Broschüre Podium Pestalozzianum 2009

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Broschüre Podium Pestalozzianum 2009

Neben den oben erwähnten verbalen Aspekten verweist Dubs

(2009) auf Untersuchungen, die die Mimik und Gestik von

Lehrpersonen in Abhängigkeit ihrer unterschiedlichen Leistungserwartungen

thematisieren. Es bestätigt, was der zwölfjährige

Ben am Anfang des Textes sagt. Tief eingeschätzte

Kinder erhalten weit weniger Zuwendung! Etwa in der zweiten

Klasse nehmen Kinder diese Unterschiede klar wahr und

beginnen sie zu internalisieren.

Dies ist also der letzte Teil der Antwort auf die eingangs

gestellte Frage, wie es kommen kann, dass bestimmte Kinder

benachteiligt werden: Lehrpersonen selektionieren nach

Schicht, Fremdsprachigkeit und Geschlecht. Sie haben dafür

einen entsprechenden «pädagogischen Code» entwickelt

und legitimieren so ihre Entscheide. Lehrpersonen machen

Unterschiede, wie sie mit Kindern sprechen, getreu nach

dem Motto: Wer hat, dem wird gegeben, wer fast nichts hat,

dem wird der letzte Rest an Selbstwert genommen. Und sie

sind unterschiedlich grosszügig in der Art der nonverbalen

Zuwendung.

Zu behaupten, die Eltern hätten den grössten Einfluss auf

eine erfolgreiche schulische Laufbahn (Neuenschwander,

2009), stimmt wohl nur sehr bedingt. Mit ihrer Leistungserwartung

bestimmen die Lehrerinnen und Lehrer in hohem

Masse, ob die Kinder einen anspruchsvolleren Schultyp besuchen

können.

Bibliographie

Dubs, R. (2009). Lehrerverhalten. St. Gallen: SKV.

Haberlin, Imdorf, Kronig (2004). In: SKBF (Hrsg.), (2006). Bildungsbericht

Schweiz. Aarau: Schweizerische Koordinationsstelle für

Bildungsforschung.

Helmke, A. (2009). Unterrichtsqualität und Lehrerprofessionalität.

Seelze: Kallmeyer.

Hug, E. (2007). Bildungsgerechtigkeit und schulische Selektion. Widerspruch,

Ausgabe 52/07.

Hurrelmann, K. (2007). Kinder in Deutschland 2007. Frankfurt a. M.:

Fischer.

Jerusalem, M. (2002). Evaluation der schulbezogenen Selbstwirksamkeit

von Sekundarschülern. In: Zeitschrift für Pädagogik,

44. Beiheft, 2002

Kronig, W. (2007). Die systematische Zufälligkeit des Bildungserfolgs.

Bern: Haupt.

Neuenschwander, M. (2010). Ist Schule wirkungslos Nein, aber es

geht nicht ohne Eltern. Bildung Schweiz 1/2010.

Die Grenzen liegen in uns, die Möglichkeiten an uns!

Schon junge Kinder wissen genau, welche Bildungschancen

sie haben. Dies zeigt sich z.B. an den Bildungserwartungen,

die schon acht- bis zehnjährige Kinder haben. Nur gerade

zwanzig Prozent der Unterschichtkinder erwarten ein Abitur,

in der Oberschicht sind es achtzig Prozent (Hurrelmann,

2007). Kinder scheinen die Erwartungen, die mittels kommunikativer

Äusserungen gemacht werden, sehr schnell internalisiert

zu haben.

Wo liegen die Grenzen und die Möglichkeiten der Integration

Die Antwort fällt einfach aus: Die Grenzen liegen in uns, den

Lehrerinnen und Lehrer, an unseren Einstellungen und den

daraus entstehenden Leistungserwartungen.

Die Möglichkeiten liegen an uns, den Lehrerinnen und Lehrern,

in der Art und Weise, wie wir selektionieren, dies begründen

und schliesslich in der Art der Alltagskommunikation,

eben beim Fragen stellen, beim Warten, beim Loben und

Tadeln, beim Reagieren auf Fehler. Kinder sind allzu gut in

der Lage, die dahinter stehenden Erwartungen zu deuten und

auf sich zu beziehen mit allen üblen Folgen für den Selbstwert

und die Selbstwirksamkeit. Unschwer sich vorzustellen, dass

die ganze Klasse diese feinen Unterschiede wahrnimmt und

ihre Schlüsse zieht.

Dieter Rüttimann

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