Bilder der Bildung: Wie Medien die Schule zeigen. - Pestalozzianum

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Bilder der Bildung: Wie Medien die Schule zeigen. - Pestalozzianum

Podium Pestalozzianum 2010

«Bilder der Bildung:

Wie Medien die Schule zeigen

Boris Boller

Thomas Hermann

Norbert Grube

Peter Stücheli-Herlach

Katharina Urbahn

Angelica Hüsser


Inhaltsverzeichnis

3 Wenn Medien Schule machen

Podium Pestalozzianum 2010

4 Boris Boller «Imagewandel von Lehrberuf und Schulreformen in der Öffentlichkeit»

7 Thomas Hermann und Norbert Grube «Ein ambivalentes Rollenbild: Zur bildlichen Präsenz und Darstellung von

Lehrpersonen in der Presse»

12 Peter Stücheli-Herlach, Katharina Urbahn und Angelica Hüsser «Es wird reformiert, und keiner weiss es»

16 Über die Autoren und die Autorin

17 Bisherige Podien

18 Die Stiftung Pestalozzianum


Wenn Medien Schule machen

Die Schule ist zu einem Top-Thema der öffentlichen Medien

geworden. Kolumnen und Blogs, Dossiers und Leitartikel

behandeln die aktuellen Fragen der Bildungspolitik in einem

Ausmass und in einer Intensität, wie man es früher kaum für

möglich gehalten hätte.

Diese mediale Debatte bringt die Bildung ins Gespräch.

Sie tut das auf eine ganz bestimmte Weise: Das Bild, das wir

uns von Schulen, Lernenden und Lehrpersonen machen, entsteht

nicht allein auf Grund der eigenen Erfahrung. Es ist von

Medien mitgeprägt. Diese formen das Bild der Bildung nach

ihrer eigenen Logik: Sie überspitzen und setzen Kontraste,

sie erzeugen Überraschung und spielen mit altgedienten

Klischees – und sie tun all das, um die Aufmerksamkeit der

Konsumentinnen und Konsumenten zu gewinnen.

Forschende von drei Schweizer Fachhochschulen haben

genauer hingeschaut und gezielt nachgelesen. Sie zeigen

in dieser Broschüre am Beispiel der Rollenbilder von Lehrpersonen

und ihren Ausbildungsstätten (den Pädagogischen

Hochschulen) auf, wie Medien das Bild der Bildung und einiger

ihrer Protagonisten zeichnen.

Wer Schulen (mit)gestalten will, tut gut daran, sich bewusst

zu machen, dass auch Medien an diesem Projekt mitwirken.

Sie waren im Familienleben präsent, bevor sich die

Tür zum Klassenzimmer am morgen öffnet. Sie haben einen

Berufswunsch mitgeprägt, bevor die Studentin die Pädagogische

Hochschule erstmals betritt. Und sie waren ein Informationslieferant,

bevor die Eltern die Rundbriefe der Lehrpersonen

zum ersten Mal zur Kenntnis genommen haben.

Die Stiftung Pestalozzianum hat es sich zur Aufgabe gemacht,

den Dialog über die Bildung zu fördern. Es ist daher

auch ihre Aufgabe, die Rolle der Medien in diesem Prozess zu

reflektieren, deren Wirkungsweise zu untersuchen und nicht

zuletzt den Dialog mit den Medienschaffenden zu pflegen.

Lesen Sie nach, wie die Medien durch die Macht ihrer

Bilder Schule machen. Und wirken sie mit, die Schule der

Zukunft mit Medien zusammen zu gestalten. Daran führt kein

Weg mehr vorbei!

Der Präsident

Unterschrift

Dr. Peter Stücheli-Herlach

Der Geschäftsführer

Unterschrift

Prof. Dr. Rudolf Isler

Die Referate von Boris Boller, Thomas Hermann und Katharina Urbahn sind als Videos unter www.pestalozzianum.ch ➞

Podium Pestalozzianum abrufbar.

Podium Pestalozzianum 2010 3


Öffentliche Kontroversen über Reformen prägten die Wahrnehmung der Schule in den letzten Jahren. Vor allem in

Folge der in Teilbereichen intensiv kommentierten Abstimmungskampagnen zu HarmoS diagnostizierte die Presse

eine weitverbreitete «Reformmüdigkeit». Parallel dazu entwickelte sich das mediale Bild der Lehrpersonen. Anstatt

Lehrpersonen wurden nun vielmehr die Bildungsverwaltung und Politik problematisiert. Jedoch erscheint der Lehrberuf

selbst zusehends als unattraktiv und belastend.

«Imagewandel von Lehrberuf und Schulreformen in

der Öffentlichkeit 1 »

Boris Boller Pädagogische Hochschule Bern

Textgrundlage zum Referat am Podium Pestalozzianum vom 26. November 2010

1. Schule und Schulreform

Neben individuellen Schulerfahrungen, gegebenenfalls aktualisiert

durch diejenigen eigener Kinder, sind es die Publikumsmedien,

die das Bild des Bildungswesens und von Lehrpersonen

in der Öffentlichkeit massgeblich prägen. Medienanalysen

eröffnen die Möglichkeit, die öffentliche Repräsentation und

Konstruktion dieser sozialen Schlüsselinstitution und ihrer

Akteure zu erfassen. Neben der Routineberichterstattung

(z.B. Berichte über Abschlussfeiern oder den ersten Schultag

nach den Ferien), die den Blick auf das «Selbstverständliche»

des Bildungswesens erlaubt, sind es insbesondere die Phasen

erhöhter medialer Verdichtung und intensivierter öffentlicher

Kontroversen, welche die unterschiedlichen Ansprüche an die

Schule und ihr Personal verdeutlichen. Die Jahre 2008 und

2009 waren schwergewichtig von der Auseinandersetzung um

Schulreformen, symbolisiert in HarmoS, geprägt. Das aktuelle

Image von Lehrpersonen und des Lehrberufs erscheint

eng verbunden mit dem Verlauf des Reformdiskurs 2 .

Reformstau oder Reformwahn

Der «PISA-Schock» schuf zu Beginn dieses Jahrtausends

zwar schulischen Handlungsbedarf und wurde als zentrale

Legitimation für umfangreiche Reformpakte genutzt (EDK

2003: 2). 2002 lehnte jedoch der Kanton Zürich die Volksschulreformen

des damaligen Erziehungsdirektors Ernst Buschor

ab – nicht zuletzt wegen der vorgesehenen Basisstufe. Viele

Medien beklagten in der Folge einen lähmenden Reformstau.

Das Magazin etwa beschreibt eine «Schule in der Krise», in

der die Kinder schlecht lesen würden, kein Englisch lernen

dürften und Ausländer benachteilige: Die Schuld an der Verhinderung

«längst fälliger Reformen» wird einer Koalition von

rechtsbürgerlichen Politikern und einer Mehrheit der Lehrer

zugeschrieben (Das Magazin, 29.11.2003).

Bereits zwei Jahre später erkennt der Erziehungswissenschafter

Helmut Fend ganz im Gegenteil bildungspolitisch

«staunenswürdige Zeiten». So scheine die Politik in «ungeahnter

Geschwindigkeit alles übernommen» zu haben, was

die «empirische Bildungsforschung im Stillen, teils unbeachtet,

teils angefochten» während der letzten dreissig Jahre

entwickelt habe. Neben der Einführung des Frühenglischen

betreffe diese «Reformbereitschaft» insbesondere die Beteiligung

an internationalen Leistungsvergleichen, die Orientierung

an Zielstandards sowie Verwaltungsreformen, die

zu einer grösseren Autonomie der Einzelschule führe (Fend

2005: 15). 2010 sieht wiederum das Magazin – in deutlicher

Abkehr von den Klagen über den Reformstau sieben Jahre

vorher - eine «Schule im Reformwahn» und porträtiert den

Pädagogikprofessor Roland Reichenbach - «der schärfste

Reformkritiker des Landes» (Das Magazin, 31.5. 2010; vgl.

auch Rhein und Reck Schöni 2010).

Oder eher Reformmüdigkeit

Damit greift auch das Magazin das Phänomen der «Reformmüdigkeit»

auf, die in der deutschsprachigen Schweizer Tagespresse

ab dem Frühjahr 2009 praktisch flächendeckend

thematisiert wird. Medien, Bildungspolitiker und Erziehungsdirektionen,

die sich durchaus nicht aus dem nationalkonservativen

Argumentarium bedienen, signalisieren ab diesem

Zeitpunkt ein allmähliches Abrücken von ursprünglich gross

angelegten Reformprojekten. Neben den Abstimmungsniederlagen

von HarmoS in der Inner- und Ostschweiz waren es

insbesondere die deutliche Ablehnung des Bildungskleeblatts

im Aargau und die damit verbundene Abwahl des Erziehungsdirektors

Rainer Huber, welche Redimensionierungen von

Schulreformen einleiteten.

Anhand der schrittweisen Abkehr mehrerer Kantone von

einer breiten Einführung der Basisstufe stellt etwa die Neue

Zürcher Zeitung fest, dass «Die Euphorie für eine Volksschul-

Grossreform verfliegt» (Neue Zürcher Zeitung, 27.5.2009).

Auch üblicherweise eher reformorientierte Bildungspolitiker,

wie etwa die Zürcher Nationalrätin Jacqueline Fehr, raten

nach der Ablehnung des Bildungskleeblatts und der Rückkehr

4

Podium Pestalozzianum 2010


zur Notengebung ab der 4. Klasse in Appenzell-Ausserrhoden

zu mehr Zurückhaltung: «Niemand will zurück zu früheren

Zuständen, wie dies die SVP propagiert.» Aber vielleicht

müsse bei den zahlreichen Reformen im Bildungsbereich

das Tempo etwas gedrosselt werden» (St. Galler Tagblatt,

19.05.2009). Letztlich plädieren auch Exekutivpolitiker für

eine Reduktion von Anzahl und Umfang der Reformen, so

der Berner Erziehungsdirektor Bernhard Pulver: «Wir haben

effektiv zu viele Reformen. Als ich das Amt als Bildungsdirektor

angetreten habe, lagen seitenlange Reformprojekte

für die Volksschule vor. Wir müssen entschlacken. […] Ich

appelliere wirklich ans Masshalten, um die Schule nicht mit

immer neuen Ansprüchen und Reformen zu überhäufen»

(Neue Luzerner Zeitung, 27.07.2009).

Diese nun praktisch generalisierte Ablehnung von als zu

viel und zu hastig implementiert empfundenen Reformprojekten

ist nicht ausschliesslich auf die konzertierte Oppositionsstrategie

von HarmoS- oder Bildungskleeblattgegnern

zurückzuführen, oder auf Kräfte, die ihre Vorstellung der

Schule der 50er Jahre realisieren wollen. Auch vielen informierten

Beobachtern des Schulwesens fiel es nicht leicht,

den Überblick über Anzahl, Umsetzung und Zweck von Schulreformen

zu bewahren. Die durchaus vorhandenen Diskussionen

innerhalb der Fachkreise drangen kaum je an eine

breitere Öffentlichkeit und Reformziele wurden oft spät oder

nur summarisch erklärt und kommuniziert. Die Kampagnen

gegen HarmoS trafen denn auch oft auf ein argumentatives

Vakuum. Diese Unübersichtlichkeit und die zumindest vorerst

zurückhaltende öffentliche Kommunikation erleichterten es

jedenfalls unterschiedlichste Reformprojekte mit HarmoS

zu vermischen.

Schule als politische Kampfzone

Die Kampagnen der Reformgegner haben jedoch zweifellos

das Verdienst, dass Schulfragen erneut breit thematisiert

werden. Die Frage ist jedoch, ob im Zentrum der Reformkontroversen

der letzten drei Jahre überhaupt Bildungsthemen

standen. Die Argumentation gegen HarmoS beruhte

fast ausschliesslich auf sozial- und familienpolitischen sowie

deralistischen Vorbehalten, oder aber auf der Ablehnung

von Elementen, welche zwar nicht im Harmonisierungs-

Konkordat stehen, aber einer ähnlichen «falschen Philosophie»

zugerechnet wurden, wie insbesondere Hochdeutsch

im Kindergarten, flächendeckende Einführung der Basisstufe

oder des integrativen Unterrichts (vgl. z.B. Tages-Anzeiger,

14.11.2008).

Die Printmedien fokussierten in ihrer Berichterstattung

schwergewichtig die umstrittene Einschulung mit vier Jahren

und stellten daneben wiederholt klar, was alles nicht zur

Vorlage gehörte. Zentrale Elemente von HarmoS, die konkrete

Auswirkungen auf Schule und Unterricht haben, blieben in

der öffentlichen Diskussion jedoch praktisch unberücksichtigt:

Dies betrifft vor allem die Bildungsstandards und das

monitoring. Sie stellten in gerade drei Artikeln (von 12’000

insgesamt bzw. rund 2’500 zu HarmoS) das zentrale Thema

(z.B. SonntagsZeitung, 23.11.2008). Auch die Darstellung des

Reformprojekts im politischen Spannungsfeld reduzierte die

Komplexität erheblich: Obwohl sich auch Unterstützungskomitees

der bürgerlichen und wirtschaftsnahen Mitte – hier

schwergewichtig an Mobilität und Leistungsvergleichen interessiert

- zu HarmoS bildeten, und in dieser Frage auch

mal gemeinsam mit Teilen der Linken auftraten, erschien

HarmoS meistens im Kontext eines Links-Rechts-Konflikts.

Streitgespräche zu HarmoS fanden grundsätzlich zwischen

Vertretern von SP und SVP statt (z.B. Neue Zürcher Zeitung,

18.11.2008) und das Harmonisierungsprojekt erschien als

Entscheidung zwischen Chancengleichheit und traditioneller

Familie sowie den jeweils dahinterstehenden Weltbildern.

Weitere Motivationen für oder gegen HarmoS zu sein fielen

in der öffentlichen Diskussion praktisch weg.

2. Lehrpersonen: von Tätern zu Opfern

Die verschiedenen Stationen, die der Reformdiskurs durchlief,

korrespondieren mit Änderungen im Lehrerbild. Anders

als in der Wahrnehmung vieler Lehrkräfte ist ihr aktuelles

Image, zumindest in den Printmedien, keineswegs negativ.

Lehrpersonen galten noch zu Beginn des Jahrtausends oft

als überprivilegierte Besitzstandbewahrer und letztlich konservative

Verhinderer von unaufschiebbaren Reformen und

dieses Bild wurde auch in der publizierten Öffentlichkeit oft

portiert. Während der Untersuchungsphase von anderthalb

Jahren war kaum mehr etwas davon festzustellen. Lediglich in

zwei Fällen wurden Stereotype über Lehrer aktiviert. Der erste

stammt aus der Feder eines abtretenden Chefredaktors, der

eine Gruppe von Lehrpersonen angriff, welche eine Weiterbildung

verweigerte: «Faule Lehrer zerstören die Volksschule»

(Tages-Anzeiger, 16.4.2009). Der andere Fall ist ein Höhepunkt

in einer längeren Auseinandersetzung zwischen der Basler

Zeitung und dem Lehrerinnen- und Lehrerverein Baselland,

wobei hier weniger der Berufsstand als der Verband und

seine Leitung visiert wurden: «Lehrerverein hält Kinder für

Tyrannen» (Balser Zeitung, 16.3.2009).

Kaum negative Pauschalurteile

Diese Beispiele sind wie gesagt Ausnahmen. Nur ein paar

Indizien dazu: Wird das gesamte Sample nach dem Begriff

«Ferientechniker» abgesucht, findet er sich in lediglich acht

Beiträgen, die sich ohne Ausnahme davon distanzieren und

oft steht der Begriff in Leserbriefen aus der Lehrerschaft:

«Mit der Aussage, dass wir überbezahlte Ferientechniker

sind, haben wir zu leben gelernt» (Basler Zeitung, 17.2.2009).

Auch die Kampfvokabel «Kuschelpädagogik», die in immerhin

rund 50 Artikeln erscheint, bezieht sich – anders als vielleicht

der Begriff suggerieren könnte - nirgends auf die Lehrtätigkeit

oder die Unterrichtsgestaltung. Die Frage «Gibt es an

unseren Schulen zu viel Kuschelpädagogik» wird etwa vom

Präsidenten der SVP Basel-Stadt zwar bejaht; er weist die

Verantwortung aber zu Verwaltung und Politik: «Als wären die

Anforderungen an sie [die Lehrpersonen] nicht schon hoch

genug, werden sie noch ständig von einer Flut von integrativen

Kuschelprojekten überschwemmt, die ständig ändern oder

angepasst werden» (Basler Zeitung, 25.8.2009).

Wenn nun die praktische Abwesenheit von negativen Pauschalurteilen

über die Lehrerschaft festgestellt werden kann,

so bedeutet das nicht, dass die Berufsgruppe der Lehrpersonen

über ein strahlendes Image verfügen würde oder dass

diese Stereotype nicht reaktiviert werden können. Im aktuel-

Boris Boller

5


len Problematisierungsprozess wird jedoch die Verantwortung

an andere Gruppen übertragen.

Lehrer als Opfer

Alte Vorstellungen vom Schulmeister als Täter an Kinderseelen

und des rundum privilegierten Staatsbeamten wurden

mittlerweile durch das Bild vom Opfer von Sparmassnahmen,

Sitzungen und Papierkriegen, schwierigen Kindern und Eltern

sowie von vielen unbewältigten Reformen ersetzt. Die Täterrolle

wird heute vielmehr «anonymen Bildungsbürokraten»,

«welt- und praxisfremden Experten» oder den Bildungspolitikern

allgemein zugewiesen. Auch diese Einschätzungen

finden sich nicht nur im konservativen Diskurs. Gleichzeitig

und angesichts der alarmierenden Studien und Stellungnahmen

aus den Berufsverbänden auch verständlicherweise

verschlechterte sich das Image des Berufs. Besonders 2009

erscheinen zahlreiche Resolutionen von Verbänden, eine

vielbeachtete Arbeitszeitstudie und Reportagen, welche die

Belastungen hervorheben. Die dramatischen Beschreibungen

des Berufsalltags (vgl. z.B. «Warum ich nicht mehr Lehrer

bin», das Magazin, 3.10.2008) erscheinen angesichts des

Lehrermangels jedoch mindestens als zweischneidig.

In den Medien erscheinen Lehrpersonen nicht mehr

als einfache Lehrcomputer, denen ohne weiteres ein neues

Programm geladen werden kann. Die Lehrerschaft wird

aber auch als potentielle Koalitionspartnerin in kommenden

schulpolitischen Kontroversen gesehen. Nachdem die

letzten anderthalb Jahre durch die teilweise erfolgreiche

Abwehr von Reformen geprägt waren, ist es nicht sehr spekulativ

anzunehmen, dass für die nähere Zukunft schulische

«Gegenreformen» unterwegs sind. Es ist naheliegend, dass

konservative Reformgegner die Lehrerschaft als potentielle

und öffentlich glaubwürdige Verbündete für diese zukünftigen

Diskussionen sehen.

Es wird in diesen bereits einsetzenden Diskussionen auch

vermehrt um die Rolle der Lehrpersonen und ihre Zuständigkeiten

gehen: Wie sollen sie ausgebildet werden Braucht die

Schule nun eher professionelle Experten in Sachen Wissensund

Kompetenzvermittlung oder doch eher geborene und

berufene Pädagogen mit Charisma und Führungsqualitäten

Das wird wohl eine der Kontroversen der näheren Zukunft

sein. In diesem Zusammenhang wird gerne gesagt, dass die

Schule kein geeigneter Hintergrund für politische und ideologische

Auseinandersetzungen sei. Das Gegenteil ist der Fall:

Gerade die Volksschule, in der sich unterschiedlichste Erwartungen,

Welt- und Gesellschaftsbilder bündeln, ist und war

eine perfekte Projektionsfläche für emotional aufgeladene

Kontroversen. Es gab lediglich Zeiten, da stand sie weniger im

Fokus. Eine andere Frage ist, wie viel davon der Schule gut tut.

Bibliographie

EDK [Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren]

(2003): Aktionsplan «PISA 2000» Folgemassnahmen. Bern: Schweizerische

Konferenz der Erziehungsdirektoren.

Fend, Helmut (2005): Systemsteuerung im Bildungswesen – Anschlussfähigkeit

an die Schulwirklichkeit. In: Merki Maag, Katharina

/ Sandmeier, Anita / Schuler, Particia / Fend, Helmut (Hg.): Schule

wohin Schulentwicklung und Qualitätsmanagement im 21. Jahrhundert,

15 – 27. Zürich: Universität Zürich, Pädagogisches Institut,

Forschungsbereich Schulqualität & Schulentwicklung.

Jung, Matthias / Wengeler, Martin / Böke, Karin (1997): Die Sprache

des Migrationsdiskurses. Das Reden über «Ausländer» in Medien,

Politik und Alltag. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Rhein, Valérie / Reck Schöni, Yvonne (2010): Im Gespräch mit Roland

Reichenbach. In: Basler Schulblatt 8: 13 – 15.

1 Die Ausführungen basieren auf der Medienanalyse «Bildung, Schule

und Öffentlichkeit» von Sonja Plüss und Boris Boller. Im Rahmen

dieses Forschungsprojekts der PHBern wurde die gesamte Bildungsberichterstattung

von 22 Printmedien aller drei Sprachregionen von

Juli 2008 bis Dezember 2009 quantitativ erfasst und einzelne Bildungsthemen

wurden diskursanalytisch untersucht.

2 Diskurs wird hier grob verstanden als Gesamtheit von aufeinander

verweisenden Aussagen, die ein Thema in der Öffentlichkeit definieren

(vgl. Jung, Wengeler und Böke 1997).

6

Podium Pestalozzianum 2010


Lehrpersonen sind auf Pressebildern zu Schul- und Bildungsthemen im Vergleich zu Schüler/-innen, Bildungspolitiker/-

innen und anderen Akteuren klar untervertreten. Ein systematischer Blick auf die bildlichen Darstellungen von Lehrpersonen

lässt erahnen, dass das öffentliche Bild des Lehrberufs ambivalent ist und von veralteten Rollenbildern sowie

belastenden Situationen überlagert wird.

«Ein ambivalentes Rollenbild: Zur bildlichen Präsenz

und Darstellung von Lehrpersonen in der Presse»

Thomas Hermann und Norbert Grube Pädagogische Hochschule Zürich

Textgrundlage zum Referat am Podium Pestalozzianum vom 26. November 2010

Fotos bilden etwas ab, was zu einem bestimmten Zeitpunkt

real vor der Kamera existiert hat. Diese unabdingbare Verbindung

von Abbild und Abgebildetem verleitet gelegentlich zur

Annahme, dass Fotos Wirklichkeit eins zu eins wiedergeben.

Dabei unterliegen sie den gleichen Paradoxien wie alle gegenständlichen

Bilder: Sie reduzieren erstens Wirklichkeit,

indem sie nur den Sehsinn ansprechen, einen Ausschnitt

zeigen und zweidimensional sind. Durch dieses Lenken des

Betrachtens verbergen Visualisierungen zweitens, daher

stehen Bilder zugleich in einem potentiellen Spannungsverhältnis

zur Transparenz (Münkler; Hacke 2009). Drittens

vermögen es Bilder, die Wirklichkeit zu erweitern und mehr zu

bedeuten als das was sie zeigen. Obschon Fotos ihre Objekte

konkret zeigen, sind sie in ihrer Bedeutung offen (Doelker

2002). Der Bildwissenschaftler Gottfried Boehm spricht in

diesem Zusammenhang von der ikonischen Differenz und

meint damit, dass Bilder mehr sind, als was sie darstellen.

Vielmehr wirken sie durch ihre «Überzeugungskraft, Suggestivität,

Evidenz, Luzidität, Aura» (Boehm 2007a, 16). Dank

ihrer «Macht des Zeigens», die sich «auf das Sagen niemals

reduzieren» lasse, besitzen sie das Potenzial zum «sinnerzeugenden

Überschuss» (ebd. 15).

Neben der Repräsentation von Wirklichkeit sind Fotos

ein Ausdruck der inneren Bilder, den «pictures in our heads»

(Lippmann 1922/1990, S. 17/25). Als «Denkbilder» sind sie

Zeugnisse konstruierter Wirklichkeit, die selbst zur Wirklichkeitskonstruktion

beitragen. Dies wird besonders dann

deutlich, wenn Redaktionen, dem zunehmenden Zwang zur

Illustration gehorchend, Sachverhalte bebildern, die man

streng genommen gar nicht illustrieren kann. Dies ist etwa

der Fall, wenn sich ein Beitrag auf die Zukunft bezieht – von

der es logischerweise noch keine Bilder gibt und wo der Rückgriff

auf innere Bilder die Auswahl stark mitsteuert. So hat

sich die NZZ 2009 bei der Bebilderung eines Artikels über die

«Zukunft der Lehrerbildung» auf eine umgekehrte Zeitreise

gemacht und ein Bild aus der Vergangenheit ausgegraben

Abb. 1. NZZ 28.9.2009

Niemand wird der Redaktion unterstellen, sie glaube, dass

künftige Lehrpersonen wieder so aussehen und unterrichten

werden. Es geht auch nicht darum, den Lehrer X in Y aus

dem Jahre Z zu zeigen, sondern um ein allgemeines (Denk)

Bild über Lehrpersonen, das in vielen Köpfen präsent zu sein

scheint: Das Bild des universalen «Mehrkämpfers», der aus

frontaler Position den Stoff und die Klasse im Griff hat. Dieses

Bild ist übrigens in der Bildberichterstattung kein Einzelfall,

sondern gehört in die Kategorie der am Schluss dieses Beitrags

aufgezeigten (Denk)Bilder (Abb. 17–20).

Wenn also Bilder, wie Boehm an anderer Stelle schreibt,

im Vergleich zur Sprache «eine andere Art des Denkens»

(Boehm 2007b, 27) betreffen, so lohnt es sich, ihnen eine separate

Aufmerksamkeit zu schenken und sie nicht vorschnell

auf mediale Funktionen wie die des Blickfangs oder der Emotionalisierung

zu reduzieren. Und, so interessant und relevant

die Frage nach der Verbindung von Bild und Text ist, so steht

sie hier zurück zugunsten eines unverstellten Blicks auf die

in Pressebildern zum Ausdruck gebrachte «Bildwelt Schule».

Das Projekt «Bildwelt Schule» der Pädagogischen Hochschule

Zürich untersuchte, wie sich das öffentliche Bild der

Schule in der Bildberichterstattung der Deutschschweizer

Thomas Hermann und Norbert Grube

7


Presse manifestiert. Dazu wurden in mehreren Erhebungsphasen

2008 und 2009 gut 4000 Bilder aus elf Tages- und

sechs Sonntagszeitungen gesammelt. Ausserdem wurden

Pressebilder aus den Jahren 1968 und 1988 gesucht, um das

veröffentlichte Bild von Schule einem Zeitvergleich zu unterziehen,

der hier allerdings nicht im Zentrum des Beitrags

steht. Die in einer Datenbank kategorisierten Bilder können

flexibel gruppiert werden, so dass Antworten auf verschiedene

Unterfragestellungen möglich sind.

Darstellung der Lehrpersonen

Für die Analyse der Visualisierung der Lehrpersonen in den

untersuchten Printmedien lässt sich aus dem Gesamtbildkorpus

leicht ein Teilkorpus erstellen und in weitere Untergruppen

aufteilen. Die quantitative Auswertung ergibt sehr

rasch, dass Lehrpersonen die am wenigsten gezeigte schulische

Akteursgruppe ist. Lehrer/innen alleine, im Verbund mit

Berufskollegen/-innen oder Schüler/innen kommen lediglich

auf 17% der untersuchten Bilder vor. Dagegen sind Schüler/

innen alleine oder in Gruppen deutlich mehr, nämlich zu 75%

auf den Bildern zu sehen, und auch die heterogene Gruppe

der anderen erwachsenen Personen, wie Bildungspolitiker,

Eltern oder Expertinnen, übertreffen mit 34% deutlich den

Bildanteil der Lehrpersonen.

Mögliche Gründe für die Marginalisierung der Lehrpersonen

in den Printmedien sind in einer bildimmanenten Analyse

nicht zu ermitteln. Jedoch bieten sich sozialwissenschaftliche

Erklärungsansätze für eine weiterführende Deutung dieses

Befundes an: die bildliche Bevorzugung der Schüler/-innen in

den Zeitungen verweist möglicherweise auf «die Jugendlichkeit

als Massenideal» (Gehlen 1955/2004, 236). Man muss die

damit verbundenen kulturpessimistischen Wendungen Gehlens

nicht teilen, vielmehr mediale Aufmerksamkeitslogiken

in Rechnung stellen (Führer 2002), wonach Abbildungen mit

Kindern potentiell stärker als diejenigen mit Erwachsenen

in einer zunehmend kinderlosen und zugleich infantilisierten

Gesellschaft (Tenbruck 1962, 49–51) die Leserschaft positiv

ansprechen und emotionalisieren. Zugleich entspricht der

geringe Bildanteil der Lehrpersonen eventuell Beobachtungen

des amerikanischen Soziologen David Riesman von

1950, wonach Lehrer/-innen im Zeitalter des aussengeleiteten

Charakters ihre ursprünglich durch das Lehramt bezogene

Autoritätsrolle und damit ein Teil ihrer Bedeutung eingebüsst

haben (Riesman 1961, 71–77). Vielmehr müssen sich die

Lehrpersonen zu den Schüler/innen herabbewegen, auf sie

eingehen, um opinion leader zu bleiben.

Mit Blick auf das gesamte Korpus lassen sich die Bilder

in zwei etwa gleich grosse Gruppen unterteilen. «Bilder zur

Schule» zeigen keinen erkennbaren schulischen Kontext und

illustrieren primär Artikel, in denen Schule im Fokus wissenschaftlicher

oder politischer Debatten und gesellschaftlicher

Erwartungen steht. Dagegen zeigen «Bilder aus der Schule»

schulische Schauplätze, wie Klassenzimmer, Pausenplatz

oder Turnhalle, und Handlungen, in denen Schule vielfach als

erfolgreiche Lerngemeinschaft, aber auch in ihren Defiziten

visualisiert wird.

Lehrpersonen auf Bildern zur Schule

Von den einzeln porträtierten Personen machen Lehrpersonen

12% aus, Schüler/innen hingegen 46%, und die oben bereits

genannten anderen erwachsenen Personen 42%. Diese

Bildgattung zeigt die abgebildete Person meist als erkennbares

Individuum mit Gesicht und Namen – ein räumlichschulischer

Kontext ist jedoch nicht erkennbar.

Am häufigsten werden Lehrpersonen einzeln porträtiert,

wenn sie eine Leitungsfunktion innehaben (vgl. Abb. 2 und 3).

Es scheint, dass die Position der Schulleitung für die Wahrnehmung

von aussen eine wichtige Funktion hat und ernst

genommen wird.

Des Weiteren finden wir Einzelporträts von Lehrern, die in

Konflikte verwickelt sind. Abbildung 4 zeigt einen Lehrer

unter Pädophilie-Verdacht (mit verpixelter Augenpartie), und

Abbildung 5 ist ein aktuelles Beispiel eines Walliser Lehrers,

der seine Stelle verloren hat, weil er sich geweigert hat, ein

Kruzifix im Klassenzimmer aufzuhängen. Lehrerinnen und

Lehrer sind öffentliche Personen: Ein Fehlverhalten kann entsprechend

breit wahrgenommen werden und ist dem Image

nicht förderlich.

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Podium Pestalozzianum 2010


Drittens werden Lehrpersonen in der Zeitung porträtiert,

wenn sie sich mit einer unkonventionellen ausserschulischen

Leistung hervortun, etwa als Krimiautor in Schriftstellerpose

(Abb. 6) oder als Mister-Schweiz-Kandidat in Wahlkampfpose

(Abb. 7). Hier mag sowohl Bewunderung für die Vielseitigkeit

von Lehrpersonen mitschwingen, wie auch die Vorstellung,

dass diese offenbar zu viel Zeit für anderes haben.

Lehrpersonen auf Bildern aus der Schule

Am häufigsten werden Lehrpersonen in ihrem Kerngeschäft,

dem Unterrichten, gezeigt und zwar zusammen mit einzelnen

oder mehreren Schüler/-innen. Beim Teilkorpus der Unterrichtsszenen

kommen sie auf knapp einem Fünftel der Fotos vor.

Während aber die Schülerinnen und Schüler im Unterricht

vorwiegend als selbständig lernende, motivierte und auf den

Lerngegenstand fokussierte Individuen dargestellt werden,

ist das Bild der Lehrpersonen differenzierter.

Abbildungen 10 und 11 präsentieren zwei Bilder, die die

individuelle Zuwendung und Förderung idealtypisch zeigen,

wobei im ersten Fall die Lehrperson nur partiell sichtbar

und nicht als Person identifizierbar ist. Im zweiten Fall ist die

Lehrerin gut erkennbar. Ihre Körperhaltung erlaubt es, auf

Augenhöhe oder hier sogar leicht von unten mit dem Kind zu

kommunizieren. Diese Körperhaltung, mit der die Lehrerin

in die Hocke oder gar auf die Knie geht, ist relativ neu. Sie

soll wohl eine Lernpartnerschaft ausdrücken, die auf einem

fast egalitären Verhältnis zwischen Lehrerin und Schüler

beruht, und in der das Kind ernst genommen und individuell

gefördert wird.

Als Gruppen schaffen es Lehrpersonen noch seltener aufs

Bild und in die Zeitung. Weniger als 2% der Gruppenfotos

zeigen Lehrerinnengruppen. Eine Ausnahme präsentiert Abbildung

8: Zu sehen ist eine Gruppe von Lehrerinnen, die sich

«sehr kritisch» gegenüber Schulreformen im Aargau äussert.

Dieses Bild hat doppelten Seltenheitswert, denn gerade zu

bildungspolitischen Themen kommen Lehrer/innen praktisch

nie ins Bild. Abbildung 9 zeigt ein Gruppenbild zum Thema

«Dresscode für Lehrer/innen». Hier geht es um die Frage, wie

sich Lehrpersonen unter Berücksichtigung vielfältiger Kleidungsstile

gegenüber Schüler/-innen und der Öffentlichkeit

präsentieren sollen.

Abbildungen 12 und 13 zeigen zwei typische Unterrichtsszenen

aus der Schule und zugleich in dualer Zuspitzung

die mögliche Bandbreite der Lehrer/-innendarstellung. Die

Lehrerin auf dem linken Bild erklärt einer Gruppe von passiven

Schülern eine orthographische Regel in einer quasi

stereotypen Unterrichtssituation. Der typische pädagogische

Zeigegestus deutet die Autorität der Lehrerin an und ihre

Fähigkeit zu vermitteln, was richtig und was falsch ist. Umgekehrt

hat der Lehrer auf dem rechten Bild – sicherlich

Thomas Hermann und Norbert Grube

9


als primus inter pares – seine Position an der Wandtafel

den agierenden Schüler/-innen überlassen und sich still als

Beobachter eingereiht.

Doppelte Ambivalenz

Was ergibt sich insgesamt für ein Bild von Lehrerinnen und

Lehrern und welche Erwartungen an den Beruf lassen sich

daraus ableiten Aufgrund der vorgefundenen Bilder zeigt

sich eine Art von doppelter Ambivalenz. Erstens werden Lehrpersonen

(mehrheitlich) als funktionierende, aber wie wir

gesehen haben, auch als defizitär funktionierende Berufsleute

gezeigt.

Eine zweite, vielleicht subtilere Ambivalenz zeigt sich in

Bezug auf die Erwartungen an die «ideale Lehrperson». So

sind die Bilder von ihrer ganzen Bildsprache und Atmosphäre

her am positivsten konnotiert, in denen wir Lehrpersonen als

individualisierende Lerncoaches sehen, die die Beziehung zur

Klasse und zum einzelnen Schüler pflegen. Dieser Idealtypus

des Coaches bzw. der auf Beziehung setzenden Lehrperson

kulminiert gelegentlich im Bild von Robin Williams in seiner

Verkörperung des Lehrers John Keating im Film «Dead Poets

Society»(Abb. 16). Das ist nun definitiv kein Abbild mehr von

Schule, sondern reine Projektion. Man könnte diese fiktiven

Bilder vielleicht als Denkbilder von Schule bezeichnen.

Lehrpersonen werden nicht nur in gelingenden Unterrichtssituationen

gezeigt. Im Zusammenhang mit Überforderung,

als Opfer steigender Anforderungen im Beruf (Abb. 14 links)

oder im Zusammenhang mit sexuellen Übergriffen als Täter

(Abb. 15) werden Lehrpersonen durch Unschärfe anonymisiert

oder von hinten abgebildet. Auf diese Weise nehmen

die Bildbetrachtenden die Lehrperson gleichsam durch die

Sichtposition der Schüler/-innen in Visier.

Neben diesem einen idealen Lehrer/innen-Typ findet sich eine

zweite, konträre Vorstellung der guten Lehrperson: Diejenige

der autoritären Führungsperson, die die Klasse im Griff hat.

Um diese Vorstellung ins Bild zu setzen, wählen Redaktionen

gelegentlich Gemälde von Alber Anker, die von nationalkonservativen

Kreisen zur Idealisierung vergangener Zeiten instrumentalisiert

werden (Abb. 17 und 18) Aber auch schwarzweiss-Fotos

aus der Vergangenheit werden verwendet, um

den Ruf nach der früheren Schule laut werden zu lassen (Abb.

19 und 20). Auf diesen zwei Bildern, die jüngst erschienen

sind, wird direkt der Wunsch nach der «alten Schule» laut.

Diese «alte Schule» zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass

die Lehrperson – oder übersetzen wir die Bilder wörtlich – der

Lehrer wieder zur autoritären Führungs- und Respektsperson

alten Formats werden möge.

Aktuelle Debatten um Lehrermangel, Berufsbelastung, Lehrplan

21, HarmoS usw. dürften sich im Wahljahr 2011 zuspitzen.

Es wird spannend sein, zu sehen, welche Bilder das Bild

der künftigen Schule und der Lehrerinnen und Lehrer konturieren.

Und es wird spannend sein, zu sehen, in welche Richtung

sich die öffentliche Diskussion um Schule entwickelt.

10 Podium Pestalozzianum 2010


Literatur

Boehm, Gottfried. Wie Bilder Sinn erzeugen: Die Macht des Zeigens.

Berlin: Berlin University Press, 2007a.

Boehm, Gottfried. «Iconic Turn. Ein Brief.» In: Belting, Hans (Hrsg.).

Bilderfragen: Die Bildwissenschaften im Aufbruch. München: Wilhelm

Fink, 2007b, 27–36.

Doelker, Christian. Ein Bild ist mehr als ein Bild: Visuelle Kompetenz

in der Multimediagesellschaft. Stuttgart: Klett Cotta, 2002.

Führer, Karl Christian. 'Aufmerksamkeit' und 'Vertrauen' als Kategorien

der Mediengeschichte. In: Weisbrod, Bernd (Hrsg.). Die

Politik der Öffentlichkeit – Die Öffentlichkeit der Politik. Politische

Medialisierung in der Geschichte der Bundesrepublik, (= Veröffentlichungen

des Zeitgeschichtlichen Arbeitskreises Niedersachsen,

21) Göttingen: Wallstein, 2002, 151–175.

Gehlen, Arnold: Massenpsychologie und Sozialpsychologie (1955). In:

Rehberg, Karl-Siegbert (Hrsg.). Die Seele im technischen Zeitalter

und andere sozialpsychologische, soziologische und kulturanalytische

Schriften. Arnold Gehlen-Gesamtausgabe, Bd. 6. Frankfurt/

Main: Klostermann, 2004, 228 249.

Hermann, Thomas; Schwarb, Ursula; Grube, Norbert. «Viele, viele

bunte Smarties: Die bildliche Darstellung junger Schüler/innen in

der Presse.» In ph akzente 1, 2010, 16–19.

Lippmann, Walter. Die öffentliche Meinung. Bochum: Brockmeyer,

1990[1922].

Münkler, Herfried; Hacke, Jens (Hrsg.). Strategien der Visualisierung.

Verbildlichung als Mittel politischer Kommunikation. Frankfurt/

Main: Campus Verlag, 2009.

Riesman, David. Die einsame Masse. Eine Untersuchung der Wandlungen

des amerikanischen Charakters. Hamburg: Rowohlt, 1961

(original: Lonely Crowd, 1950).

Tenbruck, Friedrich H. Jugend und Gesellschaft. Soziologische Perspektiven.

Freiburg/Breisgau: Verlag Rombach, 1962.

Thomas Hermann und Norbert Grube

11


Medien präsentieren Pädagogische Hochschulen als produktive Nachwuchs¬schmieden, aber auch als Erfüllungsgehilfen

einer bildungspolitischen Reformitis. Der mediale Bildungsdiskurs ist stark personalisiert und orientiert sich an

regionalen Strukturen. Dadurch vermittelt er nicht zwingend das Selbstbild der Hochschulen als Institutionen, die sich

auch mit «grossen Fragen» beispielsweise der Bildungsreformen kompetent auseinandersetzen. Für eine entsprechende

Profilierung der PH werden zusätzliche Kommunikationsengagements in bildungspolitischen Netzwerken nötig sein.

«Es wird reformiert, und keiner weiss es»

Pädagogische Hochschulen im Spiegel der Medien

Peter Stücheli-Herlach, Katharina Urbahn und Angelica Hüsser*

Textgrundlage zum Referat am Podium Pestalozzianum vom 26. November 2010

Pädagogische Hochschulen (PH) sind verantwortlich für die

Bildung der Zukunft. In der Öffentlichkeit sind sie damit besonders

exponiert und angreifbar (1). Eine empirische Analyse

zeigt, dass die von Personalisierung und Regionalisierung

geprägte Medienberichterstattung die PH vor allem bezüglich

institutioneller Fragen berücksichtigt. Typischerweise werden

sie dabei in der Rolle von Nachwuchsschmieden und Bühnen

für Bildungsprozesse, aber auch von Vollzugsgehilfen und

Entwicklungs-Labors für die Bildungsreformen beschrieben

(2). Bei der Entwicklung der Kommunikation der Pädagogischen

Hochschulen dürfte die Zusammenarbeit in bildungspolitischen

Netzwerken bedeutsam sein (3).

1 Die Relevanz der Öffentlichkeit

Öffentlichkeit, das sei die «Einsamkeit aussen», sagte Max

Frisch einmal (Frisch 1967: 56). Zwar träumen wir immer

wieder davon, dass unsere Informationen und Positionen

dank der Massenmedien weit verbreitet werden. In Tat und

Wahrheit erleben wir immer auch das Gegenteil: Eine «Veröffentlichung»

kann zur Verkürzung und Umdeutung von

Anliegen, zu Missverständnissen und zu Widerstand führen.

Das gilt für die Ära digitaler, medienkonvergenter Öffentlichkeit

mehr denn je. Die Vervielfältigung von Botschaften

in der Presse, die inzwischen täglich mehrmals erfolgt, und

die sekundenschnelle Vervielfältigung im weltweiten Netz

schaffen für die Kommunikation neben Chancen auch enorme

Risiken. Im Zeitalter der Mediendemokratie (Schulz 2008, S.

31) bedeutet Bekanntheit immer auch Angreifbarkeit. Für Pädagogische

Hochschulen ist dieser Zusammenhang existenziell.

Nach dem Willen der Öffentlichkeit wurden sie geschaffen,

und von dieser Öffentlichkeit erhielten sie ihren Auftrag. Das

Gut, das sie mehren sollen – die Bildung – ist ein öffentliches

Gut: Es soll allen zugänglich sein, und es unterliegt der laufenden

Beurteilung in der öffentlichen Debatte.

Von zentraler Bedeutung ist deshalb die Frage, wie es sich

mit der Bekanntheit und mit der Angreifbarkeit Pädagogischer

Hochschulen in der Öffentlichkeit verhält – sprich: Wie ihre

Leistung dort beurteilt und wie ihre Rolle definiert wird. «Lehrerbildung:

Es wird reformiert, und keiner weiss es.» (MLZ,

4.11.2010) – eine solche Schlagzeile ist gleich doppelt problematisch:

Setzt sich diese «Geschichte» in den Spalten, Blogs

und Köpfen fest, haben Pädagogische Hochschulen nicht nur

ein Bekanntheits-, sondern auch ein Legitimitätsproblem.

Auf Anregung des Forums Lehrerinnen- und Lehrerbildung

Lenzburg und mit finanzieller Unterstützung der Stiftung

Pestalozzianum, Zürich haben wir im Jahr 2010 das Bild untersucht,

das Printmedien von deutschweizerischen Pädagogischen

Hochschulen (PH) während eines Jahres gezeichnet

haben. Dabei interessierte nicht nur Form und Ausmass der

Präsenz der PH in den Medien, sondern auch die Rolle, die

den PH in diesen Medien zugeschrieben wird. Denn es ist

ein Unterschied, ob eine PH als Kompetenzzentrum für den

Bildungsfortschritt oder als Nährboden für die bildungspolitische

Reformitis dargestellt wird. Je nachdem erscheint ihre

Leistung in einem anderen Licht – und die Bereitschaft, sie zu

unterstützen, dürfte davon nicht unberührt bleiben.

Solche Zuschreibungen erfolgen mittels Schlagzeilen und

Stereotypen, die nach bestimmen Erzählmustern gestrickt

sind. Medienproduzenten und Medienrezipienten ziehen sie

bei, um in einer unübersichtlich gewordenen Welt ein Minimum

an Übersicht zu wahren beziehungsweise zu schaffen.

Dieser öffentliche «Sinn», den das mediale «Public Storytelling»

bestimmten Themen in der Öffentlichkeit verleiht (Perrin

et al. 2010), hat wenig mit dem Sinn für wissenschaftliche

Wahrheit zu tun. Es geht um eine Sinnproduktion unter den

Bedingungen hoher Komplexität, eines Überschusses an Information

und enormer zeitlicher, inhaltlicher und ökonomischer

Restriktionen.

2 Präsenz und Rolle der PH in der Presse

Wie sieht also die quantitative Präsenz ausgewählter PH in

der gedruckten Presse aus Welche Titel sind es, die über die

12

Podium Pestalozzianum 2010


PH berichten In welchen thematischen Kontexten werden die

Hochschulen genannt Und welches sind typische Rollenbilder,

die in den Erzählmustern über die PH verwendet werden

In unserer Studie haben wir uns mit diesen Fragen auseinander

gesetzt. Wir haben dazu die Berichterstattung über

verschiedene PH im Zeitraum zwischen dem 1. April 2009

und dem 31. März 2010 analysiert; berücksichtigt wurden die

PH von Zürich (PHZH), St. Gallen (PHSG), der Zentralschweiz

(PHZ) sowie der Nordwestschweiz (PH FHNW). Herangezogen

wurden Schweizer Printmedien (Zeitungen, Wochen- und

Monatszeitschriften).

2.1 Mediale Präsenz der PH

Zunächst interessierte die Häufigkeit der Berichterstattung

über die PH. Für den Untersuchungszeitraum konnten insgesamt

554 Artikel eruiert werden (vgl. Abb.1), in denen eine

der vier PH genannt wurde. Die mediale Präsenz zeigte sich

dabei relativ ausgewogen. Die PHSG kam in 96 Artikeln vor,

die PHZH 92 Artikeln und die PH FHNW in 82 Beiträgen. Zwar

konnte die PHZ mit 284 Artikeln etwa dreimal so viele Artikel

verzeichnen. Wird jedoch berücksichtigt, dass sich hinter

diesem Kürzel die drei Teilschulen Schwyz, Luzern und Zug

verbergen, relativiert sich diese im Vergleich höhere Zahl.

Abb. 1: Mediale Präsenz PH vom 1.4.2009 bis 31.3.2010

2.2 Der personalisierte Diskurs

Personalisierung ist ein wichtiges Merkmal der Kommunikationslogik

der Mediengesellschaft (Schulz 2008: 65ff.) Mit

einem quantitativen Vergleich der Berichterstattung über

bildungspolitische Expertinnen und Experten einerseits und

über die PH anderseits suchten wir daher nach Hinweisen

zur Frage, ob das auch im bildungspolitischen Diskurs gilt.

Gemäss den Befunden trifft es insofern zu, als dass Personen

wie der Präsident des Lehrer-Dachverbands Beat W. Zemp

(152 Artikel), der Jugendpsychologe Allan Guggenbühl (124)

und der Entwicklungspädiater Remo Largo (115) häufiger

in den Medien vorkamen als die einzelnen PH für sich (die

PHZ ausgenommen). Dass einige der untersuchten Exponenten

institutionell in PH eingebunden sind, wird nur aus

wenigen Medienbeiträgen ersichtlich. So wird der an der

PHZH arbeitende Allan Guggenbühl in nur 5 von 124 Artikeln

mit «seiner» PH in Verbindung gebracht. Zusammenfassend

kann vermutet werden, dass die Personalisierung auch für

den Bildungsdiskurs eine der prägenden Tendenzen ist. Ein

Grund dafür ist die Tatsache, dass Einzelpersonen die Medien

prägnanter und rascher mit jeweils passenden Stellungnahmen

und Quotes beliefern können, als dies für grössere

Institutionen möglich ist.

2.3 Der regionalisierte Diskurs

Die Analyse der 554 Artikel zeigt weiter, dass regionale Tageszeitungen

als «Leitmedieder PH-Bericht¬er¬stat¬tung gelten

können. Über die PHZH (92 Artikel) berichten am ehesten

der Tages-Anzeiger (16), die Neue Zürcher Zeitung (15) und

der Landbote (15). Im Falle der PHZ (284 Beiträge) greifen am

ehesten die Neue Luzerner Zeitung (175), der Willisauer Bote

(25) sowie die Zürichsee-Zeitung (18) Themen der Hochschule

auf. Die Aargauer Zeitung/Mittelland-Zeitung (MLZ) (17), die

Basler Zeitung (14) und das Oltner Tagblatt/MLZ (10) veröffentlichen

am meisten Artikel über die PH FHNW (82). Eine

besondere Fokussierung auf ein einzelnes regional führendes

Printmedium findet bei der PHSG statt. 82 von 96 Artikeln über

diese PH erschienen im St. Galler Tagblatt. Diese Befunde

lassen sich nicht nur dadurch erklären, dass der Diskurs

über die PH, bedingt durch das föderalistische Schweizer

Bildungssystem, stark regional geprägt ist. Ins Gewicht fällt

auch die Tatsache, dass die hier untersuchte Schweizer Printmedienlandschaft

eine stark regional geprägte Landschaft ist.

2.4 Der institutionelle Diskurs

Wird der zeitliche Verlauf der Berichterstattung über die

PH betrachtet, so liegt die Vermutung nahe, dass es im Zusammenhang

mit den kantonalen Abstimmungen über das

HarmoS-Projekt Spitzen in der Berichterstattung gibt. Denn

dieses Projekt war aus bildungs-, reform- und föderalismuspolitischen

Gründen umstritten. Diese Annahme hat sich in

der Analyse nicht bestätigt. Über das ganze Berichterstattungsjahr

hinweg konnte nur eine einzige quantitative Spitze

erhoben werden. Diese bezog sich auf die PHZ und die dortige

Diskussion um das Konkordat der Trägerkantone. Allein

im März 2010 wurden hierzu in verschiedensten Medien 55

Artikel publiziert.

Das lässt die Vermutung zu, dass der Mediendiskurs

über die PH stärker von institutionellen als von bildungsund

reformpolitischen Fragen im grösseren Zusammenhang

geprägt ist. Diese Vermutung hat sich in der Analyse der

Berichterstattung nach thematischen Kriterien (vgl. Abb.

2) bestätigt. Dominierende Themen sind – neben dem genannten

Innerschweizer Konkordat – allgemeine Fragen der

Berufsausbildung, die Nennung von PH als Ausbildungsund

Arbeitsort von Personen, eigene Projekte und eigene

Bildungs¬engagements sowie die Zahl von Studienanfängern

und -abgängern. Unterscheidet man verschiedene Ebenen

des Bildungsdiskurses nach den «grossen Fragen» der gesellschaftlichen

Problemstellungen und systemischen Strukturen

einerseits und den detaillierten institutionellen sowie

umsetzungstechnischen Fragen anderseits (Fischer 2003:

191ff.), so ist die PH-bezogene Berichterstattung damit vor

allem den detaillierteren institutionellen und umsetzungstechnischen

Aspekten gewidmet. Grössere Zusammenhänge

politischer Problemstellungen oder systemischer Strukturen,

die durch Themen wie «Bildungsreformen» und «konkrete

pädagogische Fragen und Probleme» erfasst werden können,

sind im medialen PH-Diskurs seltener vertreten.

Abb. 2: Siehe nächste Seite

Peter Stücheli-Herlach, Katharina Urbahn und Angelica Hüsser

13


Abb. 2: Berichterstattungsthemen und PH (n=554)

2.5 Ausbildungs-, Experten- und Reformrollen

Nach der quantitativen Analyse der Berichterstattung ging

es in einem weiteren Schritt darum, einen Blick auf typische

Erzählmuster (narrative Strukturen) der medialen Berichterstattung

zu werfen (Perrin et al. 2010). Bei welchen Handlungen

und im Kontext welcher Schauplätze und Ereignisse

werden PH beobachtet Lassen sich typische Rollenbilder für

die Darstellung der PH identifizieren Durch die qualitative

Analyse dieser Fragen lässt sich das «Medienbild» (Schulz

2008: 66) der PH weiter schärfen, und es ergeben sich Hinweise

auf mögliche Formen der Anschlusskommunikation

im Publikum.

Für einzelne Themen der Berichterstattung können typische

Rollenbilder für die PH identifiziert werden. Geht es um

Themen der Ausbildung von Lehrpersonen, so erscheinen die

PH wiederholt in der Rolle von «intelligenten Maschinerien

des Ausbildungssystems»: Sie handeln nicht aus eigenem

Antrieb, sondern führen erfolgreich jene Programme aus,

die im politischen System beschlossen wurden. Ein Beispiel

für die Verwendung dieses Rollenbildes: «Die Lehrerbildung

ist landesweit im Umbau. Und die vier Nordwestschweizer

Kantone spielen dabei eine Pionierrolle. Hier wurden

… Lehrerausbildungen vereinheitlicht. Ab Herbst 2009 gibt

es unter dem Dach der PH nur noch …» (BaZ: «Ab Herbst

gibt es vier einheitliche Studiengänge für die Volksschule»,

Infokasten, 5.9.2009). In der Berichterstattung über die Ausbildung

findet sich auch das Rollenmuster der «produktiven

Nachwuchsschmieden». Es wird verwendet um zu zeigen,

dass PH ein Ort sind, an dem künftige Lehrpersonen stark

gefordert werden, um sich im künftigen Beruf bewähren zu

können. Ein Beispiel: «Kaum angefangen, schon müssen die

künftigen Seklehrerinnen ... selbst handeln ... Die Lektionen

müssen die angehenden Lehrkräfte selbst vorbereiten – nicht

unpraktisch, wenn sie aus eigener Erfahrung wissen, welche

Experimente sich für Demonstrationen eignen.» (SGT: «Wein

unter die Lupe nehmen», 15.10.09)

In der Berichterstattung um eigene Projekte erscheinen

PH häufig als «Zentren angewandter Expertise». Hier arbeiten

kompetente Fachleute daran, Wissen über die Bildung zu

erarbeiten und zu dokumentieren. Auffallend ist dabei, dass

die Expertise zu aktuellen Problemstellungen sich häufig in

Form von schriftlichen Publikationen äussert. Dies ist unter

anderem erklärbar aus der Tatsache, dass die Herausgabe

von Büchern, Leitfäden und Dokumentationen einen konkreten

Anlass für Medienarbeit und -berichterstattung liefert.

Beispielsweise heisst es in Bezug auf das Pilotprojekt «Früherkennung

und Frühintervention» an der PHZH in diversen

Medien: «… Leitfaden erarbeitet …» (Landbote); «Materialien

… verfasst» (ZSZ); «… zu einer 35-seitigen Handreichung

verarbeitet …» (NZZ). Daneben werden PH auch als «Bühnen

für kreative Bildungsprozesse» beschrieben. In dieser Rolle

handeln sie nicht selber, sondern fungieren als Plattformen,

auf denen angehende Lehrpersonen, aber auch Schülerinnen

und Schüler wichtige Erfahrungen machen können: «Während

drei Wochen steht die Forscherkiste der PHSG vor der

Schule Untereggen…» (SGT; 10.9.2009: «Forschen mit allen

fünf Sinnen»); «Im Park des Klostergebäudes ... der PHSG ...

stellen sich Primarschüler im Kreis im Schatten der Bäume

auf» (SGT; 22.6.09).

Geht es um die Berichterstattung über Bildungsreformen,

14

Podium Pestalozzianum 2010


lassen sich zwei typische Rollenbilder identifizieren. Einerseits

werden die PH in diesem Kontext als Akteure beschrieben,

die im Auftrag eines als übertrieben wahrgenommenen

politischen Reformeifers handeln (Rollenbild der «Vollzugsgehilfen

der Reformitis»). Ein Beispiel: «Weniger Praxis in

der Ausbildung bedeute mehr überforderte Junglehrer und

mehr Chaos im Schulzimmer, sagen Kritiker schon seit Langem.

Nun kürzt die FHNW die Praktikumszeit aber trotzdem

– entgegen früheren Ankündigungen.» (BaZ: «Bei Lehrern

wird die Praxis zur Theorie», 5.9.09). Anderseits treten PH

als «Labors für den Bildungsfortschritt» auf den Plan: Nach

diesem Muster werden sie typischerweise beschrieben, wenn

sie mit ihren Aktivitäten zur Erhellung wichtiger Zusammenhänge

der Bildung beitragen beziehungsweise wenn sie der

Schauplatz sind, an dem Bildungsfachleute dies tun. Ein

Beispiel: «… ist der strategische Entscheid in der Schulpflege

gefallen … ‹probten wir in Zusammenarbeit mit der PHZH

neue Unterrichtsformen›, sagt Schulleiterin XY» (Landbote:

«Bald gibt es keine ‹Drittklässler› mehr», 6.5.2009).

3 Perspektiven der Kommunikationsentwicklung

An solche Befunde über das «Medienbild» der PH können

Überlegungen über die öffentliche Positionierung und deren

langfristige Weiterentwicklung anschliessen. Das Bild der

PH und ihres institutionellen Kerngeschäfts, der Lehrerausbildung,

ist durchaus präsent; PH profilieren sich als Schauplätze

kreativer und fordernder Bildungsprozesse. Fragen

stellen sich in Bezug auf deren Rolle im Reformdiskurs. Hier

erscheint die stärkere Kombination einzelner Muster der

Darstellung als wünschenswert. Näher am Selbstbild der PH

wäre wohl eine Darstellung als Nachwuchsschmieden, die

nicht nur jeweils situativ, sondern auch nachhaltig wirken, als

Bühnen für Bildung, die mit der nötigen Expertise vielfältig

bespielt werden, sowie als Labors für einen Bildungsfortschritt,

der auch aus systemischer Perspektive als notwendig

und sinnvoll erachtet wird. Zur Positionierung in medienkonvergenten

Bildungsdiskurs werden die Weiterentwicklung der

integrierten Kommunikation und die diskursive politische

Planung und Evaluation in Zusammenarbeit mit bildungspolitischen

Netzwerken wichtige Etappen für die PH sein.

Quellenhinweise

Fischer, Frank (2003): Reframing Public Policy. Oxford University Press

Frisch, Max (1967): Öffentlichkeit als Partner. Suhrkamp

Perrin, Daniel; Stücheli-Herlach, Peter; Weber, Wibke (2010): Public

Storytelling in konvergenten Medien. In: Jakobs, Eva-Maria et al.

(Hrsg.): Schreiben und Medien. Lang: S. 187-201

Schulz, Winfried (2008): Politische Kommunikation. 2., vollständig

überarbeitete und erweiterte Auflage. VS-Verlag

* Das Projektteam dankt dem Forum für Lehrerinnen- und Lehrerbildung

Lenzburg für die Anregung zur Studie und der Stiftung Pestalozzianum,

Zürich für die finanzielle Unterstützung.

Peter Stücheli-Herlach, Katharina Urbahn und Angelica Hüsser

15


Über die Autorinnen und die Autoren

Boris Boller

Boris Boller studierte in Freiburg

Ethnologie, Geschichte und Kommunikationswissenschaften

und promovierte

dort in Sozialanthropologie. An

der PH Bern leitete er die Forschung

«Schule Bildung und Öffentlichkeit.

Eine Inhalts- und Diskursanalyse der

Schweizer Presseberichterstattung

zum Bildungswesen», in deren Rahmen insbesondere die

Diskurse über Lehrpersonen und Schulreformen von 2008

bis 2009 untersucht wurden und die Grundlage zu seinem

Referat bildet. Neben seiner Forschungstätigkeit unterrichtet

er sozialwissenschaftliche Methodik an Fachhochschulen.

Thomas Hermann

Thomas Hermann hat Anglistik,

deutsche Literatur und Medienpädagogik

studiert. Er ist Dozent im Fachbereich

Medienbildung an der Pädagogischen

Hochschule Zürich und

Co-Leiter der Forschungsgruppe

BildMedienBildung. Dort interessiert

er sich für die Potentiale des Bildes

als Gegenstand und Methode in pädagogischen Kontexten.

Er ist neben der Forschung auch in der Ausbildung und am

Schreibzentrum der PH Zürich tätig. Sein Referat basiert auf

einer kürzlich durchgeführten Studie zur visuellen Darstellung

von Schule und ihren Akteuren in der Deutschschweizer

Tages- und Sonntagspresse.

Norbert Grube

Norbert Grube hat Geschichte und

Germanistik studiert. Er ist wissenschaftlicher

Mitarbeiter in der Abteilung

Forschung und Entwicklung

an der Pädagogischen Hochschule

Zürich und Kernmitglied der Forschungsgruppe

BildMedienBildung.

Dort interessiert er sich u.a. für historische

Bezüge und Erklärungsansätze in der Bildanalyse.

Er ist neben der Forschung auch in der Ausbildung tätig und

wirkt im NF-Projekt der Edition der Briefe an Pestalozzi mit.

Peter Stücheli-Herlach

Dr. Peter Stücheli-Herlach ist Leiter

Beratung und Dozent für Organisationskommunikation

am IAM Institut

für Angewandte Medienwissenschaft

der ZHAW Zürcher Hochschule für

Angewandte Wissenschaften in Winterthur.

Seine Forschungsgebiete

sind die Politische Kommunikation,

die Behördenkommunikation, die Kommunikationsberatung

sowie Public Storytelling in Convergent Media. Er ist ehrenamtlicher

Präsident der Stiftung Pestalozzianum in Zürich.

Katharina Urbahn

Katharina Urbahn, diplomierte Kommunikatorin

und Kommunikationswirtin

(FH), ist wissenschaftliche

Mitarbeiterin am IAM Institut für

Angewandte Medienwissenschaft

der ZHAW Zürcher Hochschule für

Angewandte Wissenschaften in Winterthur.

Katharina Urbahn ist Co-

Managerin des Bachelorstudiengangs Kommunikation und

Kursmanagerin des Weiterbildungskurses CAS Politische

Kommunikation. Darüber hinaus ist sie in der Beratung des

IAM tätig.

Angelica Hüsser

Angelica Hüsser ist Kommunikatorin

FH und arbeitet als wissenschaftliche

Assistentin Forschung

am IAM Institut für Angewandte

Medienwissenschaft der ZHAW Zürcher

Hochschule für Angewandte

Wissenschaften in Winterthur. Ihre

Forschungsschwerpunkte sind Wissenschafts-

und Gesundheits-kommunikation.

16

Podium Pestalozzianum 2010


Bisherige Podien

Podium Pestalozzianum 2009

«Schaffen wir die Integration»

Publizistik und Pädagogik im Dialog. Podiumsdiskussion zur

Frage der gesellschaftlichen und schulischen Integration

Roger de Weck Publizist, Zürich

Winfried Kronig Professor für Pädagogik, Universität Freiburg

Gita Steiner-Khamsi Professorin für Vergleichende und

Internationale Erziehungswissenschaften, Columbia University

New York

Podium Pestalozzianum 2008

«Wankt die Volksschule»

Politik und Pädagogik im Dialog: Podiumsdiskussion zur

Frage der freien Schulwahl mit:

Jacqueline Fehr Nationalrätin, Vizepräsidentin SP Schweiz

Lucien Criblez Professor für Pädagogik, Universität Zürich

Filippo Leutenegger Nationalrat FDP

Margarita Müller Vizepräsidentin «elternlobby schweiz»

Podium Pestalozzianum 2006

«Über den kulturellen Bildungsauftrag der heutigen

Schule

Kultur und Bildung im Dialog: Gespräch über den kulturellen

Bildungsauftrag der Schule mit:

Fredi M. Murer Filmemacher

Philipp Gonon Professor für Berufspädagogik,

Universität Zürich

Podium Pestalozzianum 2005

«Welches Wissen braucht die Zukunft»

Wirtschaft und Bildung im Dialog: Gespräch über die Bedeutung

der Bildung für die gesellschaftliche und wirtschaftliche

Entwicklung mit:

Daniel Vasella Präsident und Delegierter des Verwaltungsrates

der Novartis AG

Barbara Häring Nationalrätin, Universitätsrätin

Weitere Informationen und Videos von Kurzreferaten der Podiumsteilnehmer/innen:

www.pestalozzianum.ch ➞ Podium

Pestalozzianum

Podium Pestalozzianum 2010 17


Die Stiftung Pestalozzianum

Die Stiftung Pestalozzianum für Bildung, Jugend und Dialog

ist ein Gemeinschaftswerk des Kantons Zürich, der Pädagogischen

Hochschule Zürich und von derzeit 200 Kollektiv-

und 600 Einzelmitgliedern der Förderungesellschaft. Mit

vier Aktivitäten fördert die Stiftung die Volksschule und den

Bildungsdialog:

Das Podium Pestalozzianum ist jährlich ein- bis zweimal

einem aktuellen Thema gewidmet und versammelt jeweils

über hundert Interessierte zum lebhaften Dialog.

Die Preise Pestalozzianum würdigen Verdienste für die

Bildung (Bildungspreis) und herausragende Arbeiten Studierender

an der Pädagogischen Hochschule Zürich (Studienpreise).

Die Publikationen Pestalozzianum fördern den Wissenstransfer

und Erfahrungsaustausch auf gedruckten und elektronischem

Weg.

Die Projekte Pestalozzianum fördern innovative Vorhaben,

welche dazu dienen, das Bildungsverständnis und das pädagogische

Wissen in der Öffentlichkeit zu vertiefen.

Informationen über die Stiftung, ihre Aktivitäten und eine

Mitgliedschaft in der Fördergesellschaft finden Sie über

www.pestalozzianum.ch

Der Stiftungsrat

Dr. Peter Stücheli-Herlach Dozent für Organisationskommunikation,

Kommunikationsberater, ZHAW Zürcher Hochschule

für Angewandte Wissenschaften (Präsident)

Prof. Dr. Walter Bircher Rektor der Pädagogischen Hochschule

Zürich

Fabiola Curschellas Widmer Primarlehrerin

Prof. Dr. Philipp Gonon Professor für Berufspädagogik an der

Universität Zürich

Marion Heidelberger Primarlehrerin und Sonderpädagogin,

Vizepräsidentin LCH

René Kappeler Sekundarlehrer

Urs Meier Stellvertretender Amtschef Volksschulamt, Vertreter

der Bildungsdirektion

Carolina Müller-Möhl Politologin, Präsidentin Müller-Möhl

Group

Prof. Stefan Rubin Mittelschullehrer und ehemaliger Präsident

der Schulsynode des Kantons Zürich

Barbara Schäuble-Althaus ehemaliges Vorstandsmitglied

Verband Zürcher Schulpräsident/-innen

Dr. sc. techn. Anton E. Schrafl

Rolf Wolfensberger, Architekt Mitglied des Vorstands der

Elternorganisationen im Kanton Zürich

Geschäftsführung

Prof. Dr. Rudolf Isler Dozent für Allgemeine und Historische

Pädagogik, PH Zürich

18

Podium Pestalozzianum 2010


© 2011 Stiftung und Gesellschaft Pestalozzianum und

Verlag Pestalozzianum an der Pädagogischen Hochschule

Zürich, www.verlagpestalozzianum.ch

Die Publikation erscheint als Gratis-Beilage von ph-akzente

3 /2011 und ist beim Verlag Pestalozzianum, im Lernmedienshop

der Pädagogischen Hochschule Zürich sowie im

Buchhandel zum Preis von 10 Franken zu beziehen.

Lektorat

Rudolf Isler

Korrektorat

Marielle Larré

Beratung

Mediendesign-Atelier IAM, Institut für Angewandte Medienwissenschaft,

Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften

ZHAW

Gestaltung

AnnA Raussmüller, Raussmüller Grafik Design

ISBN 978-3-03755-133-2


Das Thema

Unter dem Titel «Bilder der Bildung: Wie Medien die Schule

zeigen.» wurden am Podium Pestalozzianum 2010 in knapper

Form drei wissenschaftliche Studien vorgestellt und

anschliessend von Experten diskutiert.

Die Studien

Ein ambivalentes Rollenbild: Zur bildlichen Präsenz und Darstellung

von Lehrpersonen in der Presse (Hermann / Grube)

Imagewandel von Lehrberuf und Schulreformen in der

Öffentlichkeit (Boller)

« ... und keiner weiss es» Pädagogische Hochschulen im

Spiegel der Medien (Stücheli-Herlach / Urbahn / Hüsser)

Die Podiumsteilnehmer

Urs Bühler Redaktor NZZ

Lucia Clement Bildredaktorin BLICK

Lilo Lätzsch Präsidentin ZLV

Chantal Galladé Nationalrätin

Peter Stücheli-Herlach Kommunikationswissenschaftler

Cornelia Kazis Radio DRS (Gesprächsleiterin)

Die Stiftung

Die Stiftung Pestalozzianum für Bildung, Schule und Dialog

engagiert sich für eine starke Volksschule und ein leistungsfähiges

öffentliches Bildungswesen. Sie führt Menschen

zusammen, die an Bildung, Erziehung und Bildungspolitik

interessiert und beteiligt sind. Sie fördert damit den Erfahrungsaustausch

und den Dialog zwischen Pädagogik und

Politik, Schule und Medien, Lehrenden und Forschenden.

Dabei ist die Stiftung einer modernen, aufgeklärten, historisch

reflektierten Pädagogik verpflichtet, die den Menschen

ins Zentrum stellt.

20 Podium Pestalozzianum 2010

Pädagogische Hochschule Zürich

ISBN 978-3-03755-133-2

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