Broschüre Podium Pestalozzianum 2009

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Broschüre Podium Pestalozzianum 2009

Nehmen Sie das Beispiel Heterogenität. Leistungsheterogenität

ist didaktisch ein ziemliches Problem, dass von

den Lehrpersonen einiges abverlangt. Organisatorisch aber

ist Heterogenität nicht das Problem. Sie ist die Lösung. Denn

sie erlaubt die flexible Legitimation von notwendigen Selektionsentscheidungen

nach aussen und nach innen.

Nehmen Sie das Beispiel Basisstufe, mit der auf die Heterogenität

im Schuleintrittsalter reagiert wird. Die Pädagogen

und Pädagoginnen sind begeistert von der schon lange geforderten

und nun endlich umgesetzten Möglichkeit, jedem

Kind so lange Zeit zum lernen zu lassen, wie es braucht. Eine

wunderbare Vorstellung. Die Bildungssoziologen jedoch zucken

verschreckt zurück, weil sie eine neue graue Form der

schulischen Selektion erahnen. Es wird Kinder geben, welche

die Basisstufe schneller durchlaufen und solche, die länger

brauchen. Die selektive Interpretation dieser pädagogisch

wertvollen Idee: Die Jungen sind die Starken und die Alten

sind die Schwachen. Und einmal mehr hat die Schule ein

gesellschaftliches Prinzip auf ihre ganz eigene Weise uminterpretiert

und installiert.

Kürzlich musste ich einen Aufsatz zur Frage verfassen,

ob man mit Bildung Armut verhindern kann. Bildung als

Armutsprävention. Ein alter und vielleicht fast schon romantischer

Gedanke.

Aber was im Einzelfall möglicherweise funktioniert, taugt

kaum als gesellschaftliches Programm. Denn der instrumentelle

Nutzen von Bildung ist ein rangskaliertes, relationales

Mass. Je mehr die Leute davon haben, desto mehr inflationiert

deren Wert. So hat eben auch die Bildungsexpansion der

vergangenen Jahrzehnte zwar das Wissen in der Bevölkerung

gesteigert. Aber die heutigen Armutsquoten hat sie ganz

offensichtlich nicht verhindern können. Ausserdem investiert

man in eine Institution, die an der Verursachung der heutigen

Bildungsungleichheiten und deren Folgen nachweislich

massgebend mitbeteiligt ist.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Diese Gedankengänge

sprechen keinesfalls gegen Bildungsinvestitionen. Die Bildung

hat allemal einen Wert für sich selbst. Aber ihre unausweichliche

Instrumentalisierung hat vermutlich nicht die

erhofften Folgen.

Kann man die integrierende Wirkung der Schule erhöhen

Einfach dürfte es nicht werden. Seit Jahrhunderten schon

wartet die Gesellschaft auf eine bessere Schule. Und ebenso

lange wartet die Schule auf eine bessere Gesellschaft.

Ich danke Ihnen vielmals fürs zuhören.

Winfried Kronig

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