Grundschule aktuell 91
Wie viele Schriften brauchen Grundschulkinder?
Wie viele Schriften brauchen Grundschulkinder?
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Heft Nr. <strong>91</strong> • III. Quartal • September 2005 • Best. Nr. 6026 • D9607F<br />
Grundschulverband – Arbeitskreis Grund schu le e. V. • Niddastraße 52 • 60329 Frank furt/Main • Tel. 0 69 / 77 60 06 • www.grundschulverband.de<br />
Wie viele Schriften brauchen<br />
Grundschulkinder
Editorial<br />
»Körper und Stimme<br />
leiht die Schrift<br />
dem stummen Gedanken.<br />
Durch der Jahrhunderte Strom<br />
trägt ihn das redende Blatt.«<br />
Inhalt<br />
S. 2 Im forschenden Blick:<br />
die lernenden Kinder (F. Heinzel)<br />
Thema: Schrift und Schreiben<br />
S. 3 Welche Schreibschrift passt am besten<br />
zum Grundschulunterricht heute<br />
(H. Bartnitzky)<br />
Praxis: Schreiben lernen<br />
S. 13 Wege zur eigenen Handschrift<br />
(A. Gadow)<br />
S. 17 A wie Anfang (U. Andresen)<br />
Grundschulforschung<br />
S. 21 Die eigene Schrift entwickeln –<br />
von Anfang an (Chr. Mahrhofer-Bernt)<br />
<strong>aktuell</strong> … aus den Landesgruppen, u.a.<br />
S. 26 Berlin: Baustelle <strong>Grundschule</strong><br />
S. 26 Bayern: Heterogenität und Eingangsstufe<br />
S. 27 Brandenburg: Individuelle Lernstandsanalysen<br />
S. 30 NRW: Was ändert sich nach der Wahl<br />
Friedrich Schiller schrieb diese Verse – im Schiller-Jahr 2005 ein passender<br />
Einstieg in unser Thema.<br />
Schreiben ist viel mehr als Technik. Schiller hat Recht mit seinen Worten.<br />
Auch wenn Geschriebenes meist nicht Jahrhunderte überdauert: Schrift ist Gedächtnis.<br />
Und es ist die Geste des Aufhebens, die ihre Faszination ausmacht:<br />
Die eigene Stimme auf dem Papier!<br />
Schreiben ist Hand-Werk. Recht aber hatte auch der namenlose Mönch, der<br />
schon im 8. Jahrhundert klagte: »O wie schwer ist das Schreiben: Es trübt die<br />
Augen, quetscht die Nieren und bringt zugleich allen Gliedern Qual. Drei Finger<br />
schreiben, der ganze Körper leidet!«<br />
Wege zur eigenen Hand-Schrift. Und so greifen wir in der Zusammenschau<br />
von Grundschuldidaktik, Grundschulpraxis und Grundschulforschung das immer<br />
<strong>aktuell</strong>e Thema auf, wie Kinder in der <strong>Grundschule</strong> schreiben lernen und<br />
ihre persönliche Handschrift entwickeln können. »Welche Schrift«, fragt Horst<br />
Bartnitzky in seinem einleitenden Beitrag, »passt am besten zum Grundschulunterricht<br />
heute«<br />
Die Antworten von Angelika Gadow, Ute Andresen und Christina Mahrhofer-bernt<br />
zeigen, dass Schrift und Schreiben in besonderer Weise ein Aspekt<br />
von pädagogischer Kultur sind: Sich der eigenen Schreibgeschichte und<br />
Handschrift bewusst sein. Auf die schreibenden Kinder schauen, mit ihnen<br />
über Schriften und Schreiben sprechen. Ebenso gründlich arbeiten wie grundlegend.<br />
Praxisprojekt und Diskussionsforum<br />
Die Debatte um (Schul-)Schriften und Schreiben mit neuen Aspekten (wieder)<br />
anzustoßen ist Ziel der Texte dieses Heftes. Wir rufen dazu auf, an einem Praxisprojekt<br />
dazu mitzuarbeiten (siehe Aufruf S. 12).<br />
Auf der Homepage des Grundschulverbandes bieten wir ab sofort ein Diskussionsforum<br />
zum Thema an, auch hier hoffen wir auf Ihre rege Beteiligung: www.<br />
grundschulverband.de<br />
Projekt »Pädagogische Leistungskultur«<br />
Wenn dieses Heft seine Leserinnen und Leser erreicht, erscheinen pünktlich die<br />
von vielen ungeduldig erwarteten „Materialien zur pädagogischen Leistungskultur“<br />
(siehe Anzeige auf der Heftrückseite). Zu den drei Fächern Deutsch, Mathematik,<br />
Sachunterricht werden für die Klassen 1 und 2 alltagstaugliche Materialien<br />
vorgelegt, die auch die Kinder als Lerner dialogisch einbeziehen. Damit<br />
legt der Grundschulverband ein Konzept zur <strong>aktuell</strong>en Debatte um Diagnostik<br />
und Leistungsförderung vor, das eine pädagogische Leistungskultur in der Praxis<br />
entwickeln hilft. Das Projekt wird fortgesetzt.<br />
Ulrich Hecker<br />
Impressum<br />
, die Zeitschrift des Grundschulverbandes erscheint<br />
viertel jährlich und wird allen Mitgliedern zugestellt.<br />
Der Bezugspreis ist im Mitgliedsbeitrag enthalten. Das einzelne Heft kostet 5 €;<br />
für Mitglieder und bei Sammelbestellungen ab 10 Hefte 3 € (incl. Versand).<br />
Verlag: Grundschulverband – Arbeitskreis <strong>Grundschule</strong> e. V.<br />
Niddastraße 52, 60329 Frankfurt/Main, Tel. 0 69 / 77 60 06, Fax: 0 69 / 7 07 47 80;<br />
Internet: www.grundschulverband.de, E-Mail: info@grundschulverband.de<br />
Herausgeber: Horst Bartnitzky (für den Vorstand des Grundschulverbandes)<br />
Redaktion: Ulrich Hecker, Hülsdonker Str. 64, 47441 Moers, Tel. 0 28 41 / 2 17 14,<br />
E-Mail: ulrichhecker@aol.com<br />
Redaktionelle Mitarbeit: Friederike Heinzel (Forschung);<br />
Edgar Bohn, Sibylle Jaszovics, Beate Schweitzer (aus den Landesgruppen)<br />
Fotos: Bert Butzke, Mülheim / Ruhr (S. 19); Ulrich Hecker, Moers<br />
Herstellung: novuprint Agentur für Mediendesign, Werbung, Publikationen GmbH,<br />
Bödekerstr. 73, 30161 Hannover, Tel. 05 11 / 9 61 69 – 11, Fax: 05 11 / 9 61 69 – 99<br />
Anzeigenverwaltung: Brigitte Bell, Verlagsgruppe Beltz, Tel. 0 62 01 / 6 00 73 80,<br />
Fax 0 62 01 / 6 00 73 93<br />
Druck: Druckhaus Beltz, 69502 Hemsbach<br />
ISSN 1860-8604<br />
Beilagen: »Eine Welt in der Schule« als ständige Beilage<br />
GS <strong>aktuell</strong> <strong>91</strong> • September 2005<br />
1
Tagebuch<br />
Im forschenden Blick: die lernenden Kinder<br />
Friederike Heinzel,<br />
Professorin für<br />
Erziehungswissenschaft<br />
mit dem Schwerpunkt<br />
Grundschulpädagogik<br />
an der Universität<br />
Kassel,<br />
Fachreferentin für<br />
Grundschulforschung<br />
beim Grundschulverband.<br />
Seit der Herausbildung einer eigenständigen empirischen<br />
Grundschulforschung in Westdeutschland sind inzwischen<br />
über 25 Jahre vergangen. Im Jahr 2000 wurde aus<br />
der »Arbeitsgruppe Grundschulforschung« die Kommission<br />
»Grundschulforschung und Pädagogik der Primarstufe«<br />
in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft<br />
(DGfE).<br />
Und im September 2005 wird die 14. Tagung »Grundschulforschung«<br />
in Dortmund stattfinden. Inzwischen<br />
hat sich die Grundschulforschung also etabliert.<br />
Das öffentliche Interesse an dieser Forschung konzentriert<br />
sich zurzeit auf die großen Untersuchungen wie<br />
IGLU (Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung)<br />
und VERA (VERgleichsArbeiten), weil hier international,<br />
national oder klassenbezogen Vergleichsdaten<br />
geliefert werden. In IGLU wurden Schülerleistungen<br />
am Ende der vierten Jahrgangsstufe im internationalen<br />
Vergleich getestet. Die Ergebnisse zeigten, dass deutsche<br />
Grundschulkinder im Leseverständnis auf der Ebene des<br />
oberen Leistungsdrittels liegen. Zugleich wurde deutlich,<br />
dass bestimmte Gruppen von Schülerinnen und Schülern<br />
intensiver gefördert werden müssen, nämlich Kinder mit<br />
Migrationshintergrund, Kinder aus bildungsfernen Milieus<br />
und in bestimmten Bereichen Jungen (Orthographie)<br />
oder Mädchen (Mathematik). Hier gibt es weiteren Forschungs-,<br />
Diskussions- und Handlungsbedarf. IGLU rät<br />
übrigens insgesamt zu mehr pädagogischem Optimismus<br />
in Deutschland in Bezug auf die Bildungsfähigkeit<br />
der nachwachsenden Generation. Mit dem standardisierten<br />
Leistungstest VERA werden Kompetenzen der Fächer<br />
Deutsch und Mathematik erhoben, auf der Ebene von<br />
Bundesländern, Schulen und Schulklassen.<br />
Leider führt die Rezeption der genannten Untersuchungen<br />
teilweise zu einer Überhöhung der Bedeutung von<br />
Tests und zu einer Stärkung der Outputorientierung.<br />
Tests sollten aber Instrumente bleiben und gute Testergebnisse<br />
nicht zum Hauptziel von Unterricht avancieren.<br />
Ich möchte Sie ermutigen, die ermittelten Daten als<br />
nützliche Informationen über Stärken und Schwächen<br />
des Grundschulunterrichts auf Landes-, Schul- oder Klassenebene<br />
zu lesen. Nutzen Sie die Forschungsergebnisse,<br />
um Probleme zu erkennen, Einschätzungen zu überprüfen<br />
oder Anregungen für interessante Aufgabenformate<br />
zu gewinnen!<br />
Die Notwendigkeit einer eigenen Grundschulforschung<br />
ergibt sich aus der Besonderheit der Schulform: ihrer<br />
grundlegenden Aufgabe, der Heterogenität der Schüler-<br />
schaft und den Anforderungen der Schuleingangs- und<br />
Alterstufe.<br />
Es gibt eine Vielzahl von Untersuchungen, die im Bereich<br />
der genannten Schwerpunkte der Grundschulforschung<br />
entstanden sind und Interesse wecken sollten. Als ein<br />
Beispiel soll KILIA (Kooperationsprojekt Identitäts- und<br />
Leistungsentwicklung im Anfangsunterricht) genannt<br />
werden. Hier wird festgestellt, dass Leistungsunterschiede<br />
am Ende der ersten Klasse in erster Linie auf schon<br />
bestehende Differenzen am Schuljahresanfang zurückzuführen<br />
sind, weshalb die Lernvoraussetzungen im Anfangsunterricht<br />
eine größere Bedeutung erhalten sollten<br />
und eine Förderung schon vor der Schule notwendig ist.<br />
Zum Schulbeginn gibt es weder beim Schriftspracherwerb<br />
noch im Mathematikunterricht eine Stunde Null. Die Unterschiede<br />
im Bereich des Vorwissens sind in Mathematik<br />
beträchtlich, und der Schriftspracherwerb hängt von den<br />
Schrifterfahrungen ab. Kinder profitieren von anregenden<br />
Handlungsspielräumen und der Eröffnung individueller<br />
Lernwege im Unterricht.<br />
Insgesamt empfehle ich, nicht nur die quantitativen Untersuchungen<br />
zur Kenntnis zu nehmen, sondern auch Fallstudien<br />
oder Mikrostudien, die auf Beobachtungen aus<br />
dem Schulalltag beruhen oder in denen Unterrichtsprotokolle<br />
interpretiert werden. Gerade für grundschulpädagogische<br />
Forschung ist die Nähe zur Praxis kennzeichnend<br />
und nicht selten wird dann mit qualitativen Daten gearbeitet.<br />
Auch die Perspektiven des lernenden Kindes oder<br />
kinderkulturelle Erfahrungen in der Schule lassen sich<br />
besser mit qualitativen Zugängen erfassen.<br />
Die Rezeption von Beobachtungs- oder Fallstudien kann<br />
dazu beitragen, dass die Komplexität des Lehrerhandelns<br />
und Widersprüche im Schulalltag besser verstanden werden<br />
können und sich der eigene Blick schärft für den Sinn<br />
von Ordnungen, Regeln und Ritualen im Schulalltag, für<br />
die Bedeutung der Sozialbeziehungen der Kinder oder das<br />
kollektive Fabrizieren von Antworten im Unterricht. Solche<br />
Studien geben einen Einblick in andere Klassenzimmer,<br />
können durch die Übertragung auf eigene Entscheidungssituationen<br />
Spielräume erweitern und die eigenen<br />
Möglichkeiten zu reflektiertem Unterrichtshandeln ausbauen.<br />
Friederike Heinzel<br />
2 GS <strong>aktuell</strong> <strong>91</strong> • September 2005
Thema: Schrift und Schreiben Thema:<br />
Welche Schreibschrift passt am besten<br />
zum Grundschulunterricht heute<br />
»Der Schriftenwirrwar« –<br />
ein reales Politikstück<br />
in drei Akten<br />
1. Akt: Die konservative Zeitung in einem<br />
großen Bundesland berichtet seriös über<br />
die Neuregelung im Lehrplan-Entwurf<br />
Deutsch. Danach soll die Ausgangsschrift<br />
die Druckschrift sein und die<br />
Kinder sollen aus der Druckschrift ihre<br />
persönliche Handschrift entwickeln. Die<br />
Lehrkraft kann zur Unterstützung dieses<br />
Prozesses die Vereinfachte Ausgangsschrift<br />
heranziehen – nicht als Ausgangsschrift,<br />
die Zug um Zug kopiert werden<br />
muss, sondern als Orientierungsschrift.<br />
Die konservative Zeitung zündelt dann<br />
in derselben Ausgabe durch die Überschrift:<br />
Ministerium schafft Schreibschrift<br />
ab! Sie hat Schulleute befragt<br />
und druckt nun deren Meinung ab. Eine<br />
Schulleiterin befürchtet die Individualisierung<br />
der Handschrift: »Wenn jeder<br />
Grundschüler seine eigene Handschrift<br />
entwickeln kann, entsteht ein heilloses<br />
Durcheinander.« Eine andere hat gerade<br />
den Verlust von Individualität vor Augen:<br />
»Der Verzicht auf Schreibschrift wäre ein<br />
Verlust von Individualität.«<br />
aus: Rheinische Post<br />
18.11.2003 (oben) bzw. 19.11.2003<br />
2. Akt: Nun kann jede und jeder mitreden.<br />
Die Opposition verlangt im Landtag<br />
eine Diskussion zum drohenden Aus für<br />
die Schreibschrift. Der Bildungsexperte<br />
der großen Oppositionspartei greift in<br />
die Chaos-Kiste: »Das Schulministerium<br />
muss das Schriftenwirrwarr aufklären.«<br />
Und gleich weiter: »Die weitere Nivellierung<br />
der Leistungsansprüche an <strong>Grundschule</strong>n<br />
ist unerträglich.« Der Sprecher<br />
der kleinen Oppositionspartei hält die<br />
Vereinfachte Ausgangsschrift für »eigentlich<br />
ungeeignet. Aus Gründen der<br />
Lesbarkeit und der Schriftentwicklung ist<br />
es sinnvoll, mit der klassischen Schreibschrift<br />
zu beginnen.« Und die Bildungsexpertin<br />
derselben Partei fordert gleich<br />
die Abschaffung des Curriculuminstituts,<br />
die dort arbeitenden Lehrkräfte sollten<br />
besser an Schulen unterrichten.<br />
3. Akt: Im Schulministerium herrscht helle<br />
Aufregung um so viel unvermuteten<br />
Wirbel um die Schrift. Die Schulministerin<br />
beeilt sich zu beschwichtigen. Die<br />
Aufregung ist so groß, dass der Lehrplantext<br />
im Ministerium gar nicht richtig<br />
gelesen und die Ministerin mit einer<br />
Falschaussage gebrieft wird: Es werde<br />
selbstverständlich die Vereinfachte oder<br />
die Lateinische Ausgangsschrift gelehrt.<br />
Auf den Widerspruch zum Lehrplantext<br />
angesprochen, redet sich der Ministersprecher<br />
damit heraus, die Lehrplanformulierung<br />
sei »etwas schwammig«.<br />
Die weitere Auskunft des Ministeriums:<br />
Nicht nur die Vereinfachte und die Lateinische,<br />
auch die Schulausgangsschrift<br />
sei nun zugelassen. Also: Happy End.<br />
Das Stück zeigt, wie Oppositionspolitik<br />
funktionieren kann: Eine Kampagne<br />
wird öffentlich von<br />
außen gegen die<br />
Regierung angezettelt,<br />
hier durch<br />
eine der Opposition<br />
zugeneigte<br />
Presse.<br />
Die Opposition<br />
kann ihre Chaos-Reden<br />
halten und die Schulministerin<br />
ins Schwimmen bringen. Am Ende regierungsamtliche<br />
Beschwichtigung, Rücknahmen,<br />
Aus.<br />
Sachverstand muss im ganzen Stück<br />
keine Rolle spielen.<br />
Nächstes Thema, nächstes Stück.<br />
Was sich hier in einem Bundesland vor<br />
zwei Jahren abspielte, kann sich überall<br />
ereignen. Es gehört nur das politische<br />
Gespür für mobilisierende Themen<br />
dazu, Themen, die keiner Erklärung bedürfen,<br />
die allein durch das Stichwort<br />
zur Empörungswelle funktionieren. Im<br />
Grundschulbereich sind die Klassiker<br />
dazu Diktate und Rechtschreibung, Zensuren,<br />
Kuschelpädagogik – und eben die<br />
Schreibschrift.<br />
Welche Schrift ist angesagt<br />
Um den Begriff eines Politikers aus dem<br />
2. Akt aufzunehmen: Was denn ist die<br />
klassische Schreibschrift<br />
Zur Schriftenfrage gibt es durch die<br />
Jahrhunderte eine vielgestaltige Entwicklung.<br />
Im Laufe der letzten hundert<br />
Jahre wurde mindestens sieben Mal die<br />
Schulschrift gewechselt (zur Geschichte:<br />
Neuhaus-Siemon 1981):<br />
n »Auf, ab, auf – Pünktchen drauf.«<br />
Am Jahrhundertanfang wurde deutsche<br />
Schrift geschrieben, oft steil mit langen<br />
Ober- und Unterlängen, die Bandzugfeder<br />
sorgte für dünne Aufstriche und<br />
dicke Abstriche.<br />
n Nach dem ersten Weltkrieg setzten<br />
sich die beiden von Sütterlin entwickelten<br />
Schriften für den Schulgebrauch<br />
durch: die deutsche (oft Sütterlin-Schrift<br />
genannte, Abb. 1, S. 4) und die lateinische<br />
Schrift (Proportionen der drei<br />
Bänder 1 : 1 : 1, senkrechte Buchstaben,<br />
Rundformen, Abb. 2, S. 4).<br />
n 1935 wurde eine abgeänderte Sütterlin-Schrift<br />
als Deutsche Volksschrift<br />
verbindlich (leichte Schräglage, weniger<br />
Rundformen).<br />
n 1941 wurde sie per Hitler-Erlass abgeschafft,<br />
verbindlich wurde die lateinische<br />
Schrift in einer Variante, die Deutsche<br />
Normalschrift genannt wurde (Proportionen:<br />
2 : 3 : 2, Schrägstellung, Ovalformen).<br />
n 1953 wurde sie ersetzt durch die Lateinische<br />
Ausgangsschrift (LA, Abb. 3,<br />
S. 4) mit Varianten zur Deutschen Normalschrift<br />
(insbesondere in einem Zug<br />
schreibbare Kleinbuchstaben mit Anstrichen<br />
und vielen Drehrichtungswechseln,<br />
geschwungenere Linienführung). Die<br />
deutsche Schrift wurde noch zusätzlich<br />
GS <strong>aktuell</strong> <strong>91</strong> • September 2005<br />
3
Thema: Schrift und Schreiben<br />
gelehrt, auch um Schriftstücke der älteren<br />
Generation lesen zu können.<br />
n In der DDR wurde 1968 die Schulausgangsschrift<br />
(SAS, Abb. 4) als lateinische<br />
Schrift verbindlich (ähnlich wie<br />
die Lateinische Ausgangsschrift, aber<br />
einige Buchstabenvarianten).<br />
n In der BRD wurde seit den achtziger<br />
Jahren die Vereinfachte Ausgangsschrift<br />
(VA, Abb. 5) in vielen Bundesländern<br />
zugelassen (Proportion 1 : 1 : 1, drastische<br />
Reduktion der Drehrichtungswechsel,<br />
Luftsprünge, Baukastenprinzip: Kleinbuchstaben<br />
beginnen oben am Mittelband<br />
und enden dort).<br />
n Heute ist in den meisten Bundesländern<br />
die Druckschrift die verbindliche<br />
Erstschrift, eine verbundene Schrift ist<br />
verbindliche Zweitschrift, dabei gibt es<br />
nahezu alle Varianten in den zugelassenen<br />
Schriften: nur VA, nur SAS; LA oder<br />
VA, LA oder SAS, VA oder SAS, LA oder VA<br />
oder SAS (siehe Tabelle S. 10).<br />
Ist die LA oder die VA oder die<br />
SAS ein Kulturgut<br />
In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts<br />
ging die Diskussion um die<br />
Alternative: deutsche oder lateinische<br />
Schrift. In den zwanziger Jahren gab es<br />
die Bestrebung, die deutsche Schrift als<br />
nationales Kulturgut zu erhalten. Praktisch<br />
lief das darauf hinaus, dass beide<br />
Schriften gelehrt wurden, die lateinische<br />
zuerst, die deutsche später oder umgekehrt.<br />
Im Nationalsozialismus wurde<br />
zunächst die deutsche Schrift als Teil der<br />
deutschen Kultur angesehen, sie war nun<br />
die verbindliche Erstschrift. »Wir schützen<br />
sie, weil sie zum deutschen Menschen<br />
gehört, wie die Sprache, der das<br />
fremde Kleid nicht ansteht. Wir wissen,<br />
dass wir mit unserer Schrift einen Teil<br />
unseres Selbst aufgeben würden« (zitiert<br />
bei: Neuhaus-Siemon, S. 32). 1941 wurde<br />
durch einen Hitler-Erlass das Blatt gewendet:<br />
die lateinische Schrift wurde als<br />
»Deutsche Normalschrift« deklariert und<br />
verbindliche Erstschrift. Damit trug der<br />
Erlass der Einsicht Rechnung, dass sich<br />
in den eroberten Gebieten mit einer lateinischen<br />
Schrift, die für alle lesbar war,<br />
besser herrschen ließe.<br />
Heute hat die Generation der Entscheidungsträger<br />
mit der Lateinischen<br />
Abb. 3: Lateinische Ausgangsschrift (LA)<br />
Abb. 1: Sütterlin<br />
Abb. 4: Schulausgangsschrift (SAS)<br />
Abb. 2: Sütterlin Lateinschrift<br />
Abb. 5: Vereinfachte Ausgangsschrift (VA)<br />
4 GS <strong>aktuell</strong> <strong>91</strong> • September 2005
Thema: Schrift und Schreiben<br />
Ausgangsschrift schreiben gelernt, viele<br />
halten sie deshalb für ein überkommenes<br />
Kulturgut. Tatsächlich wurde sie<br />
Anfang der fünfziger Jahre vom Iserlohner<br />
Schreibkreis für einen Unterricht<br />
entwickelt, der den Kindern viel Zeit für<br />
Schönschreiben gewährte, der in den<br />
Schönschreibstunden auch die verzwickten<br />
Buchstabenverbindungen übte. In<br />
Nordrhein-Westfalen zum Beispiel gab<br />
es bis 1973 das Fach Schönschreiben mit<br />
zwei Wochenstunden. Erst, wenn die<br />
Schrift in ihrem exakten Duktus von den<br />
Kindern beherrscht war, durften sie ihre<br />
persönliche Schrift entwickeln.<br />
Schon an der oben skizzierten Entwicklung<br />
der Schulschriften ist erkennbar,<br />
dass nicht die einzelne Variante das<br />
überkommene Kulturgut darstellt. Vollends<br />
wird eine bestimmte Schulschrift-<br />
Variante als Kulturgut obsolet, wenn<br />
man die Schriften Erwachsener miteinander<br />
vergleicht – es gibt so viele Schriftvarianten<br />
wie Menschen. Gerade starke<br />
Persönlichkeiten haben ihre unverwechselbare<br />
eigene Schrift, das gilt für Politiker<br />
wie für Manager, für Künstler wie für<br />
Normalos.<br />
Das allen gemeinsame Kulturgut ist<br />
die lateinische Buchstabenschrift, die<br />
uns ermöglicht, mit wenigen Zeichen<br />
alles sprachlich Erdenkliche zu verschriften.<br />
Hierbei sind es eigentlich zwei Alphabete,<br />
die wir heute verwenden:<br />
n die römische Antiqua ( Abb. 6), die<br />
Steinschrift, mit so formklaren wie<br />
formschönen Großbuchstaben und<br />
n die im Mittelalter ergänzten Kleinbuchstaben,<br />
die karolingische Minuskel<br />
( Abb. 7)<br />
Beide wurden jahrhundertelang weithin<br />
unverbunden geschrieben. Erst im<br />
17./18. Jahrhundert entwickelten sich lateinische<br />
verbundene Schriften, die Kurrentschriften.<br />
Ständig wechselten dabei<br />
die Formvarianten, sie sind modischer<br />
Natur. Mal waren sie völlig verbunden,<br />
dann weniger oder gar nicht; mal waren<br />
die Formen spitz, mit überhohen Oberund<br />
Unterlängen, dann wieder gestauchter,<br />
runder, mal waren sie reichhaltig<br />
verziert, verschnörkelt, mit geschwungenen<br />
kalligrafischen Elementen, dann<br />
wieder schlicht bis einfach; mal dienten<br />
sie vor allem der Ästhetik, dann wieder<br />
mehr dem Inhalt und der pragmatischen<br />
Funktion des Schreibens und der guten<br />
Erlesbarkeit. »Schriften sind Zeiterscheinungen«<br />
(Menzel in Neuhaus-Siemon,<br />
S. 146).<br />
Überzeitliches Kulturgut ist in unserem<br />
Kulturkreis die lateinische Schrift:<br />
die Antiqua der Großbuchstaben und<br />
die zuzuordnenden Kleinbuchstaben,<br />
weshalb beides zusammen in der didaktischen<br />
Literatur Gemischtantiqua<br />
genannt wird. Alle verbundenen Schriftvarianten<br />
sind daraus konstruiert, sie<br />
kommen und gehen, wie der Blick in die<br />
Schul-Geschichte zeigt.<br />
Zur Erlernbarkeit<br />
der Schriften<br />
Abb. 7: Karolingische Minuskel<br />
Bis zur Reformpädagogik zu Anfang des<br />
20. Jahrhunderts galt die jeweilige Schulschrift<br />
als Ausgangs- und als Zielschrift,<br />
d. h. die Buchstaben und die Verbindungen<br />
wurden Zug um Zug nach vorgegebener<br />
Norm gelernt und sollten so auch<br />
weiterhin geschrieben werden mit identischen<br />
Buchstabenformen und gleichförmigen<br />
Schreibbewegungen. Eine persönliche<br />
Handschrift galt dagegen nicht<br />
als Ziel der Schule. Schreibenlernen und<br />
-üben nahmen einen großen Raum in der<br />
Unterrichtszeit ein.<br />
Die Reformpädagogik brachte auch<br />
hier einen Paradigmenwechsel: Möglichst<br />
einfache Buchstabenformen sollten<br />
die Schrift leichter lernbar machen<br />
und eine persönliche, individuell ausgeprägte<br />
Handschrift entwickeln helfen.<br />
Abb. 6: Römische Antiqua<br />
GS <strong>aktuell</strong> <strong>91</strong> • September 2005<br />
5
Thema: Schrift und Schreiben<br />
Abb. 9:<br />
Aus einem Schönschreibheft<br />
1951<br />
Die didaktischen Ansätze dazu waren<br />
unterschiedlich. Oft spielte die Druckschrift<br />
am Anfang eine Rolle, mit mehr<br />
oder weniger Vorgaben wurde hieraus<br />
eine verbundene Schrift entwickelt.<br />
Hans Brückl (zuerst 1922) ließ die<br />
Kinder als erstes vier Grundformen<br />
üben: den Reifen, den Spazierstock, die<br />
Schlange und die Turnstange. Aus diesen<br />
Grundformen wurden alle großen und<br />
kleinen Druckschriftbuchstaben zusammengesetzt.<br />
Anschließend lernten die Kinder, die<br />
Druckbuchstaben miteinander zu verbinden<br />
(Brückl in Schorch, S. 48 ff.,<br />
Abb. 8).<br />
Anders Artur Kern (zuerst 1931). Er<br />
argumentierte von seiner Ganzheitstheorie<br />
aus: Das einzelne Wort sollte<br />
als ganze Gestalt sinnfällig werden<br />
– beim Lesen wie beim Schreiben, nicht<br />
buchstabenweise, sondern wortweise.<br />
Deshalb votierte er für die verbundene<br />
Schrift beim Lesen- wie beim Schreibenlernen.<br />
Damit das Schreiben lernbar war,<br />
wurde in einem Vorkurs die Schreibmuskulatur<br />
trainiert, wurden grafische Bewegungsabläufe<br />
geübt wie Schleifen, Zacken,<br />
Girlanden, Arkaden und dann erste<br />
Wörter in einem Zug erschrieben, also<br />
Buchstaben für Buchstaben miteinander<br />
verbunden (Kern in Schorch, S. 56 ff.)<br />
Abb. 8: Brückl<br />
Nach dem zweiten Weltkrieg entwickelte<br />
sich bei den meinungsführenden<br />
Vertretern des Iserlohner Schreibkreises<br />
eine Auffassung vom Schreiben als<br />
rhythmischer Bewegung. (z. B. Lämmel<br />
in Schorch, S. 62 ff.) Damit wurde Stellung<br />
gegen das Konzept von Brückl<br />
genommen: Das Synthetisieren von<br />
Buchstaben aus vier Grundformen, das<br />
Schreibdrucken, dann daraus die Entwicklung<br />
der verbundenen Schrift wurde<br />
als »Schreibstottern« verurteilt, Drucken<br />
verleite die kindliche Hand zum Drücken.<br />
Schreiben als Schwingen wurde<br />
dagegen gesetzt. Nach Vorkursen mit<br />
Aufgaben zum Kneten, Reißen, Falten<br />
und dem Schreibturnen von Arm, Hand<br />
und Fingern wurden erschwingbare<br />
Wörter (eile), später auch Buchstaben,<br />
Buchstabenverbindugen und -gruppen,<br />
Wörter und kleine Sätze geübt. Die Ganzheitler<br />
schrieben vorzugsweise Wörter,<br />
die Synthetiker zunächst Buchstaben,<br />
Buchstabengruppen, dann Wörter. In<br />
gesonderten Schönschreibstunden wurde<br />
reihenweise derselbe Buchstabe, dieselbe<br />
Buchstabenverbindung, dieselben<br />
Wörter geschrieben ( Abb. 9).<br />
Die Lateinische Ausgangsschrift<br />
konnte deshalb reich an Bewegungsformen<br />
sein, weil sie auf solche Weise ausgiebig<br />
geübt wurde. Man denke nur an<br />
die geflammten Aufstriche bei den großen<br />
Buchstaben A, M, N, an schwierige<br />
Verbindungen wie den Übergang von r zu<br />
z, an die unterschiedlichen Buchstabenformen<br />
je nach Anschluss wie die Varianten<br />
des e in den Verbindungen le, re, se,<br />
Te oder an die vielen Drehrichtungswechsel<br />
mit möglichst exakten Deckstrichen<br />
wie bei a, d, g.<br />
In Bayern wurde im übrigen an der<br />
Brücklschen Didaktik bis in die sechziger<br />
Jahre festgehalten und die Lateinische<br />
Ausgangsschrift erst 1966 für die Schulen<br />
genehmigt. Schon 1981 wurde an die<br />
Brücklsche Tradition der Druckschrift<br />
als Erstschrift wieder angeknüpft.<br />
Zurück zur Lateinischen Ausgangsschrift.<br />
Angesichts vielfältiger neuer<br />
Aufgaben für die <strong>Grundschule</strong> wie das<br />
neue Fach Sachunterricht, fachlich komplexerem<br />
Musik- und Kunstunterricht<br />
entfielen bei gleicher Zahl der Unterrichtsstunden<br />
die besonderen Schönschreibstunden,<br />
ein allgemeiner Schriftverfall<br />
wurde prompt beklagt.<br />
Der Vergleich mit Erwachsenenschriften<br />
zeigte, dass die schwierigen Buchstabenformen<br />
und Verbindungen der Lateinischen<br />
Ausgangsschrift von geübten<br />
Schreibern in ihrer eigenen Handschrift<br />
vereinfacht wird; die Kinder mussten<br />
mithin eine hoch komplexe Form lernen,<br />
die sie sich im weiteren Verlauf selbst vereinfachten.<br />
Das erschien als didaktisch<br />
widersinnig. Dies führte nach entsprechenden<br />
Untersuchungen von Heinrich<br />
Grünewald zur Entwicklung der Vereinfachten<br />
Ausgangsschrift, die gegenüber<br />
der Lateinischen Ausgangsschrift insbesondere<br />
den Vorteil der leichteren Erlernbarkeit<br />
hat: die Drehrichtungswechsel<br />
sind drastisch reduziert, die Großbuchstaben<br />
sind an die Antiqua angelehnt,<br />
gesonderte Verbindungsstriche werden<br />
nicht gefordert, die Kleinbuchstaben beginnen<br />
fast alle am oberen Mittelband<br />
und enden dort, sie sind also im Baukastenprinzip<br />
miteinander zu verbinden.<br />
Wo Verbindungsstriche zum folgenden<br />
Buchstaben in der Buchstabenform nicht<br />
angelegt sind, macht die Hand einen<br />
Luftsprung; dadurch verbindet diese<br />
Schriftvariante nicht durchweg jeden<br />
Buchstaben mit jedem in einem Wort.<br />
Wilhelm Topsch setzte sich kritisch<br />
mit den Forschungen zur Vereinfachten<br />
6 GS <strong>aktuell</strong> <strong>91</strong> • September 2005
Thema: Schrift und Schreiben<br />
Ausgangsschrift auseinander. Er stellte<br />
fest, dass die Forschungen fehlerhaft<br />
waren und unzutreffende Behauptungen<br />
aufgestellt wurden. Zum Beispiel gebe es<br />
keinen empirisch gesicherten Beweis dafür,<br />
dass die Kinder mit der Vereinfachten<br />
Ausgangsschrift bessere Rechtschreiber<br />
würden als mit der Lateinischen Ausgangsschrift<br />
(Topsch in Hasert/Ossner<br />
1998, S. 75 ff.).<br />
Allerdings bleibt weiterhin richtig,<br />
dass die Vereinfachte leichter zu lernen<br />
ist als die Lateinische Ausgangsschrift.<br />
Meinen Beobachtungen nach verleitet<br />
dies übrigens viele Lehrkräfte dazu, die<br />
Vereinfachte Ausgangsschrift nicht zu<br />
lehren, schwierigere Buchstaben und<br />
Verbindungen nicht gesondert zu üben.<br />
Häufig wird den Kindern ein Lehrgang<br />
zum selbsttätigen Schreibenlernen übergeben.<br />
Die Schreibergebnisse sind dann,<br />
was Formklarheit und Lesbarkeit betrifft,<br />
sehr unbefriedigend.<br />
Karl Heinz Schniewind bestätigte in<br />
seiner Schriftuntersuchung zur Vereinfachten<br />
Ausgangsschrift diese Beobachtung:<br />
Die schlechtesten Schriftergebnisse<br />
gab es in der Klasse mit der geringsten<br />
Dauer des Schreiblehrgangs; die besten<br />
Schriften gab es in Klassen, in denen mit<br />
den Kindern am dichtesten gearbeitet<br />
werden konnte: in Klassen mit höchstens<br />
23 Schülern und nur ein bis zwei Lehrkräften<br />
in den Kernfächern (Schniewind<br />
2004, S. 11).<br />
Seitdem 1981 in Bayern die Druckschrift<br />
als Erstschrift (wieder) eingeführt<br />
wurde, folgten bis heute nahezu alle Bundesländer.<br />
Dies hat auch schwer wiegende<br />
inhaltliche Gründe, auf die im folgenden<br />
Kapitel noch eingegangen wird. Hier<br />
geht es um die Lernbarkeit. Ein wichtiger<br />
Aspekt dabei ist, wie viele Bewegungsmuster<br />
für die einzelnen Schriftformen<br />
gelernt werden müssen. Bei der Lateinischen<br />
Ausgangsschrift sind es besonders<br />
viele, weil zahlreiche Buchstabenverbindungen<br />
gesondert gelernt werden müssen.<br />
Bei der Druckschrift sind es besonders<br />
wenige, weil sie aus extrem wenigen<br />
Bewegungsmustern besteht, Brückl reduzierte<br />
sie sogar auf vier. Kinder wählen<br />
wohl auch deshalb Druckschriftformen,<br />
wenn sie lange vor der Schule beginnen,<br />
die Buchstabenschrift zu entdecken, vorzugsweise<br />
die Großbuchstaben, die nur<br />
aus Strichen, Kreisen und Halbkreisen<br />
zusammengesetzt sind. Die Vereinfachte<br />
und die Schulausgangsschrift liegen in<br />
der Zahl der Bewegungsmuster zwischen<br />
Druckschrift und Lateinischer Ausgangsschrift.<br />
Geht es also um die Frage der Lernbarkeit,<br />
dann spricht alles dafür, dass die<br />
Druckschrift die Erstschrift sein muss.<br />
Diese Erkenntnis ist auch wissenschaftlich<br />
nicht neu. Legendär ist die Untersuchung<br />
von Rudolf Meis aus dem Jahr<br />
1963. Meis fasste damals zusammen:<br />
»Bei Schreibversuchen mit insgesamt<br />
3750 Schulanfängern wurden 10 Wörter<br />
jeweils in unverbundener Druckschrift<br />
und verbundener Schreibschrift erprobt.<br />
Bei jedem Wort waren die Druckschrift-<br />
Ergebnisse besser, und der Vorsprung<br />
der Druckschrift wurde um so größer, je<br />
schwieriger die zu schreibenden Wörter<br />
waren. Alle Unterschiede sind statistisch<br />
hochsignifikant (P >0,001). Auch aus folgenden<br />
Gründen muss die Druckschrift<br />
als erste Lese- und Schreibschrift gefordert<br />
werden:<br />
1. Die Druckschrift ist einfacher und<br />
klarer, »prägnanter«,<br />
2. bei Druckschrift-Texten werden von<br />
Kindern weniger Fehler gelesen,<br />
3. Schriften ohne Aufstriche sind physisch<br />
leichter zu erzeugen,<br />
4. die Abstriche sind die Hauptträger<br />
des Bewegungserlebnisses« (Meis,<br />
S. 31).<br />
Das ist nun über vierzig Jahre her, aber<br />
nach wie vor gültig.<br />
Schrift hat funktionalen Wert<br />
Werden damit die Leistungsansprüche<br />
weiter nivelliert, wie Kritiker argwöhnen<br />
Die Unterstellung liegt bereits in<br />
dem Adverb weiter. Die moderne Schule,<br />
so die schulpessimistische Behauptung,<br />
nivelliere, also reduziere auf ein unteres<br />
Niveau permanent die Leistungsansprüche.<br />
Schulhistorisch ist aber das Gegenteil<br />
der Fall: Die Leistungsansprüche sind<br />
über die Jahrzehnte gestiegen. Bei gleich<br />
bleibender Unterrichtszeit wurden die<br />
verbindlichen Unterrichtsinhalte über<br />
die Jahre enorm vermehrt, man denke an<br />
Bereiche wie Umweltschutz, Naturwissenschaft,<br />
gesunde Ernährung, Sexualerziehung,<br />
neue Medien, an die größere<br />
Selbstständigkeitsförderung und an die<br />
erhebliche Zunahme erzieherischer Aufgaben,<br />
ganz zu schweigen von der ersten<br />
Fremdsprache und der besonderen Vermittlung<br />
von Deutsch als Zweitsprache.<br />
Angesichts erheblich gestiegener Aufgaben<br />
der Schule spricht vieles dafür, wo<br />
es möglich ist, Lernprozesse ökonomischer<br />
zu gestalten. Schrift<br />
ist eine Kulturtechnik und hat vor<br />
allem funktionalen Wert. Sie sollte<br />
deshalb so zeitökonomisch wie<br />
möglich erarbeitet werden.<br />
Zudem: Nach heutigen Verständnis<br />
ist Schreibenlernen nicht<br />
mehr auf den schreibmotorischen<br />
Aspekt zu reduzieren, also auf das<br />
inhaltsfreie Kopieren von Buchstabenformen,<br />
vielmehr ist Schreibenlernen<br />
eingelagert in den<br />
aktiven Schriftspracherwerb und<br />
insofern ungleich anspruchsvoller<br />
als früher. Dazu später mehr.<br />
Und die kritische Frage nach der<br />
Ästhetik Insbesondere die Lateinische<br />
Ausgangsschrift erscheint<br />
manchem als die ästhetischste und deshalb<br />
die Schrift der Wahl. Abgesehen davon,<br />
dass sich trefflich über Geschmack<br />
streiten lässt: Man betrachte römische<br />
Inschriften in der Steinschrift, also mit<br />
den großen »gedruckten« Buchstaben<br />
(vgl. Abb. S. 6, S. 5). Sie haben doch wohl<br />
eine zeitlose Ästhetik.<br />
Schreiben ist viel mehr<br />
als eine Technik<br />
Bis in die achtziger Jahre hinein wurde<br />
das Schreibenlernen entweder als ästhetisches<br />
Gestalten mit grafischen Formen<br />
und Schrift oder, banaler, als Einüben der<br />
schreibmotorischen Technik verstanden<br />
und so auch praktiziert. Mal stand<br />
die Bewegung im Vordergrund wie beim<br />
Iserlohner Schreibkreis, mal die Form wie<br />
bei Brückl, der dritte Aspekt von Schrift,<br />
ihr Sinn, ihre Funktion, ihre Inhaltlichkeit<br />
wurde zunächst ausgeklammert (siehe<br />
Glöckel in Schorch, S. 89 ff.). Der Grund<br />
hierfür war das Fehlervermeidungsprinzip<br />
im normgebundenen Rechtschreibunterricht.<br />
Wenn die Kinder nichts schreiben<br />
sollten, was rechtschriftlich normwidrig<br />
war, dann konnten sie frühestens in Klasse<br />
3 beginnen, eigene Sätze und Texte zu<br />
schreiben. Der »Aufsatzunterricht« setzte<br />
denn auch erst auf dieser Jahrgangsstufe<br />
ein.<br />
Schon in den siebziger Jahre gab es<br />
Bemühungen, Schreiben als Kommunikation<br />
von Anfang an mit Kindern zu<br />
praktizieren, Hans Vestner (1972) und<br />
Wolfgang Menzel (1975) stehen dafür.<br />
Aber alle Ansätze waren erheblich durch<br />
die Fessel des normgerechten Schrei-<br />
Horst Bartnitzky,<br />
Vorsitzender des<br />
Grundschulverbandes<br />
GS <strong>aktuell</strong> <strong>91</strong> • September 2005<br />
7
Thema: Schrift und Schreiben<br />
Beispiel einer Kinderschrift in Druckschrift<br />
Abb. 10: Menzel 1975<br />
Lateinische Ausgangs-Druckschrift<br />
bens von Anfang an eingeschränkt. Erst<br />
in den achtziger Jahren eröffneten sich<br />
neue Möglichkeiten mit dem Paradigmenwechsel<br />
im Schriftspracherwerb:<br />
Der Spracherfahrungsansatz und die<br />
damit verbundenen Untersuchungen,<br />
Erfahrungen, Erkenntnisse räumten mit<br />
der Irrmeinung auf, dass die Kinder sich<br />
falsch Geschriebenes dauerhaft einprägen.<br />
Hans Brügelmann (1983) und<br />
Gudrun Spitta (1985) waren hierzu wichtige<br />
Pioniere. Kinder finden ihren Weg<br />
in die Schrift, so der Befund, indem sie<br />
Strategien vom zunächst lautgetreuen<br />
Verschriften bis zum normgerechten<br />
Schreiben entdecken und verwenden.<br />
Inzwischen belegen zahllose Grundschulklassen<br />
diese Lernwege der Kinder.<br />
Die Erfahrungen beziehen sich samt<br />
und sonders auf die Druckschrift. (Siehe<br />
hierzu: Bartnitzky 2000, S. 105 ff., Bartnitzky<br />
u. a. 2005 Heft 3 Deutsch)<br />
Dies ist kein Wunder. Wenn Kinder<br />
vor Beginn der Schulzeit schon zu schreiben<br />
beginnen, dann wählen sie dazu die<br />
Druckschrift, in der Regel übrigens zuerst<br />
die Großbuchstaben. Sie finden sie überall<br />
in ihrer Lebenswelt – auf Schildern,<br />
im Fernsehen, in Zeitungen, in der Werbung,<br />
auf der Tastatur, in Büchern und<br />
ihre Formen sind leicht nachzuschreiben.<br />
Druckschrift ist zudem die Leseschrift.<br />
Lesen und Schreiben sind zwei Seiten<br />
derselben Medaille Schriftspracherwerb:<br />
Kinder entdecken beim Lesen und beim<br />
Schreiben die Funktionalität von Schrift,<br />
die Laut-Buchstaben-Beziehungen und<br />
den Weg vom Gedachten ins Geschriebene<br />
und vom Geschriebenen ins Gedachte<br />
in gegenseitiger Anregung und Stützung.<br />
Diese unschätzbaren Bedingungen für<br />
einen individuellen und entdeckenden<br />
Weg in die Schrift schafft aber nur eine<br />
gemeinsame Schriftform. Das ist die<br />
Druckschrift.<br />
Fazit: Die Druckschrift ist<br />
die erste Schreibschrift<br />
Mit dem Paradigmenwechsel im Schriftspracherwerb<br />
erhielt die Druckschrift<br />
faktisch den Status der ersten Schreibschrift,<br />
denn sie erfüllt alle drei Aspekte,<br />
die für das Schreiben gelten (siehe Glöckel<br />
in Schorch, S. 89 ff.):<br />
n Sie hat eine Form: verwendet einen<br />
bekannten Formbestand, ist also lesbar.<br />
n Sie wird durch Bewegung erzeugt: als<br />
grafische Spur auf einer Unterlage, als<br />
Bewegung in der Luft.<br />
n Sie hat eine Funktion: vermittelt eine<br />
Botschaft.<br />
Hierzu einige Überlegungen:<br />
Zur Form<br />
Anders als bei den verbundenen Schriften<br />
gibt es keine verbindliche Druckschrift-<br />
Variante als Ausgangschrift. Es gibt aber<br />
verschiedene Formvorschläge. In zwei<br />
Punkten stimmen sie überein:<br />
1. Sie gestalten die Buchstabenformen<br />
so einfach wie möglich. Deshalb<br />
verzichten sie zum Beispiel auf Serifen,<br />
sie haben also keine kleinen<br />
Abschlusstriche an Kopf und Fuß der<br />
Buchstaben. (Dies ist übrigens bei allen<br />
üblichen Fibelschriften ebenso.)<br />
2. Sie wählen für jeden Buchstaben eine<br />
spezielle Form. Das bedeutet für das<br />
große I und das kleine l, dass sie nicht<br />
beide mit lediglich dem senkrechten<br />
Strich geschrieben werden dürfen.<br />
Ansonsten gibt es einige interessante<br />
Varianten:<br />
1975 stellte Wolfgang Menzel eine<br />
von ihm so benannte »Lateinische Ausgangs-Druckschrift«<br />
vor (Menzel in Neuhaus-Siemon,<br />
S. 158, Abb. 10). Dabei<br />
enthalten viele Buchstaben eine ausfahrende<br />
Strichführung, d. h. die Buchstaben<br />
enden mit einer kleinen Kurve nach<br />
oben. Dadurch sollen spätere Verbindungen<br />
der Buchstaben bereits vorbereitet<br />
werden.<br />
Amtlich gibt es zwei Versionen: die<br />
Druckschrift Bayern und die Druckschrift<br />
Hamburg, die sich an den üblichen<br />
Fibelschriften orientieren, sich bei einigen<br />
Buchstaben voneinander unterscheiden.<br />
Sie sind in den beiden Bundesländern<br />
aber nicht verbindliche Norm<br />
sondern eine Empfehlung ( Abb. 11).<br />
Christina Mahrhofer referiert ausführlich<br />
die wissenschaftliche Befundlage<br />
zur Frage: senkrechte oder schräg<br />
stehende Druckbuchstaben – wobei<br />
lernen die Kinder schneller, schreiben<br />
schneller, schreiben formkonstanter,<br />
welche der Schriftlagen bereitet<br />
besser eine verbundene Schrift vor<br />
Ihr Resümee: »Es existieren noch keine<br />
Nachweise, die die Behauptungen<br />
zur verbesserten Schreibflüssigkeit,<br />
Schreibschnelligkeit etc. oder einer allgemeinen<br />
Verbesserung der Schriftqualität<br />
stützen können« (Mahrhofer 2004,<br />
S. 170 f.). Karl Heinz Schniewind stellte<br />
in seiner Untersuchung fest, dass Kinder<br />
auch bei Vorlage der rechtsgeneigten<br />
Vereinfachten Ausgangsschrift überwiegend<br />
die Vertikale bevorzugten und<br />
dass ihre Schriften auch formstabiler<br />
als die rechtsgeneigten Kinderschriften<br />
waren (Schniewind 2004, S. 8/9). Angesichts<br />
dieser Befundlage empfiehlt sich<br />
die senkrecht gestellte Druckschrift mit<br />
größtmöglicher Nähe zur Leseschrift.<br />
Zur Bewegung<br />
Wie schon bei der Vereinfachten Ausgangsschrift,<br />
so kann hier noch viel eher<br />
die einfache Form der Druckbuchstaben<br />
dazu verleiten, die Kinder die Buchstabenformen<br />
abmalen zu lassen. Schließlich<br />
wird der kleine Buchstabe a lesbar<br />
geschrieben, gleich ob das Kind einen<br />
Kreis linksrum oder rechtsrum malt und<br />
rechts einen Strich anfügt, ob er einen<br />
Abb. 11: Druckschriftformen<br />
Bayern<br />
(Hamburg)<br />
8 GS <strong>aktuell</strong> <strong>91</strong> • September 2005
Thema: Schrift und Schreiben<br />
Abb. 12: Linksoval<br />
(mit Schwungform, Buchstaben, Zierleiste)<br />
Halbkreis nach links malt und einen Stich<br />
rechts anfügt oder ob es das a in einem<br />
Zug schreibt, zuerst das Linksoval, dann<br />
hinauf zum Strich und senkrecht abwärts<br />
oder ob es mal so, mal so den Buchstaben<br />
schreibt ( Abb. 12). Das Linksoval ist<br />
wie das Rechtsoval eines der wenigen<br />
Bewegungsmuster, die bei vielen Buchstaben<br />
verwendet werden können, die<br />
anderen sind Arkaden, Girlanden, gerade<br />
und schräge Striche, Zacken sowie Bögen<br />
links und Bögen rechts. Je nach Zählung<br />
sind es etwa zehn Bewegungsgrundformen,<br />
mit denen alle Buchstaben der Gemischtantiqua<br />
geschrieben werden können<br />
( Abb. 13).<br />
Zwei Kriterien sollte die geschriebene<br />
Schrift der Kinder, gleich welche dies<br />
ist, immer erfüllen. Das eine Kriterium<br />
bezieht sich auf die Form, das andere<br />
auf die Bewegung: Die Schrift sollte<br />
formklar und bewegungsökonomisch<br />
sein. Dies gilt auch für die Druckschrift.<br />
Deshalb sollte in diesem Fall die Art der<br />
Bewegungsführung nicht den Kindern<br />
überlassen bleiben, vielmehr sollten die<br />
Bewegungsgrundformen mit den Kindern<br />
vielfach geübt werden: natürlich am<br />
konkreten Buchstaben, also beim a oder<br />
o das Linksoval, dann auch als Zierleisten,<br />
mit verschiedenfarbenen Stiften zu<br />
einem Schmuckblatt gestaltet usw.<br />
Wie sonst auch, ist der Übungsbedarf<br />
bei den Kindern allerdings individuell. Die<br />
Kinder werden zunächst so schreiben,<br />
wie sie vor der Schule schon begonnen<br />
haben, und sie malen zu Schulbeginn bei<br />
ihren ersten eigenen Wörtern und Texten<br />
die Buchstaben von der Schreib- oder Anlauttabelle<br />
ab. Buchstabenformen werden<br />
betrachtet, mögliche Schreibweisen<br />
ausprobiert. Bewegungsgrundformen zu<br />
Buchstaben, die die Kinder häufig brauchen,<br />
werden auf die beschriebene Weise<br />
geübt.<br />
Hier gilt, was Gertraud E. Heß ins<br />
Stammbuch schreibt: »Wir wissen, wie<br />
schwierig es ist, falsch eingeschliffene<br />
Bewegungsformen abzugewöhnen, die<br />
einer Schreibentwicklung und Gestaltung<br />
individueller Handschrift entgegenstehen«<br />
(Heß in Schorch, S. 102).<br />
Zur Funktion<br />
Wie die Kinder die Druckschrift von Anfang<br />
an funktional in Gebrauch nehmen,<br />
muss an dieser Stelle kaum noch ausgeführt<br />
werden. Der Anfangsunterricht in<br />
Klassen, die Lesen und Schreiben im Zusammenhang<br />
betreiben, zeigt vielfältige<br />
Möglichkeiten, die Schrift von Beginn an<br />
in Funktion zu nehmen – zur Kennzeichnung,<br />
zur Selbstäußerung, zur Kommunikation<br />
und aus purer Schreiblust.<br />
Damit ist die Druckschrift eine<br />
Schreibschrift, die erste, die Kinder oft<br />
schon vor der Schule verwenden und die<br />
erste, die in der Schule vermittelt und<br />
täglich gebraucht wird.<br />
Wie viele Schreibschriften<br />
brauchen Grundschulkinder<br />
Zunächst brauchen die Kinder nur eine:<br />
die Druckschrift. In ihr können sie alles<br />
verschriften, sie taugt für alle denkbaren<br />
Funktionen der Schrift, wie sie Kinder<br />
nutzen. Wann aber sollen die Kinder eine<br />
verbundene Schrift lernen und welche<br />
Karl Heinz Schniewind stellte in<br />
seiner Untersuchung zum Zeitpunkt<br />
fest, dass bei der verbundenen Schrift<br />
die Schriftverformungen umso geringer<br />
waren, je später der Lehrgangsbeginn<br />
lag. »Der Erwerb der Grundmuster<br />
verbundenen Schreibens ist also<br />
umso weniger gewährleistet, je jünger<br />
die Schüler sind« (Schniewind 2004,<br />
S. 12). Christina Mahrhofer referiert<br />
zur Frage der Schriftform die wissenschaftliche<br />
Befundlage: Es ist »weniger<br />
die Druckschrift, die im Erstschreibunterricht<br />
das Schreibenlernen erschwert.<br />
Es ist vielmehr die im Anschluss an die<br />
Druckschrift zu lehrende verbundene<br />
Ausgangsschrift. Der Wechsel wird erschwert,<br />
je unterschiedlicher die beiden<br />
Forminventare sind und je komplexer<br />
die Buchstabenformen der verbundenen<br />
Ausgangsschrift, die die Kinder zusätzlich<br />
zum Verbinden der Buchstaben<br />
erwerben müssen« (Mahrhofer 2004,<br />
S. 149).<br />
Drei verbundene Schriftvarianten<br />
stehen derzeit zur Verfügung. Sie sind<br />
unterschiedlich nah am Formenbestand<br />
der Druckschrift:<br />
n Die Lateinische Ausgangsschrift ist<br />
am weitesten entfernt, hierzu tragen<br />
die Wellenlinien und die durchgehende<br />
Verbindung aller Buchstaben im Wort<br />
wesentlich bei, die zu Buchstabenveränderungen<br />
führen.<br />
n Die Schulausgangsschrift hat eine<br />
größere Nähe zur Druckschrift, verbindet<br />
aber auch alle Buchstaben im Wort und<br />
erfordert deshalb die besondere Übung<br />
der Buchstabenverbindungen.<br />
n Die Vereinfachte Ausgangschrift hat<br />
wie die Schulausgangsschrift eine größere<br />
Nähe zur Druckschrift, verzichtet<br />
aber, wo nötig, auf die Buchstabenverbindungen.<br />
Dadurch sind die Buchstabenformen<br />
formkonstanter als bei den<br />
beiden anderen Schriften.<br />
Bei der Wahl einer verbundenen Schrift<br />
bietet sich deshalb die Vereinfachte Ausgangsschrift<br />
an.<br />
Abb. 13: Bewegungsgrundformen<br />
bei der Druckschrift<br />
GS <strong>aktuell</strong> <strong>91</strong> • September 2005<br />
9
Thema: Schrift und Schreiben<br />
Schriften und Schriftenfolge in den <strong>Grundschule</strong>n. Umfrage bei den Schulministerien der Länder (Stand Mai 2005)<br />
Erste Weitere Schriften Rechtsstatus Anmerkungen<br />
Schrift<br />
Baden-Württemberg DS LA oder VA Bildungsplan 2004 Kinder mit Lernschwierigkeiten schreiben<br />
weiter DS<br />
Bayern DS VA bis Ende Kl. 2 Lehrplan 2001 Individuelle Umgestaltung von Buchstaben<br />
sind möglich (VA: e, s, t, z)<br />
Brandenburg DS VA oder SAS Rahmenplan 2004/05 Kinder mit feinmotorischen Schwierigkeiten<br />
können weiter DS schreiben<br />
Berlin DS SAS Rahmenplan 2004/05 SAS zum individuellen Zeitpunkt<br />
Bremen DS LA oder SAS bis<br />
Ende Kl. 2<br />
Ab 06/07: VA<br />
Lehrplan<br />
Neuregelung ab 06/07 in der neuen<br />
Grundschulordnung<br />
Verbundene Schrift als Orientierungsschrift,<br />
Kinder mit sehr großen Schwierigkeiten beim<br />
Schreiben bleiben DS<br />
Hessen DS LA oder VA Verordnung über Rahmenlehrpläne<br />
1995<br />
Hamburg DS SAS bis Ende Kl. 2 Rahmenlehrplan 2004<br />
Mecklenburg-Vorp. DS VA oder SAS Rahmenlehrplan 2004<br />
Niedersachsen DS oder LA oder VA Rahmenrichtlinien 1984 Wenn mit DS begonnen wurde, muss in LA<br />
oder VA überführt werden.<br />
Nordrhein-Westfalen DS<br />
LA oder VA oder Lehrplan zur Erprobung und Erlass Der Erprobungslehrplan sieht nur VA vor.<br />
SAS<br />
Rheinland-Pfalz DS oder LA oder VA Keine formale Regelung Wenn mit DS begonnen wurde, muss in LA<br />
oder VA überführt werden.<br />
Saarland DS SAS bis Anfang<br />
Kl. 2<br />
Rundschreiben, wird im neuen<br />
Lehrplan verankert<br />
Sachsen SAS, möglich zusätzlich DS Lehrplan 2004/2005<br />
Sachsen-Anhalt DS und VA, Reihenfolge offen Rahmenrichtlinien,<br />
Erprobungslehrplan 2005/2006<br />
Schleswig-Holstein DS VA Lehrplan Beide Schriften Klasse 1<br />
Thüringen DS SAS oder VA bis Lehrplan<br />
Ende Kl. 2<br />
Abkürzungen: DS: Druckschrift, LA: Lateinische Ausgangsschrift, VA: Vereinfachte Ausgangsschrift, SAS: Schulausgangsschrift<br />
Erwachsenenschrift<br />
Allerdings stellt sich die Frage, ob<br />
die Kinder in der <strong>Grundschule</strong> zwei Ausgangsschriften<br />
lernen sollen, um am<br />
Ende zu einer persönlichen Handschrift<br />
zu kommen. Das ist weder pragmatisch<br />
von den Schreibfunktionen her noch zur<br />
Ausbildung einer eigenen Handschrift erforderlich.<br />
Wolfgang Menzel argumentiert in<br />
gleicher Richtung: Die Kinder beginnen<br />
mit der Druckschrift. »Und dann«, setzt<br />
Menzel seine Vision fort, »ließen wir die<br />
Kinder die Buchstaben verbinden, hier<br />
und da, wo das Bedürfnis besteht – und<br />
so, wie sie wollen. Die Schriften, die dabei<br />
herauskämen, wären präziser, besser<br />
lesbar und wahrscheinlich fehlerfreier,<br />
da die Aufmerksamkeit stärker auf die<br />
Buchstabenfolge gerichtet wäre« (Menzel<br />
1990, S. 65).<br />
Die Reformpädagogen vor achtzig<br />
Jahren standen schon einmal an dieser<br />
Stelle: der Leipziger Lehrerverein 1<strong>91</strong>4,<br />
Hans Brückl 1922, Fritz Kuhlmann 1925.<br />
Damals sollten noch alle Buchstaben im<br />
Wort miteinander verbunden werden.<br />
Sieht man Schriften erwachsener Schreiber<br />
an, fällt einem auf, dass sie oft aus<br />
verbundenen und aus unverbundenen<br />
Buchstaben bestehen.<br />
Ein Grund dafür: Beim Schreiben<br />
sucht man unwillkürlich Stellen, an denen<br />
die Handmuskulatur entlastet wird.<br />
Diese Stellen liegen aber nicht, wie die<br />
Verfechter einer durchgehend verbundenen<br />
Schreibschrift behaupten, zwischen<br />
den Wörtern, sondern auch im Wort.<br />
Dazu dient das Absetzen, bei routinierten<br />
erwachsenen Schreibern spätestens<br />
nach drei Buchstaben. Bei Kindern müssen<br />
diese Entlastungsstellen durch die<br />
Schrift angeboten werden, die Druckschrift<br />
ermöglicht dies nach jedem<br />
Buchstaben. Auch wenn Buchstaben<br />
miteinander verbunden werden, muss in<br />
Wörtern das Absetzen zur Entspannung<br />
der Muskulatur möglich sein. Deshalb<br />
muss bei den Kindern, deren Handmuskulatur<br />
sich wegen des Bewegungslernprozesses<br />
noch früher anspannt, auf das<br />
Verbindungsdogma verzichtet werden.<br />
(Siehe Mahrhofer 2004, S. 140)<br />
Häufig zusammenstehende Buchstabenfolgen<br />
wie -ie- oder -er- werden eher<br />
verbunden, andere möglicherweise eher<br />
nicht. Manche Kinder mögen vielleicht<br />
mehr Buchstaben miteinander verbinden,<br />
andere nicht. Eine verbundene<br />
Schrift kann dabei zu Rate gezogen werden.<br />
Nach allem bisher Gesagten kann<br />
das nur die Vereinfachte Ausgangsschrift<br />
sein. Sie ist dann aber keine Ausgangsschrift<br />
mehr, sie ist eine Orientierungsschrift.<br />
Die Kinder können sich aus ihrem<br />
Buchstabenvorrat bedienen. Ebenso können<br />
formklare Schriften Älterer betrachtet<br />
werden. Die Kinder üben mit der Lehrkraft<br />
einige Buchstabenverbindungen<br />
und entscheiden im Weiteren selbst, in<br />
welcher Größe, in welcher Lineatur, mit<br />
welcher Neigung sie schreiben. Schreiben<br />
als Werkstatt.<br />
Nur zwei Bedingungen gelten: Die<br />
persönliche Schrift muss weiterhin bewegungsökonomisch,<br />
also flüssig, und<br />
sie muss formklar, also gut lesbar sein.<br />
Dieses »weiterführende Schreiben« (so<br />
der frühere Terminus) könnte Aufgabe<br />
des Unterrichts in den Klassen 3 und 4<br />
sein.<br />
Genau das übrigens war die Absicht<br />
des Lehrplans, der dann mit dieser<br />
Passage den Sturm im Wasserglas<br />
bewirkte, siehe den Anfang dieses Auf-<br />
10 GS <strong>aktuell</strong> <strong>91</strong> • September 2005
Thema: Schrift und Schreiben<br />
Empfehlungen zu Schrift und Schreiben<br />
in der <strong>Grundschule</strong><br />
1<br />
2<br />
3<br />
Die Druckschrift als Ausgangsschrift für das Lesen und Schreiben<br />
erfüllt alle Anforderungen an eine funktionale Schreibschrift.<br />
Aus ihr entwickeln die Kinder ihre individuelle Handschrift.<br />
Eine verbundene Schrift als weitere Ausgangsschrift ist deshalb<br />
überflüssig.<br />
Zur Schriftwahl<br />
Ausgangsschrift ist die Druckschrift (Gemischtantiqua).<br />
Sie ist die erste Schreibschrift der Kinder.<br />
Zielschriften sind die individuellen Schriften.<br />
Orientierungsschriften bei der Entwicklung zur individuellen Schrift<br />
sind die Vereinfachte Ausgangsschrift sowie Handschriften Älterer.<br />
Kriterien für die Handschrift in jeder Phase sind:<br />
formklar, bewegungsflüssig, funktional.<br />
Zum Schreiblern-Prozess<br />
Der Schreiblern-Prozess ist einerseits normorientiert:<br />
Dies betrifft die Druckschriftformen am Anfang<br />
und durchgehend die Kriterien: formklar, bewegungsflüssig, funktional.<br />
Er ist andererseits individuell:<br />
Dies betrifft am Anfang die Schriftgröße und die Lineatur<br />
sowie die Übungsdichte.<br />
Durchgehend entwickeln die Kinder ihre individuelle Schrift<br />
durch Schriftbetrachtungen, eigenes Erproben und Reflektieren.<br />
Über Form und Schreibweisen der Buchstaben denken Kinder nach.<br />
Sie probieren Schreibweisen aus.<br />
Sie üben Bewegungsgrundformen auf verschiedene Weise.<br />
Die Übungen dienen der feinmotorischen Entwicklung der Schreibhand<br />
und der Schreibökonomie.<br />
Bei der Weiterführung zur individuellen Handschrift<br />
betrachten die Kinder verbundene und halbverbundene Schriften:<br />
die Vereinfachte Ausgangsschrift, ihre eigenen und die Handschriften Älterer.<br />
Sie probieren Buchstabenvarianten und Buchstabenverbindungen aus.<br />
Sie verwenden ihre Handschrift auch zur Formgestaltung von Texten.<br />
Horst Bartnitzky, Welche Schreibschrift passt am besten zum Grundschulunterricht heute,<br />
in: »<strong>Grundschule</strong> <strong>aktuell</strong>«, Zeitschrift des Grundschulverbandes, Heft <strong>91</strong> (September 2005), S. 3 – 12<br />
GS <strong>aktuell</strong> <strong>91</strong> • September 2005<br />
11
Thema: Schrift und Schreiben<br />
Aufruf zur Mitarbeit<br />
Druckschrift als<br />
Schreibschrift der Kinder<br />
!<br />
satzes. Schreibwirrwarr Klarer kann<br />
eine schreibdidaktische Konzeption eigentlich<br />
nicht sein. Die Übersicht über<br />
die Vorgaben in den 16 Bundesländern<br />
dagegen zeigt, was föderaler Wirrwarr<br />
ist. Aber das muss ja nicht so bleiben. In<br />
zwei nach PISA und IGLU so unterschiedlich<br />
positionierten Ländern wie Bayern<br />
und Bremen zeigen sich zum Beispiel<br />
Entscheidungen, denen offenkundig<br />
schreibdidaktische Überlegungen zu<br />
Grunde liegen.<br />
Wir suchen Lehrerinnen und Lehrer,<br />
n<br />
n<br />
n<br />
die mit Kindern lange Zeit die Druckschrift als Schreibschrift nutzen,<br />
die Kinder dabei auf dem Weg zu einer eigenen Handschrift begleiten,<br />
die eine verbundene Schrift nur als Orientierungsschrift verwenden.<br />
Wir wollen mit Ihnen in Kontakt kommen,<br />
Erfahrungen untereinander austauschen und<br />
nach Wegen eines kindgemäßen Schreibunterrichts suchen.<br />
Ergebnisse der gemeinsamen Arbeit werden<br />
vom Grundschulverband veröffentlicht.<br />
Schreiben Sie an den Grundschulverband,<br />
Stichwort: Schreibschrift<br />
E-Mail: info@grundschulverband.de<br />
Post: Grundschulverband, Niddastr. 52, 60329 Frankfurt/Main<br />
Forum für Meinungsäußerungen: www.grundschulverband.de<br />
(Menu Angebote: Forum Schriften)<br />
Das Thema Schrift ruft immer große<br />
Emotionalität hervor, dabei bleibt der<br />
Fachverstand häufig auf der Strecke. Wir<br />
brauchen überzeugende Beispiele dafür,<br />
dass Kinder mit Druckschrift flüssig und<br />
formklar schreiben und damit beginnen,<br />
ihre persönliche Handschrift zu entwickeln.<br />
Lehrerinnen und Lehrer, die auch<br />
so denken und arbeiten (wollen), können<br />
mit Erfahrungen und Schriftentwicklungen<br />
von Kindern wesentlich zur Sachdiskussion<br />
beitragen. Der Grundschulverband<br />
sucht solche Beispiele. Haben Sie<br />
Lust, mitzumachen Siehe den Aufruf<br />
auf dieser Seite.<br />
Wollen Sie sich an der Diskussion<br />
beteiligen: »Welche Schreibschrift passt<br />
am besten zum Grundschulunterricht«<br />
Dann nutzen Sie das <strong>aktuell</strong>e Forum:<br />
www.grundschulverband.de (Menu Angebote:<br />
Forum Schriften)<br />
Horst Bartnitzky<br />
Literatur<br />
Balhorn, Heiko / Bartnitzky, Horst /<br />
Büchner, Inge / Speck-Hamdan, Angelika:<br />
Schatzkiste Sprache 1 – Von den Wegen der<br />
Kinder in die Schrift. Frankfurt a. M.<br />
(Grundschulverband) 1998<br />
Bartnitzky, Horst / Brügelmann, Hans /<br />
Hecker, Ulrich / Schönknecht, Gudrun:<br />
Pädagogische Leistungskultur: Materialien<br />
für Klasse 1 und 2. Frankfurt a. M. (Grundschulverband)<br />
2005 (Heft 3 des Bandes 119)<br />
Bartnitzky, Horst: Sprachunterricht heute.<br />
Cornelsen Scriptor (Berlin) 2000<br />
Brügelmann, Hans: Kinder auf dem Weg<br />
zur Schrift. Konstanz (Faude) zuerst 1983<br />
Hasert, Jürgen / Ossner, Jakob (Hg.):<br />
Schriften schreiben. OBST Osnabrücker<br />
Beiträge zur Sprachtheorie Heft 56 April 1998<br />
Mahrhofer, Christina: Schreibenlernen mit<br />
graphomotorisch vereinfachten Schreibvorgaben.<br />
Bad Heilbrunn (Klinkhardt) 2004<br />
Meis, Rudolf: Schreibleistungen von Schulanfängern<br />
und das Problem der Anfangsschrift.<br />
Göttingen (Hogrefe) 1963<br />
Menzel, Wolfgang: Schreiben als kommunikative<br />
Handlung. In: Praxis Deutsch,<br />
Heft 12 S. IX-XII<br />
Menzel, Wolfgang: Lesen lernen – schreiben<br />
lernen. Braunschweig (Westermann) 1990<br />
Neuhaus-Siemon, Elisabeth (Hg.):<br />
Schreibenlernen im Anfangs unterricht der<br />
<strong>Grundschule</strong>. Frankfurt (Scriptor) 1981<br />
Schniewind, Karl Heinz / Friedhelm Beiner:<br />
Zusammenfassung einer empirischen Studie<br />
zum Schreibenlernen mit einer Ausgangsschrift.<br />
Unveröffentlichtes Manuskript 2004.<br />
Hinweis: Der Text kann von der Homepage<br />
des Grundschulverbandes heruntergeladen<br />
werden: www.grundschulverband.de/<br />
Forschung.<br />
Schorch, Günther (Hg.): Schreibenlernen<br />
und Schriftspracherwerb. Bad Heilbrunn<br />
(Klinkhardt) 1995<br />
Spitta, Gudrun: Kinder schreiben eigene<br />
Texte – Klasse 1 und 2. Bielefeld (CVK), (heute<br />
Berlin, Cornelsen Scriptor) zuerst 1985<br />
Spitta, Gudrun: Von der Druckschrift zur<br />
Schreibschrift. Frankfurt a. M. (Cornelsen<br />
Scriptor) zuerst 1988<br />
12 GS <strong>aktuell</strong> <strong>91</strong> • September 2005
Praxis: Schreiben lernen<br />
Schrift- und Schreibkultur in der Klasse<br />
öffnet Wege zur eigenen Handschrift<br />
In ihrer Vereinbarung über Bildungsstandards<br />
für den Primarbereich legt die KMK<br />
fest, dass Kinder am Ende der <strong>Grundschule</strong><br />
eine gut lesbare Handschrift flüssig<br />
schreiben können. Auch in den Lehrplänen<br />
der verschiedenen Bundesländer<br />
findet man diese Zielsetzung wieder.<br />
Unbestritten ist dabei, dass die Druckschrift<br />
nicht nur die Erstlese-, sondern<br />
auch die Erstschreibschrift<br />
ist, unbestritten ist aber auch,<br />
dass darauf aufbauend die Kinder<br />
eine verbundene Schrift erlernen:<br />
in Bayern ist das z. B. verbindlich<br />
die VA, in Hamburg und Sachsen<br />
die SAS, in den meisten Bundesländern<br />
ist eine Wahl möglich. Lediglich der Lehrplanentwurf<br />
in Nordrhein-Westfalen eröffnet<br />
die Möglichkeit, dass die Kinder<br />
aus der Druckschrift ihre persönliche<br />
Handschrift entwickeln.<br />
Der Zeitpunkt der Einführung einer verbundenen<br />
Schrift wird allgemein vom<br />
Entwicklungsstand der feinmotorischen<br />
Fähigkeiten des einzelnen Kindes abhängig<br />
gemacht. Für Kinder mit Schwierigkeiten<br />
in diesem Bereich wird in vielen<br />
Lehrplänen die Druckschrift über die<br />
Klasse 2 hinaus als Schreibschrift empfohlen.<br />
In den Lehrplänen wird die ästhetische<br />
Dimension von Schrift betont<br />
wird und die bewusste situations- und<br />
adressatengerechte Gestaltung von Texten<br />
als ein wesentliches Ziel genannt.<br />
Daher liegt es nahe, dass alle Kinder<br />
die Druckschrift als eine der möglichen<br />
Schreibschriften während der gesamten<br />
Grundschulzeit nutzen – zumal sie im<br />
alltäglichen »Erwachsenenleben« unentbehrlich<br />
ist (Banküberweisungen, Formulare,<br />
…).<br />
In der Unterrichtspraxis sieht dies oft<br />
anders aus. Dem Zeitpunkt, an dem<br />
»endlich« die verbundene Schrift eingeführt<br />
wird, sehen nicht nur die Kinder,<br />
sondern auch die Eltern ungeduldig entgegen,<br />
hat doch die Druckschrift immer<br />
noch den Nimbus des Vorläufigen, der<br />
Lernschrift. So wird in der Regel bereits<br />
in der 1. Klasse, manchmal parallel zur<br />
Druckschrift, spätestens jedoch Anfang<br />
der 2. Klasse für alle gemeinsam eine<br />
verbundene Schrift einführt, zumeist<br />
mit Hilfe eines Lehrgangs. Der Füller als<br />
einheitliches Schreibgerät ist das Ziel<br />
( Schrift probe 1).<br />
So verliert die Druckschrift im Unterricht<br />
an Bedeutung und die Kinder verlernen<br />
sie schnell. Befragt, welche Schrift ihnen<br />
besser gefalle, ziehen die<br />
Kinder in der Regel Schreibschriften<br />
vor. Die bessere Lesbarkeit<br />
der Druckschrift wird<br />
von ihnen nicht erkannt. 1 Und doch ist<br />
es die Schrift, die die Kinder ihr Leben<br />
lang begleiten wird, denn immer da, wo<br />
es um deutliche Lesbarkeit geht, wird sie<br />
gefordert.<br />
Schriftproben aus der 2. Klasse zeigen<br />
aber, dass bei vielen Kindern, obwohl sie<br />
in der der Druckschrift nahen<br />
VA schreiben, das Ziel, eine<br />
lesbare Handschrift zu entwickeln,<br />
nicht erreicht wird<br />
( Schriftproben 2 und 3).<br />
Schriftprobe 1<br />
Gegen Ende des Schuljahres<br />
schreiben Kinder einer Klasse 2 über Wünsche,<br />
die meisten in der verbundenen<br />
Schrift. Das Verb wünschen ist für viele eine<br />
Herausforderung, nicht nur auf Grund<br />
der Konsonantenhäufung. Der Anspruch,<br />
Buchstaben zu verbinden wird sehr ernst<br />
genommen, so dass die Möglichkeit des<br />
Absetzens und der Entspannung vermutlich<br />
nur wenig genutzt wird. Das n und<br />
das s, vor allem aber die Verbindungen<br />
zwischen den Buchstaben werden zu<br />
Stolperstellen, die dann auch zu Fehlschreibungen<br />
führen: Die Verbindung st<br />
gelingt einigen Kindern so gut, dass sie<br />
das ch gleich auslassen … ( Schriftprobe<br />
4).<br />
Die Proben in der letzten Zeile zeigen<br />
deutlich, dass diese Kinder feinmotorisch<br />
noch nicht so weit entwickelt sind, dass<br />
der Gebrauch einer verbundenen Schrift<br />
für sie vorteilhaft sein könnte.<br />
Schriftprobe 2<br />
Schriftprobe 3<br />
Schriftprobe 4<br />
GS <strong>aktuell</strong> <strong>91</strong> • September 2005<br />
13
Praxis: Schreiben lernen<br />
Schnelligkeit und Flüssigkeit als besonders<br />
positiv bewertete Eigenschaften<br />
führen also dazu, dass wichtige Elemente<br />
ausgelassen oder – wie in der folgenden<br />
Schreibprobe – hinzugefügt werden, dass<br />
Verbindungen neu angesetzt werden und<br />
der einzelne Buchstabe so verformt wird,<br />
dass er nur noch im Kontext erlesbar ist<br />
( Schriftprobe 5).<br />
Es folgen Texte von Kindern, die auch in<br />
der 3. und 4. Klasse die Druckschrift als<br />
eine Schreibschrift nutzen dürfen.<br />
Die Texte, die Dilek in ihr Wochenbuch<br />
schreibt, sind gut gegliedert und leicht<br />
lesbar, den noch zeigt ihre Druckschrift<br />
auch individuelle Züge. Während des<br />
3. Schuljahrs ist sie dann auf dem Weg,<br />
aus dieser Druckschrift eine persönliche<br />
Handschrift zu entwickeln. Dabei dient<br />
ihr die SAS als Orientierung. Die Druckschrift<br />
nutzt sie jedoch weiterhin für viele<br />
ihrer Texte ( Schriftprobe 6).<br />
Auch für Laura ist der Gebrauch der<br />
Druckschrift im 3. Schuljahr noch selbstverständlich.<br />
Sie wurde in den ersten<br />
zwei Jahren in den USA unterrichtet. Dort<br />
war die Druckschrift ihre übliche Schreibschrift<br />
( Schriftprobe 7).<br />
Viele Gründe sprechen dafür, die Druckschrift<br />
über den Anfangsunterricht hinaus<br />
als Schreibschrift zu nutzen.<br />
Es ist die Schrift, die die Kinder bereits<br />
vor der Schule kennen und mit der<br />
viele von ihnen ihre ersten Schreiberfahrungen<br />
gemacht haben. Es ist die Schrift,<br />
die sie im Vorschulalter spontan wählen,<br />
zunächst als Versalienschrift, später auch<br />
als Schrift mit großen und kleinen Buchstaben.<br />
Sie kennen die Grundelemente,<br />
aus denen sie selbst Buchstaben konstruieren<br />
können. Diese Grundformen<br />
zu betrachten und zu vergleichen, Unterschiede<br />
festzustellen und Formen selber<br />
zu verändern, unterstützt die Kinder dabei,<br />
sich Buchstaben anzu»eignen«, denn<br />
Formen, wie es Buchstaben sind, werden<br />
um so leichter<br />
Schriftprobe 5 gelernt, je besser<br />
die unterscheidenden<br />
Merkmale<br />
beachtet<br />
werden.<br />
Die Schreibbewegungen, die für diese<br />
Elemente gebraucht werden, sind ihnen<br />
bekannt: der Kringel, der Strich. Beim<br />
freien Schreiben eigener Texte nutzen<br />
die Kinder diese Kompetenzen. Zunächst<br />
schreiben sie die Buchstaben noch so,<br />
wie sie ihnen »in die Hand« kommen, sie<br />
malen sie eher, als dass sie sie schreiben.<br />
Im Unterricht<br />
werden einzelne<br />
Buchstaben<br />
dann gemeinsam<br />
genau betrachtet,<br />
ihre<br />
Form, ihre Besonderheit,<br />
die<br />
Möglichkeit,<br />
diesen Buchstaben<br />
möglichst<br />
schnell<br />
und einfach zu<br />
schreiben, d. h.<br />
das Schreiben<br />
wird immer<br />
wieder zum Unterrichtsthema. Die »erarbeiteten«<br />
Buchstaben werden zunehmend<br />
in der verabredeten Bewegungsabfolge<br />
geschrieben und dienen darüber<br />
Schriftprobe 7<br />
hinaus als Vorbild für die noch »unbekannten«<br />
ähnlichen Buchstaben. 2<br />
Ziel ist, dass alle Kinder die Buchstaben<br />
bewegungsrichtig automatisiert,<br />
also ohne ständige visuelle Kontrolle<br />
schreiben können. Automatisierung<br />
kann jedoch nur dann einsetzen, wenn<br />
das Schreibtempo erhöht ist und der<br />
Krafteinsatz minimiert werden kann. In<br />
dem Moment aber, wenn verlangt wird,<br />
dass alle Buchstaben verbunden werden<br />
müssen, erhöht sich der Schreibdruck<br />
und auch die Schreibdauer nimmt zu.<br />
Beginnend mit dem 2. Schuljahr lernen<br />
die Kinder zunehmend normorientiert<br />
zu schreiben. Übungsformate und<br />
Arbeitstechniken werden erweitert, der<br />
Umfang der eigenen Texte nimmt zu. Was<br />
liegt also näher, als diesen steigenden inhaltlichen<br />
Anforderungen in einer Schrift<br />
zu begegnen, die dem Kind vertraut ist,<br />
die weitgehend automatisiert ist, die<br />
Schriftprobe 6<br />
durch ihre Struktur das Kind unterstützt<br />
und ihm so die Möglichkeit eröffnet, sich<br />
auf die inhaltlichen Aspekte des Schreibens<br />
zu konzentrieren, damit aus dem<br />
wünschte kein wünste wird, und diese<br />
Phase nicht zusätzlich mit dem Erlernen<br />
einer neuen Schrift zu belasten<br />
Kindern mit motorischen Schwierigkeiten<br />
gelingen die abgesetzten Formen<br />
der Druckschrift leichter als die durchgezogenen<br />
Formen einer Schreibschrift,<br />
weil die Buchstabenformen einfacher,<br />
klarer und prägnanter sind und die deutliche<br />
Gegliedertheit des Schriftbildes<br />
die Wahrnehmung erleichtert. Genaues<br />
Schreiben wird so eher unterstützt und<br />
führt auch bei diesen Kindern zu einer<br />
lesbaren Schrift. Erfolgerreichendes<br />
Lernen kann sie motivieren, sich mit<br />
der Verbesserung der eigenen Schrift<br />
auseinanderzusetzen und zu üben. Die<br />
14 GS <strong>aktuell</strong> <strong>91</strong> • September 2005
Praxis: Schreiben lernen<br />
Lehrpläne in verschiedenen Bundesländern<br />
legen dieses Vorgehen nahe. Was<br />
liegt also näher, als Kindern ihren motorischen<br />
Fähigkeiten entsprechend immer<br />
auch die Druckschrift als Schreibschrift<br />
anzubieten<br />
Schriften und Schreiben<br />
als Thema von Klasse 1 bis 4<br />
Kinder begegnen in ihrer Umgebung jedoch<br />
auch Schreibschriften in den verschiedensten<br />
Versionen und nehmen<br />
diese als »Erwachsenenschriften« wahr.<br />
Der Wunsch, sich weiter zu entwickeln,<br />
vor allem bei den Kindern, denen die<br />
Druckschrift bereits mühelos gelingt, ist<br />
verständlich. Dies aufzugreifen, heißt der<br />
Individualisierung Rechnung zu tragen.<br />
Was liegt also näher, als den Zeitpunkt<br />
der Einführung der Schreibschrift<br />
individuell zu gestalten, d. h. Angebote<br />
für die Kinder bereitzuhalten, deren feinmotorische<br />
Entwicklung ein Erarbeiten<br />
der verbundenen Schrift ermöglicht<br />
Während der freien Arbeit, im Wochenplanangebot<br />
und auch in den Förderstunden<br />
können diese Kinder in kleinen<br />
Gruppen Buchstaben und Texte in einer<br />
verbundenen Schrift lesen und schreiben,<br />
können die Gemeinsamkeiten mit<br />
der Druckschrift untersuchen, die »neuen«<br />
Buchstaben kennen lernen, vor allem<br />
aber die Verbindungen zwischen den<br />
Buchstaben ausprobieren. Heiko Balhorn<br />
plädiert für ein »Schönschreiben<br />
aus Interesse« und auch bei Gudrun<br />
Spitta und Gabriele Krichbaum 3 findet<br />
man vielfältige Schreibaufgaben,<br />
die einen »Schreiblehrgang« überflüssig<br />
machen können: Schreibbilder zu unterschiedlichen<br />
Themenbereichen, Gedichthefte,<br />
ABC- Bücher, in denen besondere<br />
Buchstaben gesammelt werden, Gestaltungen<br />
zu den eigenen Anfangsbuchstaben.<br />
Meistens wollen diese Kinder aber<br />
auch »trainieren«, sie wollen die neue<br />
Schrift formal üben, um sie möglichst<br />
schnell nutzen zu können. Karteikarten,<br />
auf denen die Schreibbewegungen durch<br />
Pfeile eingetragen sind, können von diesen<br />
Kindern gewinnbringend genutzt<br />
werden.<br />
Auf der anderen Seite kann »das Schreiben<br />
in einem Zug« auch Thema der<br />
ganzen Gruppe sein: Dann werden Unterschriften<br />
gesammelt, Schreibproben<br />
von Erwachsenen mit der eigenen Schrift<br />
verglichen, verschiedene Schriften und<br />
Schriftsysteme kennen gelernt. Dann<br />
wird mit unterschiedlichen historischen<br />
Schreibgeräten geschrieben, es werden<br />
eigene Geheimschriftzeichen erfunden<br />
oder Texte mit besonderen Schriften gestaltet.<br />
Dann kann aber auch, wie z. B.<br />
Brinkmann und Brügelmann in ihrer<br />
»Ideenkiste« zeigen, die Schrift selbst<br />
erforscht und mit ihr experimentiert<br />
werden:<br />
Aus welchen Elementen bestehen<br />
Druckbuchstaben Wie unterschiedlich<br />
kann man sie zusammensetzen Wie<br />
verändern sich die Buchstaben, wenn<br />
ein Element verändert wird Wie kommt<br />
man von den einzelnen Buchstaben einer<br />
Druckschrift zur verbundenen Schrift<br />
Welche unterschiedlichen Verbindungsmöglichkeiten<br />
finden wir Dabei werden<br />
Unterschiede zur Normverbindung gefunden<br />
und vor allem immer wieder der<br />
Rückgriff auf die geläufige Druckschrift<br />
hergestellt. 4<br />
In einer Klasse, in der eine Lese- und<br />
Schreibkultur entwickelt wurde, gibt es<br />
vielfältige Gelegenheit Texte vorzustellen,<br />
eigene und fremde. Das laute Vorlesen<br />
als eine besonders gestaltete Form<br />
der Textpräsentation kommt zunehmend<br />
auch in der Praxis zum Tragen und hat einen<br />
eigenen didaktischen Ort erhalten.<br />
Das »Schönschreiben« sollte einen ähnli<br />
chen Stellenwert erhalten. Der Kommentar<br />
»Fleißig, aber du kannst ordentlicher<br />
schreiben« unter dem langen, sehr persönlichen<br />
Text eines Mädchens in der<br />
4. Klasse würdigt weder den Inhalt noch<br />
trägt er der Tatsache Rechnung, dass es<br />
sich um einen durchaus lesbaren Entwurf<br />
handelt. Lesbarkeit sollte für Kind<br />
und Lehrerin immer an oberster Stelle<br />
stehen. Darüber hinaus sollte die ästhetische<br />
Gestaltung eines Textes, die das Experimentieren<br />
mit verschiedenen Schriften<br />
und ihrer Wirkung einschließt, die<br />
es dem Kind ermöglicht, mit verschiedenen<br />
Schreibmaterialien umzugehen,<br />
ausreichend Raum im Unterricht erhalten.<br />
Ähnlich wie bei der Überarbeitung<br />
von Texten wird hier aber eine Auswahl<br />
getroffen werden müssen, nicht jeder<br />
Schreibanlass fordert ein Gestalten mit<br />
Schrift.<br />
Dies alles sind keine neue Überlegungen:<br />
die zur Zeit gültigen Lehrpläne eröffnen<br />
in der Mehrzahl einen kindorientierten<br />
Zugang und wählen als Ausgangsschrift<br />
die Druckschrift.<br />
Die Diskussion, inwieweit Kinder<br />
aus dieser Druckschrift ihre<br />
persönliche Handschrift entwickeln<br />
und vereinfachte Orientierungsschriften<br />
diesen Prozess<br />
begleiten können, wird weiter<br />
geführt werden müssen. Zur Zeit<br />
geht es in der Praxis darum, Eltern<br />
– und Lehrerinnen – davon zu<br />
überzeugen, dass die Druckschrift<br />
nicht nur für den Anfangsunterricht,<br />
sondern auch darüber hinaus<br />
eine voll funktionsfähige Schreibschrift<br />
ist, die nicht nur leichter<br />
lesbar, sondern auch schnell und<br />
flüssig zu schreiben ist. 5<br />
… ein Stück Schreib erfahrung<br />
für Erwachsene<br />
Bei der Wahl der Schreibschrift lassen<br />
sich Lehrerinnen, Lehrer und Eltern oft<br />
von ästhetischen Gesichtspunkten oder<br />
den eigenen, meist weit zurückliegenden<br />
Lernerfahrungen leiten. Entscheidend<br />
müsste jedoch sein, welche Schrift für<br />
die Kinder funktional und leicht lernbar<br />
ist.<br />
Die »Schreib-Aufgaben« auf S. 16 geben<br />
Erwachsenen die Möglichkeit, sich in<br />
die Lage eines Kindes im Anfangsunterricht<br />
zu versetzen. Die deutschen Wörter<br />
gehören zum Gebrauchswortschatz,<br />
sie wurden lediglich in das kyrillische<br />
Alphabet übertragen. Orthografische<br />
Elemente wurden so weit wie möglich<br />
beibehalten.<br />
In Kollegien oder mit Eltern durchgeführt,<br />
könnten die Aufgaben zum Gespräch<br />
anregen und helfen, Positionen<br />
zu überdenken.<br />
Angelika Gadow<br />
Angelika Gadow<br />
Grund- und Hauptschullehrerin,<br />
Fachleiterin für Deutsch<br />
am Studienseminar Kleve<br />
Anmerkungen<br />
1 vgl. Balhorn, Heiko: Schönschreiben aus Interesse.<br />
In: Die Grundschulzeitschrift 143/2001: Schön schreiben<br />
2 vgl. Spitta, Gudrun: Von der Druckschrift zu Schreibschrift,<br />
Frankfurt/Main 1988<br />
3 Krichbaum, Gabriele (Hrsg.): Schrift gestalten –<br />
Gestalten mit Schrift, Frankfurt 1987 (AK <strong>Grundschule</strong>)<br />
dieselbe: Mit Schrift gestalten. Braunschweig 1989<br />
4 Brinkmann, Erika/ Brügelmann, Hans: Ideenkiste 1,<br />
Hamburg 1993<br />
5 vgl. Menzel, Wolfgang: Lesen lernen – Schreiben lernen,<br />
Braunschweig 1990<br />
GS <strong>aktuell</strong> <strong>91</strong> • September 2005<br />
15
Praxis: Schreiben lernen<br />
16 GS <strong>aktuell</strong> <strong>91</strong> • September 2005
Praxis: Schreiben lernen<br />
A wie Anfang<br />
Zur Verantwortlichkeit der Erwachsenen für das<br />
Druckschriftschreiben der Kinder<br />
Die erste Seite<br />
meiner Fibel<br />
(Die Hansa-Fibel)<br />
»Aufabauf Pünktchen drauf!<br />
Aufabauf Pünktchen drauf!«<br />
Am Küchentisch über die<br />
Schiefertafel gebeugt sitze<br />
ich und schreibe mit Eifer<br />
und hartem Griffel, die Zungenspitze<br />
hilft mit, ein rasches kleines i nach<br />
dem andern. Schon die zweite Reihe! Die<br />
Großmutter schaut an, was ich eben geschafft<br />
habe. Und wischt alles wieder<br />
weg. Nicht gut genug! Sie nimmt meinen<br />
Griffel, führt ihn viel bedächtiger als vorher<br />
ich und spricht dazu: »Schräg hinauf,<br />
mit einer Spitze langsam gerade hinab, ein<br />
kleiner Bogen und schräg ein wenig hinauf.<br />
So! Zuletzt der Punkt! Fertig!« Das wiederholt<br />
sie noch und noch.<br />
Sie gibt mir den Griffel zurück und<br />
führt nun meine Hand, während sie<br />
unsere Bewegungen mit Worten beschreibt:<br />
»Schräg hinauf, mit einer Spitze<br />
laaangsam gerade hinab, kleiner Bogen<br />
und schräg ein wenig hinauf. Pünktchen<br />
drauf!« Wieder und wieder die gleiche,<br />
gehaltene Bewegung und die gleichen,<br />
genauen Worte. Bis dieser Singsang, ihr<br />
Wollen und die Bewegung meiner Hand<br />
zusammenklingen, meine Hand sich<br />
gelockert hat und ich nun selber wollen<br />
kann, was sie mir zeigt: in immer wieder<br />
gleicher Folge kleiner Bewegungen einen<br />
Buchstaben schreiben, der auf diese Weise<br />
zuverlässig richtig schön auf meiner<br />
Tafel entsteht. Es ist nur jeweils ein i,<br />
aber jedes ist ein Werkchen.<br />
Die Tafel wird gründlich abgewischt<br />
und trockengerieben. Allein beginne ich<br />
jetzt nochmal von vorn. Ich weiß genau,<br />
wie ich es machen muss. Ein i nach<br />
dem anderen gelingt mir ! Ich halte den<br />
Rhythmus. Ich kann es gar nicht mehr<br />
falsch machen. Ganz versunken in mein<br />
Tun. Schließlich ist die Tafel voll und die<br />
Großmutter zufrieden mit mir und meiner<br />
Arbeit. Und ich bin froh und ein wenig<br />
müde.<br />
Ich hatte vor der Schule wenig Umgang<br />
mit Stiften und Linien. Nun kann<br />
ich meinen ersten Buchstaben ganz richtig<br />
schön schreiben und habe verstanden:<br />
Was mir aufgegeben ist, soll ich gut<br />
machen. Das kann ich, wenn ich annehme,<br />
was man mir zeigt und erklärt, wenn<br />
ich mir Mühe gebe und geduldig übe. Am<br />
Ende darf ich stolz sein auf etwas, das ich<br />
mir angeeignet habe, das ich unverlierbar<br />
kann, das mir gehört. Dem nächsten<br />
Buchstaben sehe ich mit Zuversicht entgegen.<br />
Den schaffe ich dann allein.<br />
Dreifacher Dialog<br />
ist. Diese für Analyse wie Planung von<br />
Unterricht hilfreiche Figur des »Dreifachen<br />
Dialogs« habe ich anderswo ausführlich<br />
erläutert. 1<br />
Und die Szene am Küchentisch zeigt<br />
nicht etwa einen Akt der Dressur oder<br />
Unterwerfung Nein! Als das Kind, dessen<br />
Hand geführt wurde, ist mir dies<br />
noch gewiss, von innen her: Ich habe<br />
meine Hand der Führung der Großmutter<br />
anvertraut, nicht mich ihrem Willen<br />
unterworfen. Sie konnte, was ich lernen<br />
wollte. Und sie hat es mir so gezeigt<br />
– entschieden, klar, direkt, geduldig –,<br />
dass ich ihrer Anleitung, ihrer Bewegung<br />
folgen mochte. Als ich fähig war, mein<br />
Lernen sachgerecht und erfolgreich ganz<br />
in die eigene Hand zu nehmen, hat sie<br />
mich losgelassen.<br />
Man kann die Hand eines Kindes natürlich<br />
auch falsch führen, mit zuviel<br />
Energie und Ungeduld, nicht förderlich,<br />
kann das Kind mit Anleitung überwältigen.<br />
Dann lernt es nicht, sondern es wird<br />
dressiert. Man kann nicht anders lernen,<br />
als dass man es selber will! Aber Könner<br />
und Wissende, die sich für das Lernen der<br />
Neulinge verantwortlich fühlen, es klarer<br />
und bewusster machen und sinnvoll<br />
abkürzen, sind in unserer Kultur unverzichtbar.<br />
Kann ich mich wirklich so gut an diese<br />
erste Schreiberfahrung erinnern Wohl<br />
nicht in allen Einzelheiten. Die Erinnerung<br />
zeigt eine ideale Situation: Ein Kind<br />
soll und will etwas Neues lernen, weiß<br />
aber noch nicht, wie es die Aufgabe erfüllen<br />
kann. Eine Erwachsene, der dieses<br />
Kind lieb und sein Lernen wichtig ist,<br />
unterstützt es mit Zuwendung, Kritik,<br />
Erklärung, Hilfestellung und Lob. Sie<br />
zeigt das Ziel und den Weg dorthin. Das<br />
kann sie, weil sie beides kennt, weil sie<br />
lerngegenstandskundig ist und – wahrscheinlich<br />
instinktiv – das Tun in Worte<br />
fasst, die erkennbar machen, was getan<br />
wird und was dabei herauskommt.<br />
So entsteht ein Dreifacher Dialog zwischen<br />
Kind (K), Erwachsenem (E) und Gegenstand<br />
(G), wie er ähnlich allen Fällen<br />
geglückten Unterrichts eingeschrieben<br />
Versäumte Lektionen<br />
Seit Jahrzehnten werden LehrerInnen mit<br />
der Parole ›Kinder beginnen zu lernen,<br />
wenn wir aufhören zu unterrichten!‹<br />
verführt, Kinder im Stich zu lassen. LehrerInnen<br />
müssen zwar danach streben,<br />
sich überflüssig zu machen. Sie können<br />
es aber nicht von Anfang an sein.<br />
Was da schief läuft, sehen wir ringsum<br />
an verwahrlosten Handschriften. Das<br />
begriff ich, als vor Jahren in einem Workshop<br />
in Hamburg lauter Lehrerinnen um<br />
mich versammelt waren, die ihren Kindern<br />
in bester Absicht erlaubt hatten,<br />
sich die Schreibung der Buchstaben nur<br />
selbstständig mit Hilfe einer Buchstabentabelle<br />
anzueignen. Sie hatten den<br />
Kindern zuliebe versäumt, diese beim Erwerb<br />
der ersten Schrift, der Druckbuch-<br />
GS <strong>aktuell</strong> <strong>91</strong> • September 2005<br />
17
Praxis: Schreiben lernen<br />
Ute Andresen<br />
Grundschullehrerin<br />
(seit 1967 in Bayern)<br />
und Autorin,<br />
im Hochschuldienst<br />
(seit 1992 in Erfurt)<br />
Buchstabentafel<br />
staben, anzuleiten und ihnen<br />
Übung bis zur Sicherheit zu verordnen.<br />
Nun waren die Kinder<br />
im dritten oder vierten Schuljahr,<br />
und viele schrieben äußerst<br />
ungern, hatten eine kaum<br />
lesbare Schrift und kamen mit<br />
der Rechtschreibung nicht klar.<br />
Ich sollte raten, wie dem abzuhelfen<br />
wäre und wie man mit<br />
der nächsten Klasse ein besseres<br />
Ergebnis erreichen könnte.<br />
Nach Hamburg habe ich ausführlich<br />
aufgeschrieben, was wir alles miteinander<br />
bedacht und erwogen hatten,<br />
um es den KollegInnen zu schicken. 2<br />
Hier will ich nun noch genauer fragen:<br />
Was ist am Anfang zu tun, damit Kinder<br />
– möglichst alle Kinder! – lernen, eine<br />
klare, entwicklungsfähige Druckschrift<br />
so gut und geläufig zu schreiben, wie<br />
sie auch sprechen, also ohne noch über<br />
die Schreibweise des einzelnen Buchstaben<br />
nachdenken zu müssen, wie sie auch<br />
über die Bildung der Sprechlaute nicht<br />
nachdenken<br />
A wie Anfang<br />
Damit man jeden Buchstaben genau so<br />
zu schreiben lernt, wie er geschrieben<br />
werden soll, wie er einem gefällt und wie<br />
andere ihn auch lesen können, muss man<br />
die Vorbilder und das eigene Geschriebene<br />
in den Einzelheiten erkennen und<br />
sich darüber verständigen können. Man<br />
muss verstehen, was gemeint ist, wenn<br />
jemand von geraden, schrägen oder runden<br />
Strichen spricht oder Schreibrichtungen<br />
angibt. Man muss schließlich<br />
das eigene Tun mit dem Stift auf dem<br />
Papier selbst in Sprache fassen können,<br />
die andere verstehen. Der Lehrlerngang<br />
in Druckschriftschreiben als Einübung in<br />
das Lernen im Gespräch, in dem neue Begriffe<br />
gefunden und schließlich eine gemeinsame<br />
Sprache entwickelt werden.<br />
Ein Modell für das Lernen in der Schule.<br />
Weil solche Verständigung einen<br />
Gegenstand hat, der für alle objektiv da<br />
und sichtbar ist, nicht diffus und flüchtig<br />
wie gesprochene Laute, kann man hoffen,<br />
dass Kinder, deren Sprachentwicklung<br />
gehemmt ist, weil ihre Fähigkeit zur<br />
Symbolbildung in einer gesprächsarmen<br />
Umgebung nicht ausreichend entwickelt<br />
wurde, Orientierung finden in einer gemeinsamen<br />
Sprache im Schulalltag, auf<br />
den andere Kinder sehr viel besser vorbereitet<br />
sind. Die fitten, fixen, die Ichweiß-schon-Kinder<br />
gehören von Anfang<br />
an in der Klasse richtig dazu. Die stillen,<br />
stummen, spracharmen Kinder sind von<br />
Anfang an in Gefahr, ausgeschlossen zu<br />
werden. Und Ähnliches gilt für die Kinder,<br />
deren Muttersprache nicht zugleich<br />
die Unterrichtssprache ist.<br />
Die Entwicklung einer gemeinsamen<br />
Sprache zur Beschreibung und Steuerung<br />
des Druckschriftschreibens kann<br />
sie von Anfang an einschließen, wenn sie<br />
erkannt und ihnen sofort einzeln oder in<br />
kleinen Gruppen geholfen wird, nachzulernen,<br />
was ihnen fehlt. Wie das Davon<br />
wird später die Rede sein.<br />
B wie Buchstaben<br />
Die Buchstaben zuerst einzeln und dann<br />
in immer wieder anders gemischten<br />
Reihen – also Wörtern – so schreiben<br />
zu lernen, dass sie einem so mühelos<br />
zur Verfügung stehen, wie die Laute der<br />
Muttersprache beim Sprechen, das ist<br />
eine große Aufgabe. Sie teilt sich von<br />
selbst in lauter kleine, überschaubare<br />
Aufgaben: einzelne Buchstaben. Jede<br />
kann mit dem Erlebnis von Selbstwirksamkeit<br />
enden, wenn man nur ausgiebig<br />
genug übt. Das macht Mut für neue Aufgaben.<br />
Druckschrift schreiben lernen als<br />
Ermutigungsprogramm!<br />
Die alte Schreibschule wollte die Kinder<br />
auf das eigentliche Schreiben durch<br />
Vorübungen fit machen. Man isolierte<br />
die Formelemente der Ausgangsschrift<br />
und ließ die in Reihen und Mustern üben.<br />
Fingerübungen, deren Sinn Kinder nicht<br />
erkennen. Sie wollen richtig schreiben<br />
lernen! Endlich nicht nur den eigenen Namen!<br />
Die Isolierung der Formelemente ist<br />
trotzdem wichtig. Zuerst einmal müssen<br />
die Erwachsenen sie sich klarmachen.<br />
Man nehme Farbstifte und markiere<br />
in unserer Buchstabentafel alle senkrechten<br />
Striche rot, die schrägen blau,<br />
die waagerechten grün, die gebogenen<br />
gelb. Welche sind von links nach rechts,<br />
von rechts nach links, welche linksherum,<br />
welche rechtsherum auszuführen<br />
Fängt man bei allen oben an Wo fährt<br />
man praktischerweise auf einem Strich<br />
wieder zurück Was ist eindeutig zu bezeichnen<br />
Was ordnet sich in Ähnlichkeiten<br />
ein Was ist ein wenig »extrig«<br />
Die Isolierung der Formelemente<br />
nach und nach und ihre genaue Bezeichnung<br />
in einer allen Kindern verständlichen<br />
Sprache kann helfen, die Schreibbewegungen<br />
bewusst zu machen und<br />
zugleich den Sinn für die Übertragung<br />
des Lerngewinns von erlernten Buchstaben<br />
auf noch folgende zu übertragen.<br />
Transfertraining also! Kinder mit Lernschwierigkeiten<br />
können in neuen Aufgaben<br />
nicht erkennen, was ihnen eigentlich<br />
schon vertraut ist. Sie müssen alles<br />
so lernen, als sei es ihnen ganz und gar<br />
neu. Das ist viel anstrengender als das<br />
Lernen der Ich-weiß-schon-Kinder. Die<br />
18 GS <strong>aktuell</strong> <strong>91</strong> • September 2005
Praxis: Schreiben lernen<br />
Ähnlichkeiten zwischen den Buchstaben,<br />
die sich wiederholenden Formelemente,<br />
bieten ein Erfahrungs- und Übungsfeld<br />
für das Übertragen sicheren Könnens als<br />
bewusste Strat egie.<br />
C wie Zirkus<br />
Seit Generationen gibt man den Kindern<br />
Merkhilfen für die Namen der Buchstaben<br />
oder ihren Lautwert. Mal soll der<br />
Empfindungslaut (Aaaa macht man vor<br />
Freude), mal der Naturlaut (Ssss summt<br />
die Biene), mal der Anlaut (B wie Bär)<br />
helfen. Es gibt reichlich Expertenstreit<br />
deswegen, mal verbissen, mal graziös<br />
vorgetragen. Man sucht Klarheit, ja Eindeutigkeit,<br />
um es den Kindern leichter zu<br />
machen, und versäumt dabei, ein ausreichendes<br />
Verständnis für Schwierigkeiten<br />
zu entwickeln, die in unserer Schriftsprache<br />
stecken, die Erwachsenen kaum auffallen,<br />
aber für Neulinge verwirrend sind<br />
und nach MeisterInnen verlangen, die sie<br />
den Kindern interessant machen.<br />
Das C ist einer der Buchstaben, die<br />
verwirren können. Es taucht in Wörtern<br />
auf, die ursprünglich nicht deutsch sind<br />
(Computer, Croissant) und verschwindet,<br />
wenn sie sich bei uns eingelebt haben<br />
(Citrone, Cigarette, Cactus, Circus wird<br />
zu Zitrone, Zigarette, Kaktus, Zirkus). Ob<br />
wohl aus dem Computer, der derzeit in<br />
manchen Anlauttabellen an die Stelle des<br />
Clowns getreten ist, noch der Kompjuter<br />
wird Der Clown hat überlebt. Interessant,<br />
oder Auch für Kinder!<br />
Wer Sorge hat, dass ein geordneter<br />
Druckschriftlehrlerngang den Kindern<br />
zu langweilig wird, sollte ihn mit<br />
Sprachgeschichten aufheitern, die die<br />
beweglichen, widersprüchlichen und<br />
verwirrenden Erscheinungen unserer<br />
Schriftsprache zeigen, interessant machen<br />
und Aufklärung mit Übung verbinden.<br />
Warum nicht abwechselnd Zirkus<br />
und Circus schreiben Man sieht bei uns<br />
noch beides, bei den Franzosen und Engländern<br />
nur Circus, aber sie sprechen es<br />
unterschiedlich und beide anders als wir.<br />
Wie denn Gleich mal üben!<br />
Wort wie<br />
W – w – O – o – R – r – T – t<br />
Wenn Kinder in die Schriftsprache ohne<br />
Fibel nach dem Konzept ›Wort, Welt, wir‹<br />
eingeführt werden, gehört das geordnete<br />
Schreiben und Lesen von Anfang an zusammen.<br />
3 Die Buchstaben werden nach<br />
und nach eingeführt. Das gilt für den<br />
gemeinsamen Unterricht, nur darin gibt<br />
das Folgende einen schmalen Einblick.<br />
Daneben gibt es die Freiarbeit, in der<br />
die Kinder alle Bücher, Buchstaben und<br />
Papiere nützen können, wie sie darüber<br />
verfügen möchten.<br />
›Wort‹ ist das erste und wichtigste<br />
Wort. Groß steht es am ersten Schultag<br />
an der Tafel, ringsum werden Wörter der<br />
Kinder versammelt. Sie wünschen sich<br />
ein Wort in ihr ABC-Buch und zeichnen,<br />
was das meint. Sie bekommen eine Karte<br />
mit dem Wort ›Wort‹ mit nach Hause und<br />
schreiben es ab. Ähnliches geschieht zum<br />
zweiten Wort: ›Welt‹. Und auch zum dritten<br />
Wort: ›wir‹. Die drei Hausaufgaben<br />
kann die Lehrerin lesen wie einen Test,<br />
der ihr viele Fragen aufgibt: Warum kann<br />
man meine Aufgabe so verschieden auslegen<br />
Muss ich eindeutiger sprechen<br />
Muss ich besser erklären Kann ich die<br />
Varianten zulassen Welche Kinder muss<br />
ich besonders unterstützen oder entschiedener<br />
einbeziehen<br />
Aus diesen drei Wörtern wird der erste<br />
Buchstabe gewonnen, das W. Dazu gibt<br />
es ein Gedicht zu lernen, das man auch<br />
singen kann, und es wird in dem Gedicht<br />
und in den Bezeichnungen vieler Dinge<br />
aufgesucht, die die Lehrerin und die Kinder<br />
mitbringen.<br />
Und das W wird ausgiebig geschrieben,<br />
als großer und kleiner Bruder, die<br />
einander ganz ähnlich sind. Die Lehrerin<br />
zeigt und erklärt an ihrer großen Tafel<br />
mit Kreide und genauer Sprache, wie die<br />
beiden aus vier schrägen Linien entstehen<br />
und wo man zu schreiben beginnt.<br />
Die Kinder versuchen auf ihren Schiefertafeln<br />
ohne Linien mit einem harten Griffel,<br />
es ihr gleichzutun. Schiefertafel und<br />
harter Griffel erleichtern die Ausformung<br />
der Bewegungen durch die fühlbare Reibung.<br />
4 Das hat physiologische Gründe,<br />
die hier nicht ausgebreitet werden können.<br />
Die Lehrerin geht herum, lobt, gibt<br />
kleine Hinweise, lockert, ermutigt und<br />
kehrt immer wieder zu ihrer Tafel zurück,<br />
um zu zeigen, was missraten kann und<br />
worauf man achten muss, ohne Namen<br />
zu nennen. Und das heißt: Sie benennt<br />
und respektiert die Schwierigkeiten, mit<br />
denen die Kinder kämpfen. Wer auf der<br />
Tafel Geläufigkeit erreicht hat, wird befördert:<br />
Die Lehrerin legt ihm ein Blatt neben<br />
die Tafel. Es darf umsteigen auf raues<br />
Papier, Bleistift und Linien. Die dritte<br />
Station ist ein gewöhnliches Schreibheft,<br />
da ist das Papier meist etwas glatter.<br />
Warum das so sein soll, kann man<br />
den Kindern erklären: Auf der Tafel spürt<br />
man, wie sich die Spitze des Griffels auf<br />
der Schreibfläche bewegt. Man muss gar<br />
nicht aufdrücken, um das zu spüren. So<br />
lernt die Hand am leichtesten die richtige<br />
Bewegung. Auf dem rauen Papier kann<br />
sie dann zeigen, was sie gelernt hat, aber<br />
das Papier ist auch noch zu spüren und<br />
hilft mit. Auf dem glatteren Papier fühlt<br />
die Hand sich sicher auch ohne Reibung.<br />
Der Bewegungsablauf ist automatisiert.<br />
Die Hand kann es nun kaum mehr falsch<br />
machen. Nur darf das Kind sie nicht hetzen!<br />
Solche Redeweise unterstützt das<br />
Kind bei seiner Aufgabe, einen klaren,<br />
rhythmisierten, bewussten Bewegungsfluss<br />
auszubilden. Es bleibt aber die Auf-<br />
GS <strong>aktuell</strong> <strong>91</strong> • September 2005<br />
19
Praxis: Schreiben lernen<br />
gabe der Lehrerin, Kinder zu erkennen,<br />
die nicht verstehen, was sie sagt, und<br />
nicht spüren, was da angeblich zu spüren<br />
ist. Die brauchen besondere Unterstützung.<br />
Und zwar sofort!<br />
Achtsame Selbstwahrnehmung will<br />
gelernt sein! Und sie braucht Anleitung.<br />
Erwachsene kaufen sich das und buchen<br />
Kurse. Kindern sollte es im ersten Schuljahr<br />
vergönnt sein, damit sie dann viele<br />
Jahre lang sich beim Schreiben erholen<br />
können.<br />
Mit dem O als zweitem Buchstaben<br />
erwirbt man die ›gebogene Linie‹<br />
›von oben her‹ oder ›oben anfangend‹<br />
und ›linksherum‹. Viele Kinder machen<br />
»Kreise« von unten her rechtsherum,<br />
und diese Bewegung ist oft schon eingeschliffen.<br />
Sie müssen umlernen. Das<br />
ist mühselig, braucht Bewusstheit und<br />
Ermutigung, damit sie durchhalten und<br />
sich auch später immer wieder selbst<br />
korrigieren können, wenn die alte Gewohnheit<br />
wieder einsetzt.<br />
Mit R und r lernt man zwei Buchstabenbrüder<br />
kennen, die sich auf den<br />
ersten Blick kaum ähneln, aber doch<br />
mit Gewinn verglichen werden können.<br />
Beide beginnen mit einem ›senkrechten<br />
Strich‹, einem ›geraden Strich‹ ›von oben<br />
aus‹ oder ›hinab‹, beim einen ›lang‹, beim<br />
andern ›kurz‹. Beim Großen braucht man<br />
dann einen ›Bogen nach rechts‹ und ›zurück‹<br />
zum ersten Strich, dazu einen ›kleinen<br />
schrägen‹ Strich, anders schräg als<br />
beim W. Der Kleine Bruder vom R sieht<br />
aus, als hätte jemand etwas abgebissen.<br />
Bei ihm ist der Schreibaufwand geringer.<br />
Man macht einen ›kurzen‹ senkrechten<br />
Strich, ›fährt auf dem Strich zurück‹ und<br />
›biegt um‹, wo er fast ›zu Ende‹ ist, aber<br />
nur ›ein bisschen‹.<br />
Nun kommt der vierte Buchstabe, das<br />
T mit seinem kleinen Bruder. Bekannt<br />
ist im T der ›senkrechte Strich‹, neu ist<br />
der ›waagerechte Strich‹ ›von links nach<br />
rechts‹. Der kleine Bruder sieht ganz anders<br />
aus, hat einen ›kleinen Bogen‹ nach<br />
rechts und einen ›kleinen waagerechten<br />
Strich von links nach rechts‹ ›in der Mitte‹.<br />
Genug! Jeder, der Schulanfänger unterrichtet<br />
hat, kennt die Brisanz der Begriffe<br />
›rechts‹ und ›links‹. Gründlich mit<br />
allen geklärt werden sie beim L mit »lila<br />
links« und einem lila lackierten Daumennagel,<br />
obwohl sie vorher beim E wichtig<br />
sind. Jetzt kann man erst einmal beobachten,<br />
welche Kinder Klärung und Unterstützung<br />
brauchen. Sofort!<br />
LehrerInnen, die diesem Text bis hierher<br />
gefolgt sind, muss wohl nicht mehr für<br />
alle weiteren Buchstaben erklärt werden,<br />
wie genau man im Dreifachen Dialog von<br />
LehrerIn, Kindern und Buchstaben auf<br />
die Sprache und ihren Zusammenhang<br />
mit dem Tun beim Druckschriftschreibenlernen<br />
achten sollte. Übrigens: Mit<br />
neuen Buchstaben werden neue Wörter<br />
möglich: zuerst ›wo‹, ein wichtiges Wort<br />
für kleine Menschen, die grad lernen,<br />
sich in neuer Umgebung und neuen Aufgaben<br />
zurechtzufinden. Mit dem dritten<br />
Buchstaben geht nichts Neues, mit dem<br />
vierten aber schon ›rot‹ und ›Rot‹, ›Tor‹,<br />
›Otto‹, ›Toto‹, ›Rotor‹. Während man T und<br />
t gerade neu gelernt hat, kann man die<br />
anderen drei schon ganz selbstverständlich<br />
und sicher benutzen. Das stärkt!<br />
Nach dem vierten Buchstaben kann<br />
man anhalten, ausruhen, zurückblicken,<br />
stolz sein. Und dann nach vorne schauen<br />
und in all den andern Buchstaben die<br />
Formelemente aufsuchen, für die man<br />
nun schon Begriffe und die man geübt<br />
hat. Dann mag man in festlicher Aktion<br />
den Türrahmen der Klasse mit den Buchstaben<br />
des ganzen Alphabets als ›Tor‹ gestalten.<br />
Ein Lesetor, durch das alle Kinder<br />
täglich stolz hindurchgehen und wissen:<br />
Das bisherige Lernen hier drinnen war<br />
nur der Anfang!<br />
Ute Andresen<br />
Anmerkungen<br />
1 Ute Andresen: Ausflüge in die Wirklichkeit. Grundschulkinder<br />
lernen im Dreifachen Dialog, Beltz Verlag, Weinheim und<br />
Basel 2000<br />
2 Ute Andresen: 13 Kernpunkte des Schreib unterrichts,<br />
in: Heiko Balhorn, Horst Bartnitzky u.a.: Schatzkiste Sprache 1<br />
(Beiträge zur Reform der <strong>Grundschule</strong> Band 104), S. 127 – 136,<br />
Frankfurt am Main 1998: Grundschulverband<br />
3 Informationen über »Wort – Welt – wir« finden Sie im Internet<br />
unter www.ute-andresen.de<br />
4 Je unbeholfener die Hand, je unvertrauter die Schriftzeichen, desto<br />
wichtiger ist es, dass die Hand mit dem Stift nicht über eine glatte<br />
Schreibfläche rutscht, sondern auf rauer Fläche Widerstand findet.<br />
Schiefertafeln und die klassischen Griffel aus Schiefer bieten eine<br />
spürbar die Bewegung klärende Reibung.<br />
Informationen über Tafeln und Griffel erhalten Sie bei:<br />
VOGEL DTP, Steinbächlein 9,<br />
96523 Steinach, Tel. 03 67 62 - 3 27 46<br />
Anzeige<br />
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20 GS <strong>aktuell</strong> <strong>91</strong> • September 2005
Aus der Forschung: Schrift und Schreiben<br />
Die eigene Schrift entwickeln – von Anfang an<br />
Wie kann Schreibunterricht die graphomotorische Entwicklung<br />
angemessen unterstützen<br />
Schreibenlernen ist auch im Zeitalter<br />
der elektronischen Kommunikationsmedien<br />
nicht überflüssig geworden.<br />
Das Schreiben mit der Hand ist in seiner<br />
Praktikabilität im Alltag nach wie vor<br />
unübertroffen. Doch erfordert es feinmotorische<br />
Koordination, die wie andere<br />
Routine-Bewegungen nur durch Übung<br />
erreicht werden kann. Da das Schreiben<br />
ferner eine kulturelle Tätigkeit ist und<br />
auch die Form der Buchstaben von kulturellen<br />
Konventionen bestimmt ist, gehört<br />
das Schreibenlernen traditionell zu<br />
den Basisaufgaben schulischer Bildung.<br />
Allerdings wurde dieser Bereich in den<br />
vergangenen Jahrzehnten didaktisch<br />
kaum neu bearbeitet. Das Schreibenlernen<br />
rückte mehr oder weniger in den<br />
Schatten des Lesenlernens, erschien vielfach<br />
nur noch in einer Hilfsfunktion. Es<br />
ist nicht nur angesichts neuer Bewertungen<br />
des Schriftspracherwerbsprozesses<br />
längst überfällig, sich auch der Komplexität<br />
des Schreibens bewusst zu werden<br />
und sich Gedanken zum Schreibenlernen<br />
zu machen.<br />
Schreiben als komplexes<br />
Zusammenspiel motorischer<br />
und kognitiver Leistungen<br />
Im Schreibakt eines routinierten Schreibers<br />
greifen motorische, kognitive und<br />
sprachliche Prozesse ineinander. Die Aufmerksamkeit<br />
des Schreibers richtet sich<br />
in erster Linie auf Inhalt und Komposition<br />
(Textebene) sowie auf Orthographie<br />
und Grammatik (Wortebene). Schreibbewegungen<br />
und dazugehörige Planungsentscheidungen<br />
(Formgestaltung,<br />
Muskelanspannung und -koordination)<br />
dagegen geschehen mehr oder weniger<br />
nebenbei, unbewusst und sehr schnell.<br />
Greift man einen Schreibmoment heraus<br />
und betrachtet, was in dieser kurzen<br />
Phase der Verschriftung auf den<br />
verschiedenen am Schreiben beteiligten<br />
Ebenen geschieht, wird dies deutlich, wie<br />
das nachfolgende Beispiel an dem Satz<br />
zeigt: »Die Kinder treffen sich vor der Schule<br />
und freuen sich auf den Besuch im Zoo.«<br />
Die Abbildung veranschaulicht grafisch<br />
die inhaltlich hierarchisch und zeitlich<br />
parallel ablaufenden Prozesse beim Verschriften<br />
dieses Satzes.<br />
Ein Teil des Satzes ist bereits geschrieben<br />
und der Schreiber vollendet gerade<br />
im Wort »Schule« das Schleifen-e mit einem<br />
Abstrich. Die am Schreiben beteiligten<br />
Muskelpartien setzen den Abstrich in<br />
eine Schreibspur um. Für den in Planung<br />
befindlichen Text werden zum gleichen<br />
Zeitpunkt parallel auf hierarchisch höher<br />
angeordneten Ebenen bereits die<br />
Parameter für den nachfolgenden Buchstaben<br />
festgelegt und anschließende<br />
Allographen (Schriftform) ausgewählt.<br />
Für das nächste Wort erfolgt die Zuordnung<br />
der erforderlichen Zeichen zu den<br />
entsprechenden Lauten. Parallel werden<br />
auf den höheren Stufen die zum Ausführungszeitpunkt<br />
noch weiter entfernten<br />
Satzanteile semantisch vorbereitet.<br />
Dieses sehr komplexe Zusammenspiel<br />
dient der reibungslosen und effektiven<br />
Bewältigung des Schreibprozesses im<br />
Alltag. Eine Integration der dargestellten<br />
Ebenen erfordert Schreibkompetenz auf<br />
einem sehr hohen und automatisierten<br />
Niveau. Der routinierte Schreiber musste<br />
Zeitliche Organisation beim Schreiben<br />
(aus: Mahrhofer 2004, 61)<br />
einen Lern- und Übungsprozess durchlaufen,<br />
bis er dieses Stadium erreichte.<br />
Schreibenlernen als<br />
Aufmerksamkeitsfokussierung<br />
auf Form und Bewegung<br />
Bei Kindern, die beim Schreibenlernen<br />
neue Formen und neue Bewegungsabläufe<br />
erwerben, sind die Aufmerksamkeiten<br />
anders verteilt. Für sie sind die<br />
hierarchisch höher angesiedelten Ebenen<br />
von der semantischen Anordnung bis<br />
hin zur Auswahl der Buchstaben ebenso<br />
anspruchsvoll wie die Umsetzung dieser<br />
Buchstaben in Form und entsprechende<br />
Bewegungsabläufe. Je schwieriger die<br />
auszuführenden Formen in ihren Formen<br />
und Formverbindungen sind, desto<br />
mehr Aufmerksamkeit beansprucht deren<br />
Verinnerlichung, ihre Umsetzung in<br />
Schriftspuren und das dazu erforderliche<br />
muskuläre Zusammenspiel. Erst durch<br />
zunehmende Übung und Routine spielen<br />
sich Formumsetzung und Bewegungsserien<br />
ein – der schreibmotorische<br />
Teilprozess wird mehr und mehr automatisiert.<br />
Die Aufmerksamkeitsbeanspruchung<br />
durch die motorischen Kontrollprozesse<br />
nimmt ab, Flüssigkeit und<br />
GS <strong>aktuell</strong> <strong>91</strong> • September 2005<br />
21
Aus der Forschung: Schrift und Schreiben<br />
Schreiben können – die selbstverständlichste Sache der Welt<br />
»Schreiben im Sinne einer Aneinanderreihung<br />
von Buchstaben und anderen Schriftzeichen<br />
scheint kaum oder überhaupt keine Zukunft<br />
zu haben«, beginnt Vilém Flusser seinen Essay<br />
über die Schrift. 1 Und er fährt fort damit,<br />
den alten Code Schrift mit den neuen Codes<br />
wie z. B. Disketten oder Videobändern zu vergleichen,<br />
die viel effizienter und bequemer den<br />
Austausch von Informationen erlauben. In der<br />
Tat ist die Bedienung eines neuen Mediums zur<br />
Informationsübertragung im wahrsten Sinne<br />
kinderleicht, vergleicht man es mit der Erzeugung<br />
einer Schriftspur auf einem Blatt Papier.<br />
Und – so mutmaßt Flusser – es kommt der<br />
Trägheit vieler Menschen durchaus entgegen,<br />
sich auf die technischen Transfermittel zu beschränken.<br />
Aber da gibt es wohl noch etwas an<br />
der Schrift, das über diese einfache Funktion<br />
der Informationsübermittlung hinausgeht, das<br />
die Schrift und das Schreiben für viele Menschen<br />
doch unverzichtbar macht und das die<br />
Schule veranlasst, das Schreiben trotz technischer<br />
Ersatzmedien nicht aus dem Curriculum<br />
zu streichen.<br />
Schrift und Schreiben dienen nicht nur der<br />
Informationsübertragung, sondern auch einer<br />
spezifischen Art des Denkens und dem persönlichen<br />
Ausdruck. In dieser Hinsicht ist das<br />
Schreiben ein unverzichtbares Mittel. Gedanken<br />
werden sprachlich formuliert und in eine<br />
graphische Form übertragen, die klaren Regeln<br />
folgt. Schrift bedingt eine gewisse Ordnung:<br />
Eine Richtung muss eingehalten werden, die<br />
konventionell festgelegten Zeichen müssen<br />
so produziert werden, dass sie erkennbar sind,<br />
und schließlich müssen bestimmte Regeln<br />
der Verschriftlichung eingehalten werden,<br />
angefangen bei der kompletten Satzstruktur<br />
bis hin zur Orthographie. Dem persönlichen<br />
Ausdruck wird nicht nur in der sprachlichen<br />
Formulierung, sondern auch in der Varianz der<br />
Grundformen der Schrift Raum gegeben. Die<br />
persönliche, unverwechselbare Handschrift ist<br />
das Ergebnis eines relativ langen Prozesses der<br />
Schriftaneignung und der Schreibübung.<br />
Diesen Prozess entwicklungsangemessen<br />
zu begleiten und zu unterstützen ist das Anliegen<br />
des vorgestellten Projekts LufT – Lockere<br />
und flüssige Textproduktion. Zum einen<br />
wurde die graphomotorische Entwicklung der<br />
Kinder über zwei Schuljahre beobachtet und<br />
zum anderen wurden Maßnahmen getestet,<br />
die den Schreiblernprozess in geeigneter Weise<br />
didaktisch begleiteten. Die Kinder erhielten<br />
Gelegenheit ihren Lernprozess stärker selbst<br />
zu steuern, sich dabei zu beobachten und auf<br />
diese Weise schon relativ früh eine persönliche<br />
Schrift zu entwickeln. Die von Christina<br />
Mahrhofer-Bernt entwickelten, hier vorgestellten<br />
Prinzipien lassen sich auf jeden Schreibunterricht<br />
übertragen; handlungsleitend ist<br />
dabei die Vorstellung eines bewegungsökonomischen<br />
und individuell angepassten Aufbaus<br />
von motorischen Routinen. Die Kinder im Projekt<br />
quittierten die dabei angebotenen Hilfestellungen<br />
mit einer größeren Aufmerksamkeit<br />
dem Schreiben gegenüber. Lehrern und<br />
Lehrerinnen wird beim präzisen Blick auf den<br />
Schreibprozess, wie er hier vorgestellt wird, vor<br />
allem klar, welch hoch komplexe Leistung von<br />
Grundschulkindern beim Schreiben erbracht<br />
wird und welch langer Weg zurückgelegt werden<br />
muss, bis das Schreibenkönnen zur Selbstverständlichkeit<br />
geworden ist.<br />
Angelika Speck-Hamdan<br />
1 Flusser, Vilém (1990) Die Schrift: Hat Schreiben<br />
Zukunft Göttingen: European Photography,<br />
3. Auflage, S. 7<br />
Geläufigkeit der Schreibbewegung nehmen<br />
zu. Gestalten sich die Bewegungsausführungen<br />
einfacher, fällt auch der<br />
Verlauf der Automatisierung leichter. Aus<br />
dem Bereich des rehabilitativen Schreibtrainings<br />
(Mai 19<strong>91</strong>, Mai & Marquardt<br />
1999a) kommt daher die Frage, warum<br />
den Kindern das verbundene Schreibenlernen<br />
durch anspruchsvolle Formen<br />
und strenge Schreibvorgaben unnötig<br />
erschwert wird.<br />
Schreibunterricht unter<br />
der graphomotorischen Lupe<br />
Lieb gewonnene didaktische Selbstverständlichkeiten<br />
im Schreibunterricht wie<br />
beispielsweise fest vorgegebene Liniengrößen<br />
lassen sich trotz langjähriger<br />
Umsetzung in der Unterrichtspraxis nicht<br />
durch Forschungsergebnisse bestätigen<br />
(Mahrhofer & Speck-Hamdan 2001,<br />
Mahrhofer 2004). Bei anderen Vorgaben<br />
wie das Üben mit Hohlschriften, Nachspuren<br />
oder der Aufforderung, die vorgegebene<br />
Linie auf jeden Fall einzuhalten,<br />
zeigen Bewegungsanalysen eindeutige<br />
schreibmotorische Beschränkung der<br />
flüssigen Bewegungsausführungen. Die<br />
Kritik an der Lateinischen Ausgangsschrift<br />
hinsichtlich ihrer komplizierten<br />
Form- und Normvorgaben ist bekannt.<br />
Doch auch bei der Vereinfachten Ausgangsschrift<br />
sind Einschränkungen zu<br />
machen. Während die Großbuchstaben<br />
deutlich an die Druckschrift angelehnt<br />
wurden, wurden die Kleinbuchstaben<br />
weit weniger systematisch vereinfacht<br />
(Mai 19<strong>91</strong>, Mai & Marquardt 1998). In<br />
der Lineatur bedeutet die Eingrenzung<br />
von Mittelband, Ober- und Unterlängen<br />
und die Vorgabe zur genauen Einhaltung<br />
weniger eine Orientierung des Schreibraumes.<br />
Vielmehr behindert es die Ausführung<br />
flüssiger Schreibbewegungen<br />
(Quenzel 1994, 2000). Auch die Vorgabe<br />
von Schriftgrößen, Schriftneigung und<br />
Schreibübungen wie Nachspuren, Schreiben<br />
in Hohlschriften oder Schablonen<br />
tragen nicht nachweislich zur Entwicklung<br />
flüssiger Schreibbewegungen bei.<br />
Prinzipien für das Schreibenlernen<br />
An diesen Kritikpunkten setzt der LufT-<br />
Schreibunterricht an, dessen Konzept<br />
im Projekt »LufT – Lockere und flüssige<br />
Textproduktion« 1 entwickelt wurde.<br />
Er versucht, auf der Grundlage bisher<br />
bekannter Forschungsergebnisse die<br />
Entwicklung einer verbundenen Schrift<br />
durch umfassend vereinfachte Schreibvorgaben<br />
zu erleichtern. Hierzu prägen<br />
den LufT-Schreibunterricht drei zentrale<br />
Prinzipien:<br />
n Das Prinzip der Richtvorgaben anstelle<br />
der Normvorgaben<br />
n Das Prinzip der Freigabe von Wahlmöglichkeiten<br />
n Das Prinzip der Selbsteinschätzung<br />
und der Reflexion des eigenen<br />
Schreibprozesses.<br />
In diesen drei Prinzipien spiegelt sich<br />
die übergeordnete Vorstellung eines<br />
Schreibunterrichts, der das Schreiben<br />
lernende Kind in seiner individuellen<br />
Schreibentwicklung unterstützt und dabei<br />
von Anfang an zur Reflexion seines<br />
Tuns anhält.<br />
Das Prinzip der Richtvorgaben<br />
Die angebotenen Buchstabenformen der<br />
verbundenen Ausgangsschrift, die hier<br />
gegenüber der Vereinfachten Ausgangsschrift<br />
noch stärker vereinfacht wurden,<br />
22 GS <strong>aktuell</strong> <strong>91</strong> • September 2005
Aus der Forschung: Schrift und Schreiben<br />
sind lediglich als Richtvorgaben zu verstehen<br />
und sollen den Kindern eine Hilfestellung<br />
für den Wechsel von der Druckschrift<br />
zur verbundenen Schrift geben.<br />
Ihr Verständnis als Richtformen betont<br />
dabei den Respekt vor individuellen<br />
schreibmotorischen Kompetenzen und<br />
Entwicklungsbedürfnissen. So zeigen<br />
Schreiben lernende Kinder im Einschulungsalter<br />
sehr deutliche Entwicklungsunterschiede<br />
in den graphomotorischen<br />
Voraussetzungen und der sich entfaltenden<br />
Schreibmotorik.<br />
Die Kinder, die sich im Projekt Luft<br />
die verbundene Schrift aneigneten, hatten<br />
von Anfang an die Möglichkeit, eine<br />
persönliche Schrift zu entwickeln. Unter<br />
Einhaltung der Kriterien der Leserlichkeit,<br />
Schreibflüssigkeit und Schreibschnelligkeit<br />
konnten sie die Buchstabenformen<br />
so abwandeln, wie es ihren Bewegungsbedürfnissen<br />
entgegenkam.<br />
Das Prinzip der Freigabe<br />
von Wahlmöglichkeiten<br />
Wahlmöglichkeiten zwischen verschiedenen<br />
Lineaturen ebenso wie bei Buchstabenverbindungen<br />
dienen dem gleichen<br />
Ziel, individuellem Schreibbedürfnis zu<br />
entsprechen. Um die Kinder durch ein<br />
Zuviel an Möglichkeiten von Verbinden<br />
und Absetzen anfänglich nicht zu überfordern,<br />
wurden im Projekt aus theoretischen<br />
Überlegungen heraus drei<br />
grundlegende Absetzregeln vorgegeben,<br />
LufT – Buchstaben als Richtformen für die<br />
verbundene Schrift (aus: Mahrhofer 2004, 192)<br />
an denen sich die Kinder zunächst orientieren<br />
konnten. Eine dieser Absatzregeln<br />
lautete zum Beispiel: »Vor a, o, d und q<br />
gib den Fingern Ruh!« (Vermeidung des<br />
Deckstrichs).<br />
Die Freiheiten der Abwandlung und<br />
der Wahlmöglichkeiten bedeuteten für<br />
die Kinder eine große Herausforderung.<br />
Sie mussten sich mit ihrem Schreiben<br />
und ihren eigenen Bedürfnissen und<br />
Kompetenzen auseinandersetzen. Bereits<br />
im zweiten Schuljahr ergaben sich<br />
bei den Schülern regelrechte Expertengespräche<br />
über die Schriftprodukte.<br />
Das Prinzip der<br />
Selbsteinschätzung und Reflexion<br />
des eigenen Schreibens<br />
Die Selbsteinschätzung und Reflexion<br />
des eigenen Schriftprodukts und der eigenen<br />
Schreibhandlung bilden eine wesentliche<br />
Ergänzung. Um diesen Prozess<br />
anzuregen, zu begleiten und zu fördern,<br />
finden sich kleinere Elemente wie Beurteilungsfelder<br />
am Ende eines Arbeitsblattes<br />
zum Ankreuzen oder größere<br />
Elemente wie Schriftgespräche im Klassenkreis<br />
oder zwischen zwei bis drei Kindern<br />
im Rahmen der Wochenplanarbeit.<br />
Die Schriftgespräche wurden im Rahmen<br />
des LufT-Projekts entwickelt. Sie erleichtern<br />
den Kindern in diesem Schulbesuchsalter<br />
die Auseinandersetzung mit<br />
dem eigenen Schreibprozess auf der Metaebene.<br />
Die Kinder stellen ihre Schriftprodukte<br />
vor, schätzen sie gegenseitig<br />
kriterienbezogen ein und entfalten mit<br />
der Zeit richtige Fachgespräche. Nach anfänglicher<br />
Anleitung durch die Lehrkraft<br />
übernehmen die Kinder mehr und mehr<br />
die eigenverantwortliche Organisation.<br />
Die Kinder erfahren so die eigene Verantwortung<br />
und die Wirkung ihrer Schriftprodukte<br />
aus der unmittelbaren und ehrlichen<br />
Sicht des gleichaltrigen Kindes.<br />
Langzeitbeobachtung der<br />
Schreibentwicklung im Projekt<br />
»LufT – Lockere und flüssige<br />
Textproduktion«<br />
Im bereits erwähnten Projekt »LufT<br />
– Lockere und flüssige Textproduktion«<br />
wurde die Schreibentwicklung von<br />
Kindern beim Erwerb verschiedener verbundener<br />
Ausgangsschriften von Mitte<br />
der ersten bis Ende der zweiten Klasse<br />
beobachtet und begleitet. Die Kinder<br />
besuchten verschiedene <strong>Grundschule</strong>n<br />
im Raum München. Von insgesamt<br />
sechs Klassen lernten zwei Klassen die<br />
Lateinische Ausgangsschrift (Gruppe LA)<br />
und zwei Klassen die vereinfachte Ausgangsschrift<br />
(Gruppe VA) als verbundene<br />
Ausgangsschrift. Zwei weitere Klassen<br />
wurden mit einem eigens für die Studie<br />
entwickelten Schreiblehrgang »LufT« unterrichtet<br />
(Gruppe LUFT), in dem die bisherigen<br />
Erkenntnisse zur Erleichterung<br />
des graphomotorischen Anteils beim<br />
Schreibenlernen eingearbeitet und in ein<br />
umfassendes methodisches Schreibunterrichtskonzept<br />
eingebettet wurden. In<br />
diesen beiden letztgenannten Klassen<br />
wurde der Schreibunterricht nach den<br />
Dr. Christina Mahrhofer-Bernt<br />
ist Sonderschullehrerin<br />
und Sonderpädagogin M.A.<br />
Das Projekt LufT – Lockere und<br />
flüssige Textproduktion leitete<br />
sie zusammen mit<br />
Prof. Dr. Angelika Speck-Hamdan<br />
an der Universität München.<br />
Von 1997 bis 2002 war sie<br />
wissenschaftliche Mitarbeiterin<br />
an den Universitäten München,<br />
Erlangen-Nürnberg und<br />
Bamberg. Seit 2002 ist sie<br />
als Sonderschullehrerin tätig<br />
und arbeitet gegenwärtig am<br />
Sonderpädagogischen Förderzentrum<br />
Landshut-Land in der<br />
Primarstufe.<br />
GS <strong>aktuell</strong> <strong>91</strong> • September 2005<br />
23
Aus der Forschung: Schrift und Schreiben<br />
Ausschnitt »Räumliche Einteilung« aus der Beurteilungsskala<br />
des entwickelten Schriftratings<br />
o. g. Prinzipien modifiziert. In den Klassen<br />
mit Lateinischer und Vereinfachter<br />
Ausgangsschrift wurde in den Unterricht<br />
nicht eingegriffen. Von Interesse war für<br />
die Studie, wie sich die Kinder aller sechs<br />
Klassen bezogen auf die Schreibbewegungen<br />
und die Leserlichkeit ihrer Schriften<br />
entwickeln.<br />
Es zeigten sich für die Kinder in den<br />
drei verschiedenen Gruppen unterschiedliche<br />
Prozesse der Automatisierung von<br />
Schreibbewegungen und eine ungleiche<br />
Leserlichkeit der Schriftproben. Zur Beurteilung<br />
der Schreibbewegungen diente<br />
ein computergestütztes Messverfahren,<br />
mit dem die Bewegungsausführungen<br />
mittels Geschwindigkeitsverläufen im<br />
Hinblick auf eine zunehmende Routinisierung<br />
der Schreibbewegungen drei<br />
Mal pro Schuljahr bewertet wurden. Zur<br />
Überprüfung der Leserlichkeit wurde ein<br />
kriterienbasiertes Verfahren entwickelt<br />
und zu zwei Messzeitpunkten (Ende der<br />
ersten Klasse und Ende der zweiten Klasse)<br />
eingesetzt.<br />
Folgende Ergebnisse lassen sich an dieser<br />
Stelle kurz zusammenfassen.<br />
1. Schreibbewegungen sind nicht immer<br />
gleich flüssig und gleich schnell.<br />
2. Nach schreibmotorischen Gesichtspunkten<br />
modifizierte Schriftvorgaben<br />
führen nicht zwingend zu einer<br />
schlechteren Lesbarkeit.<br />
Zur Schreibschnelligkeit<br />
und Schreibflüssigkeit<br />
Bei der Ausführung der Schreibbewegungen<br />
sind Schreibschnelligkeit und<br />
Schreibflüssigkeit zwei wesentliche Kriterien.<br />
Für die Schnelligkeit einer Schrift<br />
ist die Frequenz, mit der das Kind beim<br />
Schreiben Striche produziert, aussagekräftig.<br />
Dabei wird jeder Buchstabe in<br />
Auf- und Abstriche zergliedert. Die Frequenz<br />
gibt dabei an, wie viele Auf- und<br />
Abstrichpaare pro Sekunde gemacht<br />
werden. Je höher die Frequenz, desto<br />
schneller produziert das Kind die einzelnen<br />
Teilstriche der Buchstaben und desto<br />
schneller schreibt das Kind insgesamt.<br />
Für die Flüssigkeit von Schreibbewegungen<br />
ist die Anzahl der Geschwindigkeitswechsel<br />
während eines Striches<br />
maßgebend. Je flüssiger die Schreibbewegung<br />
bei der Produktion eines Striches<br />
ist, desto weniger wird die Bewegung im<br />
Geschwindigkeitsverlauf korrigiert und<br />
desto niedriger ist die oben genannte<br />
Anzahl der Geschwindigkeitswechsel.<br />
Gemessen werden die Variablen mit dem<br />
von Mai und Marquardt entwickelten<br />
Programm CS (Mai & Marquardt 1996,<br />
1999b), das eine computergestützte<br />
Analyse der Bewegungsabläufe beim<br />
Schreiben bietet. Flüssigkeit und Schnelligkeit<br />
wurden an Grundelementen der<br />
Schreibbewegungen (Bewegungen aus<br />
dem Handgelenk, den Fingern und der<br />
Kombination von beiden), einfachen<br />
Buchstabenformen, Wörtern und Sätzen<br />
gemessen.<br />
Zu den für das Schreiben wichtigen<br />
Grundbewegungen zählen Striche aus<br />
dem Handgelenk, aus den Fingern und<br />
der Kombination beider Bewegungen.<br />
Hier zeigte sich über die ersten beiden<br />
Schuljahre hinweg zweierlei. Zwei der<br />
drei für das Schreiben grundlegenden<br />
Bewegungen, die Ausführungen aus dem<br />
Hand gelenk bzw. die Ausführungen aus<br />
den Fingern konnten nahezu alle Kinder<br />
bereits nach vier Monaten Schreibunterricht<br />
flüssig ausführen. Während zu<br />
diesem Zeitpunkt die Kombination der<br />
beiden Bewegungen in der Ausführung<br />
von Kreisen nur etwa der Hälfte gelang,<br />
schafften es am Ende der zweiten Klasse<br />
etwas mehr als 80 %. Es gibt aber am<br />
Ende der zweiten Klasse immer noch<br />
Kinder, die diese grundlegende Kombinationsbewegung<br />
nicht flüssig ausführen<br />
können.<br />
Die Produktion von Strichen und kleinen<br />
Druckschrift-l bildet die zweite Erhebungskategorie.<br />
Beide ähneln sich sehr<br />
in der Ausführungsform. Beim Druckschrift-l<br />
kommt in der motorischen Bewegungsausführung<br />
noch der Haken am<br />
Ende des Abstriches dazu. Gleichzeitig<br />
assoziieren die Kinder beim Schreiben<br />
hiermit eine Buchstabenform, nicht mehr<br />
nur einen Strich mit Haken. Hier ließ sich<br />
ein deutlicher Unterschied zu den überprüften<br />
elementaren Schreibformen<br />
(Hand-, Fingerbewegungen, Kombination<br />
von beiden) feststellen. Die Unflüssigkeit<br />
der Bewegungen nahm bei diesen<br />
beiden Formen deutlich zu und blieb bei<br />
mehr als der Hälfte der Kinder bis zum<br />
Ende der zweiten Klasse unflüssig. Auch<br />
der Unterschied zwischen Strichen und<br />
Buchstabenform machte sich deutlich<br />
bemerkbar und blieb bis zum Ende der<br />
zweiten Klasse bestehen. In diesen beiden<br />
Ergebniskategorien unterschieden<br />
sich die drei Gruppen nicht.<br />
Die Wort- und Satzebene, auf der sich<br />
das Schreiben in der Schule bewegt,<br />
wurden an drei Erhebungszeitpunkten<br />
im zweiten Schuljahr untersucht, als<br />
die Einführung der verbundenen Schrift<br />
abgeschlossen war. Die sich in den graphischen<br />
Verteilungen immer wieder<br />
andeutenden Tendenzen für eine Überlegenheit<br />
der LufT-Gruppe lassen sich nicht<br />
systematisch als statistisch bedeutsam<br />
bestätigen. Allgemein feststellen lässt<br />
sich jedoch Folgendes: Die LufT-Kinder<br />
zeigten ab Mitte des zweiten Schuljahres<br />
durchschnittlich flüssigere Bewegungen.<br />
Beim Vergleich schwächerer Schreiber<br />
bewiesen sehr unflüssig schreibende<br />
LufT-Kinder im Verlauf des zweiten<br />
Schuljahres deutlichere Verbesserungen<br />
der Schreibflüssigkeit als die unflüssig<br />
schreibenden LA- und VA-Kinder. Zudem<br />
waren in der LufT-Gruppe zu allen drei<br />
Erhebungszeitpunkten in den zweiten<br />
Klassen mehr Kinder mit flüssigen Bewegungen<br />
als in den beiden anderen Gruppen.<br />
Für Kinder mit weniger günstigen<br />
graphomotorischen Voraussetzungen<br />
erwies sich der LufT-Schreiblehrgang als<br />
hilfreich.<br />
Zur Leserlichkeit<br />
Neben Flüssigkeit und Schnelligkeit der<br />
Schreibbewegungen spielt die Leserlichkeit<br />
für das schulische Schreiben eine<br />
bedeutsame Rolle. Leserlichkeit ist an<br />
dieser Stelle jedoch nicht mit Lesbarkeit<br />
24 GS <strong>aktuell</strong> <strong>91</strong> • September 2005
Aus der Forschung: Schrift und Schreiben<br />
gleichzusetzen. Für die Lesbarkeit bedarf<br />
es neben der Erkennbarkeit und der<br />
Ausführungsqualität von Schrift weiterer<br />
Faktoren, wie z. B. sinnvoll zusammengefügte<br />
semantische und syntaktische Informationen.<br />
Die Lesbarkeit bezieht über<br />
die reinen graphischen Informationen der<br />
Leserlichkeit den Aspekt der Sinnentnahme<br />
mit ein. Wesentlich für den Schreibunterricht<br />
ist demgegenüber jedoch die<br />
Leserlichkeit der Schrift, die primär mit<br />
graphischen Informationen zu tun hat.<br />
Die in einem hierfür entwickelten Instrument<br />
erarbeiteten und überprüften<br />
Kriterien beziehen sich auf eine erste<br />
allgemeine Einschätzung und eine nachfolgende<br />
differenzierte Beurteilung. In<br />
der letztgenannten werden mittels eines<br />
Beurteilungsbogens (siehe Teilabschnitt<br />
in Abb.) die Kategorien »Räumliche Einteilung«,<br />
»Schriftneigung«, »Verbindung<br />
der Buchstaben« und »Form der Buchstaben«<br />
beurteilt.<br />
Bei den untersuchten Kindern zeigt<br />
die Überprüfung der Leserlichkeit der<br />
Schriften jeweils am Ende der ersten<br />
und zweiten Klasse folgende Ergebnisse:<br />
Zum einen lässt sich bei allen drei Gruppen<br />
von Ende der ersten Klasse bis zum<br />
Ende der zweiten Klasse eine allgemeine<br />
Abnahme der Leserlichkeit feststellen.<br />
Ende der zweiten Klasse gibt es in den<br />
untersuchten Gruppen weniger »völlig<br />
leserliche« Schriftproben; die darunter<br />
liegenden Kategorien von ȟberwiegend<br />
leserlich« bis »unleserlich« nehmen hingegen<br />
zu. In den Extremkategorien sehr<br />
guter bzw. unleserlicher Schriften schneiden<br />
die LufT-Kinder weniger günstig ab.<br />
Gleichzeitig liegt der überwiegende Anteil<br />
der Schriftproben jeder Gruppe bei<br />
einer mittleren bis guten Leserlichkeit<br />
der Schriften. Alle drei Gruppen erreichten<br />
das Ziel einer leserlichen Schrift.<br />
Im Durchschnitt führt ein nach oben<br />
beschriebenen Kriterien modifizierter<br />
Schreibunterricht wie der LufT-Schreibunterricht,<br />
der mehr Wert auf Bewegungsökonomie<br />
als auf ästhetische<br />
Kriterien in den Schreibausführungen<br />
legt, damit also nicht zwingend zu einer<br />
schlechteren Leserlichkeit bei allen unterrichteten<br />
Kindern.<br />
Neben den vorausgehend dargestellten<br />
Ergebnissen zeigten sich aufschlussreiche<br />
Zusatzergebnisse im Hinblick auf die<br />
Schreibentwicklung von Kindern in den<br />
ersten beiden Schuljahren. Zum einen<br />
fällt auf, dass das Spektrum an motorischen<br />
Schreibfertigkeiten deutlich breiter<br />
streut, als man bisher aufgrund von Praxiserfahrungen<br />
annahm. Vor allem zum<br />
Ende der zweiten Klasse sind die meisten<br />
der untersuchten Kinder unabhängig<br />
von der vermittelten Schreibschrift noch<br />
weit von automatisierten und routinierten<br />
Schreibbewegungen entfernt. Zwar<br />
beherrschen die meisten Kinder nach<br />
ca. vier Monaten die für das Schreiben<br />
grundlegenden Schreibbewegungen aus<br />
dem Handgelenk und den Fingern. Dennoch<br />
können sie diese Bewegungen noch<br />
lange nicht flüssig kombinieren oder gar<br />
bei der Umsetzung von Schriftzeichen<br />
anwenden.<br />
Die schreibmotorischen Fertigkeiten<br />
von Kindern sind demnach vermutlich in<br />
den ersten beiden Schuljahren weder so<br />
homogen noch so schnell voranschreitend<br />
in ihrem Lernprozess hin zu einer<br />
automatisierten Schrift wie bisher in der<br />
Schreibdidaktik ungefragt angenommen.<br />
Führt man diesen Gedankengang eines<br />
breiten Spektrums an Schreibkompetenzen<br />
weiter, ergibt sich als Folge<br />
der Bedarf nach einem breiten Angebot<br />
an individuellen und den graphomotorischen<br />
Lernprozess berücksichtigenden<br />
Vorgaben für den Schreibunterricht. Erst<br />
dadurch wird die Chance gewahrt, individuelle<br />
Schreibleistungen zuzulassen.<br />
Spiegeln kann sich dies wie bei den hier<br />
begleiteten LufT-Kindern in ihren reiferen<br />
Schriftprofilen ebenso wie in ihrer<br />
begeisterten und intensiven Auseinandersetzung<br />
mit der eigenen Schrift.<br />
Abschließende Bemerkung<br />
Aus der Langzeitbeobachtung lässt sich<br />
schließen, dass eine didaktisch-methodische<br />
Weiterentwicklung des Schreibunterrichts<br />
im Hinblick auf schreibmotorische<br />
Erleichterungen möglich ist. Die<br />
Erfahrungen im Projekt »LufT« zeigen,<br />
dass die oben dargestellten Prinzipien<br />
n der Richtvorgaben,<br />
n der Freigabe von Wahlmöglichkeiten<br />
und vor allem<br />
n das Prinzip der Selbsteinschätzung<br />
und Reflexion<br />
den Kindern in ihrer individuellen Entwicklung<br />
hin zu einer routinierten Handschrift<br />
eine wesentliche Unterstützung<br />
bieten. Vor allem das Prinzip der Selbsteinschätzung<br />
und Reflexion weist Wege<br />
auf, wie man mit Problemstellen auch in<br />
anderen verbundenen Ausgangsschriften<br />
umgehen kann. 2<br />
Christina Mahrhofer-Bernt<br />
Anmerkungen<br />
1 Die Studie »LufT – Lockere und flüssige<br />
Textproduktion« wurde von 1998 bis 2000<br />
an der Ludwig-Maximilians-Universität<br />
München, Lehrstuhl für Grundschulpädagogik<br />
und -didaktik durchgeführt. Eine<br />
umfassende theoretische Auseinandersetzung<br />
und Darstellung der Methoden<br />
und Ergebnisse findet sich in Mahrhofer<br />
2004.<br />
2 Der im Projekt LufT entwickelte Ansatz<br />
der Schriftgespräche diente als Ausgangspunkt<br />
für die Entwicklung einer<br />
Handreichung zum Umgang mit den<br />
Problemstellen der VA. Die Handreichung<br />
wurde entwickelt am ISB – Staatsinstitut<br />
für Schulqualität und Bildungsforschung<br />
München (Leitung des Arbeitskreises:<br />
Dr. B. Grasy, Beratung: Dr. C. Mahrhofer-<br />
Bernt, 2005).<br />
Literatur<br />
Mahrhofer, C. (2002): LufT – Lockere und flüssige<br />
Textproduktion. Erste Ergebnisse aus einer empirischen<br />
Untersuchung zur graphomotorischen Schreibentwicklung.<br />
In: Petillon, H. (Hrsg.), Individuelles und<br />
soziales Lernen in der <strong>Grundschule</strong> – Kindperspektive<br />
und pädagogische Konzepte. Jahrbuch Grundschulforschung<br />
Bd. 5, Leverkusen: Leske + Budrich.<br />
Mahrhofer, C. (2004): Schreibenlernen mit graphomotorisch<br />
vereinfachten Schreibvorgaben. Eine<br />
experimentelle Studie zum Erwerb der verbundenen<br />
Ausgangsschrift in der 1. und 2. Jahrgangsstufe.<br />
Bad Heilbrunn: Klinkhardt.<br />
Mahrhofer, C., Speck-Hamdan, A. (2001):<br />
Schreibenlernen – ein Kinderspiel Eine Analyse des<br />
Erstschreibunterrichts. <strong>Grundschule</strong>, 33. (2), 39-41.<br />
Mai, N. (19<strong>91</strong>): Warum wird Kindern das Schreiben<br />
schwer gemacht Zur Analyse der Schreibbewegungen.<br />
Psychologische Rundschau 42, 12– 18.<br />
Mai, N., Marquard, C. (1998): Registrierung und<br />
Analyse von Schreibbewegungen: Fragen an den<br />
Schreibunterricht. In: Huber, L., Kegel, G.,<br />
Speck-Hamdan, A. (Hrsg.), Einblicke in den Schriftspracherwerb,<br />
83 – 99. Braunschweig: Westermann.<br />
Mai, N., Marquardt, C. (1996, 1999b): CS. Computerunterstützte<br />
Analyse der Bewegungsabläufe beim<br />
Schreiben. Vers. 4.3 (1996), Vers. 5.0 (1999). München:<br />
MedCom.<br />
Mai, N., Marquardt, C. (1999a): Schreibtraining in<br />
der neuropsychologischen Rehabilitation, 2., verb. Aufl.<br />
Dortmund: Borgmann Publishing.<br />
Quenzel, I. (1994): Kinematische Analysen einfacher<br />
Schreibbewegungen bei Kindern und Erwachsenen.<br />
Unveröffentl. Diplomarbeit, Fachbereich Psychologie,<br />
Universität Frankfurt.<br />
Quenzel, I. (2000): Kinematische Analyse von Schreibbewegungen<br />
im Erstunterricht. Unterrichtswissenschaft.<br />
Zeitschrift für Lernforschung, 28 (4), 290 – 303.<br />
GS <strong>aktuell</strong> <strong>91</strong> • September 2005<br />
25
<strong>aktuell</strong> … aus den Landesgruppen<br />
Baden-Württemberg<br />
Anschrift: Dipl.-Päd. Adolf Messer, Stockacker 15, 79252 Stegen; www.gsv-bw.de<br />
Berlin<br />
Kontakt: Ingrid Kornmesser, Kohlfurter Str. 4, 10999 Berlin; ikornmesser@yahoo.de<br />
Offener Brief<br />
Mit ihrem Offenen Brief vom 15. Mai<br />
2005 an die schulpolitischen Sprecher/<br />
innen der Parteien (»Baustelle <strong>Grundschule</strong>«,<br />
siehe www.gsv-berlin.de unter<br />
Stellungnahmen) und ihrer Kritik an der<br />
mangelhaften Umsetzung der Reformpläne<br />
durch die Senatsbildungsverwaltung<br />
und die bezirklichen Schulträger<br />
hat die Berliner Landesgruppe Staub<br />
aufgewirbelt. Es wird zunehmend auch<br />
in der Öffentlichkeit sichtbar, was alles<br />
bei der Umwandlung der Berliner<br />
<strong>Grundschule</strong>n in gebundene Ganztagsgrundschulen<br />
bzw. in Verlässliche<br />
Halbtagsgrundschulen mit Offenem<br />
Ganztagsbetrieb schlecht vorbereitet<br />
wurde. In vielen Berliner <strong>Grundschule</strong>n<br />
ist zu Beginn des neuen Schuljahrs Krisenmanagement<br />
angesagt. Der Grundschulverband<br />
fordert, dass die Schulverwaltung<br />
zu allererst eine sorgsame<br />
und ehrliche Bestandsaufnahme <strong>aktuell</strong>er<br />
Probleme vornimmt, die sich auf<br />
jede der ca. 430 Berliner Grundschu-<br />
Lehrerbildung: Anfangsunterricht<br />
noch weiter eingeschränkt!<br />
Das Kultusministerium hat (zunächst<br />
probeweise für die Dauer von 3 Jahren)<br />
eine neue Verwaltungsvorschrift<br />
Arbeitszeit für das Leitungs- und Lehrpersonal<br />
an den Staatlichen Seminaren<br />
für Didaktik und Lehrerbildung in<br />
Kraft gesetzt. Dabei wird die Möglichkeit<br />
erheblich eingeschränkt, Inhalte<br />
des Anfangsunterrichts zu vermitteln.<br />
Nachdem im Zuge der Studienreform<br />
1998/2000 der Anfangsunterricht als<br />
eigenes Studienfach an den Pädagogischen<br />
Hochschulen abgeschafft wurde,<br />
konnte er bislang immerhin im Umfang<br />
einer halben Fachdidaktik an den<br />
Seminaren für die schulpraktische Ausbildung<br />
von Grundschullehrer/innen<br />
angeboten werden. Künftig kommt der<br />
Anfangsunterricht und mit ihm ein bewährtes<br />
Studienfeld, das zentrale stufendidaktische<br />
und grundschulpädagogische<br />
Fragen betrifft, faktisch in<br />
der Ausbildung von Referendar/innen<br />
nicht mehr vor. Unverkennbar steht<br />
dahinter der Wille, die Bedeutung der<br />
wissenschaftlichen Fachausbildung zu<br />
Lasten einer allgemeinen grundschulpädagogischen<br />
und stufendidaktischen<br />
Orientierung zu stärken. Im Rahmen<br />
eines ausführlichen Gesprächs<br />
mit hochrangigen Vertretern des Kultusministeriums<br />
hat die Landesgruppe<br />
Ihre Kritik an der Verwaltungsvorschrift<br />
artikuliert.<br />
Fachtagung<br />
Am 25. Oktober wird die Landesgruppe<br />
in der PH Ludwigsburg eine Fachtagung<br />
zum Thema »Frühe Bildung« durchführen.<br />
Das Hauptreferat zu einem nach<br />
PISA hoch<strong>aktuell</strong>en Thema hält Prof.<br />
Dr. Kurt Meiers: »Schriftspracherwerb<br />
als gemeinsame Aufgabe von Schule<br />
und Kindertagesstätten«.<br />
len bezieht, und dann den Schulen<br />
mit besonders großen Problemen konkret<br />
und unbürokratisch die erforderliche<br />
Unterstützung gibt. Der Berliner<br />
<strong>Grundschule</strong> mangelt es im Augenblick<br />
nicht an klugen Leitideen auf dem<br />
Papier. Ihr mangelt es an einer umsichtigen<br />
und professionellen Umsetzung<br />
der vielen gleichzeitig auf sie niederprasselnden<br />
Neuerungen.<br />
Zur besseren Information der<br />
Kollegien<br />
Die Berliner Landesgruppe bietet allen<br />
Berliner <strong>Grundschule</strong>n an, sie per<br />
E-Mail kontinuierlich mit aus Perspektive<br />
des Grundschulverbandes wichtigen<br />
Informationen zur (Berliner)<br />
<strong>Grundschule</strong>ntwicklung zu informieren.<br />
Außerdem bieten wir eine GSV-<br />
Info-Stecktafel an (50 x 70 cm; KAPA,<br />
10 mm), die frei Haus zum Selbstkostenpreis<br />
von 10,– € geliefert wird.<br />
(für die Landesgruppe: Peter Heyer)<br />
Zwei Fragen werden im Mittelpunkt<br />
stehen: Welche praktischen Folgerungen<br />
sind von pädagogischer Seite<br />
zu ziehen, um die Erfolgschancen<br />
des zweifellos sehr anspruchsvollen<br />
Schriftspracherwerbs bereits in den<br />
Kindertagesstätten durch bereichsspezifische<br />
Fördermaßnahmen unter<br />
Berücksichtung der individuellen Voraussetzungen<br />
zu steigern Und: Wie<br />
kann Schule die Vorleistungen der<br />
Kindertagesstätten aufgreifen und so<br />
weiterführen, dass die Kinder den Erwerb<br />
der Schriftsprache erfolgreich<br />
durchlaufen<br />
(für die Landesgruppe:<br />
Hans-Joachim Fischer)<br />
Fachtagung zum Thema<br />
»Frühe Bildung«,<br />
Freitag, 25. Oktober 2005,<br />
PH Ludwigsburg<br />
Forum <strong>Grundschule</strong><br />
»Reformen ja! So nicht!!!«,<br />
Diskussion,<br />
15. September 2005,<br />
17 – 20 Uhr, Zille-<strong>Grundschule</strong>,<br />
Waldemarstr. 118,<br />
10997 Berlin-Kreuzberg<br />
Verbandsübergreifende<br />
Fachtagung »Von der<br />
Integration zur Inklusion«<br />
Vorträge von Andreas Hinz<br />
und Jutta Schöler, Arbeitsgruppen,<br />
Expertenrunden<br />
12. November 2005, 9 – 17 Uhr,<br />
Mauerstr. 53, 10117 Berlin-Mitte<br />
Mehr zu den Veranstaltungen unter<br />
www.gsv-berlin.de<br />
Bayern<br />
Vorsitzende: Dr. Gudrun Schönknecht,<br />
Heterogenität in jahrgangsgemischten<br />
Eingangsstufen<br />
Die jahrgangsgemischte Eingangsstufe<br />
lässt unter Eltern und Lehrkräften<br />
momentan die Stimmungswogen<br />
hochschlagen, da viele <strong>Grundschule</strong>n<br />
die Jahrgangsmischung als Sparmodell<br />
zum neuen Schuljahr verordnet<br />
bekommen.<br />
Am 1. Juli 2005 fand an der Erziehungswissenschaftlichen<br />
Fakultät in Nürnberg<br />
eine öffentliche Landesgruppensitzung<br />
zur Thematik »Heterogenität<br />
in jahrgangsgemischten Eingangsstufen«<br />
statt. Diese Veranstaltung wurde<br />
von Mitgliedern und Interessierten aus<br />
ganz Bayern besucht, wodurch sich<br />
auch politisch hoch interessante Diskussionen<br />
entwickelten.<br />
Gabriele Klenk, Konrektorin an der<br />
<strong>Grundschule</strong> Roßtal im Landkreis Fürth<br />
und seit 4 Jahren Lehrerin einer jahrgangsgemischten<br />
Eingangsstufe zeigte<br />
ein pädagogisches Konzept mit vielfältigen<br />
praktischen Anregungen für<br />
diese Thematik auf.<br />
Sie begründete die Entscheidung ihrer<br />
Schule für die Jahrgangsmischung<br />
damit, dass altersgemischtes Lernen<br />
natürliches Lernen sei und Heterogenität<br />
in jeder Klasse bestehe. Wichtig<br />
erscheint ihr hierbei, unter Berücksichtigung,<br />
Beibehaltung und Nutzung der<br />
Heterogenität zu unterrichten. Dies<br />
hat weitreichende Konsequenzen für<br />
die neue Lehrerrolle. In detaillierten<br />
Ausführungen und mit vielfältigen,<br />
praktischen Beispielen schaffte Frau<br />
Klenk es, den Zuhörerinnen und Zuhörern<br />
Verwirklichungen in Form von<br />
Wochenplänen, offenen Aufgaben, Lernen<br />
durch Lehren und Werkstattunterricht<br />
vorzustellen. Im Anschluss an den<br />
Vortrag entstand eine fruchtbare Diskussion<br />
über tatsächliche Probleme in<br />
der Verwirklichung. Als mögliche Unterstützungssysteme<br />
stellte Gabriele<br />
Klenk Netzwerke vor, wie sie eines zur<br />
Jahrgangsmischung bereits vor 4 Jahren<br />
im Raum Nürnberg gründete.<br />
26 GS <strong>aktuell</strong> <strong>91</strong> • September 2005
<strong>aktuell</strong> … aus den Landesgruppen<br />
Berliner Allee 22d, 86153 Augsburg<br />
Im Anschluss daran referierten Herr<br />
Prof. Dr. Paul Helbig, Frau Dümmler<br />
und Herr Renner über den <strong>aktuell</strong>en<br />
Stand der Langzeitstudie zur Jahrgangsmischung<br />
in der Eingangsstufe<br />
an der Universität Erlangen-Nürnberg<br />
mit den Schwerpunkten Leistung,<br />
Identität und sozialer Aspekt. Schließlich<br />
berichteten Frau Prof. Dr. Cornelia<br />
Rehle und Frau Cornelia Timmermann<br />
von ihren Erfahrungen aus der<br />
Umgebung der Universität Augsburg.<br />
Dort unterstützen Studentinnen und<br />
Studenten in Seminaren und über Zulassungsarbeiten<br />
Lehrkräfte bei ihrer<br />
Arbeit in jahrgangsgemischten Eingangsklassen.<br />
Im Anschluss an die Vorträge war es<br />
den versammelten Mitgliedern ein großes<br />
Anliegen, festzustellen, dass das<br />
Lernen in jahrgangsgemischten Klassen<br />
nicht zu vergleichen ist mit »Lernen<br />
wie vor 50 Jahren« mit Abteilungsunterricht,<br />
wie bayerische Zeitungen<br />
sowie Rundfunk- und Fernsehsendungen<br />
dies momentan darstellen.<br />
Der Grundschulverband kann mit pädagogischen<br />
Argumenten die Effizienz<br />
von jahrgangsgemischten Klassen bezüglich<br />
des Leistungsstandes und auch<br />
der sozialen Entwicklung der Kinder in<br />
individualisierenden, offenen Unterrichtsformen<br />
belegen. Dazu ist aber<br />
– wie Frau Klenk betonte – auf jeden<br />
Fall ein Jahr Vorlaufzeit einzurechnen.<br />
Dem widerspricht die <strong>aktuell</strong>e, überra-<br />
schende Einführung von jahrgangsgemischten<br />
Eingangsklassen in Bayern<br />
als Sparmodell – die vielfach ohne geeignete<br />
Ausbildung bzw. Fortbildung<br />
oder Zustimmung der Lehrerinnen<br />
oder Lehrer passiert. Daher fordert der<br />
Grundschulverband:<br />
n Die Nutzbarmachung von bereits<br />
vorhandenen pädagogischen Konzepten<br />
zur Jahrgangsmischung,<br />
über die Netzwerke bereits verfügen.<br />
n Die Ausgabe der Handreichung zur<br />
Jahrgangsmischung, die innerhalb<br />
des Schulversuchs am Staatsinstitut<br />
für Schulqualität und Bildungsforschung<br />
von einem Arbeitskreis<br />
bereits vor Jahren fertig gestellt<br />
wurde.<br />
n Ein zusätzliches Stundenmaß von<br />
5 Lehrerstunden für jede Jahrgangsmischung,<br />
die durch das raschere<br />
Durchlaufen von Schülern in<br />
der <strong>Grundschule</strong> wieder eingeholt<br />
werden kann.<br />
n Die Unterstützung von Netzwerken<br />
zur Jahrgangsmischung sowie<br />
die Kompetenzerweiterung von<br />
Lehrkräften durch Fortbildungsangebote.<br />
n Das Aufgreifen der pädagogischen<br />
Grundlegung der Jahrgangsmischung<br />
im Gegensatz zur Verordnung<br />
eines Sparmodells.<br />
(für die Landesgruppe:<br />
Gabriele Klenk und Bianca Ederer)<br />
Brandenburg<br />
Vorsitzende: Denise Sommer, Weinbergweg 21,15834 Rangsdorf<br />
Individuelle Lernstandsanalysen<br />
(ILeA)<br />
Im Spektrum der unterschiedlichen<br />
Modelle der Evaluation von Schulleistungen<br />
eröffnen individuelle Lernstandsanalysen<br />
als diagnostischpäd<br />
agogische Instrumente eine<br />
besondere Perspektive. Im Land Brandenburg<br />
wurden jetzt ein Leitfaden<br />
sowie ein Schülerarbeitsheft zur Lernstandsanalyse<br />
für Klasse 1 zum Einsatz<br />
in allen <strong>Grundschule</strong>n des Landes bereitgestellt.<br />
Das Material dient zur Unterstützung<br />
der Lehrkräfte, die innerhalb<br />
der ersten sechs Schulwochen<br />
auf möglichst zeitsparende und praxistaugliche<br />
Weise die Lernausgangslagen<br />
in verschiedenen Bereichen erfassen<br />
und dokumentieren sollen. Die<br />
nächsten Lernschritte der einzelnen<br />
Kinder können im Hinblick auf einen<br />
Lerngegenstand durch fachbezogene,<br />
individualisierte, pädagogische Angebote<br />
gestaltet werden. (www.lisum.<br />
brandenburg.de – unter dem Link Rahmenlehrpläne<br />
und Materialien).<br />
Ein Reader mit sieben weiteren pädagogisch-diagnostischen<br />
Verfahren<br />
sowie Angeboten für die Selbstevaluation<br />
der Schülerinnen und Schüler ergänzt<br />
das Material.<br />
Gegenwärtig wird der Leitfaden für<br />
die Klassen 2 – 6 weiterentwickelt. Dieser<br />
enthält einen allgemein-pädagogischen<br />
Teil sowie diagnostische Aufgaben<br />
und pädagogische Angebote für<br />
Deutsch und Mathematik. Außerdem<br />
gehört zu allen Leitfäden ein Baustein,<br />
der sich der psychosozialen Gesamtsituation<br />
der Schülerinnen und Schüler<br />
widmet.<br />
Wahl des neuen Vorstandes<br />
Im Rahmen der Landesgruppenversammlung<br />
wurde turnusgemäß der<br />
neue Landgruppenvorstand gewählt.<br />
Dem Vorstand gehören an (im Foto von<br />
links):<br />
Denise Sommer, Elvira Waldmann,<br />
Marion Gutzmann, Barbara Wegner,<br />
Sabine Wendt<br />
(für die Landesgruppe:<br />
Heike Kroner, Katrin Liebers, Christina<br />
Peschel, Annedore Prengel)<br />
Grundschultag<br />
»Leistung wahrnehmen<br />
– Leistung würdigen –<br />
Lernwege öffnen«<br />
5. November 2005, Astrid-Lindgren-<br />
<strong>Grundschule</strong> in Cottbus<br />
GS <strong>aktuell</strong> <strong>91</strong> • September 2005<br />
27
<strong>aktuell</strong> … aus den Landesgruppen<br />
Bremen<br />
Vorsitzende: Karin Sanders, Langenstr. 11, 28816 Stuhr<br />
In Bremer <strong>Grundschule</strong>n wird es im<br />
nächsten Schuljahr 2005/2006 keine<br />
Vorklassen mehr geben.<br />
Um Lehrerinnen Anregungen für einen<br />
veränderten Schulanfang zu geben,<br />
bot die Landesgruppe im Frühjahr 2005<br />
ein Forum zum »Jahrgangsübergreifenden<br />
Lernen am Schulanfang – wie fange<br />
ich an« im Landesinstitut für Schule<br />
an. Ca. achtzig Teilnehmerinnen<br />
kamen, um sich über das gemeinsame<br />
Anliegen auszutauschen. Die Veranstaltung<br />
wurde mit einem Gastvortrag<br />
der Schulleiterin Gisela Holsten (einer<br />
<strong>Grundschule</strong> in Osterholz-Scharmbeck,<br />
die schon seit langem erfolgreich<br />
Jahrgangsübergreifendes Lernen praktiziert,<br />
siehe www.gs-linden.de) eröffnet.<br />
In anschließenden intensiven Gesprächsrunden<br />
gaben Lehrerinnen und<br />
Lehrer aus Bremer <strong>Grundschule</strong>n ihre<br />
Praxiserfahrungen an Kolleginnen und<br />
Kollegen weiter.<br />
Es wurde erheblicher Bedarf an Beratung<br />
und weiterführendem Austausch<br />
über die Erfahrungen mit dem Modell<br />
deutlich.<br />
Parallel erhalten <strong>Grundschule</strong>n, die ab<br />
Sommer 2005 mit jahrgangsübergreifenden<br />
Lerngruppen neu beginnen<br />
wollen, vom Senator für Bildung das<br />
Angebot einer Projektbegleitung. Es<br />
werden zusätzliche Stunden pro Lerngruppe<br />
gewährt, die Klassenfrequenz<br />
wird allerdings nicht reduziert.<br />
Auf den Anfang kommt es an<br />
Diese auch von Bremer Bildungspolitikern<br />
gern verwendete Aussage nach<br />
dem PISA-Schock verdreht sich nach<br />
dem <strong>aktuell</strong> vorgestellten Bildungshaushalt<br />
ins Gegenteil. In einer Presseerklärung<br />
müssen Bremer Grundschullehrerinnen<br />
eine so erstaunliche wie<br />
bedrohliche Umverteilung erfahren.<br />
Die Bildungsdeputierte Anja Stahmann<br />
(Bündnis 90/Die Grünen): »Bei<br />
den <strong>Grundschule</strong>n wird trotz gleich<br />
bleibender Schülerzahlen und gewachsener<br />
Aufgaben durch die verlässliche<br />
<strong>Grundschule</strong> gekürzt (2006 um 7,4 %<br />
und 2007 nochmals um 8,5 % im Vergleich<br />
zu 2004). Im Gegenzug soll für<br />
die gymnasialen Oberstufen trotz sinkender<br />
Schülerzahlen (–5 %) deutlich<br />
mehr Geld ausgegeben werden<br />
(+ 13,2 % in 2006 und 11,6 % in 2007).«<br />
(für die Landesgruppe: Roswitha Kremin)<br />
Hamburg<br />
Vorsitzender: Dirk Erdmann, Klotzenmoor 38 d , 22453 Hamburg<br />
Neuerungen zum<br />
Schuljahr 2005/2006<br />
Im kommenden Schuljahr wird zur<br />
Sprachförderung an <strong>Grundschule</strong>n<br />
eine Qualitätsoffensive der Behörde<br />
für Bildung und Sport gestartet. Jede<br />
<strong>Grundschule</strong> benennt eine »Sprachlernkoordinatorin«,<br />
die eine Qualifizierung<br />
durch das Landesinstitut erhalten<br />
soll und für die Entwicklung<br />
eines Sprachförderkonzeptes und dessen<br />
Umsetzung im Sinne einer »Zielund<br />
Leistungsvereinbarung« verantwortlich<br />
sein wird. Die Ressourcen für<br />
Sprachförderung sollen in Zukunft in<br />
Zusammenhang mit Förderdiagnostik,<br />
Förderplanung und Evaluation vergeben<br />
werden.<br />
Der Vorstand der Landesgruppe begrüßt<br />
es, dass die Sprachförderung an<br />
Hamburger <strong>Grundschule</strong>n eine Professionalisierung<br />
erfahren soll. Wir kritisieren<br />
jedoch die Hast, mit der dieses<br />
Projekt umgesetzt werden soll: Die angekündigten<br />
Fortbildungsangebote für<br />
Sprachlernkoordinatoren liegen bislang<br />
noch nicht vor. Gleichzeitig nutzt<br />
die Behörde nicht die Kompetenz, die<br />
Erfahrung und das Engagement von<br />
Vorschullehrerinnen, die sich in den<br />
letzten Jahren in diesem Bereich qualifiziert<br />
haben: Sie werden ausdrücklich<br />
von der Funktion der Sprachlernkoordinatorin<br />
ausgeschlossen.<br />
Schulinspektion<br />
Ebenfalls im Laufe des Schuljahrs wird<br />
in Hamburg mit der Einführung der externen<br />
Schulinspektion begonnen. Ausgehend<br />
von dem Ziel, die Selbstverantwortung<br />
der Schulen auszubauen und<br />
den Schulen eine eigene Budget- und<br />
Personalhoheit zu geben, wird mit der<br />
Schulinspektion angestrebt, die Qualität<br />
der schulischen Arbeit zu sichern.<br />
Wir hoffen, dass die angekündigte<br />
Schulinspektion tatsächlich einhergeht<br />
mit einer stärkeren Selbstverantwortung<br />
der Schulen und es in Zukunft<br />
den Schulen möglich sein wird, den<br />
Weg zum Ziel selbst zu bestimmen –<br />
hierzu gehört für uns die Möglichkeit<br />
von schulindividuellen Stundentafeln<br />
und die Entscheidungsfreiheit darüber,<br />
ob Berichtszeugnisse oder Ziffernzeugnisse<br />
erteilt werden sollen.<br />
(für die Landesgruppe: Susanne Peters<br />
susanne.peters@gsvhh.de)<br />
Termin<br />
Für Samstag, den 5. November planen<br />
wir eine Veranstaltung zum Thema:<br />
Leistungen von Kindern<br />
würdigen – Portfolio<br />
Als Referent ist eingeladen<br />
Ulrich Hecker, Schulleiter<br />
der Regenbogenschule in Moers<br />
Ort und Uhrzeit entnehmen Sie unserer<br />
Homepage unter: www.gsvhh.de<br />
28 GS <strong>aktuell</strong> <strong>91</strong> • September 2005
<strong>aktuell</strong> … aus den Landesgruppen<br />
Hessen<br />
Anschrift: Ilse Marie Krauth, Steigerwaldweg 3, 63456 Hanau<br />
Bildung von Anfang an<br />
Das Hessische Kultusministerium hat<br />
gemeinsam mit dem Hessischen Sozialministerium<br />
einen Entwurf für einen<br />
Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder<br />
von 0 bis 10 Jahren erstellt. Damit<br />
soll der Entwicklung und Bildung in<br />
den ersten zehn Jahren verstärkt Aufmerksamkeit<br />
gewidmet werden.<br />
Grundsätzlich positiv zu bewerten<br />
ist das Anliegen des Plans, allerdings<br />
verbleibt der Entwurf noch sehr im<br />
allgemeinen. Zur Präzisierung und<br />
Erprobung sollen 30 hessische <strong>Grundschule</strong>n<br />
und Kindergärten als Tandem<br />
den Bildungs- und Erziehungsplan ein<br />
Jahr lang erproben und Änderungen<br />
mit einbringen. Bleibt zu hoffen, dass<br />
das Kultusministerium und das Sozialministerium<br />
auch die finanziellen und<br />
Mecklenburg-Vorpommern<br />
Vorsitzender: Ralph Grothe, Hasengang 3, 17309 Pasewalk<br />
Neuer Vorstand gewählt<br />
Im März 2005 fand in Schwerin die Mitgliederversammlung<br />
mit der Wahl des<br />
neuen Vorstandes statt. Dem neuen<br />
Landesgruppenvorstand gehören an:<br />
Ralph Grothe – Vorsitzender,<br />
Corne lia Danz – Stellvertreterin,<br />
Minette Volkwardt – Delegierte,<br />
Christine Faltis – Schatzmeisterin,<br />
Dr. Birgit Mett – Beisitzerin<br />
Herzlichen Dank an die Mitglieder des<br />
alten Vorstandes für die engagierte<br />
Arbeit!<br />
personellen Ressourcen bereitstellen,<br />
um diesen Plan angemessen realisieren<br />
zu können.<br />
Die Ergebnisse der Orientierungsarbeiten,<br />
die bis zu den Sommerferien<br />
da sein sollten, lassen auf sich warten.<br />
Eine Arbeitszeitmehrbelastung<br />
von etwa 40 Stunden pro Schule waren<br />
die Folge der 16-seitigen Arbeiten pro<br />
Schüler. Wir warten es ab …<br />
Am 12. Mai 2005 fand in Kassel mit über<br />
150 Teilnehmern eine ganztägige Fortbildung<br />
von Dipl. Psych. Nobert Sommer-Stumpenhorst<br />
statt, bei dem er<br />
seine Rechtschreibwerkstatt ausführlich<br />
vorstellte. Im November<br />
2005 wird er dies auch noch<br />
in Hanau tun. Genauere Informationen<br />
zum Zeitpunkt<br />
und zum Ort finden Sie unter www.<br />
gsv-hessen.de.<br />
(für die Landesgruppe: Silke Lerch)<br />
Modellprojekt »Integration von<br />
Kindern mit Förderbedarf in <strong>Grundschule</strong>n«<br />
Mit dem kommendem Schuljahr beginnt<br />
an ausgewählten Schulstandorten<br />
ein dreijähriges Projekt, in dem die<br />
Jahrgangsstufen 1 und 2 nicht mehr in<br />
allgemeine Förderschulen, sondern in<br />
Diagnoseförderklassen an <strong>Grundschule</strong>n<br />
eingeschult und mit anderen stark<br />
entwicklungsverzögerten Kindern gefördert<br />
werden. In das Projekt sind alle<br />
vier Schulamtsbereiche einbezogen.<br />
Am Projekt müssen sich alle vor Ort<br />
befindlichen allgemeinen Förderschulen<br />
und <strong>Grundschule</strong>n beteiligen. Das<br />
heißt, alle schulpflichtigen Kinder werden<br />
in diesen ausgewählten Bereichen<br />
in eine reguläre 1. Klasse oder in eine<br />
Diagnoseförderklasse 0 eingeschult.<br />
Ausnahme bilden Schüler, die in eine<br />
Schule für Blinde und Sehbehinderte,<br />
für Hörgeschädigte, eine Körperbehindertenschule,<br />
eine Sprachheilschule<br />
oder eine Schule zur individuellen<br />
Lebensbewältigung eingeschult werden.<br />
Ziel des Projektes ist, dass möglichst<br />
alle schulpflichtigen Kinder ihre<br />
Schullaufbahn in einer <strong>Grundschule</strong><br />
beginnen können. Das bereits vorhandene<br />
System der Diagnoseförderklassen<br />
an GS wird schrittweise ausgebaut.<br />
Hierzu sollen zunächst den am Projekt<br />
beteiligten Diagnoseförderklassen<br />
zwei zusätzliche sonderpädagogische<br />
Förderstunden je Klassenstufe zur Verfügung<br />
gestellt werden.<br />
Wir begrüßen die Bemühungen zur Integration<br />
aller Kinder. Gleichzeitig weisen<br />
wir aber auch auf die begrenzten<br />
zur Verfügung stehenden Mittel hin.<br />
(für die Landesgruppe: Ralph Grothe)<br />
Niedersachsen<br />
Vorsitzende: Dr. Eva Gläser, Fasanenstr. 1, 38 102 Braunschweig<br />
Persönliche Stellungnahmen zu den<br />
neuen Kerncurricula erwünscht<br />
Die Rahmenrichtlinien für die <strong>Grundschule</strong><br />
sollen in Niedersachsen zum<br />
kommenden Schuljahr durch Kerncurricula<br />
ersetzt werden. Sie werden Bildungsstandards<br />
beinhalten, die präzisieren,<br />
was Grundschulkinder nach<br />
den Jahrgängen 2 und 4 können sollen.<br />
Die Kerncurricula werden zurzeit<br />
in Arbeitsgruppen entwickelt. Wie diese<br />
aussehen sollen, kann im Internet<br />
bereits nachgelesen werden: www.<br />
cuvo.nibis.de (cuvo ist die Abkürzung<br />
für curriculare Vorgaben). Diese ersten<br />
Entwürfe können auf der Internetseite<br />
von allen Interessierten kommentiert<br />
werden. Bislang ist die Rückmeldung<br />
von den rund 2000 <strong>Grundschule</strong>n in<br />
Niedersachsen noch recht gering. Es<br />
ist geplant, dass die Kerncurricula<br />
im Dezember 2005 in die Anhörungsphase<br />
gehen. Daher sollten sich möglichst<br />
viele Grundschulkollegien zuvor<br />
öffentlich zu diesen Entwürfen äußern.<br />
Rückmeldungen können auch an<br />
die Landesgruppe des Grundschulverbandes<br />
gesendet werden (www.grund<br />
schulverband-niedersachsen.de).<br />
Übergänge nach Klasse 4<br />
Die Anmeldezahlen zum neuen Schuljahr<br />
zeigen es deutlich: Der Trend weg<br />
von der Hauptschule hat landesweit<br />
weiter zugenommen. Um rund 5 Prozent<br />
verringerten sich die Anmeldezahlen<br />
in ganz Niedersachsen. Bezeichnend<br />
sind auch die weiteren Zahlen:<br />
Osnabrück (57 % Gymnasium, 11 %<br />
Hauptschule), Hannover (70 % Gymnasium,<br />
8 % Hauptschule) und Landkreis<br />
Vechta (37 % Gymnasium, 19 % Hauptschule).<br />
Wie fragwürdig eine frühe<br />
Selektion nach Klasse 4 ist, zeigen<br />
auch diese Zahlen.<br />
Neuer Erlass über Zurückstellung<br />
erreicht Schulen vier Wochen vor<br />
den Sommerferien<br />
Das Ziel ist richtig, aber der Weg Nur<br />
vier Wochen vor Schuljahresende hat<br />
das Kultusministerium einen bislang<br />
unveröffentlichten Erlass herausgegeben.<br />
Dieser besagt: »Eine Zurückstellung<br />
kann damit nur noch bis zum<br />
Einschulungstag … erfolgen«. Kinder<br />
sollten nicht zurückgestellt werden,<br />
das ist auch nach Ansicht der Landesgruppe<br />
Niedersachsen unbestritten.<br />
Zudem sollte die Schuleingangsphase<br />
in Niedersachsen grundsätzlich reformiert<br />
werden. Ob dieser Erlass allerdings<br />
dazu beitragen wird, zumal dieser<br />
erst in die Schulen kam, als die<br />
Elternberatungen nach Maßgabe des<br />
bisher gültigen Erlasses bereits stattgefunden<br />
hatten, bleibt fraglich.<br />
(für die Landesgruppe: Dr. Eva Gläser)<br />
GS <strong>aktuell</strong> <strong>91</strong> • September 2005<br />
29
<strong>aktuell</strong> … aus den Landesgruppen<br />
Nordrhein-Westfalen<br />
Vorsitzende: Gisela Cappel, Habichtstr. 1 d, 58285 Gevelsberg<br />
Saarland<br />
Anschrift: Lilo Groll,<br />
CDU/FDP-Koalition: Was ändert sich<br />
für die <strong>Grundschule</strong> <br />
Im Zuge des Regierungswechsels nach<br />
der Landtagswahl im Mai zeichnen<br />
sich für die <strong>Grundschule</strong> teilweise einschneidende<br />
Veränderungen ab. Auch<br />
wenn bislang die Aussagen noch eher<br />
vage bleiben – die bekannt gewordenen<br />
Intentionen von CDU und FDP<br />
stehen in krassem Gegensatz zu der<br />
bislang erfolgreichen Arbeit der <strong>Grundschule</strong>:<br />
Aufhebung der Schulbezirke: Eine Aufhebung<br />
der Schulbezirke würde – im<br />
schlimmsten Fall in der Verbindung<br />
mit öffentlichen Leistungsvergleichen<br />
– zur sozialen Desintegration führen<br />
und das Gefälle zwischen bildungsprivilegierterenund<br />
bildungsbenachteiligteren<br />
Kindern verstärken. Die nach<br />
PISA geforderten Bemühungen um einen<br />
deutlichen Abbau der Korrelation<br />
zwischen sozialer Herkunft und Bildungschancen<br />
würden damit konterkariert.<br />
Zensuren ab Klasse 2, Kopfnoten für<br />
Arbeits- und Sozialverhalten: Wider<br />
allen Erkenntnissen aus Untersuchungen<br />
über die Effektivität solcher Maßnahmen<br />
wird ein Rückschritt in die pädagogische<br />
Steinzeit gefordert. Dass<br />
Noten kein taugliches Instrument für<br />
eine pädagogisch fundierte Leistungserziehung<br />
darstellen, sollte mittlerweile<br />
hinreichend bekannt sein.<br />
Einschulung ab fünf Jahren, Englisch<br />
ab Klasse 1: Angesichts der derzeitigen<br />
personellen und materiellen Ressourcen<br />
in der <strong>Grundschule</strong> erscheinen<br />
solche – je nach Umsetzung sicherlich<br />
durchaus sinnvolle Überlegungen<br />
– wenig realitätsbezogen. Die im Wahlkampf<br />
versprochene Einstellung von<br />
4000 neuen Lehrerinnen und Lehrern<br />
lässt derzeit noch auf sich warten …<br />
Der Grundschulverband hat sich bereits<br />
mehrfach kritisch zu den angekündigten<br />
Änderungen geäußert und<br />
sucht nun das Gespräch mit der neuen<br />
Schulministerin Barbara Sommer,<br />
um den bisherigen Dialog auch in einer<br />
veränderten politischen Situation fortzuführen.<br />
(für die Landesgruppe: Beate Schweitzer)<br />
Naturwissenschaften in der<br />
<strong>Grundschule</strong>: Die Landesgruppe<br />
fordert ein Umdenken<br />
Bereits in frühen Jahren werden Kinder<br />
von naturwissenschaftlichen Phänomenen<br />
in den Bann gezogen: sie sind<br />
aus sich heraus Forscher. Ihr Interesse<br />
an naturwissenschaftlichen Erscheinungen<br />
und deren Deutung belegen<br />
nicht zuletzt der Erfolg von Sendungen<br />
wie Löwenzahn, Sendung mit der Maus,<br />
Wissen macht Ah und anderen. Umso<br />
widersprüchlicher scheint es, dass gerade<br />
Phänomene aus den Naturwissenschaften<br />
selten Eingang in die <strong>Grundschule</strong><br />
finden. Insbesondere Physik<br />
und Chemie führen hier ein stiefmütterliches<br />
Dasein; in vielen Lehrplänen<br />
spielen sie gar keine Rolle.<br />
Im Rahmen des Grundschultages im<br />
Arbeitskreis »Experimente im Sachunterricht«<br />
fanden die beteiligten Pädagogen<br />
neben der (lehr-)planmäßigen<br />
Vernachlässigung naturwissenschaftlicher<br />
Themen weitere Erklärungen für<br />
Rheinland-Pfalz<br />
Anschrift: Werner Lang, Am Wintersberg 8, 67756 Hinzweiler<br />
hend praktizierten Lese-Schreib-Lehrgang<br />
keinen adäquaten Umgang mit<br />
der bei der Einschulung vorhandenen<br />
Heterogenität sieht.<br />
Dem vom GSV angestrebten Modell<br />
der notenfreien Schule steht die Ministerin<br />
durchaus aufgeschlossen gegenüber,<br />
sieht aber zurzeit angesichts der<br />
gesellschaftlichen Strömungen keine<br />
Chance hier einen Schritt voranzukommen.<br />
»Es gilt«, so die Ministerin,<br />
»Erreichtes zu erhalten und die Lehrerschaft<br />
zu ermutigen, die vorhandenen<br />
Freiräume bei den Klassenarbeiten, der<br />
Benotung und der Zeugnisgestaltung<br />
zu nutzen.«<br />
Überrascht zeigten sich Frau Ahnen<br />
und Frau Kleinschnieder von der<br />
vorgetragenen Kritik an der geplanten<br />
Portfolio-Arbeit (IFA). Die Landesgruppe<br />
machte deutlich, dass sie<br />
angesichts des Zeitansatzes von wöchentlich<br />
50 Minuten die damit verbundenen<br />
Zielsetzungen als viel zu<br />
hoch, Teile des Portfolios als nicht<br />
kind- und altersgemäß und das Konzept<br />
insgesamt als nicht praktikabel<br />
ansieht. Die Landesgruppe bot an, eine<br />
Auswertung der in RLP für den Herbst<br />
2005 geplanten Fortbildungsreihe zum<br />
Thema »Wie arbeite ich mit Fremdsprachen-Portfolio«<br />
mit dem Ministerium<br />
zu diskutieren.<br />
Die Landesgruppe gab auch die Stimmungslage<br />
aus den Kollegien weiter,<br />
die sich neben vielen anderen Aufgaben<br />
zurzeit insbesondere mit der<br />
Umsetzung der Bildungsstandards<br />
Mathematik und des entsprechenden<br />
Rahmenplans befassen. Sie begrüßt<br />
und unterstützt zwar ausdrücklich die<br />
Erneuerung der »Lehr«pläne und die<br />
Schaffung eines neuen Rahmens für<br />
das Lehren und Lernen, bemängelt aber<br />
– wie die Kollegen vor Ort auch – die<br />
oftmals mangelhafte Umsetzung. »Alle<br />
14 Tage ein neues Konzept!«, »Immer<br />
wieder neue Begriffe und Schlagwörter,<br />
hinter denen man sich verstecken<br />
kann!«, »Warum werden grundlegende<br />
Arbeiten nicht zentral erledigt« Diese<br />
und ähnliche Verlautbarungen spie-<br />
Jahresgespräch der Landesgruppe<br />
im Ministerium<br />
Die Landesgruppe hatte Gelegenheit<br />
mit Ministerin Doris Ahnen und<br />
Grundschulreferentin Anne Kleinschnieder<br />
<strong>aktuell</strong>e bildungspolitische<br />
Themen zu diskutieren. Ausdrücklich<br />
begrüßt wurde dabei das Vorhaben,<br />
den Bildungsauftrag der Kindertagesstätten<br />
zu stärken und das letzte kostenfreie<br />
Kindergartenjahr stärker als<br />
bisher auf die Einschulung auszurichten.<br />
Das im Groben feststehende Konzept<br />
der Sprachförderung hält die Landesgruppe<br />
für praktikabel. »Es besteht<br />
somit die Chance«, so der Vorsitzende<br />
W. Lang, »dass bei den Einzuschulenden<br />
Schulfähigkeit vorhanden ist und<br />
nicht erst erarbeitet werden muss.«<br />
In diesem Zusammenhang forderte<br />
die Landesgruppe vermehrte Fortbildungsveranstaltungen<br />
im Bereich des<br />
Anfangsunterrichts, da sie insbesondere<br />
im zurzeit immer noch weitgegeln<br />
die Stimmungslage vielerorts wider<br />
und machen die Gefahr deutlich,<br />
dass die Weiterentwicklung der <strong>Grundschule</strong><br />
ins Stocken gerät, bevor sie<br />
überhaupt ankommt, wo sie wirksam<br />
werden soll: beim Unterricht.<br />
Die Landesgruppe mahnte an, im Lernbereich<br />
Deutsch/Sachunterricht andere<br />
Wege zu gehen. So sollten zum Beispiel<br />
die Moderatoren konkreter in die<br />
Arbeit in den Kollegien eingebunden<br />
werden und die pädagogische Arbeit<br />
der Schulleitungen vor Ort unterstützen,<br />
statt die Informationen über vielfältige<br />
AGs mit hohen »Streuverlusten«<br />
weiterzureichen.<br />
(für die Landesgruppe: Werner Lang)<br />
Vorankündigung<br />
Landesweite Fortbildungsreihe<br />
zum Thema »Sprachen-Portfolio«<br />
im Herbst<br />
2005 (für persönliche Mitglieder<br />
kostenlos)<br />
30 GS <strong>aktuell</strong> <strong>91</strong> • September 2005
<strong>aktuell</strong> … aus den Landesgruppen<br />
Holbeinstr. 11, 66128 Saarbrücken<br />
die weitgehende Absenz derselben im<br />
Grundschulunterricht:<br />
n Themen aus der Chemie, der Physik<br />
und Co. seien rein abstrakt-formelhaft<br />
und von Grundschülern daher<br />
nicht zu verstehen.<br />
n Häufiger wurde auch die Angst vor<br />
einem Vorverlegen des Fachunterrichts<br />
ausgesprochen.<br />
n Einige Lehrkräfte gestanden ein,<br />
sich die Vermittlung von Fachinhalten,<br />
die in ihrem Studium keine Rolle<br />
spielten, nicht zuzutrauen.<br />
n Die fehlende Ausstattung der<br />
<strong>Grundschule</strong> sei für die Durchführung<br />
von Experimenten problematisch.<br />
n Mit Experimenten aus den »harten<br />
Naturwissenschaften« verknüpften<br />
viele der Anwesenden ein hohes<br />
Gefahrenpotenzial.<br />
Wie können Naturwissenschaften sinnvoll<br />
in die Grundschulbildung integriert<br />
werden, ohne als Propädeutikkurs zu enden<br />
Was die Verfasser des Buches »Kinder<br />
auf dem Wege zur Physik« (Beltz-Verlag<br />
2003) bezogen auf den Lernbereich<br />
Physik darstellen, kann auf naturwissenschaftliches<br />
Lernen im Allgemeinen<br />
übertragen werden: Es gibt zwei<br />
gegensätzliche Wege, auf denen Kindern<br />
die Naturwissenschaften eröffnet<br />
werden sollen:<br />
Der erste wird von den Grundbegriffen<br />
und mathematischen Strukturen<br />
der Naturwissenschaft aus beschritten.<br />
Kanonisches Formelwissen steht<br />
am Anfang der Auseinandersetzung<br />
und wird den Schülern transportiert.<br />
Dies entspricht einem informierendbelehrenden<br />
Unterricht, der inhaltsarme<br />
Begriffe erzeugt, die als Basis einer<br />
von Sachinteresse getragenen thematischen<br />
Vertiefung ungeeignet sind.<br />
Dem zweiten Weg liegt eine konstruktivistische<br />
Sicht des Lernens zugrunde:<br />
Wissen wird nicht transportiert,<br />
sondern konstruiert. Wahrnehmung<br />
ist demnach ein Prozess, der sich über<br />
Handlungen entwickelt. Durch genaues<br />
Beobachten wird kausales, kritisches<br />
Denken gefördert. Es wird durch<br />
Widersprüche geweckt und fordert<br />
den Beweis durch Überprüfung des<br />
Gedachten geradezu heraus. Auf diesem<br />
Weg begegnen die Kinder Phänomenen<br />
zunächst unbeeinflusst. Diese<br />
Begegnung fordert ursprüngliche Ansätze<br />
naturwissenschaftlichen Verstehens<br />
heraus (der genetische Weg von<br />
Martin Wagenschein). Zu ihr gehört<br />
auch das Staunen, das sich Annähern<br />
an Phänomene über das Denken, Sprechen<br />
und Handeln.<br />
Als Konsequenz ist ein themenorientierter<br />
Unterricht zu fordern, der aus<br />
möglichst verschiedenen Perspektiven<br />
Beiträge zu einem naturwissenschaftlichen<br />
Problem liefert und handlungsorientiertes<br />
Lernen ermöglicht. Die<br />
Beschäftigung mit naturwissenschaftlichen<br />
Erscheinungen im Unterricht<br />
der Primarstufe erschöpft sich dabei<br />
nicht im phänomenologischen Betrachten.<br />
Die Schüler sollen durch genaues<br />
Beobachten und Forschen den<br />
Phänomenen auf den Grund gehen.<br />
Im Mittelpunkt des Unterrichts steht<br />
das Methodentraining, nicht die Wissensvermittlung:<br />
Den Kindern werden<br />
Verfahrensweisen der wissenschaftlichen<br />
Erkenntnisgewinnung näher gebracht<br />
und Methoden zur Problemlösung<br />
vermittelt. Dem Experiment als<br />
der ursprünglichen Methode zur Welterkenntnis<br />
kommt dabei eine zentrale<br />
Rolle zu.<br />
Im Internet finden sich dazu viele interessante<br />
Projekte, z. B.:<br />
www.chemall.schule.de;<br />
www.rwg-bayreuth.de;<br />
www.xlab-goettingen.de;<br />
www.uni-oldenburg.de/roesa<br />
(für die Landegruppe: Lilo Groll)<br />
Sachsen<br />
Vorsitzende: Sibylle Jaszovics, Südwestring 11, 04668 Klinga<br />
Koalitionsvereinbarung und dann<br />
Auf Einladung des Landesgruppenvorstandes<br />
trafen sich im Juli bildungspolitische<br />
Vertreter der Landtagsfraktionen<br />
von CDU, SPD, FDP und PDS und<br />
Mitglieder der Landesgruppe. Diskutiert<br />
wurde u. a. zu folgenden Themen:<br />
n Verknüpfung Kindergarten-<strong>Grundschule</strong><br />
Hierzu ist demnächst eine Förderrichtlinie<br />
zu erwarten. Die Zustimmung für<br />
ein verpflichtendes letztes Kindergartenjahr<br />
für alle ist groß, aber die Kostenfrage<br />
lässt eine Entscheidung noch<br />
in weite Ferne rücken.<br />
n Schulen<br />
Einigkeit herrscht darüber, dass die<br />
Lehrerbildung dringend reformiert<br />
werden muss. Förderpädagogische<br />
Schwerpunkte gehören ins Studium.<br />
Zur inzwischen verpflichtenden Fortbildung<br />
der Lehrkräfte ist eine Verwaltungsvorschrift<br />
in Arbeit.<br />
Die personelle Ausstattung der <strong>Grundschule</strong>n<br />
wird mit dem neuen Schuljahr<br />
um 800 Stellen angehoben. Real heißt<br />
das u. a., die Teilzeit wird von derzeit 16<br />
v. 28 auf 18 v. 28 Stunden angehoben.<br />
Dies reicht unserer Meinung nach bei<br />
weitem nicht aus. In vielen Gegenden<br />
herrscht großer Personalmangel.<br />
Beim Punkt Sanierungs- und Modernisierungsbedarf<br />
der Schulen wurde<br />
deutlich, dass <strong>Grundschule</strong>n generell<br />
zu zögerlich beim Abrufen von Fördermitteln<br />
(<strong>aktuell</strong> für die Einrichtung von<br />
Schulbibliotheken) sind.<br />
Alle Teilnehmer betonten ihr Interesse,<br />
die regelmäßigen Kontakte weiter zu<br />
intensivieren.<br />
Länderzusammenarbeit<br />
Im April berieten Mitglieder der Vorstände<br />
Sachsen-Anhalts, Thüringens<br />
und Sachsens über Möglichkeiten der<br />
Zusammenarbeit. Insgesamt wurde<br />
die Meinung vertreten, dass Veranstaltungen<br />
auf regionaler Ebene sinnvoller<br />
sind, um den Mitgliedern weite Wege<br />
zu ersparen. Andere Strukturen z. B.<br />
hinsichtlich der Zusammenarbeit mit<br />
den Fortbildungsinstituten lassen eine<br />
Übernahme erfolgreicher Aktivitäten<br />
kaum zu. Vereinbart wurde der Austausch<br />
von Fortbildungsangeboten.<br />
(für die Landesgruppe: Sibylle Jaszovics)<br />
Bei der gemeinsamen Beratung (v. l. n. r.):<br />
Monika Scheer (S-A), Steffi Jünemann (Th), Karin Liebig, Margot<br />
Zimmer, Sibylle Jaszovics (Sa), Katrin Heckert (Th)<br />
GS <strong>aktuell</strong> <strong>91</strong> • September 2005<br />
31
<strong>aktuell</strong> … aus den Landesgruppen<br />
Sachsen-Anhalt<br />
Vorsitzende: Petra Uhlig, Richard-Wagner-Str. 29, 06114 Halle/S.<br />
Neue Lehrpläne in der <strong>Grundschule</strong><br />
Mit Beginn des Schuljahres 2005/06<br />
treten für die Klassenstufen 1 und 3 in<br />
allen Fächern neue Lehrpläne in Kraft,<br />
allerdings erst in einer zweijährigen Erprobungsphase.<br />
Die Klassenstufen 2<br />
und 4 folgen im Schuljahr 2006/07.<br />
Der Grundsatzband formuliert die Anforderungen<br />
an die Bildungs- und Erziehungsarbeit<br />
in der <strong>Grundschule</strong> in<br />
Leitideen für eine zeitgemäße Schule<br />
und stellt die Kompetenzentwicklung<br />
der Schülerinnen und Schüler und<br />
nicht mehr die Lehr- und Lernziele als<br />
Kern der Bildungsarbeit dar. Außerdem<br />
schreibt er fächerübergreifende Themenkomplexe<br />
fest. In den Fachlehrplänen<br />
werden neben den Aufgaben und<br />
der Konzeption des jeweiligen Faches<br />
die prozessbezogenen Kompetenzen<br />
als Endniveau des 4. Schuljahrganges<br />
und die inhaltsbezogenen Kompetenzen<br />
als Endniveau des 2. und 4. Schuljahrganges<br />
festgeschrieben. In jedem<br />
Fachlehrplan findet sich ein Beitrag des<br />
jeweiligen Faches zur Entwicklung ausgewählter<br />
Basiskompetenzen (Lesen,<br />
Schreiben, mathematische Grundbildung).<br />
Die Schulen sind nun aufgefordert,<br />
auf der Grundlage des Grundsatzbandes<br />
und der Fachlehrpläne schulinterne<br />
Lehrpläne zu erstellen. So können die<br />
Rahmenbedingungen der Einzelschule<br />
gründlicher berücksichtigt, die Eigenverantwortung<br />
der Schule für eine Erhöhung<br />
der Unterrichtsqualität gestärkt<br />
und die Kommunikation in den<br />
Kollegien forciert werden.<br />
Die zweijährige Erprobungsphase soll<br />
für schulinterne Evaluationen genutzt<br />
werden, auch das Kultusministerium<br />
zeigt sich an positiven und kritischen<br />
Rückmeldungen ausdrücklich interessiert.<br />
Die Lehrpläne sollen dann zum<br />
Schuljahr 2007/08 verbindlich werden.<br />
Es bleibt abzuwarten, wie Kollegien<br />
und Schulleitungen mit den neugewonnenen<br />
Freiheiten umgehen. Die<br />
veröffentlichte Handreichung des LISA<br />
zur Erstellung schulinterner Lehrpläne<br />
muss kritisch gelesen und interpretiert<br />
werden, damit aus schulinternen Plänen<br />
keine Stoffverteilungspläne werden,<br />
damit Methodenvielfalt gewahrt<br />
bleibt und die pädagogische Freiheit<br />
der Lehrerin / des Lehrers nicht beschnitten<br />
wird.<br />
Der Vorstand wird im kommenden<br />
Schuljahr besonders mit den Schulen<br />
Erfahrungen austauschen, die Mitglied<br />
des Grundschulverbandes sind.<br />
Weitere Informationen unter: www.<br />
rahmenrichtlinien.bildung-lsa.de<br />
(für den Vorstand der LG Sachsen-Anhalt:<br />
Gisela Schmidt)<br />
Schleswig-Holstein<br />
Vorsitzende: Sybille Pahlke, Treidelweg 15, 24794 Borgstedt<br />
Länger gemeinsam lernen<br />
Nach der Landtagswahl heißt es für<br />
den Vorstand, weiterhin auf die Bedeutung<br />
der längeren gemeinsamen<br />
Grundschulzeit hinzuweisen. Hierzu ist<br />
ein Besuch bei der Grundschulreferentin<br />
Frau Zimmermann-Benz geplant.<br />
Wir erhoffen uns, Unterstützung im<br />
Sinne der Standpunkte des GSV anbieten<br />
zu können und bei den Regierungsparteien<br />
Gehör zu finden.<br />
Gemeinsam starten –<br />
erfolgreich starten<br />
Unter diesem Titel fand in Kiel in der<br />
Christian Albrecht Universität am<br />
22. 04. 05 ein Fachtag statt, auf dem<br />
Erzieherinnen und Grundschullehrkräfte<br />
in vielfältigen Workshops zu<br />
den Bedürfnissen von Kindern im Einschulungsalter<br />
lernen konnten.<br />
In dem Vortrag von Prof. Dr. Angelika<br />
Speck-Hamdan wurde deutlich, dass<br />
Kinder mit einer Vielfalt von Fähigkeiten<br />
ausgestattet sind und auf ein differenziertes<br />
Unterrichtsangebot und<br />
methodische Kompetenz im Anfangsunterricht<br />
treffen sollten.<br />
Die Vorsitzende unserer Landesgruppe,<br />
Sybille Pahlke, hat in ihrem Grußwort<br />
auf die Bedeutung des kindgemäßen<br />
Unterrichts hingewiesen, in dem<br />
es nicht so sein darf, dass ein Lesekönner<br />
am Schulanfang den portionierten<br />
Fibellehrgang ertragen muss und der<br />
Zahlenraum im Matheunterricht vom<br />
jeweiligen Lehrwerk vorgegeben wird.<br />
Schule müsse von Anfang an für alle<br />
Kinder spannend sein.<br />
Netzwerk »Lesen durch schreiben«<br />
Leider konnte eine in Flensburg kurzfristig<br />
geplante Veranstaltung mit Jürgen<br />
Reichen nicht stattfinden. Wir hoffen<br />
aber, Anhängern dieser bewährten<br />
Leselernmethode in Zukunft eine Austauschbörse<br />
anbieten zu können.<br />
(für die Landesgruppe: Andrea Klimmek)<br />
Thüringen<br />
Vositzende: Steffi Jünemann, Hauptstr. 7, 99734 Nordhausen<br />
Sparzwänge<br />
Das neue Schuljahr wird mit erheblichen<br />
Einschränkungen auch im Grundschulbereich<br />
beginnen. Kürzungen von<br />
Unterricht und Abminderungen, Einschränkungen<br />
im Unterstützungssystem<br />
und in den Fördermaßnahmen<br />
werden nicht zu vermeiden sein. Grund<br />
dafür sind die geringeren Stellenzuweisungen<br />
durch das Thüringer Kultusministerium.<br />
Diese sind belastet durch<br />
Abgeltung von Mehrarbeit aus vergangenen<br />
Jahren oder Lehrer, die sich in der<br />
Ruhephase ihrer Altersteilzeit befinden.<br />
Ganz im Widerspruch dazu steht<br />
die Qualitätsdebatte des Thüringer<br />
Kultusministeriums. Aus unserer Sicht<br />
sind ohne entsprechende Ressourcen<br />
die Entwicklung eigenverantwortlicher<br />
Schulen, die Gestaltung der Schuleingangsphase,<br />
die Verbesserung der Unterrichtsqualität,<br />
Begabtenförderung<br />
usw. nicht möglich. Qualitätsentwicklung<br />
zum Nulltarif Die Grenze der Belastbarkeit<br />
ist erreicht.<br />
Bisher konnten Eltern entscheiden, ob<br />
sie die Schulbücher ihrer Kinder unentgeltlich<br />
ausleihen oder kaufen. Erstmalig<br />
wird nun ein Eigenanteil der Eltern<br />
in Form einer Lernmittelpauschale<br />
von 22,50 Euro (mit sozialer Staffelung<br />
über 17,50 Euro, 12,50 Euro bis zur Befreiung)<br />
erhoben. Es wird vom Land<br />
zwar zugesichert, dass das Budget der<br />
Schulen einen Ausbau des Bestandes<br />
an Lehr- und Lernmitteln ermöglicht,<br />
jedoch bleiben viele Fragen und Probleme<br />
so kurz vor Schuljahresende ungeklärt.<br />
Schulleiter oder beauftragte<br />
Lehrer plagen sich mit Informationsschreiben,<br />
Bescheiden und Kontenprüfung.<br />
Was passiert, wenn Eltern trotz<br />
Ermahnung nicht zahlen Wird es dann<br />
Kinder mit Buch und Kinder ohne Buch<br />
geben Die soziale Spanne wird dadurch<br />
wohl noch deutlicher.<br />
Der Vorstand wird schnellstmöglich<br />
um einen Gesprächstermin im Thüringer<br />
Kultusministerium bitten, um die<br />
anstehenden Probleme zu besprechen.<br />
(für die Landesgruppe: Kathrin Heckert)<br />
32 GS <strong>aktuell</strong> <strong>91</strong> • September 2005
Praxispreis des Grundschulverbandes<br />
Ausschreibung<br />
Mehr Bildungszeit für Kinder:<br />
Schritte auf dem Weg zur Ganztagsgrundschule<br />
Warum ein Praxispreis<br />
Seit seiner Gründung setzt sich der Grundschulverband für<br />
mehr Zeit am Schultag für alle Kinder ein, um die pädagogischen<br />
Handlungsmöglichkeiten an der <strong>Grundschule</strong> zu<br />
erweitern.<br />
Die Bundesländer versuchen derzeit, dem gesellschaftlichen<br />
Wunsch nach Ganztagsschulen entgegenzukommen und<br />
entwickeln sehr unterschiedliche Modelle von Ganztagsschulen.<br />
Dabei wird die Ganztagsschul-Idee aus rein familienpolitischen<br />
Gründen oft verkürzt zu Unterricht »wie gehabt«<br />
plus zusätzlicher Betreuung. Der Grundschulverband fordert<br />
demgegenüber, neben den familienpolitischen auch bildungspolitische<br />
Gründe wirksam werden zu lassen: Ganztagsschule<br />
als Schule mit mehr Bildungszeit für Kinder. Im Standpunkt<br />
»Mehr Zeit für Kinder: Von der Stundenschule zur Ganztagsgrundschule«<br />
heißt es:<br />
»Ganztagsschulen dürfen daher nicht als Schulen missverstanden<br />
werden, die den Unterricht in der bisherigen Form<br />
beibehalten und nur durch Betreuungsangebote ergänzen.<br />
Kinder und Jugendliche brauchen heute Schulen, die ihnen<br />
genügend Zeit und Handlungsspielraum für ihre Entwicklung<br />
geben … Zusätzliche schulische Bildungszeit erleichtert<br />
soziale Erfahrungen und interaktives Lernen der Kinder,<br />
fördert Selbstständigkeit und Selbstverantwortung und regt<br />
Kooperation zwischen Lehrern, Kindern und Eltern an.«<br />
Viele <strong>Grundschule</strong>n haben sich bereits auf den Weg gemacht<br />
– sie entwickeln unter den örtlichen Bedingungen mit ihren<br />
Möglichkeiten ihre <strong>Grundschule</strong> in Richtung auf die Zieldimensionen,<br />
wie sie im Standpunkt formuliert sind.<br />
Der Praxispreis soll dazu beitragen, diese Ansätze anzuerkennen,<br />
sie in das öffentliche Bewusstsein zu rücken und die Position<br />
des Grundschulverbandes zu verbreiten.<br />
Wer kann teilnehmen<br />
Die Ausschreibung richtet sich an alle <strong>Grundschule</strong>n, die sich<br />
auf den Weg gemacht haben, ihre Schule in Richtung Ganztagsschule<br />
mit mehr Bildungszeit für Kinder zu verändern.<br />
Angesichts der unterschiedlichen Rahmenvorgaben der Länder<br />
und der Schulträger sind die Möglichkeiten der Schulen mehr<br />
oder weniger begrenzt. Dennoch bestehen Spielräume, die<br />
zugunsten von mehr Bildungszeit für Kinder genutzt werden<br />
können. Die teilnehmenden Schulen sollten mit Konzepten<br />
und Erfahrungen zeigen, welche Schritte ihre Schule auf dem<br />
Weg zur Ganztagsschule geht und welchen pädagogischen<br />
Wert die Schule in diesen Entwicklungsschritten für die Kinder<br />
sieht.<br />
Zur Vergabe des Praxispreises<br />
Der Praxispreis des Grundschulverbandes wird an fünf <strong>Grundschule</strong>n<br />
verliehen. Jede Preisträger-Schule erhält 2.000 € und<br />
stellt ihr Konzept und ihre Erfahrungen bei einem Grundschulforum<br />
in Frankfurt/Main im März 2006 vor. Diese Beiträge der<br />
Praxispreisschulen sollen auch einfließen in einen Mitgliederband<br />
des Grundschulverbandes zum Thema Ganztag, der Ende<br />
2006 erscheinen wird.<br />
Im Zusammenhang mit dem Praxispreis vergibt der Grundschulverband<br />
zwei weitere Preise:<br />
■ den Forschungsförderpreis für praxisfördernde Forschung<br />
zum Thema<br />
■ den Politikpreis für politische Initiativen, die <strong>Grundschule</strong>n<br />
bei ihrer Entwicklung zum Ganztag in besonderer Weise unterstützen.<br />
Wie kann sich eine Schule beteiligen<br />
1. Die Schule fordert die Bewerbungsmaterialien in der<br />
Geschäftsstelle des Grundschulverbandes an:<br />
mit gelber Post …<br />
Grundschulverband<br />
Stichwort: Ganztag<br />
Niddastr. 52<br />
60329 Frankfurt<br />
oder … mit digitaler Post:<br />
info@grundschulverband.de<br />
oder über die Hompage:<br />
grundschulverband.de<br />
2. Die Schule stellt ihre schulischen Entwicklungsschwerpunkte<br />
zum Ganztag unter drei Teilaspekten dar:<br />
■ Unsere Ausgangslage<br />
■ Unsere bisherige Entwicklung<br />
(Schritte, welche die Schule unternommen hat,<br />
Stolpersteine, Lösungen, Veränderungen für die Kinder)<br />
■ Unsere Perspektiven für die weitere Entwicklung.<br />
3. Die Schule stellt der ausführlichen Darstellung der drei Teile<br />
eine Kurzfassung voran.<br />
Näheres befindet sich in den Bewerbungsmaterialien, die von<br />
der Geschäftsstelle auf Anfrage zugesandt werden.<br />
Einsendeschluss für den Bewerbungsbericht ist der<br />
31. Oktober 2005.
Neue Bücher<br />
beim Grundschulverband<br />
119<br />
Beiträge zur Reform der <strong>Grundschule</strong><br />
k i<br />
Lernstände feststellen<br />
Leistungen der Kinder wahrnehmen<br />
Leistungen der Kinder würdigen<br />
Lernentwicklungen bestätigen<br />
Dieser Schuber mit fünf Heften und einer CD setzt<br />
unterrichtspraktisch fort, was mit dem Band 118<br />
»Leistungen der Kinder wahrnehmen – würdigen<br />
– fördern« begonnen wurde.<br />
Zu den drei Fächern Deutsch, Mathematik, Sachunterricht<br />
werden für die Klassen 1 und 2 alltagstaugliche<br />
Materialien angeboten, die auch die Kinder als<br />
Lerner dialogisch einbeziehen.<br />
Damit wird zur <strong>aktuell</strong>en Debatte um Diagnostik und<br />
Leistungsförderung ein Konzept vorgelegt, das eine<br />
pädagogische Leistungskultur in der Praxis entwickeln<br />
hilft.<br />
n d<br />
Lerngespräche führen<br />
Kinder individuell fördern<br />
Lernwege öffnen<br />
Eigene Lernwege beschreiben<br />
Horst Bartnitzky Pädagogische<br />
Hans Brügelmann Leistungskultur:<br />
Ulrich Hecker Materialien für<br />
Gudrun Schönknecht (Hg.) Klasse 1 und 2<br />
ISBN: 3-930024-88-8 | Best.-Nr.: 1077 | 17,– € / f. Mitgl. 13,– €<br />
ISBN 3-930024-89-6 | Best.-Nr.: 5004 | Preis 10,– €<br />
Der Grundschulverband hat die Veröffentlichung der<br />
Sammelbände zum Thema »Eine Welt in der Schule«<br />
mit der Herausgabe eines dritten Bandes fortgesetzt.<br />
Der Sammelband, erschienen zum 25-jährigen Jubiläum<br />
des Projektes, umfasst 308 Seiten A4 und enthält<br />
Unterrichtsbeispiele aus den Jahren 1997 bis 2004.<br />
Zwischen den Sammelbänden gibt es keine Überschneidungen.<br />
Eine ausführliche Besprechung des<br />
Bandes finden Sie im Heft »Eine Welt in der Schule«,<br />
das dieser Zeitschrift beiliegt, auf den Seiten 20f.<br />
Der Band, herausgegeben von Rudolf Schmitt, Andrea<br />
Pahl und Wolfgang Brünjes, erscheint wieder<br />
außerhalb der Mitgliederreihe<br />
und kann für 10 Euro über den<br />
Grundschulverband erworben<br />
werden.<br />
Diese Neuveröffentlichung<br />
hat der Verband zum Anlass<br />
genommen, die bisher<br />
erschienenen zwei Sammelbände<br />
zum Aktionspreis<br />
von je 5 Euro abzugeben.<br />
Zu beziehen über den Buchhandel oder die Geschäftsstelle des Grundschulverbandes,Niddastr. 52, 60329 Frankfurt, www.grundschulverband.de