ICH BRINGE MICH UM

arschkrampe

Klaus Kamphausen

ICH BRINGE MICH UM

Das Leben ist (k)eine Alternative

© Verlag KOMPLETT-MEDIA GmbH

2011, München/Grünwald

www.komplett-media.de

Druck und Bindung:

Satz: Pinsker Druck und Medien, Mainburg

Printed in Germany


Über dieses Buch

Das Ende eines Lebensweges.

Der Tod ist Teil des Lebens. Und das Leben soll zumindest für den Menschen frei und

selbstbestimmt sein. Ist so auch ein selbstbestimmtes Lebensende naheliegend

Ein Mensch entscheidet sich zu einer letzten Tat: Er tötet sich selbst. Aber lassen seine

Verzweiflung, sein Schmerz, seine Depression, seine physische wie psychische

Verfassung eine freie Entscheidung überhaupt zu Und wäre das Leben eine

Alternative gewesen

In einer zunehmend funktionalen, konformistischen und alternden Gesellschaft, ist die

Selbsttötung ein Phänomen, das mehr und mehr Menschen persönlich betrifft.

Was sagen die großen Religionen Wie änderte sich die Haltung der Gesellschaft zur

Selbsttötung im Spiegel der Zeitgeschichte Kontrovers sind die Antworten der

Philosophen auf die vielleicht größte Frage des Lebens. Welche Bedeutung hatte und

hat die Selbsttötung in anderen Kulturkreisen Welche Verantwortung haben wir

Menschen gegenüber denen, die sich selbst töten wollen Welchen Anspruch dürfen

Staat, Kirche und Medizin auf den Einzelnen, der sich töten will, erheben Warum

wollen Menschen überhaupt ihr Leben vorzeitig beenden Und warum ist das Leben

eine Alternative

Dieses Buch fasst zusammen und gibt einen Überblick. Es ist Basiswerk für eine

informierte und verantwortliche Meinungsbildung.

Klaus Kamphausen, 1956 in Mönchengladbach geboren, lebt heute als

Dokumentarfilmer und Autor in München.

Der Autor


Inhalt

Versuch einer verständlichen Sprache

Seite XXX

Das treffende Wort

Tote Zahlen

Vergangene Zahlen

Das antike Ägypten

Das antike Griechenland und Rom

Pythagoras

Sokrates

Platon

Aristoteles

Hegesias

Epikur

Zenon von Kition

Lucius Annaeus Seneca

Von der Scham zur Schuld

Christliche Verdammung

Im Licht von Renaissance und Aufklärung

John Donne

Michel de Montaign

Montesquieu

Voltaire

Jean-Jaques Rousseau

David Hume

Thomas Hobbes, John Locke

Spinoza

Denis Diderot

Immanuel Kant

Johann Gottlieb Fichte

Giacomo Casanova

Arthur Schopenhauer

Ludwig Feuerbach

Friedrich Nietzsche

Anne Louise Germaine de Staël-Holstein

Von der Aufklärung zur Verklärung

Versuche der Erklärung (1800-1930)

Medizin

Soziologie

Psychologie

Suizidforschung

Esoterik

Lexika


Inhalt

Der Mythos des Sisyphos

Philosophen und Denker des 20. Jahrhundert

Albert Camus

Jean-Paul Sartre

Karl Jaspers

Karl Löwith

Wilhelm Kamlah

Jean Améry

Gerd Hirschauer

Die (Un)kultur der Selbsttötung in anderen Kulturen

Römer und Germanen

Maya

Die Alten von Keos

Die Zuruaha

Inuit

Sati

Seppuku Harakiri Kamikaze

Die Lehre von Gott und anderen Göttern

Theologie heute

Christentum

Judentum

Islam

Buddhismus

Hinduismus

Versuche zu verstehen und zu verhindern

Das Dilemma der Suizidologie

Fehl-geschlagen

Schuld Scham Stigma

Sterben lernen

Hospizbewegung und Palliativmedizin

Spiritual Care

Sterben wollen! Sterben helfen

Und nach dem Tod ...

Das Leben ist (k)eine Alternative


Inhalt

Anhang 1

Unterscheidung der verschiedenen Arten der

Selbsttötung nach dem Bundesamt für Statistik.

Anhang 2

Selbsttötungen weltweit pro 100.000 Einwohner

nach Staaten unterschieden.

Anhang 3

Liste der bekannten Personen,

die ihr Leben durch Selbsttötung beendet haben.

Anhang 4

Versuch der Selbsttötung von Kaiser

Napoleon Bonaparte nach einem

Augenzeugenbericht.

Anhang 5

Internetadressen, Adressen und Telefonnummern

zum Thema Suizidprävention und Krisenintervention,

für Beratung und Erste Hilfe.

Anhang 6

Der letzte Chat

Literaturliste

Danke


VERSUCH EINER VERSTÄNDLICHEN SPRACHE

„... und doch ist von allen, den Geist eingrenzenden Schranken, die unerträglichste die,

die uns verhindert Andere zu verstehen.“

Anne Louise Germaine de Staël-Holstein

Viele Menschen, die sich das Leben nehmen wollen, stecken in einer

Unverständlichkeit. Was heißt das

Sie können oder wollen sich anderen Menschen nicht mitteilen.

Oder:

Sie werden von anderen Menschen nicht verstanden.

Nicht gehört.

Überhört.

Oder:

Sie fühlen sich unverstanden.

Oder:

Sie verstehen andere Menschen nicht.

Oder:

Sie verstehen die Welt nicht mehr.

Oder:

Sie verstehen vielleicht sich selbst nicht.

Oder:

Tiefer Schmerz, Trauer oder Depression blockieren.

Manchmal sind es die Inhalte oder Umstände, die unverständlich bleiben. Weil sie zu

vielschichtig und kompliziert sind oder so erscheinen.

Meist ist es jedoch die Sprache selbst, die eine Verständigung von vorne herein

unmöglich macht.

Die Sprache des Philosophen - in seinem Bemühen sich so genau wie möglich

zu artikulieren - ist gespickt mit „Fremd-Worten“ aus dem Lateinischen und

Griechischen.

Das Gleiche gilt für die Formulierungen der Mediziner und Psychologen, der

Historiker, Theologen und Literaten.

Das „Fremd-Wort“, oft auch mit der Alibi-Bezeichnung „Fachbegriff“ tituliert, trägt

schon in seinem Namen den Keim der Unverständlichkeit. Jedes Fremdwort, das ich in

meiner Sprache benutze, entfremdet meine Sprache mehr. Es macht mich außerhalb

einer Elite, die mit der Bedeutung dieser Fremdworte vertraut ist, unverständlich.

Es ist schon erstaunlich, wie sich eine bestimmte intellektuelle Elite in

Deutschland über die gar so grässlichen Anglizismen in der deutschen Sprache

empört. Gleichzeitig bedienen sich diese Empörten einer Sprache voller Lehn- und

Fremdworte aus dem Griechischen und Lateinischen, gelegentlich auch des

Französischen. Damit wiederum bleibt die Elite auch in ihrer Empörung bei vielen

unverstanden und ungehört.

Eliten haben ohnehin einen Hang sich abzugrenzen und damit andere

automatisch auszugrenzen. Egal ob Macht- oder Bildungselite.

Das Wort „Elite“ stammt übrigens vom lateinischen „electus“ und bedeutet so viel wie

„auserlesen“.


Dieses Buch will nicht elitär sein, es will weder aus- noch abgrenzen.

Es will durch eine verständliche Sprache und eine breite, tabulose, wertfreie

Behandlung des Themas der Unverständlichkeit entgegentreten.

Trotz aller Versuche und Vorsätze verständlich zu sein, dieses Buch ist keine leichte

Lektüre, weil es ein Buch über das Leben ist.


DAS TREFFENDE WORT

Selbstmord.

Freitod.

Suizid.

Selbsttötung.

Das in der Umgangssprache immer noch geläufigste und meist gebrauchte Wort ist

„Selbstmord“. Während im Mittelalter noch von „Selbst-Entleibung“ gesprochen wurde,

taucht der Begriff „Selbstmord“ das erste Mal zu Beginn des 17. Jahrhunderts auf. Die

erste schriftliche Aufzeichnung des Wortes „Selbstmord“ ist 1643 bei dem Theologen

Johann Conrad Dannhauer belegt. Vermutlich geht das Wort auf Martin Luthers

Formulierung aus dem Jahr 1527 zurück: „sein selbs mörder“ (seiner selbst Mörder).

Aber schon der Kirchenvater Aurelius Augustinus nennt in seinem Werk „De

civitate Dei“, „Vom Gottesstaat“, im 4. Jahrhundert den Selbstmörder einen Mörder.

Das Buch ist jedoch in lateinischer Sprache verfasst.

Ein Mord ist ein Kapitalverbrechen. Meist eine Tat aus Heimtücke oder niedriger

Gesinnung. Der Gebrauch des Wortes „Selbstmord“ rückt den Menschen, der sich das

Leben genommen hat, automatisch in die Nähe des Verbrechers. Er hat etwas

Verbotenes getan. Er hat ein Verbrechen begangen. An sich. An anderen. Er hat sich

selbst und andere mit dieser Tat bestraft. Das Wort „Selbstmord“ bringt so eine extrem

negative Bewertung und Verurteilung mit sich, selbst wenn diese von dem Menschen,

der das Wort benutzt nicht beabsichtigt ist.

Der zweite Grund, den Begriff „Selbstmord“ abzulehnen, ist einfach vom

Verständnis der Sprache zu erklären. Zu einem Mord gehören immer mindestens zwei

Personen: Der Mörder, also der Täter, und sein Opfer. Wenn sich aber ein Mensch

umbringt, ist nur eine Person beteiligt. Diese ist zugleich Täter und Opfer. Diese eine

Person fasst den Entschluss, sie führt den Tod durch eigene Hand oder Handlung

herbei und erleidet ihn.

Das Wort „Freitod“ geht auf Friedrich Nietzsches Werk „Also sprach Zarathustra“

(1884) zurück. In der „Rede vom freien Tode“ heißt es:

„Viele sterben zu spät, und einige sterben zu früh. Noch klingt fremd die Lehre:

»stirb zur rechten Zeit!« (...)

Wichtig nehmen Alle das Sterben: aber noch ist der Tod kein Fest. Noch

erlernten die Menschen nicht, wie man die schönsten Feste weiht.

Den vollbringenden Tod zeige ich euch, der den Lebenden ein Stachel und ein

Gelöbnis wird.

Seinen Tod stirbt der Vollbringende, siegreich, umringt von Hoffenden und

Gelobenden.

Also sollte man sterben lernen; und es sollte kein Fest geben, wo ein solcher

Sterbender nicht der Lebenden Schwüre weihte! (...)

Meinen Tod lobe ich euch, den freien Tod, der mir kommt, weil ich will.

Und wann werde ich wollen – Wer ein Ziel hat und einen Erben, der will den Tod zur

rechten Zeit für Ziel und Erben.“ 1

Der Gebrauch des Wortes „Freitod“ beinhaltet eine freie Entscheidung des

Handelnden. Ob diese Freiheit bei verzweifelten, depressiven, schwer kranken

1 Friedrich Nietzsche: Werke in drei Bänden. München 1954, Band

2, S. 333-336.


Menschen wirklich gegeben ist, bleibt bis heute Streitpunkt. Durch die Vermeidung des

Wortes „Freitod“ soll dieser Diskussion nicht vorweg gegriffen werden.

Das Wort „Suizid“ vom lateinischen “sui caedere“, „sich töten“, ist ein neutraler, meist

von der Wissenschaft und der Medizin genutzter Begriff. Er ist klinisch, kühl, ohne

Anklang an Leben oder Tod, ohne Ahnung für diese einmalige und gewaltige Tat.

„Selbsttötung“ ist die mehr oder weniger eingedeutschte Version des Begriffs „Suizid“.

Mit dem Wort „Selbsttötung“ lässt sich (nach Meinung des Autors) das Thema

möglichst vorurteilsfrei, wertfrei, objektiv und neutral beschreiben. Es beinhaltet das

„Selbst“ und die „Tötung“. Zum eindeutigen Verständnis sei hinzugefügt: Wenn von

„Selbsttötung“ die Rede ist, dann ist sie natürlich im Sinne einer nicht von einer dritten

Person erzwungenen Selbsttötung gemeint.

Verbale Konstruktionen sind oft noch treffender als die oben angeführten Substantive.

Sie transportieren das aktive Handeln der Person deutlicher und unmittelbarer.

Zwei Ausnahmen sind jedoch die Formulierungen „Hand an sich legen“ und „sich

das Leben nehmen“. Beide Redewendungen sind extrem verharmlosend. Wie oft legt

jeder Mensch am Tag Hand an sich, wenn er sich die Hände wäscht, wenn er sich

kratzt, wenn er sich die Nase putzt, wenn er sich durch die Haare fährt. Hand an sich

legen ist eine alltägliche, harmlose, oft nützliche Tätigkeit. Das gleiche gilt für das Verb

„nehmen“. Ich nehme mir einen Kaffee, eine Zigarette, einen Apfel, eine Zeitung....

Keine dieser beiden Formulierungen trifft das, wovon in diesem Buch die Rede

sein soll.

Der Titel dieses Buches verharmlost nicht.

„Ich bringe mich um!“ ist eine Aussage, die jeden auf der Stelle erbeben, erschrecken,

erzittern lässt. Die niemanden unberührt lässt. Die vier Worte treffen wie ein schwerer

Schlag. Sie tragen die Energie, die Gewalt, das Zerstörerische, das Unumkehrbare,

das Endgültige, das Einmalige, das Folgenreiche, aber auch die Verzweiflung, die

Ausweglosigkeit, die Unverständlichkeit, das Menschliche und das Unmenschliche der

Selbsttötung.

Vielleicht auch die Erlösung


LESEPROBEN AUS DEM MITTELTEIL DES BUCHES

--

Mediziner und Pharmazeuten weisen eine deutlich höhere Rate an Selbsttötungen auf

als die Allgemeinbevölkerung. Bei den Ärzten liegt die Rate mehr als drei Mal so hoch

wie bei den Männern, bei den Ärztinnen ist die Rate mehr als fünf Mal so hoch wie der

Durchschnittswert der anderen Frauen. (2006)

--

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation, WHO, sterben jährlich weltweit etwa

eine Million Menschen durch Selbsttötung. 10 bis 20 Mal so hoch ist die geschätzte

Zahl der gescheiterten Versuche.

Oder: Alle 40 Sekunden nimmt sich auf dieser Erde ein Mensch sein Leben!

--

Wie verdutzt wäre der Patient, der seinen Arzt um Sterbehilfe bittet, und dieser dann,

weil er der Bitte seines Patienten nicht nachkommen kann Selbsttötung begeht

--

Der stramme, unerbittliche Kirchemann Aurelius Augustinus beschäftigte sich in seinen

Werken unter anderem auch mit den Themen Keuschheit und Selbsttötung und kam in

diesem Zusammenhang auch auf Lucretia zu sprechen. Eine Frau - ob Sagengestalt

oder Wirklichkeit – deren Vorbildlichkeit an Tugend seit mehr als 900 Jahren

hochgehalten wurde, die schon zur damaligen Zeit ein Mythos war, stürzte er vom

Sockel und stieß sie in den Dreck.

---

Noch einmal lesen. Dann tief Luft holen: In diesen und ähnlichen Schriften wurden die

ethischen Werte der Antike auf dem Altar Gottes zerschlagen. Augustinus macht aus

einer Selbsttötung aus Scham einen Selbstmord aus Schuldbewusstsein. Kurz gesagt

und noch einmal wiederholt: Lucretia war nicht keusch und hat sich deswegen getötet.

Sprich, sie hatte mit Lust und/oder mit ihrer Einwilligung den Akt der Vergewaltigung

passieren lassen.

--

Wer heute das Wort „Selbstmord“ benutzt, und mag es noch so gebräuchlich weil

umgangssprachlich sein, der sei an die Worte des Augustinus erinnert:

„Allerdings nämlich ist (...) auch der Selbstmörder ein Mörder,(...)“

Die Wertung, die mit diesem Wort einhergeht, ist für Täter-Opfer und die

Hinterbliebenen gleichermaßen unerträglich. In diesem Zusammenhang wird die

(zerstörerische) Macht der Sprache zu sehr unterschätzt.

--

Aber was Matthäus und die anderen Schreiber des Neuen Testamentes versäumt

haben, holt Kirchenvater Augustinus nach. Er argumentiert Judas in wenigen Sätzen

vom Verräter zum Verbrecher im doppelten Sinne. Wobei sein „Selbstmord“ als

Verbrechen noch schwerer zu bewerten ist als sein Verrat.

--

Wer sich selbst tötet aus welchem Motiv auch immer macht sich also laut Augustinus

nach dem 5. Gebot vor Gott strafbar. Er begeht eine Todsünde. Und wie vorher schon

klar gesagt, steht er mit dem Mörder auf einer Stufe.

Augustinus liefert das Gedankengut aus dem Philosophen, Kirchenlehrer, Päpste und

Konzile in den nächsten Jahrhunderten den Selbstmörder zu einem Schwerverbrecher

machen, der sich an Gott, an der Gesellschaft und sich selbst vergeht.

--


LESEPROBEN AUS DEM MITTELTEIL DES BUCHES

Auf den Synoden und Konzilen wurden immer weitere Kirchengesetze gegen

Selbstmord und Selbstmörder festgeschrieben: Auf dem zweiten Konzil in Orleans, 533

wurde der Selbstmord als schlimmstes aller Verbrechen verurteilt. Auf dem Konzil von

Toledo, 693, wurde beschlossen, dass Selbstmörder auch posthum exkommuniziert

werden.

--

Der Priester und große Philosoph Giordano Bruno (1548-1600), selbst von der

Inquisition der Ketzerei und Magie für schuldig befunden und zum Tod auf dem

Scheiterhaufen verurteilt, bezeichnete Selbstmörder als die „Märtyrer Satans“.

--

Selbstmörder haben mit ihrem Verbrechen eine Sühne unmöglich werden

lassen. Sie wurden exkommuniziert. Sie hatten kein Anrecht auf ein kirchliches

Begräbnis innerhalb der Friedhofmauern. Die Leichen wurden zum Galgen geschleppt,

an den Füssen aufgehängt und zur öffentlichen Schändung und Schmähung

freigegeben. Der Selbstmörder wurde posthum enteignet. Der Selbstmordversuch

wurde, wenn gescheitert, vor Gericht gebracht. Der Angeklagte, der Selbstmörder, der

bei dem Versuch sich selbst zu morden gescheitert war, wurde dann nicht selten mit

dem Tode bestraft. Wenn er Glück hatte, kam er „nur“ ins Zuchthaus oder wurde des

Landes verwiesen.

--

Kirche, Staat und Gesellschaft ließen Jahrhunderte lang rohen Sadismus walten, wenn

es um die Verurteilung und Behandlung eines Menschen ging, der sich selbst getötet

hatte oder dieses versucht hatte. Das Gedankengut aus dem dieses abartige Verhalten

erwuchs war eine faulige Mischung aus vorgegebner Moral von rigider, kirchlicher wie

weltlicher Obrigkeit auf der einen Seite und aus Furcht und Unwissenheit des einfachen

Volkes auf der anderen Seite. Eine verderbte Mixtur aus Glaube, Gesetzt und

Aberglaube.

--

Vom Spuk der kirchlichen Dogmen waren die Philosophen im Mittelalter wie gelähmt.

Die, die sonst dem Aberglauben und der Religion ihr Gedankengut und ihre Schriften

entgegensetzten, schwiegen oder sprachen eben ganz im Sinne der kirchlichen Irrlehre

(bezogen auf den Selbstmord).

--

Zu Beginn der Neuzeit (1500) tauchten im Geist der Renaissance und Aufklärung trotz

strenger Gesetzgebungen von staatlicher und kirchlicher Seite mehr und mehr

Schriften auf, die den Selbstmord unter ethischen und moralischen Gesichtspunkten

legitimierten und die Selbstmörder endlich nach und nach aus dem Fegefeuer der

Verdammnis zogen, in dem die Kirche sie mehr als 1000 Jahre gegrillt hatte.

--

Das Ziel ist nicht, für die Selbsttötung zu plädieren. Die eigentliche Bedeutung dieses

Werkes liegt in seinem uneingeschränkten Eintreten für die Wiederherstellung der

Menschenwürde derer, die über Tausend Jahre von Kirche und Staat verdammt waren

– und die, die heute von der Medizin für psychisch krank erklärt werden.

--


LESEPROBEN AUS DEM MITTELTEIL DES BUCHES

Natürlich bezieht sich Goethe hier auf Kleopatras Tod. Goethe war nicht nur Dichter

und Schriftsteller, er war ein Universalgenie, das auch in den Naturwissenschaften

bestes bewandert war. Umso erstaunlicher ist es, wenn er die Selbsttötung durch den

Biss einer Natter, als die raffinierteste, schnellste und schmerzloseste Art bezeichnet.

Wollte er hier den Mythos, die Verherrlichung um den Tod der Kleopatra unangetastet

lassen, oder wusste er wirklich nicht, wie langsam und schmerzvoll der Tod durch den

Biss einer Natter ist

--

Unter Medizinern und Psychiatern herrscht bis heute die Meinung vor, dass der

Großteil der Menschen, die sich umbringen oder umbringen wollen, psychisch krank

waren beziehungsweise sind. Der Suizid ist also primär eine Folge von psychischer

Erkrankung. Umso besser sagen die Psychiater, denn psychische Krankheiten, vor

allem Depressionen, sind heute großteils heilbar beziehungsweise gut zu behandeln.

Und wer erfolgreich behandelt, also auch und vor allem medikamentiert wird, hat

keinen Hang mehr zur Selbsttötung. Die Selbsttötung bleibt in den Augen der

Psychiater und Mediziner eine nicht optimale Problemlösung. Die „freie“ Entscheidung

zur Selbsttötung ist ihrer Meinung nach so gut wie nie gegeben, weil Menschen, die

psychisch krank sind, nicht frei sind. Und der Großteil (Zahlen von 90 und 95 Prozent

werden von vielen genannt) der Menschen, die sich umbringen, sind psychisch krank.

Selbst wenn diese Zahlen stimmen sollten, selbst wenn sich bei einem Großteil

der Suizidenten eine psychische Erkrankung, belegen lässt, bleibt es

unwissenschaftlich und unerlaubt den Rückschluss zu ziehen und zu behaupten, diese

psychischen Erkrankungen seien die alleinigen, primären und wirklichen Ursachen für

eine Selbsttötung. Der amerikanische Psychologe James L. Werth schreibt dazu:

„ ... die Tatsache, dass jemand unter einer psychischen Störung litt, heißt nicht, dass

diese auch für seinen Tod (Selbsttötung) ursächlich war. Eine Korrelation kann nicht als

Ursache gesehen werden.“ 2

Die Aussagen und Schlüsse des medizinischen „Krankheits-Modells“, erinnern in

erschreckender Weise an den Dogmatismus der kirchlichen Verdammung.

Psychologen und Mediziner, die den Suizidenten grundsätzlich als kranken Menschen

sehen, die diesen Menschen die Möglichkeit der freien Entscheidung absprechen,

entmündigen die Menschen heute so, wie es die Kirche früher getan hat.

Der Respekt für den einzelnen, selbstbestimmten und freien Menschen bleibt

hier wie dort auf der Strecke.

--

2 James L. Werth: Rational Suicide, Washington 1996, S. 29.


Ob „bewusster Versuch“ oder „funktionales Handeln“ beides sprechen die meisten

Suizidologen heute den Menschen ab, die sich selbst töten oder versuchen sich selbst

zu töten. Damit stehen sie in der Tradition von Erwin Ringel, dem Begründer des

Zentrums für Suizidprävention in Wien (s.o.), der Suizidenten als „unreif“ und „asozial“

bezeichnete. Wen die genauere Begründung dazu interessiert, der kann diese in

Ringels Buch mit dem vielsagenden Titel „Der Selbstmord. Abschluss einer krankhaften

Entwicklung“ nachlesen.

Auf eine absurde Spitze treibt es der angesehene New Yorker Suizidforscher

und Psychiater Herbert Hendin. Er bezeichnet es schon als krankhaft, wenn sich vor

allem Künstler und Intellektuelle längere Zeit bewusst mit der Problematik der

Selbsttötung auseinandersetzen. Dass diese Diffamierung auf ihn selbst und seine

Kollegen aus der Suizidologie zutrifft, scheint Hendin übersehen zu haben.

Wer wie der amerikanische Psychologe James Hilman argumentiert „Selbstmord

ist Tod – und der ist der Feind“ 3 verlässt das naturwissenschaftliche und rationale

Terrain vollends und kämpft - um sich weiter seiner martialischen Sprache zu bedienen

- von vorneherein auf verlorenem Posten. Verlierer bei diesem Kampf sind alle, die sich

um eine menschenwürdige Diskussion des Themas bemühen.

Auch Professor Thomas Bronisch 4 vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie

entspricht dem vorherrschenden Konsens in der Suizidologie wenn er sagt:

„Schließlich ist es die Ambivalenz des Suizidgefährdeten selbst, die der Voraussetzung

für einen Freitod, nämlich einer freien Entscheidung für den Tod und gegen das Leben,

widerspricht.“ 5

In der Psychologie und Psychiatrie wird unter Ambivalenz das Nebeneinander von

gegensätzlichen Gefühlen, Gedanken und Wünschen verstanden.

Dieses Nebeneinander von gegensätzlichen Gedanken und Gefühlen schließt

nach Professor Dr. Bronisch eine freie Entscheidung aus. Es ließe sich allerdings auch

das genaue Gegenteil argumentieren, das sich nämlich ein freier, selbstständig

denkender Mensch dadurch auszeichnet, dass er in zahlreichen Situationen, Tag für

Tag gegensätzliche Gedanken und Gefühle abwägt und dann entscheidet.

Neben den vielen Suizidologen, die einer verschworenen Sekte gleich, den

Besserwisser-Anspruch erheben, sie hätten die primären Ursachen für die Selbsttötung

ebenso definiert, wie die entsprechenden Therapien etabliert, gibt es die Suizidologen,

die sich um eine weitere Entmystifizierung, Entstigmatisierung und um eine Öffnung der

Problematik zu allen Seiten hin bemühen.

--

3 James Hillman, Selbstmord und seelische Wandlung. Eine

Auseinandersetzung. Rascher, Zürich 1966, S.23.

4 Prof. Dr. med. Thomas Bronisch ist Oberarzt der psychiatrischen

Station 3. Auf dieser Station werden Patienten mit manischdepressiven

Erkrankungen, Psychosen, Angststörungen,

Zwangsstörungen, posttraumatischen Belastungsstörungen,

Suchterkrankungen und Persönlichkeitsstörungen pharmakologisch

sowie psycho- und sozialtherapeutisch in Gruppen und

Einzelbehandlung betreut.

5 Thomas Bronisch. Der Suizid. Ursachen-Warnsignale-Prävention.

C.H. Beck, München, 2007, S.124.


LESEPROBEN AUS DEM MITTELTEIL DES BUCHES

„Der Selbstmordversuch meiner Mutter liegt heute 30 Jahre zurück. Ich war 22 Jahre,

als ich sie mit aufgeschnittenen Pulsadern fand. Ich fühlte mich schuldig. Wir haben nie

darüber gesprochen.“

„Ich habe bis heute mit kaum jemandem darüber gesprochen, dass mein Vater sich

umgebracht hat.“

„Auch wenn mein Therapeut mir klar gemacht hat, dass ich keine Schuld am Suizid

meines Sohnes habe, - ich werde das Gefühl nicht los, als Mutter versagt zu haben.“

„Die meisten Menschen wollen mit dem Thema Suizid nichts zu tun haben.“

„Nur wenige Menschen wissen von meinem Selbstmordversuch.“

Zahlreiche Gespräche mit Menschen, die versucht haben, sich umzubringen und mit

Angehörigen von Menschen, die versucht haben, sich umzubringen oder sich

umgebracht haben, zeigen: Bei vielen bleibt ein Grundgefühl von Schuld, Scham und

Isolation zurück. Der Versuch der Selbsttötung oder die Selbsttötung eines

Angehörigen wird oft über Jahre totgeschwiegen.

Es stellt sich die Frage:

Lädt Selbsttötung auf die Angehörigen des Toten oder die Menschen, die versucht

haben sich umzubringen eine Schuld

Oder ist die Frage falsch formuliert Würde sie richtiger gestellt sein, wenn man

das Wort „Selbsttötung“ durch das Wort „Kultur“ oder „Gesellschaft“ ersetzt

Dann lautete die Frage:

Lädt unsere Kultur (Gesellschaft) auf die Angehörigen und die Menschen, die versucht

haben sich umzubringen eine Schuld

---

Besonders hart trifft es Eltern, wenn sich ihr Kind umgebracht hat. Tief getroffen von

Schmerz, Trauer und meist eigenen Schuldzuweisungen, finden sie sich auf einer

Anklagebank. Ihnen gegenüber die selbsternannten Kläger: Bekannte, Nachbarn,

Angehörige und natürlich staatliche Organe.

Die Frage der Schuld wird unweigerlich gestellt, von den einen laut und deutlich

formuliert, von den anderen hinter vorgehaltener Hand.

Wen wundert es, wenn sich viele Bezugspersonen von Menschen, die sich

selbst getötet haben, in ein selbst gewähltes Schweigen flüchten.

Menschen, die von der Selbsttötung eines Familienangehörigen betroffen sind,

machen gegenüber Dritten oft falsche Angaben zum Tod der jeweiligen Person, weil es

sie beschämt, oder weil sie sich nicht mit den „Oohs“, „Aaahs“ oder „Uuuhs“ des

jeweiligen Gegenübers auseinandersetzen wollen.

--


LESEPROBEN AUS DEM MITTELTEIL DES BUCHES

Um Schuld, Scham und Stigma im Zusammenhang mit der Selbsttötung zu begegnen:

Würde es helfen, wenn die Menschen lernen, Sterben und Tod wieder zu kultivieren

Das heißt, sich wieder intensiver mit den beiden komplexen, existentiellen Themen

Sterben und Tod zu befassen und diese Diskussion nicht einem elitären Expertenkreis

aus Medizinern und Bürokraten zu überlassen.

Wer sich mit Sterben und Tod befasst wird früher oder später auf die Frage

stoßen, reicht die rein funktionale, materialistisch naturwissenschaftliche Betrachtung

oder kommt man nicht darum herum, transzendente, metaphysische, spirituelle und

religiöse Aspekte miteinzubeziehen

Allein diese Fragestellung provoziert natürlich wieder die naturwissenschaftliche

Gemeinde. Aber es soll hier kein Weg zurückgegangen werden hinter die Zeit der

Aufklärung. Es geht darum, dass es jedem einzelnen Menschen zusteht, sich sein

individuelles Bild von Sterben und Tod zu machen, - abseits oder aber auch unter

Einbeziehung irgendwelcher selbstgewählter Ideologien, Religionen oder

Wissenschaften. Aber weder Religion, noch Ideologie, noch Wissenschaft haben

irgendeinen wie auch immer legitimierten Anspruch auf Vorrangstellung bei dieser

Meinungsbildung. Kann die Entmündigung des einzelnen Menschen zu seinem Sterben

und Tod ein Ende haben, wenn die Experten entmachtet werden

Eine wirklich offene, von allen Seiten respektvoll geführte Diskussion um

Sterben und Tod würde auch die Selbsttötung enttabuisieren und viele Menschen von

Schuld, Scham und Stigma befreien.

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