Broschüre Podium Pestalozzianum 2009

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Broschüre Podium Pestalozzianum 2009

Schulbezirken zugenommen, in denen sowohl grosszügige

finanzielle Mittel als auch Fachleute vorhanden waren. Die

interkantonalen Vergleichsstudien zeigen eine grosse Varianz

bezüglich der Angebotslage, die offenbar weniger von der

aktuellen Bedürfnislage der Lernenden, sondern vielmehr von

der Verfügbarkeit von finanziellen und personellen Resourcen

abhängig ist (Häfeli & Walther-Müller, 2005; Schweizerische

Koordinationsstelle für Bildungsforschung, 2006).

Der Wohnort bestimmt, ob ein Kind mit Migrationshintergrund

als ein «Fall» für Sonderklassen oder unterrichtsergänzenden

Stütz- und Förderunterricht erfasst wird. Insbesondere

die Chance zur institutionellen Diskriminierung

durch Zuweisung in weniger anspruchsvolle Schulformen

oder segregierte Sonderklassen ist am grössten in Bezirken,

die sich ein derart differenziertes Schulsystem leisten können.

In Schulbezirken, wo das Schulsystem strukturell stark differenziert

ist, werden die unattraktiven oder anforderungsarmen

Schulformen durch Lernende mit Migrationshintergrund

gefüllt. Vereinfacht formuliert: Die Chance institutioneller

Diskriminierung ist am geringsten in ärmlichen ländlichen

Gegenden, die aus finanziellen oder organisatorischen Gründen

kein differenziertes Schulsystem anbieten können.

Es ist nicht möglich, das Rad der Zeit zurückzudrehen.

Eine «Deprofessionalisierung» oder eine Abschaffung der

gezielten Einzelförderung ist weder denkbar noch wünschbar.

Die Notleidenden wären nicht nur die Lehrpersonen, sondern

auch die Lernenden. Umgekehrt sollte der massive Ausbau

des Stütz- und Fördersystems für Mehrsprachige jedoch keineswegs

als Erfolg für die Interkulturelle Pädagogik verbucht

werden. Das Ziel der Interkulturellen Pädagogik, den monokulturellen

Habitus von Schule aufzuweichen, ist nämlich

nicht gelungen. Im Gegenteil, die interkulturellen Fachleute

sind in der Praxis im Schatten der regulären Lehrkräfte tätig

und ermöglichen ihnen, sich so weit es geht der Heterogenität,

Multikulturalität und Mehrsprachigkeit zu entledigen.

Wie die Minarettinitiative unlängst für viele von uns erschreckend

gezeigt hat, wird am Mythos der Monokulturalität nicht

nur in der Schule sondern auch in der Gesellschaft unbeirrt

festgehalten. Die Delegation der «Ausländer» an Fachleute

ist somit nicht nur keine Lösung, sondern gewissermassen

zu einem Problem für ein multikulturelles Zusammenleben

in Gesellschaft und Schule geworden.

Bibliographie

Bildungsdirektion des Kantons Zürich (2009). Sonderpädagogische und

unterrichtsergänzende Massnahmen. Stand im Schuljahr 2007-08,

Entwicklungen und Vergleiche. Zürich: Kantonale Verwaltung.

Häfeli, K. & Walther-Müller, P. (Hrsg.). (2005). Das Wachstum des sonderpädagogischen

Angebots im interkantonalen Vergleich. Steuerungsmöglichkeiten

für eine integrative Ausgestaltung. Luzern:

Edition SZH / CSPS.

Kommission für Migrations- und Integrationsfragen Basel-Stadt

(2008). Gemeinsam mit Offenheit und Respekt. Fördern und Fordern.

Das Gesetz über die Integration der Migrationsbevölkerung.

Basel: Kantonale Verwaltung Basel-Stadt.

OECD (2009). Creating Effective Teaching and Learning Environments:

First Results from TALIS. Paris: OECD.

Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung (2006).

Bildungsbericht Schweiz. 2006. Aarau: Schweizerische Koordinationsstelle

für Bildungsforschung.

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Podium Pestalozzianum 2009

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