Broschüre Podium Pestalozzianum 2009

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Broschüre Podium Pestalozzianum 2009

Prinzip in Frage gestellt ist. Die Kernaufgabe der Medien wäre

es, Informationen zu suchen, zu prüfen, ob sie denn stimmen,

zu überprüfen, denn es braucht zwei Quellen. Die Medien

sollten Informationen einordnen, sie in ihren Kontext stellen,

um sie überhaupt verstehen zu können. Damit sollen Informationen

auch gewichtet und erklärt werden können. Dieser

Vorgang braucht Zeit. Wir haben derzeit einen Medienbetrieb,

der weitgehend in «real time» arbeiten und das journalistische

Prinzip vernachlässigen muss. Es gibt Nischen, aber der

Massenmedienbetrieb, der das breiteste Publikum erreicht,

funktioniert nicht mehr nach diesem klassischen Prinzip.

Das ist die Medienwelt. Und wie ist dagegen die Lernwelt

beschaffen Sie ist das pure Gegenteil. Der Medienbetrieb ist

Hektik, die Lernwelt ist langsam. Sie wird immer langsam

bleiben und zu dieser Langsamkeit stehen müssen, wenn

denn Integration erreicht werden soll. Es gibt keine schnelle

Integration. Das gilt für die Ausländerinnen und Ausländer,

das gilt für jeden denkbaren Integrationsbedarf. Ein Gespräch

mit dem wunderbaren deutschen Integrationshistoriker Klaus

Bade hat mich in dieser Geduld bestärkt. Während der Medienbetrieb,

der seine Kernaufgabe vernachlässigt, an der

Oberfläche bleibt, ist die Aufgabe der Wissensvermittlerinnen

und -vermittler in der Lernwelt das Vertiefen. Vertiefung ist

nötig, damit man sich ein Urteil bilden und es schärfen kann.

In der Medienwelt steht der Effekt im Vordergrund. Schauen

Sie sich so manche Debattenrunde im Fernsehen an. Es geht

nur um einen Schlagabtausch, nicht aber um einen erkenntnisorientierten

Dialog im Sinne der Aufklärung. Der schnelle

Effekt ist das, was der Medienbetrieb sucht. Sie aber, meine

Damen und Herren, wollen ein Ergebnis, das die Kinder und

Jugendlichen ein Leben lang begleitet. Die Medienwelt ist

hektisch, die Lernwelt langsam – so soll es bleiben.

Und es kommt noch etwas hinzu im Zuge dieser digitalen

Revolution: Sie besteht aus Einsen und Nullen, sie neigt zu

schwarz-weiss. Dabei wissen wir alle, dass man in der Lernwelt

das Gegenteil pflegen muss: die Nuance, die Differenzierung,

die Fähigkeit, die Grenze etwas hier oder etwas mehr

da zu ziehen. Das sind die wichtigen Probleme, das sind die

urteilsbildenden Vorgänge, die junge Leute unbedingt brauchen.

Die Fähigkeit zu differenzieren ist ein Kernelement der

Urteilsfähigkeit und diese ist unablässig für die Erziehung von

mündigen Persönlichkeiten, die integrationsfähig sind.

Von der Industrie- zur Dienstleistungs- und Mediengesellschaft

Ein zweiter grosser Umbruch betrifft den Wechsel von der

Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft. Dieser Wechsel

ist mindestens so einschneidend wie einst der Schritt von

der Agrar- zur Industriegesellschaft. Die Kategorien der

Industriegesellschaft sind in Frage gestellt. Was ist heute

Selbständigkeit oder Arbeitnehmerschaft, Vollzeit, Teilzeit,

Heimarbeit, Büroarbeit Diese Kategorien, an die viele von

uns gewöhnt waren, sind in Frage gestellt. Die Medien sind

an der Schnittstelle zwischen der Dienstleistung und der

industriellen Produktion getreten. Das mag den Boom dieser

Branche erklären. Forscher aus Berkeley haben für das

Jahr 2000 Buch geführt und dabei festgestellt, dass für den

Medienbetrieb im Jahr 2000 80 Milliarden Fotos geschossen

wurden, 4250 Kinofilme auf die Leinwand kamen, 968 735

Bücher in der Library of Congress, der Nationalbibliothek

der USA, registriert wurden. Sie sehen, ich bin mit meinem

neuen Buch in guter Gesellschaft. Ausserdem wurden im Jahr

2000 22 643 Zeitungen und Zeitschriften lanciert und 90 000

CDs auf den Markt gebracht. Die Musik-Downloads betragen

heute ein Vielfaches davon. Waren es im Jahr 2000 noch

2,1 Milliarden Seiten im Web, so sind es heute sicher das

10-, 20- oder 100-fache. Meine Damen und Herren, es gibt

mehr Medien als überhaupt Stoff vorhanden ist.

Der Verteilungskampf um den knapp gewordenen Stoff

wirkt sich folgendermassen aus: Er führt zu einer Dramatisierung

von Inhalten, zu einer Überbewertung von zweitrangigen

Nachrichten, zur Erschliessung ganz neuer Gebiete, für die

sich die Medien früher zum Glück nicht interessierten, er

führt zu Einbrüchen in die Intimsphäre. Man erfand künstliche

Wirklichkeiten, Medienereignisse, die keine Ereignisse sind

und die man Events nennt. Die zweite Stufe ist das, was man

Reality-TV nennt. Der Begriff ist schon pervers, denn Reality-

TV ist die Schaffung von Kunstwelten, die als Realität verkauft

werden. Als dritte Stufe können Angebote wie Second Life und

andere virtuellen Welten genannt werden.

Auch hier ist die Lernwelt das pure Gegenteil der Medienwelt.

So wie der Medienbetrieb die Sensation und die

Emotion sucht, so fordert die Lernwelt zunächst einmal die

Ratio, die Vernunft. Die Medienwelt sucht das Spektakuläre;

die Pädagogik konzentriert sich auf das Unspektakuläre. Es

geht um die kleinen Schritte des Lernerfolgs. Dieser persönlichkeitsbildende

Erfolg stellt sich niemals von heute auf

morgen ein. Betreibt die Medienwelt oft genug die Flucht aus

der Wirklichkeit, so ist der Hauptgegenstand der Lernwelt

die Realität, um es sehr unphilosophisch zu formulieren.

Respektiert der Medienbetrieb gar keine Kategorien mehr,

so ist es Aufgabe der Schule, Kategorien zu vermitteln und

deshalb auch an Kategorien festzuhalten.

68-Revolution und Neoliberalismus

Ein dritter grosser Umbruch, der in den letzten Jahrzehnten

stattgefunden hat, lässt sich kurz folgendermassen skizzieren.

Es geht einerseits um die gesellschaftlichen Veränderungen

im Zuge der 68er-Bewegung und andererseits um die viel

mächtigere Gegenbewegung des Neoliberalismus und Neokonservatismus.

Diese Strömungen traten 1979 mit der Wahl

von Maggie Thatcher ihren Siegeszug an. Auf der einen Seite

also eine Bewegung hin zum Kritischen und Überkritischen

(die 68er haben jedes Haar in jeder Suppe gesucht). Auf der

anderen Seite die Ausbreitung einer völlig unkritischen Haltung

im Betrieb der Massenmedien, die immer mehr zu PR-

Instrumenten von Wirtschaft und Politik wurden. So haben die

Medien zum Beispiel die Blasen, die zur jetzigen Wirtschaftskrise

geführt haben, aufgeheizt, statt nüchtern und kritisch zu

bleiben. Statt in eine kritische Gegenposition zur Finanzmacht

zu gehen, dienten sie als deren verlängerter Arm. In dieser

Welt des Unkritischen wächst heute ein nicht geringer Teil

der Jugendlichen auf. Die Aufgabe der Lernwelt ist es, sie zu

Kritikfähigkeit, Eigenständigkeit, Distanz, letztlich zur Nüchternheit

zu erziehen. Ein nüchternes Denken ist Voraussetzung

für jegliche kritische Haltung. Es ist eine grosse Aufgabe

der Lernwelt, nicht auf jede Mode aufzuspringen, sondern bei

dem zu bleiben, was kritische Eigenständigkeit verlangt.

Roger de Weck

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