend aktiv an der Veränderung

der Strukturen im Sinne der Behindertenrechtskonvention

beteiligen sollen; mit Projekten, mit Modellen Strukturveränderungsprozesse

ausprobieren, analysieren und auf ihre Realisierung

hin überprüfen sollten und uns damit an die Seite der Menschen mit

Behinderungen und ihrer Interessensorganisation im Sinne einer

Partnerschaft, eines Bündnisses stellen müssen.

Eine andere vor uns stehende Veränderung ist gekennzeichnet

durch den Terminus „Pflegebedürftigkeitsbegriff“. Die Untersuchungen

dazu, das vorliegende Gutachten und der sich daraus ergebende

Streit zeigen, dass sich die bislang sehr starr voneinander getrennten

Systeme der Pflege und Eingliederungshilfe mit dem neuen

Blick auf den individuellen Pflegebedarf, den der Pflegebedürftigkeitsbegriff

aufnimmt, aufeinander zubewegen. Kongruenzflächen

der Eingliederungshilfe und der Pflege werden größer, was vor allen

Dingen für behinderte Menschen mit hohem Pflegebedarf und pflegebedürftige

Menschen mit Behinderungen auch in hohem Alter

neue, veränderte, wesentlich mehr personenzentrierte, miteinander

vernetzte Leistungsmöglichkeiten eröffnet.

Und dann gab es nicht unwesentliche Veränderungen in der Eingliederungshilfe

in den letzten Jahren, die zum größten Teil für zukünf‐

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tige weitere Entwicklungsvorhaben schon Grundsteine gelegt haben.

Das sind stichwortartig erwähnt folgende Elemente:

Konversionsprozesse:

Einige Großeinrichtungen in der Bundesrepublik haben begriffen,

dass sie sich mit Blick auf die Zukunft ihrer Leistungen

und der Nachfrage durch behinderte Menschen umwandeln

müssen, ihre geschlossenen Systeme aufgeben und sich hin

zu offenen Strukturen entwickeln müssen.

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Verringerung stationärer Plätze:

In unterschiedlicher Weise haben vor allem freigemeinnützige

Anbieter von stationären Leistungsangeboten des Wohnens

ihre Platzzahl im Einvernehmen mit den Sozialhilfeträgern reduziert,

beziehungsweise werden sie weiter reduzieren. Wir

in Hamburg haben etwa 30% aller stationären Plätze der Eingliederungshilfe

in der Zwischenzeit abgebaut. Das entwickelt

eine ganz erhebliche Innovationskraft, ist das doch mit einem

gleichzeitigen Anstieg der Nachfrage durch Menschen mit Behinderungen

aller Altersgruppen verbunden, auf die nicht

mehr nur mit dem Leistungsangebot stationärer Plätze geantwortet

werden kann.

Ambulantisierung:

Das ist nun die Schwester der eben aufgeführten Verringerung

stationärer Plätze. Tue ich das eine, benötige ich als

Pendant andere Leistungsangebote, die eben nicht mehr im

stationären Setting strukturiert sind, sondern ausdrücklich differenzierte

ambulante Angebote beinhalten und damit an die

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Leistungserbringer ganz andere Anforderungen stellen, als

dies im stationären Kontext der Fall war.

Differenzierung von Wohnangeboten:

Dieser Begriff weist schon den Weg dahin, dass es nicht mehr

ein Schwarzweiß im Sektor Wohnen geben kann, sondern

dass Menschen mit Behinderungen der unterschiedlichsten

Art und Schwere aus ihrer persönlichen Lebenssituation heraus

sehr differenzierte und eigene Vorstellungen davon haben,

in welcher Lebenssituation sie einen kürzeren oder längeren

Lebensabschnitt verbringen wollen. Das zieht eine Differenzierung

von Wohnangeboten nach sich.

Pflegethemen nehmen zu:

Dies liegt nicht nur am steigenden Alter von Menschen mit

Behinderungen, sondern auch an der Tatsache, dass immer

mehr auch sehr junge Menschen mit schweren Behinderungen

besondere Ansprüche an behinderungsbedingte Pflege

stellen.

Exkurs

Pflegeausbildung

Sozialräumlichkeit:

UN‐Behindertenrechtskonvention, Konversionsprozesse, Ambulantisierungsvorhaben,

differenzierte Wohnformen, all das

sind unverzichtbare Bestandteile von Konzentrationsprozessen

auf sozialräumliche Vernetzung und Verankerung.

Aber: Sozialraum ist nicht der Raum, der von den Mauern einer

Großeinrichtung umgeben wird; Sozialräume sind die

Quartiere, in denen Sie und ich leben. Hier. Also mitten unter

uns.

Menschen mit Behinderungen unterschiedlichster Art und

Schwere Raum zum Leben, zu Bildung, zu Arbeit, also Raum

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zu ihrer Entwicklung zu schaffen, ist unsere gemeinsame Aufgabe

und Herausforderung.

Die Finanzsituation öffentlicher Haushalte tut ein Übriges, um

Strukturveränderungen zu beschleunigen. Natürlich ist der Impetus

des Sozialhilfeträgers nicht in erster Linie – um das vorsichtig auszudrücken

– in seiner Innovationsbereitschaft zu finden, sondern er

speist sich aus dem Druck der Verfügbarkeit öffentlicher Finanzen.

Daraus folgt ein ansteigender Druck auf die Höhe der Vergütungen

und Kostensätze, die nicht nur auf die Republik betrachtet trotz fast

gleicher Leistungsinhalte unterschiedlicher nicht sein können. Aber

das ist ein eigenes Thema.

Mit Blick auf den vorhin genannten Prozess der ASMK und den neuen

Pflegebedürftigkeitsbegriff wird klar, dass Sozialhilfeträger die

Erschließung vorrangiger Leistungen im Bereich der Pflege und in

der Krankenhilfe vorantreiben.

Das gilt auch und besonders für seelisch behinderte, psychisch kranke

Personen.

Bei dem eben erwähnten Druck auf die Höhe der Vergütungen und

Kostensätze ist schon angedeutet, dass der Weg in die Angleichung

der bisher unterschiedlichen Kostensätze gehen wird. Ob dies im

Endeffekt Einheitsvergütungen auf kommunaler oder länderbezogener

Ebene bedeutet oder in Korridorlösungen mündet, sei dahingestellt.

Aber aus der Perspektive behinderter Menschen ist es

wichtig, für gleiche Qualität bei gleicher Leistung einen Preis zu zahlen,

dessen Zusammensetzung auch noch nachvollziehbar und

transparent ist. Allein letzteres kann aus der Forderung des Ver‐

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aucherschutzgedankens nach dem Wohnbetreuungsvertragsgesetz

letztendlich geschlussfolgert werden.

Mit dieser Tour d` Horizon gestatte ich mir zum zweiten Teil meiner

Ausführungen zu kommen.

Hier möchte ich mich mit den Folgen für Assistenzleistungen für behinderte

Menschen aus den Dingen beschäftigen, die ich angesprochen

habe.

In der Hauptsache sind das m. E.:

Wir werden keine festen Strukturen im Sinne von erratischen

Blöcken mehr in der Leistungslandschaft haben, die sich ganz unmittelbar

und über einen langen Zeitraum der Lebensabschnitte an

Menschen mit Behinderungen richten beziehungsweise von ihnen

selbst als Leistungen und Assistenzen gefordert werden. Das trifft

die Eingliederungshilfe im Kern selbst. Es geht zukünftig nicht um

das Begriffs‐ und Strukturpaar stationär und ambulant. Es geht darum,

auch von uns Leistungserbringern den Wechsel in der Perspektive

zu fordern.

Die Fragestellung: Was ist aus Sicht behinderter Menschen für ihre

jeweilige Lebenssituation, für ihren Lebensentwurf das richtige, von

ihnen akzeptierte, ja besser gesagt: von ihnen geforderte Assistenzangebot

Also nicht die Aufforderung an Menschen mit Behinderung, sich aus

dem Leistungsangebot, das wir vorhalten, das der Sozialhilfeträger

bislang noch finanziert, das auszusuchen, was ihm angeboten wird,

sondern aus der Kraft ihrer Möglichkeiten – und seien sie noch so

begrenzt – nötigenfalls auch mit der entsprechenden Assistenz das

an Leistungen und Assistenzen einzufordern, was man selbst zu

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auchen meint. Dieses Umdenken wird flankiert durch die eingangs

genannten rechtlichen Veränderungen ganz besonders durch den

roten Faden der UN‐Behindertenrechtskonvention.

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Die Auflösung fester Strukturen zeigt sich auch leistungsübergreifend.

So wird der Grenzzaun zwischen Eingliederungshilfe und Pflege

löchriger, gelegentlich gibt es da schon richtig große Türen, die vielversprechende

Aussichten eröffnen.

Dabei ist übrigens die Tatsache, dass der Sozialhilfeträger immer

häufiger und im immer größeren Umfang für die ergänzenden Leistungen

der Hilfe zur Pflege nach § 62 SGB XII finanziell verantwortlich

ist, ganz besonders tonangebend für Veränderungsmöglichkeiten

und den Druck den er dazu ausübt.

Ähnliches gilt – allerdings nicht forciert aus der Sicht der Sozialhilfeträger

– für die Öffnung der Leistungen der häuslichen Krankenpflege

nach § 37 SGB V. Hier haben wir ganz erhebliche rechtliche Auseinandersetzungen

trotz eigentlich eindeutiger Rechtslage mit den

Krankenkassen, wenn es um Leistungen in der häuslichen Krankenpflege

in Einrichtungen der Eingliederungshilfe geht.

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Und eine zweite Veränderung betrifft das Wohnen und die Assistenz

im Sinne einer pauschalierten Gesamt‐/Rundumversorgung im

früheren und jetzigen Sinne, die auch noch darauf ausgerichtet ist,

möglichst große Gruppen leistungsmäßig und damit auch finanziell

zusammenzufassen. Diese Strukturen, die mit Individualität und

Personenzentrierung aus der Wahrnehmung und Perspektive des

Menschen mit Behinderungen wenig zu tun haben, mit seinen Vor‐

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stellungen nur in geringer Weise kompatibel sind, werden sich verändern,

sind aufzulösen hin zu personenzentrierten differenzierten

Assistenzangeboten, die eine möglichst große Kongruenzfläche zu

den individuellen Wünschen darstellen.

Die Nachfrage – und Angebotsperspektive wird sich – forsch formuliert

– um 180 Grad wenden müssen. Hat heute der Mensch mit Behinderungen

die Möglichkeit aus dem vorhandenen Angebot das

auszusuchen, was für ihn einigermaßen akzeptabel ist, beziehungsweise

was von seinen Angehörigen und besonders dem Sozialhilfeträger,

aber auch den Leistungsakteuren vor Ort überhaupt an Leistungen

angeboten wird, so wird er zukünftig mit seiner Nachfragesituation

das an Leistungen abfordern, was er für sich in seiner Lebenssituation,

in seinem Lebensabschnitt für erforderlich und angemessen

hält. Dazu wird der Sozialhilfeträger im Sinne der Gesamtplankonferenz

ein entsprechendes Tableau realisieren und diese

Perspektivänderung damit befördern.

Mit diesen abstrakteren Hinweisen komme ich jetzt zu meinem dritten

Teil, der sich mit einigen konkreten Beispielen aus unserer Praxis

in der Freien Hansestadt Hamburg beschäftigt. Ausdrücklich sei

bemerkt, dass nicht alles aus der großstädtischen Struktur in ländliche

Bereiche übertragbar ist. Jedoch möchte ich davor warnen, die

ländliche Struktur als ein entscheidendes Verhinderungsargument

dafür zu nehmen, dass innovative sozialräumliche Konversionen

nicht möglich sind.

Mit der Entscheidung bei uns, 30% der stationären Plätze tatsächlich

abzubauen, war unmittelbar verbunden, ein entsprechend anders

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geartetes differenziertes ambulantes Assistenzangebot nach den

Wünschen von Menschen mit Behinderungen aufzubauen.

So halten wir heute neben noch traditionell verankerten stationären

Angeboten differenzierte Formen der Assistenzen in Wohngemeinschaften

unterschiedlicher Größe bis hin zu partnerschaftlichem und

allein gestaltetem Wohnen vor. Hier ist der Mensch mit Behinderung

immer derjenige, der darüber entscheidet in welcher Lebenssituation

er wo leben und Assistenz abrufen möchte. Wir haben mit

dem Sozialhilfeträger vereinbart, dass zwischen den einzelnen Leistungsangeboten

zu jedem Zeitpunkt eine Veränderungsmöglichkeit

für den Menschen mit Behinderung besteht. Er ist also auf die einmal

von ihm gewählte Entscheidung in einer bestimmten Wohnstruktur

zu leben, nicht dauerhaft festgehalten, sondern kann sehr

wohl mit aller Unterstützung zum Beispiel temporär in eine Wohnsituation

mit festeren Assistenzstrukturen wechseln.

Das Schaubild hier mag es ihnen etwas verdeutlichen.

Diese Struktur ist im Prinzip in der gesamten Freien Hansestadt

Hamburg von den verschiedenen Akteuren der Eingliederungshilfe

organisiert und realisiert.

Daraus ergibt sich dann die unmittelbare Folge, dass wir seit einiger

Zeit überlegen und dazu auch Modellprojekte organisiert haben, wie

wir bestimmte Leistungsangebote sozialraumorientiert, trägerübergreifend

zu allseitigem Nutzen ressourcenschonend und Synergieeffekte

realisierend umsetzen. So haben wir auf die regionalisierte,

quartiersbezogene Wohn‐/Assistenzstruktur eine Treffpunktstruktur

aufgesetzt, die dem Menschen mit Behinderung ermöglicht, sozialräumliche

Kontakte verlässlich knüpfen und erhalten zu können. Um

dabei zu verhindern, dass wir diese Treffpunkte trägerbezogen als

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trägereigene, also solitäre Situationen organisieren und finanzieren,

haben wir träger‐ und sogar verbandsübergreifend mehrere Treffpunkte

in Hamburg erfolgreich initiiert und realisiert und werden

dies nach Auswertung der Erfahrungen zum gemeinsamen Finanzund

Personalmanagement weiter vorantreiben.

Ähnliches gilt für die Sicherstellung von Hintergrunddiensten in der

Nacht. Hier greifen wir immer häufiger auf die vorhandenen regionalen

Angebote anderer Leistungserbringer, vornehmlich der Pflegeanbieter,

zurück und können somit auch für kleinere Wohn‐

/Assistenzeinheiten solche Hintergrunddienste anbieten.

Sie sehen aus der Übersicht, wie aus den verschiedenen Angeboten,

die es in der Vergangenheit in der Regel solitär gab, heute eine vernetzte

Struktur wird, aus der sich der Mensch mit Behinderungen

sehr wohl sehr persönlich passende Assistenzangebote aussuchen

kann.

Das kombinieren wir mittlerweile auf der Ebene von drei großen

Anbietern der Eingliederungshilfe mit der Installation eigener Pflegedienste,

die als Spezialpflegedienste für die Pflege behinderter

Menschen zugelassen sind. Damit haben wir die Möglichkeit eröffnet,

Menschen mit Behinderung dann, wenn sie dies wünschen,

Eingliederungshilfe und Pflegeleistung mit hoher behinderungsspezifischer

Kompetenz aus einer Hand anzubieten. Für Wohngemeinschaften,

die sich an den speziellen Personenkreis der Menschen

mit Schädel/Hirntraumata und neurologischen Störungen richten,

haben wir mit dem Sozialhilfeträger Hamburg Vereinbarungen nach

§ 75 SGB XII abgeschlossen, die Eingliederungshilfeleistungen und

Pflegeleistungen so zueinander führen, dass wir selbstverständlich

unter Beachtung der Anforderungen aus dem SGB XI Pflege und Ein‐

Hinweis:

Aktion

Mensch

finanziert

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gliederungshilfe vernetzt mit Synergieeffekten versehen umsetzen.

Menschen mit Behinderungen wissen dies im hohen Maße zu schätzen,

ist doch ihr Koordinationsaufwand geringer, können sie wesentlich

verlässlicher mit ihren Partnern der Eingliederungshilfe und

Pflege zugleich die erforderlichen Assistenzen des Alltages absprechen

und sichern.

Allerdings – dies sei mit Offenheit bemerkt – bedurfte und bedarf

dies deutlicher Veränderungen in den Arbeitsstrukturen unserer

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die anders als in der Vergangenheit

nicht mehr in festen, stationär geprägten Dienstrhythmen arbeiten,

sondern fast ausschließlich nur noch – wie eigentlich im ambulanten

System insgesamt üblich – nach den Verabredungen zwischen

ihnen und den Menschen mit Behinderungen.

Und dazu haben wir uns seit langer Zeit spezialisiert auf therapeutische

Leistungen (Ergotherapie, Physiotherapie, Logopädie) für behinderte

Menschen, sind auch hier aus der stationären Situation

herausgegangen und bieten diese Leistungen im Wohnquartier, an

Schulen, in Werkstätten und in Kitas an, wobei sich dies selbstverständlich

noch von den Wegezeiten her rechnen muss. Dadurch erreicht

der Mensch mit Behinderungen und auch hohem Pflegebedarf

eine hohe Dichte von Assistenzleistungen, die er in seiner speziellen

Lebenssituation benötigt.

Wir sind damit noch lange nicht völlig auf dem Gleis der Veränderungen

und Innovationen. Wir haben aber damit Strukturen der

Vergangenheit so verändert, dass sich Menschen mit Behinderungen

in jedem Alter aus ihrer Perspektive heraus mit ihren Anforde‐

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ungen an uns wenden können und wir eine Antwort auf ihre Wünsche

und Forderungen haben.

Und das ist wie fast selbstverständlich mittlerweile gepaart damit,

dass Menschen mit Behinderungen ihre Assistenzen auch wechseln.

Wir üben uns als freigemeinnützige Anbieter seit kurzer Zeit auch

darin, nicht mehr an unseren Klienten festzuhalten, sondern unterstützen

Assistenzwechsel, weil wir wissen, dass sich solche Offenheit

bei Menschen mit Behinderung, ihren Angehörigen und gesetzlichen

Betreuern letztendlich auszahlt.

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Nun können Sie fragen, wo denn die speziellen Angebote, Leistungen

und Strukturen für alte behinderte Menschen mit Pflegebedarf

geblieben sind

Die, oder besser: unsere Antwort darauf ist:

Wir wollen unsere Leistungen und Angebote in der hier vorgestellten

Weise eben so differenzieren, dass es im Grundsatz keiner Sonderformen

bedarf. Wir wollen, dass unsere Assistenzangebote von

behinderten Menschen aller Behinderungsarten und unabhängig

vom Alter und Pflegebedarf nachgefragt werden können.

Das vollzieht der Sozialhilfeträger mit seinem Verhalten in den Gesamtplankonferenzen

und den Bewilligungen dann, wenn er an den

Synergien, die sich aus der Vernetzung von Eingliederungshilfe und

Pflege ergeben, finanziell partizipieren kann.

Sollte in seltenen Fällen ein Wechsel in ein normales Alten‐ und

Pflegeheim in Frage kommen, dann nur dann, wenn dies der

Mensch selber wünscht und wir in unserem Kontext Eingliederungshilfe

und Pflege spezielle Leistungen nicht erbringen können.

Hinweis auf

partielle

Anrechnung

Pflege

SGB XII auf

Eingliederungshilfe

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Damit meine sehr verehrten Damen und Herren, habe ich hoffentlich

ihnen eine Reihe von strukturverändernden Situationen aufgezeigt,

den Kontext, warum dies aus meiner Sicht auch notwendig ist,

aufgezeigt und ihnen Mut gemacht, selbst, soweit sie in dieser Thematik

in ihrem Arbeitsalltag zu tun haben, Hand an tradierte Strukturen

zu legen und in den innovativen Prozessen im Sinne der Behindertenrechtskonvention,

die keineswegs vor alten behinderten

Menschen mit Pflegebedarf haltmacht, voranzuschreiten.

Haben Sie weitergehende Fragen, wollen Sie Vereinbarungen kennen

lernen, wenden Sie sich gerne direkt an mich.

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Herzlichen Dank für ihre Aufmerksamkeit!

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